Ein revolutionärer Akt…?

Einen Hügel auf verschlungenen Pfaden hinunter zu gehen, ist keine Revolution. Einen Hügel in einem Sessellift hinaufzufahren eigentlich auch nicht. Es sei denn, man hat wie ich Höhenangst und macht es trotzdem. Okay… der Begriff “Revolution” mag übertrieben sein; nennen wir es lieber ein Aufbegehren. Ein Aufbegehren gegen die eigenen Grenzen. Einen großen Schritt aus der eigenen Komfortzone hinaus in die wahre Welt, die sich einen Dreck darum schert, wie es uns gerade geht, ob wir immer noch im Rahmen definierter Parameter funktionieren können, oder ob wir einverstanden sind mit dem, was gerade rings um uns herum passiert. Manchmal braucht es ein Symbol, um begreifen zu können, dass wir all dem trotzdem nicht ausgeliefert sind. Dass unsere Taten – genauso wie unser Unterlassen – ihre Wirkung entfalten; nur bei weitem nicht immer so, wie wir uns das vorstellen. Für mich ist der Sessellift ein solches Symbol, weil er mich daran gemahnt, dass wir so gut wie immer die Wahl haben, uns unseren Ängsten zu stellen, anstatt unser Leben von Ihnen bestimmen zu lassen. Sich einer einzelnen Phobie zu stellen, mag für viele Menschen da draußen jetzt nicht nach irgendeinem Erfolg klingen, doch mich kostete es endlose Überwindung, aus der bloßen Idee eine Handlung zu generieren – und ohne die beste Ehefrau von allen, wäre ich unterwegs wahrscheinlich trotzdem schreiend aus dem Sessel gesprungen. Ich darf hier und jetzt versichern: das ist nicht passiert und wir sind hinterher ganz manierlich den Hügel wieder runterspaziert… okay, gefühlt eher gekraxelt, denn der Fußweg zu Tal war doch recht uneben. Keine Sprünge – keine Verletzungen.

Nun hat diese Handlung für mich Symbolcharakter gewonnen, die für die meisten Anderen keine nennenswerte Herausforderung darstellt, weil sie meine Angst nicht teilen. Aber was ist mit den Dingen, den Sachverhalten, die diesen anderen Menschen vermutlich Angst machen? Finden die den Mut, sich dem zu stellen? Haben die dabei auch Hilfe? Und was ist, wenn sie sich dem nicht stellen? Wird dann aus dem retrospektiv betrachtet doch leicht zu bezwingenden Hügel irgendwann ein unüberwindlicher Berg? Was ist, wenn wir gar nicht mehr nur über Ängste reden, sondern über Überzeugungen, die nicht aus Wissen, sondern im Gegenteil aus Gefühlen, Unwissen und vielleicht auch Manipulation entstanden sind? Und die dazu führen, dass man Menschen hasst, die einem objektiv betrachtet nichts getan haben? Ach… das ist doch ein viel zu weit hergeholtes Gedankenspiel. Kann man sich ja gar nicht ausmalen, dass Menschen lieber nach jemandem suchen, den sie für ihre Situation beschuldigen und hassen können, anstatt nach Lösungen für die Probleme zu suchen, die ihnen derzeit subjektiv das Leben sauer machen. Es ist doch vollkommen unrealistisch, dass Menschen sich derart von ihren Ängsten und Vorurteilen vereinnahmen lassen, dass es ihnen nicht mehr möglich ist, zu erkennen, dass das Gegenüber auch nur ein Mensch ist, der lediglich nach einem Weg durch dieses miese Spiel namens Leben sucht…? Im krassen Gegensatz zu mir begreifen diese Menschen es vermutlich als revolutionären Akt, ihren blinden Hass auf einen Wahlzettel zu erbrechen, anstatt sich die Frage zu stellen, ob es nicht vielleicht doch sinnvoll sein könnte, sich mit den tatsächlichen Problemen unserer Zeit wie dem Klimawandel, den Hitzeschäden und unseren gesamtgesellschaftlichen Antworten darauf zu befassen, anstatt dem Gefühl nachzugeben, dass wenn ich jemanden wähle, der mir die 30er des vergangenen Jahrhunderts verspricht, ich die “gute alte Zeit” zurückbekomme, in der alles einfacher war…?

Es gab und gibt keine “gute alte Zeit”. Und dereinst wird man festgestellt haben, dass sich auch in der Zukunft keine “gute alte Zeit” verbarg. Man wird aber wissen, dass, wenn man seinen unreflektierten, unherausgeforderten Ängsten folgt und die 1930er wählt, man die 1930er bekommt – inklusive politischer Säuberung, Jagd auf alle die anders aussehen, die Welt anders wahrnehmen, anders glauben, anders lieben. Wer die Diktatur wählt, weil seine Angst ihm angeblich den Weg zum klaren Denken versperrt, kann trotzdem nicht von der Schuld für das freigesprochen werden, was dann unausweichlich folgen wird. Sie – die AfD – haben es angekündigt. Sie wollen auf die Gräber der Anderen – die sie hassen wollen, weil sie sie einfach nicht verstehen können – pissen, auf diesen Gräbern tanzen. Gräbern, die sie selbst ausheben werden! Aber selbst, wenn es sich so anfühlt, als wenn die Angst manche unserer Taten diktieren müsste – wir haben IMMER die Wahl, ob wir der Angst nachgeben; oder ob wir uns unseren Ängsten stellen und versuchen, herauszufinden, ob das, was uns Angst macht denn wirklich so schlimm, so bedrohlich, so unmöglich aushaltbar ist? Um zu der Erkenntnis gelangen zu können, dass genau das NICHT der Fall ist. Es mag einem den Puls hochtreiben – aber sich dem auszusetzen, was einem Angst macht, oder was einem nicht passt führt eigentlich immer dazu, dass man sich selbst etwas eingestehen muss, nämlich die Begrenztheit der eigenen Wahrnehmung. Es gibt immer mehr zu sehen, zu hören, zu fühlen, zu erfahren, zu verstehen. Wenn man es nur zulässt. Denjenigen, die noch unentschlossen sind sage ich Folgendes: Tut mir einen Gefallen morgen und macht euer Kreuz nicht bei den Blauen, weil ihr euch vor etwas Unbekanntem fürchtet oder etwas Neues nicht versteht! Dafür gibt es bessere Lösungen. Wir hören uns bald wieder.

Und denen, die so oder so die AfD wählen, weil sie davon überzeugt sind, die neuen Herrenmenschen zu sein: fahrt zur Hölle, dreckiges Faschistenpack und nehmt dabei alles mit, was auch nur im Entferntesten an euch erinnert! Hass gebiert Hass – Gewalt gebiert Gewalt. Wir werden euch jagen, denn mit den Intoleranten kann es KEINE Toleranz geben!

Auch als Podcast…

Die Verjogginghosung der Welt…?

“Kleider machen Leute”. Die gleichnamige Novelle von Gottfried Keller war in den 1980ern in der gymnasialen Mittelstufe eines der Bücher, welche wir im Deutschunterricht gelesen und interpretiert haben. Keine Ahnung, ob das heute auch noch so ist; und wenn wir ehrlich sind, muss man in der Schule auch nicht die gleichen Bücher lesen wie früher, nur weil “man das schon immer so gemacht hat”. Diese oberdummen Worte sind IMMER das schlechtest denkbare Argument, weil sie signalisieren, dass man zu den neuen Themen der jeweiligen Zeit nichts Neues mehr zu sagen hat. Jedenfalls weiß ich, dass sich seit damals in mir immer mehr Wiederstand gegen Kleidungskonventionen gebildet hat. Ich verstehe bis heute nicht, warum wir immer noch so zwischen white-collar und blue-collar-workern unterscheiden, um so zu tun, als wenn die einen mehr wert wären, als die anderen. Was für ein BULLSHIT! Zudem die schlimmsten Verbrecher IMMER Anzug tragen! Ne, ne, bleib mir mit diesem Mist vom Halse. Wenn ich einen Anzug und – Gott behüte – sogar einen Binder trage, dann tue ich das an zwei Tagen im Jahr, nämlich um den jungen Leuten im mündlichen Staatsexamen meinen Respekt für ihre Leistung zu bekunden und die Bedeutung des Tages zu markieren. Im sonstigen Geschäftsleben interessieren mich solche Äußerlichkeiten nicht. Weil es eben nur Äußerlichkeiten sind. Andere Menschen dürfen das gerne anders sehen und anders halten – sie sollten mir nur besser nicht mit irgendwelchen Vorträgen kommen, sowas löst bei mir nämlich Beißreflexe aus. Tatsächlich empfinde ich die Kleidungskonventionen im Geschäftsleben oft eher als Bigotterie, weil das, was nach Außen getragen wird und das, was innen passiert in keiner Weise zusammenpassen. Ein intrigantes Arschloch bleibt auch im feinsten Zwirn ein intrigantes Arschloch. Und ich habe schon so einige kennengelernt, gerade letzhin kamen wieder welche dazu…

