Sinn-l-Ich!

Raide-Wendungen. Es gibt viele davon und jene mit englischen Wurzeln werden gefühlt immer mehr. Eine von Ihnen verursacht imho immer wieder semantische Probleme: “Das macht Sinn!“. Warum die Falschverwendung auf Grund der wörtlichen Übersetzung des englischen “That makes sense!” schwierig im Bezug auf den Sinngehalt sein kann, will ich kurz zu erklären versuchen. Vergewissern wir uns zunächst über den Umstand, dass der so einfach daherkommende Begriff “Sinn” keinesfalls eindeutigen Bedeutungsgehalt hat. Sinn kann in der Philospohie und Linguistik – je nach Theorie – als Synonym für Bedeutung (im Englischen “meaning”), Bedeutungsumfang (also ALLES, was unter einem Begriff subsummiert werden kann), Bedeutungsinhalt (Spezifika, die verschiedene, mit einem Begriff gemeinte Dinge gemeinsam haben) oder Bedeutungsausprägung im wortwörtlichen (im englischen “sense”) verwendet werden. Was gerade gemeint sein könnte erschließt sich, egal ob beim gesprochenen Wort oder einem geschriebenen Text, oft erst aus dem Kon-Text – also dem Sinn-Zusammenhang (ich bitte das Wortspiel zu entschuldigen). Dies im Hinterkopf gehen wir nun an die Frage, ob man Sinn überhaupt herstellen (“make” oder “machen”) kann?

Welche Bedeutung mag das hier wohl haben…?

Geht man davon aus, dass man etwas – also irgendein Ding, oder einen Sachverhalt, z.B. etwas so allgegenwärtiges wie “Mensch” – mit einem Begriff benennt, der einem selbst DIE (eine mögliche) Bedeutung des Dinges erschließt, macht das in der Tat Sinn; allerdings nur für denjenigen, der diese Begriffszuweisung gerade vorgenommen hat! Der Begriff “Mensch” z. B. kann aber einen speziellen Menschen, die Gesamtheit der Gattung, eine spezielle Gruppe innerhalb dieser Gattung, eine Schnittmenge mehrerer spezieller Gruppen innerhalb dieser Gattung, eine Dichotomie zur Abgrenzung vom Gegenteil (also etwa KIs) oder das spirituell aufgeladene Abbild Gottes auf Erden meinen – je nachdem, wen man gerade fragt. Wenn einer nun also versucht, Sinn herzustellen, indem er einen Begriff – für sich mit einer speziellen Bedeutung versehen – benutzt, entsteht der Sinngehalt (also das, was semantisch wahrgenommen wird) für das Gegenüber trotzdem aus dem, von Gegenüber interpretierten Bedeutungszusammenhang. Sinn wird daher mitnichten gemacht, sondern emergiert – taucht also aus der Menge möglicher Bedeutungen als Folge einer Interpretationsleistung durch den Rezipienten auf. Wenn zwei das Gleiche sagen, meinen sie noch lange nicht das Selbe!

Sinn ist also immer mit dem Ich verbunden – nur nicht immer durch ein L! Wenngleich eine “sinnliche” Erfahrung ebenso ein interpretationsfähiger Begriff ist, wie Mensch; oder Sinn. Sinnliche Erfahrung kann für den einen das bewusste oder unbewusste Erleben einer beliebigen Sinneserfahrung sein, etwa Emotionen beim Anblick eines Sonnenunterganges; für jemand anders ist der Begriff evtl. mit Erotik verbunden. Und der Sozialwissenschaftler denkt an die Wirkung des sensorischen Registers (früher als Ultrakurzzeitgedächtnis bekannt) auf pädagogisches Handeln. Wie man es auch dreht und wendet – den Sinn eines Begriffes macht das Gegenüber. Weshalb “Sinn machen” als intentionales Herstellen von Bedeutung nur gelegentlich funktioniert, wenn die Wahrnehmungs- und Erlebenswelten der beteiligten Individuen zumindest sehr ähnlich sind. Ansonsten verschwindet gemeinter Bedeutungsgehalt nämlich allzu schnell im Orkus. Jemand sagte, es mache doch keinen Unterschied, wenn man “Das macht Sinn sagt!”, weil’s ja das gleiche bedeuten würde, wie “Das ergibt Sinn!”; denn an der Supermarktkasse benutze man die Begriffe ja auch analog. “Das macht 13,59 €.” sei das Gleiche wie “Das ergibt 13,59 €”. Beide Sätze sagen doch aus, dass man 13,59 € bezahlen muss. Aber der eine Satz bedeutet auf Grund sprachlicher Konventionen, dass man dem Supermarkt 13,59 € SCHULDET; der andere lediglich, dass die Addition mehrerer Teilbeträge die Summe von 13,59 € ERGIBT. Das Gleiche ist NICHT das Selbe!

Das mag auf den ersten Blick wie Dippelschisserei klingen, aber die Folgen sind unter Umständen weitreichend. Denn jemand, der die Wahrnehmungswelt eines einzelnen Gegenübers, oder auch vieler Rezipienten auf einmal gut genug kennt, kann auf diese Art sehr wohl doch Sinn herstellen – und das auf höchst manipulative Art. Schaut euch mal die Reden von Hitler und Göbbels genau an, dann versteht ihr, worauf ich hinaus will. Wenn man sich der Tatsache bewusst ist, dass man auch durch einfach Veränderungen der Sprache semantischen Gehalt nach Belieben verändern kann, versteht man vielleicht, warum die Feder IMMER mächtiger als das Schwert ist, und man den vermeintlich als Minderheiten-Meinungen abgetanen Äußerungen des ganzen Nazi- und Querlutscher-Geschmeisses in der Öffentlichkeit Einhalt gebieten muss. Großes erwächst immer aus Kleinem, im Guten, wie im Bösen! Deshalb lege ich so großen Wert auf Sprache. Deshalb lege ich in meinem beruflichen Tun so hohe Maßstäbe an begriffliche Präzision an: weil es keine Alternative gibt, wenn man es mit seinem Erziehungsauftrag als Berufsbildner ernst meint. Und weil für den überzeugten Demokraten ebenfalls kein Weg daran vorbei führt. Aber nun genug gedacht für heute – erstmal raus und den vermeintlichen Frühling genießen. Wir hören uns.

Auch als Podcast…

New Work N°13 – a bad number?

Es ist zuviel! Den Satz hörte ich in letzter Zeit von den verschiedensten Protagonisten (und auch Antagonisten) in variierender Deutlichkeit; und natürlich war das vor allem bezogen auf die Arbeit. Auf Workloads, Komplexität, Zeitdruck. Nur von einem ist immer zu wenig da: Ressourcen! Bevor man nun beginnt, in das Allgemeinplatz-Horn zu stoßen und “Ja, ja, bei mir ist es genauso…” zu sagen, wäre es vielleicht angezeigt, ein wenig Diagnostik zu betreiben. In meinem ursprünglichen Gewerk, dem Rettungsdienst nimmt man ja auch nicht das erstbeste Symptom, hört auf zu suchen, und beginnt mit der Therapie; zumindest, wenn man seinen Job ernst nimmt und richtig betreiben möchte. Und insbesondere, wenn ja noch vollkommen unklar ist, was denn eine indizierte Therapie sein könnte. Bezogen auf das Eingangsproblem könnte man sich jetzt einfach hinstellen und sagen: dann arbeite halt weniger! Mach Dienst nach Vorschrift! Reduzier die Vertragsprozente! Such dir eine andere Stelle, wo’s besser läuft! Und so weiter und so fort. Klingt einfach und griffig. So wie die vollkommen inadäquaten Lösungen der AfD und FDP. Die Tage hatte ich selbst ja dennoch darauf hingewiesen, dass weniger mehr sein könnte. Fall geschlossen…? Mitnichten! Also schauen wir mal aus einem anderen Blickwinkel darauf, der jetzt weniger was mit der Frage nach kapitalistischer Arbeitnehmerausbeutung Manchester-Style zu tun hat, sondern mit der Frage nach den eigenen Motivationen und Zielen. Schließlich sind wir keine verflixten Roboter. Aus sozialpsychologischer Sicht ist das schnell abgefrühstückt:

  • Kompetenz: wir wollen uns selbst als kompetent wahrnehmen, also als befähigt, mit dem Herausforderungen, welche uns das Leben entgegenzuwerfen beliebt, adäquat und vor allem erfolgreich umzugehen. Wir wollen “es im Griff haben”. Man nennt dieses Gefühl des Im-Griff-Habens auch Selbstwirksamkeitserfahrung.
  • Soziale Eingebundenheit: wir wollen für andere Menschen Bedeutung haben und uns so wahrgenommen und wertgeschätzt fühlen!
  • Autonomie: wir wollen “einfach unser Ding machen” dürfen, also das Gefühl haben, (weitestgehend) frei von äußeren Zwängen und fremder Kontrolle zu sein.
    Der Schöpfer dieses Astrolabiums mochte seine Arbeit anscheinend sehr…

    Mit diesem Wissen im Hinterkopf wird vielleicht etwas klarer, warum manche Menschen viel mehr arbeiten wollen, als eigentlich objektiv betrachtet gesund sein kann – und andere nicht früh genug mit der Freizeit beginnen können, weil allein die Pflicht zur Anwesenheit am Arbeitsplatz bereits als Zumutung empfunden wird, die durch ein angemessenes Schmerzensgeld nur nahezu gelindert zu werden vermag; die Höhe des Schmerzensgeldes ist dann auch häufiger ein Streitpunkt. Es hat was mit dem Gefühl von Sinnhaftigkeit des eigenen Schaffens zu tun, dass sich eben aus Selbstwirksamkeitserfahrung (ICH kann etwas bewegen!), sozialer Eingebundenheit (WIR sind ein geiles Team!) und Autonomie (ICH kann meinen Arbeitsbereich in einem nicht zu eng definierten Rahmen selbst gestalten!) speist. Und jetzt ratet mal, wer dafür verantwortlich ist, einen solchen Rahmen zu schaffen? GENAU – DIE FÜHRUNGSKRAFT! Und damit sind wir auch schon auf dem schmalen Grat zwischen workaholistischer Selbstausbeutung und loyaler Teamarbeit gelandet. Denn wir alle wissen, dass die Dosis macht, dass ein Ding ein Gift ist! So sehr ich mich auch darüber freue, wenn Mitarbeiter “Engagement” zeigen, so sehr bin ich auf Grund meiner Fürsorgepflicht gegenüber den mir unterstellten Menschen dazu verdammt, sie bremsen zu müssen, wenn’s gerade am schönsten ist. And I need to remind myself, that 13 is a bad number, as early as workdays tend to get that long…

    Wer ohne Schnitzel ist, werfe nun das erste Schwein. Ich fühle mich bei diesen Zeilen leider ertappt, weil ich es manchmal auch nicht gut sein lassen kann. Weil ich doch noch etwas mehr vorbereiten MUSS, wenn es besser wäre, einfach am nächsten Morgen mit dem zu performen, was ich sowieso parat habe. Denn für die allermeisten Situationen sind meine 70% vollkommen ausreichend. Im Büro genauso, wie im Lehrsaal. Das bedeutet nicht, dass man bestimmte Fachthemen nicht gut vorbereiten muss. Aber es gibt diesen Bereich zwischen der Note 3 (befriedigend: erfüllt die Anforderungen im Allgemeinen, in meiner Welt eine Leistung von 65-79% des theoretisch Möglichen) und der Note 2 (gut: erfüllt die Anforderungen voll, in meiner Welt 80-89% des theoretisch Möglichen), in dem halbwegs geschickte Pädagogen sich mühelos bewegen können. Und manchmal erfordert der Schutz der eigenen psychischen Integrität, diesen Bereich NICHT nach oben verlassen zu wollen. Für mich als Führungskraft gilt das sogar doppelt, weil ich das auch in den mir unterstellten Kollegen*innen genau beobachten und ggfs. moderierend einschreiten muss. Und das fällt mir persönlich unheimlich schwer, weil ich – wenn MICH ein Thema interessiert, fasziniert, irritiert – manchmal einfach selbst nicht lockerlassen kann!

    Und dann gibt es die Phasen, wenn Rosinante müde ist, und auf die Windmühle scheißen möchte, anstatt weiter den Berg hochlaufen zu müssen, weil Don Quijote es einfach nicht sein lassen konnte. Da fällt man dann manchmal in ein Loch, und agiert auf eine Weise, die es für Außenstehende so aussehen lässt, als wenn man einer der weniger motivierten Mitarbeiter wäre, die ich oben auch erwähnt habe (Schmerzensgeld und so…). Obwohl man einfach nur ausgebrannt ist. Und ich rede da nicht von einem echten Burn-Out im Sinne der psycho-pathologischen Diagnose, sondern einfach von nachlassender Motivation, weil die Selbstwirksamkeit schwindet (es will MIR nichts gelingen), die Eingebundenheit sich nicht mehr gut anfühlt (MANCHE ANDERE wollen einfach nicht verstehen, worauf es ankommt) und die Autonomie subjektiv eingeschränkt ist (ICH habe gar keine Freiheiten mehr); ob der letzte Punkt objektiv zutrifft oder “nur” so wahrgenommen wird, ist dabei unerheblich. Ich war dort, ich weiß, wovon ich spreche. 13 kann also sehr wohl eine Unglückszahl sein. Aber nur wenn sie für Arbeitsstunden am Tag steht. Gegen 13 tage Urlaub habe ich nichts. Obwohl 23 auch nicht schlecht wären 😉 In diesem Sinne einen schönen Samstag. Arbeitet nicht so viel!

    Auch als Podcast…

    Music was my first love…

    Um es gleich vorweg zu nehmen, es geht hier NICHT um John Miles’ Hitsong von 1976, den Alan Parsons meisterlich orchestriert hat. Obwohl… irgendwie doch. Vielleicht, weil selbst diese zunächst eher simpel erscheinende erste Textzeile, diese Liebeserklärung an Musik als solche schon Kontroversen stiften kann. Denn es gibt ja dieses alte, ungeschriebene Gesetz, dass man über Geschmack nicht streiten soll; was eigentlich auch für Musik gilt. Und für Fußballclubs. Oder Biersorten. Kleidungsstile…? Man sieht schon, worauf das hinausläuft: wenn man halt seine Dogmen ordentlich pflegen möchte, ist des Nachbarn Geschmack schnell ein ebenso willkommenes Feindbild, wie dessen Parteizugehörigkeit. Aber eigentlich geht es auch nicht um Dogmen. Darüber musste ich mich eh schon zu oft aufregen. Sondern um die Frage, ab wann etwas zur Hochkultur gehört, und ab wann wir doch eher von Pop-Kultur sprechen können…, wollen…, sollen…? Und was Pop-Kultur überhaupt ist? Der heutigen sozialwissenschaftlichen Definition nach umfasst die Popkultur massengesellschaftliche Alltagspraktiken und daraus resultierende Kulturartefakte (also Produkte der Kultur) seit dem Beginn des 20 Jahrhunderst, wie etwa Massenmedien, Trivilalliteratur und Popmusik. Okay, ganz schön weites Feld. Hochkultur bezeichnet im Gegensatz dazu von den meinungsbestimmenden Eliten als besonders wertvoll erachtete Kulturleistungen! Ja, da brat mir doch einer einen Storch. Meinungsbestimmende Eliten? Sind wir jetzt noch ein säkularer, demokratischer Rechtsstaat, oder hatte Orwell doch recht mit dem Satz “Manche sind gleicher!”? Wann immer ich irgendwo derartigen Elitismus wahrnehme, kriege ich mittlerweile die Krätze!

