Erwachsen bilden #13 – Was treibt einen eigentlich zum Lernen?

Schönen Palindromsonntag wünsche ich (02.02.2020). Ich stecke momentan mitten in einem Studienbrief, der u. A. thematisiert, wie für Erwachsene Zugänge zu Bildung aussehen, und was einen dazu bringt, sich (weiter) zu bilden. Studium im besten Sinne bedeutet, dass es Fragen aufwirft, die den Studenten selbst betreffen. So wie dies beim Lernen insgesamt der Fall sein sollte. Mensch lernt, wenn das, was zu lernen angeboten wird, sich irgendwie an seine vorbestehenden Erfahrungen anschließen lässt, einen für den Lerner erfahrbaren Sinn hat und der Lerner eine Motivation erfährt, sich mit der Materie auseinanderzusetzen. Das ist natürlich eine verkürzende und überaus vereinfachende Darstellung von mehreren 100 Seiten Material; für die folgende (Selbst)Betrachtung sollte es jedoch als Einstieg genügen…

Es gab – und gibt immer noch – die Idee des Fahrstuhleffektes; nämlich das durch das Wohlstands-Wachstum seit dem II. WK alle Teile der bundesrepublikanischen Bevölkerung materielle Verbesserungen erfahren haben, obschon die sozialen Unterschiede kaum abgenommen hätten. Es war Teil der sozialdemokratischen Bildungspolitik in den 60ern, 70ern und frühen 80ern, sozialen Aufstieg durch breitere Teilhabe, vor allem an akademischer Bildung, ermöglichen zu wollen. Folglich ist der Akademiker-Anteil in der Bevölkerung seitdem erheblich gestiegen. Und tatsächlich hat sich der materielle Wohlstand seit damals gemehrt. Doch seit der neoliberalen Wende Anfang der 80er wurde dieses Versprechen in immer geringerem Maße eingelöst, obwohl nach wie vor alle bildungspolitischen Bemühungen auf eine Steigerung der Akademiker-Quote zielten.

Diese ist in anderen Ländern allerdings u. A. deshalb um einiges höher, weil es dort kein Duales Ausbildungssystem gibt. Wie dem auch sei, Studieren ist immer noch “in” und auch die Wege zum berufsbegleitenden Hochschulstudium auf dem zweiten Bildungsweg sind vielfältiger und der Einstieg einfacher geworden. Zumindest das hat der Bologna-Prozess als Gutes gehabt. Ich persönlich profitiere davon, hätte ich doch mit 20 gar nicht gewusst, dass mich Erwachsenenpädagogik jemals so begeistern könnte. Und dennoch bleibt natürlich die Frage: ist meine Begeisterung echt, oder doch nur Notwendigkeitsgeschmack im Sinne Bourdieus; also dem Umstand geschuldet, dass ich gerne noch etwas erreichen, jemand sein möchte, was auf Grund meiner Herkunft nur durch Leistung möglich ist…?

Natürlich rede ich mir gerne ein, dass es nur meine eigene, ganz persönliche Entscheidung ist, mir dies abzuverlangen. Und tatsächlich empfinde ich es als wenig quälend. Ja – Zeitmanagement ist kritisch. Und ja – meine Familie leidet darunter (vermutlich mehr, als ich mir eingestehen möchte). Und ja – ich habe ein paar spezielle Ziele, die ich in meinem Leben noch verwirklichen möchte; einfach nur, um zu sehen, ob ich das kann. Aber ist es nicht dennoch einfach nur dieser Wunsch nach etwas mehr materieller Sicherheit für uns; meine Frau, unsere Kinder, mich…?

Ich war in den vergangenen Jahren immer mehr der Meinung, dass ich nicht so ein materialistischer Konsum-Krüppel wäre, wie so viele Andere. “Leistungsträger”. Dieser Begriff geistert immer wieder durch Foren, in denen ich mich rumtreibe und letzten Endes meint dieses Wort Folgendes: “ICH leiste mehr als du, also darf ICH mir auch mehr gönnen!” Was für ein wundervoller Ausbund an narzisstischem Ego-Trip. Ich könnte im Strahl kotzen, wenn ich so was lese und distanziere mich innerlich mit Schaudern von solcherlei Äußerungen. Und doch… ist da dieses kleine Männchen in meinem Hinterkopf, das etwas ähnliches ruft: “Schaut her, was ich alles erreicht habe! Ich bin…” Verdammte Axt…!

Es ist mir wichtig, Menschen dahin zu führen, dass sie ihr eigenes Handeln und Unterlassen bewusst reflektieren und informierte Entscheidungen treffen lernen. Jeden Tag ein bisschen mehr. Und während ich das versuche, lerne ich ebenfalls etwas dazu. Lehren ist immer ebenso ein Lernprozess. Und manchmal demaskiert dieser Lernprozess Seiten an einem selbst, die man gerne maskiert gelassen hätte. Weil es manchmal echt wehtut, der Wahrheit ins Auge zu sehen. In meinem Bemühen, etwas über das Lehren zu lernen, habe ich also einmal mehr etwas über mich selbst gelernt; und es macht keinen Spaß, das zuzugeben. Aber ich muss meine Beweggründe noch einmal reflektieren.

Natürlich wollte ich schon seit Jahren in eine echte Führungsposition, weil diese Gestaltungskompetenz mit sich bringt – und damit die Chance, jene Dinge besser zu machen, die man seit Jahr und Tag bei Anderen suboptimal ausgeführt gesehen hat. Oder bin ich doch selbst nur auf einem narzisstischen Ego-Trip und will einfach Macht, weil Macht zu haben geil ist? Ich bin ein Mensch aus Fleisch und Blut. Ich habe mächtige Emotionen, die manchmal zum Spielen raus wollen, auch wenn ich meine Affekte heute ganz gut im Griff habe. Aber könnte es nicht sein, dass mein Wunsch nach Gestaltungskompetenz nicht einfach nur Ausdruck kleinbürgerlicher Großmacht-Träume ist…?

So lange ich offen darüber rede, ist vermutlich noch alles OK, aber meine internen Checks and Balances werden sicher noch das eine oder andere zu tun bekommen. In jedem Fall muss mir irgendjemand da draußen Bescheid geben, wenn ich anfange, zum “Leistungsträger” zu mutieren. Wir hören uns.

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Erwachsen bilden #12 – Auch noch erziehen…?

