Beziehungs-Weise…?

Es gibt da diese Zahl. Die sogenannte “Dunbar-Zahl”, die auf Forschungen des Psychologen Robin Dunbar zurückgeht und die beschreibt, wie viele soziale Beziehungen wir kognitiv zu unterhalten im Stande sind. Das Theorem wird immer wieder diskutiert. Aber nehmen wir mal an, Dunbar würde mit seinen Betrachtungen Recht behalten, dann wären das ca. 150 Connections, die wir halbwegs im Auge behalten können. Wobei davon 5 Personen unseren engsten Kreis darstellen, 15 Personen (jeweils die Vorgenannten inkludierend) unseren Freundeskreis, 50 unser aktives Netzwerk und 150 unseren weiteren Bekanntenkreis. Alles was darüber hinausgeht, wird sehr schnell sehr anstrengend. Für mich selbst ist schon alles, was sich im Kreis der weiteren Bekannten bewegt oft ZU ANSTRENGEND; ohne dass diese Menschen irgendetwas Besonderes dazu tun müssten. Die bloße Anwesenheit genügt. Meine morgendlichen Spaziergänge am Fluss während der Wochenenden sind ja keine Neuigkeit mehr, doch heute Morgen bemerkte ich, wie sehr mich die keuchenden Jogger, die in Scharen an mir vorbei dümpelten richtiggehend angestrengt haben. Hätte ich einen Wunsch freigehabt, dann wäre dies ein völlig menschenentleerter Korridor von 50 Metern rings um mich herum gewesen. Wie das Schicksal das angestellt hätte, wäre mir ziemlich egal gewesen. Natürlich wurde dieser Wunsch nicht erfüllt, also wanderte ich weiter und zeigte demonstratives Desinteresse, wann immer mir Menschen subjektiv zu nah kamen. Das triggerte in mir ein paar Gedankenspiralen zum Thema Beziehungen. Nicht DIESE Art von Gedanken, wo ein Mann meines Alters seine Paarbeziehung in Frage stellt, sich eine Jüngere zu suchen beginnt, ein wildes neues Hobby startet und das ganze als Midlife-Crisis deklariert, ganz so, als wenn DAS eine legitime Begründung für derart verantwortungslosen Blödsinn wäre. Ne, ne… das überlasse ich Anderen und mache mich dann darüber lustig! Ich arbeite lieber an der Beziehung zu meiner besten Ehefrau von allen (und im Gegensatz zu Ephraim Kishon, der diesen Begriff geprägt hat, habe ich bis heute auch nur eine Person, auf welche diese Bezeichnung zutrifft; nicht drei, so wie er…). Insofern ist das Brauchtum, als Zeichen der Liebe Vorhängeschlösser an Brücken zu hängen für mich KEIN Kitsch, soll es doch das Fortbestehen symbolisieren. Ist bestenfalls baustatisch problematisch, wenn es so viele werden wie an der Deutzer Brücke. Kann man jedesmal sehen, wenn der Zug in den Hauptbahnhof in Köln einrollt. Aber DAS ist eine andere Geschichte…

Ich kam stattdessen zuerst auf “Du” und “Sie” als Ansprache in sozialen Beziehungen. Vielleicht liegt es daran, dass ich nicht mehr ganz taufrisch bin, dass ich solch altmodische Unterscheidungen tatsächlich noch treffe. Es irritiert mich nämlich immer noch im ersten Moment, wenn ich von Menschen, die mir bis dato unbekannt waren geduzt werde; ohne dass ich sie dazu aufgefordert hätte. Es ist nicht so, dass das “Du” in meinem Leben selten vorkäme. Allerdings gibt es manchmal ein paar organisatorische Verständnisprobleme zwischen den Kommunikationsteilnehmern. Die Mitglieder meines Teams und auch alle Schüler dürfen mich mit “Du” ansprechen. Manche verstehen jedoch nicht, dass die relative Vertrautheit dieses Personalpronomens nicht bedeutet, dass wir stets gleich sind. Wir sind dies, insofern wir alle Menschen sind und ich generell Menschen auf Basis dieser einen Gemeinsamkeit einen Vertrauensvorschuss gebe: ich behandle sie alle gleich menschlich. Wir sind jedoch nicht gleich, wenn es um die Erfüllung meiner Funktionsaufgaben geht. Ich muss nämlich Regeln aufstellen und auf deren Einhaltung pochen. Ich muss manchmal in der Folge Verhalten bewerten und ggfs. auch sanktionieren. Ich muss die Lernfortschritte – oder auch deren Ausbleiben – messen und bewerten. Und ich muss manchmal auch schlicht “NEIN” sagen. Und wenn der Chef “NEIN” sagt, ist das genau so ein kompletter Satz, wie bei deiner Mutter! Get over it! Ein “Du” auf absoluter Augenhöhe ist nur maximal den ersten 15 aus Dunbars Zahl vorbehalten. Dennoch macht dass “Du” mich auch unter den eben genannten Einschränkungen für die anderen Menschen nahbarer. Es senkt die Schwelle, mich evtl. auch wegen heiklerer Problematiken oder Herausforderungen anzusprechen. Es erlaubt so allen Beteiligten einen leichteren Zu- und Umgang miteinander und ist überdies im Gesundheitswesen auf der Teamebene der soziale Goldstandard.

Das “Sie” hingegen ist für mich nur vordergründig einfacher: es signalisiert nach außen zumeist automatisch professionelle Distanz und gegenseitigen Respekt, beschränkt allerdings die Beziehung, auf welche es verweist auf’s rein Geschäftliche. In Wahrheit jedoch ist das “Sie” eine Maske, hinter der wir unsere Vorbehalte, unsere glatte Ablehnung, unsere Kontrapositionen, unseren Mangel an echtem Respekt und unsere wahre Meinung hinter einem – allzu oft falschen – Lächeln verbergen und so tun, als wenn alles in Butter wäre. Das “Sie” ist der Maßanzug unter den Personalpronomen. Und so wie der Maßanzug ist es nicht selten eine Lüge, weil es die wahre Natur der Dinge unter reinen Äußerlichkeiten verbirgt. Zumindest tut es das nicht eben selten. Es mag natürlich Menschen geben, die das Sie tatsächlich respektvoll und als sinnvollen sozialen Distanzmarker benutzen. Sei diesen Leuten unbenommen. Ich habe dabei immer sehr ambivalente Gefühle. Ich mag das “Du” mehr und verwende es – unter Beachtung der vorbeschriebenen Einschränkungen – sowohl im beruflichen als auch im privaten Kontext viel lieber als das “Sie”. Eine noch vertrautere Ansprache ist nur dem innersten 15-Kreis vorbehalten. Und natürlich im besonderen meiner besten Ehefrau von allen. Wenngleich wir in vielen Situationen Masken tragen und auch mit unseren Allernächsten nicht JEDES Geheimnis teilen, bleibt doch die Basis einer gesunden Beziehung Vertrauen in- und Respekt füreinander. Auch – vor allem – wenn’s mal schwierig wird. Ich habe auf dem Bild da oben übrigens kein Vorhängeschloss dazu gehängt… hatte keines dabei. Tut euch einen Gefallen und reflektiert eure Beziehungen. Arbeitet an denen, die es wert sind – und kappt die, die euch auf Dauer beschädigen werden. Manchmal muss man Brücken auch niederbrennen. In diesem Sinne – startet schön in was auch immer euch ab morgen wieder erwarten mag…

Auch als Podcast…

KAMPFAUFRUF!

Was für ein Sommer? Ich meine, hohe Temperaturen, langanhaltende Trockenheit, gelegentliche Extremgewitter… all das hatten wir schon mal. Vielleicht nicht in den 1970ern, in denen ich geboren wurde – wohl aber seit dem Jahr 2000. Ich hatte neulich darüber gesprochen, dass mich das furchtbar geängstigt hatte, weil der Hitzestress mich über Tage beinahe komplett schlaflos zurückließ. Dieses entsetzliche Gefühl steckt mir nach wie vor in den Knochen. Doch genau jetzt sind es andere Aspekte, die mich erheblich umtreiben. Während wir normalen Menschen halt nachts schwitzen müssen und tagsüber fast schmelzen, treffen Politikoide Entscheidungen, die man bestenfalls als hinterfotzige Lobbyistenscheiße bezeichnen kann. Man zersägt unser Gesundheitswesen, man fickt Arbeitnehmerrechte, man beschimpft diejenigen, die man gerade kaputt macht auch noch und lacht sich in sein Fäustchen mit dem erhobenen Zeigefinger, während man sein Schäfchen ins Trockene bringt. Was mich dabei am allermeisten irritiert, ist der Umstand, das solche verkommenen, durch und durch korrupten, völlig empathiefreien Flachorgeln wie Friedrich Merz anscheinend sogar glauben, was sie da in irgendwelche Mikrofone stammeln. Anders kann man sich nicht erklären, dass er immer noch mit solchem Brustton der Überzeugung von seinen politischen Projekten spricht – oder aber der Arm seiner Lobbyisten steckt so tief in seinem Arsch, dass er sich wie eine Handpuppe bewegen lässt und man auch die, eh nur rudeimentär arbeitsfreudige Mimikmuskulatur fernsteuern kann. Beide Vorstellungen sind allerdings ein wenig gruselig. Ich weiß noch nicht genau, was ich selbst insgesamt zu tun gedenke – aber eine Sache ist mir definitiv wichtig: wir brauchen einen Generalstreik! JETZT! Ich kann mir nicht vorstellen, dass wir mit dem aktuellen Politikkurs unseren folgenden Generationen irgendetwas Gutes tun! Und ich glaube auch nicht, dass ich meinen Töchtern in ein paar Jahren noch in die Augen schauen kann, wenn ich jetzt nicht etwas Substantielles unternehme, um diesem völligen Kapitalismus-Müll mit allem entgegenzutreten, was ich aufbringen kann. Doch wie stellt man das an – einen Generalstreik? Ich habe die vage Vorstellung, meinen Aufruf soweit wie möglich streuen zu wollen, in der Hoffnung dass es irgendjemand wahrnimmt und genug Leute verstehen, was tatsächlich das Problem ist: nämlich dass die aktuellen Reformpakete a) dafür sorgen, dass die medizinische Versorgung in Deutschland schlechter wird, ohne jedoch an den richtigen Stellen zu sparen, b) Arbeitnehmerrechte in unzulässiger Weise eingeschränkt werden, c) man wieder einmal bei der Rente alle über einen Kamm schert, außer die Beamten d) die soziale Ungleichheit weiter befeuert wird, anstatt die richtigen Leute (große Vermögen und Fiatgeld-Schleudern) zu besteuern und e) mit diesem riesigen Murks auch noch den Faschos in die Karten spielt. Ich wünschte wirklich, das sommerliche Hitze und Trockenheit meine einzigen Sorgen wären. Doch dem ist nicht so. Zusammengenommen mit dem, was gerade ansonsten in unserem Land passiert, drohen mir noch viele weitere schlaflose Nächte.

