Ich habe gestern Abend in der Stadt ein paar wenige Menschen aus meinem ehemaligen Abiturjahrgang getroffen und wir haben bei gutem Essen und Hopfenkaltschale über alte, aber auch über neue Zeiten geplaudert. Wir sind jetzt zwar alle in einer Lebensphase, in der man etwas souveräner über manche Anfechtungen hinweg gehen kann, doch das Leben hält natürlich immer wieder neue Herausforderungen, gelegentliche Verluste, manche Konflikte und andere Auswüchse des Zufalls bereit, an denen man nicht vorbeikommt. Wie war das noch mit der unüberwindbaren Mauer der nächsten Sekunde? Du weißt nie, was hinter der nächsten Kurve auf der Straße deines Lebens liegt. Das macht einerseits Angst, den Kontrolle über das eigenenDasein ist zumindest in mancherlei Hinsicht eine Illusion. Das macht mir aber auch Mut, denn es bedeutet, dass man IMMER noch etwas ändern kann. Älter werden is dennoch nix für Pussies. Ich bin jetzt gefühlt im Spätsommer meines Lebens angekommen und denke über die Frage nach, ob es denn ein “endless Summer” werden darf, oder ob ein bisschen Herbst jetzt nicht vielleicht doch gut täte. Also, ob ich fünfe grade sein lasse, oder noch mal Gas geben möchte? Die Ambivalenz ist noch nicht aufgelöst – und wird es auch nicht so schnell sein – denn just jetzt spüre ich neue kreative Energie, die genutzt werden will; einziges Problem ist, dass ich sie, anstatt ein altes Projekt fertig zu machen, lieber in ein Neues stecke. Mal schauen, wie weit die Faszination mich diesmal trägt. Irgendwas zu Ende bringen wäre ja auch mal ganz nett. Aber das ist nicht der Punkt. Denn so wie eine Schwalbe noch keinen Sommer macht, läutet eine kühle Nacht noch nicht automatisch den Herbst ein. Während ich mich also mit einer neuen Romanidee auseinandersetze, stehe ich einmal mehr (oder besser: immer noch) vor der Frage, in welche Richtung ich mich noch entwickeln kann… oder will? Da wo ich momentan arbeite, erscheint es mir ziemlich unwahrscheinlich noch “etwas zu werden”. Nicht das Schulleiter keine spannende und gelegentlich auch erfüllende Aufgabe wäre. Ich fühle mich also keineswegs auf dem “Abstellgleis”. Doch für eine weitere “Karriere” – was das Wort für euch da draußen auch immer bedeuten mag – bin ich gegenüber manchen Traditionen der Organisation einfach zu kritisch. Und tue dies wohl auch zu laut kund.

Nun haben wir uns gestern natürlich auch über den Job unterhalten. Und meine ehemaligen Schulkameraden sind da ganz pragmatisch – wichtig ist, dass man keinen Stress hat und sein Leben bestreiten kann. Was dazu notwendig ist, mag individuell sehr unterschiedlich sein. Die Sprache kam dabei auch auf einen – allerdings nicht anwesenden – ehemaligen Jahrgangskameraden, der sich und seine jobtechnische Wichtigkeit offenkundig sehr wichtig nimmt. Was wir alle irgendwie unnötig finden. Mich persönlich interessiert nicht, wie toll, oder wichtig, oder mächtig, oder einkommensstark jemand ist – mich interessiert, ob jemand die Menschen um sich herum begeistern und ermächtigen kann, selbst besser zu werden. Da bin ich ganz und gar Pädagoge. Folglich interessiert mich anderer Leute anual salary, oder die Größe des Hauses, etc. eigentlich nicht besonders. Meine Familie muss nichts missen, weil die beste Ehefrau von allen und ich unseren Scheiß schon ganz gut gewuppt bekommen. Das drückt sich allerdings weniger in irgendwelchen tangiblen materiellen Statussymbolen aus, denn in der Qualität der Erfahrungen, nach denen wir suchen. Dass ich jetzt kein über die Maßen materialistischer Mensch bin, ist hier ja schon häufiger angeklungen. Und dass sich meine selbstgefühlte Wichtigkeit in Grenzen hält, hoffentlich auch. Wenn ich also mal wieder hier stehe und über die Frage nachdenke, wohin ich mich denn noch entwickeln will, so geht es dabei eher um persönliches Wachstum – vielleicht eine neue Aufgabe, die mich kognitiv und kreativ fordert und fördert. Fiskalische Entwicklung spielt dabei nur die zweite Geige. Deutlich weniger wäre ungünstig, weil man halt doch seinen Lebensstil am verfügbaren Einkommen orientiert. Zumindest, sofern man als Baby nicht drei Mal hochgeworfen und nur zwei Mal aufgefangen wurde… Aber deutlich mehr würde ich auch nicht erwarten, denn um in meinem Gewerk einen sich lohnenden Gehaltssprung zu machen, muss man sich ganz schön krumm machen. Und eigentlich bin ich im Grunde meines Herzens ja faul… so ein Mist aber auch.
Vermutlich – aber das ist nur so ein Gefühl – werde ich mich mit dem Herbst des Lebens noch eine Weile zurückhalten (müssen). Denn gerade jetzt ist meine Depression auf dem Rückzug. Witzig, dass ausgerechnete der beginnende Herbst in der realen Welt mich derart beeinflusst. Auf die Wirkung der Jahreszeiten auf die Seele ist auch echt kein Verlass mehr. Wie dem auch sei – das Wochenende und die kommende Woche dienen meiner Erholung (und Rekonvaleszenz, weil meine Husterei immer noch übel daher kommt), weshalb ich mich zusätzlich gelöst fühle. Na ja, irgendwer wird schon versuchen, mir meine Freizeit zu versauen. Da bin ich fatalistisch genug, nicht nur Friede, Freude, Eierkuchen zu erwarten. Aber heute müssen erst mal noch ein paar Zeilen geschrieben und liebe Freunde besucht werden. Und da gilt: Abgrillen ist auch für Pussies und Scheiß auf’s Herbstwetter. In diesem Sinne, wir hören uns.