Nun las ich heute etwas darüber, dass viele Menschen heutzutage die Grenze zwischen Öffentlichkeit und Privatleben zusehends optisch auflösen würden, weil sie unterdessen in Klamotten vor die Tür gingen, die man früher bestenfalls noch zum Sport getragen hätte, die aber eigentlich der heimischen Couch vorbehalten bleiben sollten. Karl Lagerfeld soll ja mal gesagt haben, dass jemand, der Jogginghosen trüge die Kontrolle über sein Leben verloren hätte. Das kam natürlich von einem Snob reinsten Wassers, dessen Exzentrizität gegen Ende eher seltsame Blüten trieb und den ich auf Grund seiner Entrücktheit von der echten, realen Welt kaum jemals ernst nehmen konnte. In dem Text (nun eigentlich war es ein Insta-Reel) wurde über die psychologische Wirkung gesprochen, die es nach innen und außen habe, immerzu und überall über-legere Sportbekleidung zu tragen; nämlich dass es nur noch um Bequemlichkeit ginge, dass man keine Anstrengung mehr unternehmen, keine Haltung mehr zeigen müssen wolle – gleichzeitig aber als aktiv gelesen werden wolle. Dass es zudem zeige, dass sich das Private und das Öffentliche, aber auch das Private und die Arbeit zusehends entgrenzen. Ich halte das ganz grundlegend für Quatsch. Ich denke, dass die Allermeisten, die so rumlaufen sich schlicht entweder gar keine Gedanken über ihre Bekleidungswahl machen oder aber Sportbekleidung als eine Art uniformen Trend des frühen 21. Jahrhunderts wahrnehmen und – wie so oft – einfach nur rumrennen wie der Rest. Ob sie darin dann appetitlich (also als aktiv und attraktiv gelesen) aussehen und das eventuell auch Teil eines Designs ist, mag von Fall zu Fall so sein – oder auch nicht. Und im Übrigen übersieht die Autorin völlig, dass es teils erhebliche Unterschiede zwischen Ländern gibt, so dass diese “Zeitdiagnose” einfach vollkommen ins Leere läuft. An der Kleidung ablesen zu wollen, inwieweit jemand für sich selbst das Öffentliche und das Private entgrenzt hat, ist ungefähr so wirksam, wie ein Persönlichkeitstest in der “Brigitte”.

Das, was manche Menschen heute als modische Entgleisung wahrnehmen und dann stets wahlweise den Untergang des Abendlandes oder den völligen Verlust unserer “Laitkoltur” heraufbeschwören, beruht auf der ungerechtfertigten Verabsolutierung überkommener Konventionen eines vergangenen Zeitalters. Kultur ist ein Prozess. Und es wäre ungemein wohltuend, wenn manche Menschoiden das endlich zur Kenntnis nähmen. Was nun mich betrifft, so trage ich zwar auch eher nur zu Hause überaus sportive Kleidung. Schlicht, weil ich nicht sehr sportiv bin und mich nicht unbedingt lächerlich machen möchte. Aber wie andere Menschen ansonsten herumlaufen und ob das reflektiert passiert, oder doch eher dem Umstand zu verdanken ist, dass gerade nix anderes zur Hand war… pft… who cares? Man sollte sich eh überlegen, ob es nicht sinnvoll wäre, nur dann über Menschen zu urteilen, wenn man sie gut genug kennengelernt hat, um sich überhaupt ein Urteil zu bilden. Getreu den Worten von Lemmy Kilmister, der sinngemäß mal gesagt hat, dass er absolut nicht verstehen könne, wie man jemanden aus einer Entfernung von einer halben Meile hassen könne. Denn solche “Zeitdiagnosen” werden recht rasch zu Werturteilen; und Werturteile benutzt man gerne, um Dichotomien zu schaffen, auf deren Basis (WIR vs. DIE) dann Ausgrenzung, Homophobie, Rassisimus, Mysogynie und der ganze andere Faschistenquatsch entstehen. Sprache schafft Bewusstsein! Kleidung schafft einfach nur, dass man nicht nackig in der Gegend rumlaufen muss. Denkt mal drüber nach Nachbarn. Schönen Samstag.

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Bienvenue au pays cathare N°18 – Würde?

Ich bekam die Tage in meine Insta-Timeline ein Reel gespült, in welchem die Frage erörtert wurde, in wie weit sich die im EEG messbare Hirnaktivität verändert, wenn man Probanden eine nicht ganz triviale Aufgabe gibt – schreibe einen Essay über ein vorgegebenes Thema – und die Gruppen dann einteilt in a) dürfen ein LLM (hier ChatGPT) benutzen, b) dürfen eine Suchmaschine benutzen, c) dürfen nur ihr Hirn benutzen. Dem Reel zugrunde liegt eine Studie, welche vom MIT Media Lab (Juni 2025 – Preprint) durchgeführt wurde, die allerdings noch nicht verallgemeinerbar ist, weil die Zahl der Probanden gering war (n=54). Hierbei ist dennoch festzustellen, dass die Nutzung von LLMs im gegebenen Setting zu deutlich verminderter Hinrnaktivität während der Bearbeitung führt. Dies ist durch das Cognitive Offloading (also die Lastverminderung durch Auslagern von Aufgaben) zu erklären. Aber nicht nur dass – die kognitive Leistungsfähigkeit bleibt auch danach eingeschränkt. Diese sogenannte Cognitive Debt als Langzeitfolge der wiederholten LLM-Nutzung wirft die Frage auf, welchen Wert diese Algorithmen für uns überhaupt haben können, wenn unsere eigene kognitive Leistungsfähigkeit unter der Nutzung leidet? Für mich jedoch noch viel relevanter ist folgender Gedanke: wenn wir Denkaufgaben an Algorithmen auslagern, geben wir einen der bedeutendsten Aspekte des Menschseins ab: nämlich bewusstes Beobachten, Wahrnehmen, Kenntnisabgleich, Einordnen, situative Handlungsadaption, heuristische Prädiktion, moralisches Werturteil, etc. – kurz gesagt, all das, dessen mögliche Tiefe und Komplexität unsere kognitiven Fähigkeiten von denen aller anderen Säugetiere wesentlich unterscheidet. Ich muss an dieser Stelle etwas ausholen, um die Folgen klar darstellen zu können.

Gehen wir einen Schritt weiter. “Die Würde des Menschen ist unantastbar”. Art. 1, Abs. 1 unseres GG lautet genau deshalb so, weil nie wieder Menschen objektifiziert, also zu Dingen degradiert werden sollten, um sie wie Dinge behandeln zu können. Ja, ich rede natürlich von den Nazis und vom Holocaust. Die Mütter und Väter des Grundgesetzes hatten 1948 sehr genau verstanden, was hier passiert war; nämlich, dass man Menschen zu Dingen erklärt und ihnen damit die Menschenrechte abgesprochen hatte, um sie ohne Hemmungen zu Millionen töten zu können. Und genau eine Wiederholung dessen sollte das Grundgesetz verunmöglichen (auch wenn wir heute wieder dreckige, blaubraune Faschos unter uns haben, die sich nicht darum scheren, dass alle Menschen gleich sind)! Die somit zumindest bei uns in Deutschland als Subjekt-Qualität von Verfassungsrang geschützte Würde des Menschen ist allerdings untrennbar mit seinem Bewusstsein und seiner Fähigkeit zum moralischen Werturteil verbunden. Lagere ich nun meine Denkprozesse an eine Maschine aus, hat das aus meiner Sicht mehrere Konsequenzen zur Folge: (A) ich beraube mich, indem ich eine meine ureigensten Aufgaben und Privilegien an die Maschine delegriere, selbst meiner Menschenwürde. Denn es ist ein evolutionäres Privileg, über derartig weitreichende kognitive Fähigkeiten zu verfügen, aus dem jedoch auch die Verantwortung erwächst, sich derselben umfänglich zu bedienen, also denkend das Schicksal zu bezwingen. “Sapere Aude!” – “Wage es, weise zu sein!” Horaz schrieb es, Kant hat es zitiert. Wenn ich das ohne jede Not weggebe, beschneide ich mich selbst als Mensch! (B) und das ist noch wesentlich weitreichender, werfe ich die Frage auf, ob eine Maschine menschliche Qualität haben kann, bzw. haben darf, wenn ich denn zumindest Teile meiner Würde auf sie delegiere? Die Büchse der Pandora ist offen – und noch sehe ich nicht die (neue) Hoffnung, welche ja als letztes aus dieser Büchse entfliehen soll… Wo ist die Grenze, da ein menschengemachter Algorithmus – alle juristischen, moralischen, sozialen, wirtschaftlichen, politischen, etc. Folgen inclusive – zu einer Person wird? Schließlich, aber nicht letztlich, da dies hier lediglich ein Denkanstoß sein kann… (C) was macht das alles am Ende des Tages mit uns Menschen? Werden wir wirklich weniger Würde haben, als zuvor? Wird uns die Entlastung am Ende doch bereichern? Wie wollen wir uns selbst sehen? Werden wir uns in unserem Denken und Handeln alsbald den Algorithmen nähern und irgendwann völlig dehumanisiert?