Ich betrachte das aus mehreren Blickwinkeln. Zunächst einmal als Mitarbeiter im Gesundheitswesen, der sieht, dass durch die gesetzliche Deckelung der Budgets der Rettungsdienst in seiner Funktionsfähigkeit bedroht ist, weil steigende Energie-, Material-, Raum-, Fahrzeug- und Personalkosten recht schnell zur Stilllegung von Rettungsmitteln führen werden, wenn diese Aspekte nicht mehr refinanzierbar sind. Gemeinnützige HiOrgs dürfen kein Kapitalvermögen aufbauen und die Möglichkeiten, die steigenden Kosten durch andere Tätigkeitsfelder quer zu finanzieren sind sehr begrenzt. Dann bin ich aber auch Patient; und die massiven Einsparungen bei der Psychotherapie betreffen mich zukünftig ganz persönlich. Was wird mit mir und meiner Depression, falls ich mir nicht mehr Hilfe suchen kann, wenn es schlimm wird? “Darf” ich dann sozialverträglich frühableben, um Rente zu sparen? Was ist mit anderen chronisch Erkrankten? Warum unterstellt man Menschen mit Krankheit faul zu sein? Ich bin manchmal krankgeschrieben (im Mittel etwa so viel, wie meine Altersgenossen); und ansonsten klotze ich meine Arbeit weg, ohne mit der Wimper zu zucken. Nicht selten mehr, als eigentlich vereinbart. Apropos Rente… mein Renteneintritt wurde gerade um ein knappes Jahr nach hinten verschoben. Was soll das? Ich zahle seit 1993 regelmäßig ein, war nie einen Tag arbeitslos und nur einmal länger krank. Warum bestraft man Leute wie mich für die, seit Jahrzehnten ignorierten Folgen der Demographie und die Unfähigkeit, Tax the Rich endlich umzusetzen. Kleine Erinnerung an die 50er und 60er: Dwight D. Eisenhower, überzeugter Republikaner – und keinesfalls verdächtig, Sozialgeschenke verteilen zu wollen – hat in seiner Antszeit die höchsten Vermögenssteuern mitverantwortet, welche die Welt je gesehen hat: 92%. Und warum? Weil er verstanden hatte, dass eine zu große soziale Ungleichheit (wie wir sie derzeit in der BRD haben) mit Kapitalkonzentration zu abnehmender Gesamtwirtschaftsleistung und wachsender Armut führt. Und damit zu höheren Sozialkosten für den Staat, an denen dieser naturgemäß zu sparen versuchen wird. Schließlich bin ich Berufspädagoge, dem es zunehmend schwerfällt, den jungen Leuten eine positive Haltung zu unserem Job (dem Rettungsdienst), zu den Herausforderungen und den Perspektiven zu vermitteln, wenn eine unionsgeführte Regierung gerade die Zukunft der normalen Menschen in diesem Lande an die Konzerne verschachert, um bei uns einen Kapitalismus im Endstadium zu installieren, wie die USA ihn schon haben: Hire&Fire-Heuschreckenkapitalismus, in welchem die Arbeitnehmer*innen bis auf’s Blut ausbeutet werden und man ihnen dann auch noch erzählt, die Migranten seien Schuld. Und die Faschos? Die stehen lächelnd daneben und verkaufen den Leichtgläubigen das Gefühl, dass sie alles besser machen würden, während sie insgeheim bereits den Abriss der Demokratie und die Hochzeit mit dem Großkapital planen. Nochmal zur Erinnerung: US-Banken haben vor und während des 2. Weltkrieges Geschäfte mit und für die Nazis abgewickelt. Denn auch für die Faschisten stinkt Geld nicht – und für das Kapital sind die Faschisten gut, weil sie deregulierte Märkte, entrechtete Massen und damit mehr Profit bringen.

Lasst uns dazu NEIN sagen! Lasst und gegen diesen Wahnsinn auf die Straße gehen! Lasst uns dieser lobbyistenhörigen, rückwärtsgewandten, die Bürger nach Strich und Faden bescheißenden Gurkentruppe, die so tut, als wenn sie regieren würde eine klare Absage erteilen – und lasst es uns so tun, dass die Faschisten, die in den Startlöchern stehen, alles nur noch schlimmer zu machen, KEINE CHANCE BEKOMMEN, an die Hebel der Macht zu gelangen! Darum noch mal: GENERALSTREIK! JETZT! Diese sogenannten Reformen richten die arbeitende Bevölkerung, das Gesundheitswesen und die Rente endgültig zugrunde – zugunsten gieriger, nimmersatter Bonzen und zum Schaden aller anderen im Lande. Lasst uns das nicht einfach so hinnehmen. Wenn es je einen Moment gab, in dem Deutschland aufstehen muss, dann jetzt!

Auch als Podcast…

Ach du liebes Lieschen – Politik für Almans…?

Da gibt’s diese Leute, die in einem Atemzug deklamieren, dass man ja gar nicht mehr alles sagen dürfe, um dann im nächsten irgendeinen vollkommen verkommenen, rassistischen, mysogynen, verschwörungsideologischen oder sonstwie extrem widerlichen Quatsch rauszuhauen; jedesmal begleitet von einem “das wird man doch wohl noch sagen dürfen!”. Und wenn man ihnen widerspricht, kehren sie SOFORT zurück zum ersten Atemzug, um sich als missverstandenes, geknechtetes, entrechtetes Opfer “des Systems” oder “der da oben” darzustellen. Ohne jemals äußern zu können, was sie denn damit wirklich meinen. Dazu gleich mehr. Übrigens ist das einzige, was hier was passiert, dass Meinungsfreiheit keine Einbahnstraße ist. Wenn du Nazi-Scheiße laberst, werde ich dich IMMER darauf hinweisen, dass du diesen Dreck hier nicht absondern sollst, weil an deinem Geseiere NICHTS eine legitime Meinungsäußerung darstellt. Denn zunächst einmal ist Rassisimus keine legitime Meinungsäußerung – ja nicht mal eine Meinung, sondern eine Ideologie, die darauf abzielt, andere zu unterdrücken, um sich selbst besser stellen zu können; wenn wir so wollen, der Schoolyard-Bully in Möchtegern-Erwachsen. Du willst etwas für dich? Das nennt man Egoismus! Und das andere diesem Egoismus Grenzen setzen, solltest du eigentlich schon als Kind gelernt haben. Aber weiter. Mysogynie ist keine Meinung, sondern schlichtes Leugnen unseres Grundgesetzes (Art. 3, Abs. 2). Und DEIN FRAGILES MACHO-EGO muss halt einfach eingehegt werden. Wenn du dich durch eine starke Frau bedroht fühlst, dann entwickle dich einfach weiter. Haben viele andere auch geschafft. Dann dieser ganze Verschwörungsmythen-Kram. Du darfst ALLES mögliche behaupten. Im Internet und in real life auf der Straße. Aber du darfst nicht erwarten, dass wir alle akzeptieren, wenn du vollkommenen Quatsch mit Soße, wie diesen Q’anon-Müll, Flatearther-Kram, Reptiloiden, dass Impfungen Autismus erzeugen würden, Reichsbürger-Lügen oder ähnliches von dir gibst. Denn all diese Dinge lassen sich sehr leicht auseinandernehmen. Wenn du das glauben WILLST ist das okay – es gibt auch Leute, die an das fliegende Spaghettimonster glauben. Wobei ich ja denke, DIE meinen das ironisch, aber.. du bist unironisch einfach nur nervtötend dumm, wenn du alle Gegenbeweise in den Wind schlägst und versuchst, anderen Menschen deinen Glauben so lange ins Gesicht zu schlagen, bis sie dir Recht geben. Dass “Überzeugung” immer noch so funktioniert, wie bei den Katholiken im Südamarika des 15. Jahrhunderts… oder bei den Amis im Kuwait und im Irak. Funfact – das hat noch nie so richtig funktioniert. Steck dir deine Dogmen also dahin, wo die Sonne nicht scheint, Nachbar!

