New Work N°7 – Gimmicks rule?

Es ist, wenn man sich mit der Angelegenheit mal eine Weile befasst hat, ziemlich bald klar, dass Gimmicks in der Arbeitswelt als symbolische Währung für Status, Standing, etc. in Organisationen missverstanden – manchmal auch missbraucht – werden, obschon sie doch eigentlich nur Werkzeuge sind (bzw. sein sollten) , mit denen sich Arbeit etwas effizienter gestalten lässt; durch bessere Erreichbarkeit etwa. Weshalb mein Arbeitgeber mir ein Smartphone stellt, welches mir im Gegenzug Zugriff auf die Unternehmenskommunikation gestattet. Er nutzt dafür ein vergleichsweise einfaches Gerät aus der Samsung XCover-Serie. Ich mag das Teil, denn es ist robust, bietet für den Administrator zusätzlichen Schutz vor Malware, etc. und macht ebenso klaglos wie zuverlässig, was es soll. Schönes Ding.

Ich höre in meinem Hinterkopf gerade Stimmen; die eine Fraktion sagt “Wie? Mit so einem popeligen Teil lässt du dich abspeisen…?” Die Andere fragt wahrscheinlich, warum ich ein Smartphone brauchen sollte, andere Leute (z.B. sie selbst) sind doch viel wichtiger. Beide machen den gleichen, oben schon erwähnten Fehler: sie verwechseln Schein und Sein. Soll ich ehrlich sein. Am Anfang habe ich mir keine Gedanken drüber gemacht, wie wenig teuer, prestigeträchtig, etc. das Dings ist, sondern habe mich gefreut, dass ich nicht für jede Mail in mein Büro laufen muss.. Der Prestige-Gedanke hat sich übrigens immer noch nicht eingestellt. Aus oben genannten Gründen. Hochglanzpolierte Oberflächen sind nämlich nach meiner Erfahrung meistens genau das: oberflächlich glänzend, aber auch nicht mehr! Mal davon abgesehen, dass ich mir auch privat nie irgend so ein schweineteures High-End-Gerät kaufen würde. Mir erschließt sich bei durchschnittlichen Nutzungsprofilen der allermeisten Konsumenten nicht wirklich, wofür sie die überstylte, überdimensionierte Taschwenwanze brauchen sollten. Die meisten nutzen die Dinger doch eh nur zum Zocken, Fotografieren, ein bisschen surfen und Messengern. Dafür langt auch mein privates Galaxy A41.

Ich werde ja nicht müde, zu sagen dass das Phone halt nur so smart wie sein Benutzer sein kann; bezogen darauf tragen sehr viele Leute einen Supersportwagen in der Tasche, wo ein Minivan locker gereicht hätte. Und das Statusargument werde ich hier nicht gelten lassen. Denn tatsächlich konstituiert sich Status völlig anders, als durch überflüssige sichtbare Zeichen. Aber auch das zu lernen wird dir Menschheit noch eine ganze Weile brauchen. Für mich wird derweil immer wichtiger, auf welche Weise ich irgendwelche Apparate, Apps, etc. produktiv nutzen kann. Zum einen, weil privat, wie auch beruflich ein endliches Budget zur Verfügung steht; und zum anderen, weil ich keine Lust darauf habe, mir meinen Arbeitsplatz (egal ob im Home- , oder im Workplace-Office) mit unnötigem Tinnef vollzustellen. Da hat sich in meinem Kopf in den letzten Jahren ein gewisser Wandel vollzogen. Früher war ich doch manchmal schon arg verspielt, und ließ mich leicht zu irgendwelchen Dingen hinreißen. Heutzutage bin ich etwas weniger Affekt-inkontinent, dafür jedoch zielgerichteter bei Anschaffungen. Insbesondere, wenn’s um Spielzeuge geht, deren Nutzen sich erst noch herausstellen muss.

Zugegeben: ich bin bis heute nicht frei von einer gewissen Spielfreude und der stetigen Suche nach etwas Neuem, das mir helfen könnte, meine Kreativität besser zu entfalten. Man rennt dabei gelegentlich in Sackgassen und verbrennt etwas Geld. Doch im großen und ganzen bemerke ich, dass weniger tatsächlich mehr ist. Neulich haben sich meine Schülerinnen und Schüler ein bisschen über ein Bild aus meinem Home-Office lustig gemacht, weil nur zwei Monitore, ein Festnetztelefon und ein einsames Mikro draufstehen. Die sind halt noch arg jung. Das wichtigste Gimmick auf meinem Home-Office-Desk ist derzeit ein Kalender, bei dem man durch zufälliges Aufblättern Fragen erzeugen kann; hier ein Ergebnis:

Übrigens wirklich eine geile Frage…

Womit wir an der Frage angelangt wären, was ein Gimmick eigentlich ist? Der Tech-affine Typ in mir (wie auch in vielen anderen) denkt dabei natürlich spontan an irgendwelche elektronischen Spielzeuge, Apps, Software, etc. Wie unglaublich kurzsichtig. Das Bild oben zeigt ein Device, dass trotz der einfachen Ausführung ziemlich smart ist. Smarter jedenfalls, als die meisten Phone-User! Nicht das Dingliche an sich macht einen Gegenstand zum Gimmick, sondern die Arten, auf die man diesen benutzen kann. Und oft findet man die spannendsten erst durch ausprobieren. Der wirkliche Wert eines Devices liegt in dem, was wir mit dem Ding anstellen, nicht im Ding an sich. Je mehr sich die Menschen das wieder ins Gedächtnis rufen, desto früher kommen wir vielleicht wieder zu mehr Nachhaltigkeit. Ich fände es zudem ziemlich erfrischend, wenn wir anfingen, darüber nachzudenken, was wir wirklich brauchen – nicht nur bei der Arbeit, sondern überhaupt – und weniger Wert auf Oberflächen zu legen; denn die sind allesamt vergänglich. So, wie wir! In diesem Sinne wünsche ich eine produktive Woche. Apropos – Produktivität…was ist das eigentlich?

Zwischenruf N°3

Immer wieder irritierend, was für Verläufe “Diskussionen” auf Facebook nehmen. Hatte jemand drauf hingewiesen, dass unverpixelte KFZ-Kennzeichen Käse wären. Als Antwort darauf geht’s gleich ad hominem: “Lass doch mal die Kirche im Dorf”, es wird ein 14! Jahre altes, von der EU-DSGVO lange überholtes Urteil rausgezogen, und das Bild sei ja schon uralt; und wenn ich mir die Frechheit rausnehme, dem Mensch zu widersprechen, kommt gleich noch’n Anderer und weiß es auch besser. Man fühlte sich im Recht – und tat es mir kund. Dass ich mir erlaube, darauf nicht direkt zu antworten, wird dann wahrscheinlich auch noch als Bestätigung für die eigene Berechtigung gewertet, Gesetze so zu interpretieren, wie’s einem halt gerade in den Kram passt. Könnte aber auch daran gelegen haben, dass ich “nur” Pädagoge bin. Da war es wieder, das Schachspielen mit Tauben…

Butter bei die Fisch: es gibt bei uns in Deutschland diesen einen, zufällig akademisierten Berufsstand, in dem immer mal wieder einzelne Vertreter glauben, dass Arzt zu sein bedeutet, alles besser zu können, besser zu wissen und folglich auch mehr zu dürfen, als alle Anderen. Ausdrücklich weise ich hiermit darauf hin, dass ‘n fauler Apfel leider die ganze Kiste verderben kann. Mit anderen Worten: diese Einzelfälle erweisen dem Berufsstand einen Bärendienst, weil ich ehrlich gesagt wohl nicht der Einzige bin, der mittlerweile grundsätzlich Ärzten (außer wahrscheinlich Medizin) erst mal gar nichts zutraut, bis sie mir das Gegenteil bewiesen haben. Insbesondere, wenn es um die geistes- und sozialwissenschaftliche Themen geht. Denn seien wir mal ehrlich, weder das, noch Betriebswirtschafts- oder Führungslehre sind Bestandteil der Arztausbildung. Wenn Vertreter dieses Berufsstandes dort auch glänzen können, dann nur, weil sie sich abseits ihrer eigentlichen Profession weitergebildet haben. Auch das gibt es; Gott sei Dank genauso oft wie die anderen, von denen ich gerade sprach.