Ich will ehrlich sein: mir graut vor einer Welt, in der einst ein Algorithmus – ein bloßes, von Mathematik getriebenes Machwerk von Menschenhand – vor Gericht wegen irgendwas gegen irgendeinen Menschen klagen kann. Ich habe Angst, dass wir uns selbst in der Folge der Renditegläubigkeit und des Effizienzgefasels der Techbros – mehr Marketing-Gag als Realität – auf statistische Berechnungen verlassen, die unser Vertrauen nicht verdient haben, weil sie uns als Menschen kleiner, weniger, dümmer machen; und wahrscheinlich auch weniger human. Unser nächster evolutionärer Schritt zeigt meines Erachtens im Moment in die völlig falsche Richtung und dennoch versuchen so viele gerade verzweifelt, ein Ticket für diesen Zug nach nirgendwo zu bekommen, weil sie glauben, das wäre der nächste heiße Scheiß auf ihrem Weg zu Glück und Reichtum; wobei Kapitalisten die beiden Begriffe ja gerne gleichsetzen. Ich war und bin definitiv kein Luddit. Doch die Art und Weise, wie wir heute mit LLMs umgehen, sie zu benutzen glauben, während wir sie nur weiter füttern, damit sie noch mehr AI-Slop erzeugen und ihre Besitzer noch reicher machen können – in der fatalen Annahme, dass sei schon KI – gereicht nicht zu unserem Vorteil, sondern zu unserer weiteren kognitiven Verarmung. Und das will und werde ich nicht hinnehmen. Dieser Text wurde übrigens, wenn auch mit ein wenig Suchmaschinenhilfe, von einem Menschen erzeugt. Einem Menschen, der morgen, den Kopf voller Gedanken, das Herz erfüllt von ein bisschen Wehmut aber auch Vorfreude auf etwas weniger Hitze, die erste Etappe des Rückwegs aus den Pyrenées-Orientales antreten wird. Daher heißt es morgen früh Au revoir Tautavel. Auf nach Hause… wenn auch mit einem Schlenker über die Rhône-Alpes. Wir lesen uns.

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Bienvenue au pays cathare N°17 – Der alternde Zocker und die KI

Ich schimpfe viel auf antisocial media. Dennoch – und das ist nicht bigott, sondern einfach unvermeidlich, wenn man um bestimmte News und Trends inner- wie außerhalb der eigenen Bubble wissen möchte – bin ich auch auf manchen Medien unterwegs. Häufig nur als Konsument, selten als Kommentator, weil mich viele Diskussionen einfach ermüden. Auch, oder sogar insbesondere, wenn es um mein Hobby N°1 geht. Ich rezipiere aber recht regelmäßig ein paar Channels aus der sogenannten D&D-Tube, deren Macher – als Content-Creator – viel näher an der Branche dran sind als ich, die immer wieder interessante Denkanstöße aufwerfen und deren Geschichten einfach gut erzählt sind. Ich selbst spiele kaum D&D, weil ich viele Regelaspekte ziemlich Banane finde, klaue jedoch gerne Ideen für meine eigenen Welten und Regelwerke. Und viele dieser Videos sind eh System-agnostisch. Ich halte es zudem für wertvoll, den eigenen Horizont nicht zu begrenzen. Na ja… wenn es um gutes altes Nerddom geht, war ich eh nie ein Kind von Traurigkeit: Es fing an mit der wachsenden Versessenheit auf Geschichte(n), angeregt durch die Büchersammlung meiner Eltern. Ich las Comics aller Art. Dann kam mein erster Computer dazu – natürlich ein C-64, ich war ja ein Kind der 80er. Ich habe mir darauf selbst ein bisschen Programmieren beigebracht (Basic, Assembler) und natürlich gezockt, was es damals gab. Dann kamen Romane aus allen Genres (Stephen Kings „Das letzte Gefecht“ habe ich an einem Wochenende weggeschwartet…). Ich habe die ganze Palette obskurer Filme der 80er gesehen (oft genug, ohne die FSK-Freigabe zu erfüllen) – und schließlich landete ich bei TTRPGs jedes erdenklichen Genres. Ich war immer ein Außenseiter, aber in der Clique von like-minded weirdos (und manchen, die es zumindest mal ausprobieren wollten) wurde ich rasch zu einer festen Größe. Aber auch nur dort…

Les Orgues d’Ille-sur-Têt – Departement Pyrenées-Orientales

Denn ich habe mich nie wirklich groß in die Diskussionen um bevorzugte Regelwerke und Mechaniken, um Spieler- und Spielleitertypen oder anderen Quatsch involviert. Ich segelte mal, als das noch neu war, auf ein paar Forenseiten rum. Aber ganz ehrlich… das Feedback war stets wenig hilfreich, da nicht wenige Leute dort viel zu sehr um sich selbst und das Vertreten ihrer eigenen Meinung kreisten, als das eine fruchtbare Diskussion hätte zustande kommen können (Stichwort: „Tanelorn“; gibt’s das dämliche Ding überhaupt noch?). Ich blieb stattdessen lieber Teil meiner eigenen kleinen Community (über die Zeit allerdings durchaus mit wechselnden Protagonisten). Schon deshalb, weil ich im Lauf der Jahre eine relativ klare Vorstellung davon entwickelt hatte, wie das alles funktionieren sollte. Und dann, weil ich von mir selbst genervt war, weil sich meine Ansprüche an das Spiel gewandelt hatten und weil ich durch einen echten und einen Spielleiter-Burnout gegangen war, landete ich schließlich in der D&D-Tube; und konnte einigen wirklich faszinierenden Channels beim Wachsen zusehen. War interessant und ein paar Leuten folge ich immer noch. Streams wie „Critical Role“ waren jedoch nie mein Ding (ich habe KEINE Episode komplett gesehen), weil es mir stets wie second-hand-gaming vorkam. Doch ich verstehe, dass genau das viele neuen Gamer ins Hobby geholt hat. SEHR VIELE! Und das ist auch gut so.

Unterdessen stelle ich fest, dass sich durch diese Einflüsse so manches in meiner Herangehensweise geändert hat. Nicht so offensichtlich beim Zocken an sich, wohl aber, wenn es um die Vorbereitung und mein Storytelling geht – und ja, ich kann die ganzen Honks aufjaulen hören, die sagen, dass die SL kein Storyteller ist, sondern nur ein Stichwortgeber und Schiedsrichter. Habt ihr schon mal darüber nachgedacht, was das ganze World- und Lore-Building ist, das es braucht, damit auf dieser Basis dann eure Geschichte entstehen kann? Ja, ist recht… In diesem Zusammenhang bin ich die Tage über ein Video gestolpert, welches Dadi von „Mystic Arts“ veröffentlicht hat. Er ruft dazu auf, keine KI mehr in den eigenen Games zu verwenden. In erster Linie geht es ihm um die Creator und Gamedesigner, welche mit Hilfe von KI, oder besser LLMs ihre künstlerischen Arbeitsprozesse abkürzen und so dem Konsumenten das klare Signal senden, dass es ihnen nur um den schnellen Dollar geht. Und da gehe ich mit; insbesondere unter dem Gesichtspunkt, dass es da draußen eine Menge sehr guter, sehr kreativer Künstler gibt, die damit ihren Lebensunterhalt verdienen müssen und jetzt immer mehr durch Chatbots wegrationalisiert werden, deren Fähigkeiten lediglich darauf beruhen, dass sich Firmen wie OpenAI all die, im Internet teils frei einsehbare Kunst von menschlichen Schöpfern widerrechtlich angeeignet und damit ihre Algorithmen trainiert haben. Bis zu einem Grad, der lediglich auf den ersten Blick brauchbare Ergebnisse erzeugt. Ich erkenne für mich nun: wenn ich etwa für ChatGPT bezahle, gebe ich damit dreckigen Dieben mein Geld für eine Dienstleistung, die zu einem erheblichen Teil auf der Verwendung gestohlenen Contents fusst. Und ich bin diesbezüglich immer noch mitschuldig.