Kommen wir auf “das System” zurück. Wir in Deutschland hier leben weitgehend alle im gleichen. Nennt sich Kapitalismus. Haste wahrscheinlich schon mal probiert und warst vielleicht erfolgreich, vielleicht auch nicht. Ich verrate dir etwas über den Kapitalismus: er belohnt stets die Skrupellosen, Rücksichtslosen, Unempathischen und Unethischen am stärksten. Denn der freie Markt, auf dem sich Anbieter und Nachfrager als freie Wesen begegnen, um einen Handel zum beiderseitigen Vorteil abzuschließen, ist eine Legende. Angebot und Nachfrage erzeugen automatisch ein Machtgefälle, dass im nicht-regulierten Kapitalismus schamlos ausgenutzt wird. Du hast doch bestimmt auch von den völlig überteuerten Motelzimmern während der Fußball-WM in den USA gehört, oder? Und du rennst gerade einer Partei hinterher, die in ihrem Wesenskern ultra-neoliberal ist und den Profiteuren des Kapitalismus, also den Skrupellosen, Rücksichtslosen, Unempathischen, Unethischen noch mehr Macht verschaffen möchte. Das will die CDU/CSU übrigens auch, nur dass die dabei nicht mit der Brechstange vorgehen. Das aktuelle AfD-Parteiprogramm S. 75, Abs. 11.4 fordert die Abschaffung der Erbschafts- und Vermögenssteuer. Instrumente, die dazu da sind, soziale Ungleichheit nicht noch weiter eskalieren zu lassen, als sie das eh schon ist (sucht euch die Informationen zum Gini-Koeefizienten zur Vermögensverteilung doch bitte einfach selbst raus). Und gleichzeitg Instrumente, welche die AfD eigentlich bitter nötig brauchen würde, um all die anderen Dinge gegenfinanzieren zu können, die das eher rückwärtsgewandte Familienbild der Partei zu zementieren helfen sollen – sollte ihnen jemals die Machtergreifung gelingen (und ja, ich weiß, der Begriff ist polemisch). Da kann man sich ausrechnen, was nicht passieren wird… ach ja, Steuerentlastungen für kleine und mittlere Einkommen. Man muss ja erst die Großspender bedienen und sein Schäflein mit Nebeneinkünften zusätzlich zur Abgeordnetendiät ins Trockene bringen. Denn, wie Lobbyismus funktioniert, hat die AfD schon lange begriffen und hält ihre Hände oft noch eifriger auf, als die sogenannten Altparteien.

“Das wird man doch wohl noch sagen dürfen” ist die Monstranz derer, die für sich uneingeschränkte Meinungsfreiheit reklamieren, jedoch keine Lust haben, sich mit dem gesellschaftlichen Diskurs auseinander zu setzen, den diese Meinung unter Umständen hervorruft. Denn Rassismus, Chauvinismus, Mysogynie, Geschichtsklitterung, “altenative Fakten” und Verschwörungsideologie mögen in den Augen jener, die sich nach einfachen Antworten auf die Fragen einer immer komplizierter werdenden Welt sehnen, legitime Meinungen sein – für die Demokraten sind sie es NICHT! Und wenn man Unfug in die Welt setzt, darf man sich nicht wundern, wenn man Shitstorms erntet. Das große Problem dabei ist, dass die Grenze dessen, was gesagt werden kann dabei immer weiter nach rechts in Richtung ungebremster Hassrede verschoben wird. Vor ein paar Jahren fings es an mit “kleinen Paschas”und “Kopftuchmädchen” und manchem anderen – alles herabwürdigend gemeint – und insbesondere die CDU/CSU hat sich den Sprachduktus der AfD angeeignet (siehe Migranten beim Zahnarzt, Herr Merz!), weil sie hoffte, konservative Wählerstimmen zurückzuholen. Gemäß Franz-Josef Strauss’ altem Diktum, dass es keine rechte Kraft neben der CDU/CSU geben darf. Hat ja super funktioniert…

Das Problem hat zwei Seiten: auf der einen ist die neo-faschistische Symbolpolitik, die Fakten völiig ausklammert, um Gefühle und vor allem Ressentiments bedienen zu können. Und auf der anderen Seite die offensichtliche polit-handwerkliche Unfähigkeit der Altparteien, die Herausforderungen in unserem Lande WIRKLICH anzugehen. Wo wurden denn Probleme gelöst? Steuern? Immer noch werden Kapitaleinkünft bevorteilt und Lohneinkommen geschröpft. Immer noch traut sich niemand, die Vermögensschere ein wenig weiter zu schließen. Renten? Oh dear don’t start me please…! Gesundheit und Soziales? Anstatt wegweisende Projekte flächendeckend einzuführen, Pharmausgaben zu reduzieren, die Prävention und die Präklinik zu stärken und Patientenströme tatsächlich effizient zu managen (was zunächst Investitionen braucht) wird überall bei Leistungen der Rotstift angesetzt. Da fühlt man sich als Bürger so richtig gehört. Bildung? Bildungspolitik machen in Deutschland Dilletanten mit Parteibuch (sogenannte Kultusminister) anstatt Fachleute. Und billig muss es sein – kleiner Hinweis von einem erfahrenen Berufsbildner: gute (Aus)Bildung kostet! Punkt! Energie? Außenpolitik? Ich könnt noch eine Weile weitermachen. Auch ich fühle mich verschaukelt – insbesondere als Sozialdemokrat.

Will heißen – die Leute fühlen sich verarscht. Und dann kommt jemand daher und gibt den Leuten das Gefühl, es besser zu machen. Auch wenn die Substanz unter diesem Gefühl völlig anders aussieht, als das, was verkauft wird. Aber verkaufen – DAS können die blauen Rattenfänger. Inhaltlich stellen? Die Inhalte sind zusammengeklauter Kokolores aus den 30ern – 50er des vergangenen Jahrhunderts. In der Hinsicht müsste sich Friedrich Merz eigentlich wohlfühlen, entspricht doch vieles davon offenkundig seinem eigenen Weltbild. Man muss die Blaubraunen mit offenen Emotionen stellen, sie mit ihren eigenen Waffen schlagen: Mahnwachen und Fackelzüge vor den Wohnungen ihrer Vertreter. Ihnen in jeder Diskussion ihre Falschheit um die Ohren schlagen, bis sie bluten, jedes bisschen Dreck ans Licht zerren und ausschlachten, bis es weh tut – und währenddessen das Verbotsverfahren ans Laufen bringen. Ich fordere: VERBOTSVERFAHREN JETZT! Lasst sie uns aus allen Parlamenten treiben, bevor sie 2033 eine Symbolwahl betreiben können. Nieder mit dem Faschismus! Nieder mit den Neo-Nazis. ¡No pasarán! Ach… und übrigens… schönen Start in eine “glorreiche” neue Woche.

Auch als Podcast…

Der verwirrte Spielleiter N°74 – erwachsen gamen…?

Eines vorweg – bei den idiotischen Temperaturen da draußen (hier aktuell 34°C…) fließen Gedanken manchmal nur wie Melasse. Dennoch haben wir uns dieses Wochenende dazu getroffen, zu zocken. Pen’n’Paper natürlich, dieses Mal unter hartem Einsatz von literweise gekühlten Getränken, feuchten Handtüchern und Ventilatoren in JEDEM Zimmer. Muss man wollen, ich weiß. Wollten wir aber, also zählte der Einsatz! Nun ist das eine Runde mit lauter erfahrenen, engagierten Spieler*innen, die sich was aus dem Hobby, der Geschichte und ihren Charakteren machen. DAS bereitet mir Freude, denn ich selbst möchte am Spieltisch heutzutage vor allem Immersion erleben. Ich möchte die Secondary World mit den Augen meines Charakters sehen. Ich sehe unsere echte Welt viel zu oft mit meinen eigenen Augen. Ich möchte Dinge tun, ganz gleich ob richtig oder falsch, gut oder böse, klein oder groß und die Konsequenzen daraus erfahren. Ich möchte Risiken eingehen, weil es aus Sicht meines Chars das Richtige ist. Und ich wünsche mir das bei meinen Spielern genauso, wenn ich mal wieder mit dem Spielleiten anfange. Ich stelle immer wieder fest, dass ich mit Casual Gaming im Bereich Pen’n’Paper nicht mehr ganz so viel anfangen kann. Vielleicht, weil ich mittlerweile zu oft Kampagnen hatte, die mit tendenziell geringer Ernsthaftigkeit dahin geplätschert sind. Bei denen ich, sowohl als Spieler, wie auch als SL zusehen musste, wie von mir aufgebaute Dramatik für billige Witzchen geopfert wurde. Wie Spieler*innen nicht die Bohne Eigeninitiative entwickelt haben und immerzu an der Haltestelle für den Plotbus sitzengeblieben sind, obwohl der schon lange fuhr. Wie man in jeder Situation verzweifelt auf sein Charakterblatt geschaut hat, als ob dort eine Lösung stünde. Wie Chars halt einfach immer nur 0-Dimensional geblieben sind.

In beiden Runden, in denen ich momentan spielen darf, reflektieren wir das Geschehen am Spieltisch im Nachgang. Denn die eine Prämisse ist, dass die gemeinsame Geschichte und das Handeln der Chars in dieser kohärent bleiben sollen; die Andere, dass dabei alle Spaß haben sollen. Dafür muss man manchmal nachjustieren. Das Verhalten, welches dabei an den Tag gelegt wird, könnte man als erwachsen bezeichnen. Menschen, die in der realen Welt häufig verantwortungsvollen Tätigkeiten nachgehen und über viel Lebenserfahrung verfügen, feedbacken sich gegenseitig, um für alle Beteiligten die bestmögliche Erfahrung schaffen zu können. Das klingt für Außenstehende jetzt möglicherweise ein bisschen nach sozialpädagogischem Sitzkreis. Ich darf versichern – es fühlt sich auch ein bisschen so an; was absolut kein Fehler ist. Viele gesellschaftliche Kontexte könnten etwas mehr Sitzkreis vertragen, dann hätten wir vielleicht nicht so viele Konflikte. Der für mich wichtigste Aspekt dabei ist, dass wir stets in der Lage sind, das Innenleben unserer Chars und unser eigenes voneinander zu differenzieren. Und das funktioniert für mich zumeist sehr gut. Was meine Chars denken und tun, ist deren Interaktion mit der Welt geschuldet. Sie ärgern sich, haben Angst, freuen sich, kämpfen (manchmal mit sich selbst, manchmal mit Gegnern) schließen Freund- und Feindschaften, verlieben sich, wachsen mit ihren herausforderungen… und ich als Spieler erlebe das oft mit einem Schmunzeln, weil ich natürlich im tiefen Grunde meines Herzens weiß, dass das alles nur willing suspension of disbelief ist. Ich kann diese virtuelle Person jederzeit verlassen und wieder in der realen Welt agieren. Und dennoch werden die Struggles, die Kämpfe, die Siege und die Niederlagen, die Motive und Ziele, die Entwicklung für mich real genug, dass ich darin investiert bleibe. Das ist, wie ICH dieses Spiel speieln und leiten möchte.