Oh weh! Immer wieder begegne ich der Frage, was der Praxisanleiter auf der Wache denn mit seinen Zöglingen anstellen soll? Was er tolerieren darf und was er korrigieren soll? Wie sich die aktuelle Tiefe und Komplexität des Ausbildungsstandes mit dem eigenen Tun und Lassen auf der Wache versöhnen lässt? Denn eines ist bei der NotSan-Ausbildung sicher: Theorie und Realität liegen oft um Welten auseinander. Und dabei rede ich noch nicht einmal von dem Disput um die Frage, welche (Be)Handlungs-Kompetenzen man Notsan zugestehen möchte, oder auch nicht. In dieses Dilemma werden die jungen Leute schon noch früh genug hineingezogen. Nein – mir geht es um die Frage, was den Azubis auf der Wache vorgelebt wird; und inwieweit das mit dem Unterricht zusammenpasst?

Den jungen Leuten wird am Anfang ihrer Ausbildung erklärt, was ein Spiralcurriculum ist und was das mit ihrer Ausbildung zu tun hat. Sodann beginnt man verschiedene Grundlagen aufzubauen und entlässt sie nach den ersten 8 – 10 Wochen Unterricht auf die Rettungswache, wo sie dann oft zum ersten Mal erleben, wie Kollegen den Job machen, welche die Erlaubnis zum Töten schon erworben haben. [OK, viele, die in die NotSan-Ausbildung kommen, haben vorher schon als RS gearbeitet. Aber eigentlich war das so nie gedacht. Und es bringt Probleme mit sich, über die ich an anderer Stelle reden möchte] Und das Drama nimmt seinen Lauf…

Beginnen wir einmal mit der Frage, ob ein 18-, 19-jähriger Mensch schon charakterlich reif ist? Nehmen wir Erik Erikson, lautet die Antwort: es hängt davon ab… Manche werden früher, andere später reif im herkömmlichen gesellschaftlichen Sinne. Was für uns als Ausbilder bedeutet, dass wir uns mitnichten auf die Position zurückziehen können, dass das Elternhaus es schon gerichtet haben wird und wir ihnen nur Skills eintrichtern müssen. Ein Ausbilder ist – in vielerlei Hinsicht – ein Role-Model. Eine Figur, an der sich Auszubildende orientieren. Auch jene, die schon eine gewisse Erfahrung oder ein höheres Lebensalter mitbringen. Denn auch für einen 23-jährigen RS gilt, dass er sozial erwartbares Verhalten produzieren wird, um mit den Wölfen heulen zu dürfen. Der Wunsch und Wille eines jeden Azubis ist nämlich zuvorderst, im Team ankommen zu dürfen.

Der Auszubildende muss also diese neue Rolle erst erlernen; ebenso, wie er die Rolle des verantwortlichen Teamführers im Laufe seiner Ausbildung erst erlernen muss. Manchen fällt das leichter, andere kämpfen während der gesamten Ausbildung damit. Die ständige Notwendigkeit, das Rollen-Gleichgewicht neu zu finden lässt in vielen Menschen eine Überforderungs-Situation entstehen. Das ist in der Berufsbildung umso wahrer, als hier auch noch Leistungsdruck hinzutritt. Beidem entgegen zu wirken, ist eine der wichtigsten und vornehmsten Aufgaben des Praxisanleiters und Fachschullehrers gleichermaßen.

Doch was erlebe ich in dieser Hinsicht? Manche Praxisanleiter scheinen echt der irrigen Meinung zu sein, dass die Persönlichkeitsbildung abgeschlossen zu sein hat, wenn das “Rohmaterial” in ihre kundigen Hände gelegt wird; und sie bestenfalls noch die Grate schleifen müssen, um den Diamant zu Funkeln zu bringen. So ein Käse! Zuallererst muss ich als Ausbilder an meiner eigenen Einstellung arbeiten, denn sie wirkt auf meine Azubis; im Guten, wie im Schlechten! Und ich nehme mich selbst da nicht aus. Auch an mir erlebe ich dann und wann, dass ich ungeduldig reagiere, mir nicht genug Zeit nehme, die Sorgen meiner Azubis ignoriere, sie stehen lasse, etc. Nicht schön, aber wahr. Denn mir ist bewusst, dass sie mir nur folgen, wenn sie mir vertrauen. Und Vertrauen baut man nicht auf, indem man sie einfach machen lässt.

Natürlich müssen sie manche Fehler selber machen, um zu wissen, wie man diese in Zukunft vermeidet. Aber ich lasse sie doch nicht sehenden Auges in die Jauchegrube stürzen. Mache ich mit meinen Kindern ja auch nicht. Und selbst, wenn das Bild natürlich nicht ganz passt, denn weder sind sie noch Kinder, noch sind sie MEINE Kinder – die Verantwortung, die ich für sie übernehme, ist jener als Elternteil ziemlich ähnlich. Ein Umstand, dessen Kenntnis manche meiner Kollegen oft vermissen lassen. Ebenso, wie die gelegentlich nötige Distanz. “Tue, was ich sage, nicht was ich tue!” ist in diesem Kontext ein bescheuertes Credo. Ausbilden Können hat was mit Leadership Ability zu tun. Und geführt wird von vorne!

Ich stehe an dem Punkt, da ich auf manche dieser Dinge bald etwas mehr Einfluss nehmen kann und ganz gewiss wird die Fortbildung von Praxisanleitern einer der Punkte auf meiner Agenda sein, dem ich besonderes Augenmerk widmen möchte. Denn ich kann – und das ist eine wichtige Message – vielen Praxisanleitern gar keinen Vorwurf machen, da sie es selbst nicht besser gelehrt bekommen haben! Hier liegt noch viel Arbeit vor der Community und ich will gerne meinen Beitrag dazu leisten, dem notwendigen Erziehungsaspekt der beruflichen Bildung die Aufmerksamkeit zu verschaffen, die ihm gebührt. Bis die Tage.

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Erwachsen bilden #11 – Kommunikation ist eine Kunst…?

Ich finde es irgendwie lustig, wenn manche 3-jährig Auszubildenden, aber auch Kollegen, welche sich gerade durch die Weiterbildung zum Notfallsanitäter leiden müssen, zusammenzucken, wenn das Thema “Kommunikation” auftaucht. Man hat ja als Mensch diese naive Vorstellung, dass man sich schon mit Anderen austauschen könne und damit “die Beer g’schält wär”, wie man hier in der Gegend manchmal so sagt; an dieser Stelle Obacht: diese Redewendung ist älter. Jedenfalls zieht es sich wie ein roter Faden durch die Unterrichte, in welchen ich zu den mannigfaltigen Aspekten dieses Themenkomplexes referiert habe, dass die Leute fast körperliche Schmerzen zu bekommen scheinen, wenn ich das Wort nur in den Mund nehme.

