meno è abbastanza – Neue italienische Geschichten N°2

Strandliegen-Urlaub. So sieht’s bisher aus. Abgesehen von zwei Ausflügen zum Einkaufen dreht sich unsere Welt im Moment um Pool und Prokrastination. So weit, so gut. Nun stehen die Dinge so, dass es wohl manche Menschen gibt, die damit (und dem Kampf-Strohhalmen alkoholischer Getränke aus Blecheimern) locker drei Wochen füllen können. Ist vermutlich ein evolutionär erworbenes Talent, mit weniger auskommen zu können; dass damit allerdings unbedingt weniger Futter für den Geist gemeint gewesen sein soll, will mir bis heute nicht recht einleuchten. Um der Ehrlichkeit Willen: wir saufen halt nicht aus Eimern, sondern aus Gläsern. Und ich kenne ein gutes Sangria-Rezept; auch wenn wir gerade in Italien sind.

Es gibt da so dieses oft aufgekochte Klischee vom Universitätshintergründigen Bildungsurlauber: tagsüber alte Steine, abends alte Reben. An dieser Stelle noch ein Geständnis: passiert uns manchmal auch. Diesen Urlaub brauchte es ein paar Tage, bis sich die Lust einstellte, mal was anzuschauen, aber wie die beste Ehefrau von allen kürzlich sagte – Urlaub muss auch Neues für die Sinne bieten. Im besten Falle Eindrücke, die einen zum Nachdenken, oder gar zur Kreativität anregen. Der persönliche, positive Nebeneffekt für mich ist, dass ich mich im Urlaub wesentlich mehr bewege, als zu Hause. Jeden Tag ein km im Pool, Spazieren gehen zum Knipsen, usw. Urlaub ist also gesund. Und abends sind es ja nur Gläser, keine Eimer…

Ich bemerke noch andere Prozesse an mir. Zum Beispiel eine gewisse Scheiß-drauf-Haltung beim Autofahren, die ich zurück in der bunten Republik dringend wieder ablegen muss. Man hält in Italien schon immer viel mehr von Gebrauch der Hupe anstatt dem des Fahrtrichtungsanzeigers, Abstand- oder Spurhalten sind mehr so Optionen, und in die engste Kurve passt noch ein Überholmanöver. Es hat genau vier Stunden gebraucht und ich fahre wieder, wie alle anderen hier auch – wie eine gesengte Sau. Dafür ist man kaum nachtragend, jeder macht sein Ding und der Verkehr fließt zumeist trotzdem halbwegs. Nur eine Sache werde ich wohl nie verstehen: Kolonne fahren und Reißverschlussprinzip kann auch hier keiner. Schwamm drüber. Alle anderen regen sich vermutlich genauso über die verfluchten Staus auf, wie ich.

Ich habe meine neue Kamera schon ein bisschen durch die Hügel rings um unser Appartamento getragen und bin gespannt, ob die Locations, die wir für die nächsten Tage ausgekuckt haben meinen rechten Zeigefinger auch so zum Zucken bringen. Manches kennen wir schon, manches noch nicht. Irgendwo schon mal gewesen zu sein, ist allerdings nicht unbedingt von Nachteil, denn neue Blickwinkel finde ich manchmal auch beim fünften Besuch noch. Keine Ahnung warum, und auch keine Ahnung, ob’s anderen auch so geht – aber manche Orte werden MIR einfach nie langweilig. Das widerspricht ein bisschen dem Wunsch meiner besseren 85% nach neuen Eindrücken, oder? Na ja, wir werden schon einen gesunden Mittelweg finden.

Weniger? Das einzige Weniger, dass ich bisher feststellen konnte, ist ein bemerkenswerter Mangel an negativen Stressoren. Ansonsten vermisse ich nix. Man kann auch mit etwas altmodischerer Ausstattung sehr bequem leben. Manchmal frage ich mich sogar, ob ich überhaupt so weitermachen will, wie bisher? Ob ich Karriere brauche? Ob mein Wort etwas gelten muss? Ob weniger nicht tatsächlich mehr sein könnte? Nämlich mehr Lebensqualität. Und ganz ehrlich – wenn ich nicht für eine Familie zu sorgen hätte, würde ich manche Entscheidung anders getroffen haben. Nun ist mein Leben, was es ist, und ich bin nicht der Typ, der vor Verantwortung davonläuft. Aber der Moment, da es wieder losgeht, ist genau jetzt unendlich weit weg. Das darf er – zumindest subjektiv – gerne noch länger bleiben. Buonasera…

coda sulle autostrada… – Neue italienische Geschichten N°1

Bevor irgendjemand jetzt gleich auf die unselige Idee kommt, meine Familie und mich verdammen zu wollen weil wir, Corona zum Trotze ins Ausland gereist sind – geht doch einfach mit den Zwiebeln spielen! Wir sind in der Toskana in einem Selbstversorger-Appartment auf einem Agriturismo (Wein und Oliven), den wir schon von früher kennen. Deshalb war es möglich, mit dem Gastgeber eine Übereinkunft zu treffen, die eine flexible Absage möglich gemacht hätte. Nun ist die Situation aber nach wie vor entspannt. UND ICH BRAUCHE DIESEN URLAUB SO SEHR WIE NOCH NIE IN DEN LETZTEN JAHREN! Also geht zum Jammern in den Keller. Herzukommen war anstrengend und schwierig genug, da brauch ich nicht auch noch Moralisten-Vibes. Insbesondere, wenn man den Umstand in Betracht zieht, dass wir satte 4,5h in Staus haben liegen lassen (Gotthard, Gernzübergang Chiasso, immer wieder auf der A1 von von Mailand bis Florenz) und ich deshalb erst gestern abend gegen 21:00 meine ersten 700 Meter im Pool schwimmen konnte. Immerhin – dafür gab es neben dem Pool noch Eis, Pizza, Prosecco und eine große Mütze voll Schlaf.