Das mag jetzt beinahe wie Arbeit klingen. So erwachsen und reflektiert. Aber genau das ist es eben nicht. Im Kern spiele ich die ganze Zeit “Was wäre wenn…?” in einer deutlich weiter entwickelten Variante von “Räuber und Gendarm”. Ich lasse mein jetztzeitiges ICH in der Realität zurück und beschäftige mich mit Herausforderungen, die – ganz gleich, wie virtuell sie auch sein mögen – im Moment des Spielens so real werden, dass sie mein Denken und Fühlen bestimmen. So wie ein Kind sich im Spiel verliert und durch Erreichen des Flow-Zustandes (fast) alles um sich herum vergessen kann, bis irgendein genervter Erwachsener an die lästigen Zeitvorgaben der echten Welt erinnert – und die secondary world zerfasert. Das tut sie auch für mich, wenn die Sitzung endet. Nur dass wir erwachsenen Gamer uns unsere Zeitvorgaben selbst machen dürfen 😉 Diesen Flow als Spieler (wieder) erleben zu dürfen ist ein riesiges Privileg. Denn in den Runden, in denen ich letzthin geleitet hatte, war mir die Leichtigkeit, die Lust am freien Spiel, die Fähigkeit, Drama zu kuratieren, ohne die Spieler*innen in ihrer Handlungsfreiheit einzuengen abhanden gekommen. Eben, weil ich diesen unbedingten Drang, das Spiel mit gestalten zu wollen, den ICH immer und überall mit an den Tisch bringe nicht fühlen, nicht sehen, nicht erleben durfte. Wahrscheinlich habe ich irgendwann meine Selbstwirksamkeitserwartung (zu) hoch geschraubt und damit meinen eigenen Spielspaß gekillt. Doch die Runden, in denen ich momentan spiele, wirken unterdessen für mich wie eine Ladestation für den Forever DM in mir, der eigentlich immer Spaß am Spieltisch gehabt hatte. Ich verstehe es als erwachsenes Spiel, bin aber gerade dabei, mein inneres Kind mit dem erwachsen agierenden Gamer zu versöhnen. Fühlt sich gut an. Auch wenn ich dieses Wochenende einmal zwischendurch die Erfahrung machen musste, dass die hohe Dichte an konflikthaltigen social encounters mich deftig getriggert hat – wegen der vielen Intrigen, Bigotterie und Hinterfotzigkeit, die ich in den letzten 18 Monaten bei der Arbeit erleben musste. Schwamm drüber. War trotzdem schön. Auch, wenn wir in real life beinahe verdampft wären… So, ich wünsche euch einen erträglichen Start in die neue Woche. Ich muss jetzt noch Kampagnen-Journale schreiben. Draußen ist es eh zu heiß für irgendwas anderes…

Auch als Podcast…

Benvenuti nelle Marche N°20

Die Tage verfliegen schnell wie der Wind, der noch gestern dicke Gewitterwolken über das Land getrieben hat. Ich bin definitiv nicht der Einzige, dem die Zeit en passant zwischen den Fingern zerrinnt; denn während wir denken und planen, tun und ahnen, passiert es einfach. Und ganz gleich, was wir fürderhin alles noch tun zu wollen oder zu müssen glauben… was in dieser Sekunde vor meinen Augen, meinen Ohren, unter meinen Händen vorbeizieht, DAS ist es, was wir Leben nennen. Angewidert und fasziniert zugleich von der unüberwindbaren Mauer der nächsten Sekunde gewahre ich, wie das Pendel unaufhaltsam vor und zurück schwingt, Zeit in kleine Stückchen schneidet, während ich – nicht allein – gebannt darauf warte, dass irgendetwas passiert, das mich aus meinem Trott herausholt. Mein Trott! Was für eine falsche und zugleich so perfide Wortkonstruktion. Macht sie mich doch selbst glauben, einem geschundenen Maultier gleich, tagein tagaus unter glühender Sonne um den Brunnen zu laufen, um Wasser zu fördern. Stupide. Eintönig. Tag um Tag, Woche um Woche, Monat um Monat, bis ein gnädiger Tod meine freud-, sinn- und nutzlose Existenz ENDLICH beendet. WAS FÜR EIN STUSS IM QUADRAT! Mutter Natur gab mir zwei Hände und einen Kopf – mithin alles, was es braucht, um für sich selbst zu denken, die Gedanken in die Welt zu tragen und sich seinen Sinn auf diese Art selbst zu schaffen. Nein, vielmehr, sich selbst zu ERSCHAFFEN. Freude und Nutzen emergieren aus der eigenen Schöpfung dann oft im gleichen Zuge, wenngleich nicht notwendigerweise. Es braucht auch ein bisschen Glück und Beharrlichkeit. Und doch… und doch lassen wir uns immer wieder in diese Spirale der selbstverschuldeten Unmündigkeit hineinziehen, weil es so viele Ablenkungen, so viele Optionen, so viele vermeintliche Vorbilder gibt, die uns weißmachen wollen, dass Andere besser wüssten, wie wir unser Leben richtig zu leben hätten. Ach verflixt, wir brauchen eine neue Aufklärung (nö… nicht die mit den Bienchen und Blümchen…)

Aber es sind immer wieder solcherlei widersinnige Wahrnehmungen, die einem die letzten Tage des Urlaubs verleiden können. Und ich werde nicht behaupten, dass es mich, oder die beste Ehefrau von allen nicht auch umtreiben würde, am Samstagmorgen – wenn auch mit einem spontan gebuchten Stop in der Emilia Romagna bis Sonntagmorgen – die Heimreise antreten zu müssen. Genau in diesem Moment jedoch sitze ich, bei ca. 26°C mit blauem Himmel, im Schatten der Pergola und schaue über das Tal vor unserem Ferienhaus. Und es ist eine wahre Wonne, denn die Landschaft ringsum ist einfach wunderschön. Der Grill kühlt noch ab, das Essen war köstlich und der Abend wird lau. Zuvor haben wir einen kurzen Ausflug gemacht und danach Bahnen im Naturpool unten am Hang gezogen. Ein idealer Tag, um zu vergessen, was zu Hause alles wartet. Aber selbst, wenn ich heute bei der Arbeit gewesen wäre und nun “nur” zu Hause auf dem Balkon säße, bliebe es immer noch meine Entscheidung, mich darob zu grämen, was ich alles “verpasse”. Denn… was verpasse ich tatsächlich? Soll ich mich tatsächlich, nur auf Grund der bunten bewegten Bildchen Dritter auf Antisocial Media der FOMO (Fear Of Missing Out) hingeben? Bildchen, die genauso hart gestellt und kuratiert sind, wie jene, die ich hier benutze? (Ja, ich bearbeite meine Fotos NATÜRLICH auch, weil ich finde, dass diese meinen ästhetischen Maßstäben genügen sollten). Bildchen, die ein Leben zeigen, so echt wie Wimpern von irgendeinem weiblichen C- oder D-Promi? Hell no, what the fuck? Mein Leben findet da statt, wo ich gerade bin – und ich bin auch kein armes Maultier, dass immerzu um einen Brunnen laufen muss, sondern ein Mensch, der seine eigenen Entscheidungen treffen, sein Schicksal in die eigenen Hände nehmen, sein eigenes Ding machen kann. Zumindest innerhalb der üblichen Grenzen. Aber diese Grenzen sind okay so.

Ich schrieb die Tage über was Wollen. Ob man es überhaupt kann und falls ja, ob man es auch tun sollte. Vielleicht habe ich das noch nicht scharf genug hearusgearbeitet – JEDE*R SOLLTE WOLLEN! Nur vielleicht nicht alle das Gleich zur gleichen Zeit. Aber mit einem bisschen Individualität ist das ja auch nicht unbedingt wahrscheinlich. Solcherlei Probleme entstehen eigentlich immer nur dann, wenn große Mengen von Leuten zusammen den gleichen (falschen?) Idealen hinterhertraben, weil es a) wenigstens in eine Richtung geht, b) man nicht alleine ist, c) der/die/das da vorne schon wissen wird, was richtig ist und d) man gemeinsam ja auch stärker ist. Und schon haben wir auch noch das Patentrezept für zeitgenössische Scheiße im Ventilator: den Internet-Shitstorm. Wenn ich jetzt z.B. sage, dass alle Songs von Taylor Swift gleich klingen und ich mich nicht wundern würde, wenn diese überaus seichte Kost von einem Algorithmus komponiert worden wäre, ist das quasi gleichbedeutend mit Online-Suizid. Gottseidank ist mir das Wurscht und ich kann hier meine Meinung einfach sagen, denn alle auflaufenden Kommentare müssen sowieso erst durch mich freigegeben werden. Daher kann ich sagen: sogenannte “Swifties” sind für mich der Inbegriff medialer Selbstversklavung und -verdummung! Ich will unterdessen etwas ganz anderes! Ich will über meine freie Zeit so verfügen, wie ich es für richtig halte! Ich will – nicht nur im Urlaub – mich selbst als eigenständig und frei erfahren! Ich will gestalten, wo, wie und was ich nur kann! Und ich will kein Swiftie werden! Egal für welches dämliche Medien-Franchise auch immer. Da bin ich lieber mein eigenes Medien-Franchise. Und während ich all dies hier schrieb, da ist die Zeit voran geschritten, wurden kleine Stücke durch das Pendel des Schicksals abgesäbelt, die sang- und klanglos im allzeitigen Strom des ewigen Vergehens mitgerissen worden sind; und es hat nicht mal wehgetan. Denn die Zeit ward gut verbracht, weil die Entscheidung, sie so zu verbringen MEINE war. Und… was habt ihr heute so gemacht, das für euch Sinn ergeben hat; ganz gleich ob in der Ferne oder zuhause? Wir hören uns die Tage wieder…

Benvenuti nelle Marche N°19 – Urlaubsschreibe?