Dabei ist Kommunikation, gleich auf welchem Kanal sie stattfinden mag, ein ubiquitärer Bestandteil unseres Daseins. Ich verweise – allerdings nicht ohne Schmunzeln – an dieser Stelle noch mal auf das erste Axiom nach Watzlawick: “Man kann nicht NICHT kommunizieren!”. Ist ein Allgemeinplatz, der jedem halbwegs intelligenten Lebewesen sofort einleuchtet und daher im Grunde keiner weiteren Erörterung würdig. Außer vielleicht, dass jeder von uns gut daran tut, sich Freiräume von Kommunikation zu schaffen. Denn wir haben, realistisch betrachtet, viel zu viele Kanäle, denen wir Beachtung schenken zu müssen glauben!

Ich habe mich selbst die Tage dabei beobachtet, wie ich innerhalb von etwa einer Stunde Telefon, E-Mail, Whatsapp©, Telegramm©, Threema© benutzt habe, wozu dann täglich noch Facebook©, seltener Instagram© und gelegentlich noch Skype© und GoTo©, sowie seit allerneuestem Slack© kommen. Und worauf lese ich meine Zeitung? Richtig, auf einem portablen digitalen Endgerät, dass all diese Kanäle in gebündelter Form zur Verfügung stellt. Es liegt jetzt übrigens auch auf dem Schreibtisch neben der Tastatur, mit der ich diese Worte schreibe. Ist das zu fassen?

Wenn jetzt irgendeiner die Schlagworte “Digital Detox” und “Achtsamkeit” im Kopf hat – davon rede ich gerade nicht. Natürlich hat es was mit Selbstsorge und Erhalt der eigenen Humanität zu tun, wenn man versucht, etwas weniger Zeit in soziale Medien und dafür mehr in das reale Leben zu investieren. Doch mich treibt natürlich die Frage um, ob man dem überhaupt entkommen kann? Und – falls die Antwort darauf JA lautet – wann und wie man das tun sollte?

Mit Blick auf die Auszubildenden muss ich als Pädagoge die Wirksamkeit digitaler Medien (seien das Cloudspaces für Materialien, Aufgaben und Lerntagebücher, Whatsapp-Gruppen zur Terminabstimmung, o.Ä.) kritisch hinterfragen. Gewiss bezeichnen wir unsere aktuellen Auszubildenden-Kohorten gerne als “Generation Z” und unterstellen allen, dass sie “Digital Natives” wären. Was sich – bei näherer Betrachtung – nicht selten als töricht herausstellt. Natürlich ist bei diesen jüngeren Menschen, die Telefonhäuschen, drei Programm im Fernsehen und 300-Baud-Modems nur als historische Relikte eines lange untergegangenen Zeitalters kennen, der Umgang mit neuen Medien oft sehr intuitiv. D. h. aber mitnichten, dass man sie da einfach schon mal rumwursteln lassen kann, weil sie das ja eh alles besser raffen als ich…

Die Pluralität der Kanäle und die Flut der zu verarbeitenden Informationen hat mitnichten innerhalb einer Generation eine evolutionäre Veränderung des Gehirns herbeigeführt. Wir haben immer noch nur ein Sensorisches Register, ein Arbeitsgedächtnis und ein Langzeitgedächtnis zur Verfügung, die während eines Tages in den Weiten des Netzes Höchstleistungen zu vollführen haben. Denn Medienkonsum muss moderiert werden, damit er nicht a) ins Leere läuft, oder zumindest die falsche Richtung und b) auch relevante Informationen zu Tage fördert, um Lernprozesse anzuregen. An dieser Stelle scheitern die meisten Lernplattformen kläglich. Einfach nur kuratierten Content auf eine Webseite zu klatschen, kriege ich auch in ein paar Minuten hin. Den Content für den Schüler mit Sinn anzureichern und so Lernen auszulösen ist die Kunst. Ich empfehle hier folgenden Buchtitel: “E-moder@ting” von Gilly Salmon. Man muss sich vor dem Englisch nicht fürchten…

Wenn ich irgendein Projekt zu managen habe, das im Laufe der Zeit wächst und irgendwann auch mehr Mitarbeiter haben wird, komme ich nicht umhin, Daten, Deadlines, Strukturen, Meilensteine, etc. mit jenen zu teilen, die an dem Projekt teilhaben, oder es auf höherer Ebene verantworten. Und das gute alte Vier- oder Sechs-Augen-Gespräch ist natürlich eine wohltuend persönliche und zielorientierte Angelegenheit. Nichtsdestotrotz müssen viele Dinge im Laufe des Tages auf unterschiedlichen Wegen abgestimmt werden. Wenn ich dabei jedes Mal ein persönliches Gespräch führen möchte, werde ich irgendwann wahnsinnig. Entweder wahnsinnig viele Kilometer verfahren, wahnsinnig viel Zeit verschwenden, oder eben einfach nur wahnsinnig.

Moderation von Blended-Learning und Koordination von Projekten sind gute Beispiele für die Komplexität von Kommunikationserfordernissen. Und dabei habe ich noch kein Wort darüber verloren, worin die ganzen Hindernisse bestehen. Darüber reden wir gerne ein anderes Mal. Für heute möchte ich es dabei belassen, jeden dazu aufzurufen, mehr über Kommunikation zu lernen. Denn wenn wir bewusster, gezielter und achtsamer miteinander umgehen, machen wir unsere Welt besser. Guten Abend.

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Erwachsen bilden #10 – Yo bro, how’s your teaching?

Ach verdammt, hast du manchen Gedanken erstmal im Kopf, geht er einfach nicht mehr weg. So wie ich im letzten Artikel dieser Serie auf das Thema Fortbildungen für rettungsdienstliches Lehrpersonal eingegangen bin, habe ich damals auch das Thema des Nicht-Unterrichten-Könnens kraft Bachelor-Studium gestreift. Und wenn ich ehrlich sein soll – die Frage, wie man ein Refendariat in berufsbildenden Schulen meiner Profession implementieren könnte, ohne dass die Kosten dafür vollkommen aus dem Ruder laufen, lässt mich im Moment nicht mehr los.

Ich weiß heute, mit 25 Jahren Berufserfahrung und dem geschulten Blick des Ausbilders, wie grausam schlecht meine eigene Rettungsassistenten-Ausbildung zumindest streckenweise war, weil die Ausbilder selbst nie so richtig Ausbilden gelernt hatten. Man kann sich vieles autodidaktisch beibringen und methodischen Mangel – zumindest ein Stück weit – durch Talent ausgleichen. Und natürlich wird jemand, der bereit ist, aus seinen Fehlern zu lernen, mit der Zeit immer besser. Das ist in jedem Gewerk so, auch bei Lehrern. Aber dennoch passieren immer noch zu viele Fehler und es wäre unseren Auszubildenden gegenüber ungerecht, wenn wir dem nicht etwas entgegenzusetzen versuchten.