Ansonsten funktioniert hier alles, wie in Deutschland auch: mit Tests, Abstand und Maske. Was für Deutsche gewöhnungsbedürftig sein mag, ist für mich mittlerweile einfach ein tolles Feature: Sonntags Vormittags im COOP einkaufen gehen können; ist hier in der Urlaubszeit möglich. Allerdings geht hier alles nur mit dem Auto. Da muss man sich vorher schon genau überlegen, was man alles braucht, damit man nicht umsonst Sprit verbrennt. Dafür ist schon die Fahrt ein Erlebnis, denn unser Anwesen liegt am Ende einer ca. 2 km langen Staubstraße (im Moment wortwörtlich zu nehmen) durch die Hügel nahe Certaldo. Ich habe mich ehrlich gesagt gestern über die Staus und die Warterei tierisch aufgeregt. Die mir gegenüber getroffene Feststellung “Der Weg ist das Ziel!” hätte gestern u. U. zu Toten geführt. Heute jedoch… ist alles eitel Sonnenschein. Und das sogar mit Gewitter am Vormittag. Die Grillen Zirpen, die Landschaft duftet auf diese besondere Art, die Sonne scheint wieder und heute Abend wird der Grill heiß und der Wein kühl sein.

Zu sich kommen (nicht im medizinischen Sinne) ist für mich, erkennen zu dürfen, dass es wenig braucht, um sich als Mensch fühlen zu dürfen. Auch wenn man dafür manchmal einen etwas längeren Weg gehen – bzw. fahren – muss. Das mag ökologisch nicht 100% einwandfrei sein, aber immerhin ist das Auto bis unters Dach beladen => hohe Effizienz. Manche Leute faseln immerzu irgendwas von Erholungsdruck im Urlaub, weil sie meinen, etwas Besonderes tun oder erleben zu müssen – und bei der Jagd nach diesem Moment übersehen, dass er sich eben schon realisiert hat. Z.B. in einem schönen Blick aus der eigenen Appartmenttür, den man schon morgens beim Frühstücken genießen kann. In der Möglichkeit, Abends, wenn alle anderen ihr Ding machen, noch mal ein paar 100 Meter im Pool schwimmen zu können. In Raubvögeln, die am Tage über der Zufahrtsstraße kreisen und scheuen Rehen, die abends am Waldrand stehen. Im Geruch der Landschaft. Es ist dieser Geruch, der für mich eine spezielle Bedeutung hat: nach Hause kommen. In diesem Sinne bin ich nun gesegnet

Die nächsten Tage werden mit dem gefüllt, was keinem besonderen Zweck dient – außer, noch mehr zu sich selbst zu kommen. Mal ein Nicht-Fachbuch lesen. Schöne Sachen anschauen und knipsen bis der Auslöser glüht. Kochen und Essen. Bloggen (sorry, aber es wird noch mehr kommen). Runterkommen. Und jeden Tag schwimmen. Alles zusamen genommen: hart prokrastinieren! In diesem Sinne sind es keinen neuen italienischen Geschichten. Obwohl, wer weiß schon, was sich in den kommenen Tagen und Wochn ereignet. Ich freue mich drauf. Mehr kann man sich doch gar nicht wünschen, oder…?

The networked mode – what about groups?

Dieser Tage saß ich abends mit der besten Ehefrau von allen bei geistigen Getränken auf dem Balkon und wir parlierten so über dies und das. Irgendwann kam das Gespräch darauf, dass es mich ein wenig amüsieren würde, dass bei einer Fortbildungsveranstaltung in der Vorstellungsrunde alle TN auf ihre beruflichen Funktionen rekurriert haben, um sich den Anderen zu präsentieren. Und das es mich grundlegend irritieren würde, dass Menschen so sehr auf dieses Distinktionsmerkmal “Beruf” fixiert seien. Die Replik meiner Gattin war eine Frage: wodurch sollten sie sich denn sonst definieren? Und so ganz unrecht hat sie damit ja auch nicht. Denken wir das ganze mal in Gruppenprozessen, geht es neben der Distinktion der eigenen Person von Anderen ja auch um die Zugehörigkeit zu einer Peergroup. Und da wir nicht mehr in marodierenden Nomadenstämmen durch die Gegend ziehen, um dann in Clans gegeneinander Krieg um Land und Vieh zu führen, ist die eigene Berufsgruppe als Platz der Zugehörigkeit ein dankbarer Ersatz. Man muss dafür halt auch niemandem den Schädel einschlagen…

Das Problem mit Gruppenprozessen aller Art ist, dass sie in der Folge nicht selten dazu verführen, um der Zugehörigkeit in der eigenen Peergroup Willen Dinge zu tun, die nicht ganz so schön sind. Eine auch heute noch beeindruckende Beschreibung solcher Prozesse lieferte Norbert Elisas in seinem (mittlerweile wohl als Klassiker der Sozialwissenschaften betrachteten) Buch “Etablierte und Außenseiter” von 1965. Merkmale der eigenen Gruppe werden dabei als positiv stilisiert, Merkmale anderer Gruppen hingegen abgewertet, um einerseits den subjektiven Wert der eigenen Gruppe zu erhöhen und andererseits durch den daraus entstehenden Konformitätsdruck (“Willst du drin sein, oder draußen?”) den Zusammenhalt zu steigern. Eine Gruppe wird so zu einem selbsterhaltenden sozialen System (Autopoiese), dass allerdings – sofern der oben beschriebene Mechanismus wirksam wird – die Betonung des Andersseins gegenüber anderen Gruppen für die eigene Kohäsion benötigt. In der Folge kann es z. B. zur Stigmatisierung der Mitglieder anderer Gruppen kommen. Insbesondere, wenn die Gruppe, von welcher diese Art von Aggression ausgeht, die Mehrzahl der Menschen in einem Bereich stellt.