Es ist hier ein bisschen wie ein zweiter Job. So ‘ne Art Side-Gig, nur dass er mir kein Geld bringt. Denn ich schreibe ja weder in irgendjemandes Auftrag, noch um (Werbe)Klicks zu generieren. Überhaupt ist mir die galoppierende Enadvertisierung des gesamten Netzes ein Gräuel. Weil mir der noch härter galoppierende Konsummaterialismus ein noch größerer Gräuel ist. Immerzu und überall Adds für irgendwelchen nutzlosen Schrott – oder nutzlose und überteuerte Dienstleistungen – in die Fresse gekloppt zu bekommen, ist einfach nur ekelerregend. Nur, um dem, sich jetzt in manchen Köpfen bereits hörbar bildenden Dummgebabbel präemptiv zu begegnen – NEIN, Bedarf des Alltages zu kaufen, ist kein hart galoppierender Konsummaterialismus. Der realisiert sich nämlich in der immer wieder stattfindenden Anschaffung von Dingen, die kein Schwein wirklich braucht und deren Herstellung und Distribution somit unnütz Ressourcen verschwenden, nur damit jemand im Forecast II schreiben kann, dass die KPI sich nach den Vorhersagen entwickeln; und das Bankkoto von jemandem, der oft eh schon genug hat noch ein bisschen fetter wird. Aber da kann ich mir den Mund fusselig reden, wie ich will – die Markenjünger allüberall z. B. sind halt so hart indoktriniert, dass sie sich tatsächlich über die Ästhetik eines ca 150x70x8 mm großen Glas-Metall-Konglomerats streiten, dass für das ca. 10-fache seiner eigentlichen Produktionskosten verkauft wird. Sach ma, habt ihr sie noch alle? Was für’ne Ästhetik? Das is’n verficktes Handy! Bei Michelangelos David können wir über Ästhetik streiten, beim Eiffelturm, einem 507er BMW-Coupé, meinetwegen auch wegen Möbeln, dem Design der Kitchenaid oder den Fliesen für’s Bad. Ein 150x70x8 mm großen Glas-Metall-Konglomerat sieht jedoch für meine Auge immer gleich aus. Und es hat nur eine einzige Aufgabe zu erfüllen – mich mit der Außenwelt zu verbinden. Wegen mir kann das Ding auch schreiend gelb und 15 mm dick sein, wenn’s halt nix anderes gibt. Die Gegenstände des täglichen Gebrauches können gerne gewissen Ansprüchen an Optik und Haptik genügen, aber die Fetischisierung des Äußeren, die überlassen wir doch bitte jenen, die das ganz unbedingt nötig haben, ja…? Wer das sein könnte, denkt euch bitte selbst.

Ach Mist, ich bin wieder abgeschweift. Aber so eine gute Ladung Kapitalismuskritik geht einfach immer. Und auch hier gilt – bevor jetzt einer das Maul aufreisst und mir Bigotterie vorwirft, weil ich ja auch nur im System Kapitalismus arbeite und davon profitiere – zeig mir mal, wie ich als Mensch in unserem Gesundheitswesen den Lebensunterhalt ranschaffen soll, ohne mich der Marktlogik zu unterwerfen, du Hanswurst! Die Leute bezahlen mich im Übrigen nicht für 40h/Woche sondern für über 30 Jahre Erfahrung. Diesen Unterschied werdet ihr irgendwann schon auch noch verstehen. Ist gar nicht so schwer. Der Umstand, dass meine Expertise einen gewissen Wert hat, verschafft mir auch die Freiheit, hier über die Dinge schreiben zu können, die mich wirklich interessieren. Dazu gehört übrigens nicht der Forecast II oder die KPI! Wenn dich jedoch deine realen existentiellen Sorgen innerlich killen, dann schreibst du zumeist kein Blog, zumindest nicht so eines, wie das hier. Das tust du aber zum Beispiel dann, wenn es existentialistische Sorgen sind – also jene Fragen, die sich um Sinn, Ziele, individuelle Freiheit und persönliche Entwicklung drehen. Oder, um es mit einem bösen Wort zu belegen: Luxusprobleme. Nun ist es so, dass ich eine Menge Leute kenne, bei denen sich alles um Zahlen dreht; um Prestige, um Gewinn, um Macht, um Deutungshoheit, um Gesicht – oder darum, ums Verrecken Recht behalten zu müssen. Denn BWL ist – in meiner bescheidenen Wahrnehmung – weitesgehend nicht mehr, als ein System aus Dogmen, Konventionen, Wahrscheinlichkeiten und Küchenpsychologie. Danny Kahneman hat dann die Irrationalität des Menschen bei ökonomischen Entscheidungen nachgewiesen – eindrucksvoll genug für einen Nobelpreis in Wirtschaftswissenschaften – und dennoch glauben viele immer noch an den Homo Oeconomicus. Will mir nicht in den Kopf. Und das, was ich gerade tue ist ein schlagender Beweis dafür. Denn ich verwende gerade die kostbarste Ressource, welche uns Menschen gegeben ist – meine Lebenszeit – darauf, etwas zu tun, dass für mich keinen weiteren Nutzen hat, als das befriedigende Gefühl, es getan zu haben. Was soll das denn…? Sagen wir mal so – BWL produziert die Luxusprobleme, denn echte Sorgen sind da zu finden, wo es um den Sinn geht. Da findet man auch jene Leute, die sich um Nachhaltigkeit und eine halbwegs lebenswerte Zukunft für folgende Generationen kümmern. KPIs gibt’s im Dreimonatstakt – eine Zukunft für alle nur im Dekadentakt.

Ich kann folglich nicht einfach – nur weil ich gerade Urlaub habe – in die Urlaubsschreibe wechseln. Ich bin kein Berufs-Feuilletonaille (also eine Kanaille, die Feuilletons schreibt) und auch kein Möchtegern-Humorist für die Schenkelklatscherei, denn ich bekomme ja wie gesagt kein Geld dafür. Für’s Feuilleton müsst ihr meist (Abogebühren) zahlen und den Billighumor bekommt ihr vom Hartz-TV oder durch die ganzen Memes auf Antisocial Media. Daher mache ich mir hier lieber um die die Dinge Gedanken, die ich für wichtig erachte. Und auch, wenn da manchmal ein leidlich lustiges Stück wie etwa gestern bei rauskommt, ist das doch nur Denkabfall, der auch mal raus muss. Nehmt’s mir also bitte nicht übel, wenn auch zu Ferienzeiten hier manchmal die schmerzhaften Wahrheiten mit der groben Kelle ausgeteilt werden. Immerhin könnt ihr diese ja auf eurem völlig überteuerten 150x70x8 mm großen Glas-Metall-Konglomerat anschauen, dass so schön in der Hand liegt. Ciao…

Benvenuti nelle Marche N°18 – Leichtere Urlaubskost…?

Reisen bildet. Ganz selten mal den Geist, des Öfteren das Herz und ganz sicher immer eine Meinung. So oder so – du kommst nicht als der zurück, der du warst. Zumindest, wenn du es zulässt, dass der Ort deiner Sehnsucht dich auch wirklich berührt. Ich gestehe: ich habe in meinem Leben tatsächlich einmal eine All-Inclusive-Reise gebucht. Und auch noch dazu nach Nordafrika. Zur Erinnerung: 1998 hatte Tunesien ein stark autokratisches Regime unter Präsident Zine El Abidine Ben Ali. Uns als Touris war das nicht bewusst (oder die Zeichen waren einfach egal), denn es sah ja alles so schön fremdländisch aus. Ich meine zu erinnern, dass irgendein deutscher Kabarettist mal sinngemäß gesagt hat, das Elend im Gastland ist schon okay, wenn es nur romantisch aussieht. In dem Sinne habe ich mich also einmal schuldig gemacht. Jedenfalls brachte dieser Urlaub uns Lustbarkeiten und auch schöne Erinnerungen, wie etwa einen Ausflug zu den römischen Stätten in Tunesien, vor allem Dougga. Unser Tourguide war ein Professor für Geschichte von der Uni Tunis, der den ganztägigen Ausflug mehrsprachig begleitete. Allein der Umstand, dass ein hochgelehrter Akademiker sich seinen Geldbeutel mit Touri-Touren aufbessern musste, hätte mir jedoch ein Hinweis auf den Zustand des Landes sein können. Nun ja, passiert ist passiert, sich heute darüber zu ärgern, ändert die Geschichte auch nicht mehr. Unterdessen sind unsere Ziele schon seit über zwei Jahrzehnten immer Selbstversorger-Appartments, die innerhalb Europas mit dem PKW erreichbar sind; bevorzugt in Italien und Frankreich. Es gibt da (wie auch in Deutschland) noch mehr als genug zu entdecken. Dazu gleich mehr. Denn wir waren eigentlich bei der Frage, inwieweit einen das Sehnsuchtsziel wirklich berührt? Wozu wir erst mal klären sollten, um welche Sehnsucht es denn überhaupt gehen soll. Wenige Menschen oder viele? Ruhe oder Action? Kontemplation oder Party? Berge oder Meer? Fliegen oder Fahren? Kultur oder Chillen? Chaotischer Filmriss oder langsamer Genuss? Und… wenn ich all das geklärt habe, heißt das noch lange nicht, dass der Plan funktioniert. Denn, wie ich dieser Tage schmerzhaft feststellen musste, kann man ja auch in der Ferne trüben Gedanken nachhängen. Doch das soll jetzt nicht das Thema sein.