Ich habe ChatGPT in den letzten Monaten neben ein paar beruflichen Aufgaben vor allem dafür benutzt, Grafiken für mein Hobby TTRPG zu erstellen. Niemals für eine, wie auch immer geartete, kommerzielle Verwendung. Aber z. B., für Illustrationen von Journalen jener Kampagnen, in denen ich mitspiele, oder ein kleines Hausregelwerk mit eigenem Setting an dem ich arbeite, sowie meine eigene Prep, da ich mittlerweile auch ein wenig mit digitalen Visualisierungen in meinen Präsenzsitzungen herumspiele. Und ich stelle gerade fest, dass ich damit an dieser letzten Grenze stehe, noch mehr AI-Slop ins Netz zu werfen. Die Probleme dabei sind a) der Energieverbrauch und die Naturressourcenverschwendung, welche LLMs mittlerweile erzeugen, b) der Ouroboros Internet, in dem AI-Slop jedweder Art (nicht nur grafisch) von den Algorithmen selbst rezipiert und als Quelle verwendet wird, womit die Maschinen auch den ungeprüften Mist, den sie selbst unweigerlich erzeugen, unaufhörlich regurgitieren, bis der reale Content-Tod eintritt und c) die digitale Demenz, welche ich mir selbst damit anerziehe. Ich kann nicht wirklich malen, aber lieber versuche ich, mir das auch noch beizubringen, als die Maschinen – und vor allem ihre Herren und Meister Tech-Bros – weiterhin zu füttern. Oder ich suche mir wieder menschliche Quellen für die Grafiken. Es gibt für all das in meinem Fall derzeit noch keine gute Lösung, denn ich muss ein paar meiner Workflows wieder komplett umstellen. Wobei ich sagen kann, dass ich die LLMs wenigstens nie für meine Regeln, Stories, NPCs etc. benutzt habe. Das ist alles stets menschliche Arbeit gewesen und wird es auch zukünftig bleiben. Aber es wird am Anfang ein Verzicht sein, denn ich habe diese Spielereien irgendwie liebgewonnen. Es gab mir das Gefühl, meinen Ideen auf eine weitere Art Ausdruck verleihen zu können. Aber wie eine deutsche Band mal so schön sang „…das ist alles nur geklaut!“ Und klauen möchte ich nicht. Denn am Ende soll meine eigene Kreativität zählen. In diesem Sinne – always game on, and better do it without AI…

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Bienvenue au pays cathare N°15 – …interpretierbar?

Was genau schenkt einem Frieden? Ich war heute morgen mit der besten Ehefrau von allen an einer echt bezaubernden Freibadestelle, ganz hier in der Nähe des Ortes, um ein wenig Erfrischung zu tanken, um den Vormittag abwechselnd im Wasser oder unter einem Baum sitzend zu verbringen und Fünfe gerade sein zu lassen. Das gelang beinahe beängstigend gut. Gleich zu Beginn unseres Aufenthaltes, als noch relativ wenig Menschen sich daran delektierten, es uns gleich zu tun, schwammen wir ein Stück in die schmale Schlucht. Man muss dazu wissen, dass es irgendwann über Felsen geht und hinten raus immer seichter wird, so dass man irgendwann neben einem winzigen Wasserfall im Bach sitzen und die beeindruckende Natur genießen kann. Rechts, wie links steil aufsteigende Felswände aus karstigem, nur wenig bewachsenem Kalkstein, wenige Dutzend Meter weiter öffnet sich das Tal etwas, bestanden von der ortstypischen Vegetation. Am Vormittag ist der Canyon noch schattig und das Wasser fließt glucksend an dir vorbei, weiter nach vorne, wo sich der Bach zu einem ca. 50 Meter durchmessenden Bassin öffnet. Von dort fließt das Wasser weiter über mehrere natürlich Stufen hinaus in jenes Tal, in welchem unser Urlaubsort liegt. Unter einem der alten Bäume, welche den Teich säumen, lagen unsere Badetücher und Rucksäcke. Und wir saßen da hinten im Schatten und schauten in die Landschaft. In dem Moment war mir so ziemlich alles egal, was in meinem Leben sonst so los ist, da waren für ein paar Augenblicke einfach nur der Canyon und ich; und natürlich die beste Ehefrau von allen. Aber ganz ehrlich – selbst, wenn sie nicht dagewesen wäre, hätte ich mich in dem Moment wahrhaft wohl gefühlt. Und weil ich es nicht einsehe, mein Smartphone zu riskieren, kam ich auch nicht in die Versuchung, das Ganze knipsen zu müssen. Denn bezüglich dieses zwanghaften Knipsens habe ich gerade einen ambivalenten Disput mit mir selbst…

Grau de Padern – Dèpartement Aude

Wir neigen dazu, solche positiven Erinnerungen einfangen zu wollen, ganz so, als wenn wir sie dadurch jederzeit und an jedem Ort noch einmal – idealer Weise auch noch Verlustfrei – wiederholen könnten. Aber das stimmt nicht. Die unüberwindbare Mauer der nächsten Sekunde macht diese Illusion unerbittlich zunichte. Was wir JETZT mit dem Druck auf den Auslöser einfangen, ist eine REPRÄSENTATION jenes OBJEKTES, das JETZT etwas in uns ausgelöst hat, weshalb wir es einfangen wollten. Beim späteren Betrachten der Bilder (also der Repräsentationen) passiert aber etwas in unserem Kopf – es entsteht nämlich jedes Mal eine neue INTERPRETATION dessen, was wir NUN sehen, basierend auf der Beziehung, welche wir GERADE zum repräsentierten Objekt einnehmen. Wir treten also immer wieder neu in eine Beziehung zu dem, was wir gesehen, gehört, erlebt haben; was die Idee, einen bestimmten Moment etwa mit Hilfe von Technik (etwa Foto- oder Videographie) dauerhaft konservieren zu wollen, doch ziemlich absurd erscheinen lässt. Was dabei alles auf die jeweilige Iteration der eben entstehenden Interpretation in unserem Kopf wirkt…? Nun, die Gesamtheit dessen, was wir gesehen, gehört, erlebt haben natürlich! Susan Sontag sagt, das wir uns eigentlich von der Interpretation verabschieden sollten. Sie sagt das zwar im Zusammenhang mit allen Formen der Kunst, aber kann Natur nicht auch Kunst sein; ist es nicht ein künstlerischer, ja nachgerade ein revolutionärer Akt, einfach mal zu sein und zu erleben, was rings um einen herum ist, ohne nach einem Sinn, einer Bedeutung, einem Zeichen suchen zu müssen? Denn nicht alles, was eine Form hat, bedarf notwenigerweise auch eines Inhaltes. Wir messen den Begiffen Bedeutungsinhalt- oder überschuss sowieso viel zu viel Bedeutung [;-)] bei und leben viel zu wenig HIER und JETZT.

“Diese Überbetonung des Inhaltsbegriffs bringt das ständige, nie erlahmende Streben nach Interpretation mit sich. Und umgekehrt festigt die Gewohnheit, sich dem Kunstwerk in interpretierener Absicht zu nähern, die Vorstellung, dass es tatsächlich so etwas wie den Inhalt eines Kunstwerkes gibt.”

Sontag, S. (2016), S. 10

Da saß ich also in diesem Canyon in diesem glucksenden Bach und war mit mir im Reinen. Für ein paar wenige Augenblicke war da sonst nichts, außer zu sein. Keine Pflichten, keine Sorgen, keine Deadlines, keine Idioten bei der Arbeit, keine Aufgaben, die man mir gibt, weil man mich scheitern sehen möchte… sondern einfach nur die (wahrhaft atemberaubende) Landschaft und ich. Das war Zweckfreiheit im besten und wahrsten Sinne. Etwas, dass ich viel zu selten erlebe. Jetzt, ein paar Stunden später sitze ich im Garten im Schatten der Maulbeerbäume und schreibe diese Zeilen. Hier und jetzt auf ein Bild oder gar ein Video dieses Ortes zu schauen, könnte nie dieselbe Wirkung haben, denn jetzt bin ich zwar immer noch zweckfrei (weil im Urlaub), aber schon wieder im gezielt kreativen Modus unterwegs; nämlich, indem ich den Menschen, die das hier rezipieren von meiner Erfahrung berichte. Das war keine Epiphanie, auch keine Vision, sondern einfach nur die – durchaus wohltuende – Wahrnehmung eines freien Menschsein-Dürfens. Dies ist keiner weiteren Interpretation bedürftig. Obschon ich mit der Hitze nach wie vor auf Kriegsfuß stehe und mir momentan dringlichst den Herbst herbei sehne, scheint mein Hirnkasten also noch nicht vollkommen dehydriert und durchaus noch zu differenzierten Wahrnehmungen, Empfindungen und Gedankengängen fähig zu sein. Gut so! Alles Weitere wird sich finden. Versucht, nicht zu schmelzen. Wir lesen uns.