    “Nur im Studierzimmer wird wahrhaft wertvolles gelesen…” – MUHAHAHAHAHAHA…
    "Einen besonderen Platz in meinem Herzen genießen Artikel, die einen sogenannten Kanon beschören – „Diese 10 Klassiker der Weltliteratur…“. Weil unter solcherlei Äußerungs-Überschrift meist nur Büchern alter weißer Männer auftauchen, was jetzt den Terminus „Weltliteratur“, der ja sinngemäß Bücher aus allen Zeiten, allen Kulturen, allen Ethnien und Religionen, allen sozialen Milieus und von allen Geschlechtern einschließen würde irgendwie ein wenig ad absurdum führt. Könnte sein, dass das an der sogenannten Deutungshoheit alter weißer Männer und gelegentlich auch Frauen liegt; die Heidenreich ist ja auch so’n Vogel, den man besser schon lange in eine andere Voliére verlegt hätte."
    [Zitat aus älterem meiner Posts]

    Ich mache an dieser Stelle mal einen Punkt, den sicher nicht jeder nachvollziehen kann oder will, der mir aber sehr wichtig ist: wenn Kultur ein Prozess ist, also etwas, dass dauernd in Bewegung ist, sich zyklisch erneuert und immer wieder andere, wundersame Dinge hervorbringt – was sich hervorragend beobachten lässt, wenn man die musikalischen, cinematischen und literarischen Trends der letzten 30 Jahre mal ins Visier nimmt – stellt sich die Frage, wer sich in 100 Jahren das Recht herausnehmen wird, zu sagen: “DAS da war Kunst, aber DAS hier kann weg!”. Nichts anderes tun selbst ernannte Eliten, wenn sie etwas als Teil der Hochkultur definieren. Denn sie tun dies nur aus einem Grund – Distinktion! Es ist das inhärente Bedürfnis höherer Schichten, sich von der Plebs abheben zu wollen. Und derartiges Verhalten ist in seinem tiefsten Kern asozial, egoistisch, unsolidarisch und damit zutiefst antidmokratisch! Es geht also nicht NUR um Musikgeschmack, es geht immer auch um die Frage, wer sich von wem aus welchen Motiven unterscheiden möchte. Ähnliches Verhalten lässt sich bei den Gangs im urbanen Raum der USA beobachten, die bestimmte Musik-Genres oder sogar spezifische Bands als Erkennungszeichen nutzen (eine kurze Recherche zu “gangs and the use of music” auf Google verrät hierzu mehr). Nun sind die meisten Mitglieder der sogenannten Eliten keine Gangster im herkömmlichen Sinne, sondern nur darauf bedacht, Kulturartefakte als funktionale Zeichen zu benutzen: “Schau her, ich spiele Mozart am Klavier: ich gehöre dazu – und du nicht!” Und sicher tue ich dem einen oder anderen mit meiner Analyse unrecht; was die Analyse als solche jedoch nicht entwertet.

    Die oft beschrieene Dichotomie Hochkultur vs. Populärkultur ist ganz einfach Bullshit! In jeder Zeit emergieren die unterschiedlichsten Kulturtechniken und Kulturpropdukte. Dass sich mit dem technologischen und gesellschaftlichen Fortschritt des 20. und 21 Jhdts. die Ausdrucksformen verändert, die Distributionstechniken diversifiziert und der Zugang zum Publishing demokratisiert haben, steht außer Frage – aber immer noch wird Kultur von Menschen für Menschen aus den gleichen Motiven heraus produziert, wie eh und je: aus dem Wunsch heraus, eigene Ideen verbreiten zu können, dem Wunsch wahrgenommen und geehrt zu werden, und schließlich dem Wunsch, Geld damit verdienen zu können! Und was unterscheidet nun die Hoch- von der Populärkultur? Das Urteil von Kritikern, die sich selbst oft genug zur Elite zählen? Das Tomato-Meter auf Rotten Tomatoes oder irgendeine andere Rating-Plattform? Der jeweils amtierende Kulturminister? Das Volk? Sucht es euch aus, meine lieben Menschen. Denn schlussendlich liegt die Entscheidung darüber, welche Kulturartefakte wertvoll sind, und welche eher nicht… TADAH… bei euch selbst!

    Das Internet hat so manche Schwachstelle, wenn es um die Demokratie als solche geht, es erzeugt Meinungsblasen und gesellschaftliche Probleme zuhauf – aber es ermächtigt jeden nicht vollkommen verblödeten Mitmenschoid dazu, sich seine eigene Meinung bilden zu können. Dazu sind nur ein wenig gesunde Skepsis und etwas Bildung notwendig. Und Bildung heißt hier explizit nicht, dass man “diese 10 Klassiker der Weltliteratur gelesen haben sollte”; sondern dass man über die Kompetenz verfügt, Dinge kritisch begutachten, beurteilen, einordnen und miteinander in Bezug setzen zu können. Ob einem “Ulysses” von James Joyce dabei hilft, muss jeder für sich selbst herausfinden (für mich hat der 16.06.1904 übrigens keine besondere Bedeutung…). Und was hat das alles jetzt mit dem Song aus dem Titel zu tun? Alles und Nichts zugleich! Für manche ist dieser Song ein Meisterwerk, dessen Produktionsdesign und Arrangement einen Meilenstein darstellen. Für andere ist es einfach nur ein Song unter vielen. Und wieder andere werden den Pomp und das Übermaß von einfach allem (insbesondere Pathos) in dem Stück eher mit Widerwillen erleben. Und damit unterscheidet er sich kein Jota von Beethovens 9. Sinfonie, der Ode an die Freude! Hochkultur? Drauf geschissen! Kunst entsteht zu allen Zeiten, wenn jemand mit seiner Kreativität etwas anzustellen weiß. Manche mehr, manche weniger. Und damit hat sich’s. Schöne Woche…

    Auch als Podcast…

    Ego-Trip

    Hat Jan Vermeer seine Gemälde gemalt, damit diese in einem Museum hängen, und dort zur Aufgabe für Schüler*innen auf Exkursion gemacht werden, oder aber sogenannten Bildungsbürgern zur Selbstkulturation dienen? Keine Ahnung, aber das Rijksmuseum in Amsterdam hat dem Geheimnisvollen aus Delft eine Ausstellung gewidmet, wie es diese noch nicht gab. Und die Leute strömen dorthin. Angeblich sind die Karten dafür schon jetzt ausverkauft; ich werde also nicht in den Genuß kommen können. Andererseits kann man “Meisje met de parel” auch so zu sehen bekommen. Nur halt nicht im Original. Aber eigentlich interessiert MICH auch viel mehr, WARUM er gemalt hat, und nicht was er gemalt hat! Und mich interessiert auch nicht unbedingt Vermeer als solcher – über den wird nur zufällig gerade jetzt überall geschrieben, auf Grund der oben erwähnten Werkschau. Mich interessiert, was Künstler dazu animiert, Kunst zu schaffen; oder besser was Kreative zur Kreativität anregt und bewegt?

    Einfach nur geknipst, oder…

    Denn unsere zeitgenössische Kultur ist seltsam. Einerseits streben nicht wenige (junge) Menschen danach, durch den Ausdruck ihrer Kreativität ihr Geld verdienen zu können; Youtuber, Instagrammer, Tiktoker, etc.; social media ist für viele zumindest gedanklich ein gangbarer Weg vorbei an einem Leben voll fremdbestimmter Lohnsklaverei. Dass es nicht allzuviele schaffen, liegt am bereits lange existenten Überangebot an solcherlei Typen und Tussen. Ich halte ja mit der Kritik an den Influenzeranzien keinesfalls hinter dem Berg. Nicht jedoch, weil ich ich ihre Motive für schlecht halte. Jeder Mensch braucht am Ende des Tages was zu beißen, was zum anziehen und ein halbwegs ordentlich temperiertes Dach über dem Kopf. Den Weg dahin muss jeder selbst finden, und Werbung zu machen (denn was anderes ist In-flunker-enzern ja nicht) ist so gut oder so schlecht wie alles andere. Es sieht nur so aus, als wenn die nicht arbeiten. Diese Arbeit ist nur anders. Ich mag die Idee des Influencens deswegen nicht, weil es unredlich ist, Werbung nicht einfach Werbung zu nennen und unbedarften Menschen (von denen es eine ganze Menge gibt) irgendwas vorzugaukeln. Und weil allzu viele Influenzeranzien dabei auch noch ein schlechtes Beispiel abliefern, obwohl ihnen bewusst sein könnte, dass sie für viele Follower*innen Idole sind – in einer Zeit, die einen beklagenswerten Mangel an echten Vorbildern aufweist. Das Traurige daran ist, dass dies oft nicht aus Absicht geschieht, sondern aus einem bemerkenswerten Mangel an Selbstreflexion…