Wenn ich heutzutage in die Fremde reise, dann versuche ich wenigstens ein paar Brocken der Landessprache zu beherrschen und die kulturellen Gepflogenheiten der Ansässigen zu achten. Dazu gehören Manieren, Kleidung, bewusstes Sich-auf-die-Dinge-einlassen und die Bereitschaft, etwas dazuzulernen. Ich habe in so einigen Posts schon geschrieben, dass ich Menschen hasse. Ich möchte das zu dieser Gelegenheit jedoch noch etwas differenzieren: ich hasse nur jene Menschen, die sich als dumme, dogmatische, eitle, selbstgerechte, egoistische chauvinistische, faschistische, rassistische Arschlöcher entlarven. Die findet man nun leider echt überall auf dem Erdenrund. Aber im Urlaub ist es für mich besonders nervtötend, wenn es andere Urlauber sind, die sich benehmen wie die Axt im Walde und damit eines oder mehrere der vorgenannten Kriterien erfüllen. Was ist schwer daran, sich in der Fremde wie ein guter Gast zu verhalten? Wie kann man nur auf die Idee kommen, dass woanders alles so sein müsste wie daheim? Warum verreist man überhaupt, wenn man den Anspruch erhebt, das alles so sein müsse wie daheim? Nur vielleicht in bunter, pittoresker, wasauchimmer? Ich bereise Italien jetzt seit gut 22 Jahren (von denen ich insgesamt mehr als 8 Monate im Land verbracht habe) und ich lerne jedes Jahr wieder was dazu. Oft über Land und Leute, aber nicht selten auch über mich selbst. Ich kann mittlerweile mit Fug und Recht behaupten, dass meine Seele Südländer ist. Die miefig-spießige Verwalter-Mentalität des deutschen Michels ist mir so fremd, wie die Oberfläche des Mondes. Was natürlich für viele andere Deutsche auch gilt. Aber man trifft diese Vertreter immer wieder. Die fahren zeitgleich mit allen Anderen in die Fremde, ärgern sich über den Stau (das tue ich allerdings auch), erwarten sowas wie den Pott in Bunt mit Meer und wundern sich, wenn’s auf der Karte im Restaurant keine Currywurst mit Pommes gibt… Da musste dann halt in die “Carrer del Pare Bartomeu Salvà” gehen – besser bekannt als “Schinkenstraße” in El Arenal auf Mallorca… Wobei man in den Medien gut sehen konnte, dass die dort Ansässigen von dieser (Ab)Art Torismus die Schnauze gestrichen voll haben. Nachrichten zu den Protesten seit 2024 lassen sich ja leicht finden.

Was ist die Sehnsucht jener Menschen, die dorthin reisen, um sich – dicht auf dicht in mehr als nur einer Hinsicht – auf engstem Raum zu tummeln; schmerzerregende Partyschlager wie “Scheiß drauf, Malle is nur einmal im Jahr” inclusive? Ich weiß es nicht! Ehrlich! Aber es ist NICHT – GANZ SICHER NICHT – DIE Sehnsucht, welche ICH mit Urlaub verbinde. Ich suche Zeit zum Schauen, Knipsen, Lesen, Denken, Schreiben, Reden, Kochen, gut Essen, einfach Sein. Und ich möchte dabei so viel Ruhe wie möglich haben. Wahrscheinlich bin ich zu alt für dieses völlig jecke hispano-germanische Party-Gerammel bis zum Absturz. Wenn ich so darüber nachdenke, war ich wahrscheinlich noch nie jung genug dafür. Ich habe echt nix gegen leichte Kost dann und wann. Aber DAS, was nicht wenige da abziehen, ist seichter als jede ARD-Vorabend-Soap. Und ich kann mir auch nicht vorstellen, dass die verändert aus dem Urlaub zurückkommen. Mit weniger Euro auf dem Konto, erweiterter Hautkrebs-Vorbereitung, schlechteren Leberwerten und Tschakkeline hat vielleicht ‘n Braten in der Röhre, Koch unklar… Aber ansonsten herrscht Ebbe bei persönlicher Entwicklung. Und bevor jetzt jemand wieder mit dem “rotweinsaufender Toskana-Pädagoge”-Klischee um die Ecke kommt: a) so viel Rotwein trinke ich gar nicht, b) ich versuche NIEMALS Goethes Bildungsreise nachzustellen (der kam in den Marken gar nicht vorbei, was ein eindeutiger Fehler war) und c) bin ich BERUFSpädagoge. Die haben keine Zeit für ein so hochtrabendes Selbstbild, weil sie in der Arbeitswelt beheimatet sind.

Heute regnet es seit dem Mittag. Ist für mich jetzt kein großes Problem. So ein Blogpost schreibt sich nicht in fünf Minuten, was zu lesen habe ich auch noch und kochen und essen braucht – wenn es denn gut sein soll – auch so seine Zeit. Gut Dinge will Weile haben. Was die zuvor bereits erwähnten Pauschaltouris ohne Plan B machen, weiß ich nicht – will ich aber (man möchte ja auch mal seine Vorurteile pflegen dürfen) auch gar nicht wissen. ICH bin einfach nur ein langsam älter werdender Sack, der sich wünschte, dass die alljährliche Urlaubsreise nicht automatisch zur vollkommenen Deaktivierung des Gehirns führte. Ich liege halt irgendwo in der schlecht ausgeloteten Grauzone zwischen Ballermann-Assi und Toskana-Oberlehrer. Denn Extreme sind auch im Urlaub schlecht. In diesem Sinne, bis die Tage wieder.

Benvenuti nelle Marche N°16 (a.k.a. A scream in the dark N°2) – Was kann man wollen?

Viel zu oft im letzten Jahr, wenn ich mich niederließ, um hier zu schreiben, diktierten eine dumpfe Düsternis, Bitterkeit und Enttäuschung meine Zeilen; wie ein stilles Gift, dass sich mehr und mehr meiner gesamten Persönlichkeit bemächtigte. Dass ich immerzu wütend bin, ist ein Wesenszug, über den ich hier schon des Öfteren gesprochen habe. Doch jenes Agens, welches meine Wut früher befeuert hatte, scheint nun durch ein Anderes ersetzt worden zu sein. Wo ich bislang vor allem und immer wieder von meinem Gerechtigkeits-Empfinden getrieben war – und das nicht selten bis zu dem Punkt, dass ich mich selbst beschädigte – ist es heute eher eine Art von Selbstgerechtigkeit, die den mannigfaltigen und ausschließlich beruflichen Kränkungen der letzten Jahre entsprungen sein mag. Viel zu selten konnte ich daher einer Hoffnung Ausdruck verleihen, dass sich die Dinge zum Guten ändern würden. Gefangen in der Illusion, dass ich nur lange genug weitermachen müsste, es richtig und gut zu machen, bis sich die Umstände eines fernen Tages quasi durch das Erkennen der Richtigkeit meines Handelns auf der Gegenseite zum besseren Wandeln würden. Doch so funktioniert die Welt nicht. Jene, die im Stillen die Dinge am Laufen halten, indem sie einfach ihren Job erledigen, werden immer und überall von den Marktschreiern, den Selbstdarstellern, den Blendern überholt, ins Abseits geschoben und übergangen. Wann immer eine solche stille Person jedoch einmal aufbegehrt, wird dies von den anderen – auch den Leitungskräften – als unangemessen, unverschämt, ja falsch aufgefasst. Weil das, was in der jener Stille alles am Funktionieren gehalten wurde und immer noch wird, nicht erkannt, nicht anerkannt werden kann. Wo der eitle Geck mit seinen Erfolgen (falls man diese denn überhaupt so nennen kann) prahlt, da besorgt der Stille das Geschäft ohne Bohei… und wird daher übersehen. Lautstärke schlägt Leistung immer und überall!

Dann aus der Stille herauszutreten und Forderungen zu stellen, in dem festen Glauben, dass die eigene Leistung die vorgebrachte Forderung doch mehr als rechtfertigen müsste, führt beim Gegenüber nicht selten zu Irritation, gerne auch zu Wut. “Warum funktioniert der/die nicht mehr so, wie gewohnt?” Vielleicht, weil sich das Gegenüber nie darüber Gedanken gemacht hat, was denn zu diesem Funktionieren alles notwendig ist. Dazu gehört ein gutes (soziales) Klima am Arbeitsplatz ebenso, wie eine erhaltene geistige Gesundheit der stillen Person, eine moderate Belastung und ausreichende Gestaltungsspielräume. Dass ich hier über eine Leitungsposition rede und dass das Gegenüber auch nicht genau weiß, was dieses Funktionieren alles bewirkt, hat schon jede’r verstanden, oder? Doch der Umstand, dass man ja sonst für sich selbst wenig bis nichts gefordert hat – außer dem, was sowieso arbeitsvertraglich vereinbart ist, führt nun zu einer Friktion. Man selbst denkt “Aber… aber ich will doch gar nichts Großes…” und das Gegenüber denkt “Wie kann diese Person nur Forderungen stellen?” So schnell hat sich das mit einem Konflikt. Und ich muss es an dieser Stelle noch mal betonen: Schuld sind daran durchaus beide Seiten. Der Stille hätte seine Erfolge und seinen Beitrag transparenter machen müssen. Das Gegenüber muss jedoch auch verstehen, dass Lautstärke bzw. Sichtbarkeit NICHT gleichzusetzen ist mit Effizienz, erledigter Arbeit und abgeschlossenen Projekten – sondern viel zu häufig lediglich mit Schaumschlägerei! Doch was hat all dies nun mit der Frage nach dem zu tun, was man wollen kann…?

Zum einen geht es dabei um die ganz offensichtliche Frage, ob sich derlei Konflikte einfach (oder überhaupt) auflösen lassen? Und was dazu nötig wäre? Zum anderen natürlich um die ganz persönliche Frage, wie ich MEINEN Konflikt auflösen möchte. Das Problem dabei ist Folgendes: wir alle sind in eine Welt eingebettet, die – ganz entgegen der Populär-Meinung, wir seien ja alle “vernünftig” – weit davon entfernt ist, wirklich nach Vernunftprinzipien zu funktionieren. Für Ernst Cassirer war der “Mythos” der Urboden jedweder Kultur, was bedeutet, dass auch unser heutiges soziales, wirtschaftliches und politisches Miteinander auf Formen basiert, die man bei den so genannten Naturvölkern heute noch in Reinform beobachten kann. Symbole, Traditionen und daraus resultuierende Haltungen und Werte, die wir NICHT mehr bewusst reflektieren, sondern lediglich durch Imitation von Generation zu Generation weiterreichen, finden sich jedoch auch in unserer modernen Lebenswelt überall wieder. Roland Barthes hat das Jahrzehnte später noch einmal herausgearbeitet, indem er alltägliche Situationen und Kulturprodukte seiner Zeit aus Sicht ihrer Symbolik dekonstruierte. Ein Beispiel, dass MIR dazu immer wieder einfällt sind unsere Kleidungs-Konventionen. Warum Bankangestellte bis heute Anzug bzw. Kostüm tragen müssen, um als “seriös” wahrgenommen zu werden, erschließt sich mir nicht. Donald Trump trägt einen Anzug und ist eines der gefährlichsten Tiere, die ich mir vorstellen kann… Es ist ein Beispiel für “Das haben wir schon immer so gemacht!” Vielleicht wird langsam klarer, warum ich diesen Satz so hasse.