Doch, was hat das nun wieder mit Netzwerken zu tun? Betrachten wir zunächst die Beziehungen innerhalb einer solchen Peergroup, weicht die Punktualisierung als zufällig emergierende soziale Verbindung mit u. U. unabsehbaren Auswirkungen und ungewisser Zukunft einer Ritualisierung, ja beinahe Formalisierung der Beziehungen – und in der Folge auch der genutzten Kommuniaktionsformen (Bro-Fist, Special Handshakes, Running Gags und Insider Gags, etc.). Ein weiterer möglicher Aspekt ist die Entstehung einer – vielleicht formellen, oft aber eher informellen – Rangordnung innerhalb der Gruppe. In der Folge kann es wiederum zu Machgefällen kommen, welche dazu führen, dass eine (Subjektive) “Elite” innerhalb der Gruppe Macht über die anderen Mitglieder erlangen und schließlich Herrschaft über diese ausüben könnte. Nun kann man Herrschaft über andere Menschen allerdings üblicherweise nur dann ausüben, wenn die Beherrschten die Beherrschung selbst legitimieren. Da innerhalb einer Peergroup jedoch Konformitätsdruck herrscht, kann eine hinreichend gute Begründung (z.B. durch gemeinsame Feindbilder) für die eigenen Ziele so viel Zustimmung einwerben, dass der eben beschriebene Prozess in Gang kommt. Ein prominentes Beispiel ist die Vereinnahmung der AfD durch Nazis.

Gegenüber anderen Gruppen verändert sich dadurch natürlich das Auftreten. An die Stelle der (natürlichen) Suche nach Konsens mit anderen Gruppen durch öffentlichen Diskurs tritt die öffentliche Verneinung der Legitimation anderer Standpunkte ohne inhaltliche Diskussion; der eigene Standpunkt wird als “letzte Wahrheit” verabsolutiert und alles andere als schädlich verworfen (=> Grünen-Bashing). Was Stigmatisierung mit anderen Menschen macht, kann man exzellent an der Diskussion um Intergration in unserem Lande sehen. Es wird immer wieder dieser widerliche Begriff “Leitkultur” verwendet, bei dem nicht wenige Menschen so ein bestimmtes Bild im Hinterkopf haben: lauter weiße Menschen, Bierzelt, Schützenfest, Spanferkel “Mei, is des deitsch!”. Alternativ darf man natürlich die Reihenhaus-Vorstadt-Siedlung mit akkurat gestutzem Rasen und deutschem Markenfabrikat in der Auffahrt nicht vergessen. Was nicht in dieses Bild einer Mehrheits-Kultur passt, wird verachtet und demgemäß gedisst. Dass Kultur ein Prozess ist – nun ich habe es schon tausend Mal gesagt, und werde das gewiss noch tausend Mal tun – bedeutet jedoch, dass diese Bilder von der “guten alten Zeit” eine Illusion sind. Ein Schritt von vielen in der Entwicklung unseres Landes…

ACHTUNG: Gruppenprozesse sind mitnichten immer böse! Dass sieht man am kameradschaftlich-altruistischen Handeln vieler, vieler Menschen in den von der Flutkatastophe betroffenen Gebieten. Aber die beschriebenen Mechanismen können eben genauso wirksam werden – und sie tun dies jedesmal, wenn jemand Facebook aufruft, weil der Algorithmus dies begünstigt. Da kann man noch so viele Anti-Hate-Crime-Gesetze auf den Weg bringen. So lange asoziale Medien nicht anders strukturiert werden (und damit unrentabel für die Betreiber werden, weil der Algorithmus Werbeeinnahmen generiert), bleiben sie asozial. Das ist nur ein Netzwerk-Aspekt, aber damit wollen wir’s mal gut sein lassen. Peace

  • Elias, N.; Scotson, J. 2002: Etablierte und Außenseiter. Frankfurt/Main: Suhrkamp.

Eine wahre Katastrophe!

Das tatsächliche Ausmaß des Schreckens und des Leids, welche den Menschen in Rheinland-Pfalz und Nordrhein-Westfalen widerfahren sind, wird erst nach und nach sichtbar, aber bereits jetzt lässt sich sagen, dass man sowas in der Qualität sehr lange nicht mehr gesehen hat. Und ich möchte den Betroffenen von ganzem Herzen Kraft und Zuversicht wünschen – und dass unsere Politik nicht, wie sonst auch, nur in Gumnmistiefeln umherwatschelt und große Reden schwingt. Was die Helfer der BOS (Behörden und Organisationen mit Sicherheitsaufgaben) und des Militärs leisten, verdient unseren höchsten Respekt und tiefempfundenen Dank! Als Mitarbeiter im Rettungsdienst und Dozent in der Ausbildung von Rettungsfachpersonal weiß ich in etwa, was dort gerade abläuft. Einerseits bin ich schon traurig, nicht selbst mit anpacken zu können. Andererseits gibt es abseits der Katastrophe ein normales Leben mit Aufgaben, die erledigt werden müssen…

Es ist ein mentaler Balance-Akt, denn der altruistische Teil meiner Seele möchte hinfahren und mit anpacken. Der rational-ökonomische Teil meiner Seele und der erfahrene Ausbilder in mir sagen: Lass es, der Einsatz ist so schon viel zu kompliziert zu koordinieren! Wenn jetzt auch noch irgendwelche Honks mit ‘ner Schaufel im Gepäck angefahren kommen, wird das Chaos nur noch schlimmer. Also sitze ich daheim und vernehme mit Schrecken diese Zahlen, die das tatsächliche Ausmaß der Geschehnisse nicht mal ansatzweise abbilden können. Alle vor Ort geben ihr Bestes, um zu helfen. Aber der Leitstellendisponent mit 15 Jahren Erfahrung in mir sagt, dass es kein Wunder ist, wenn eine Einheit unverrichteter Dinge wieder abziehen muss, weil diese Lage viel zu unübersichtlich ist, um sie schnell in den Griff zu bekommen. Und vor so eine Lage zu kommen (d. h., Überblick haben, Abläufe strukturieren und Ressourcen effizient einsetzen können) wie wir in der Führungslehre sagen dauert, wenn ich mir die schiere Größe der Fläche anschaue, mindestens eine Woche!