    Andererseits wird öffentlich dargebotener künstlerischer, oder kreativer Ausdruck, der nicht offenkundig dem Broterwerb dient, häufig als arrogant konnotiert wahrgenommen: “Du denkst wohl, du bist was besseres…?” Wie Schizo ist DAS denn? Ich werde immer mal wieder gefragt, warum ich denn bloggen würde? Nun, zunächst weil es mir Spaß macht, mich mit Worten auszutoben, Anderen meine Fotografien zu zeigen und damit vielleicht eine Reaktion zu provozieren. Kreativer Ausdruck war nämlich schon immer dazu gedacht, Menschen zum Nachdenken anzuregen. Selbst in manchem Hollywood-Blockbuster steckt jener Stoff, der Reflexion auslöst. Und wenn’s nur ein bisschen davon ist. Überdies bin ich arrogant genug anzunehmen, dass es da draußen ein paar Menschen gibt, die meine Gedanken, Ideen, Einsichten interessant genug finden, sich damit auseinandersetzen zu wollen. Ich habe irgendwann schon mal öffentlich gesagt, dass, wenn ich auch nur einen einzigen Menschen durch mein Schreiben, meine Bilder, meine Arbeit dazu ermächtigt hätte, besser werden zu können als zuvor, sich die ganze Mühe hier gelohnt hätte. Und dazu stehe ich bis heute. Für nichts anderes ist Kunst da – uns einen Spiegel vorzuhalten, und zur (Selbst)Reflexíon einzuladen! Auch wenn es gewissen Menschen evtl. an der Empfindungsfähigkeit fehlen mag, in manchen Arbeiten Kunst zu sehen. Der Zugang zu Jackson Pollock ist beispielsweise nicht ganz einfach zu finden, das will ich zugeben.

    Ob das, was ich tue, tatsächlich als Kunst qualifiziert, müssen andere entscheiden. Kreative Energie fließt in jedem Fall hinein. Der Unterschied zu Influenzeranzien liegt vermutlich in der Motivation. Ich will und muss hiermit kein Geld verdienen. Ich bin vermutlich auch nicht hübsch genug, um das über die Antisozialen Medien tun zu können. Darum ist es mir aber auch noch nie gegangen. Ich spreche hier über das, was mich bewegt, wenn ich denke, dass es andere auch bewegen könnte. Und selbst, wenn ich, wie neulich in einem anderen Post erwähnt, online nur selten eine Reaktion auslöse, habe ich tatsächlich offline schon welche bekommen, die ich als ermutigend empfand. Deshalb mache ich weiter! Was nun das Foto oben angeht – glaubt irgendjemand ernsthaft, das sei nicht nachbearbeitet? Wozu zum Teufel sollte man dann die Daten im RAW-Format auf die SD-Karte fließen lassen? Selbstverständlich kuratiere auch ich solche Dinge – allerdings gaukele ich niemandem vor, dass ich morgens um 06:30 top gestyled Pilates mache, um DANACH einen top gestyleten Latte Macchiato zu trinken. Ich brauche den verf*****n Kaffee, BEVOR ich irgendwas Sinnvolles tun kann, ihr Narren…

    Ich weiß ja nicht, wie viele Menschen auf diesen top-gefaketen Antisocial-Media-Wahnsinn reinfallen; wenn ich allerdings meine Erfahrungen mit unserer Spezies aus über 25 Jahren rettungsdienstlicher Einsatztätigkeit Revue passieren lasse, stimmt mich das leider NICHT sonderlich optmistisch. Sei’s drum. Vielleicht hat ja irgendjemand gerade zumindest mal angefangen, über seinen Medien-Konsum und die Zahl der kleinen Beeinflussungen, denen er oder sie tagtäglich zum Opfer fällt mal etwas intensiver nachzudenken. Und vielleicht entdeckt er oder sie ja eigenes kreatives Potential, dass dem etwas entgegensetzen könnte. Würde mich echt freuen. Einstweilen wünsche ich euch allen ein schönes Wochenende.

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    META, Baby…!

    Ich lebe im Moment in einer Welt, in der die Perspektive ständig wechselt. Das liegt nicht etwa am Einsatz bewußtseinserweiternder Mittel, hoher Reisegeschwindigkeit, oder etwa übergebühr hohem Medienkonsum, sondern daran, dass ich als Ausbilder für Ausbilder gefordert bin! Jede Person, die dazu aufgerufen ist, anderen etwas vermitteln zu wollen (oder zu müssen?), steht häufiger vor dem Problem, die eigenen Befindlichkeiten, Ideen, Überzeugungen und Wissensbestände hinterfragen zu müssen. Man kann das natürlich auch sein lassen, und einfach seine unhinterfragten Dogmen raushauen – dann wird’s halt oft Kacke. Denn so, wie sich die Welt ändert – was wir als gültigen Allgemeinplatz einfach mal stehen lassen dürfen – ändern sich auch die Bedingungen, zu denen das Leben so ganz allgemein stattfindet. Insbesondere im hochsensiblen Feld der Pädagogik. Wir arbeiten, wie die meisten anderen Wissenschaften auch, stets mit dem Vorläufigen; also Theorien, die auf Erkenntnissen basieren, die immer so lange als nicht widerlegt gelten, bis jemand bessere Erkenntnisse findet. (wer sich für eine Betractung hierzu interessiert: Thomas S. Kuhn, “The structure of scientific revolutions.”).

    Es ist diese zwangsläufige Vorläufigkeit, die viele Menschen irritiert und dazu führt, dass man verschiedenen Wissenschaftsdisziplinen immer wieder unterstellt, dass sie ja gar kein praktisch verwertbares Wissen produzieren würden. Das ist jedoch nicht wahr. Unsere ganze Existenz basiert auf Vorläufigkeiten – oder weiß irgendjemand da draußen zufällig genau, was morgen um 12:47:33 Ortszeit in Tokio passieren wird? Die Zukunft bleibt, allem Bemühen zum Trotze, eine ständige Unbekannte, die sich erst in dem Moment da sie passiert ist, in ein Gegebenes verwandelt hat. Manchmal mit, sehr viel öfter jedoch ohne unser Zutun. Unsere kleinen Affengehirne kommen anscheinend mit dieser Ambivalenz, Ambiguität, Unsicherheit, überhaupt mit dem DAZWISCHEN aber gar nicht gut klar! Weshalb wir immerzu nach sofort verfügbaren, möglichst einfachen, möglichst sicheren Lösungen und Plänen verlangen. Aber für das UNSICHERE gibt es keine Blaupause, für die Zukunft keinen alle Eventualitäten berücksichtigenden Plan, der uns sanft und sicher ans Ziel führt. Mal davon abgesehen, dass individuelle Ziele sich erheblich unterscheiden…

    Es bedurfte in meinem Fall einiger Jahrzehnte, um dieses Maß an Einsicht und gelegentlich mittlerweile sogar Gelassenheit im Angesicht der undurchschaubaren Grenze der nächsten Sekunde zu erlangen. Was nichts über die Fähigkeit Anderer hierzu aussagt, denn diese Aussage ist ja nur anekdotische Evidenz. Wenn ich mich jedoch umsehe in den Debatten unserer Zeit, gleich auf welchem gesellschaftlichen Feld, dann komme ich nicht umhin, einen eklatanten Mangel an Einsicht in die eben ausgeführten Sachverhalte erkennen zu können. Und in einigen Fällen würde ich sogar ein bewusstes Ignorieren zum Vorantreiben der eigenen Agenda unterstellen wollen. Denn jede Menge Menschen da draußen, die den Wunsch nach der einfachen Antwort offenkundig instrumentalisieren, haben sowohl den Intellekt als auch die Fähigkeiten, zu den gleichen Schlüssen zu kommen, wie ich! Neurechte Vordenker und Agitatoren zum Beispiel. Aber das trifft eigentlich auf Vertreter jeder Himmelsrichtung im politischen Spektrum zu…