Jedenfalls sind auch die Kontrahenten des vorhin beschriebenen Konfliktes in diese Welt der Symbole – also mit Cassirer und Barthes den Mythos über unsere Welt – eingebettet. Damit geht einher, dass es Hierarchien gibt, welche durch Titel und Posten beschrieben sind. Ein Titel oder Posten ist zunächst nicht mehr als ein Symbol der Herrschaft. Macht über Andere ausüben zu dürfen, bedarf jedoch in unserer demokratischen Kultur der Legitimation durch jene, über die Macht ausgeübt werden soll. Ich bin diesbezüglich ein großer Freund von Habermas, der mit dem “zwanglosen Zwang des besseren Arguments” uns allen aufgezeigt hat, dass Recht zu bekommen einzig von der argumentativen Stärke meiner Position abhängen sollte. Ich weigere mich daher unterdessen, solche Hierarchien anzuerkennen, in denen mein Gegenüber als einziges Argument für seine aktuelle Haltung die, nur vermeintlich hierarchisch übergeordnete Stellung heranzieht und keine anderen Argumente hat, außer dem Pochen auf die Einhaltung einer überkommenen Norm. Das Diktum “Tradition ist Fortschritt genug!” hat mich nämlich noch nie überzeugt… Was ICH wollen kann, ist damit klar umrissen: ich will verstanden werden! Ich will, dass meine Argumente, auch wenn sie denen meiner Gegenübers diametral entgegenstehen mögen, zumindest erwägendes Gehör finden. Ich will, dass meine Gegenüber befähigt sind, Ihre Positionen zu überdenken. So, wie sie sich das vermutlich auch von mir wünschen. Ich will mithin nicht weniger, als das andere Menschen sich ihres Geistes soweit bemächtigen, den Mythos hinter sich zu lassen und auf die Ebene des tatsächlichen Argumentes zu treten, anstatt symbolübersättigte Strohmänner abzubrennen, wenn ich mal nicht so bin, wie man es von mir gewohnt ist! Und sofern ich das nicht bekommen kann, wo ich stehe, MUSS ich weiterziehen, um herausfinden zu können, ob dieses Voraussetzungen IRGENDWO anders als in der Selbstständigkeit erfüllbar sind. Ehrlich gesagt zweifele ich mpmentan daran…

Benvenuti nelle Marche N°15 – Italienische Übergänge

Zurück in Italien. Und dank der Freundlichkeit unserer Gastgeber fühlt es sich – nicht nur für mich – an, wie heimkommen. Die Anreise war, wie so oft, wenn in Baden-Württemberg Ferien sind, allerdings kein Zuckerschlecken. Der Ritt durch die Schweiz hat mich beinahe meinen allerletzten Rest Contenenace gekostet. Immerhin am Ende, vor mir nur Idioten, im Straßengraben keine Toten… Aber sind wir nicht alle die allerbesten Autofahrer unter Gottes Sonne? Die Tour durch Italien war dann viel besser. Bis auf kleine Stockungen lief es wie am Schnürchen. Und nachdem gestern Nachmittag das Auto entladen und alles am richtigen Ort verstaut war, konnte ich mein Versprechen an mich selbst wahrmachen und meine ersten paar Hundert Meter im Pool schwimmen. Ende Mai noch ziemlich frisch, aber das tut dem Spaß keinen Abbruch. Ich weiß jetzt, dass meine Schulter trotz gelegentlichem schmerzhaftem Rumgespacke immer noch ganz gut Strecke machen kann. Oberflächlich betrachtet ist also alles in Butter. Und unter der Haube…? Tja da läuft die Denkmaschine ununterbrochen. Meine unausgesprochene Hoffnung ist natürlich, wieder ein wenig mit mir selbst ins Reine kommen zu können. Da ich hier fern von allen beruflichen Problemen und Sorgen bin, könnte das klappen. Heute Nacht habe ich jedenfalls geschlafen wie ein Toter. Doch ich kann ja nicht anders, als mir Denkfutter mit in den Urlaub zu nehmen. Und als ich heute morgen Anfing, das erste Buch zu lesen, stellte ich fest, dass die ersten Kapitel von einer Zeit der Umbrüche, vor allem aber von persönlichen Umbrüchen der Protagonisten handeln. Und das hat für mich gerade jetzt große Relevanz, weil es sich um historische Persönlichkeiten handelt, die allesamt als Philosophen im 20. Jhdt, Bedeutung erlangt haben. Und die sich, jeder auf seine Weise mit entscheidenden Fragen rings um unser Menschsein auseinandergesetzt haben. (Literaturhinweis unten).

Wenn man einmal mehr mit der wenig trivialen Frage ringt, was man denn zukünftig mit seinem Leben noch anfangen möchte und ob die Stelle, an der man gerade steht überhaupt (noch) die richtige ist, weil die Arbeitsumstände einem dauert Verdruss bescheren, dann kommen Erörterungen rings um Sein, (Selbst)Bewusstsein, Sinn und Ziele natürlich gerade recht. Wenngleich die Menschen, um die sich das Buch dreht, mit dem Jahrzehnt nach dem Ende des ersten Weltkrieges (auch als “Roaring Twenties” bekannt) in einer Zeit gelebt, gelernt, gelehrt und gelitten haben, deren Kommunikation, Kultur, Denkarten, Politik und Verlauf aus völlig anderen Voraussetzungen entstanden ist, als unsere heutigen “New Roaring Twenties”. Diese scheinen ein Jahrzehnt zu sein, dass die Erkenntnisse der 1920er bewusst und mit Macht konterkarieren zu wollen scheint. Die Menschen mussten 1919 mit den Erfahrungen aus einem unfassbare grauenhaften Weltkrieg umgehen lernen und ein neues Ich erschaffen, weil das alte – teils in den Schützegräben, teils an der “Heimatfront” – gestorben war. Ich spreche hier zwar von Philosophen (Wittgenstein, Heidegger, Benjamin, Cassirer), doch auch für diese Menschen war die Erfahrung präsent und formierte einen Rite de Passage, dessen Härte ich mir nur schwer vorstellen kann. Wenn unsere 2020er hingegen irgendetwas beweisen, dann, dass die Geschichte wahrhaft ein Kreislauf ist und wir Menschen – oder besser unsere sogenannten Staaten- und Wirtschaftslenker – aus ihr immerzu nur eines lernen: nämlich wie wir einander noch schneller und effizienter verletzen, unterdrücken, beherrschen, töten oder sonstwie beschädigen können. Die weltweit steigenden Zahlen psychischer Erkrankungen sprechen hierüber eine deutliche Sprache. Und unser Bundeskanzloide hat nichts besseres zu tun, als Menschen, die sich dem entgegenstellen zu beleidigen, zu diffamieren, ihre Haltung zu diskreditieren und den anderen “Elitenvertretern” Zucker in den Arsch zu blasen und ihre Konten zu boosten. Das hätten sich selbst Huxley und Orwell nicht besser ausdenken können. Doch was bedeutet das alles für mich? Denn… sorry, aber das hier ist MEIN Blog, also geht’s hier um mich!

Ich stehe an einer Schwelle. Dies kognitiv zu realisieren und emotional zu verarbeiten, sind jedoch zwei sehr unterschiedliche Paar Stiefel. Irgendwie zu wissen, dass man halt etwas ändern MÜSSTE, jedoch emotional keinen Zugang zu dieser Aufgabe zu bekommen und darum erstmal alles beim Alten zu belassen, dürfte so ziemlich die menschlichste aller Sünden sein. Siehe seine Wut oder seine Ängste in den Griff bekommen, Abnehmen, sich das Rauchen abgewöhnen, mit der Sauferei aufhören, etcpp. Wir WISSEN relativ schnell, was uns wirklich gut täte, jedoch… jedoch… Und so ist es mit meiner Schwelle. Ich sehe sie. Ich kann sie unterdessen sehr gut benennen. Ich wüsste auch, was ich verändern wollen würde – aber ich schaffe den Schritt nicht! Weil meinen Job einfach weiterzumachen für mich CONVENIENT ist. Ich weiß, wie alles funktioniert, wie die Menschen ticken, wie ich relativ häufig doch bekomme, was ich will. Doch der Schmerz hat in den letzten Jahren immer mehr zugenommen, bis zu einem Punkt, da meine Ratio und meine Emotionen in einem konstanten Konflikt miteinander stehen. Nicht umsonst besuche ich regelmäßig einen Psychotherapeuten. Wie sangen the Clash so schön “Should I stay, or should I go?”. Eigentlich ist es klar: I should go, for the better of me… Doch was ist dann. Die Convenience (und die relative existenzielle Sicherheit, die mit ihr einher geht) würde sich spontan in Luft auflösen. Ich finge, in vielerlei Hnsicht nochmal von vorne an. Was mit knapp 52 keine so aufmunternde Aussicht ist. Wer will so einen alten Sack wie mich schon noch haben…? Über diesen entscheidenden Aspekt meines Lebens muss ich in den kommenden zwei Wochen meditieren. Anstatt einfach nur meinen Urlaub genießen zu dürfen…? Ach, ich hoffe, beides irgendwie unter einen Hut zu bekommen. Zumindest habe ich mir selbst versprochen, noch viele Meter mehr im Pool zu schwimmen und meiner Seele viel Gutes zu tun. Zwischen alten Steinen spazieren gehen und Knipsen bis der Auslöser glüht. Abends über das Tal schauen und mit der besten Ehefrau von allen über Gott und die Welt parlieren. Gut essen und trinken. Noch viel mehr lesen. Und einfach sein. Denn einmal mehr hieß es gestern: “Willkommen in den Marken.” Wir lesen uns…

  • Eilenberger, W. (2018): Zeit der Zauberer. Das große Jahrzehnt der Philosophie. 1919 – 1929. 7. Auflage, 2023. Stuttgart: J. G. Cotta’sche Buchhandung Nachfolger GmbH, gegr. 1659.

