Erwachsen bilden N°58 – Ich bin erstaunt!

Ich hatte in der abgelaufenen Woche zugleich die Bürde und das Privileg, einer Klasse, die gerade ins zweite Lehrjahr kommt einen ersten, dennoch tiefgreifenden Einblick in eine nicht ganz leichte Kost geben zu dürfen: psychosoziale und psychiatrische Notfälle im Rettungsdienst. Mit Blick auf meine eigene diesbezügliche Krankheitsgeschichte war mir dabei allerdings ein Mü unwohl; was ich übrigens auch gegenüber meinem Therapeuten erwähnte. Er meinte jedoch, dass jemand, der selbst betroffen sei, aus einer Perspektive maximaler Glaubwürdigkeit agieren könne. Ich kann, auch wenn ich heutzutage sehr oft andere Aufgaben übernehme, sehr wohl unterrichten. Doch es gab ein paar Aspekte, die mir Kopfzerbrechen bereiteten. Zum einen musste ich, weil mal wieder mit viel zu wenig Zeitressourcen ausgestattet, auf die Materialien eines Kollegen zurückgreifen. Die habe ich zwar für meine individuellen Dozentenbedürfnisse umgestrickt, dennoch steckte auch darin noch viel Arbeit, denn man muss, sofern man anderer Leute Content nutzt, den Stoff trotzdem selbst noch einmal so tief durchdringen, dass man zumindest die meisten Fragen – ja auch die ungewöhnlichen – ohne große Umschweife beantworten kann. Okay… challenge accepted. Ein zweiter Punkt war ein recht umfangreicher Vortrag zum Thema Depressionen… und einer zum Suizid. Mir wurde einmal mehr bewusst, dass Menschen, die in diesem Job arbeiten, selbst deutlich gefährdeter sind, eine psychische Erkrankung zu entwickeln, als die ganzen Menschen mit Jobs, in denen man nicht mit Not, Elend, Tod und noch vielen anderen negativen Erlebnissen konfrontiert wird. Ich musste da also durch, ohne mich selbst oder meine Schüler*innen zu triggern. Und schließlich musste ich die Erwartung der jungen Leute dämpfen, hinterher wirklich in allen Situationen sofort eine Lösung parat zu haben. Daher war ich heute sehr positiv überrascht, als mir ein paar von ihnen im Plenum offenbarten, verstanden zu haben, dass ein Hauptzweck der Übung vor allem in der Sensibilisierung für eine Materie bestand, deren Betroffene uns NotSans im Umgang sehr viel Geduld abverlangen, deren soziales Stigma inclusive aller möglichen Vorurteile nach wie vor enorm präsent ist. Und denen helfen zu können oft genug durch ein hierin lausig schlecht aufgestelltes Gesundheitswesen, zumeist mangelnde medizinische Selbstkompetenz und das Störfeuer Dritter verhindert wird.

Ich durfte feststellen, dass die Selbstreflexion, die ich stets während meines Unterrichtes einfordere hier stattgefunden hat. Vielleicht, weil ich an einigen Stellen zumindest versucht habe, auch auf mögliche eigene Betroffenheit einzugehen. Vielleicht, weil der eine oder die andere auch über eigene Erfahrungen verfügt. Vielleicht, weil es erst die erste Woche des Schulblocks war. Da ist man meist noch reativ frisch im Kopf. Ganz gleich, welchem Aspekt ich das zuschreiben möchte – aus meiner Sicht war die Woche damit ein voller Erfolg. Wir haben viel Wegstrecke gemacht und keine Motivation vernichtet. Wären meine Arbeitswochen immer so, wäre ich vermutlich letzthin nicht in ein so tiefes Loch gefallen. Doch da ich meine zeitlichen, emotionalen und kognitiven Ressourcen stets zwischen verschiedenen Baustellen aufteilen muss, anstatt mich auf eine bewusst konzentrieren zu können, bleibt mir diese Genugtuung allzu oft verschlossen. Daher feiere ich das jetzt gerade ein wenig. Ulkig ist im Zusammenhang mit dieser Woche im Lehrsaal übrigens der Umstand, dass eine der Schülerinnen mich irgendwann fragte, was das immer für komische Bilder wären, mit denen ich meine Präsentationen oft einleite? (Ja, damit bin ich ertappt: ich benutze Powerpoint(c). Ich versuche allerdings, meine Präsentationen nicht als diese, so weit verbreiteten Textwüsten zu gestalten, welche der Frankfurter Allgemeinen alle Ehre machen würden…) Ich sagte ihr sinngemäß, dass ich wohl relativ häufig ein paar Schritte zu weit dächte und meine Metaphern daher vielleicht nicht für jeden Betrachter funktionieren würden. Das ist der eine Teil der Wahrheit. Der andere: Präsentationen, die nur mit unserer Coporate Identity daher kommen, sehen für mich einfach stinklangweilig aus. Ich möchte ja beim Präsentieren auch Spaß haben. Dennoch möchte ich mir hier kurz die Mühe machen, zu erklären, was ich bei der Auswahl einiger Fotos gedacht und gefühlt habe:

Und damit sei euch ein schönes Wochenende gewünscht!

Auch als Podcast…

Writing Fiction #01 – …where to begin?

Gleich vorneweg: einen Roman schreiben, einen Essay schreiben, einen Blogpost schreiben und ein TTRPG-Abenteuer schreiben, sind vier vollkommen unterschiedliche Dinge. Das eine sucht nach Antworten auf eine spezifische Frage, oder versucht, dem Leser dabei behilflich zu sein, für sich selbst die richtige Frage (oder Antwort) zu finden. Und bedient sich dafür einer logischen Struktur, die (hoffentlich) für Dritte nachvollziehbar ist. Unterhaltsamkeit mag hier ein Bestandteil sein – muss aber nicht unbedingt; das ist der Essay (“essayer” aus dem Französischen für “versuchen” mag einen Hinweis auf den Zweck solcher Texte geben.). Der Blogpost hingegen ist ein freies Medium: er kann ein Essay sein, ein Rant, ein Listicle, eine Selbstreflexion… oder wasauchimmer. Meine Schreibe hier zeigt das, wie ich glaube, recht anschaulich. Alles von den vorgenannten kam hier schon mal vor. Ich kennzeichne das auch nicht. Leser sollen das ruhig selbst herausfinden. Ein TTRPG-Abenteuer ist, so wie die meisten Blogposts eine eher kurze Textform. Zumindest, so wie ich das betreibe. Ich beschreibe in aller Regel “nur” wichtige Non-Player-Characters (NPCs), wichtige Locations, wichtige Gegenstände. Im heutigen Mainstream wird NPC gerne als negativ konnotierte Bezeichnung für Nebendarsteller im Leben des Protagonisten genutzt – der Protagonist ist man natürlich immer selbst! In meiner Wahrnehmung sind NPCs jedoch eigenständige Persönlichkeiten mit Zielen, Motivationen, No-Gos, Gefühlen… halt wie richtige Personen. Ähnliches gilt auch für die anderen u.U. wichtigen Bestandteile des Abenteuers. Denn im Pen’n’Paper entsteht die Geschichte durch die – oftmals unvorhersehbare – Art und Weise, in der die Spielercharaktere mit dieser Welt und den eben genannten Elementen darin interagieren. Ich kann ein und das gleiche Abenteuer mit drei verschiedenen Gruppen spielen und es wird drei Mal unterschiedlich ablaufen und ausgehen. Was aber bedeutet, dass ich mir über die Story vorher weniger Gedanken machen muss. Ich habe vielleicht eine vage Idee, wohin der Zug fahren KÖNNTE. Die muss aber nicht eintreffen. Der Roman hingegen ist hinsichtlich der Frage nach einer erzählten Geschichte ein GANZ ANDERES BIEST. Denn ich muss – durch die Augen eines Erzählers all das, was für den Verlauf wichtig ist greifbar machen. Und das am Besten auf eine Weise, die für die Leser*innen – kognitiv, vor allem aber auch emotional – nachvollziehbar bleibt…

…is paar Jahre her. Wir haben alle Fehler gemacht, die im Buch standen und noch ein paar mehr! Trotzdem war – und ist es immer noch – eine ziemlich geile Erfahrung!