  • Sontag, S. (2016): Standpunkt beziehen. Fünf Essays. 10. Auflage. Ditzingen, Philip Reclam Jun. Verlag.
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Bienvenue au pays cathare N°14 – Schatten unter der Sonne

Es ist immer wieder faszinierend, wie leicht man sich selbst in eine Abwärts-Spirale hinein denken, schreiben, leben kann; objektiv können die Dinge oft noch so schön, entspannend, faszinierend, inspirierend sein, doch du kannst es nicht fühlen. Das ist einer der Aspekte von Depression, den man Menschen nicht erklären kann, die diese Erfahrung nicht selbst gemacht haben. Man kann es den “Uneingeweihten” auch nicht zum Vorwurf machen, denn objektiv betrachtet ist es wesentlich besser, NICHT über diese Erfahrung zu verfügen. Nun ist es halt so, dass sich meine Gedanken manchmal auch dann in diese Richtung bewegen, wenn ich objektiv betrachtet eigentlich im Himmel sein müsste. Denn so ein Urlaub in den Pyrenées-Orientales bietet so ziemlich alles, was man sich nur wünschen kann. Höchst beeindruckende Landschaften, da ist innerhalb 50 KM Fahrtstrecke von Gebirge bis Meer alles dabei. Baden gehen in schattigen Felsenschluchten oder an den feinen Stränden des Mittelmeers. Kultur zum erwandern, anfassen, erleben. Egal ob eher geschichtsträchtig oder doch modern, man findet hier wirklich alles. Und natürlich das Essen. Denn egal, ob man nun einkaufen geht, um selbst zu kochen, oder sich im Restaurant verwöhnen lässt, der Gaumen findet hier seine Freude. Niemand will irgendwas von mir, keine tickende Uhr, die auf Termine hinweist, kein Druck von irgendwelchen Chefoiden; bestenfalls die Tochter und die beste Ehefrau von allen hegen gewisse Ansprüche. Und die sind hinreichend nah an meinen eigenen Bedürfnissen. Man sollte also meinen, dass alles gut ist. Doch diese Aufs und Abs in meiner Seele, die ich auch im Urlaub unterdessen immer wieder erlebe, sind für mich zu einem Marker dafür geworden, wie dringend ich etwas an meinem Leben ändern sollte. Ist das alles nicht einfach bloß Gejammer auf sehr hohem Niveau? Sagen wir mal so: nicht, wenn man gewisse Prinzipien hat.

La Plagette – Cap Leucate, Département Aude

Oh ja, ich kann es in meinem Hinterkopf hören: “Stell dich nicht so an!”, “Ach je, mal wieder die Schwermut des rotweinsaufenden Paukers!”, “Heul leise in dein Cassoulet!”, “Ich hätte auch gerne so einen Urlaub – kannst das nächste Mal die Reise ja verschenken, wenn du es nicht zu würdigen weißt!”, “Dann komm halt besser drauf!”. Ich sag mal so: fast 12 Monate Therapie, Journaling, Gespräche mit guten Freunden, gelegentliches Entgegenkommen durch meinen Arbeitgeber haben an der Situation in meinem Kopf bislang leider nur wenig verbessert. Ich weiß das, was ich habe und das was ich gerade tue SEHR zu schätzen. Ich habe auch lange und hart genug dafür gearbeitet, damit wir uns solche Dinge leisten können. Mittlerweile weiß ich außerdem, was ich eigentlich alles tun müsste; und die Dinge, die sich halbwegs zügig umsetzen lassen, setze ich auch um. Doch… der Hauptbrocken, nämlich meine stetig wachsende Unzufriedenheit im Job, der wird nicht besser vom Warten und Weiter-so. Doch alles hinschmeißen und weiterziehen ist nicht so einfach, wie manche Hoi-Dois da draußen das gerne darstellen. Und dann kommt auch noch dieser Idioten-Sommer dazu, der mir klar aufzeigt, dass es nicht 5 vor 12 ist, sondern 2 nach… und wir bestenfalls noch verhindern können, dass die Hölle uns alle schon demnächst verschlingt. Okay, okay, das war leicht übertrieben., denn es gibt tatsächlich so einiges, was wir noch tun können. Aber das alles kostet jemanden wie mich, der gerade nicht wirklich auf sich selbst klarkommt unfassbar viel Kraft. Denn es liegt mir fern, irgendjemanden im Stich zu lassen; selbst dann, wenn das bedeutet, dass ich noch mehr von der knappen und kostbaren Ressource meiner Energie darauf verwenden muss, Dinge am Laufen zu halten, die mich nicht unbedingt irgendetwas angehen müssten. Verdammich!

Le Font del Port Saint Hippolyte – L’Etang de Salses-Leucate, Département Pyrenées-Orientales

Ich bin weit davon entfernt, zu verzweifeln. Lediglich nachts, wenn Hitze und Schwüle des Tages derzeit nur sehr langsam weichen und ich mich fühle wie ein Braten im Sous-Vide-Garer, dann kommen, dem langsam im Ruhemodus versinkenden präfrontalen Cortex sei Dank die Gedanken, die Sorgen, die Zweifel – eben das ganze Rundum-Sorgenvoll-Paket. Wenn die Affektkontrolle schwindet, dann feiern unsere ungezügelten Emotionen Urständ. Ein Grund mehr, dass spätabendliches Saufen eigentlich keine gute Idee ist, betankt man sich dabei doch eh schon mit DEM Kontrollverlust-Nektar schlecht hin. Nun ja… hier ein kleiner Hinweis: ich trinke schon seit geraumer Zeit eher wenig Rotwein. Ist einfach nicht gut für meine Magenschleimhaut. So viel zum Rotweinsaufenden Pauker. Und wohin in Drei Teufels Namen führt das alles nun? Genau hier und jetzt ist es nicht mehr, als ein bisschen Ergo-Therapie. Gib deinem Frust einen Namen, eine Form und verbrenne ihn gedanklich oder symbolisch. Ritualisiere einen Abschluss mit den Dingen. Insofern ist mein Blog manchmal also auch so etwas wie eine digitale Voodoo-Puppe. Schade nur, dass meine Nadeln bislang kaum Wirkung zeigen. Was gesagt wird, hilft mir zwar, die Dinge klarer zu sehen. Doch an Struktur und Funktion meines Gehirns kann ich ebensowenig etwas ändern, wie an meiner generellen Unzufriedenheit mit bestimmten Aspekten meines Daseins – okay, meinem Job! Ich kann also nur an meinem Dasein etwas ändern und hoffen, dass die Unzufriedenheit dann abnimmt oder gar ganz verschwindet. Aber wer kann schon wissen, auf welchen grandiosen Mist sich meine CPU dann einschießt…? Wie dem auch sei, es ist heiß und schwül, es ist meistenteils sonnig und es ist Urlaub. Ich re-frame also meine Sicht auf die Dinge, kehre zurück in den Urlaubs-Modus und SCHEISSE auf alles, was mich unglücklich macht. Denn mein Cassoulet war definitiv nicht zum Weinen. Ebenso wenig wie unsere bisherigen Ausflüge. Die Gegend hier hat nämlich in jedem Fall meine positive Aufmerksamkeit verdient. In diesem Sinne… macht’s mal gut.

Auch als Podcast…

Repost in english N°1

Is There a Version That Comes with Motivation…?

Originally published in german, Nov. 10th, 2024

“You just have to get up one more time than life knocks you down!” Yet another generic fortune-cookie slogan—one of those sayings that seems to fit almost any situation while somehow remaining strangely hollow. After all, we haven’t even defined what it actually means to be “knocked down,” let alone what it means to “get back up.” Granted, it’s probably obvious that this isn’t meant literally, because in some of the situations where life knocks you down, you may indeed need an ambulance.

But let’s stick with those two concepts for a moment. It quickly becomes clear that being knocked down is really a metaphor for failing in our actions—failure that dampens our momentum and slows our progress. So what, then, does getting back up mean? I’d argue that it lies in the lessons we draw from those experiences and apply to what we do next.

But where does the motivation to continue come from if our expectation of self-efficacy has just been shattered? We’ve just screwed something up, and chances are we already know it. Yet instead of briefly reflecting on how to do better next time, we all too often have a tendency to dramatize these situations far beyond what they deserve.

Yesterday I wrote about failure, and I genuinely try to live with these inevitable incidents of existence the way I described them: as partial failures on the path forward that come with built-in opportunities for growth. If that’s true, then failure usually doesn’t have to be a major drama. Yes, there are situations that feel like the proverbial Walk to Canossa. But I’m not a king, and very few of my problems have anything to do with popes. We simply make life much harder for ourselves than it needs to be, and in doing so we end up hurting ourselves by turning every molehill into a mountain.

Wouldn’t it be better to occasionally let things be, take some of the pressure off, and give ourselves—and the situation—the time and space to develop?

I’m certainly not advocating indolence. My life, my work, and everything that comes with them are far too important to me for that. But especially in my professional life, I’ve met far too many people who react so defensively to objective criticism that any meaningful discussion about the actual issue becomes impossible. They cannot—or perhaps do not want to—distinguish between having a specific action criticized and having their personality criticized. Those are two very different things.

Part of the reason lies in the mechanism I described yesterday. But another major factor is the rather unfortunate incentive and reward systems that exist in many workplaces, including my own.

It is useful to distinguish between three kinds of behavior:

a) Risk-averse behavior, which should be encouraged because it reduces the probability of mistakes. It doesn’t eliminate them—but it does reduce them.

b) Risk-affine behavior, which should prompt a discussion about behavioral adjustments. This is often where a lack of problem awareness becomes visible, something that can usually be improved through education and training.

c) Reckless behavior, which deserves immediate consequences. Whether additional training still has any realistic chance of success is something that has to be decided on a case-by-case basis.

Most of us, by the way, move back and forth between the first two categories. Mistakes still happen every single day.