A scream in the dark N°1 – Aufgeklärt…?

Ich bin ärgerlich. Ich habe anderthalb Tage darauf verwendet, jungen Menschen nahe bringen zu wollen, warum Ethik im Gesundheitswesen, aber auch im Leben eine Rolle spielt. Warum ein ethisch denkender und handelnder Mensch niemals Rassist, Chauvinist, Neo-Nazi sein kann. Warum Moral und Ethik nicht das Gleiche sind; niemals das Gleiche sein können, weil Ethik sich wissenschaftlichen Denkens bedient, während das andere viel zu oft stumpf Dogmen repliziert. Analog zu meinem absoluten Hasssatz “Das haben wir schon immer so gemacht…”. Warum ein humanistisches Menschenbild und die Ausgrenzung bestimmter Gruppen einander ohne jeden Zweifel vollkommen und absolut ausschließen. Mit anderen Worten: ich habe versucht Aufklärung zu betreiben. Dass ich dabei auch den kategorischen Imperativ aus der Kant’schen Moralphilosophie benutzt habe, ist natürlich kein Zufall. “Aufklärung ist der Ausgang des Menschen aus seiner selbst verschuldeten Unmündigkeit.” Vor 242 Jahren postulierte Immanuel Kant diese Worte. Und ja, man sollte den Mann in seinen zeitlichen Kontext einordnen. Er war ein chauvinistischer, mysogyner Stinkstiefel, der aus seinem Denk-Kabuff in Königsberg so gut wie nie herauskam. Dennoch haben seine Worte auch heute noch Bedeutung. Eigentlich heute sogar noch viel mehr als damals. Kant hat niemals verstanden, dass seine – oft zu verkopft formulierten – Ideen für wirklich JEDEN MENSCHEN Gültigkeit haben könnten; und dass man sich an diesen Ideen 164 Jahre später orientieren würde, um das Grundgesetz so zu formulieren, wie es formuliert wurde, hätte ihn eventuell überrascht. Ist aber so passiert. Doch… ist unser Grundgesetz heute noch aktuell? Oder anders formuliert: was genau führt dazu, dass immer mehr (vor allem junge) Menschen zu vergessen scheinen, dass unsere Demokratie kein gegebener Zustand ist, der ohne Zutun der Menschen, welche in ihr leben einfach fortbesteht? Unsere Demokratie als Idee ist ein Wert an sich, weil sie ALLEN Menschen das unhintergehbare Recht zuspricht, sich als eigenständiges Subjekt frei entfalten zu können. Das meinen Artikel 1, Artikel 2 und Artikel 3 des Grundgesetzes im Kern.

Das eigentlich Ärgerliche für mich ist nicht, dass Schüler*innen beim Thema Ethik komplett abschalten, weil sie sich viel lieber mit den Action-Aspekten des Berufes Notfallsanitäter*in befassen wollen. Wer nicht verstehen will, dass unser Job eine soziale Komponente hat, welche die Action-Komponente bei weitem überwiegt – und auch noch strukturiert – dem kann ich halt nicht helfen. Das sind dann diejenigen, die am Examen scheitern, oder so nach 6 Monaten bis einem Jahr die Ausbildung schmeißen, weil ihnen zu dämmern beginnt, dass man sich doch tatsächlich auf die Menschen einlassen muss, für die, an denen, mit denen zu arbeiten man aufgerufen ist. Mich kotzt es an, dass so wenige Menschen sich tatsächlich dafür interessieren, weil ihnen nicht bewusst ist, wie leicht sich unsere demokratischen Instuitutionen und Prozesse aushebeln lassen, wenn man sich die Ratten auf dem Wege eines demokratischen Prozesses ins Haus holt. Aufklärung bedeutet, dass jede*r von uns aufgerufen ist, sich eine INFORMIERTE MEINUNG zu bilden, die auf beweisbaren Fakten und wissenschaftlich fundierter Theorie beruht, anstatt auf dumpfer Meinungsmache und Emotionen. Es macht einen erheblichen Unterschied, ob ich im Laden ein Buch nach Covergestaltung auswähle, oder am Wahltag denen hinterher renne, die am lautesten (allzu oft fiktive) “Schuldige” für die Umstände benennen und im gleichen Atemzug versprechen, genau diese “Schuldigen” für all unsere Probleme zu bestrafen. Gleichgültig, wer diese Probleme wirklich verursacht hat. Denn ein gutes Feindbild gibt dem Tag Struktur!

Ich ärgere mich tierisch darüber, dass Jammern auf hohem Niveau mittlerweile zu einer Kunstform geworden ist, welche der deutsche Michel in seiner schlafmützig-reaktionären Besitzstandswahrermentalität bis zur höchsten Finesse trainiert hat. Wir leben nach wie vor in der drittgrößten Volkswirtschaft der Welt, auf einem Niveau, für dass uns mindestens 160 von 193 Staaten auf der Erde beneiden; manche von denen sehr bitter. Und hier ziehen Menschen auf die Straße, die keine Ahnung haben, wie sich ein hoher Migrationsanteil in der eigenen Stadt anfühlt, um rassistische Parolen zu skandieren, weil ihnen Migranten angeblich die Lebensqualität bedrohen. Ich zitiere mal aus dem Internet: “Natürlich nehmen dir die Ausländer den Job weg. Aber wenn jemand ohne Sprachkenntnisse, Geld und Kontakte dir den Job wegnimmt, bist du vielleicht einfach nur scheiße.” Das ist natürlich ein bisschen platt. Aber irgendwie… kann ich mich des Eindrucks nicht erwehren, dass es stimmt. “Selbstverschuldete Unmündigkeit” meinte zu Kants Zeiten, den Rattenfängern der organisierten Religion hinterherzulaufen, welche 1784 seit weit über 1000 Jahren das Monopol darüber hatten, bestimmen zu dürfen, was man als Mensch zu denken und zu tun hatte. Kant war bewusst, dass wir als Menschen in der Lage wären mehr zu erreichen, wenn wir uns von diesen Fesseln der Fremdbestimmung freimachen könnten. Heute ist es keine kirchliche Fessel der Fremdbestimmung mehr, da der Einfluss der Kirchen erheblich abgenommen hat; diese Fesselfunktion übernimmt heute das simple, dumpfe, egoismus-getriebene Sentiment der Angst vor sozialer Not und des Hasses auf das Fremde, welches sich ganz hervorragend über Antisocial-Media verbreiten und anheizen lässt. Facebook war die erste globale Antidemokratie-Maschine und Mark Zuckerberg ärgert sich vor allem darüber, dass er nicht mehr das Beeinflussungsmonopol hat. Denn Demokratie ist in den Augen der Tech-Bros schlecht fürs Geschäft. Auch wenn Kants Formulierung schon fast zweieinhalb Jahrhunderte auf dem Buckel hat, ist sie daher aktueller denn je – könnte Aufklärung doch HEUTE bedeuten, sich wieder vom schlechten Einfluss der Antisocial-Media-Meinungsindustrie freizumachen, indem man die Dinge hinterfragt, als sich vom Algorithmus mit Scheiße vollpumpen zu lassen. Oder sich durch’s Zocken vom Unterricht abzulenken, weil einen das Thema langweilt. Ein Thema, dass SO UNGEHEUER WICHTIG IST!

Mein Ärger bezieht sich damit nicht auf jene, die hinterher rings um meinen Lehrertisch standen und saßen und mit mir über die Dinge diskutiert haben. Um deren Verständnis mache ich mir eher geringe Sorgen. Aber diejenigen, die sich – bewusst – dafür entschieden haben, sich passiv dem Nachdenken-Müssen zu entziehen, welche die Selbstreflexion (aus ihrer Sicht geschickt) umgangen haben, die anzustoßen der eigentliche Zweck meiner Arbeit im Lehrsaal war… die ärgern mich. Denn es geht gerade bei diesen Themen nicht nur um den Job, sondern auch um Staatsbürgerkunde. Um Demokratie-Erziehung. Darum, diesen jungen Menschen die Wichtigkeit des Selbst-Denkens, des aktiven Hinterfragens politischer Antisocial-Media-Inhalte nahezubringen. Oder besser: ihnen dabei zu helfen, aufgeklärtere Menschen und Mitbürger*innen zu werden. Denn das ist der beste Beitrag gegen die Neo-Nazifizierung unseres Staates, den ich im Moment leisten kann. Was mich dabei zusätzlich irritiert ist, dass viele dieser jungen Menschen, gleich wo sie ihr Kreuz auf dem Wahlzettel machen und gleich welcher Herkunft sie sind, sich im Gespräch anhören, als wenn sie im Kiez Offenbach-Nordend aufgewachsen wären, mit Ćelo & Abdï und Hafti zum Frühstück. Ich habe nichts gegen Jugendsprache – in der Tat finden meine Töchter es erheblich cringe, wenn ich selbst welche benutze – aber können wir mal über die Nicht-Vereinbarkeit von Rassismus und kultureller Aneignung sprechen? Ach ja… die wilde, ungezügelte, hochemotionale Ambivalenz der Jugend. Wie dem auch sei – ich werde es wieder versuchen. Vielleicht nächstes Mal wieder mit einem neuen Ansatz. Ansonsten werde ich mir unter dem Label “A scream in the dark” weiter semi-philosophische Gedanken über unsere Zeit und ihre Herausforderungen machen. Schönen Vatertag übrigens…