Ich weiß, wie es mir ging, als ich vor ein paar Jahren mit dem Unterrichten an Berufsfachschulen anfing. Ich hatte durch’s Studium tonnenweise Wissen im Kopf, Ideen, Strukturen, etc; und ich kannte die Methoden – theoretisch. Ich weiß nicht mehr, ob ich genug gefragt habe, ich entsinne mich aber, einige sehr hilfreiche Fragen gestellt und ein paar noch hilfreichere Ratschläge gegeben bekommen zu haben. Und zwar von jemandem, der sein Handwerk wirklich versteht. Wir haben meine Planungen diskutiert und ich konnte mein pädagogisches Instrumentarium testen und schärfen. Und doch – ich hätte mich über jemanden, der einfach mal hinten drin sitzt und mir direkte Manöver-Kritik für meinen Unterricht gibt, sehr gefreut!

Ich hatte einmal einen Methoden-Workshop (ein Arbeitgeber-internes Seminar), der wirklich geknallt hat. Gehalten von einem Gymnasial-Lehrer, der nicht nur mein Methoden-Verständnis erweitert hat, sondern auch ECHTES Feedback geben konnte. Etwas, womit ich immer noch und immer wieder kämpfe. So etwas stelle ich mir für, frisch an die Berufsschule kommende Lehrer vor. Du kommst mit deinem Bachelor daher und dann genießt du erstmal ein Methoden- und Feedbacktraining und in wirst den ersten drei Monaten deines Unterrichtslebens wöchentlich einmal (und wenn’s nur ein Vormittag ist) von einem erfahrenen Kollegen auditiert. Ich habe keine Ahnung, ob ich das vom Start weg implementiert bekomme. Aber es ist mir ein Anliegen. Denn wenn die Institution, an deren Entwicklung ich beteiligt bin, es anders, besser machen möchte, als die bestehenden Institutionen, gehören solche Dinge definitiv auf meine To-Do-Liste!

Talking about money: Legen wir die Ausbilderstunde mit einem rechnerischen Wert von ca. 40,00€ zu Grunde (was die Kostenstruktur bei hausinterner Abwicklung, also Arbeitszeit, Sozialabgaben und Opportunitätskosten ganz gut darstellt), betrügen die Kosten für eine solche Unterrichts-Begleitung zuzüglich eines zweitägigen Einführungs-Seminars für einen Lehrer übrigens rund 3.000,00€. Ich finde, das darf uns eine gute Ausbildung des Lehrpersonals wert sein. Insbesondere unter dem Aspekt des Fachkräftemangels kann man das auch als Maßnahme zur Steigerung der Personalbindung sehen. Ich werde sehen, ob diese Argumentation verfängt- Wir hören/lesen uns.

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Erwachsen bilden #09 – Klugscheißer?

Menschen, die sich mit Lernpsychologie nicht so auskennen, haben ja immer diese mechanistische Vorstellung von Unterricht: dass ich morgens im Lehrsaal die EZ-IO auf der Stirn des Schülers ansetze, mir so einen direkten Zugang zu seinem Gehirn verschaffe und eine Art Upload des notwendigen Wissens und der handwerklichen Fertigkeiten in Gang setze, der schnell und sauber dafür sorgt, dass dieser Mensch alsbald produktiv zum Einsatz kommen kann. Insbesondere Chefs haben diesen Anspruch. Allerdings ist diese Denke in mehr als einer Hinsicht Käse.

Sie lässt die Beschaffenheit des Lernprozesses außer Acht, der sich mitnichten bei jedem Menschen gleich schnell oder gleichartig vollzieht. Und sie negiert die Notwendigkeit, zuerst herausfinden zu müssen, ob der Mensch, der vor mir sitzt überhaupt für diese Art von Tätigkeit geeignet ist, deren Beherrschung ihm zu vermitteln ich nun aufgerufen bin. Zumindest gegen Letzteres ist ein Kraut gewachsen und auch viele Entscheider im Gesundheitswesen haben mittlerweile begriffen, dass der Aufwand für ein gut strukturiertes Assessment-Center keinesfalls Ressourcen-Verschwendung ist.

Gegen das Erstere wirke ich direkt durch meine Unterrichtsgestaltung. Da vorgenannte Menschen ohne Ahnung über mein Fachgebiet allerhöchstens murren, wenn sie Rechnungen für Dinge präsentiert bekommen, die sie auf Grund des beschriebenen Mangels an Expertise nicht vollständig verstehen können, ist es mein Job, dafür zu sorgen, dass der Deckel finanziell nicht vollkommen vom Topf fliegt und mit den zur Verfügung stehenden Mitteln und Medien dennoch den Shit zu rocken. Kann ich. Läuft.

Es wirft allerdings die Frage auf, ob, bzw. wie ich es schaffen kann, trotz systemischer Ressourcenknappheit innovative Konzepte zu entwickeln und zu implementieren. Auch die Bildungslandschaft entwickelt sich ja weiter und speziell in der Erwachsenen- und Berufsbildung ist es notwendig, mit den Entwicklungen Schritt zu halten, oder gar selbst welche zu liefern. Insbesondere da das Fachgebiet, in welchem ich unterrichte eines ist, das ständigen Veränderungen der zu vermittelnden Inhalte unterliegt. Man kann den Prozess mit dem Virenscanner auf dem heimischen Computer vergleichen. Wird der nicht regelmäßig geupdated, habe ich im schlimmsten Fall einen Totalausfall mit Datenverlust zu befürchten.

Nehmen wir jedoch an, dieser Computer steht in der Leitwarte eines Kraftwerkes und ein Virus legt ihn so lahm, dass das Kraftwerk ausfällt… wie haben die das in “Stirb Langsam 4.0” genannt? Einen “Firesale”? Denken wir nun an einen Ausbilder für Rettungsfachpersonal, der seinen Schülern Käse beibringt; ist schon ein bisschen wie ein Firesale, oder? Immerhin übernehmen die Schüler auf der Basis des Vermittelten später Verantwortung für Gesundheit und Leben anderer Menschen. Es klingt also vernünftig, auch die Ausbilder regelmäßig zu updaten. Hier treffen wir allerdings auf zwei Problemstellungen.