Um diesen Prozess des Roman-Schreibens soll es hier in der Hauptsache gehen. Nun gibt es da draußen schon eine Menge YouTube-Kanäle, Blogs, etc., die ihr Geld damit verdienen, Menschen erklären zu wollen, wie man einen möglichst erfolgreichen Roman schreibt – oder auch mehrere. Content-Creator, die realistisch betrachtet versuchen, ambitionierten Hobby-Autoren eine (ihre) “Hit-Formel” aufzuoktroyieren; die jedoch zumeist lediglich eines schafft – Einheitsbrei! Denn, wann immer ein “junger” Autor (das Adjektiv bezieht sich hier bewusst auf die Dauer der Autoren-Karriere, nicht das Lebensalter der Person dahinter) anfängt, von einer ersten Veröffentlichung zu träumen, wird er/sie auch recherchieren, was andere vor ihm/ihr getan haben, um dieses hehre Ziel zu erreichen – vom Schreiben leben zu können! Ich träume davon auch – gelegentlich und nur sehr verhalten. Weil ich weiß, dass selbst die größten und bekanntesten Romanciers oft von Glück und Zeitgeist abhängig waren. Erst, wenn der eigene Name eine Marke geworden ist, verkaufen sich die Bücher dauerhaft gut. Und an diesen Punkt kommt so gut wie keiner von denen, die es versuchen! SO GUT WIE KEINER! Egal, wie viele Ratgeber-Videos sie sich anschauen mögen. Denn der Content wird heutzutage von den Lektoren nach Verkaufbarkeit durch Massengeschmack kuratiert. Deshalb wird das hier auch keine Ratgeberreihe. Sondern ein nachdenklicher Blick auf Prozesse. Auf Kreativität und Textarbeit. Auf Vorbereitung und Improvisation. Auf Mut und Angst. Auf Flow und Blockade. Auf Inspiration und Resilienz. Denn auch, wenn viele sich zum Schreiben berufen fühlen mögen, reflektieren die Wenigsten wirklich das WARUM. Aber das WARUM steht am Anfang jedes Textes! Ich setzte mich heute Vormittag an diese Tastatur und begann diesen Text zu schreiben, weil ich etwas zu sagen habe. Ich gebe einen Einblick in meine Erfahrungen, Ideen, Quellen. Jedoch nicht mit dem Anspruch, das irgendjemand das wichtig oder nachahmenswert finden muss. Mir genügt das Wissen, dass irgendjemand es nützlich finden KÖNNTE. Denn ich WEISS mit Gewissheit um den Wert meiner Worte. Aber oft – und dieses Geständnis bereue ich nicht – weiß ich bei den ersten Tastenhüben noch nicht, wohin mich der Text tragen wird. Denn ich denke ebenso gerne mit der Tastatur, wie mit dem Stift. Ich ergründe meine eigenen Emotionen und Kognitionen, während die Worte schon auf den Bildschirm oder die Notizbuchseite fließen. Was sich gut anfühlt – weil das WARUM klar ist.

Wenn ich also einen Roman zu schreiben beginne, dann gibt es einen Grund, warum DIESE Geschichte erzählt werden will. Das ist MEIN WARUM. Ob dieses Warum irgendjemanden berührt, oder nicht, ist zunächst völlig einerlei. Natürlich bin ich nicht frei von dem Wunsch, dass auch Andere meine Texte gut finden mögen; so viel Eitelkeit muss dann schon sein. Aber sehr oft genügt mir die Befriedigung, mir etwas von der Seele, von der Brust, aus dem Kopf geschrieben zu haben, einfach, weil es an der Zeit dazu war. Und das Gute daran ist, dass ich mir damit reichlich Übung verschaffe, denn beim Schreiben ist es so – man wird nur besser darin, wenn man es dauernd tut. Ich schaffe pro Jahr einige Hundert Seiten Text in unterschiedlichsten Genres – gewiss nicht so viel, wie professionelle Autoren, die damit tatsächlich ihr Geld verdienen. Aber ich schaffe diese paar Hundert Seiten (manchmal auch mehr) seit JAHRZEHNTEN. Will heißen – ich habe meine 10.000h bis zur Skill-Perfection zumindest theoretisch schon lange zusammen. Doch beim Schreiben gilt man – wie bei so vielen anderen Dingen auch – fälschlicherweise nur dann als Meister, wenn man einen gewissen Grad an Bekanntheit erlangt hat; oder damit Kohle verdient. Das ist mir aber wirklich und ehrlich einerlei. Ich möchte Menschen durch meine Texte kognitiv und emotional berühren; und es ist mir ziemlich Wumpe, ob es viele oder wenige sind, die ich so erreiche. Solange ich irgendjemandem etwas Gutes mitgeben konnte, habe ich mehr geschaffen, als viele Andere in ihrem ganzen verdammten Leben! Und ich WEISS, dass meine Schreibe schon den einen oder anderen Menschen zum Lachen, zum Nachdenken, vielleicht auch zum Weinen gebracht hat. [EXKURS: Ich weiß übrigens auch, dass es Menschen gibt, die meine – auch verbal verfügbare – Wortgewalt fürchten, weil sie sich in ihrer Autorität bedroht fühlen. Denen kann ich nur sagen: hört mir einfach zu, denkt WIRKLICH über meine Worte nach und versteht, dass ich niemandem was Böses will. Ich will einfach nur in Ruhe meinen Job machen dürfen! EXKURS ENDE] Ob die Feder wirklich mächtiger ist als das Schwert, wird wohl die Geschichte entscheiden müssen. Aber wenn es nach mir ginge, so brächte meine Feder vielleicht den einen oder anderen dazu, das Schwert niederzulegen und etwas vernünftigeres mit seiner Zeit anzufangen. Mich würde es jedenfalls freuen. Vielleicht würde so jemand anfangen, nach seinem WARUM zu suchen…? Wir hören uns.

Auch als Podcast…

Erwachsen bilden N°57 – …warum eigentlich noch?

Ich ertappe mich in letzter Zeit immer häufiger bei dem Gedanken, dass meine Arbeit nicht wirklich eine Wirkung zeigt – oder wie man auf Neu-Denglisch sagt: keinen Impact hat. Nun ist der “Impact” von Bildungsarbeit aber auch reichlich schwer zu messen. Ich habe immer wieder gesagt, dass man mit den Kennzahlen aus der Betriebswirtschaft hier nicht allzu weit kommt. Weil Bildung zwar uno-acto verzehrt wird, jedoch zumeist ihre tatsächliche Wirkung erst mit erheblichem Zeitverzug entfaltet. Zumindest in der beruflichen Bildung ist das so. Ob wir den Azubis durch unser pädagogisches Handeln Recht getan haben, zeigt sich nicht wirklich im Moment des Examens. Weil ein Staatsexamen eine – notwendig alles verzerrende – Momentaufnahme ist, die manchmal so gut wie nichts über jene Entwicklung aufzeigt, die eine bestimmte Person in drei Jahren Ausbildung gemacht, oder eben auch nicht gemacht hat. Über die eigene Verantwortung für den Bildungserfolg habe ich hier schon häufiger gesprochen. Wir haben es dabei trotzdem mit Einflüssen durch Tagesform, durch unterschiedlichste mentale Blockaden, durch äußere Umstände zu tun, auf die man oft nur wenig Einfluss nehmen kann. Als Prüfender kann ich nur versuchen, bestmögliche, faire Bedingungen zu schaffen – und dann ist es trotzdem immer noch schwierig, dass Ergebnis von drei Jahre Arbeit durch 10 Einzelprüfungen sichtbar machen zu wollen. Doch die Verwaltungsjuristen sagen, dass man das so machen muss, weil alles andere nicht rechtssicher abbildbar wäre. Ich wage zu widersprechen, aber das interessiert halt keine Sau. Und so schließt sich der Kreis zum eingangs Gesagten – denn ich vermisse den Impact, den machen zu können ich irgendwann aufgebrochen war. Jedoch nicht nur, weil es mir nicht gelungen ist, an den rechtlichen Rahmenbedingungen nennenswert etwas zu ändern, oder Innovationen zu platzieren. Sondern vor allem, weil ich das Gefühl gewonnen habe, dass auch die Subjekte meines pädagogischen Handelns oft gar kein Interesse haben, sich auf meine Bemühungen einzulassen. Und von den struktur-organisatorischen Knüppeln zwischen den Beinen will ich gar nicht wieder anfangen. In der Hölle schmoren sollen die ganzen Arschlöcher, die gute Arbeit mit Gewalt kaputtzumachen versuchen.