Damit komme ich zu dem Punkt, der mir abseits des zum Ausdruck bringens meiner Erschütterung und meines Mitgefühls wirklich wichtig ist: nämlich all diesen aus der Ferne agierenden kognitionsallergischen Hohlköpfen, Spackos, Vollidioten und Möchtegern-Besserwissern mal aus vollem Herzen zuzurufen: HALTET DIE FRESSE! Da gibt’s Menschen, die doch tatsächlich Bilder von durch das Unheil pflügenden Bundeswehr-Fahrzeugen für Ihre (Anti-Grüne) politische Agenda zu nutzen versuchen. Da ist mir der Kragen geplatzt und ich musste in Facebook Folgendes schreiben:

“Herrgott, ihr dämlichen Grünen-Basher habt den Knall wirklich nicht gehört. Schon wieder ein Strohmann-Argument, weil Ihr dauernd glaubt, irgendjemand nimmt euch was weg – immer nur ICH ICH ICH. Ihr hört euch alle an wie verschissene 4-Jährige, die im Sandkasten um’s Schäufelchen streiten. Ihr glaubt radikaler Klimaschutz sei unnötig? Die große Mehrzahl der Wissenschaftler sei dümmer als Ihr? Könnt ihr ne Klimakarte überhaupt richtig rum halten, Daten sammeln und interpretieren? Oder habt ihr einfach nur keine Ahnung, ein großes Ego und ne noch größere Klappe? Is mir auch egal, ich kann euch Kognitionsallergiker nicht mehr ertragen.”

Ich weiß, ich weiß, man soll nicht mit der Amygdala sprechen. Aber manchmal kann ich nicht aus meiner Haut. Die Honks, die irgendwo auf Facebook darüber schwadroniert haben, dass es ja nicht sein kann, dass man so einen Einsatz mit Steuergeldern bezahlt, wil ich mal sehen, wenn sich hinter ihrem Haus der Berg in Bewegung setzt. Und warum die Lage noch nicht beherrscht wird und manches daher für Laien und Unbeteiligte unkoordiniert aussehen mag, erkläre ich gerne bei anderer Gelegenheit im Lehrsaal. Dazu braucht man aber Sitzfleisch und den Willen etwas zu lernen. Zwei Dinge, die ich bei vielen, vielen Kommentatoren in den Antisozialen Medien bitter vermissen muss. Aber hey – Hauptsache ihr konntet mal einen raushauen, oder? Lassen wir die Kolleginnen und Kollegen vor Ort ihren Job nach bestem Vermögen tun, und hoffen wir auf ein paar gute Nachrichten! Mehr sollten, jene, die nicht direkt betroffen, oder als Einsatzkräfte involviert sind sind, einfach bleiben lassen. Mögen die Opfer in Frieden ruhen und die Hinterbliebenen alle Hilfe erhalten, die sie nun brauchen – Frieden.

Ein freier Tag…

Müßiggang. Eines dieser Hassthemen für so unendlich viele Leute. Weil sie alle immer noch glauben, dass es sowas wie ein Endziel gäbe; und dass mehr Leistung sie schneller dorthin brächte. Doch hinter jedem erreichten Ziel, hinter jeder Mauer, die ich so mühevoll überwunden habe, lauern doch nur immer weitere Wege – und mehr Mauern, die es zu überwinden gilt. Einer der unschönen Aspekte am Erwachsenwerden ist, erkennen zu müssen, dass dieser, auf den ersten Blick saublöde, Glückskeksspruch “Der Weg ist das Ziel!” die einzige Art beschreibt, das Leben wahrnehmen zu können, ohne daran zu verzweifeln, dass jedes Ziel bestenfalls ein Wegpunkt ist. Ich hatte gerade vorhin eine längere Unterhaltung mit meiner 12-jährigen Tochter. Und für sie ist diese langsam heraufdämmernde Erkenntnis ein echter Dämpfer. Weil man Kinder erst langsam an den Dauerlauf namens “LEBEN” heran führen muss.

Hier lauert eine derbe Ambivalenz. Denn einerseits müssen wir unsere Kinder natürlich daran gewöhnen, immer weiter zu gehen (wir müssen uns selbst ja auch immer wieder daran erinnern). Insbesondere dann, wenn’s gerade mal nicht so läuft, und es viel schöner wäre, die Tür zur Welt zuzumachen, um sich mit irgendwas schönem von seinen Problemen abzulenken. Im Hier und Jetzt gibt es dafür zu allem Überfluss (leider) auch noch unfassbare viele Möglichkeiten und Hilfsmittel. Andererseits mussten wir alle irgendwann lernen, dass es Phasen der Ruhe, der Erholung, des Müßigganges braucht, um diesen Dauerlauf besser durchhalten zu können. Und wenn wir ehrlich sind: eigentlich müssten diese Phasen ab einem bestimmten Alter jedes Jahr länger werden. Ich könnte mir z. B. sehr gut vorstellen, neben den üblichen, tariflich vereinbarten Urlaubstagen für jedes weitere Lebensjahr ab, sagen wir mal 45, einen zusätzlichen Urlaubstag pro Jahr dazuzubekommen.

Auf diesem schmalen Grat zwischen notwendiger Bewegung und (ebenso notwendiger) Prokrastination sind Unfälle aller Art natürlich vorprogrammiert. Insbesondere von Anderen verursachte, weil wir Deutschen daran gewöhnt wurden, einander die Butter auf dem Brot zu missgönnen! Wenn jemand etwa öffentlich schreibt, er/sie arbeite pro Woche jetzt nur noch 32h und käme damit super klar, weil trotzdem nichts liegen bliebe, dauert es zumeist geschätzte 17 Mikrosekunden, bis irgendein selbsternannter “Leistungsträger” das entweder

  • a) als Lüge bezeichnet!
  • b) unterstellt, dass die Person dann vorher überbezahlt war!
  • c) dieses Modell ja eh nur für ganz wenige Branchen funktionieren kann, weil wer wischt denn Omi im Heim sonst den Hintern ab?
  • d) man keine Lust habe, die Faulheit anderer mitzufinanzieren (wo genau die Transferstöme gesehen werden, bleibt dabei zumeist im Dunkeln)
  • e) wir dann auch gleich den Sozialismus ausrufen könnten

Diese Liste ist natürlich weder vollständig, noch ist es überhaupt wichtig, sie weiter zu ergänzen. Die meisten Leute, die so kommentieren, haben entweder nicht verstanden, dass die vierte industrielle Revolution immer schneller dazu führt, dass in vielen Branchen und Sektoren Arbeit wegfällt – und dass es sinnvoll sein könnte, speziell den Bereich Care-Work auskömmlicher und attraktiver zu gestalten, weil es ansonsten in vielen Institutionen des Gesundheitswesens für deren Klienten tatsächlich alsbald zappenduster werden wird. Anzuerkennen, das jedwede Form von Arbeit prinzipiell gleichwertig ist, und wir nur auf Grund der strukturellen Verfasstheit unserer Gesellschaft unterschiedlich bewertete Preisschilder draufkleben, wird aber vermutlich für eben jene “Leistungsträger” noch ein paar Äonen in Anspruch nehmen. Narzistische Egos schrumpfen nämlich nicht so schnell...