Warum mir das überhaupt einen – zugegeben etwas polemischen – Blogpost wert ist? Weil leider in manchen Gremien, deren Entscheidungen ich mich auch in beruflicher Hinsicht unterwerfen muss, gelegentlich Vertreter der “Kann alles besser – weiß alles besser!”-Fraktion sitzen, die sicher viele Qualitäten haben; jedoch oft nicht die, welche das Gremium gerade braucht. Und dann driften eigentlich sachlich zu führende Diskussionen und Output-orientiert zu gestaltende Prozesse in ständisches Geplänkel ab. Das hält auf, verschwendet Ressourcen und mach nichts besser. Gott sei Dank mache ich diese Erfahrung in letzter Zeit immer seltener. Die meisten Ärzte sind abseits irgendwelcher Titel pragmatisch und menschlich genug, an der Sache Fortschritt erzielen zu wollen. Und das tut gut!

Die Eingangs erwähnte Diskussion auf Facebook geht mir übrigens nachgerade mit Wucht am Arsch vorbei, weil mich die Meinung der anderen Protagonisten dort einfach nicht interessiert. Sollen sie doch glauben was sie wollen. Ich erkenne allerdings ein Problem, welches für mich daraus erwächst: wenn immer mehr Menschen, denen ich intellektuelle Leistungsfähigkeit zur Metareflexion ihres Tuns zumindest zugetraut hätte, mich vom Gegenteil überzeugen, indem sie implizit “Meine Förmchen, mein Sandkasten!” oder wahlweise auch “Du bis blöd!” schreien, anstatt über das Problem zu reden, oder einen anderen Standpunkt auch nur zu erwägen, tötet das langsam aber sicher mein Interesse an sachlicher Auseinandersetzung; weil ich eh nur noch allen möglichen Menschen unterstelle, selbstgefällige Dummschwätzer zu sein! Und eigentlich will ich das nicht…

Warum in drei Teufels Namen bin ich eigentlich noch bei Facebook? Weil ich meine Blogposts dort zur Kenntnis gebe? Ich schreibe das hier doch vor allem für mich… Wird vielleicht doch endlich Zeit zu gehen und diese ganzen Wesen, die ich als arrogante, unreflektierte Selbstdarsteller wahrnehme, sich selbst zu überlassen. Wenn ich Ihnen damit nur nicht auch den Rest der Welt überließe. Schließlich zählt kurzer Ruhm heute mehr als nachhaltiges Tun. “good fight – good night!”

Symbolik für Anfänger – Part 1

Ich habe in meinem letzten Post einen Nebensatz hingeworfen, der nach längerem Überdenken vermutlich einer Erläuterung bedarf: “…in dem die Äußerlichkeit der Dinge und deren Bedeutung dauernd miteinander verschmolzen werden, …“. Man merkt, dass ich mal wieder tiefer in das Thema Zeichenbedeutung eingestiegen bin. Aber Semiotik fasziniert mich, nicht nur des Berufes wegen, schon länger. Worauf ich damit hinweisen wollte, ist der Umstand, dass unser durchschnittlich konsum-kapitalistisches Verhalten uns allzu oft dazu bringt, den Inhalt mit der Verpackung zu verwechseln. Und das ist eine der stärksten Nachwirkungen des Jahrhunderts des Modernismus (des 20. Jahrhunderts): die teilweise unfassbare Wirksamkeit moderner Werbung!

Warum wollen Menschen jedes Jahr das neueste Smartphone? Weil sie dessen Leistung tatsächlich benötigen? Wenn man die Tatsache in Betracht zieht, dass das Phone als solches maximal so smart sein kann, wie sein Benutzer, kommen wir mit dieser Erklärung bei den weitaus meisten Menschen (leider) nicht sehr weit. Na gut; dann halt geplante Obsoleszenz? Physisch sicher nicht, denn abseits der üblichen Produktionsfehler-Wahrscheinlichkeit machen die meisten mobilen Endgeräte 3-4 Jahre täglichen Gebrauch selbst bei fest verdrahtetem Akku klaglos mit. Zumindest die Geräte, die ich im letzten Jahrzehnt hatte. Und die gehörten nicht zur Oberklasse. Psychisch jedoch schon eher. Denn natürlich wird in den hochglanzpolierten Anzeigen in jedwedem Medium geflissentlich verschwiegen, wie groß (oder eher klein) der Performance-Gewinn tatsächlich ausfällt, und für welche Nutzergruppen sich das tatsächlich lohnen könnte. Und weil auch die Redakteure der vielen Test-Portale sich dem Sirenen-Gesang des Fortschrittsversprechens nicht entziehen können, gibt es viel zu oft riesige Lobeshymnen auf marginale Entwicklungsschritte.

Fortschrittsversprechen. Da haben wir es. Das Movens Maximus unserer Zeit. Alles muss weiter gehen, alles muss besser werden; wobei besser dabei mit “schneller, höher, weiter, etc.” synonymisiert wird. Doch ist ein performanteres Smartphone – oder irgendein anderes neues Tech-Gadget – tatsächlich Fortschritt? Führt es zu einer echten Verbesserung des menschlichen Daseins? Oder wird uns hier von der Werbung nicht vielmehr ein ziemlich dicker Bär aufgebunden? Denn wenn wir uns den aktuellen Zustand der Welt anschauen, der sich ziemlich gut mit einem einzigen Wort beschreiben lässt, darf man daran starke Zweifel hegen; dieses Wort lautet übrigens “RESSOURCENVERSCHWENDUNG”…

Ich will hier gar nicht anfangen, darüber zu diskutieren, dass echte Nachhaltigkeit, die unseren folgenden Generationen eine Zukunft schenken würde, vermutlich anders aussieht. Mir geht es um die Zeichen, welche unsere Zeit durchdringen und damit das Denken sehr vieler Menschen (un)nachhaltig beeinflussen. Denn natürlich arbeitet die Werbung mit den – von uns selbst – in diese Bilder hineininterpretierten Bedeutungsüberschüssen. Semiose, also (vereinfacht) die Entstehung von Zeichenbedeutungen im Interpretanten (uns) ist von vielen Faktoren abhängig. Gleich ist aber fast allen Menschen, aus fast allen Kulturkreisen eines: das Streben nach mehr oder weniger bescheidenem Wohlstand; weil dieser uns ein Gefühl der Sicherheit vor den schlimmsten existenziellen Sorgen und Ängsten gibt. Und im Kern ist das ja auch wahr.

Da Konsumkapitalismus aber das oben beschrieene “schneller, höher, weiter, etc.” braucht, weil er sonst zusammenbricht, begann man im Zuge seines Wachstums im 20. Jahrhundert mittels des, damals noch neuen Mediums Werbung, dieses Mantra in die Köpfe aller Menschen zu transportieren – bis zu dem Punkt, dass wir alle es so sehr verinnerlicht haben, dass wir Konsum mit Fortschritt verwechseln; und die Verpackung mit dem Inhalt. Oder noch besser: Dinge subjektiv mit einem Sinn füllen, den sie objektiv nicht haben. Wie das oben beschriebene jährlich neue Smartphone. Und bevor jetzt irgend jemand wieder anfängt, über moralinsauer erhobene Zeigefinger zu schwadronieren: ich selbst bin mehr als oft genug in diese Falle getappt, bevor ich erkennen durfte, wie grundlegend diese Synonymisierung von Konsum und Fortschritt auch mein Denken von Kindesbeinen an durchzieht. Doch wenn man genau sucht, ist da eigentlich keine Leere, die es zu füllen gilt.