Klare Struktur… eine wahre Wohltat…?

Ich weiß nicht recht, wie ich das sagen soll, aber… irgendwie fehlt mir die Motivation, mich wieder in die Bütt zu stellen und im Lehrsaal zu arbeiten. Selbst der Umstand, dass es sich um eines meiner Herzensthemen handelt, dass ich demnächst darstellen soll, vermag im Moment kaum, meine Melancholie zu unterdrücken. Wenn man immerzu da sitzt und sich nur fragt, ob es eigentlich überhaupt irgendjemanden gibt, den man positiv beeinflussen konnte, auf seinem Weg vorangebracht oder wenigstens ein wenig geholfen hat, wird es schwer. Früher, da wusste ich immer relativ genau, ob ich jemandes Leben berührt hatte. Als Rettungsassistent und später Notfallsanitäter kam ich so unmittelbar an Wohl und Wehe anderer dran, dass es manchmal schwer zu ertragen war. Aber es war auch… ja, regelrecht schön zu wissen, dass man hatte helfen können. So wie es einen auf der anderen Seite immer wieder gefordert hat, wenn man nicht zusammen mit dem Team und dem Patienten als Sieger vom Platz gehen konnte… in beiden Fällen war die Erfahrung DIREKT. Aber heute? Ja, heute tue ich viele Dinge, bei denen mir häufig völlig unklar ist, ob sie überhaupt eine Rolle im Gesamtgefüge spielen, einen Unterschied machen, irgendwem irgendetwas bringen. Man nennt das wohl einen Verlust an Sinnhaftigkeit – und natürlich korreliert das mit meiner Depression, die es sich aktuell noch ein bisschen bequemer gemacht hat und mit einem subjektiv unendlichen Vorrat Chips und Popcorn ausgestattet auf der Couch in meinem Hinterkopf lümmelt und mir dabei zuschaut, wie ich verzweifelt versuche, mich selbst wieder auf die Reihe zu bekommen. Aber… was ist das überhaupt, dieses mystische “sich selbst auf die Reihe bekommen”, “mit sich klarkommen”, “sich mal zusammenreißen”, pipapo…? Findet man das im Wald, oder gibt’s das auf Rezept in der Apotheke?

Ich stelle diese Frage hier übrigens nicht rhetorisch, oder als Stilmittel für eine spannende Textstruktur! Ich habe wirklich keine Antwort darauf. Nur das verdammte Gefühl von Leere! Und den unbedingten Wunsch, an dieser höchst unbefriedigenden Situation alsbald etwas verändern zu können. Es ist ja auch nicht so, dass ich so unfassbar tief im Jammertal der Tränen stecken würde, dass nichts mehr geht – ich fühle nur einfach nichts mehr von dem, was ich tue. Ich gehe halt roboten. Ich performe täglich – immer noch auf erschreckend hohem Niveau – auch wenn ich am liebsten schreiend davonlaufen würde. DAS konnte ich schon immer gut. Es sind nach wie vor die Dinge, die ich in meiner Freizeit tuen kann, die mich irgendwie über Wasser halten. Nur ab und zu habe ich positive Erlebnisse im Job, die mich wieder aufbauen. Kleine – manchmal auch größere – Siege. Veranstaltungen, die richtig gut laufen und bei denen die Teilnehmenden mir etwas Gutes zurückgeben. Herausforderungen, die ich überwinden kann. Und Anfechtungen, die ich kalt lächelnd abwehre. Und doch – richtig feiern kann ich das alles im Moment nicht. Ich würde mich in meiner Arbeit gerne mal wieder so richtig über etwas freuen können! Ich bin davon überzeugt, dass mir das wirklich helfen würde. Aber ich weiß nicht, was dazu nötig ist. Und genau deswegen mache ich vermutlich immer weiter – obwohl mir das nicht gut tut – WEIL ich nach so einer Gelegenheit suche und mein Unterbewusstsein mich anscheinend immer noch glauben macht, dass ich noch irgendwem irgendwas beweisen müsste. Z, B meinen Wert. WAS DEFINITIV NICHT DER FALL IST! Denn tatsächlich kann ich – zumindest rational – meinen eigenen Wert unterdessen ziemlich genau benennen, ohne dabei ein Jahressalär als Bezugssgröße heranziehen zu müssen. Nur eben nicht emotional…

Also… warum eigentlich noch? Warum eigentlich in meiner Freizeit Unterricht vorbereiten für Menschen, die noch nicht mal das Wort “Danke” richtig aussprechen können? Warum eigentlich sich immer wieder auf Diskussionen einlassen müssen über Dinge, die glasklar sind? Warum eigentlich Menschen Rede und Antwort stehen müssen, die weder verstehen worum es in meiner Arbeit im Kern geht, noch bereit sind, sich auf meine diesbezüglichen Argumente einzulassen? Warum eigentlich sich in einen Zwirn klemmen, der die Essenz meiner Persönlichkeit lediglich verdeckt, um irgendwelchen verfickten “Konventionen” gerecht zu werden? Warum eigentlich die Anklagen von Menschen aushalten müssen, die selbst viel zu wenig für ihren Erfolg getan haben und nun Anderen die Schuld dafür geben wollen? Warum eigentlich… weitermachen? Mal sehen, was für Antworten die kommende Woche mit sich bringt. Ich kann’s kaum erwarten…

Auch als Podcast…

In the long run…

Als ich 14 oder 15 war und Wünsche hatte, die über mein damaliges Taschengeldniveau deutlich hinausgingen, verschaffte mir mein Vater die Möglichkeit, ohne große Umstände selbst Geld zu verdienen. Ich ging dann in vielen Ferienzeiten malochen, während Andere andere Dinge taten. Es ist nicht so, dass ich keine Freizeit gehabt oder mein Leben nicht genossen hätte. Ich habe nur einfach einen Teil meiner Freizeit dafür geopfert, mir etwas leisten zu können. Nix besonderes, einfach nur mein kleines Stück Freiheit. Und mit der Zeit wurde daraus eine Gewohnheit. Was dazu führte, dass ich mir manchmal Dinge leisten konnte, ohne irgendwen danach fragen zu müssen, aber oft arbeiten musste, wenn ich anderes hätte tun können. Nachdem ich dann 1993 mein Abitur gemacht hatte, ging ich erst mal wieder ein halbes Jahr jobben, weil ich meine Studien-Pläne nicht so stringent vorangetrieben hatte, wie geplant; vielleicht wusste ich im Herzen auch schon, dass ich mit Menschen besser kann, als mit Maschinen. Obschon Menschen mich gleichsam immerzu anstrengen. Also landete ich im Zivildienst; im Rettungsdienst, um genau zu sein. Eine Entscheidung, die mein Leben erheblich beeinflusst hat, denn noch heute bin ich diesem Berufsfeld treu. Wenn auch in anderer Funktion als früher. Ich arbeitete 8-, 12- und 24-Stundendienste, war nie faul, hab mich weiterentwickelt und immer wieder was dazu gelernt. Im Lauf der Jahre kamen so einige Zusatzqualifikationen dazu. Doch immer noch fühlte ich mich nicht angekommen. Ich sah, dass andere Leute vorankamen, weil sie Chefs in den Arsch krochen. Eine Fähigkeit, die ich (gottseidank oder leider) nie entwickelt habe.