    Wenn man aus der isometrischen Draufsicht wie beim guten alten Diablo auf die Sache blickt – also die Meta-Perspektive einnimmt, wie man heute so schön sagt – stellt man fest, dass man selbst seinen Ansprüchen auch nicht annähernd so oft gerecht wird, wie man sich das gerne erzählt. Das unbewusste Streben nach einer positiven Erzählung des eigenen Selbst steht uns beim Erreichen des hehren Zieles SELBSTREFLEXION also ziemlich oft im Weg. Man könnte sich jetzt also dazu hinreißen lassen, aus diesem Grunde die virtuelle Flinte ins Korn zu werfen, und mit einem metaphorischen Schulterzucken in die couchige Komfortzone der selbstgebauten Illusion von Sicherheit und Beständigkeit zurückkehren, um Wandel, der sich als automatisches Ergebnis des komplexen Systems “Menschheit” ergibt immer und immer wieder als Bedrohung zu interpretieren – mit dem Ergebnis, dass man entweder zum Nazi wird, in Schockstarre verharrt oder der Depression anheimfällt. Das ist mir als Lösung aber zu billig: Depression kenne ich schon aus eigener Anschauung und habe keinen Bock mehr darauf. Schockstarre widerspricht 100% meinem Selbstbild als Macher und Problemlöser! Und Nazis sind und bleiben für immerdar Scheiße!

    Also krieche ich einmal mehr mit Mühe auf die Meta-Ebene und schaue mir in einem selbstgefälligen Anfall von Masochismus jene Dinge an, die ich in den letzten Wochen so verzapft habe. Zum Kritisieren findet man natürlich immer was; hier hätte man schneller, dort ein wenig präziser und obenrum ein bisschen feinfühliger sein können. Aber ich bin jetzt an dem Punkt zu sagen, dass 70% für die nächste Zeit reichen müssen. Und gönne mir, weil das auch mal sein muss, einen arroganten Spruch dazu: MEINE 70% müssen andere erst Mal erreichen! In diesem Sinne wünsche ich allen ein schönes Wochenende.

    Auch als Podcast…

    Erwachsen bilden N°44 – Wege durch unser Gehirn

    Kreativtechniken. Der Begriff suggeriert, dass jedes Wesen nur bestimmte Methoden braucht, um Wunderbares vollbringen zu können. Das ist natürlich eine Illusion, denn genausowenig, wie einen Yoga ohne das richtige Mindset gelassener, oder geringerer Alkoholkonsum automatisch zu einem besseren Menschen macht, genügt es natürlich NICHT, einer Anleitung aus dem Netz der Netze zu folgen, um bessere Ergebnisse zu erzielen. Zumal derlei Heilsversprechen meist von der unheiligen Idee beseelt sind, dass wir alle unbedingt effektiver, produktiver, gesünder, gelassener, gewasmanwillter werden MÜSSTEN. Nur um uns dann – getreu Bukowski – noch etwas mehr abstrampeln zu können, um für jemand anderes einen Haufen Geld zu verdienen. Denn das ist es doch, worum es im Kern solcher Ratgeber immer geht – wirtschaftliche Leistung. Alles ist dem Primat des Gottes Mamon unterworfen. Erst haben wir uns säkularisiert, um das Joch der Ausnutzung durch die organisierte Kirche abwerfen zu können, die jahrhundertelang Macht absorbviert hat. Und dann haben wir diese Macht Menschen übertragen, die lediglich an etwas andere Formen von Ausnutzung glauben – Geld.

    Im Grunde ist es vollkommen egal, welche der vielen Techniken zur Ausnutzung meines kreativen Problemlösungspotentials ich nutze; sofern ich die Früchte dieser Arbeit mir selbst zukommen lassen kann. Denn viel zu oft stehen das erzielte individuelle Salär, und was ein beliebiger Arbeitgeber mit der Leistung seiner Mitarbeiter erwirtschaften kann, in keinem Verhältnis zueinander. Oder aber, es wird schlicht kein Nutzen für die Menschen, oder sogar für die Gesellschaft als Ganzes hergestellt, sondern lediglich totes Fiatgeld Anderer gemehrt, die damit sehr lebendig um sich werfen. Aber das ist nur die (meine) halbe Wahrheit. Denn es gibt sehr wohl Aufgaben, die Kreativität fordern (und folglich auch Techniken benötigen, um diese Kreativität zu fördern), für die sich aus meiner Sicht die Anstrengung lohnt, und bei denen ich bereit bin, meine Energie zu teilen. Anderfalls wäre ich im Bereich (berufliche) Bildung im Gesundheitswesen vermutlich vollkommen falsch unterwegs.

    Ich bilde im Moment wieder Praxisanleiter aus. Diese Woche habe ich sie in Prozesse eingeführt, die einem helfen, Lernaufgaben und Lerner zu analysieren, um halbwegs zielgenau zu den richtigen Unterrichtsabläufen und Methoden zu kommen; ich habe sie diese Methoden auch clustern lassen, um sich einen Überblick über die Möglichkeiten zu verschaffen. Und ganz Meta ihren Blick für das eigene Tun geschärft. Denn wenn Ausbilder, neben Kreativität, eines wirklich jeden Tag brauchen, ist das ein reflektierter Umgang mit den eigenen Vorstellungen, Ideen, Bedürnissen und Schwächen. Vor jedem Lehr-/Lern-Prozess steht die Selbstreflexion des Pädagogen! Ausbilder ausbilden zu müssen, ist die Königsklasse, die Formel 1 der Erwachsenenbildung; denn hier geht es zuvorderst um die (teilweise unbewussten) Vorstellungen, Einstellungen und auch Dogmen, die wir alle mit uns herumtragen. Und die den hochsensiblen Prozess des Ermöglichens, den Verfechter der konstruktivistischen Pädagogik zu inszenieren versuchen manchmal nicht nur negativ beeinflussen, sondern glatt verhindern.

    Das Problem dabei ist, dass wir immer unsere Biographie mit in den Lehrsaal bringen. Und damit eine Menge Ballast, den abzuwerfen alles andere als leicht ist. Denn eine weitere Binse der konstruktivistischen Pädagogik ist, dass ICH andere Menschen nicht ändern kann! Ich kann ihnen nur den Spiegel vorhalten und hoffen, dass sie im Prozess ihre eigenen Problemstellen finden lernen. Prinzipiell können allerdings wesentlich mehr Menschen mit der richtigen Anleitung und Einstellung pädagogisch tätig werden, als man das auf den ersten Blick meinen wollen würde. Dazu bedarf es allerdings einerseits eines humanistisch-positiven Menschenbildes (und das sage ausgerechnet ich… 😉 ) und andererseits der richtigen mentalen Karten, um sich in seinem eigenen Kopf zurecht finden zu können. Beides kann man erwerben – nur nicht jeder Mensch gleich schnell und/oder gleich gut. Und Manche können das gar nicht… So oder so genügt es nicht, mal eben eine Mindmap hinzuschmieren und zu glauben, dann wüsste man Bescheid. Solche Prozesse brauchen Tiefe und Zeit. Womit wir wieder beim Gott Mamon wären. Denn Zeit ist, einem nach wie vor populären Slogan zufolge, Geld! Doch wann immer ich für Ressourcen kämpfe, sei es Zeit, Raum, Ausstattung, so renne ich an die Wand der “Wirtschaftlichkeitsberechnung”. Und jedes Mal, wenn ich meine pädagogischen Ansprüche auf diese Wand schreibe und mich selbst in der seltsamen Spiegelung betrachte, merke ich, dass es nur eine Frage der Zeit ist, bis dieser Selbstbetrug auffliegt. Denn es gibt KEINEN goldenen Mittelweg zwischen pädagogischer Qualität und wirtschaftlichem Sachzwang. Dieser Kompromiss bleibt immer ein fauler!

    Auch als Podcast…

    Geisteswissen…was…?