Fortschritt als Begriff ist nicht begreifbar. Er verweist immer auf irgendwas (gutes?), dass (vielleicht?) in der Zukunft passiert. Fortschritt ist also Kontingenz (ein gedachter Raum von Möglichkeiten) in Reinform. Alles kann – nichts muss! Und dieser Raum voller gedachter Möglichkeiten war schon immer der Motor aller Entwicklungen, welche die Menschheit hervor gebracht hat. Doch seit unsere Gesellschaft mehr und mehr der oben beschriebenen konsumkapitalistischen Logik unterworfen wird, erzeugt allein der (sogar oft unbewusste) Gedanke an Fortschritt einen Sog auf uns alle; einen Sog in die Zukunft, der das Jetzt unvollkommen erscheinen lässt! Werbung bespielt diesen, sowieso schon vorhandenen Drang nach vorne jetzt schon so lange, dass es ihr ohne größeren Aufwand möglich ist, Begierden in uns zu wecken, die jedwedes realen Bedürfnisses entbehren. Das bedeutet, wir synonymisieren mittlerweile (unzulässigerweise) nicht nur Konsum und Fortschritt – wir wollen Konsum ALS Fortschritt…

Diese Gedanken sind weder neu, noch sind sie besonders originell. Aber sie müssen anscheinend immer wieder neu gedacht und kommuniziert werden. Was das mit der (meiner) Arbeitswelt zu tun hat, darüber rede ich schon sehr bald in Part 2. Bis dahin fröhliche Katharsis am Karfreitag…

Quarantini olé!

Morgen ist der erste April. Mir ist im Moment nicht nach Scherzen zumute. Aber wenn man zu Hause wegen des Clusterkindes darauf wartet, dass man seinen ersten offiziellen Test machen kann, ist die Wahrscheinlichkeit, dass einen irgendein Depp auf den Arm zu nehmen versucht, ja auch eher gering. Die beste Ehefrau von allen und die Kinder haben an sowas kaum Interesse. Mal davon abgesehen, dass die meisten Aprilscherze – wem immer dafür auch Dank sein muss – ja eher harmloser Natur sind. Ich jedenfalls bin im Moment unzufrieden knurrig. Könnte daran liegen, dass man meine pragmatische (nicht vorher abgestimmte) Entscheidung, bei Bekanntwerden des Problems einfach den Plan für die Woche umzustricken und dafür von zu Hause weiterzuarbeiten als oberhalb meines Kompetenzlevels empfand. Darum ist es mal wieder an der Zeit für eine Meditation über Präsentismus und Erreichbarkeit.

Apropos Erreichbarkeit. Wenn ich hier an meinem persönlichen Schreibtisch sitze oder stehe, bin ich auf mindestens SECHS! verschiedene Arten erreichbar: privates Smartphone, dienstliches Smartphone, Festnetz, Whatsapp Web, Telegram Web und E-Mail. Alles in Griffweite, und alles online, sobald ich meinen Arbeitstag beginne. Ich werde nicht lügen: es ist OK, ein paar Minuten länger liegen bleiben zu dürfen, weil die Fahrtstrecke zur Arbeit entfällt. Und es ist hier viel ruhiger, als an meinem Präsenzarbeitsplatz in der Dienststelle. Und an die gelegentliche Nutzung meiner privaten IT-Infrastruktur für Dienstliches habe ich mich im Lauf der Jahre gewöhnt; das passiert einem als Lehrer/Dozent öfter. Außerdem kann ich an meinem privaten Schreibtisch im Stehen arbeiten…

Ich verstehe, dass man seine Angestellten arbeiten sehen möchte. Es gibt einem das gute Gefühl, kein Geld für Faulenzeritis und Kokolores auszugeben. Man sieht, was man dafür bekommt! Oder…? Jetzt mal im Ernst: glaubt irgendjemand, dass Menschen arbeiten, nur weil die in ihrem Büro am Platz sitzen? Really? Was qualifiziert überhaupt als dieses mystische Ding namens “Arbeit”? Meine Kinder jedenfalls verstehen nicht, was ich da tue; weil es schwer zu durchschauen ist, was es nun mit Networking, Planung, Organisation oder Content-Produktion, etc. auf sich hat. Excel-Tabellen zusammenschubsen, Mails schreiben, telefonieren und so weiter und so fort; das sieht unspannend aus. Und es ist schwer durchschaubar, ob gerade etwas produktives geschieht, oder einfach nur zum x-ten Mal Akten von links nach rechts geschichtet werden – das geht ja auch digital.

Woran misst man, ob jemand “sein Geld wert ist”? Daran, dass er/sie/divers halt im Büro anwest? Oder doch eher daran, dass er/sie/divers einen Mehrwert erzeugt? Ihr wisst schon: dass wofür man diese Steuer zahlt. Also Wertschöpfung auf verschiedenen Stufen des Wirtschaftssystems. Ganz ehrlich, ich werde hier sicher nicht darüber urteilen, wie groß der Mehrwert ist, den ich für meinen Arbeitgeber derzeit erzeuge. Das Projekt ist ja noch im Aufbau befindlich. Aber wenn er denn dann entsteht, passiert das auf so vielen Ebenen. Zum Beispiel durch die mittelfristige Bereitstellung von kompetenten Mitarbeitern für das operative Geschäft “Rettungsdienst”. Durch Mitarbeiterbindung, welche durch gute Fort- und Weiterbildungs-Angebote nachweislich mindestens genauso gesteigert wird, wie durch ein angemessenes Salär. Durch die Schöpfung (und mittelfristig hoffentlich auch Verbesserung) von Qualität. Schließlich durch den Verkauf von Bildungsdienstleistungen an externe Nachfrager.

Warum zeige ich schon wieder meinen Schreibtisch? Als Signifikant für das Signifikat “Arbeit”, die hier vermutlich erbracht wird? Dann wäre der Mehrwert, den ich zu erzeugen hoffe das Referens; also die Entsprechung in der realen Welt? Und damit sind diese kuratierten Bildchen hinsichtlich ihres Sinnes auch schon hoffnungslos entzaubert, oder? Wie bei einem Magier, der seinen Trick Stück für Stück erklärt. Aber mir geht es nicht darum, meinen Wert bildlich darstellen zu wollen. Das tun nutzlose Kleiderständer in irgendwelchen Büros landauf landab jeden Tag. So tun, als wenn sie Wert schöpfen würden. Ich will kein Schulterklopfen und kein Danke – ich will einfach nur den Raum, so arbeiten zu dürfen, dass ich auch tatsächlich maximalen Mehrwert erzeugen kann. Und das geht mit den – pardon – eingeschränkten Möglichkeiten andernorts nicht immer. Tatsächlich nicht mal oft…

In einem Zeitalter in dem ein neuer Laptop schon als der Gipfel betrieblich Produktivitäts-Maschinerie verstanden wird, in dem die Äußerlichkeit der Dinge und deren Bedeutung dauernd miteinander verschmolzen werden, ist es äußerst schwer, zu erklären, warum kreatives Arbeiten nach anderen Regeln funktioniert – oder vielmehr, funktionieren muss – als Akten von links nach rechts zu schubsen. Auch die digitalen… Ich sage es wie’s ist: ich weiß nicht, wie Vorgesetzte im Mittel auf so einen Schrieb reagieren, aber ich muss mir Luft machen. Und weil Anschreien keine Lösung ist – und auch nie sein wird – ist dies hier die nächstbeste Möglichkeit, meinen Frust rauszulassen. Meinen Frust darüber, dass das frühe 21. Jahrhundert mit seinen mannigfaltigen Möglichkeiten, bestimmte Formen von Arbeit (bei weitem nicht alle!) zu flexibilisieren, immer noch nicht verstanden oder gar gelebt wird. Für heute habe ich fertig. Frohen ersten April. Mein Quarantini heute war übrigens ein Cappuccino!

Erwachsen bilden N°30 – …alles für die Kunden?