Also studierte ich nebenher – allerdings ohne Unterstützung oder gar Freistellung durch meinen damaligen Arbeitgeber – Bildungswissenschaft. Der alte AG hat mir damals sogar Steine in den Weg gelegt, garniert mit den unsterblichen Worten, “dass hier keine Extrawürste gebraten würden”. Ich habe einige wenige Male in den Jahren nach einer Dienstplanänderung gefragt… Wenn also jemand wissen möchte, ob ich den Laden als Arbeitgeber empfehlen könnte? Nein! Zumindest da, wo ich war, war’s früher ein kleinkarierter Saftladen, der sich NULL um das Wohlergehen oder die Entwicklung seiner Mitarbeiter*innen gekümmert hat. Dort Menschlichkeit zu bekommen, war damals ein Abenteuer, um die Catchphrase mal umzudeuten. Ich hoffe für die Kollegen, dass es heute besser geworden ist. Schwamm drüber. Ich bin dann da weg. Als mich mein damaliger Chef nach dem “Warum” fragte, habe ich nicht wirklich geantwortet. Ich wollte einfach nur meine Ruhe. Bei meiner Antwort auf die Frage, was denn noch auf meinem Zähler stünde (12 Tage Urlaub und ca. 170h Mehrstunden, was damals eher die Regel denn die Ausnahme war) wurde er ‘n bisschen blass. War im Jahr des Wechsels ein schönes 14. Monatsgehalt. Ich schloss meinen Bachelor ab, meine Aufgaben änderten sich und ich arbeitet weiter zu viel. Ich kann mich nicht mehr daran erinnern, jemals weniger als 120% geliefert zu haben. Oft mit, manchmal aber auch ohne gleichwertige Vergütung. Also habe ich, während ich schon in eine neue Aufgabe mit Leitungsposition und mehr als genug Arbeit gerutscht war, noch eben ein Masterstudium in Erwachsenenbildung absolviert. Nicht in Regelstudienzeit, aber trotzdem recht erfolgreich. Die Gehaltsstufe stimmte danach dann für mein Empfinden.

Doch niemand schien in den letzten Jahren so recht ernst nehmen zu wollen, wer ich bin, was mir wichtig ist, was ich kann (und was nicht) und an welchen Zielen ich arbeite. Ich meine, objektiv könnte ich fünfe gerade sein lassen. Ich bin damals zu einem recht guten Rettungsassistenten und später Notfallsanitäter geworden. Ich war ein verdammt guter Disponent für integrierte Leitstellen. Und ich bin – ohne arrogant klingen zu wollen – ein verdammt noch mal exzellenter Pädagoge. Doch das alles steht weit hinter meinen wichtigsten Lebensleistungen zurück: seit über drei Jahrzehnten glücklich mit der besten Ehefrau von allen zusammen und überdies mit zwei Töchtern gesegnet zu sein, die mich (obwohl unterdessen 13 und 17 Jahre alt) für einen gar nicht mal so üblen Vater halten. DAS müssen die dämlichen Möchtegern-Alphamales da draußen erst mal hinkriegen! Trotzdem merke ich den Zahn der Zeit; und das dauernde, nagende Gefühl, noch irgendjemandem etwas beweisen zu müssen. Zeigen zu müssen, dass ich mindestens genauso gut oder vielleicht auch besser bin, als andere. Was objektiv vollkommener Quatsch ist. Ich habe überdies diese verfickte protestantische Arbeitsethik in meinen Adern, die mich erst mal liefern lässt, bevor ich etwas fordere. Die mich in aller Ruhe hinter den Kulissen tun lässt, was wichtig und richtig ist, ohne darüber viel zu reden. Ich war auch nie ein Dampfplauderer, der seine Erfolge so lange schönreden kann, bis alle es glauben und ihn befördern. Peter-Prinzip bei der Arbeit. Ist halt nicht mein Stil. Was bleibt also? Dass ich hier sitze und erkennen muss, mich nutzlos immer wieder darüber geärgert zu haben, dass man mir nicht zuhören wollte, obwohl meine Argumente gut waren (und immer noch sind). Dass andere sich meine Erfolge ans Revers geheftet haben. Das man dann – kurz vor letztem Weihnachten – geglaubt hat, mich zu irgendwas nötigen zu können.

Zum ersten Mal habe ich in dem Moment meine Zähne wirklich gezeigt. Und jetzt ist etwas zerbrochen. Etwas, dass vermutlich nicht mehr geflickt werden kann. Das ich im Grunde meines Herzens aber auch gar nicht mehr flicken will. Ich habe Grenzen aufgezeigt und, um mich selbst zu schützen, Dinge von mir gewiesen und mich frei gemacht von Aufgaben, von denen ich noch vor kurzem dachte, sie seien unverzichtbar. Doch Einfluss interessiert mich jetzt nicht mehr. Die Belange meines aktuellen AG interessieren mich nicht mehr wirklich. Meine persönliche Entwicklung interessiert mich. Und die ist zum allerersten Mal in meinem beruflichen Leben nicht mehr an 120%, an MÜSSEN um jeden Preise, an liefern und dann fordern geknüpft. Sondern an das, was MIR gut tut! Ich habe 37 Jahre lang ununterbrochen Gas gegeben – und jetzt habe ich keinen Bock mehr darauf. Ich hatte gestern geschrieben, dass ich nicht so recht aus meiner Situation könnte, ohne irgendwas zu zerbrechen, das mir wichtig wäre. Stellt sich – nach einem längeren, in Gedanken versunkenen Spaziergang am Fluss heute Morgen – raus, dass ich mittlerweile doch bereit bin. Dinge zu zerbrechen. Und es wird gewiss nicht meine Familie sein. Die Zukunft bleibt offen. ‘cos, in the long run, you always got to make new decisions upon directions. Schönen Samstag.

Auch als Podcast…

Wollen? Ja! – Können? Weiß nicht…

Wenn ich das Gefühl habe, dass nichts, was ich hier und jetzt erschaffen könnte es wert wäre, erschaffen zu werden, soll ich es dann einfach sein lassen? Oder soll ich mich zum kreativen Akt nötigen. Soll ich ernsthaft versuchen die Creatio zu erzwingen? Kann man die denn überhaupt erzwingen? Ich meine, wir entwickeln ein ziemlich gutes Gefühl dafür, was interessant, was schön, was wertvoll ist, lange bevor wir die Fähigkeiten entwickeln, etwas derartiges zu erschaffen. 10.000h bis zur Perfektionierung eines Skills. Ich weiß aber schon in Jahr Eins von Zehn, wie es eigentlich klingen, aussehen, sich anfühlen sollte. Diese große Diskrepanz zwischen Wissen und Wollen auf der einen, Erfahrung und Können auf der anderen Seite ist es, die Lernende – aber auch Kreative – nicht selten verzweifeln lässt. Und dabei ist es egal, ob’s um den Job geht, den ich als Berufsfachschullehrer unterrichte, oder meine Hobbies wie Schreiben, Knipsen, etc. Manchmal hast du das Gefühl, nicht auf diesen Berg steigen, nicht dieses Hindernis überwinden, nicht dieses kleine Ziel erreichen zu können, obwohl es nur darum geht, es einfach zu tun. Aber… was ist schon “einfach”? Denn für mich ist das nur ein Wort, dass so banal, so erreichbar, so verlockend klingt, weil es die Wahrheit immerzu hinter einem Schleier aus trügerischem Nebel und Sirenengesang verbirgt. Nichts ist wirklich einfach, wenn dich deine Zweifel, Erschöpfung, Depression oder einfach nur die Erwartungen Anderer fest im Griff haben. Wenn dir der Takt deines Daseins keine Luft zum atmen lässt und dich immer und immer wieder mit Aufgaben zumüllt, die dir selbst nutzlos, nervtötend und nichtig erscheinen. Wie sollte ich DAS mal so eben geschmeidig überwinden? Indem ich einfach auf diese Tastatur hämmere, bis die Worte irgendwann einen Sinn ergeben…?

Fun fact: die Antwort auf die eben gestellte Frage lautet JA! Man muss bereit sein, dass was man eben zu tun angetreten ist, zu verkacken. Und zwar wieder und wieder. Jedes einzelne Mal verkackt man ein bisschen weniger; zumindest, wenn man bereit ist, sich mit seinen Niederlagen auseinanderzusetzen. Man nennt diesen Prozess, der uns dabei immer besser werden lässt, reflektierte Praxis. Das Konzept des “reflective practitioner” geht auf den amerikanischen Philospophen Donald A. Schön zurück. Aber darum soll es hier nicht gehen. Das Problem dabei ist Folgendes: man braucht dafür Kraft. Viel Kraft. Und an der mangelt es mir letzthin. Die verschiedenen Gründe dafür habe ich, zumindest in meiner Wahrnehmung, in einigen anderen Posts schon hinreichend beschrieben. Was nichts daran ändert, dass ich mich in meinem ureigensten Rückzugsraum zur Gewinnung neuer mentaler und sozialer Energie – nämlich dem möglichst zweckfreien Ausleben meiner Kreativität – gerade bedroht fühle. Und deshalb mit allen Mitteln Freiräume zu schaffen suche, die es mir ermöglichen sollen, nicht vollkommen durchzudrehen. Ich habe in letzter Zeit unterschiedlichste Dinge ausprobiert, die mir helfen sollen, meinen creative spirit zu konservieren, auch wenn die Zeiten für meine Seele gerade alles andere als schön sind. Allein sich eingestehen zu müssen, dass man nicht unbreakable ist, dass man auch mal Ruhe und Hilfe braucht, dass man Dinge ruhen lassen, Aufgaben abgeben und sich selbst vielleicht sogar – zumindest teilweise – neu erfinden muss, ist eine höllische Aufgabe!