Whether I’m motivated to admit my own mistakes and learn from them, however, is inversely proportional to the likelihood of being metaphorically stripped naked, tied to a three-meter pole in front of company headquarters, and publicly whipped for reporting an error. A workplace where that likelihood is extremely low is what we usually call a healthy error culture. Once again, this is where the difference between a boss and a leader becomes obvious.

Motivation usually arises when we can associate the outcomes of our own actions with positive experiences. I mentioned self-efficacy earlier. It simply feels great to nail what you’re trying to do. Naturally, it doesn’t feel nearly as good when you mess it up.

The real art lies in helping people take something valuable away from their failures anyway. That’s what keeps them from walking away—and what allows us to grow together. In that context, it’s incredibly important for anyone in a leadership or teaching role to remain approachable—that is, to remain human. Own your own mistakes and lead by example. Describe and evaluate the consequences of mistakes as objectively as possible.

Most of the time, there is no need for drama. Perhaps there should be a joint effort to understand what went wrong so it can be prevented in the future—but punishment is rarely the answer. Punishment pushes people away, even when they’re exactly the people you need most.

But as I said yesterday, we still have a long road ahead before a truly healthy culture of learning from mistakes becomes the norm.

With that in mind, I wish you all a great start to the new week.

Beziehungs-Weise…?

Es gibt da diese Zahl. Die sogenannte “Dunbar-Zahl”, die auf Forschungen des Psychologen Robin Dunbar zurückgeht und die beschreibt, wie viele soziale Beziehungen wir kognitiv zu unterhalten im Stande sind. Das Theorem wird immer wieder diskutiert. Aber nehmen wir mal an, Dunbar würde mit seinen Betrachtungen Recht behalten, dann wären das ca. 150 Connections, die wir halbwegs im Auge behalten können. Wobei davon 5 Personen unseren engsten Kreis darstellen, 15 Personen (jeweils die Vorgenannten inkludierend) unseren Freundeskreis, 50 unser aktives Netzwerk und 150 unseren weiteren Bekanntenkreis. Alles was darüber hinausgeht, wird sehr schnell sehr anstrengend. Für mich selbst ist schon alles, was sich im Kreis der weiteren Bekannten bewegt oft ZU ANSTRENGEND; ohne dass diese Menschen irgendetwas Besonderes dazu tun müssten. Die bloße Anwesenheit genügt. Meine morgendlichen Spaziergänge am Fluss während der Wochenenden sind ja keine Neuigkeit mehr, doch heute Morgen bemerkte ich, wie sehr mich die keuchenden Jogger, die in Scharen an mir vorbei dümpelten richtiggehend angestrengt haben. Hätte ich einen Wunsch freigehabt, dann wäre dies ein völlig menschenentleerter Korridor von 50 Metern rings um mich herum gewesen. Wie das Schicksal das angestellt hätte, wäre mir ziemlich egal gewesen. Natürlich wurde dieser Wunsch nicht erfüllt, also wanderte ich weiter und zeigte demonstratives Desinteresse, wann immer mir Menschen subjektiv zu nah kamen. Das triggerte in mir ein paar Gedankenspiralen zum Thema Beziehungen. Nicht DIESE Art von Gedanken, wo ein Mann meines Alters seine Paarbeziehung in Frage stellt, sich eine Jüngere zu suchen beginnt, ein wildes neues Hobby startet und das ganze als Midlife-Crisis deklariert, ganz so, als wenn DAS eine legitime Begründung für derart verantwortungslosen Blödsinn wäre. Ne, ne… das überlasse ich Anderen und mache mich dann darüber lustig! Ich arbeite lieber an der Beziehung zu meiner besten Ehefrau von allen (und im Gegensatz zu Ephraim Kishon, der diesen Begriff geprägt hat, habe ich bis heute auch nur eine Person, auf welche diese Bezeichnung zutrifft; nicht drei, so wie er…). Insofern ist das Brauchtum, als Zeichen der Liebe Vorhängeschlösser an Brücken zu hängen für mich KEIN Kitsch, soll es doch das Fortbestehen symbolisieren. Ist bestenfalls baustatisch problematisch, wenn es so viele werden wie an der Deutzer Brücke. Kann man jedesmal sehen, wenn der Zug in den Hauptbahnhof in Köln einrollt. Aber DAS ist eine andere Geschichte…

Ich kam stattdessen zuerst auf “Du” und “Sie” als Ansprache in sozialen Beziehungen. Vielleicht liegt es daran, dass ich nicht mehr ganz taufrisch bin, dass ich solch altmodische Unterscheidungen tatsächlich noch treffe. Es irritiert mich nämlich immer noch im ersten Moment, wenn ich von Menschen, die mir bis dato unbekannt waren geduzt werde; ohne dass ich sie dazu aufgefordert hätte. Es ist nicht so, dass das “Du” in meinem Leben selten vorkäme. Allerdings gibt es manchmal ein paar organisatorische Verständnisprobleme zwischen den Kommunikationsteilnehmern. Die Mitglieder meines Teams und auch alle Schüler dürfen mich mit “Du” ansprechen. Manche verstehen jedoch nicht, dass die relative Vertrautheit dieses Personalpronomens nicht bedeutet, dass wir stets gleich sind. Wir sind dies, insofern wir alle Menschen sind und ich generell Menschen auf Basis dieser einen Gemeinsamkeit einen Vertrauensvorschuss gebe: ich behandle sie alle gleich menschlich. Wir sind jedoch nicht gleich, wenn es um die Erfüllung meiner Funktionsaufgaben geht. Ich muss nämlich Regeln aufstellen und auf deren Einhaltung pochen. Ich muss manchmal in der Folge Verhalten bewerten und ggfs. auch sanktionieren. Ich muss die Lernfortschritte – oder auch deren Ausbleiben – messen und bewerten. Und ich muss manchmal auch schlicht “NEIN” sagen. Und wenn der Chef “NEIN” sagt, ist das genau so ein kompletter Satz, wie bei deiner Mutter! Get over it! Ein “Du” auf absoluter Augenhöhe ist nur maximal den ersten 15 aus Dunbars Zahl vorbehalten. Dennoch macht dass “Du” mich auch unter den eben genannten Einschränkungen für die anderen Menschen nahbarer. Es senkt die Schwelle, mich evtl. auch wegen heiklerer Problematiken oder Herausforderungen anzusprechen. Es erlaubt so allen Beteiligten einen leichteren Zu- und Umgang miteinander und ist überdies im Gesundheitswesen auf der Teamebene der soziale Goldstandard.

Das “Sie” hingegen ist für mich nur vordergründig einfacher: es signalisiert nach außen zumeist automatisch professionelle Distanz und gegenseitigen Respekt, beschränkt allerdings die Beziehung, auf welche es verweist auf’s rein Geschäftliche. In Wahrheit jedoch ist das “Sie” eine Maske, hinter der wir unsere Vorbehalte, unsere glatte Ablehnung, unsere Kontrapositionen, unseren Mangel an echtem Respekt und unsere wahre Meinung hinter einem – allzu oft falschen – Lächeln verbergen und so tun, als wenn alles in Butter wäre. Das “Sie” ist der Maßanzug unter den Personalpronomen. Und so wie der Maßanzug ist es nicht selten eine Lüge, weil es die wahre Natur der Dinge unter reinen Äußerlichkeiten verbirgt. Zumindest tut es das nicht eben selten. Es mag natürlich Menschen geben, die das Sie tatsächlich respektvoll und als sinnvollen sozialen Distanzmarker benutzen. Sei diesen Leuten unbenommen. Ich habe dabei immer sehr ambivalente Gefühle. Ich mag das “Du” mehr und verwende es – unter Beachtung der vorbeschriebenen Einschränkungen – sowohl im beruflichen als auch im privaten Kontext viel lieber als das “Sie”. Eine noch vertrautere Ansprache ist nur dem innersten 15-Kreis vorbehalten. Und natürlich im besonderen meiner besten Ehefrau von allen. Wenngleich wir in vielen Situationen Masken tragen und auch mit unseren Allernächsten nicht JEDES Geheimnis teilen, bleibt doch die Basis einer gesunden Beziehung Vertrauen in- und Respekt füreinander. Auch – vor allem – wenn’s mal schwierig wird. Ich habe auf dem Bild da oben übrigens kein Vorhängeschloss dazu gehängt… hatte keines dabei. Tut euch einen Gefallen und reflektiert eure Beziehungen. Arbeitet an denen, die es wert sind – und kappt die, die euch auf Dauer beschädigen werden. Manchmal muss man Brücken auch niederbrennen. In diesem Sinne – startet schön in was auch immer euch ab morgen wieder erwarten mag…

Auch als Podcast…

KAMPFAUFRUF!