Ich nehme das Credo des Artikels vorweg und sage rundweg mal NEIN! Ich tue nicht ALLES für meine Kunden. Ich erfülle gerne alle legitimen Ansprüche. Ich denke mir auch gerne Lösungen aus, die um die Ecke liegen, anstatt mitten im Sichtfeld. Ich baue mit Freude und Anstrengung ein Lern-Buffet auf, an dem man sich reichhaltig bedienen kann und gehe auf spezielle Wünsche ein, wenn es denn irgendwie machbar ist. Aber ich mache mich NICHT zum Affen, ich lasse mich NICHT ausnutzen, NICHT für dumm verkaufen und vor allem NICHT beleidigen. Da kommt ja immer mal wieder dieser Spruch “Der Kunde ist König!” (in den Köpfen der meisten Dienstleister direkt gefolgt von “NIEDER mit der Monarchie!”) und dieser Spruch ist halt leider einfach falsch. Oder besser gesagt, er wird häufig entweder missverstanden oder – noch viel lieber – missbraucht, um ein Verhalten zu rechtfertigen, das schlicht und ergreifend Bullshit ist.

Ich verkaufe Bildungsdienstleistungen. Zugegeben sehr spezielle; aber das ist erst mal eher unwichtig. Also präziser gesagt, entwerfe ich im Rahmen der hierfür gültigen Anforderungskataloge welche, halte den Unterricht auch häufig selbst und habe die Vorgabe, damit am Ende etwas Geld verdienen zu müssen. Aber der Job ist schon ein bisschen vielfältiger als bloßes Verkaufen. Wichtig ist dabei, den Unterschied zwischen verschiedenen Dienstleistungen zu verstehen. Wenn ich ein maßgeschneidertes Softwareprodukt für den Launch einer Business-Plattform bestelle, dann gibt es ein Pflichten/Lasten-Heft in welchem Kunde und Dienstleister gemeinsam festlegen, was zum Portfolio gehört – und was nicht! Bei Bildungs-Dienstleistungen hingegen ist dieses Pflichtenheft, insbesondere im berufsbildenden Bereich eher dünn und hoch interpretationsfähig: am Ende soll üblicherweise der Erwerb einer, auf dem Arbeitsmarkt verwertbaren Qualifikation stehen. Sicher ist jeweils definiert, was die Person schlussendlich “können” können soll. Der Weg dahin jedoch… ist oft Terra incognita. Weil Lehr-Lern-Prozesse nicht wie ein Software-Algorithmus programmierbar sind.

Chefs, Vorgesetzte, Teamleiter, etc. haben ja oft diese naive Vorstellung, dass meine Kollegen und ich morgens mit einem Bohrer und Infusionsbeuteln voller Wissen in den Lehrsaal kommen und dann das “Mana der Kompetenz” fließen lassen, auf dass alle Teilnehmer:innen am Ende höchst belehrt und voll einsetzbar sind. Dass das Lernen meist schon viel früher (z.B. bei der Auswahl geeigneter Auszubildender) beginnt und damit Lernschwierigkeiten, eine mangelhafte Berufspassung, unbefriedigende Performance und manch andere Dinge u.U. ein hausgemachtes Problem sind, wird entweder nicht gesehen, oder geflissentlich ignoriert. Die Schule wird’s schon richten. Tatsächlich entwerfen wir Lernsituationen, in welchen die Teilnehmer:innen (oder SuS: Schülerinnen und Schüler) in die Lage versetzt werden, sich Wissen, Fähigkeiten und wie man diese kombiniert, um kompetent handeln zu können, selbst aneignen zu können (der Konstruktivismus lässt grüßen). Denn man kann niemanden “lernen machen”!

Aber auch die SuS oder Teilnehmer:innen haben oft nur eine vage Vorstellung, wie Erwachsenenbildung funktioniert, weil das allgemeinbildende Schulwesen mit seinem Fachzentrierten Unterricht anders läuft, als das Lernfeldzentrierte Unterrichten in einer Berufsfachschule. Die begreifen oft erst nach und nach, dass unser Ansatz im Kern ganzheitlich ist, also niemals nur ein Wissensfeld (oder Fach, wenn wir von Schule sprechen wollen) allein beackert wird, sondern immer mehrere auf einmal. Weil vor allem die Fähigkeit zum vernetzten Denken und Handeln gefördert werden muss. Dass ist eine der Anforderungen des Berufsfeldes, in welchem ich tätig bin. Daraus resultiert, dass es jemandem, der gerade die allgemeinbildende Schule hinter sich gebracht hat (oder auch manche Berufsschule aus dem gewerblich-technischen Bereich) ungemein schwer fällt, einen roten Faden zu erkennen, auch wenn der von Anfang an da ist – sofern der Lehrplan halbwegs clever designed wurde…

Ich muss wohl nicht erklären, dass daraus Zielkonflikte resultieren, denn die SuS denken, wir würden ihnen gar nicht das beibringen, was sie brauchen. Obwohl die ja oft noch gar nicht wissen (können), was sie alles brauchen (werden). Und die Chefs denken, dass das alles nicht schnell genug geht, weil sie in Kennzahlen und Einsetzbarkeit denken. Tellerränder und so…? Es braucht also oft viel Erklärungsarbeit (ich bin in mancher Hinsicht ein wahrer Transparenz-Junkie!), aber auch Geduld auf beiden Seiten. Und da entstehen dann die Probleme, die mich richtig fuchsig machen. Z.B. Menschen, die denken, dass alles nach ihrem Kopf gehen muss, und man die Abläufe (Unterricht, Prüfungen) gefälligst nach ihren Vorgaben strukturieren soll. Wenn ich aber einen Klempner bestelle, erkläre ich dem auch nicht, wann und wie das mit dem Rohr gemacht wird. Weil ich a) gar keine Ahnung habe, wie das geht und b) keine Verfügungsgewalt über die Zeitabläufe anderer Menschen habe. Man kann höflich um eine gewisse Flexibilisierung von Abläufen bitten. Wenn aber Forderungen gestellt werden, die schlicht das Unterrichtsziel gefährden, ist Schluss! Und zwar in jeder Hinsicht.

Auch über Rahmenbedingungen wird ja oft gemosert (zu warm, zu kalt, zu viel Theorie, zu viel Praxis, zu lang, zu kurz, schlechtes oder gar kein Catering, la, bla, laber, schätz). Den Service der eigenen Orga öffentlich zu beurteilen (gar zu loben), steht mir nicht zu; aber ich denke ehrlich, dass wir uns nicht verstecken müssen. Und dann nervt es schon, wenn man sich auf manche Kritik einlässt, Abhilfe schafft und im nächsten Schritt noch mehr Forderungen gestellt werden. Irgendwann ist es mal gut. Und auch wenn der Spruch ein wenig abgedroschen daher kommen mag: Lehrjahre sind keine Herrenjahre. Das gilt auch anno 2021 noch! Ich tue daher nicht alles für den Kunden (wenn man es denn überhaupt als klassisches Anbieter-Kunden-Verhältnis sehen will; immerhin haben Berufsfachschulen auch einen gewissen Erziehungsauftrag); ich tue alles, was notwendig ist, damit die SuS am Ende erfolgreich sein können. Zwischen diesen Lesarten des Begriffes “alles” muss man unterscheiden lernen, wenn man sich als Dozent und Schulleiter nicht vollkommen aufreiben lassen möchte. Und jetzt wünsche ich uns allen eine gute Woche.

Erwachsen bilden N°29 – Content production

Schon drei Wochen haben wir jetzt Online-Unterricht durchgeführt. Im großen und ganzen muss man sagen, läuft es besser als ich gedacht hätte. Das technische Setup funktioniert in den allermeisten Fällen stabil, die Plattform, die zum Einsatz kommt ist zwar nicht wirklich intuitiv administrierbar, aber man kann das mit vertretbarem Aufwand erlernen; und das didaktische Mojo wächst mit seinen Aufgaben. Ich habe zwar schon Distanzlehre gemacht, aber das hier ist was Neues, Anderes und irgendwie macht es auch Spaß. Sicher, man kann praktische Lerninhalte nur begrenzt in einem reinen Online-Setting realisieren, aber zumindest die Themen sozial-kollaboratives Arbeiten und Output-orientierte Steuerung der Lernerfolge funktionieren bislang ordentlich. Vielleicht hat uns da auch ein wenig der Novelty-Factor geholfen.