Und jetzt? Ja, jetzt fehlen mir irgendwie die Worte, um meine Gefühle auszudrücken. Die Tage hat mich ein sehr guter alter Freund gefragt, wie es mir geht. Einer, der sich NIE mit einem “Muss ja…” zufrieden gibt. Einer, der aus eigener Anschauung weiß, wie ungestüm die ureigensten Dämonen von Zeit zu Zeit sein können. Ich konnte die Frage nicht wirklich sinnhaft beantworten. Es kam eher ein inkohärentes Gestammel aus meinem Munde, was jetzt NICHT meinen typischer Modus der verbalen Äußerung darstellt. Eben jetzt, da ich zur Abwechslung mal schmerzhaft ehrlich zu mir sein möchte, muss ich gestehen, dass ich immer noch keine kohärente Antwort habe. Ich spüre, es muss sich was ändern. Ich habe also ein Gefühl von Unruhe, wahrscheinlich Unzufriedenheit. Ich meine auch wieder Wut zu spüren; weil mich kleine Dinge derzeit so schnell und nachhaltig die Contenance verlieren lassen, dass cholerisch es kaum beschreibt. Gleichzeitig müde zu sein klingt zwar komisch, aber… ich kann mich nicht richtig bewegen, bin ich doch entsetzlich leer und ausgelaugt. Ich glaube, ich habe, in Ermangelung meines sonstigen Esprits das Portmanteau “erwütend” benutzt, war – und bin bis jetzt – jedoch mit dieser Schöpfung nicht zufrieden, weil sie das gegenwärtig durchlebte emotionale Spektrum nicht mal im Ansatz abdeckt. Aber was soll man machen? Irgendeinen Namen braucht das Kind. Hier stehe ich nun, ich armer Tor und bis so depressiv als wie zuvor. Immerhin… ich schaffe es wohl zumindest hier und jetzt, meine Gedanken weitgehend verständlich auszudrücken. Das ist doch schon mal was. Einzig beim Zocken war ich dieser Tage ich selbst und habe echte Freude verspürt. Davon hätte ich so gern so viel mehr…

Doch morgen, ja morgen, da klopft die neue Woche an 
und macht schon Sorgen, soweit ich mich entsann.
Sie dräut und wogt, wie ein Gewitter,
beim bloßen Denken dran wird mir die Seele bitter.
Lust auf diesen Kampf kann ich nicht verspüren.
Und sollt' mich der Weg doch woanders hinführen,
Ich liefe soweit mich meine Füße trügen
egal, ob nach Italien, oder bis auf Rügen.
Auch als Podcast…

Erwachsen bilden N°55 – Inseln bauen…

Wer aufhört, zu lernen, der hört auf, sich weiterzuentwickeln und wird irgendwann von der Welt überrollt, weil diese niemals aufhört sich zu verändern. Könnte man auf diese kleinen Papierchen drucken, die man in Gückskeksen findet. Da steht üblicherweise nicht allzu viel Gehaltvolles drauf, trotzdem ist die Aussage im Kern wahr. Wenn es irgendwas gibt, worauf ICH mich verlassen kann, dann MEINE intrinsische Motivation immer wieder etwas Neues lernen zu wollen. Doch, Motivation ist KEINE natürliche, in jedem Menschen reichlich und bedingungslos vorkommende Ressource. Motivation ist an unser Belohnungssystem gekoppelt und stark davon abhängig, wie intensiv wir in unserem täglichen Handeln Sinn, Selbstwirksamkeit, Anerkennung und soziale Eingebundenheit erfahren dürfen. Eigentlich ist das alles ein alter Hut, denn die Self-Determination-Theory von Decy und Ryan wurde ja schon 1993 veröffentlicht; und ihre Richtigkeit wurde danach noch mehrmals bestätigt. Jedoch scheint die Erkenntnis, dass man durch eigenes pädagogisches Handeln die eben genannten Aspekte entweder fördern oder behindern kann, noch lange nicht bei jeder Lehrperson angekommen zu sein. Und darum geht es ja gerade: nämlich, dass wir Menschen, deren (berufliche) Entwicklung uns anvertraut ist, dazu anleiten und motivieren sollten, aus eigenem Antrieb weiterlernen zu wollen. Mir geht es dabei mitnichten um Beschäftigungsfähigkeit oder Arbeitsmarktwert erworbener Kompetenzen, sondern darum, dass das eigene Menschsein insgesamt davon profitiert, sich selbst weiterzuentwickeln; am besten aus eigenem Antrieb. Denn es macht das Leben… reichhaltiger. Jene Menschen, die in Bildung nur eine Funktion sehen, Arbeitskräfte – und damit Bruttoinlandsprodukt – zu erzeugen, wie etwa unser Kanzloide, der ja letzthin uns allen unterstellt, zu wenig für die Wirtschaftskraft unserer glorreichen Exportnation zu tun, unterschlagen sowohl die Notwendigkeit des Anpassungslernens, als auch die Möglichkeiten, die sich durch stetige persönliche Weiterentwicklung eröffnen. Und diese findet NICHT ausschließlich in beruflichen Kontexten statt.

Ich hatte hier vor mittlerweile fast zwei Jahren über das Thema “Verhaltensänderung durch pädagogische Intervention” geschrieben; und über die Schwierigkeiten, die ich damit hatte – und immer noch habe – eine derart komplexe Meta-Betrachtung griffig darzustellen. Denn, genau so etwas möchte ich erreichen, wenn ich meine Auszubildenden dahin zu führen versuche, dass sie den Sinn und Wert eigenständigen Weiterlernens verstehen können. Und ich scheitere mit diesem Unterfangen immer noch zu oft. Nicht selten baue ich Inseln des Wissens, schaffe es aber nicht zur nächsten Stufe, also zum vernetzten Denken zu kommen. Bei rein medizinisch-fachlichen Themen mag das noch verhältnismäßig oft gelingen, aber spätestens, wenn wir an die Dimension der gesellschaftlichen Bedeutung des eigenen Berufsbildes kommen und vor allem der Frage, in welche Richtung sich diese denn entwickeln könnte, kommt es oft zu einer Vollbremsung. Weil irgendwann zuvor die unsäglich ewiggestrige Struktur unseres allgemeinbildenden Schulwesens und manche darin vorzufindende Lehrpersonen den bleibenden Eindruck vermittelt haben, dass man immer nur bis zur, bzw. für die nächste Klausur lernen muss, weil das ganze Zeug eh keine lebensweltlich-praktische Relevanz hat. Wie ausgesprochen traurig. Mir ist dabei bewusst, dass es Menschen gibt, die von sich sagen, dass ihnen das Lernen als solches schwer fällt. Ich entgegne diesen Leuten gerne, dass sie vermutlich nur noch nicht IHREN passenden modus operandi für’s Lernen gefunden haben. Und wir versuchen ja auch, dieses Problem im berufsfachschulischen Unterricht anzugehen. Mit welchselndem Erfolg. Denn sind bestimmte Persönlichkeitsmerkmale erst einmal ausgeprägt, muss man sie sehr oft, sehr intensiv und vor allem aus unterschiedlichen Blickwinkeln in Frage stellen, um die Person zu einem Umdenken bewegen zu können. Und dafür fehlt leider allzu oft die Zeit…