Ich habe meinen freien Tag, den ich mir genommen habe, weil ich mehr als genug Stunden auf meinem Arbeitszeitkonto habe, und heute überdies keine wichtigen Termine auf der Agenda standen, mal wieder gänzlich anders verbracht, als gedacht. Denn in meinen Träumen sitze ich mit einem guten Buch in der Sonne, nachdem ich ein Weile spazieren gegangen bin. In der Realität mache ich mir mal wieder öffentlich Gedanken über irgendsoein soziales Thema, nachdem ich eingekauft und Essen für meine Lieben gekocht habe. Und morgen ruft sie wieder unerbittlich – die Arbeit! Ein freier Tag extra dann und wann vermag nicht zu ändern, dass ich im Moment immer noch erschöpft durch den Sirup meiner Probleme wate – aber er bietet mir die Chance zum Innehalten und gleichzeitig ahnungslos in das Hineinleben, was auch immer gerade geschehen wollen mag. Ein Futzel frische Freiheit. Genau das wünsche ich euch allen da draußen auch. Bis die Tage.

Zufriedenheit N°7 – “Mein Therapeut sagt…”

Ich bin ja jetzt nicht so das typische Trend-Opfer. Wer mich in meiner Hood oder auf der Arbeit umherwandern sieht, bemerkt meistens die gleichen Dinge: Sneaker, Jeans und T-Shirts in gedeckten Farben, keine Accessoires und einen Homebrew-Haarschnitt Marke Langhaarschneider. Optisch bin ich ungefähr so interessant, wie diese neuerdings allseits beliebten Steinwüsten-Vorgärten, welche unsere urbane Bodenversiegelung noch ein bisschen beschleunigen – und das ca. so farbenfroh wie’n Bundeswehr-Panzer. Aber Trends gibt es ja – oh Wunder – nicht nur in der Mode. Ich werfe mal die Buzz-Words “New Work”, “Work-Life-Balance” und “Achtsamkeit” in den Raum, lasse deren unheilvolle Wirkung kurz verhallen und setze ein herzhaftes “WAS’N BULSHIT!” on top. Hab ich mich bei einigen Gelegenheiten schon dran abgearbeitet. Nun scheint ein neuer medialer Trend gerade hip zu sein: Psychologische Betrachtungen. Insbesondere Zeit online schmeißt da im Zwei-Tages-Takt mit Artikeln um sich.

Zuerst habe ich das anfangs (insbesondere als Betroffener) mit gewissem Interesse verfolgt, dann nach einer kurzen Weile mit einem Schulterzucken abgetan – und jetzt nervt es mittlerweile nur noch! Nicht, weil ich Psychogramme langweilig fände. Man kann Menschen interessent finden und sie dennoch von ganzem Herzen hassen. Ich habe nur mit der Redundanz ein Problem. Und dem Umstand, dass die Themen irgendwie doch nur wie Füllmaterial für das Sommerloch wirken. Ich bin ja kein gelernter Journalist, aber ich würde mal annehmen, dass insbesondere Interviews mit Experten und/oder Betroffenen eine gewisse Vorbereitung brauchen; und das Redigieren solcher Texte bis hin zur Veröffentlichungs-Reife in aller Regel auch ein Korrektur-Lesen durch den/die Interviewten beinhaltet. Der Prozess benötigt üblichwerweise ein paar Wochen. Man hat also nicht zufällig soviel davon genau jetzt am Start, sondern dahinter steckt eine Agenda. Und ich frage mich gerade, welche das wohl sein könnte?

Zweifelsohne hat die Pandemie die Situation für psychisch Erkrankte nicht wirklich verbessert. In den meisten Fällen dürfte eher das Gegenteil der Fall sein. Und natürlich kann es im interesse genau dieser Menschen sein, darauf aufmerksam zu machen, dass die Versorgungsstrukturen für psychische und psychosoziale Notfälle in Deutschland stellenweise geradezu grotesk schlecht sind, wenn man bedenkt, wie viel Geld wir per anno in unser Gesundheitswesen pumpen. Aber irgendwie drängt sich mir der Eindruck auf, dass man hier nicht zu einer – sinnvollen – Diskussion anregen will, sondern mit einem gerade trendigen Thema Klickzahlen zu generieren versucht. Wenn schon die CDU-Skandale nicht mehr ziehen, der Baerbock (zumindest gefühlt) erlegt wurde, und jetzt viele an der bangen Frage der BILD-Zeitung verzweifen, ob der Malle-Pauschal-Urlaub schon wieder in Gefahr ist, braucht man halt irgendwas, was die Leute wenigstens ein bisschen hooked: Haben wir alle einen an der Waffel?

Als Mensch, der immer mal wieder mit seiner Depressionserkrankung zu kämpfen hat, muss ich sagen, dass ich einem solchen medialen Spotlight gegenüber höchst ambivalente Gefühle habe. Man(n) möchte meinen, dass die Grenze zwischen Effekthascherei und gut gemeinter Aufklärung einen höchst schmalen Grat darstellt, von dem der eine oder andere Artikel abgleitet. Insbesondere, wenn ich Überschriften wie “Depressionen passen zum Zeitgeist” lese. Und damit ist dem interviewten Experten kein Vorwurf gemacht, denn diese Headline wurde aus gutem Grund aus dem Zusammenhang gerissen – um potentielle Leser mit einer höchst kontrovers klingenden Aussage aus der Reserve zu locken. Und genau deshalb finde ich, dass solche Themen, wenn sie denn schon in Mainstream-Medien behandelt werden müssen, bitte etwas sachlicher daherkommen sollten. Denn was den Leuten als salienter Reiz in Erinnerung bleibt, ist vor allem die Headline!