Zum einen sind Ausbilder im Rettungsdienst, vor allem die Praxisanleiter auf den Wachen, voll in den normalen Dienstbetrieb eingebunden und haben weder die Ressourcen (vor allem Zeit), ihre Arbeit ordentlich zu machen, noch bekommen sie die Gelegenheit sich selbst fortzubilden. Und damit meine ich noch nicht mal die medizinischen Fortbildungen. Die sind hier in Baden-Württemberg ja mit 30h/anno im Landesrettungsdienstgesetz §9, Abs. 4 festgeschrieben. Ich rede vom Erhalt der Ausbilderqualifikation durch pädagogische Fortbildungen. Und da herrscht in Ba-Wü Niemandsland…

Es ist zwar schön, dass man jetzt für Klassenlehrer in der NotSan-Ausbildung eine Hochschulqualifikation vorschreibt. So ein Bachelor in Medizinpädagogik ist was Feines. Allerdings können die Leute dadurch nicht automatisch unterrichten, denn das lernen z.B. die Lehrer im Refendariat. So etwas gibt es an Berufsfachschulen nicht. Und auch Fortbildungen für diese Lehrkräfte gibt es noch nicht. Geschweige denn, dass jeder versteht, was ein Lernfeldorientiertes Spiral-Curriculum ist. Und dann stehen oft genug jene, die denken, sie könnten unterrichten vorne und verfallen doch wieder in Fachsystematik. Oder erzählen den Youngstern Käse. Oder wissen nicht, was jetzt gerade angezeigt wäre, weil ein Honorardozent zwar für Anfahrt und Unterricht bezahlt wird, nicht jedoch für die Vorbereitung. Und so mancher macht dann halt einfach irgendwas, nur nix Gescheites.

Womit wir beim zweiten Problem, nämlich den Entscheidern wären, die, wie gesagt, den notwendigen Aufwand nicht durchschauen können, weil ihnen dazu das fachliche Wissen fehlt. Viele treten dann auf die Bremse, weil Ihnen ein fahrender RTW wichtiger ist, als ein gut ausgebildeter, motivierter und mit den notwendigen Ressourcen ausgestatteter Ausbilder. Dass dieser Ausbilder tatsächlich dafür sorgt, dass nämlicher RTW auch in Zukunft noch fahren wird, weil das Personal dafür vorhanden ist, wird dabei allzu oft gerne übersehen. Personalbindung entsteht nämlich heutzutage über eine qualitativ hochwertige Ausbildung. Und die braucht vor allem eines: Zeit für den Azubi! Immerhin: manche Entscheider springen über ihren Schatten und sagen vertrauensvoll: “Mach, was du für richtig hältst, so lange das Budget sich nicht Stuttgart 21 annähert!” Und genau damit befasse ich mich im Moment.

Ein Kollege von mir sagt immer: “Zum Klugscheißen muss man klug sein!” Die Frage, die ich mir in letzter Zeit oft stelle ist, ob er – und vielleicht auch manch anderer – dann auch klug genug ist, sich und sein Ego zu hinterfragen. Denn oft genug müssen wir beim Design von Maßnahmen der Erwachsenenbildung um die Ecke denken, damit die Schüler geradeaus begreifen können. Etwas mehr Demut vor der Aufgabe und ein Quäntchen Respekt für die Ansprüche und Sorgen des Schülers wäre hier angebracht. Aber ich träume vermutlich zu viel. Mir bleibt nur zu sagen, dass wir noch einiges zu tun haben, bevor die Ausbildung wirklich rund läuft. in diesem Sinne: schönes Wochenende.

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Erwachsen bilden #08 – Geht’s auch gerechter…?

Neue Projekte geben einem die Chance auf einen Burnout. OK, das war jetzt böse und auch ein bisschen unredlich, denn eigentlich bin ich im Moment voller Energie und Tatendrang. Was daran liegen könnte, dass ich a) mit einem höchst spannenden Projekt betraut wurde und b) überdies wieder im Lernmodus bin. Zu (b) kann ich sagen, dass die Aufnahme eines Masterstudiums von mir schon lange eingeplant war, weil der Weg, den ich nun gehen will und soll noch mehr Wissen und Kompetenzen verlangt, als ich mir schon angeeignet habe. Ich sage ja schon seit Jahren, dass die Ausbildung von Notfallsanitätern auch für die Ausbilder ein Lernprozess ist. Nun darf ich das, einmal mehr, am eigenen Leibe erfahren.

Wenn man eine Institution, quasi von Grund auf, mit aufbauen darf, bedeutet das natürlich einerseits viel Verantwortung; aber auch große Gestaltungsspielräume. Natürlich sind gewisse Regeln, die von der übergeordneten Organisation gesetzt werden ebenso verbindlich, wie die gesetzlichen Regularien und Anforderungen. Trotzdem bleibt ein weites Feld, auf dem viel möglich ist. Mir geht es dabei nicht nur um die Inhalte, sondern vor allem auch um die Kultur einer Organisation. Die Inhalte meines Feldes sind weitestgehend klar. Da wird Rettungsfachpersonal ausgebildet, welches später in Deutschland tätig werden soll. Doch der Weg dahin, junge Menschen zu Rettungs- und Notfallsanitätern wachsen zu lassen, ihnen zu vermitteln, wie man seine Arbeit nicht nur mit dem Kopf und den Händen, sondern eben auch mit dem Herzen macht, das ist ein steiniger; in mehr als einer Hinsicht eine Herausforderung.

Ich habe vor einigen Wochen bereits etwas über die Notwendigkeit für einen Kulturwandel in meiner Profession geschrieben. Also, eigentlich betrifft dies ja das ganze Gesundheitswesen, aber wir wollen es ja mal nicht gleich übertreiben. Doch etwas zu verändern, beginnt denn bekanntlich zunächst bei einem selbst. Und eingedenk dessen, was ich damals von mir gab, mache ich mir natürlich Gedanken darüber, wie ich eine solche Kultur von Grund auf in in dieser Institution etablieren kann, die ich aufzubauen mit aufgerufen bin. Denn was wäre ich für ein Heuchler, wenn ich diese Chance nicht ergreifen würde? Die Chance, nicht nur meine Kollegen, sondern eben auch die Auszubildenden vom ersten Tag an daran zu gewöhnen, sich ihren Fehlern konstruktiv zu stellen und daraus zu lernen. Und diese Einstellung, diese positive, gerechte Fehlerkultur auch in die Organisationen zu tragen, in denen sie später tätig werden.

Im Moment ist das nur ein Traum, aber ich werde mein Möglichstes tun, um ihn wahr werden zu lassen, so gut es mir eben möglich ist. Denn als Ausbilder ist mein wichtigstes Ziel, die mir anvertrauten Menschen dazu zu befähigen, ihr bestmögliches Selbst zu werden. Nicht nur beruflich, sondern in ihrer Gesamtheit als Person. Das klingt jetzt vielleicht ein bisschen pathetisch, aber ich bin ein Idealist. Kann man als Schimpfwort benutzen, wenn man möchte. Oder man akzeptiert einfach, dass man selbst der Wandel sein muss, den man in der Welt sehen möchte. Man weiß heute, dass auch Ghandi seine bigotten Seiten hatte; doch das macht diese Worte trotzdem um nichts weniger wahr.