Zunächt die Inseln zu bauen ist der erste Aspekt; also das notwendige (Fach)Wissen in eine, zur Selbstaneignung passende Form zu bringen, zu präsentieren und dabei uno acto auf die Bedürfnisse der Lernenden situationsadäquat zu reagieren. Wir nennen diesen Vorgang übrigens Unterrichtsgespräch, wohingegen die Unwissenden “Frontalunterricht” schreien. Witzigerweise verlangen alle Schüler*innen danach. Nur um dann nach einigen Tagen zugeben zu müssen, dass die dabei transportierte Stofffülle sie mal wieder erschlagen hat. Der goldene Mittelweg ist aber auch nicht einfach zu finden… Die Vernetzung der dabei entstandenen (Wissen)Inseln ist die Kunst, an der wir Lehrenden in der Folge nicht eben selten verzweifeln müssen, weil dieser Prozess noch viel mehr von der Motivation und Mitarbeit der Lernenden abhängig ist, als das Unterrichtsgespräch. Und… Motivation ist, wie eben bereits besprochen ein wunder Punkt des Gesamtsystems. John Hattie hat in seinen Untersuchungen immer wieder gezeigt, dass es dabei vor allem auf die Lehrperson ankommt – und ihre Fähigkeit, die Lernenden abzuholen, zu begeistern, zu fördern, aber eben auch zu fordern. Hier würde sich theoretisch die Spreu vom Weizen trennen lassen, wenn wir tatsächlich Pädagogen für alle Sektoren des Bildungswesens Sach-, Fach- und Sozial-Adäquat ausbilden würden. Was leider bis heute NICHT passiert! Viel zu oft treffe ich auf Menschen, die vielleicht zwar einen Titel, aber keinerlei charakterliche oder fachliche Eignung haben. Also träume ich zunächt weiter davon, irgendwann die kognitiven Inseln, welche zu erzeugen mir unterdessen leicht fällt, noch besser miteinander zu vernetzen und die jungen Leute wirklich zum Blick über den Tellerrand zu bringen. Morgen ist Montag und ich fange an, eine noch recht kleine Insel größer zu machen. Wenigstens das wird gelingen. Auch wenn ich besser niemandem erzähle, dass ich erst heute zum Vorbereiten meines Unterrichtes gekommen bin; jeder von uns muss sich immer wieder seines Wissens und Könnens neu versichern. Irgendwann – so hoffe ich wenigstens – werden auch meine Schüler*innen dies verstehen. Bis dahin gebe ich mein Bestes und wünsche euch da draußen einen guten Start in die neue Woche.

Auch als Podcast…

What’s amazing…?

Um auf den Post von vorgestern direkt Bezug zu nehmen, wollte ich heute noch anfügen, was mich selbst denn nun fasziniert, weil ich davon überzeugt bin, dass es diese Faszination ist, die mich im Kern antreibt; und zwar in fast allem, was ich tue. Ob es nun meine Aufgaben im Job sind – zumindest jene, die mich immer noch erfüllen, weil sie über all die Zeit im besten Sinne zu meiner Berufung geworden sind – oder meine Hobbies, wie das Fotografieren, das Schreiben, das Storytelling an sich; all diesem Tun wohnen einige Eigenschaften inne, die sich kaum verleugnen lassen; zumindest gegenüber jenen, die hier öfter mitlesen, bzw. mithören. Wie etwa das Bedürfnis, sich kreativ auszudrücken. Der andauernde Versuch, wenigestens ein paar Menschen zu besserem Denken anzuregen. Das innige Verlangen, ein paar wenige, dafür aber bedeutsame Beziehungen pflegen zu dürfen. Die Verpflichtung, in Wort und Tat so oft wie nur möglich wahrhaftig zu sein. Und schließlich… die Suche nach etwas Frieden für den Kampf, der immerzu in meinem Innersten tobt. Ich strebe nicht nach Macht. Ich strebe nicht nach Reichtum. Und ich strebe auch nicht nach Ruhm. Anerkennung und Respekt würden mir völlig genügen, wenngleich selbst dieses bescheidene Ziel letzthin nicht zu erreichen war. Doch davon habe ich hier schon mehr als genug geredet. Heute soll es um das gehen, was mich antreibt, was mich energetisiert, was mich weitermachen lässt und was ich BRAUCHE, um nicht wahnsinnig zu werden.

Es mag zunächst seltsam klingen, doch Ich erzähle Geschichten in fast allem und durch fast alles, was ich tue! Denn ich bin davon überzeugt, dass es uns zu besseren Menschen machen kann, all jene Geschichten entdecken zu WOLLEN, welche in den Kreaturen und Dingen um uns herum existieren. Das macht uns allerdings nicht unbedingt zu guten Menschen, denn so manches Wissen lässt sich natürlich auch missbrauchen. Jene, die sich gutgläubig solchen bösartigen Menschen öffnen, können dabei beschädigt werden! Nun sind jedoch – Gottseidank – nicht allzu viele Menschen in ihrem Kern wirklich bösartig. Kombinieren wir also Neugier mit Haltung, werden wir zu Individuen, denen Begriffe wie Solidarität und Humanität nicht fremd sind. Denn in dem Moment, da ich mein Herz bewusst für die Geschichten anderer öffne, öffne ich gleichzeitig auch meinen Geist für die Wahrheiten anderer. Auch hierin liegt eine gewisse Gefahr, weil manche subjektive “Wahrheit” unschön, verletzend und manchmal sogar hassenswert sein kann, wenn wir über Chauvinismus, Rassismus, Verschwörungsmythen und derlei Mist reden. Aber auch derlei ist – entgegen manchen Mediennarrativen – nicht allgegenwärtig. Es gibt gewiss zuviel davon, aber es gibt weit mehr gute Menschen, als man gemeinhin glauben möchte. Was ich allerdings schon lange beobachte ist, dass die Medien, auf welche Zuhörer*innen anspringen stark variieren. Manche holt man tatsächlich nur mit dem Klang der Stimme ab, manche mit audiovisuellen Reizen und anderen muss man etwas für die Finger geben. Was in bestimmten Kontexten schwieriger ist, als in anderen. Womit Storytelling eine hoch wandlungsfähige Herausforderung bleibt; das macht es für mich allerdings auch so spannend.

Wenn ich nun also sage, dass ich immerzu Geschichten erzähle, dann dienen diese natürlich nicht allesamt der Unterhaltung; wenngleich dies durchaus für einige gilt. Und ich erzähle nicht überall auf die gleiche Art. Stil, Inhalt, Darbietungsform und gewünschte Wirkung wandeln sich natürlich mit der Zusammensetzung und Größe des jeweiligen Auditoriums. Und selbstverständlich verändert sich auch mein Sprachniveau. Manchmal möchte ich Auszubildenden bzw. Teilnehmenden etwas vermitteln, manchmal möchte ich Andere für eine Idee oder ein Projekt gewinnen, manchmal möchte ich einfach nur die Stimmung heben, manchmal möchte ich Spannung aufkommen und meine Spieler am Tisch etwas erleben lassen. Storytelling ist also immer anders. Allen Geschichten wohnt jedoch eine Eigenschaft inne, die ich für unverhandelbar halte – Zugewandtheit. Ich hatte irgendwann mal meine “Three-Strikes”-Regel erwähnt, also das Menschen von mir immer einen schönen Vertrauensvorschuss erhalten – jedoch sofern sie mich drei Mal enttäuschen, sofort auf die, unterdessen sehr lange, Arschloch-Liste kommen. Die Zugewandtheit ist in meinem humanistischen Menschenbild verankert und damit eine Haltung, die für mich unverhandelbar ist. Menschen sind zuallererst Menschen (Ausnahmen hiervon mache ich nur für tyrannische Diktatoren-Arschlöcher, wie Putin, Trump, Erdogan, Netanyahu, etc. – das sind allesamt Monster, die bestenfalls einen Gnadenschuss verdient haben). Daraus erwächst, dass immer Figuren, Charaktere, Menschen aber nur sehr selten Sachen im Mittelpunkt meiner Geschichten stehen. Herausforderungen, Hindernisse, Motive, Träume, Emotionen, Entwicklung… eben das menschliche Drama ist es, dass mich fasziniert (und ja, wenn wir Fantasy Pen’n’Paper spielen, subsummiere ich das, was den Mitgliedern anderer Spezies wie Elfen, Zwergen, Orks, etc. wiederfährt auch unter menschlichem Drama).