Was allerdings anstrengt, ist die Content-Production. Um den Schülern motivierende und hilfreiche Anregungen geben und den Selbstlernprozess in die richtigen Bahnen lenken zu können, ist es notwendig, Materialien vorzugeben, an Hand derer sich die Lernenden durch den Tag und den Stoff arbeiten können. Weder Schüler noch Lehrer in der Erwachsenen-Bildung halten regelmäßig 6-8h Frontalunterricht am Tag durch – in einem Online-Setting schon zwei Mal nicht; weshalb ich mit vielen Gruppen- und Selbstlern-Phasen arbeite, während derer ich natürlich ansprechbar bin, um die auftretenden Fragen, Sorgen und Probleme direkt bearbeiten zu können. Was aber bedeutet, dass ich einerseits präsent bleiben muss, andererseits aber auch mit der Produktion der Lernhilfen beschäftigt bin.

Ein Beispiel: Für eine 20 – 25 Minuten lange, kommentierte PowerPoint© als Video gehen im Mittel etwa drei bis vier Stunden Arbeit ins Land: ein Storyboard schreiben, passende Grafiken zusammenstellen, bzw. anfertigen. Dann alles auf den Folien zusammenbauen, mit Texten versehen und am Ende schließlich einsprechen. Dann noch umwandeln und auf Youtube© hosten. Müsste ich die Dinger auf dem freien Markt verkaufen, wären die schweineteuer. Und würden vermutlich nicht gehen, weil man den Arbeitstaufwand ja nicht unbedingt sieht. Vieles visualisiere ich selbst, weil mit dem Stift zu denken mir erlaubt, Gedanken in Bilder zufassen. und Bilder sagen ja bekanntermaßen oft mehr als tausend Worte. Solche Präsentations-Videos sind aber auch nur ein Teil.

Manche meiner Schüler haben sich ein bisschen darüber lustig gemacht, dass ihr Arbeitsplatz besser ausgestattet sei, als meiner. Mal im Ernst – wie soll ich denn mit Twitch-Streamern mithalten… 😉

Auch Padlets© kommen natürlich zum Einsatz. Was bei meinen Kindern funktioniert, geht auch für junge Erwachsene in der Berufsausbildung; eingebettet in das Firmeneigene Moodle©, mit den Lernsitzungen in Big Blue Button© ergibt sich eine Lernumgebung, die reichlich Power für die Distanzlehre bietet. Neben der Eigenproduktion ist natürlich aber auch die sinnvolle Auswahl und Kuratierung weiterer Inhalte ein entscheidender Punkt, damit hier keine wertvolle Lernzeit verloren geht. Wie gut oder schlecht es gelaufen ist, werden wir gewiss erst mit etwas Abstand wirklich sagen können. Andererseits möchte ich mir nicht nachsagen lassen müssen, beim Distanzunterricht so gnadenlos versagt zu haben, wie viele Einrichtungen des allgemeinbildenden Schulwesens – welche Faktoren im Einzelfall auch immer dazu geführt haben mögen. Wir werden sehen. Zum Abschluss möchte ich noch ein paar Worte live sagen. Ansonsten: hope to c u soon!

New Work N°6 – Zeit vs. Leistung?

Üblicherweise versuche ich, hier bei der Themenauswahl ein wenig Abwechslung zu erzeugen. Wenn man allzu monothematisch oder gar redundant wird, schläfert das die Leser/Zuhörer ein, oder aber es schreckt sie ab. Beides führt irgendwann sicher dazu, dass die eigene Reichweite sinkt und das kann ja niemand mit einem so eitlen Ego, wie ich eines pflege, gut finden können, nicht wahr. Ach, denkt doch einfach was ihr wollt, aber wenn man immer auf den gleichen Knochen rumkaut, macht das irgendwann keinen Spaß mehr; ganz so, als wenn man alle Tage sein Lieblingsgericht serviert bekäme. Kann man sich auch einen Ekel dran fressen…

Manchmal jedoch ergibt sich eine thematische Brücke, die man nicht erwartet hatte. Und Brücken sind halt zum darüber gehen gemacht. Ich hatte am Wochenende noch über das Home-Office und die Flexibilisierung der Arbeit gesprochen. Heute bin ich nun über einen Artikel gestolpert, der das Thema Viertagewoche mal wieder zur Diskussion bringt. Die Autorin fordert radikale Flexibilität. Finde ich gut. Sie rekurriert dabei auf Äußerungen von Sanna Marin, der finnischen Regierungschefin, die man allerdings nicht als offizielle Regierungsagenda verstanden wissen möchte. Ist aber auch gar nicht so wichtig. Die Frage nach einer Flexibilisierung und Verkürzung der Arbeitszeit wird in letzter Zeit immer wieder diskutiert- und passt halt haargenau zu meinem letzten Post. Der Artikel an sich bringt dann auch tatsächlich wenig Neues. Aber die Kommentarspalte…; fast immer finden sich, wie in der Diskussion unter diesem Artikel auch Leute, die dann natürlich der Lohnkürzung das Wort reden.

Es ist so eine Art Naturgesetz, dass die selbsternannten “Leistungsträger” Anwesenheits- oder Arbeitszeit mit Produktivität in einem proportionales Abhängigkeitsverhältnis denken. Obwohl die blanken Zahlen lange belegen, dass eine solche Aussage in dieser dogmatisch verallgemeinernden Form Bullshit ist. Aber hey, wer lässt sich schon gerne sagen, dass es die 60h/Woche eigentlich gar nicht braucht… Es ist doch so: wir suchen einem Sinn in den Dingen die wir tun. Manche schöpfen diesen Sinn durch eine Zahl, die sich am Ende des Monats auf einem Bankkonto abbildet; und einige von denen wissen sogar, dass diese Zahl absolut keinen realen Wert hat, weil das meiste Geld, dass erzeugt wird, Fiat-Geld ist. Aber auch unfrommer Selbstbetrug als Quelle des selbst gewählten Lebenszweckes ist natürlich zulässig. Wieder andere streben nach einem Höchstmaß an anstrengungsfrei abgreifbarem Hedonismus. Oder sind einfach hoffnungslos verträumte Idealisten. Und irgendwo dazwischen findet man die Realisten, die wissen, dass es ohne Anstrengung nicht geht, die vielleicht sogar etwas von bleibendem Wert schaffen wollen, aber am Schluss trotzdem noch genug Zeit für sich und ihre Lieben übrig haben möchten. So einer bin ich.

Arbeitsproduktivitätsmessungen sind so ein Instrument, dass seit dem Aufkommen des Taylorismus immer bemüht wird, wenn es um die Frage geht, wieviel Arbeit ich als Unternehmer pro Euro von meinen Angestellten zu erwarten habe. Nun sind die Zeiten, in denen Akkordlöhne gezahlt wurden vorbei, weil die Zahl der in der Produktion Tätigen von Jahr zu Jahr sinkt. Wir leben im Zeitalter des Umbruchs von Industrie 3.0 zu Industrie 4.0, was bedeutet, dass die Zahl der Dienstleister und Wissensarbeiter im Vergleich zu den Produzierenden immer weiter steigt. Und damit verändern sich auch – zumindest für jene, die keine rhythmisch wiederkehrenden Dienstleistungen, wie etwa Pflege, Verkauf, Instandhaltung von Infrastruktur etc. erbringen – die Umgebungs-Bedingungen, unter denen die Arbeit erbracht werden muss. Ob ich meine Unterrichtskonzepte Montags Morgens um 08:30 im Büro meines Arbeitgebers schreibe, oder Abends um 20:00 im Home-Office, wenn die Kinder ins Bett gegangen sind und die beste Ehefrau von allen zur Abwechslung mal was anderes auf Netflix schauen möchte als ich, ist doch vollkommen Wumpe, solange das Ergebnis zum Erfüllungszeitraum funktioniert. Oder?