Was für ein Sommer? Ich meine, hohe Temperaturen, langanhaltende Trockenheit, gelegentliche Extremgewitter… all das hatten wir schon mal. Vielleicht nicht in den 1970ern, in denen ich geboren wurde – wohl aber seit dem Jahr 2000. Ich hatte neulich darüber gesprochen, dass mich das furchtbar geängstigt hatte, weil der Hitzestress mich über Tage beinahe komplett schlaflos zurückließ. Dieses entsetzliche Gefühl steckt mir nach wie vor in den Knochen. Doch genau jetzt sind es andere Aspekte, die mich erheblich umtreiben. Während wir normalen Menschen halt nachts schwitzen müssen und tagsüber fast schmelzen, treffen Politikoide Entscheidungen, die man bestenfalls als hinterfotzige Lobbyistenscheiße bezeichnen kann. Man zersägt unser Gesundheitswesen, man fickt Arbeitnehmerrechte, man beschimpft diejenigen, die man gerade kaputt macht auch noch und lacht sich in sein Fäustchen mit dem erhobenen Zeigefinger, während man sein Schäfchen ins Trockene bringt. Was mich dabei am allermeisten irritiert, ist der Umstand, das solche verkommenen, durch und durch korrupten, völlig empathiefreien Flachorgeln wie Friedrich Merz anscheinend sogar glauben, was sie da in irgendwelche Mikrofone stammeln. Anders kann man sich nicht erklären, dass er immer noch mit solchem Brustton der Überzeugung von seinen politischen Projekten spricht – oder aber der Arm seiner Lobbyisten steckt so tief in seinem Arsch, dass er sich wie eine Handpuppe bewegen lässt und man auch die, eh nur rudeimentär arbeitsfreudige Mimikmuskulatur fernsteuern kann. Beide Vorstellungen sind allerdings ein wenig gruselig. Ich weiß noch nicht genau, was ich selbst insgesamt zu tun gedenke – aber eine Sache ist mir definitiv wichtig: wir brauchen einen Generalstreik! JETZT! Ich kann mir nicht vorstellen, dass wir mit dem aktuellen Politikkurs unseren folgenden Generationen irgendetwas Gutes tun! Und ich glaube auch nicht, dass ich meinen Töchtern in ein paar Jahren noch in die Augen schauen kann, wenn ich jetzt nicht etwas Substantielles unternehme, um diesem völligen Kapitalismus-Müll mit allem entgegenzutreten, was ich aufbringen kann. Doch wie stellt man das an – einen Generalstreik? Ich habe die vage Vorstellung, meinen Aufruf soweit wie möglich streuen zu wollen, in der Hoffnung dass es irgendjemand wahrnimmt und genug Leute verstehen, was tatsächlich das Problem ist: nämlich dass die aktuellen Reformpakete a) dafür sorgen, dass die medizinische Versorgung in Deutschland schlechter wird, ohne jedoch an den richtigen Stellen zu sparen, b) Arbeitnehmerrechte in unzulässiger Weise eingeschränkt werden, c) man wieder einmal bei der Rente alle über einen Kamm schert, außer die Beamten d) die soziale Ungleichheit weiter befeuert wird, anstatt die richtigen Leute (große Vermögen und Fiatgeld-Schleudern) zu besteuern und e) mit diesem riesigen Murks auch noch den Faschos in die Karten spielt. Ich wünschte wirklich, das sommerliche Hitze und Trockenheit meine einzigen Sorgen wären. Doch dem ist nicht so. Zusammengenommen mit dem, was gerade ansonsten in unserem Land passiert, drohen mir noch viele weitere schlaflose Nächte.

Ich betrachte das aus mehreren Blickwinkeln. Zunächst einmal als Mitarbeiter im Gesundheitswesen, der sieht, dass durch die gesetzliche Deckelung der Budgets der Rettungsdienst in seiner Funktionsfähigkeit bedroht ist, weil steigende Energie-, Material-, Raum-, Fahrzeug- und Personalkosten recht schnell zur Stilllegung von Rettungsmitteln führen werden, wenn diese Aspekte nicht mehr refinanzierbar sind. Gemeinnützige HiOrgs dürfen kein Kapitalvermögen aufbauen und die Möglichkeiten, die steigenden Kosten durch andere Tätigkeitsfelder quer zu finanzieren sind sehr begrenzt. Dann bin ich aber auch Patient; und die massiven Einsparungen bei der Psychotherapie betreffen mich zukünftig ganz persönlich. Was wird mit mir und meiner Depression, falls ich mir nicht mehr Hilfe suchen kann, wenn es schlimm wird? “Darf” ich dann sozialverträglich frühableben, um Rente zu sparen? Was ist mit anderen chronisch Erkrankten? Warum unterstellt man Menschen mit Krankheit faul zu sein? Ich bin manchmal krankgeschrieben (im Mittel etwa so viel, wie meine Altersgenossen); und ansonsten klotze ich meine Arbeit weg, ohne mit der Wimper zu zucken. Nicht selten mehr, als eigentlich vereinbart. Apropos Rente… mein Renteneintritt wurde gerade um ein knappes Jahr nach hinten verschoben. Was soll das? Ich zahle seit 1993 regelmäßig ein, war nie einen Tag arbeitslos und nur einmal länger krank. Warum bestraft man Leute wie mich für die, seit Jahrzehnten ignorierten Folgen der Demographie und die Unfähigkeit, Tax the Rich endlich umzusetzen. Kleine Erinnerung an die 50er und 60er: Dwight D. Eisenhower, überzeugter Republikaner – und keinesfalls verdächtig, Sozialgeschenke verteilen zu wollen – hat in seiner Antszeit die höchsten Vermögenssteuern mitverantwortet, welche die Welt je gesehen hat: 92%. Und warum? Weil er verstanden hatte, dass eine zu große soziale Ungleichheit (wie wir sie derzeit in der BRD haben) mit Kapitalkonzentration zu abnehmender Gesamtwirtschaftsleistung und wachsender Armut führt. Und damit zu höheren Sozialkosten für den Staat, an denen dieser naturgemäß zu sparen versuchen wird. Schließlich bin ich Berufspädagoge, dem es zunehmend schwerfällt, den jungen Leuten eine positive Haltung zu unserem Job (dem Rettungsdienst), zu den Herausforderungen und den Perspektiven zu vermitteln, wenn eine unionsgeführte Regierung gerade die Zukunft der normalen Menschen in diesem Lande an die Konzerne verschachert, um bei uns einen Kapitalismus im Endstadium zu installieren, wie die USA ihn schon haben: Hire&Fire-Heuschreckenkapitalismus, in welchem die Arbeitnehmer*innen bis auf’s Blut ausbeutet werden und man ihnen dann auch noch erzählt, die Migranten seien Schuld. Und die Faschos? Die stehen lächelnd daneben und verkaufen den Leichtgläubigen das Gefühl, dass sie alles besser machen würden, während sie insgeheim bereits den Abriss der Demokratie und die Hochzeit mit dem Großkapital planen. Nochmal zur Erinnerung: US-Banken haben vor und während des 2. Weltkrieges Geschäfte mit und für die Nazis abgewickelt. Denn auch für die Faschisten stinkt Geld nicht – und für das Kapital sind die Faschisten gut, weil sie deregulierte Märkte, entrechtete Massen und damit mehr Profit bringen.

Lasst uns dazu NEIN sagen! Lasst und gegen diesen Wahnsinn auf die Straße gehen! Lasst uns dieser lobbyistenhörigen, rückwärtsgewandten, die Bürger nach Strich und Faden bescheißenden Gurkentruppe, die so tut, als wenn sie regieren würde eine klare Absage erteilen – und lasst es uns so tun, dass die Faschisten, die in den Startlöchern stehen, alles nur noch schlimmer zu machen, KEINE CHANCE BEKOMMEN, an die Hebel der Macht zu gelangen! Darum noch mal: GENERALSTREIK! JETZT! Diese sogenannten Reformen richten die arbeitende Bevölkerung, das Gesundheitswesen und die Rente endgültig zugrunde – zugunsten gieriger, nimmersatter Bonzen und zum Schaden aller anderen im Lande. Lasst uns das nicht einfach so hinnehmen. Wenn es je einen Moment gab, in dem Deutschland aufstehen muss, dann jetzt!

Auch als Podcast…

Ach du liebes Lieschen – Politik für Almans…?