    Egal, wohin man auch schaut, man findet immer und überall Menschen, deren Weltsicht von zwei Nichtfarben geprägt ist: Schwarz (die absolute Abwesenheit von Licht) und Weiß (die Anwesenheit aller Farben zugleich); das mit den Grautönen müssen wir dann wohl noch mal üben, nicht wahr? Wenn es zum Beispiel um den Wert eines Studiums einer x-beliebigen Geisteswissenschaft geht, findet man zwar erheblich viel Meinung (“Bachelor zum Regale einräumen”) aber nur wenig Ahnung davon, was eine Gesellschaft im Kern zusammenhält. Kleiner Spoiler: Betriebswirtschaftslehre und Handwerk, Ingenieurswissenschaft, Pflege und Medizin sind es nicht allein! Die tragen dazu bei, die einzelnen Subsysteme von Gesellschaft – im Großen, wie im Kleinen – am Laufen zu halten. Aber der Kleister, der Alle und Alles zusammenhält, der Erkenntnis gleich welcher Art (und damit wirtschaftliches Handeln) ermöglicht, der Kultur als Prozess sicht- und erlebbar macht, der für Teilhabe sorgt und eine halbwegs gemeinsame Basis des Zusammen-Lebens schafft, dass sind die Geisteswissenschaften: Linguistik, Pädagogik, Philosophie, Soziologie, Kultur- und Theaterwissenschaft, Musik, Film, Historik, Politologie und wie sie noch alle heißen mögen. Die Geisteswissenschaftler haben den Träumen der Realwissenschaftler Flügel gegeben und tun dies heute noch. Und was wird man von den selbsternannten Leistungsträgern nicht dauernd geschmäht…

    Was kuckst du…? 🙂

    Ein Blick in eine Kommentarspalte im Account der Frankfurter Allgemeinen auf Insta, wo nach Gründen für den Rückgang der Studierendenzahlen in geisteswissenschaftlichen Fächern gefragt wird, offenbart Dunkles; da wird gehatet, was das Zeug hält, weil man den eben erwähnten Kleister für unnötigen Scheiß hält – denn wir brauchen Handwerker und Ingenieure! Das mag zweifellos richtig sein, doch was wir ebenso dringend brauchen, sind Menschen, die wissen, wie man richtig Erkenntnisse gewinnt, die beschreiben können, welche Rollen das Soziale, das Psychische, die Sprache in komplexen System spielen (und eine Gesellschaft IST ein ziemlich komplexes System) und die uns einen Kompass geben können, mit dem man irgendwie durch diesem ganzen Scheiß namens Leben kommt! Und das alles sieht noch gnädig von der Tatsache ab, dass wir (Berufs)Pädagogen es sind, die dafür sorgen, dass Menschen von Kindheit an zur Ausschöpfung ihrer Potentiale befähigt werden. Auch, wenn wir dabei gelegentlich auf Irrwegen unterwegs sein mögen, weil nicht nur die Gesellschaft, sondern auch jedes Individuum in ihr komplexe Systeme sind. Ohne diese Vorleistung gäbe es keine Jurisprudenz, die unser EGO einhegt, keine Wirtschaft, die unsere existenziellen und konsummatorischen Bedürnisse befriedigen hilft – und uns überhaupt erst eine Existenz ermöglicht – keine Medizin, die unsere Gebrechen lindert und keine Demokratie, die uns – im Rahmen des kategorischen Imperativs – unsere individuelle Entfaltung ermöglicht!

    Eine typische Doppelseite aus einem meiner Notizbücher…

    Es ist die Wissenschaft, die Wissen schafft und es ist die Leidenschaft, die Leiden schafft! Wenn man so möchte, sind es die zwei Pole des Gleichgewichtes, welches unsere gesamte Existenz kennzeichnet. Sie auszubalancieren ist ein Prozess der sowohl in uns selbst, als auch in unserem Miteinander niemals aufhören kann – niemals aufhören darf. Überließen wir die Welt den Technokraten… nun schaut euch einfach die Exzesse eines Elon Musk an, der die Technokratie gerade in aller Öffentlichkeit bis zum bitteren Ende durchdekliniert; und dabei ohne Rücksicht auf Verluste alles und jeden mit in den Abgrund reißt, vollkomen unabhängig, ob man seine verblendeten Ideee von unserer Welt teilt, oder auch nicht. Das ist Manchester-Kapitalismus im Endstadium – das stets unausweichliche Ergebnis, wenn man der Welt kein moderierendes, erziehendes, ja zur Not auch mal moralisierendes Movens hinzufügt. Und genau das leisten die Geisteswissenschaften! Nicht mehr; aber auch nicht weniger! Ich wünschte mir manchmal, dass man so etwas nicht erklären brauchte, weil es selbstevident ist. Aber dann bräucht man wohl auch Leute wie mich (also Pädagogen) nicht mehr in der Zahl. Letzlich ist das höchste Ziel des Erziehens, die eigene Notwendigkeit im Betrieb des Seins abzuschaffen. Vermutlich ist das nicht möglich, denn die Zahl egomaner, arroganter, asozialer Idioten scheint eine Konstante der Menschheit als Ganzes zu sein. Insofern ist mein Job sicher. Ebenso sicher wie die Hater, die solche Aussagen haten, weil es ihr Weltbild stört, nicht Recht zu haben…

    Heute ist Sylvester – eigentlich macht man an solchen Tagen ja einen Jahresrückblick. Der fällt bei mir kurz aus. Mein Jahr 2022 war, bis auf ganz wenige Augenblicke, ein riesiger, entsetzlich stinkender Haufen Scheiße, den endich auf dem Müllhaufen der Geschichte entsorgen zu dürfen ich kaum glücklicher sein könnte. Egal, wie es kommt – ich hoffe für uns alle auf ein besseres Jahr 2023. Haltet die Ohren steif, sprengt euch heute Nacht keine Körperteile ab (oder seid milde mit denen, die das versuchen) und kommt gut rüber. Ist ja eigentlich nur ein Datumswechsel; wir werden ihn, wie viele Andere auch, trotzdem ausreichend mit Käse überbacken. Nur um sicherzugehen. Bis nächstes Jahr in diesem Theater.

    Auch als Podcast…

    Erwachsen bilden N°43 – Blockade…

    Ich saß diese Woche eines Abends noch länger, weil ich eine Online-Fortbildung fertig produzieren musste. Die Arbeitsschritte sind dabei mannigfaltig. Präsentationen (in meinem Fall tatsächlich Powerpoint (c) ) erstellen, Präsentationen kommentieren und aufzeichnen, konvertieren, uploaden, in das Kurs-Projekt einbinden (wir nutzen Articulate Rise 360 (c) ), die Texte anpassen, das Projekt exportieren und in das Lernmanagement-System (bei uns ein Moodle (c) ) einpassen, Teilnehmer einbuchen und einladen. Die ersten Schritte sind dabei immer die schwersten, denn bis man zündende Ideen hat, wie sich bestimmte Dinge halbwegs gut erklären und visualisieren lassen, geht manchmal ganz schön Zeit drauf. Dann müssen die Visualisierungen erstellt werden; ich kann nicht wirklich malen, aber Bikablo-Männchen (c) kriege ich hin. Alles in allem ist das ein anstrengender Prozess, in den bei fertigen Instruktionsdesigns pro Unterrichtseinheit sicher 4-5 Stunden Arbeit fließen – wenn’s denn langt.

    Hilft mir meine Wahrnehmung…?

    Wenn es nur ein sturer Produktionsprozess wäre, dann setzte man sich also eine starke Woche hin und hätte einen digitalen Unterrichtstag produziert, der von beliebig vielen Personen genutzt werden kann. Einzelne Teile lassen sich, sofern man sauber gearbeitet hat, auch in unterschiedlichen Formaten wiederverwenden. Es ist also in keinem Fall verschwendete Zeit. Jedoch ist das mit dem Start und auch dem Flow eines kreativen Prozesses so eine Sache. Speziell bei dieser Fortbildung kam es zu Verzögerungen auf Grund erhöhten Workloads an anderer Stelle; einerseits. Aber andererseits sitzt man manchmal einfach vor dem Monitor und nichts fließt. Es ist wie eine verdammte weiße Wand, die einen höhnisch anstarrt, als wenn sie sagen wollte “Na, wieder mal zu blöd, um ES richtig zu machen…?”. Und das ist extrem frustrierend. Denn natürlich ist einem die ganze Zeit über schmerzlich bewusst, dass Andere auf einen warten. Und die verstehen das Thema Schreibblockade vielleicht gar nicht, weil kreative Prozesse nicht unbedingt zu ihrem täglich Brot gehören.