Man könnte jetzt wieder diese alte Work-Life-Balance-Leier anfangen. Darauf habe ich eine Antwort: MEINE Work-Life-Balance ist nicht automatisch EURE Work-Life-Balance; oder umgekehrt. Was für mich funktioniert, was ich als gesund erachte, wie was und wo ich am kreativsten und produktivsten bin, weiß ich selbst besser, als irgendein verschissener Coach, ein dummdreistes Ratgeberbuch – oder mein Chef. Und wenn Chefs clever sind, wissen SIE das auch und gestatten jenen Mitarbeitern, bei denen, auf Grund der Struktur der zu erbringenden Dienstleistung eine Flexibilisierung funktionieren kann, die dazu notwendigen Freiheiten. Ich will kein bedingungsloses Gehalt überweisen bekommen. Ich erbringe Leistung, weil mir mein Job Spaß macht. Aber mit dem Messen ist das so eine Sache. Denn gerade bei Tätigkeiten, die ein gewisses Level an Hirnschmalz, Kreativität und Innovationsfähigkeit erfordern, kann man die Muße manchmal nicht zwingen. Es passiert mir schon gelegentlich, dass ich ein Thema durchdenke und mir der passende Ansatz für den Unterricht erst kurz vor knapp einfällt. Dann wird’s halt auch mal Nacht. So what?

Womit wir wieder beim berühmten Unterschied zwischen Effektivität und Effizienz wären. In meiner Welt versuche ich beide Begriffe zu versöhnen, weil ineffizientes Handeln meinerseits unnötig meine Energie verbrennen würde. Ein zu starkes Streben nach Effektivität kann das befeuern. Doch ich würde es mögen, wenn man die Beurteilung dieser Frage mir selbst überließe und nur meinen Output zur Kenntnis nähme. Phasen der Selbstausbeutung werden bei mir nämlich durch Phasen der Prokrastination und des Müßigganges abgelöst. Solange der Median einen guten Ausgleich zwischen Effektivität und Effizienz mit sich bringt, ist es eine Win-Win-Situation. Und je früher Chefs das begreifen, desto früher können wir alle Feierabend machen. Gute Nacht.

New Work N°5 – …and again Home-Office!

Man sucht Probleme, wenn man keine hat. Das ist auch so eine Erste-Welt-Sache, die ich wirklich nie verstehen werde. Vielleicht liegt es auch daran, dass die Menschen hierorts einfach keine vernünftigen existenziellen Probleme haben. Wenn so ziemlich das Übelste, was einem passieren kann darin besteht, dass der Kaffee-Vollautomat genau dann entkalkt werden möchte, wenn man Heiligabend nach dem Familienessen vor der Bescherung noch schnell einen Espresso ziehen möchte… tja, dann hat man’s halt geschafft. Denn wenn man sich darüber aufregen kann, ist man irgendwie doch zum wohlstands-verwahrlosten Snob geworden… Zu meiner Verteidigung: die Maschine war neu und ich hatte nicht erwartet, dass man so bald würde entkalken müssen. Das Lesen einer Bedienungsanleitung ist vielleicht doch nicht ganz so überbewertet, wie ich dies manchmal gerne darstelle.

Was hat das jetzt mit New Work zu tun? Zum einen stellt die Geschichte den Bezug zu meinem derzeitigen Hauptarbeitsplatz her, nämlich daheim. Ich verfüge dort über den keinesfalls selbstverständlichen Luxus eines eigenen Raumes, den ich als Home-Office bezeichnen darf. Und dessen Ausstattung ebenso diese Bezeichnung verdient. Wer sich gelegentlich mit meinen Einlassungen in diesem Blog beschäftigt, kann auch schon ahnen, womit ich mich im Moment gerade herumschlage: Distanz-Unterricht. oder besser, jetzt gerade noch dessen Vorbereitung. Technische Lösungen, Content, didaktische Strategien. Kommt so das eine oder andere zusammen.

Mein Schreibtisch sieht nicht immer so clean aus… die Darstellung wurde kuratiert!

Es stört mich eigentlich nicht besonders, wenn meine Lebens- und Arbeitszeit manchmal etwas entgrenzt sind. Wie ich in diesem Post schrieb, ist es mir in einem klassischen Büro-Umfeld manchmal schlicht nicht möglich, die Qualität zu erzielen, die es in meinem Job braucht. Insbesondere, wenn man auf alten Pfaden Neues ausprobieren möchte. Die Distanzlehre ist ja, speziell im allgemeinbildenden Sektor auf Grund der teilweise echt schlechten Infrastruktur und der Überforderung des Lehrpersonals mit den anders gelagerten mediendidaktischen Erwägungen für die Fernlehre durchaus in Verruf geraten. Zu Unrecht wie ich finde; denn viele Kolleginnen und Kollegen aus dem allgemeinbildenden Schulwesen können nichts dafür, wenn man ihnen keine vernünftigen technischen Lösungen und Fortbildungen für Distanzunterricht anbieten kann oder will. Dies ist ein Versäumnis der Bildungspolitik. Wenn ich im Moment gerne mal Kotzen möchte, muss ich mir nur irgendeine Verlautbarung der Kultusministerkonferenz oder unserer Baden-Württembergischen Kultusministerin Susanne Eisenmann anschauen und schon geht’s los.

Wir haben technische Lösungen, die gut funktionieren und laufend nach Bedarf skaliert werden können. Nun machen wir aber auch nur Unterricht für eine Berufsschulklasse und gelten als privater Träger. Da flutscht manches besser. Und dennoch kommt nicht selten ein Gefühl von Altbackenheit auf, wenn der gute alte Präsentismus-Teufel seine Klauen zeigt. Man muss begründen können, warum man von zu Hause arbeiten will / muss / kann (wählen sie hier die zutreffende Antwort) – einfach, weil das schon immer so war. Wer mich kennt, weiß genau welchen Satz ich auf der Welt am meisten hasse: “Das haben wir schon immer so gemacht!”. Meine Standardantwort darauf lautet: “Was 1981 falsch war, ist heute nicht richtiger, weil wir 2021 haben!”. Hm… könnte man auch gut für die damalige Wahl von Ronald Reagan benutzen. Jedenfalls stehe ich auf dem Standpunkt, dass ich nicht 8h einen Bürostuhl wärmen muss, damit jemand sehen kann, dass ich arbeite. Denn wenn ich an so Manche(n) denke, der 8h den Bürostuhl wärmt und dabei ungefähr die Funktion eine Hemdenständers erfüllt; nun ja. Output kann man auch anders messen. In Zeiten von Corona ist es überdies doppelt Käse, wenn man bedenkt, wie schwierig es ist, am Arbeitsplatz Hygienemaßnahmen zu implementieren – und dann auch konsequent durchzuhalten!

Falls sich jemand fragt, was da oben für Stoff rumhängt – ich kann bei Bedarf für Video-Konferenzen einen neutralen Hintergrund schaffen, der nicht so flimmert, wie diese virtuelle Kacke bei Zoom…

Ich sehe im Moment fast nur Vorteile im Home-Office; besserer Infektionsschutz, bessere IT-Ausstattung (sorry) und für mich bessere Zeiteinteilung, weil auch meine Kids im Moment natürlich gelockdowned daheim hocken und die beste Ehefrau von allen und mich mit ihrer gelegentlichen Home-Schooling-Totalverweigerung an den Rand des Wahnsinns bringen. Weil mein Kollege und ich alle halbwegs modernen Kommunikations-Kanäle bespielen können, um Sach- und Strategiefragen schnell und effizient zu klären, klappt trotzdem alles. Zudem würde man es ziemlich schnell merken, wenn wir unseren Job nicht machten. Spätestens, wenn die ersten Schülerbeschwerden herein kämen, bestünde erhebliche Erklärungsnot. Das wird gewiss nicht der Fall sein, aber es ist manchmal schon erschreckend, wie sehr manche Chefs immer noch am präsidierenden Blick über ihre Knechte hängen… war ‘n bisschen polemisch? Ist mir egal. Ich habe mich langsam dran gewöhnt und werde alles mir zu Gebote stehende tun, damit ich meine neue, flexiblere Arbeitssituation behalten darf. Solange die Arbeit gemacht ist, gibt es nämlich keinen Grund, am Präsentismus festzuhalten.

