Eines vorweg – bei den idiotischen Temperaturen da draußen (hier aktuell 34°C…) fließen Gedanken manchmal nur wie Melasse. Dennoch haben wir uns dieses Wochenende dazu getroffen, zu zocken. Pen’n’Paper natürlich, dieses Mal unter hartem Einsatz von literweise gekühlten Getränken, feuchten Handtüchern und Ventilatoren in JEDEM Zimmer. Muss man wollen, ich weiß. Wollten wir aber, also zählte der Einsatz! Nun ist das eine Runde mit lauter erfahrenen, engagierten Spieler*innen, die sich was aus dem Hobby, der Geschichte und ihren Charakteren machen. DAS bereitet mir Freude, denn ich selbst möchte am Spieltisch heutzutage vor allem Immersion erleben. Ich möchte die Secondary World mit den Augen meines Charakters sehen. Ich sehe unsere echte Welt viel zu oft mit meinen eigenen Augen. Ich möchte Dinge tun, ganz gleich ob richtig oder falsch, gut oder böse, klein oder groß und die Konsequenzen daraus erfahren. Ich möchte Risiken eingehen, weil es aus Sicht meines Chars das Richtige ist. Und ich wünsche mir das bei meinen Spielern genauso, wenn ich mal wieder mit dem Spielleiten anfange. Ich stelle immer wieder fest, dass ich mit Casual Gaming im Bereich Pen’n’Paper nicht mehr ganz so viel anfangen kann. Vielleicht, weil ich mittlerweile zu oft Kampagnen hatte, die mit tendenziell geringer Ernsthaftigkeit dahin geplätschert sind. Bei denen ich, sowohl als Spieler, wie auch als SL zusehen musste, wie von mir aufgebaute Dramatik für billige Witzchen geopfert wurde. Wie Spieler*innen nicht die Bohne Eigeninitiative entwickelt haben und immerzu an der Haltestelle für den Plotbus sitzengeblieben sind, obwohl der schon lange fuhr. Wie man in jeder Situation verzweifelt auf sein Charakterblatt geschaut hat, als ob dort eine Lösung stünde. Wie Chars halt einfach immer nur 0-Dimensional geblieben sind.

In beiden Runden, in denen ich momentan spielen darf, reflektieren wir das Geschehen am Spieltisch im Nachgang. Denn die eine Prämisse ist, dass die gemeinsame Geschichte und das Handeln der Chars in dieser kohärent bleiben sollen; die Andere, dass dabei alle Spaß haben sollen. Dafür muss man manchmal nachjustieren. Das Verhalten, welches dabei an den Tag gelegt wird, könnte man als erwachsen bezeichnen. Menschen, die in der realen Welt häufig verantwortungsvollen Tätigkeiten nachgehen und über viel Lebenserfahrung verfügen, feedbacken sich gegenseitig, um für alle Beteiligten die bestmögliche Erfahrung schaffen zu können. Das klingt für Außenstehende jetzt möglicherweise ein bisschen nach sozialpädagogischem Sitzkreis. Ich darf versichern – es fühlt sich auch ein bisschen so an; was absolut kein Fehler ist. Viele gesellschaftliche Kontexte könnten etwas mehr Sitzkreis vertragen, dann hätten wir vielleicht nicht so viele Konflikte. Der für mich wichtigste Aspekt dabei ist, dass wir stets in der Lage sind, das Innenleben unserer Chars und unser eigenes voneinander zu differenzieren. Und das funktioniert für mich zumeist sehr gut. Was meine Chars denken und tun, ist deren Interaktion mit der Welt geschuldet. Sie ärgern sich, haben Angst, freuen sich, kämpfen (manchmal mit sich selbst, manchmal mit Gegnern) schließen Freund- und Feindschaften, verlieben sich, wachsen mit ihren herausforderungen… und ich als Spieler erlebe das oft mit einem Schmunzeln, weil ich natürlich im tiefen Grunde meines Herzens weiß, dass das alles nur willing suspension of disbelief ist. Ich kann diese virtuelle Person jederzeit verlassen und wieder in der realen Welt agieren. Und dennoch werden die Struggles, die Kämpfe, die Siege und die Niederlagen, die Motive und Ziele, die Entwicklung für mich real genug, dass ich darin investiert bleibe. Das ist, wie ICH dieses Spiel speieln und leiten möchte.
Das mag jetzt beinahe wie Arbeit klingen. So erwachsen und reflektiert. Aber genau das ist es eben nicht. Im Kern spiele ich die ganze Zeit “Was wäre wenn…?” in einer deutlich weiter entwickelten Variante von “Räuber und Gendarm”. Ich lasse mein jetztzeitiges ICH in der Realität zurück und beschäftige mich mit Herausforderungen, die – ganz gleich, wie virtuell sie auch sein mögen – im Moment des Spielens so real werden, dass sie mein Denken und Fühlen bestimmen. So wie ein Kind sich im Spiel verliert und durch Erreichen des Flow-Zustandes (fast) alles um sich herum vergessen kann, bis irgendein genervter Erwachsener an die lästigen Zeitvorgaben der echten Welt erinnert – und die secondary world zerfasert. Das tut sie auch für mich, wenn die Sitzung endet. Nur dass wir erwachsenen Gamer uns unsere Zeitvorgaben selbst machen dürfen 😉 Diesen Flow als Spieler (wieder) erleben zu dürfen ist ein riesiges Privileg. Denn in den Runden, in denen ich letzthin geleitet hatte, war mir die Leichtigkeit, die Lust am freien Spiel, die Fähigkeit, Drama zu kuratieren, ohne die Spieler*innen in ihrer Handlungsfreiheit einzuengen abhanden gekommen. Eben, weil ich diesen unbedingten Drang, das Spiel mit gestalten zu wollen, den ICH immer und überall mit an den Tisch bringe nicht fühlen, nicht sehen, nicht erleben durfte. Wahrscheinlich habe ich irgendwann meine Selbstwirksamkeitserwartung (zu) hoch geschraubt und damit meinen eigenen Spielspaß gekillt. Doch die Runden, in denen ich momentan spiele, wirken unterdessen für mich wie eine Ladestation für den Forever DM in mir, der eigentlich immer Spaß am Spieltisch gehabt hatte. Ich verstehe es als erwachsenes Spiel, bin aber gerade dabei, mein inneres Kind mit dem erwachsen agierenden Gamer zu versöhnen. Fühlt sich gut an. Auch wenn ich dieses Wochenende einmal zwischendurch die Erfahrung machen musste, dass die hohe Dichte an konflikthaltigen social encounters mich deftig getriggert hat – wegen der vielen Intrigen, Bigotterie und Hinterfotzigkeit, die ich in den letzten 18 Monaten bei der Arbeit erleben musste. Schwamm drüber. War trotzdem schön. Auch, wenn wir in real life beinahe verdampft wären… So, ich wünsche euch einen erträglichen Start in die neue Woche. Ich muss jetzt noch Kampagnen-Journale schreiben. Draußen ist es eh zu heiß für irgendwas anderes…