Auch der Umstand, das Befragte damit kokettieren, dass der Satz “Mein Therapeut sagt…” schon fast zu einem kulturellen Code degeneriert ist, mit dem man Small-Talk einleiten kann, stimmt mich diesbezüglich nicht gerade positiv. Denn tatsächlich sind psychische Erkrankungen immer noch mit Stigmatisierung verbunden; Witze möchte ich darüber also, zumindest öffentlich, nicht gerissen sehen. Auch nicht durch Betroffene. Aber wahrscheinlich gehe ich hier zu hart mit den Menschen ins Gericht. Jede:r hat ja so eine eigene Art mit dem Druck, dem Schmerz und dem Stress umzugehen. Die Journaille sollte sich allerdings endlich mal hinter die Ohren schreiben, dass man Fingerspitzengefühl und etwas Expertise braucht, um solche Themen adäquat aufbereiten zu können. Und das vermisse ich im Moment zu oft. Sei’s drum; mir geht es im Moment besser und das wünsche ich allen anderen Betroffenen auch! Schöne Woche.

The networked mode – does it make sense…?

Ein – mir selbst immer wieder unterlaufender – sprachlicher Lapsus ist der Ausspruch: “Das macht Sinn.” Sinn kann man nicht machen, oder herstellen. Er ergibt sich – oder auch nicht – aus dem, was wir tun oder lassen. Ich las heute morgen einen Artikel, der sich um diese magische Frage nach dem Sinn des Lebens drehte und der Autor kommt zu der durchaus erfrischenden Erkenntnis, dass diese Frage nach dem Sinn der Sylversterabend unter den Fragen sei – total überschätzt! Wenngleich meine eigene Erkenntnis zu dieser Frage ganz simpel lautet: Der Weg ist das Ziel. Oh, wie ich Glückskekssprüche manchmal liebe 😉 . Nein, ernsthaft; die Suche nach dem Sinn ergibt dann welchen, wenn man unterwegs die Fragen findet, die für einen selbst wirklich relevant sind. Wie zum Beispiel “Will ich das wirklich?”, “Wohin bringt mich das?”, “Macht mich das zufrieden(er) oder gar glücklich(er)?”, “Brauche ich das wirklich?”, “Ist das Kunst, oder kann das weg?”… [Hier ist noch der gedankliche Platz für eure relevanten Fragen]

Was hat das aber nun mit “dem Netzwerken” zu tun? Ich finde, die Antwort liegt auf der Hand. Da wir uns als soziale Wesen in und durch unsere Beziehungen realisieren, ist der Netzwerkmodus wahrscheinlich die Urform unseres Daseins. Das Eingebettetsein in das Miteinander bot unseren hominiden Vorfahren Schutz vor den Fährnissen einer verdammt gefährlichen Welt. Mit jedem Jahrhundert, jedem Jahrtausend, das verging, wurde unsere Spezies etwas besser darin, mit diesen Gefahren umzugehen. Aus der (objektiv) existenziellen Bedrohung auf dem Weg zu einer Quelle mit trinkbarem Wasser ist die (subjektiv) existenzielle Bedrohung des Egos durch zu wenig Insta-Likes geworden. Es wäre vermutlich ein wenig sehr darwinistisch, wenn ich in diesem Zusammenhang schon von Degenerierung spräche, aber… so ganz von der Hand zu weisen ist der Gedanke nicht. So richtig in argumentative Schieflage käme ich jetzt, wenn ich anfinge davon zu sprechen, dass die Menschen mal wieder eine echte existenzielle Bedrohung bräuchten, um wieder zu einem besseren Selbst zu finden, oder?

BÄM – schiefgelaufen. Denn diese Bedrohung ist da. Nennt sich Pandemie. Und was sie hervorgebracht hat, war bislang, neben dem erhofften Altruismus, den es tatsächlich auch hier und da gab, vor allem ein krudes Surrealitäten-Kabinett voll von monströsen sozialen Entgleisungen. Facebook ist so ein schönes Biotop… Ich versteige mich jetzt mal zu der Vermutung, dass wir heutzutage so scharf auf digitales Sozialleben inclusive Lagerfeuer sind, weil wir verlernt haben, wie das enge Miteinander unter schwierigen Bedingungen funktioniert. Wir leben (zumindest hier in Deutschland) in solchem Überfluss, dass sich jeder für den König / die Königin seines kleinen Reiches hält und keine Kompromisse mit all den anderen Herrschern*innen eingehen möchte, weil das hieße erkennen zu müssen, dass man so individuell gar nicht ist. Denn, wenn das Licht ausgeht, sind wir alle grau – und im Liegen sehen wir alle gleich aus (übliche Serienschwankungen sind in dieser Aussage einkalkuliert).

Dieses Selbstverständnis – genährt aus den Missverständnissen über die tatsächliche Beschaffenheit von Netzwerken – ist es, was uns so viele Probleme schafft. Wenn ich in einem Land 82.000.000 Individualisten habe (und wir tun unser Bestes, unsere Kinder auch diesbezüglich nach unserem Ebenbild zu erziehen), treibt alles auseinander, weil jeder für sich reklamiert, immer und überall im Recht zu sein; und das Netzwerk in seinem Kopf nicht mehr aus echten, anstrengenden sozialen Beziehungen besteht, die gepflegt werden wollen, sondern aus einem unerschöpflichen Scrollbalken voller geteilter Bildchen, Memes, Texte, Videos und Werbung, der uns vorgaukelt, so etwas wie ein Abbild unserer Welt zu sein. Natürlich ist das eben gezeichnete Bild übertrieben, denn die allermeisten von uns pflegen immer noch soziale Kontakte. Aber es ist so unfassbar leicht, sich auf irgendwelche Empörungswellen einzulassen, weil – wie ich andernorts schon mal dargestellt habe – echte und subjektive Sozialrealität entkoppelt werden, sobald ich auf der Taschenwanze (a.k.a. Smartphone) irgendeine Social-Media-App starte. Weil ich auf der Suche nach Sinn bin.