Am Ende des Tages möchte ich mir sicher sein können, dass meine Bemühungen hilfreich waren, meine Profession – für die ich immer noch brenne – und das auch das Gesundheitswesen als Ganzes ein bisschen besser zu machen. Nicht nur fachlich, sondern eben auch menschlich. Andernfalls könnte man nämlich hübsche kleine Unterrichtungsroboter vorne in die Klassenzimmer stellen. Doch es ist die Hitze der Reibung, welche durch Ambivalenz und Ambiguität entsteht, die das Feuer des Lernens immer wieder entfachen kann. Und diese Reibung entsteht nur in der Zwiesprache mit einem geeigneten Subjekt – einem Lehrer. Und auch wenn das Wort “Lehrer” für so manchen einen negative Konnotation hat, weil die Erinnerungen an die eigene Zeit im allgemeinbildenden Schulsystem vielleicht nicht die allerbesten sind, bleibe ich dabei, dass ein Pädagoge im beste Wortsinn zum Lernen anstiften kann.

Dabei ganzheitlich vorzugehen – d.h. nicht nur Skills in die Auszubildenden hinein zu trommeln, sonder sie tatsächlich auch als Menschen wachsen zu lassen – ist mein erklärtes Ziel. Und ich würde mich freuen, wenn ich dabei selbst auch dazu lernen kann. Denn auch der Pädagoge selbst kann nur besser werden, wenn er sich an etwas reiben muss. Also, wenn er auf seine Fehler aufmerksam gemacht wird. Ich freue mich auf die neuen Aufgaben und das Lernen. Und wie sieht es mit euch da draußen aus?

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Erwachsen bilden #07 – Die große Le(e/h)re…

Selbstzweifel sind ein alter Bekannter, der immer mal wieder zu Besuch kommt. Geht vermutlich jedem so. Und so lange man sich nicht gerade darin ertränkt, ist das auch keine große Sache. Mit sich zu hadern, die eigenen Fähigkeiten und Kenntnisse noch mal überprüfen zu wollen (im Zweifel auch durch jemand anders), ist doch irgendwie ein Zeichen für die Fähigkeit zur Selbstreflexion. Allerdings sagt Paracelsus ja, dass jedes Ding ein Gift ist; nur die Dosis macht, das ein Ding kein Gift ist…

JA, er meinte das pharmakologisch. Und trotzdem ist es für viele andere Dinge des alltäglichen Lebens ebenso wahr. So auch mit Bezug auf das Selbstwertgefühl. Zu viel ist nicht gut (=> Egoismus, Narzismus), zu wenig ebenso wenig (=> Selbstzweifel bis zur Depression). Um den gesunden – also den, nach Paracelsus, nicht-toxischen – Bereich zu finden und beibehalten zu können, braucht es einiges an Selbstdisziplin; und manchmal auch externe Hilfe.

Wir alle erzählen gerne eine positive Geschichte unserer selbst. Man möchte ja mit sich selbst im Reinen sein. In der Sozialpsychologie spricht man von der Selbstwirksamkeit des individuellen Narrativs. Unsere Persönlichkeit besteht, von außen betrachtet, aus vielen verschiedenen Rollen, die wir miteinander integrieren müssen: Elternteil, Kind, Lebensgefährte, Freund, Feind, Kollege, etc. Alle Rollen tragen in sich unterschiedliche Anforderungen an uns. Vom Praxisanleiter oder Ausbilder wird etwas anderes erwartet, als vom Vater oder Ehemann. Klingt logisch, oder?

Dennoch wirken diese unterschiedlichen Rollen aufeinander; immerhin sind sie alle gleichzeitig ein Teil von uns, der zu gewissen Zeiten rausgeholt und präsentiert wird. Das heißt, Handlungsmuster einer Rolle können durchaus auf eine andere Rolle überstrahlen und diese so modifizieren. Oft geschieht das unbewusst und solche Muster, die sich in all unseren Rollen wiederfinden, sind hoch integrierende Bestandteile unserer Persönlichkeit. Manchmal ist es eine charmante Macke, die zu einem persönlichen Kennzeichen wird; manchmal eine Handlungsressource (wie etwa Ordnungssinn), die uns sogar hilft, unseren Alltag besser zu bestreiten.

Gehen wir mit unseren Rollen allerdings zu bewusst um – d.h. “spielen” wir eine Rolle bewusst aus – kommen wir vermutlich als wenig authentisch rüber. Sind wir einfach nur wir selbst, geben wir uns u.U. gegenüber unseren Mitmenschen der Lächerlichkeit preis, oder machen uns durch den hohen Grad an Selbstoffenbarung angreifbar für jene, die Schwächen ihrer Mitmenschen gerne ausnutzen. Psychopathologisch betrachtet sind solche Menschen, die ihre Stärke aus der Schwäche anderer ziehen wollen oder müssen, natürlich eigentlich die schwächeren Menschen…

Mich persönlich treibt, mit Blick auf diese Gedankengänge die Frage um, wie ich auf jene Menschen wirke, die mir zur Ausbildung/Betreuung anvertraut sind. Sieht man sich das Auftreten der sogenannten Generation Z an, aus der sich mittlerweile fast alle Azubis in meinem Berufsfeld rekrutieren, so stelle ich fest, dass die jungen Leute sich ihres Marktwertes besser bewusst sind, das auch einsetzen und insgesamt häufig fordernder gegenüber ihren Ausbildern und dem Betrieb sind. Das lässt Menschen meiner Generation (der Definition nach Generation X) oft ratlos zurück. Ich wurde von meinem Vater mit Arbeit als Wert an sich vertraut gemacht und lebe das bis heute. Es ist quasi teil meiner professionellen DNA. Doch diese jungen Menschen fragen – ohne dass ich das hier bewerten möchte – zunächst, was der Betrieb für sie tun kann. In meiner Generation wurde dieses Frage noch umgekehrt gestellt. Und so gut wie alle Entscheider, die ich kenne, stammen ebenso aus meiner Generation. Was zu Konflikten führen kann…

Denn einerseits bin ich natürlich aufgerufen , “ihnen etwas beizubringen” (wer weiß, dass ich konstruktivistisch denke, dem wird klar sein, dass “etwas beibringen” eine vollkommen verkehrte Vorstellung von Lernen ist); andererseits ist Berufsbildung immer auch, ein Stück weit, Persönlichkeitsbildung. Und der Generation-Gap stellt manchmal einen nebligen Ozean dar, auf dem sich’s nur schwer navigieren lässt. Denn natürlich muss jeder, neben den universellen, unverhandelbaren Werten (wie etwa den Menschenrechten), die ich natürlich auch beim Unterrichten vertrete, seinen eigenen moralischen Kodex entwickeln. Sie dabei zu unterstützen, ist eine meiner Aufgaben. Und keine leichte…

An dieser Stelle sei angefügt, dass ich keinen weltanschaulichen Unterricht mache. Politik, Ethnie und Religion haben keinen Platz, wenn man Notfallsanitäter ausbildet, weil diese Dinge keinen Platz im Rettungswagen haben. Vor den Naturgewalten und dem Rettungsdienst sind alle Menschen gleich. Ich will lediglich, dass meine Azubis in der Lage sind, sich stets eine informierte Meinung zu bilden.