Da gibt’s diese Leute, die in einem Atemzug deklamieren, dass man ja gar nicht mehr alles sagen dürfe, um dann im nächsten irgendeinen vollkommen verkommenen, rassistischen, mysogynen, verschwörungsideologischen oder sonstwie extrem widerlichen Quatsch rauszuhauen; jedesmal begleitet von einem “das wird man doch wohl noch sagen dürfen!”. Und wenn man ihnen widerspricht, kehren sie SOFORT zurück zum ersten Atemzug, um sich als missverstandenes, geknechtetes, entrechtetes Opfer “des Systems” oder “der da oben” darzustellen. Ohne jemals äußern zu können, was sie denn damit wirklich meinen. Dazu gleich mehr. Übrigens ist das einzige, was hier was passiert, dass Meinungsfreiheit keine Einbahnstraße ist. Wenn du Nazi-Scheiße laberst, werde ich dich IMMER darauf hinweisen, dass du diesen Dreck hier nicht absondern sollst, weil an deinem Geseiere NICHTS eine legitime Meinungsäußerung darstellt. Denn zunächst einmal ist Rassisimus keine legitime Meinungsäußerung – ja nicht mal eine Meinung, sondern eine Ideologie, die darauf abzielt, andere zu unterdrücken, um sich selbst besser stellen zu können; wenn wir so wollen, der Schoolyard-Bully in Möchtegern-Erwachsen. Du willst etwas für dich? Das nennt man Egoismus! Und das andere diesem Egoismus Grenzen setzen, solltest du eigentlich schon als Kind gelernt haben. Aber weiter. Mysogynie ist keine Meinung, sondern schlichtes Leugnen unseres Grundgesetzes (Art. 3, Abs. 2). Und DEIN FRAGILES MACHO-EGO muss halt einfach eingehegt werden. Wenn du dich durch eine starke Frau bedroht fühlst, dann entwickle dich einfach weiter. Haben viele andere auch geschafft. Dann dieser ganze Verschwörungsmythen-Kram. Du darfst ALLES mögliche behaupten. Im Internet und in real life auf der Straße. Aber du darfst nicht erwarten, dass wir alle akzeptieren, wenn du vollkommenen Quatsch mit Soße, wie diesen Q’anon-Müll, Flatearther-Kram, Reptiloiden, dass Impfungen Autismus erzeugen würden, Reichsbürger-Lügen oder ähnliches von dir gibst. Denn all diese Dinge lassen sich sehr leicht auseinandernehmen. Wenn du das glauben WILLST ist das okay – es gibt auch Leute, die an das fliegende Spaghettimonster glauben. Wobei ich ja denke, DIE meinen das ironisch, aber.. du bist unironisch einfach nur nervtötend dumm, wenn du alle Gegenbeweise in den Wind schlägst und versuchst, anderen Menschen deinen Glauben so lange ins Gesicht zu schlagen, bis sie dir Recht geben. Dass “Überzeugung” immer noch so funktioniert, wie bei den Katholiken im Südamarika des 15. Jahrhunderts… oder bei den Amis im Kuwait und im Irak. Funfact – das hat noch nie so richtig funktioniert. Steck dir deine Dogmen also dahin, wo die Sonne nicht scheint, Nachbar!

Kommen wir auf “das System” zurück. Wir in Deutschland hier leben weitgehend alle im gleichen. Nennt sich Kapitalismus. Haste wahrscheinlich schon mal probiert und warst vielleicht erfolgreich, vielleicht auch nicht. Ich verrate dir etwas über den Kapitalismus: er belohnt stets die Skrupellosen, Rücksichtslosen, Unempathischen und Unethischen am stärksten. Denn der freie Markt, auf dem sich Anbieter und Nachfrager als freie Wesen begegnen, um einen Handel zum beiderseitigen Vorteil abzuschließen, ist eine Legende. Angebot und Nachfrage erzeugen automatisch ein Machtgefälle, dass im nicht-regulierten Kapitalismus schamlos ausgenutzt wird. Du hast doch bestimmt auch von den völlig überteuerten Motelzimmern während der Fußball-WM in den USA gehört, oder? Und du rennst gerade einer Partei hinterher, die in ihrem Wesenskern ultra-neoliberal ist und den Profiteuren des Kapitalismus, also den Skrupellosen, Rücksichtslosen, Unempathischen, Unethischen noch mehr Macht verschaffen möchte. Das will die CDU/CSU übrigens auch, nur dass die dabei nicht mit der Brechstange vorgehen. Das aktuelle AfD-Parteiprogramm S. 75, Abs. 11.4 fordert die Abschaffung der Erbschafts- und Vermögenssteuer. Instrumente, die dazu da sind, soziale Ungleichheit nicht noch weiter eskalieren zu lassen, als sie das eh schon ist (sucht euch die Informationen zum Gini-Koeefizienten zur Vermögensverteilung doch bitte einfach selbst raus). Und gleichzeitg Instrumente, welche die AfD eigentlich bitter nötig brauchen würde, um all die anderen Dinge gegenfinanzieren zu können, die das eher rückwärtsgewandte Familienbild der Partei zu zementieren helfen sollen – sollte ihnen jemals die Machtergreifung gelingen (und ja, ich weiß, der Begriff ist polemisch). Da kann man sich ausrechnen, was nicht passieren wird… ach ja, Steuerentlastungen für kleine und mittlere Einkommen. Man muss ja erst die Großspender bedienen und sein Schäflein mit Nebeneinkünften zusätzlich zur Abgeordnetendiät ins Trockene bringen. Denn, wie Lobbyismus funktioniert, hat die AfD schon lange begriffen und hält ihre Hände oft noch eifriger auf, als die sogenannten Altparteien.

“Das wird man doch wohl noch sagen dürfen” ist die Monstranz derer, die für sich uneingeschränkte Meinungsfreiheit reklamieren, jedoch keine Lust haben, sich mit dem gesellschaftlichen Diskurs auseinander zu setzen, den diese Meinung unter Umständen hervorruft. Denn Rassismus, Chauvinismus, Mysogynie, Geschichtsklitterung, “altenative Fakten” und Verschwörungsideologie mögen in den Augen jener, die sich nach einfachen Antworten auf die Fragen einer immer komplizierter werdenden Welt sehnen, legitime Meinungen sein – für die Demokraten sind sie es NICHT! Und wenn man Unfug in die Welt setzt, darf man sich nicht wundern, wenn man Shitstorms erntet. Das große Problem dabei ist, dass die Grenze dessen, was gesagt werden kann dabei immer weiter nach rechts in Richtung ungebremster Hassrede verschoben wird. Vor ein paar Jahren fings es an mit “kleinen Paschas”und “Kopftuchmädchen” und manchem anderen – alles herabwürdigend gemeint – und insbesondere die CDU/CSU hat sich den Sprachduktus der AfD angeeignet (siehe Migranten beim Zahnarzt, Herr Merz!), weil sie hoffte, konservative Wählerstimmen zurückzuholen. Gemäß Franz-Josef Strauss’ altem Diktum, dass es keine rechte Kraft neben der CDU/CSU geben darf. Hat ja super funktioniert…

Das Problem hat zwei Seiten: auf der einen ist die neo-faschistische Symbolpolitik, die Fakten völiig ausklammert, um Gefühle und vor allem Ressentiments bedienen zu können. Und auf der anderen Seite die offensichtliche polit-handwerkliche Unfähigkeit der Altparteien, die Herausforderungen in unserem Lande WIRKLICH anzugehen. Wo wurden denn Probleme gelöst? Steuern? Immer noch werden Kapitaleinkünft bevorteilt und Lohneinkommen geschröpft. Immer noch traut sich niemand, die Vermögensschere ein wenig weiter zu schließen. Renten? Oh dear don’t start me please…! Gesundheit und Soziales? Anstatt wegweisende Projekte flächendeckend einzuführen, Pharmausgaben zu reduzieren, die Prävention und die Präklinik zu stärken und Patientenströme tatsächlich effizient zu managen (was zunächst Investitionen braucht) wird überall bei Leistungen der Rotstift angesetzt. Da fühlt man sich als Bürger so richtig gehört. Bildung? Bildungspolitik machen in Deutschland Dilletanten mit Parteibuch (sogenannte Kultusminister) anstatt Fachleute. Und billig muss es sein – kleiner Hinweis von einem erfahrenen Berufsbildner: gute (Aus)Bildung kostet! Punkt! Energie? Außenpolitik? Ich könnt noch eine Weile weitermachen. Auch ich fühle mich verschaukelt – insbesondere als Sozialdemokrat.

Will heißen – die Leute fühlen sich verarscht. Und dann kommt jemand daher und gibt den Leuten das Gefühl, es besser zu machen. Auch wenn die Substanz unter diesem Gefühl völlig anders aussieht, als das, was verkauft wird. Aber verkaufen – DAS können die blauen Rattenfänger. Inhaltlich stellen? Die Inhalte sind zusammengeklauter Kokolores aus den 30ern – 50er des vergangenen Jahrhunderts. In der Hinsicht müsste sich Friedrich Merz eigentlich wohlfühlen, entspricht doch vieles davon offenkundig seinem eigenen Weltbild. Man muss die Blaubraunen mit offenen Emotionen stellen, sie mit ihren eigenen Waffen schlagen: Mahnwachen und Fackelzüge vor den Wohnungen ihrer Vertreter. Ihnen in jeder Diskussion ihre Falschheit um die Ohren schlagen, bis sie bluten, jedes bisschen Dreck ans Licht zerren und ausschlachten, bis es weh tut – und währenddessen das Verbotsverfahren ans Laufen bringen. Ich fordere: VERBOTSVERFAHREN JETZT! Lasst sie uns aus allen Parlamenten treiben, bevor sie 2033 eine Symbolwahl betreiben können. Nieder mit dem Faschismus! Nieder mit den Neo-Nazis. ¡No pasarán! Ach… und übrigens… schönen Start in eine “glorreiche” neue Woche.

Auch als Podcast…