Das ist der Kern. Außenherum finden sich die Geschichten, die aus dieser Suche nach dem menschlichen Modus, nach Drama und Entwicklung entstehen; und die manchmal witzig, manchmal spannend und manchmal auch traurig sind. Jedoch mitnichten immer so, wie ich sie geplant hatte. Gestern Abend etwa habe ich gespielleitet und zwischendrin wurde es thight für die Charaktere. Das Ende kam dann jedoch ein wenig antiklimaktisch daher, da ich den Eindruck hatte, dass jetzt noch einen Knaller draufzusetzen alle Beteiligten eher nerven als noch mal hooken würde. Ob ich damit Recht hatte, werden wir nie rausfinden. Was ich damit allerdings sagen möchte ist, dass meine Geschichten mitnichten immer so funktionieren, wie intendiert. Oder dass ich am Ende immer bekomme, was ich brauche/will. Aber der Versuch zählt, Denn, wenn ich aufhören würde, Geschichten zu erzählen, wenn ich aufhören würde, diesen – meinen – speziellen Ausdruck von Kreativität zu leben, dann würde ich vermutlich ganz und gar aufhören zu leben. Für mich ist diese Faszination, welche das Storytelling mit all seinen Facetten in mir selbst immer wieder auslöst wie Sauerstoff. Ohne Kreativität stirbt die Seele! In diesem Sinne wünsche ich euch einen schönen und hoffentlich wenigestens etwas kreativen Tag.

Auch als Podcast…

Next stop – fascination…!

Was bedeutet Faszination? Ich meine genügt es, von irgendetwas überrascht zu sein, um sich fasziniert zu fühlen? Muss dazu eine Erfahrung entstehen, die ich noch niemals zuvor gemacht habe? Oder kann mich auch etwas faszinieren, dass ich eigentlich bereits zu kennen glaubte? Was ist das denn überhaupt – Faszination? Und… fühlt es sich für jeden von uns gleich an? Ist überhaupt jeder von uns „faszinierbar“? Zumindest bezüglich dieser Frage denke ich eine Antwort zu haben, wenngleich auch keine befriedigende: Ich habe manchmal das Gefühl, dass wir modernen Menschen die Fähigkeit verlieren, von den Dingen, die uns umgeben und denen wir begegnen, fasziniert zu werden. Das könnte an unserem üblichen Modus der Medienrezeption liegen, über den ich bereits bei mehreren Gelegenheiten gesprochen habe. Aber das ist lediglich eine Vermutung. Warum ist es dann überhaupt wert, extra darüber nachzudenken, was uns fasziniert und warum? Hilft uns die Fähigkeit fasziniert werden zu können denn bei irgendwas? Ist es für den „menschlichen Modus“ in irgendeiner Weise von Bedeutung? Und falls dem so wäre, welche individuellen Auswirkungen hätte es dann? Da habe ich nun eine Menge Fragen aufgeworfen, rings um einen Begriff, der für die meisten Menschen, wenn überhaupt nur einen, schwer zu beziffernden Stellenwert zu haben scheint. Wie so oft sind die Antworten auf all diese Fragen nicht in meinem Kopf zu finden, weil jeder und jede diese für sich selbst selbst beantworten muss, um überhaupt irgendetwas über sein Selbst herausfinden zu können. Denn eines scheint gewiss: auch Faszination ist ein höchst individuelles Thema.

Ich werde nicht nochmal auf den Modus der Medienrezeption eingehen. Dem habe ich hier neulich relativ viel Raum gewidmet. Worauf ich allerdings eingehen möchte, ist die Frage nach der Faszinierbarkeit; insbesondere unter dem Aspekt, dass ich ja eben einen nicht unerheblichen Teil der Menschen unterstellt habe, dass sie eben nicht fasziniert werden könnten. Und da sind wir schon bei einer interessanten Unterscheidung: sind wir eher fasziniert aus uns selbst heraus (aktiver Vorgang), oder werden wir fasziniert durch extrinsische Reize (passiver Vorgang)? Nach meiner persönlichen, rein anekdotischen Evidenz ist es natürlich eine Mischung aus beidem. Allerdings ist das Mischverhältnis von Mensch zu Mensch verschieden! Das hat mit den individuellen Interessen zu tun, dem Umfang des „Weltwissens“ (nicht Allgemeinbildung im klassischen Sinne, sondern Erfahrung im Umgang mit verschiedenen Wissensgebieten, Kulturen und Situationen), sowie der individuellen Ausprägung insbesondere der Persönlichkeitsmerkmale „Offenheit“, „Extraversion“ und „Verträglichkeit“. Kommen wir nun zur Faszinierbarkeit zurück, so wird einem der gesunde Menschenverstand bei der Erkenntnis weiterhelfen, dass Menschen sehr unterschiedlich auf Wahrnehmungen reagieren, allerdings umso leichter fasziniert sein können, je mehr sie bereit und fähig sind, sich auf Neues einzulassen… klingt komisch, ist aber so. Vor allem unter dem Aspekt, dass man Neues auch im Bekannten finden kann, wenn man die Sinne nur weit genug offenlässt. [EXKURS: Scheiß-Nazis sind also nicht nur dämliche Rassisten, Chauvinisten und Mysogynisten, sondern auch noch überaus arme Schweine, weil Veränderung ihnen Angst macht; und sie deshalb NICHT in den Genuss kommen, sich WIRKLICH faszinieren lassen zu können. Noch ein guter Grund, kein Scheiß-Nazi zu sein! EXKURS ENDE]

Nehmen wir das Beitragsild weiter oben. Ich kenne diesen Ausblick mittlerweile seit über 28 Jahren (ja, so lange wohne ich schon am gleichen Fleck, meine Fresse…); und dennoch finde ich dort, von der Balkontür in der Küche aus, immer mal wieder neue Einblicke, neue Farben, neue Details, neue Gedanken und Inspirationen, die mich immer wieder zu diesem Ort gehen und einfach nur schauen lassen. Nicht jeden Tag, aber doch immerhin oft genug, um sagen zu können, dass ich des Anblickes immer noch nicht müde geworden bin. Man könnte nun sagen, dass es einfach nur gelernte Gewohnheit ist – “Konditionierung”, wenn man so will – die mich an das allzu Bekannte fesselt, weil das allzu Bekannte uns Sicherheit gibt. Wir Menschen haben und pflegen Traditionen, weil diese uns im ewigen Zyklus einer sich stetig weiter ändernden Welt einen Anker bilden, den wir als stabilen Haltepunkt für unsere Identität nutzen können! Man könnte meine Gewohnheit, immer wieder diesen Ausblick zu studieren nun also als Ausdruck meines Sicherheitsbedürnisses im Angesicht der Unsicherheit unserer Zeit und Welt deuten. Fair Game… allerdings gibt es einen kleinen, jedoch alles entscheidenden Unterschied zwischen mir und dem Scheiß-Nazi, der auch aus seinem Küchenfenster kuckt, und ganz sicher ebenso ein Bedürfnis nach Sicherheit hat. Denn anders ist sein Hass auf alles Neue und Fremde kaum zu erklären! ICH schaue hinaus und sehe den Ausblick als das, was er ist – ein Abbild des stetigen Wandels, nicht nur der Jahreszeiten, sondern der Welt an sich. ICH sehe die Veränderungen – und auch, wenn ich nicht jede von ihnen mag, nehme ich sie an und reflektiere ihre Bedeutung für mein Sein. Der Scheiß-Nazi jedoch… der steht einfach nur da und blubbert stumpf vor sich hin, weil die Welt sich halt ändert – und er das aber partout nicht wahrhaben will! Nur, damit das an dieser Stelle klar ist: ich verstehe den Mechanismus. Aber Verstehen bedeutet keinesfalls Verständnis! Der Scheiß-Nazi bleibt immer noch ein Scheiß-Nazi, dem ich mit Ablehnung und Kampf begegnen werde.