Also versuche ich, sie zur Selbstreflexion zu führen. Mal mehr, mal weniger erfolgreich. Aber nun wird hoffentlich klar, das Selbstzweifel sowohl ein alltägliches, als auch ein Meta-Problem meiner Arbeit darstellen. Denn im trüben Wasser der fortlaufenden Entwicklung des Berufsfeldes Rettungsdienst, sowie der Gesellschaft und ihrer Kultur, in die es eingebettet ist fischen zu müssen, ist für mich selbst gleichsam ein Lehr- und Lernprozess. Dabei tagtäglich sozial adäquat, fachlich korrekt und Bedürfnis-orientiert zu handeln, ist eine Herausforderung, der ich mich gerne stelle, denn ich empfinde dabei durchaus Erfüllung. Allerdings ist nicht immer ganz klar, ob ich im jeweiligen Subjekt meines Tuns Lehre oder Leere erzeuge. Aber ich versuch’s weiter. In diesem Sinne, noch ‘n schönen Tag.

Auch zum Hören…

Erwachsen bilden #06 – Kulturwandel olé

Jeder, der ein bisschen was von Marketing versteht, weiß, dass man mit dem richtigen Konzept auch abseitige Ideen an den Mann bringen kann. Der zunehmende Erfolg rechts-nationaler Politik überall in Europa und auch auf der restlichen Welt spricht diesbezüglich Bände. Und so ist es kein Wunder, dass manches Konzept, welches bei näherer Betrachtung wertvoll ist, zunächst meinen Widerwillen erregt, weil es vermarktet wird. Nicht mal wegen der Art der Vermarktung, sondern einfach nur, weil jemand dafür wirbt. Soweit ist es mit meiner Social-Media-Konditionierung also schon gekommen. Und das bedaure ich, denn gelegentlich stolpert man in der Masse von Publikationen, welche sich selbst auf die Fahnen schreiben, Game-Changer sein zu wollen, tatsächlich über eine Perle.

Whack – a – mole.

Die Bezeichnung für dieses Spiel, bei der man mit einer Schaufel auf den Maulwurf kloppt, der so blöd ist, seinen Kopf aus einem Loch zu stecken. Das ist David Marx’ Analogie zu unserer vorherrschenden Fehlerkultur im Gesundheitswesen. Wer einen Fehler begeht, wird dafür bestraft, anstatt sich den Fehler zum Anlass zu nehmen, daraus zu lernen, um zukünftige Wiederholungen dieses Fehler vermeiden zu helfen; und demjenigen, der diesen gemeldet hat, für seine Ehrlichkeit zu danken.

Das Buch ist mitnichten neu. Im Original von 2009, in einer zweiten Auflage von 2014 nun auf meinem Schreibtisch liegend, thematisiert es zunächst die Fehlbarkeit des menschlichen Individuums. Insbesondere in Berufsgruppen, in denen von den Tätigen nicht weniger als Perfektion erwartet wird. Zu unrecht erwartet wird! Denn Perfektion ist ein Ziel, nach dem viele Menschen streben und das doch noch keiner erreicht hat, weil es unabdingbarer Teil der menschlichen Natur ist, fehlbar zu sein. Und damit ganz automatisch immer und immer wieder Fehler zu machen. Auch – vielleicht sogar besonders dort – wo Perfektion als Voraussetzung für die Beschäftigungsfähigkeit angesehen wird. Zum Beispiel im Gesundheitswesen, wo Fehler zweifelsohne zu Schäden an Leib und Leben der uns anvertrauten Patienten führen können. Was – allem Training zu Trotze – nichts an der Fehlbarkeit des Menschen ändert.

Und so ist David Marx’ Buch denn auch ein Plädoyer, einerseits zu verstehen, dass 100% Fehlerlosigkeit in keinem Berufsfeld und unter keinen Umständen erwartbar ist. Und andererseits in der Folge dieser Feststellung zu einem neuen Umgang mit Fehlern zu finden; weg von der sinnlosen Bestrafung des unabdingbaren menschlichen Makels Fehlerhaftigkeit, hin zu einem konstruktiven Umgang damit. Zum beispiel durch die Schaffung besserer Systeme zur Fehlerprävention. Und indem ich Menschen dahin führe, bei kritischen Entscheidungen die bessere (sichere) Option zu wählen. Das ist jedoch nur möglich, wenn ich aufhöre, Menschen für Fehler, die sie im Rahmen ihrer Verrichtung nach bestem Wissen und Gewissen begangen haben zu bestrafen, als wenn sie mit Vorsatz gehandelt hätten. Und ihnen so die Chance gebe, über den Fehler offen zu reden. Die dann möglichen präzise Analysen und daraus resultierenden Veränderungen an Arbeitsabläufen führen zu besserer Fehlervermeidung.

Es ist ein Aufruf zum Systemwandel. Und auch, wenn seit der Erstpublikation schon 10 Jahre ins Land gegangen sind und Marx’ Analysen natürlich primär seine Heimat USA betreffen, hat das Buch dennoch weder etwas an Aktualität verloren, noch ist es für unser bundesrepublikanisches Gesundheitswesen irrelevant, da wir vielerorts exakt die gleichen – falschen – Methoden im Umgang mit Fehlern und Beinahe-Fehlern pflegen, die hier beschrieben wurden.

Ich mache wirklich selten Werbung, aber dieser Titel ist für jeden healthcare-professional einen Blick wert. Insbesondere, wenn man ein Interesse daran hat, Patienten-Benefit UND Arbeitsbedingungen gleichzeitig zu verbessern. Vielen Dank für die Aufmerksamkeit.

Auch zum Hören…

Erwachsen bilden #05 – Keep your distance, buddy…

Man muss es einfach mal sagen: mit 45 bin ich kein junger Hüpfer mehr. Also, ich fühle mich nicht alt (nur manchmal, nach einer Woche des frühen Aufstehens vielleicht) und habe immer noch jede Menge Spaß an Musik, an Kino, am Zocken, etc . Aber manche Expressionen der zeitgenössischen Jugendkultur verstehe ich nicht mehr so, wie noch vor 10 Jahren. Könnte daran liegen, dass mich dieses ganze trendige Gesummse und Gebrumse einfach nicht interessiert. Aber manche Sachen kapiere ich einfach nicht. Z.B. nackige Knöchel bei -2°C.