Denn wir projizieren unsere Suche nach Bestätigung, nach Einbettung in das Soziale, nach etwas, dass sich gut anfühlt – mithin also unsere Suche nach Sinn im Leben – in die Virtualität. Die war jedoch nie dazu gemacht, uns Sinnsuche zu ermöglichen. Diese Apps sollen für ihre Macher Geld verdienen, indem sie Werbung streuen. Und sie machen es ganz leicht Sinn und Zweck zu verwechseln. Sinn ist das, was sich aus unserem Tun und Lassen ergibt. Zweck ist die Motivation, aus der heraus wir etwas tun oder lassen. Wir aktivieren also irgendeine (Anti)Social-Media-App zu dem Zweck nach etwas zu suchen, was wir dort – by design – nicht finden können: Sinn. Je früher man das versteht, desto einfacher wird es, den Mist abzuschalten; oder ihm wenigstens nicht so viel Raum und Macht über das eigene Leben zu geben. Denn scrollend, rezipierend dazusitzen, ist rein passiv. Rausgehen und etwas tun ist aktiv. Nur aus der Aktivität aber kann sich Sinn ergeben. Oder, wie Erich Kästner mal gesagt hat “Es gibt nichts Gutes, außer man tut es!” In diesem Sinne – eine schöne Woche.

The networked mode – New Work anyone?

An keiner Stelle wird der Netzwerkgedanke augenfälliger, als bei der Arbeit – wenn man denn einer nachgeht, die nichts mit direktem Produktionsgewerbe oder kundennaher Dinstsleistung zu tun hat. Der durchschnittliche Handwerker oder Facharbeiter hat mit “dem Netzwerken”, so wie ich es beschrieben habe bestenfalls zu tun, wenn er mit dem Chef oder Polier per Mail/Chat klärt, ob das so passt, wie’s gemacht wurde. Das ist auch der Bereich, in dem alle Diskussionen um Home-Office keinen wirklichen Sinn ergeben. Aus genau dem Grund – nämlich falsch verstandenem Digitalisierungsgesülze, verbunden mit einem nicht zu knappen Schuss Technikgläubigkeit – verstehen die meisten Leute bis heute nicht, das “New Work” und Digitalisierung so viel miteinander zu tun haben, wie Apple und nachhaltige Ressourcen-Wirtschaft. Aber was weiß ich schon…? Vielleicht sollte ich mich hier mal kurz selbst zitieren (Der Post ist ca. neun Monate alt)

“Wenn wir jedoch diese Gelegenheit ungenutzt verstreichen lassen, unser Verständnis von guter Arbeit und zu welchen Bedingungen diese stattfinden sollte gründlich zu überdenken, dann bleibt der heutige Gebrauch des Terminus “New Work” auch zukünftig das, was er jetzt gerade ist: überstrapazierte und überflüssige Labersülze für selbsternannte digital nomadisierende Möchtegern-Eliten. New Work soll und will im Kern ein Gegenentwurf zur aktuellen Version des Kapitalismus sein, ohne dabei die Fehler des Sozialismus zu wiederholen; wird aber allzu oft von Apologeten dieser verfluchten “Leistungsträger”-Mentalität zu einer bloßen Re-Organisation von White-Collar-Arbeitsprozessen verzwergt. Denn die Angst, Arbeit tatsächlich neu zu denken, stellt gesellschaftliche Machtverhältnisse und damit letztlich viele der tradierten Sozialstrukturen in Frage. Wahrscheinlich wäre das der große Wurf, den wir eigentlich brauchen, zu dem wir aber noch nicht bereit sind.”

http://unlimited-imaginations.com/new-work-n2-was-isn-da-jetzt-new-dran

In meiner Arbeitswelt wird dauern von Synergien gesprochen; also einer Zusammenarbeit zum beiderseitigen Nutzen (auch gerne “Win-Win” genannt). Gemeint ist dabei jedoch lediglich eine Effizienzsteigerung der eigenen Geschäftsprozesse. Oder anders formuliert: was unterm Strich steht, zählt! Das dabei die Menschen, welche den Umsatz erwirtschaften nicht immer eine wichtige Rolle spielen, versteht sich von selbst. Und da, wo ich bin, ist es noch ganz OK. Andernorts geht man da wesentlich unfreundlicher mit seinen “Human-Ressourcen” um. Und immer spielen dabei die vordergründigen Netzwerk-Prozesse eine Rolle; “…wenn ich den mit dem und der zusammenbringe, entsteht dabei vielleicht…” Auch beliebt: “…und wir brauchen noch dieses technische Asset, um die Kommunikation zu beschleunigen!” Wobei gerne vergessen wird, dass nachhaltige Prozesse oft eher eine bewusste, langsame Kommunikation und langsames Denken (Danke, Danny Kahnemann) brauchen. Zappelige Entscheider führen oft zu erratischen Entscheidungen, zu Fixierungsfehlern, zu verbranntem Kapital – und zu ausgebrannten Mitarbeitern. Anstatt dann darüber nachzudenken, worin die Fehler bestanden haben könnten und wie man diese das nächste Mal verhindert, sucht man lieber nach Schuldigen. “Just Culture” (Daniel Marx) könnte so viele Probleme lösen helfen…

Das Augenmerk liegt auf Gimmicks – nicht auf der Kommunikation selbst…

Man bemüht dann auch mal gerne (teure, externe) “Change Manager”, die einem immer das gleiche sagen: dass man Mitarbeiter bei Veränderungen nur durch maximale Transparenz und zumindest eine teilweise Parztizipation an der Neugestaltung mitnehmen kann. EGAL WAS NEU GESTALTET WERDEN SOLL! Da kannste dir den Mund fusselig reden, es werden trotzdem immer genau die gleichen Fehler aus genau den gleichen Gründen gemacht. Oder wie Kegan und Lahey auf Seite 1 sagen: “[…] if we want deeper understanding of the prospect of change, we must pay closer attention to our own powerful inclinations not to change.” ’nuff said, already, eh…? An work wird nix new, nur weil man Gimmicks hinstellt und einen auf modernes Netzwerk macht! Solange die Menschen als der eigentlich entscheidende Faktor jeden Netzwerkes (schon vergessen: Punktualisierungen werden durch Menschen gebildet!) ausgeblendet, marginalisiert, übergangen oder – noch schlimmer – auf biologistische oder technizistische Funktionen reduziert werden, braucht sich kein Boss zu wundern, wenn es nicht so gut läuft, wie es könnte. Den Weg vom Boss zum Leader beschreitet man dadurch, dass man Netzwerke als soziale Geflechte denkt und Menschen auch wie Menschen behandelt – und nicht wie unternehmerische Assets… Egal, wie man es auch dreht und wendet: so lange der Begriff “Netzwerke” in der Arbeitswelt in den entscheidenden Köpfen (eigentlich in fast allen) nur eine vage Idee von blinkenden LEDs, Patchkabeln, Smartphones und Laptops erzeugt, wird der Mensch als relevantes Movens der Dinge immer aus dem Blick geraten. Es gibt noch viel zu tun. Lasst uns netzwerken…