Faszination ist also einerseits eine weitere Facette von Verständnis; und andererseits die Bereitschaft, immer wieder staunen zu können… und zu wollen! Also die aktiven Seite von Faszination zu leben. Denn, wenn ich mich immerzu nur berieseln lasse, in der Erwartung, dass irgendwas mir schon ein WOW entlocken wird, dann stirbt dieser Teil. Und damit ist es doch irgendwie auch wieder eine Meditation über Kreativität. Allerdings dieses mal mit dem Spin, dass bewusst kultivierte Kreativität in vielen Fällen auch davor schützt, sich von den falschen Predigern (Fascho-Gesocks, Bible-Basher, windige Coaches und ihr Gefolge) vereinnahmen zu lassen; nämlich indem wir weiter denken, wenn die anderen sich schon ihr rein extrinsisches WOW abgeholt haben und geblendet von Fake-Faszination anfangen, seltsame Dinge zu tun. Apropos… waren die Heiligen Drei Könige schon bei euch…? Ich wünsche einen faszinierenden Tag.

Auch als Podcast…

What about… happiness…? (Part 3)

An jedem Tag der vergeht, konditionieren wir uns selbst. Nicht wirklich im Pawlow’schen Sinne, aber doch nachhaltig genug, um unser Leben erheblich zu beeinflussen. Ich meine damit – zumindest im aktuellen Kontext – unseren Medienkonsum. Dass ich KEIN großer Freund der antisozialen Medien bin, kann man wissen, wenn man diesem Blog etwas länger als drei Wochen folgt. Oft rege ich mich dabei über die schwarz-blau-braunen Auswüchse auf, die unser Leben immer schwieriger machen. Aber genau jetzt möchte ich mich mit einem MÜ Kognitionspsychologie befassen. Es wird ja immer über die Aufmerksamkeits-Spanne gesprochen; und dass diese gesunken sei. Dass ist so nicht korrekt, da es bis heute keine einheitliche wissenschaftliche Definition der Aufmerksamkeits-Spanne gibt; was es jedoch gibt, ist eine Menge Forschung über das Thema (wer sowas gerne liest, folgt dem Link). Was sich jedoch recht sicher sagen lässt ist, dass sich der Modus des allgemeinen Medienkonsums verändert hat. Infos, für die man ganz früher in die Bibliothek gehen musste, oder noch vor etwas über einem Jahrzehnt den Computer zu Hause angewuchtet hat, bekommt man heute nach Sekunden von der persönlichen Taschenwanze überallhin ausgeliefert, wo es hinreichend gutes Mobilfunknetz gibt. Wenn man also mal seine Ruhe haben möchte, muss man auch im frühen 21. Jahrhundert in Deutschland nur ein Tal innerhalb eines halbwegs großen Waldgebietes aufsuchen. Als Frau Dr. Merkel 2013 mal sagte “Das Internet ist für uns alle Neuland!” bewies sie damit prophetische Fähigkeiten, denn auch heute noch gibt es eine Menge weißer Flecken auf dieser Karte. Vielleicht wusste sie aber auch einfach nur um die legendär innovationsfeindliche Bräsigkeit der Union… Aber wir waren bei der Aufmerksamkeit, nicht wahr…?

Alle möglichen Reize, welche auf unsere Primärsinne einstürmen, werden in Windeseile in den entsprechenden Zentren unseres Gehirns (vor allem im Thalamus) verarbeitet. Dabei ist vor allem eine Entscheidung wegweisend: ist es ein salienter Reiz – oder nicht? Salient bedeutet eine Wahrnehmung, die entweder neu (und damit irritierend) genug ist, unsere Aufmerksamkeit hervorzurufen – oder unser Interesse zu wecken vermag, weil sie mit anderen, vorbekannten Sachverhalten zusammenhängt und für uns daher rational von Bedeutung sein kann – oder weil wir eine Bedrohung wahrnehmen! In allen Fällen wird die Entscheidung, ob DIESER REIZ vom Sensorischen Register zur weiteren Verarbeitung ins Arbeitsgedächtnis durchgereicht wird VORBEWUSST getroffen. Innerhalb von irgendwo zwischen 150 und 500 Millisekunden weiß unser Hirn, was es damit tun möchte… Lange, bevor wir beginnen, uns bewusst mit diesem Reiz auseinandezusetzen. Funktion, Aufmachung und Content-Struktur der gängigen Social-Media-Apps sind daher darauf ausgelegt, uns in allerkürzester Zeit (man sagt. unter drei Sekunden) zu hooken. Denn andernfalls fällt der Content dem Doomscrolling zum Opfer und wird nicht rezipiert. Antisoziale Medien nutzen also schamlos den, in unseren Brains verdrahteten Sortiermechanismus aus, um uns bei der Stange zu halten. Das funktioniert, weil der Thalamus als wichtige Schaltstelle unserer Wahrnehmung eng mit dem Mesolimbischen System verkoppelt ist, wo unter anderem unsere Emotionen entstehen… insbesondere mit dem Belohnungssystem (Nucleus accumbens) und dem Angstzentrum (Amygdala). Schon mal von Internetsucht und FOMO (Fear Of Missing Out) gehört…? Jetzt wisst ihr, woher das kommt… Und ja, ich weiß, dass diese Darstellung wissenschaftlich betrachtet alles andere als komplett ist. Aber für das Verständnis des Folgenden genügt es vollkommen.

Wenn wir bestimmte Handgriffe trainieren, dann machen wir uns einerseits den Umstand zu Nutze, dass regelmäßige Wiederholung unsere psychomotorische Gedächtnisleistung verbessert. JA… immer wieder Üben hilft! Nicht allen gleich gut, aber es ist dennoch wahr. Andererseits konditionieren wir auch unser Sensorisches Register. Reize, die anfangs noch Stress oder Unbehagen ausgelöst haben, werden mit der Zeit besser erträglich. Denn indem wir uns diesen Stressoren unter kontrollierten Bedingungen aussetzen, verlieren sie nach und nach ihre Schärfe. Das steigert unsere Stressresilienz… Wenn wir nun aber Doomscrollen, dann konditionieren wir unsere Wahrnehmung in Abstimmung mit dem Belohnungssystem. Und zwar dahingehend, dass wir in der Folge immer mehr, immer knalligere Reize brauchen, um überhaupt noch eine Reaktion spüren zu können. Weshalb wir in der Folge immer länger am Gerät bleiben – und unser Sensorisches Register gegenüber jenen Wahrnehmungen abstumpfen, die vielleicht etwas mehr Zeit brauchen, ihre Wirkung zu entfalten. Wir sind dabei übrigens die ganze Zeit aufmerksam; die Aufmerksamkeits-Spanne ist nicht das Problem, sondern vielmehr die Art der Reize, auf die zu reagieren uns noch möglich ist.

Wo das – im letzten Post von mir thematisierte – Re-Framing ein aktives (Selbst)Reflektieren der eigenen Wahrnehmung erfordert, sind wir hier ein Stockwerk tiefer unterwegs. Nämlich in der Sortierstation, die es uns überhaupt erst erlaubt, Dinge wahrzunehmen, deren Beurteilung wir später reflektieren können. Das ist, was ich mit meinem Post “Verwirrt im Park” tatsächlich meinte: sich auch wieder auf Reize einlassenen zu können, die abseits des Üblichen liegen, die nicht SOFORT durch einen Dopaminschub wirksam werden, die zunächst kein Nutzpotential entfalten, sondern die einfach nur da sind und dennoch in uns etwas auslösen, dass – wenn auch erst ein paar Augenblicke später – in uns Wirkung entfaltet. Doch dazu ist eine andere Form von selbst-induzierter Konditionierung notwendig. Nämlich eine, die keine technischen Hilfsmittel braucht, sondern einfach nur den regelmäßigen Gebrauch unserer fünf Sinne…Und nein, ich rede gerade nicht über dieses ultra-nervtötende “Die kleinen Dinge wertschätzen”-Achtsamkeitsratgeber-Trallalla und irgendwelche “Musst-du-so-machen”-Rituale; sondern einfach nur darüber, BEWUSST zu leben. Dass man dabei auch mal die Taschenwanze benutzen darf, wenn man irgendwas wissen will/muss, oder eben mal jemand erreichen will/muss…. Schwamm drüber, geht mir auch so. “What about hapiness?” war die Frage. Wie wäre es mit dem Versuch, mit offenen Sinnen durch die Welt zu gehen, ein bisschen Wandel dahin zu bringen, wo es einem möglich ist und einander zu achten und zu helfen? ICH glaube ja, damit kämen wir alle verdammt viel weiter. Aber was weiß ich schon? C U soon…

Auch als Podcast…