Es gibt ja mittlerweile einige Studien zum Thema Produktivität im Home-Office (hier ein kurzer Google-Überblick); und es scheint ganz so, als wenn das Vorurteil, dass man dadurch Mitarbeiter bekäme, die sich auf Kosten der Firma auf die faule Haut legen im Mittel einfach nicht stimmt. Es hängt natürlich von der Branche und den Möglichkeiten, Arbeitsleistung als Telearbeit zu erbringen ab. Wer etwas anderes behauptet, glaubt auch, dass der Storch die Weihnachtsgeschenke vom Osterhasen austragen lässt. Aber wir brauchen insgesamt mehr Flexibilität. Und damit wären wir beim Bogen zur New Work. Denn im Kern geht es bei New Work um selbstbestimmteres Arbeiten. Dass muss mitnichten bedeuten, dass man macht, was man will; da die allermeisten von uns immer noch abhängige Lohnarbeit erbringen, kann das auch gar nicht funktionieren. Aber mehr Einfluss auf Bedingungen, zu denen unsere Arbeit erbracht wird – das ist keine Utopie mehr. Und wenn Corona diesbezüglich dereinst als Katalysator gedient haben sollte, gäbe es wenigstens ein kleines bisschen Glück in all dem Unglück. In diesem Sinne – schönen Abend. Ich will noch ‘n bisschen arbeiten…

Erwachsen bilden N°28 – Erfahrung ist schlecht?

Um es kurz vorweg zu nehmen: Erfahrungslernen im Beruf und im Privaten haben etwas miteinander zu tun; auch wenn die Zusammenhänge nicht immer gleich offenkundig sind. Nun bin ich gestern über diesen Beitrag “Erfahrung macht ärmer” von dieser Autorin gestolpert und muss sagen, dass man ein – noch dazu hoch unfundiert daher kommendes -Meinungsstück auch ruhig mal als Solches kennzeichnen könnte. Qualitätsjournalismus geht anders. Wie dem auch sein: die Kernaussage des Artikel ist, das Erfahrung das Individuum des Glaubens an große Veränderungen, tiefe Gefühle und “echte Entscheidungen” berauben würde. Und dem kann ich nur entgegnen: WAS FÜR EIN BULLSHIT!

Es ist schon merkwürdig, dass mich, der ich doch so gerne von mir behaupte, nur dem ausgewiesenen Alter im Personalausweis nach erwachsen zu sein, ein Artikel über das Älter-Werden triggert. Solcherlei Schreibe gibt’s wie Sand am Meer und das Meiste davon ist – mit Verlaub – nicht die Tastaturabnutzung wert, die bei der Erstellung entstand. Denn zumeist arbeitet man sich wahlweise entweder an der “guten alten Zeit”, an individuellen Verfallserscheinungen oder unverstandenen Kulturphänomenen ab. Hier jedoch ist das anders, denn die Autorin spricht in ihren Äußerungen jedem Menschen oberhalb des Teen, oder gar Twen-Alters die Fähigkeit zu tiefen Emotionen ab. Sicherlich verändern sich sowohl die Wahrnehmung der eigenen Emotionen, als auch die Hormonlage, welche diese beeinflusst. Damit ist das, zumindest teilweise, ein obligater physiologischer Prozess. Es ist in manchen Berufszweigen sogar Teil der Ausbildung, die eigenen Emotionen schon früh besser kontrollieren zu lernen (z. B. bei NotSans, wie ich sie ausbilde). Mitnichten beraubt jedoch diese Ausbildungs-Erfahrung oder die eigene Lebenserfahrung diese Menschen Ihrer Wahrnehmungstiefe. Was sich ändert, sind die Reaktionen auf verschiedene Stimuli.

Hätte sich die Autorin mal mit Daniel Kahnemans Klassiker “Schnelles Denken, langsames Denken” befasst, wüsste Sie, dass die Ausbildung emotionaler Kompetenzen notwendiger Bestandteil individuell-persönlichen Wachstums ist und würde nicht dogmatisch darauf beharren, dass Teenies und Twens eine bessere Welt erschaffen würden. Denn ihre anderen These, dass mit Erfahrung automatisch der Glaube an die Möglichkeit großer Veränderungen verloren ginge lässt sich – nach einem kurzen Blick auf die Geschichte der Menschheit – kaum aufrecht erhalten. Viele nachhaltige Umwälzungen wurden von Menschen meines Alters bewerkstelligt. Denn zusammen mit der Erfahrung wächst bei gesundem Framing auch die Stress-Resilienz. Individuelle psychopathologische Divergenzen müssen hier, weil es sonst zu unübersichtlich würde, außen vor bleiben. Was nun bleibt, ist durchaus spannende die Frage, was die denn mit “echten Entscheidungen” meint? Ich würde vermuten, dass sie dabei an das bewusste Hören auf das Bauchgefühl (u. A. als “Schnelles Denken” bei Kahneman beschrieben) gedacht hat. Nennen wir es doch der Einfachheit halber “Intuition”!

Ich weiß nicht, wie ich das jetzt sagen soll: würden wir alle Entscheidungen aus dem Bauch heraus treffen, lebten wir in einer noch chaotischeren, noch ungerechteren, noch grausameren Welt, als dies eh schon der Fall ist. Denn erst Erfahrung bringt die Reife mit sich, erkennen zu können, auf welchen Wegen sich dringend notwendige große Veränderungen – wie etwa Mobilitäts- und Energiewende – auch gegen den Willen Vieler durchsetzen lassen. Und man muss einer Tatsache ins Auge sehen, welche die Autorin in ihren Ausführungen konsequent übersehen hat: dass echte, tiefe, reichhaltige Emotionen nicht nur Altruismus und Liebe beinhalten, sondern auch ungebändigten, gierigen Egoismus! Seit Thomas Hobbes Widmung “Homo homini lupus” für sein Opus “De Cive” 1642 hat sich daran wenig geändert. Erst die Erfahrung als Teil unserer Sozialisation – privat wie beruflich – gibt uns überhaupt die Fähigkeit, den anderen Menschen keine Wölfe zu sein. Was also von dem Artikel bleibt, ist wohlfeiles “Boomer”-Bashing durch die Hintertür. Keinen Dank dafür; zudem war es nicht elegant genug, um nicht leicht durchschaubar daher zu kommen!

Warum ich diese Kritik in die Reihe “Erwachsen bilden” integriert habe? Weil ich es für eine der wichtigsten Grundvoraussetzungen für erfolgreiches Lernen halte, niemals dogmatisch an irgendwas heran zu gehen! Nur indem ich mir einen offenen Geist erhalte, indem ich die Dinge ohne vorgreifende Wertung oder Vorurteil betrachte und analysiere, kann ich wertvolle Erkenntnisse selbst erfahren. Das ist die wahre Natur der Erfahrung; und ob eine wertvolle Erfahrung im ersten Augenblick positiver oder negativer Natur ist, macht keinen Unterschied. Auch im Scheitern kann man wachsen! Das hat die Autorin des von mir kritisierten Artikels offensichtlich noch nicht gelernt. Das die oben von mir geforderte Geisteshaltung bisweilen eine große, beinahe unmögliche Herausforderung darstellt, ist mir schmerzlich bewusst. Aber wenn man es nicht wenigstens versucht, kann man sich auch mit der Autorin gemein machen und braucht von sich nichts Großes mehr zu erwarten, weil man über 20 (oder gar 30) ist. Ich will mehr! Ich weiß allerdings auch, dass man nicht immer auf dem graden, schnellen Weg ans Ziel kommt…

Wahrscheinlich hat sie es gar nicht so böse gemeint, wie ich es gelesen habe, aber wenn man Watzlawick kennt, weiß man, dass sein zweites und drittes Axiom übersetzt bedeuten “Der Empfänger macht die Botschaft!”. In diesem Sinne wünsche ich ein schönes ersten Wochenende 2021.