Nun ist es so, dass ich – berufsbedingt – viel mit jungen Menschen zu tun habe. Und ich gewinne den Eindruck, dass die meisten von denen mich, den grauen Haaren und der Plautze zum Trotz, dennoch nicht als alten Sack sehen, sondern eher auf Augenhöhe. Irgendwie ist das schmeichelhaft. Aber leider auch gefährlich. Denn obschon ich durchaus Sympathien für meine jungen Kolleginnen und Kollegen (egal, ob noch in Ausbildung, oder schon fertig mit der Welt) empfinde, bin ich als Ausbilder dazu aufgerufen, professionelle Distanz zu wahren.

Man kann miteinander arbeiten, miteinander Quatsch machen, miteinander über alles mögliche reden und auch mal miteinander ein Bier trinken; was heute Abend der Fall sein wird. Und doch bleibt da eine unüberbrückbare Distanz zwischen uns. Denn ich diene in meiner Funktion, egal, ob ich und die anderen das wollen oder nicht, als Role-Model, also als Vorbild und irgendwie auch als Respektsperson. Auch wenn ich mir mit meiner flapsigen Fletsche manchmal alle Mühe geben, das zu untergraben.

Doch, wie man es auch dreht und wendet: diese Distanz muss ich wahren. Tue ich das nicht, so wie mancher Ausbilder-Kollege vor mir es getan hat und gewiss auch noch mancher nach mir es tun wird, endet das unweigerlich in einem Desaster. Die schlimmste denkbare Entgleisung ist dabei eine Beziehung zu einem der eigenen Azubis einzugehen. Denn das unterminiert den Respekt für die eigene Funktion auch bei den Anderen und konstituiert, zumindest aus meiner Sicht, die Ausnutzung eines Schutzbefohlenen. Das mag altmodisch klingen und ich gebärde mich auch gewiss nicht als jemandes Papa; aber mit so einer Aktion verspielt man seinen ganzen Kredit.

Und wer ein solches Szenario zu Ende denkt, kommt am Schluss ganz schnell bei einem sehr unschönen Vorwurf heraus: sexuelle Belästigung/Nötigung. Denn, wenn in einem solchen Verhältnis die Luft raus ist und es eventuell zu Streitigkeiten kommt, oder aber jemand seine Meinung ändert, ist ratzfatz eine solche Anschuldigung ausgesprochen. Diese stigmatisiert (u. U. Beide), ist nur sehr schwer aus der Welt zu schaffen und kann eine Existenz zerstören. Das wäre es mir niemals wert!

Das ist der Grund, warum ich so gut wie nie jemanden weiblichen Geschlechts in meinem beruflichen Umfeld berühre (dazu sei gesagt, dass ich mich selbst als streng heterosexuell einordne). Das klingt jetzt vielleicht paranoid, aber auch ich bin nicht aus Eis. Und daher versage ich es mir, etwas zu tun, das vielleicht falsch ausgelegt werden könnte. Mal davon ab, dass ich glücklich verheiratet bin… Nun ja, manchmal muss man seine Gedanken einfach mal ordnen und aussprechen. Das ist hiermit getan und ich wünsche allen ein schönes Wochenende!

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Erwachsen bilden #04 – Gimme Feedback…!

Ich habe in den letzten Tagen eine Fortbildungsveranstaltung durchgeführt. Und, wie stets, am Ende natürlich eine Feedbackrunde abgehalten. Denn es gehört in der Erwachsenen-Bildung quasi zum guten Ton, ja fast zum Kanon des Dozenten dazu, sich verbal zu vergewissern, ob er mit seinen Bildungsbemühungen halbwegs im Ziel gelegen hat. Es gibt in einschlägigen Ratgebern ganze Kapitel zur Schlussrunde, die verschiedene Techniken zur Moderation anregen. Vielen Methoden ist jedoch eines gemeinsam: es wird im Plenum gesprochen.

Manche Menschen sprechen nun gerne (und oft auch gewandt) vor anderen Menschen; die meisten sind diesbezüglich jedoch eher zurückhaltend, insbesondere, wenn es um das Äußern von Kritik geht. Einerseits, weil wir in einer Kultur leben, in der Internet-Trollen zwar zum Volkssport geworden ist, im direkten Kontakt jedoch oft Konfliktscheue herrscht. Andererseits, weil man sich die Mühe sparen möchte, tatsächlich noch einmal über das Erlebte und Erarbeitete nachzudenken und zu sprechen. Natürlich hängt das auch von der Art und der angestrebten inhaltlichen Tiefe der Veranstaltung ab, aber ich sehe oft Menschen, die einfach nur Schluss machen wollen, weil irgendetwas vermeintlich Angenehmeres ruft.

Das versetzt mich in ein Dilemma. Man kann natürlich die Feedbackrunde nicht zu Beginn der Veranstaltung machen. Man braucht aber eine, um etwas über die eigene Qualität, Situationsadäquanz und Kundenorientierung herauszufinden. Trotzdem möchte man die Teilnehmer auch nicht mit zuviel vermeintlichem “Gelaber” belasten. Denn auch das fließt ja in Beurteilungen ein. Also stehe ich oft vor dem Plenum und weiß nicht so recht, ob mich dieses Schlussrunde tatsächlich weitergebracht hat. Denn auch, wenn die Teilnehmer mir in der Mehrzahl positive Kritiken geben, bin ich mir nie sicher, ob die nicht gerade nur sozial erwünscht handeln, damit sie schneller rauskommen. Vielleicht sollte man anfügen, dass ich durchaus zur Selbstkritik neige…

Ich habe einen Freund und Kollegen, der immer sagt, dass man in unserem Job ein EGO braucht, dass kaum durch die Tür passt. Das Problem dabei ist, dass man ja – auch als Dozent – ruhig mal klugscheißen darf, wenn man denn klug ist; die Abgrenzung zur Rechthaberei, zum Dogmatismus und zur Arroganz sind dabei jedoch oft fließend. Und das ist ein Problem. Wenn ich Recht habe, ist das schön. Nur bedeutet es nicht unbedingt, das alle anderen deswegen unrecht haben. Ich persönlich versuche, auch in der Unterrichtssituation ein Teamplayer zu sein, wohl wissend, dass ich niemandem etwas “beibringen” kann, sondern als Lernbegleiter zur Selbsterfahrung des Wissens und der Fähigkeiten hinführen und anleiten muss. Die Mäeutik ist dabei ein steter Begleiter.

Während ich hier so sitze und während dem Schreiben des Textes dem Regen zuschaue, beschleicht mich das Gefühl, dass ich andere Methoden des Feedbacks ausprobieren muss. Aber auch der gute alte Beurteilungsbogen bringt oft wenig Hilfreiches. Vielleicht muss ich das Teilnehmer-Feedback noch tiefer in den Unterricht selbst integrieren. Ich werde euch an den Ergebnissen meiner Versuche irgendwann teilhaben lassen. Bis dahin wünsche ich eine gute Zeit.

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