    Ich stelle, je älter ich werde, und je mehr ich mich Neurowissenschaften und Kognitions-Psychologie beschäftige fest, dass die Prozesse in unseren Köpfen, deren Ausdruck wir – und auch Andere – dann als Produkte unserer als Kreativität wahrnehmen alles andere als vorhersehbar verlaufen. Wenn man Kreativität aber auch aus betriebswirtschaftlicher Perspektive betrachten muss, ist diese eines von mehreren Assets im Bereich Human Ressources; und zwar jenes, welches Mitarbeiter dazu befähigt, unterschiedlichste auftauchende Probleme auf teilweise originelle Art und Weise zu lösen; vornehmlich um Effizienz zu erhalten oder gar zu steigern; denn Zeit ist Geld. Was bedeutet, dass auch Bildungszeit Geld ist. Nun lässt sich aber der Wert von (Fort)bildung nur sehr schwer beziffern. Ich kann messen, wie viel ich dafür ausgebe und ob eine Bildungseinrichtung als solche kostendeckend arbeitet, oder gar einen positiven Deckungsbeitrag erwirtschaftet. Aber was Bildung mit, bzw. in den Menschen schafft, welche diese konsumieren, ist oft nur schwer und auch nur mittelbar zu beziffern.

    Wenn man zum Beispiel jemandem bei der Aneignung von etwas Neuem begleitet, dessen Beherrschung später für den Arbeitgeber Geld verdient, macht es dann einen Unterschied, ob dieser Mensch dies Fähigkeit später besonders gut kann, oder ob er halt nur den Schein gebraucht hat? Dieses Dilemma ist vorerst nicht aufzulösen, aber es trifft hier auch auf mich zu. Wenn ich mir nun Mühe gebe, etwas möglichst verständlich darzustellen, bzw. Aspekte zu beleuchten, die mir auf Grund meiner Ausbildung und Erfahrung in einem Bereich besonders wichtig erscheinen und dabei, wie oben beschrieben, über gewisse Längen gehe, ist das dann aus betrieblicher Sicht noch effizient, oder nur noch (falls überhaupt) effektiv? Und wie messe ich den Unterschied? Macht es also für Andere einen Unterschied, ob ich meine Blockade ignoriere und (aus meiner Sicht) Scheiße abliefere, Hauptsache, es wurde überhaupt etwas ausgeliefert? Ist eine Zwickmühle, aus der ich bislang keinen Ausweg gefunden habe. Also halte ich mich an mein eigenes Qualitäts-Bestreben, auch wenn ich dann manchmal das ungeduldige Generve der Kollegen*innen aushalten muss. Auch wenn ich manchmal bezweifle, dass DIE den Unterschied überhaupt bemerken würden. Nun ja. Draußen wird es langsam dunkel, die neue Woche dräut. Ich wünsche einen schönen Abend.

    Auch als Podcast…

    Gelehrt, oder was…?

    Um es vorweg zu nehmen: ich wusste bis heute Morgen nicht, dass es Game-Design heuzutage als Ausbildungsberuf gibt. Ich war mal davon ausgegagngen, dass sowas irgendwie mit einem klassischen Grafik-/Designstuidum, oder mit einem Informatikstudium verdongelt ist. Man lernt ja bekanntlich nie aus. Eigentlich ging es in dem Artikel um junge Leute, die anstatt eines Studiums ein klassische duale Berufsausbildung machen; und den Umstand, dass viele Elternteile, Freunde und whatnot das blöde finden, weil man ja nicht so viel lernt und hinterher weniger Geld verdient. Ist ein interessanter Blick auf das anscheinend verquere Bild, welches viele Menschen offenkundig immer noch vom Broterwerb haben – Hauptsache die Kohle stimmt? Also, wenn mich meine wissenschaftlichen Studien zur Generation Z eines gelehrt haben, dann dass diese Denke auf den Gerümpelhaufen gehört. Um an dieser Stelle mal ein paar Dinge zurecht zu rücken:

    • ad 1) Ein Studium ist KEIN Garant für bessere Gehaltsaussichten. Das hängt nämlich vom Fach, der jeweiligen Marktsituation, den erzielten Noten, der räumlichen Flexibilität und dem Gesamt-Engagement der Person ab, die mit einem Diplom in der Tasche auf das weite Feld des Arbeitsmarktes zieht.
    • ad 2) Oft ist ein Bachelor-Abschluss NICHT genügend, um in bestimmten Bereichen überhaupt auf einen grünen Zweig zu kommen. Da spielen Verordnungen, Gesetze und Markterfordernisse eine Rolle.
    • ad 3) In vielen Fachfelder gilt: Berufserfahrung ist durch NICHTS zu ersetzen; außer durch MEHR Berufserfahrung! Get over it – nur weil man in der Theorie gut ist, heißt das für die Praxis noch lange nichts.
    • ad 4) Haben sich viele duale Ausbildungsgänge erheblich gewandelt (bzw. tun dies gerade), erfordern heute schon teilweise anwendungsbezogenes wissenschaftliches Arbeiten, und sind alles andere als langweilig oder kognitiv unterfordernd. Kommt mal in die NotSan-Ausbildung…
    • ad 5) Sind aktuelle Gehaltsaussichten und Sozialprestige nicht in Stein gemeiselt! Manche gesellschaftliche Prozesse brauchen Zeit – ein Umstand, der bei der Generation Z halt nicht so hoch im Kurs steht. Ich habe dafür Verständnis, weiß aber auch, dass man insbesondere Verhaltensänderungen nicht mit der Brechstange durchsetzen kann.
    • ad 6) Sind einfach nicht alle gleich gestrickt! Es ist schon wahr, dass man Talent durch gezielte Förderung wecken und wachsen lassen kann. Trotzdem ist nicht jeder von uns dazu gemacht Profifußballer, Rockstar, Schauspieler oder Influenzeranzium zu werden. Die besondere Mischung aus Engagement, Talent und Erfolgswillen, die so etwas ermöglicht, ist nicht in jedem Menschen auf das Gleiche gepolt. Das wäre auch irgendwie traurig langweilig, nicht wahr…?
    Wenn der Weg unklar ist…

    Es gibt einen so genannten Deutschen Qualifikationsrahmen, in welchem formell (also durch Schule, Berufs-/Fachschule, Hochschule, Universität) erworbene Qualifikationen in insgesamt acht Niveaustufen einsortiert werden; was eine Taxonomie und damit eine Wertigkeit suggeriert. Nun wollen wir uns mal darauf einigen, dass ein Akademiker NICHT mehr wert ist, als ein Facharbeiter, oder sonstwer! Denn speziell in in den antisozialen Medien werden solche Scheingefechte immer wieder aufgebaut; vermutlich, weil es einerseits tatsächlich Akademiker gibt, die sich für was Besseres halten – und andererseits Facharbeiter, die wie auch immer geartete Minderwertigkeitsgefühle zu bekämpfen oder falsch verstandenen Proletarier-Stolz ausleben zu müssen glauben. Beides ist vollkommener Quatsch. Denn eine der, für den oben erwähnten Artikel befragten jungen Frauen sagt “[…] Ich bin nicht weniger schlau, bloß weil ich eine Ausbildung mache. […]” Recht hat sie. Welchen Weg ich gehe, und warum, das ist verdammt noch mal meine Entscheidung.