Erwachsen bilden N°27 – Learning meets Gaming…

Ich habe angefangen eine Serie auf Netflix zu schauen, die sich mit der Entwicklung der Konsolen- und Computerspiele befasst: “High Score” weckte an einigen Stellen beinahe wehmütige Erinnerungen an vergangene Spielerfahrungen. Aber speziell die dritte Folge, welche sich mit Rollenspielen (hier speziell den Computer-Vertretern dieser Gattung) befasst, hat in mir ein paar Denkprozesse in Bewegung gebracht, die sich um die Frage drehen, warum wir eigentlich zocken und was das mit Lernen zu tun hat? Ich werde den Fragen in diesem Text zumindest ein wenig nachspüren…

“Sense of wonder”. Aus meiner Sicht ist es sehr schwer, diesen Begriff aus dem englischen treffsicher und vor allem sinnerhaltend zu übersetzen. Neulich fand ich auf Zeit-Online eine Umfrage zum Thema gefühltes und tatsächliches Alter. Ich nahm daran teil und meine Antworten zeichneten das Bild eines Kindskopfes. Zumindest ist das meines Wissens die umgangssprachliche Bezeichnung für jemanden, der seinen Spieltrieb niemals verloren hat und sich sogar redlich bemüht, dies nie eintreten zu lassen. Diese Mischung aus Neugier und gemeinsam überraschen-lassen-wollen (zumindest bei manchen Dingen), gemischt mit einem, gelegentlich an Fatalismus grenzenden Schulterzucken, wenn’s mal wieder nicht nach Plan gelaufen ist, korrelieren im Kontext des Big-Five-Model mit stark ausgeprägter Offenheit für Erfahrungen und Extraversion, sowie zumindest moderat ausgeprägter Verträglichkeit. Wahrscheinlich ist es das, was Menschen dazu bringt, sich nicht so alt zu fühlen, wie der Personalausweis es sagt…

Nun ist es so, dass, wenn man Hattie etwas Glauben schenken möchte, die Persönlichkeit des Lehrers ein wichtiger Faktor für den Erfolg pädagogischer Interventionen ist. Natürlich sind die Daten, auf denen seine Metastudie beruht, nicht mehr taufrisch, was dazu führt, dass der eine oder andere gerne darauf hinweist, dass wir uns die Themen E-Learning und Blended Learning noch mal anschauen müssen. Einverstanden. Allerdings sind die meisten Werke zum Thema Mediendidaktik, auf die man sich heute bezieht für das tatsächliche Design solcher Kursumgebungen nur begrenzt hilfreich. Erkenntnisse aus dem Arbeiten mit Printmedien in der Fernlehre wurden allzu oft beinahe ungeprüft auf New Media und Social Media transponiert. Und die wirklichen Aufgaben der Lehrperson bleiben im Dunkel. Content-Manager? Lernbegleiter? Trainer? Moderator? Beobachter?

Hier kommt nun der Gamer in mir ins Spiel. Meiner Erfahrung nach (das ist jetzt allerdings, wenn überhaupt, höchstens Ego-Empirie) funktionieren lebensnahe Erzählungen am Besten. Das Problem dabei ist Folgendes: in der Erwachsenenbildung setzt sich seit ca 20 Jahren nach und nach das Lernfeldzentrierte Unterrichten durch; ohne das je irgendwer ein echtes Theorie-Gebäude dafür entworfen, untersucht und validiert hätte, oder dass man den Unterrichtenden gute Handreichungen zur Umsetzung mitgegeben hätte. Wir wurschteln uns da trotzdem durch, weil die Erfahrungen uns ja Recht geben. Die Schüler sind jedoch aus dem allgemeinbildenden Schulwesen Fachsystematik gewohnt und fragen am Anfang verzweifelt nach dem roten Faden – und lassen sich in der Folge oft nur sehr schwer besänftigen.

Die Parallelen zum Rollenspiel sind interessant. Auch eine Gruppe von Spielern, deren Charaktere anfangen, ein neues Gebiet zu Erkunden, einem Geheimnis nachzuspüren, einen Gegner zu jagen, müssen zunächst herausfinden, welche Fragen man eigentlich stellen muss. Ich bin, wie hier schon öfter anklingen durfte, ein großer Freund der Mäeutik. Insofern macht es für mich wenig Unterschied, ob ich meinen Schülern im Unterrichtssaal eine Geschichte präsentiere, oder meinen Spieler am heimatlichen Wohnzimmertisch (etwas, dass ich dank Corona sehr vermisse…). Beide Situationen bauen auf einem Narrativ auf, in beiden Fällen muss ich die Teilnehmer dahin führen, die richtigen Fragen zu stellen und in beiden Fällen ist der Ausgang des Tages für mich vorher unklar, denn auch im Unterrichtssaal tauchen manchmal Fragestellungen und Wendungen auf, die ich nicht vorhergesehen habe.

Allerdings muss man auch die Unterschiede klar herausstellen: die intrinsische Motivation meiner Spieler ist auf einem ganz anderen Level, als die meiner Schüler, den Berufsschule ist halt doch eine Pflichtveranstaltung. Die Prämisse des Unterrichtes ist, den Schülern einen Zuwachs an Kenntnissen und Fertigkeiten zu vermöglichen, der in ihnen schließlich die nötigen Kompetenzen reifen lassen soll, gute NotSans zu werden. Am Spieltisch wollen wir einfach nur Spaß haben und zusammen eine Geschichte erzählen. Am Besten eine, an die man sich gerne erinnert. Vor allem die Motivationsdifferenz stellt für den Lehrer UND den Erzähler in mir ein Problem dar. Denn allen Unterschieden zum Trotz funktioniert in beiden Fällen das Narrativ nur, wenn alle (oder wenigstens fast alle) mitmachen, sich auf meine Erzählung einlassen, versuchen die richtigen Fragen zu finden – und diese irgendwann natürlich auch zu beantworten lernen.

Hier kollidieren “preußische Tugenden” wie Fleiß, Ordnungssinn, Gehorsam, etc. mit den modernen Erkenntnissen zum Lernen. Zweifelsfrei sind repititives Imitieren und Üben notwendig, um mechanistische Skills beherrschen zu lernen. Das Verständnis um die wahre Komplexität von Entscheidungsbäumen, die doppelte Handlungslogik, Ethik, Moral und die Notwendigkeit kommunikativen Könnens entsteht jedoch nicht durch bloßes Abschauen und stures Auswendiglernen / Nachmachen, sondern nur durch persönliche Erfahrung, soziale Erfahrung und Reflexion derselben. Vor allem die Fähigkeit, dabei auch die Standpunkte Anderer einnehmen zu können (also auch mal andere Rollen spielen zu können) ist dabei besonders wichtig. Und wenn ich mir nun die Entwicklung der Spiele seit den späten 70ern des letzten Jahrhunderts anschaue (siehe erster Absatz), stellt sich mir die Frage, wie wir unsere Narrative und unsere szenischen Inszenierungen derselben besser gestalten können?

Um es an dieser Stelle deutlich zu sagen: es geht NICHT um Kuschelpädagogik! Es geht darum, in meinen Schülern den gleichen “Sense of wonder”, die gleiche Neugier zu wecken, wie ich sie erlebe. Denn nur, wenn ich sie richtig motivieren kann, funktionieren meine Geschichten – genau wie am Spieltisch. Und das erfordert manchmal eine spielerische Herangehensweise, die dem Entwerfen eines Rollenspielszenarios durchaus ähnelt. Übrigens ähnelt auch das Wachstum der Schüler dem von Charakteren; nur dass ich im Lehrsaal am Ende eines Tages keine Erfahrungspunkte vergebe. Die Leveln dort auf anderer Weise. Ich stelle am Ende dieses Posts fest, dass ich noch ein wenig tiefer in diese Materie eintauchen muss. Darum gibt’s die Tage noch einen weiteren Teil. In diesem Sinne: always game and teach on!