    Ich reflektiere noch mal kurz meinen Werdegang: Abitur mit 18, Jobben als Strippenzieher, weil Studienplätze schwierig, Zivildienst im Rettungsdienst, im Anschluss Ausbildung zum Rettungsassistenten, damit fertig mit 22. Dann arbeiten im Metier bis 45, unterwegs noch zum Disponent für integrierte Leitstellen fortgebildet, und nebenher Bildungswissenschaft studiert, und als betrieblicher Bildungskoordinator tätig gewesen. Ab 45 Entwicklung und Aufbau einer Berufsfachschule, der ich jetzt vorstehe, nebenher Masterstudium der Erwachsenenbildung, dessen Masterthesis ich gerade erarbeite. Wenn ich so darüber nachdenke, war es kein gerader, einfacher oder immer zielstrebig angegangener Weg – aber für mich war es der richtige. Denn ich habe erst mit einem bestimmten Lebens- und Berufsalter die Reife erlangt, die es für meinen jetzigen Job braucht. Daraus folgt für mich, dass es nicht auf die aktuellen Gehaltsaussichten oder die Meinung der Anderen ankommt, sondern darauf, die eigenen Fähigkeiten, Talente und Wünsche sorgfältig zu analysieren, zu reflektieren und zu fühlen – und dann zu machen, was sich richtig anfühlt. Insbesondere, wenn einen irgendjemand für eine persönliche Entscheidung kritisiert.

    Ich werde jetzt gewiss nicht behaupten, dass man dann immer die richtige Entscheidung für’s Leben getroffen hat. Aber wenigstens war es dann eine, die sich aktuell richtig angefühlt hat; in die Zukunft schauen kann keiner von uns. Ich glaube ja, dass ich langsam etwas milder mit mir selbst werde; und im Gegenzug unduldsamer mit der Borniertheit meiner Mitmenschoiden. ich finde den Deal gut – und irgendwann kann ich mich dann ja darauf berufen, dass ich langsam dement werde. Dann kann ich eh jeden beschimpfen, wie ich will… 😉 Ich habe eine Berufsausbildung UND bin Akademiker; quais also doppelt gelehrt. Beides hat seinen je eigenen Wert. Unser Problem ist nicht dieser Wert, sondern die Wertschätzung (oder besser der Mangel daran) durch die bornierten Mitmenschoiden. Daran müsste man mal arbeiten, anstatt dauernd in nutzlose Neiddebatten und “Leistungsträger”-Geschwafel zu verfallen. Wir sind ALLE Leistungsträger, jeder auf seine Weise. Schönen Tag…

    Auch als Podcast…

    Kurator N°2

    Jetzt war ich im letzten Post voll auf der Geschäftsleben-Schiene. Aber natürlich ist unser kleiner (manchmal großer) innerer Kurator auch in anderen Bereichen tätig. Besonders, wenn es um unser Abbild in den antisozialen Medien geht. Für den eigenen Avatar – was hier nicht nur das Bildchen meint, welches in den entsprechenden Profilen zum Einsatz kommt, sondern natürlich auch den Bedeutungsgehalt, also die Wirkung, welche man mittels Social Media bei den möglichen Rezipienten erzielen möchte – wird häufig viel Zeit zur Pflege verwendet, weil viele menschliche Wesen nach ihren ganz persönlichen 15 Minuten Ruhm streben! Und es ist dabei unerheblich, ob sie dies bewusst oder unbewusst tun; die sichtbaren Auswirkungen bleiben die gleichen. Das ist, was ich meine, wenn ich von der “Kuratierbarkeit des eigenen Lebens” spreche, welches im Jahr 2022 zu einem nicht unerheblichen Teil auch in der Virtualität stattfindet. Es wird dabei nicht selten eine Persona erschaffen, welche mit ihrem realweltlichen Analogon (also ihrer/m Schöpfer*in) nicht zwingend deckungsgleich sein muss. Manchmal ist sie dies nicht mal annähernd…

    Wahrhaftigkeit und Beständigkeit…?

    Die daraus resultierenden sozialen Phänomene sind oft einfach nur erheiternd, manchmal bizarr, und selten auch mal dramatisch oder gar traurig. Sie verweisen jedoch immer auf die, wie oben schon gesagt bewussten oder unbewussten Intentionen ihrer Schöpfer*innen. Die Frage, welche sich nun daraus ableitet, ist diejenige nach den Motiven. Ich meine, die von mir ins Spiel gebrachten 15 Minuten Ruhm klingen griffig; aber oft erscheint es so, als wenn es vor allem um Anerkennung und Respekt innert der eigenen Peergroup geht, weil soziale Codes benutzt werden, deren tatsächliche Bedeutung sich Typen wie mir eh nicht mehr erschließt (remember: white, middle-aged, cis-gender guy); ich sag ja zum MEME auch Meme anstatt Mim, dessen Richtigkeit sich durch Hinsehen natürlich sofort erschließt… Danke, Richard Dawkins. Das alles macht manche Bemühungen nicht einfacher. Zum Beispiel meine Arbeit in der Berufsbildung. Denn natürlich verändert die (Selbst)Erfahrung einer kuratierbaren, virtuellen Persona die Erwartungen an die Wirksamkeit des realweltlichen Verhaltens gleich mit.

    Es erscheint dann oft so, als wenn nicht wenige SuS zwischen zwei Extrempolen pendeln würden: der Erwartung einer weitgehenden VERINSTGRAMUNG – oder noch schlimmer VERTIKTOKISIERUNG – von Unterricht auf der einen Seite, und dem Wunsche nach knüppelharten Frontalunterricht (wie in der guten alten Zeit an der allgemeinbildenden Schule) auf der anderen. Wobei innerhalb eines Klassenverbandes (falls es denn einen gibt) oft eine Gleichzeitigkeit beider Pole zu beobachten ist; und natürlich auch aller möglicher Spielarten dazwischen. Was es fast unmöglich macht, einen Königsweg zu finden. Vielleicht spielt dabei manchmal auch der “innere Monk” eine Rolle, wenngleich ich vielen Mitgliedern der Generation Z unterstellen wollen würde, dass sie nie eine nennenswerte Zahl von Folgen dieser Serie gesehen haben. Das klingt jetzt vielleicht ein bisschen extrem und nach maximaler Desillusionierung. Doch das ist gar nicht der Fall. Für mich ist dieser Wandel in (Selbst)Wahrnehmung und (Selbst)Darstellung die logische Folge von Kultur als Prozess. Ich bin meinen SuS deswegen nicht böse, oder enttäuscht, sondern ich nehme wahr, dass sich Prioritäten und Wertigkeiten verschieben; ganz gleich, ob ich das gut finde, oder nicht. Was bedeutet, dass ich mich darauf einlassen MUSS, wenn ich als Lehrer und Leitungsperson relevant bleiben will!

    Womit wir bei einer zweiten, hochrelevanten Frage wären: nämlich, was das für meine Tätigkeit als Kurator bedeutet? Als Kurator von Lern- und Arbeitsumgebungen ebenso, wie als Kurator meiner eigenen Persona, in der virtuellen, wie auch in der realen Welt. Ich sprach gestern von Honne und Tatemae; und natürlich sind die beiden Begrifflichkeiten auch jetzt wieder am Start, wenn ich für mich beantworten muss, wie ich authentisch und bei mir selbst bleiben kann, ohne in einer Welt abgehängt zu werden, deren Wandel-geschwindigkeit mich manchmal überfordert? Denn auch, wenn ich vorhin gesagt habe, dass Persona und Person nicht zwingend deckungsgleich sein müssen, werden wir, früher oder später, wenn die reale Welt wieder übernimmt auf unser reales Selbst zurückgeworfen sein. Und ICH wäre nicht mit mir zufrieden, wenn dieses reale Selbst nur noch aus Maske bestünde. Carl Rogers, der Vater der Klientenzentrierten Psychotherapie spricht in diesem Zusammenhang von Kongruenz, vom mit sich selbst eins sein. Und weil viele Menschen ein sehr feines Näschen dafür haben, wenn sie verarscht werden, ist mir Authentizität in Wort und Tat immer ein Grundbedürfnis sozialer interaktion. Wie ich das auch in der Virtualität hinbekomme, deren Verlockung ja doch immer das Vexierspiel mit der möglichen Selbst-Darstellung im Netz ist, weiß ich noch immer nicht, obwohl ich schon eine Weile übe. Wie könnte ich da von meinen SuS perfekte Out-of-the-Box-Lösungen erwarten…?

    Mal schauen, was mir die Tage zum Themenkreis Kurator/Kuratierbarkeit noch einfällt. Einstweilen wünsche ich allen eine halbwegs erträgliche Woche.

    Auch als Podcast…