  • Kahneman, D. 2011: Schnelles Denken, Langsames Denken. München: Siedler Verlag
  • Kegan, R.; Lahey, L. 2001: How the way we talk can change the way we work. Seven languages for transformation. San Francisco, CA: Jossey-Bass.
  • Marx, D. 2009: Whack-a-Mole. The price we pay fpr expecting perfection. Plano, TX: By your side studios.

The networked mode – (anti)social media?

Bezogen auf den Umfang meines persönlichen Wirkens in den sozialen Medien, der durchaus nicht gering ist, müsste man annehmen, dass ich mich mit manchen Eigenheiten mittlerweile angefreundet hätte; vielleicht aber zumindest meinen Frieden gemacht. Au contraire, liebe Leser… au contraire! Wie im letzten Post bereits im Nebensatz angeklungen sein mag, ist der Gebrauch solcher Netzwerke für mich stets mit ambivalenten Gefühlen versehen. Einerseits versuche ich – so wie jede Oberflächenpolierte Influencer-Blödfliege auch – meine Reichweite zu steigern, indem ich meine Posts zum Beispiel auf Facebook teile, obwohl ich weiß, dass die Zuckerberg’sche Aufregungs- und Beleidigungsschleuder das Letzte ist und ich damit auch noch einen Anbieter unterstütze, der echte Partizipation und nachhaltiges Handeln mit Füßen tritt. Ich erweise der Demokratie also gerade einen Bärendienst. Andererseits wüsste ich nicht, wie ich sonst an mehr potentielle Leser kommen sollte, um Ideen für mehr Partizipation und bewussteren Umgang mit der eigenen Existenz zu streuen. Tolles, Dilemma, aber für SEO bin ich halt zu blöd. Oder zu wenig Verkäuferseele.

Folgen wir den Meta-Überlegungen zu Netzwerken, die ich im letzten Post angestellt habe, spiegelt mein Bemühen um Reichweite den Wunsch wieder, die Emergenz von Interaktion, also die Entstehung von Punktualisierungen anzuregen, zu beschleunigen, und bestenfalls sogar zu lenken. Das ist grundsätzlich weder unmöglich noch falsch. Andernfalls könnte ich zum Beispiel als Lehrer einpacken, weil alle Versuche der Lern-Ermöglichung für meine SuS bereits im Kern sinnlos wären. Aber dazu in einem anderen Post mehr. Indem ich also meine Sichtbarkeit steigere, vergrößere ich die Wahrscheinlichkeit der Konvergenz anderer Akteure mit mir, bzw. dem, was ich von mir preisgebe. Das Prinzip kennen wir auch aus der Werbung – in unnachahmlicher Weise vom “Seitenbacher-Mann” auf die Spitze getrieben. Oder anders gesagt: man kann es auch übertreiben. Denn natürlich ist es möglich, dass ein bewusster Versuch, Konvergenz zu erzeugen als unerwünschtes Eindringen in die so genannte Intime Zone oder die Privatsphäre interpretiert und entsprechend unterbunden oder gar sanktioniert wird.

Dabei entsteht das Problem, dass speziell in der digitalen Kommunikation, die einerseits oft anonym, vor allem aber asynchron abläuft, die Wahrnehmung dieser Begriffe verschoben sein kann, oder aber diese von manchen sogar als schlicht irrelevant betrachtet werden, weil ja zumeist keine Face-to-Face-Gespräche stattfinden. Dieser soziale Aspekt von Kommunikation, den unter anderem Paul Watzlawick in seinem 2., 4. und 5. Axiom sehr präzise beschrieben hat, kann dabei vollkommen entkoppelt werden. Die Folgen können wir – höchst eindrucksvoll – in den Kommentarspalten auf Facebook betrachten. Und weil nur einen Stein werfen darf, wer ohne Sünde ist, sei hier angemerkt: auch meine Contenance ist gelegentlich erschöpft und ich begebe mich auf das televerbale Schlachtfeld des Nazi- und Querdenker-Bashings. Wenn man diese Knalltüten auf die richtige Art triggert, kann man sie danach sperren lassen. Jeder braucht halt ein Hobby und gelegentlich ist das für ein Stündchen mal ganz unterhaltsam. Mein Druck steigt dabei mittlerweile kaum noch…

Es ist jedoch diese – zumeist unbewusst vollzogene – Entkopplung von Kommunikation und echter Beziehungsarbeit (die unteilbarer Aspekt der Face-to-Face-Kommunikation ist), welche Phänomene wie Amok laufende Foren-Trolle und Influencer (ich sehe beides auf ungefähr der gleichen Evolutionsstufe) erst möglich macht. Indem ich mich beim Sehen, Hören, Schreiben, Posten in den (Anti)sozialen Medien mit meinen Äußerungen nur selbstreferentiell auf meine individuellen derzeitigen Emotionen beziehen kann, weil mir durch die Asynchronizität die tatsächliche Gemütslage meines Gegenübers verborgen bleibt, sitze ich in einer hausgemachten Echokammer. Dabei verkümmert einer der Hauptaspekte menschlichen Miteinanders vollkommen: die Empathie! Im digitalen Netzwerk werden Menschen sehr schnell zu Machiavellisten: der Zweck (andere zu treffen, herabzusetzen, die eigene Position zu stärken, etc.) heiligt die Mittel (des Internet-Trolls)! Und damit ist die Idee des Netzwerkes als Modell für soziale Beziehungen zur Disposition gestellt. Möchte man daran festhalten, muss man – mit Resignation – Soziale Medien als zumindest in nicht unerheblichen Teilen dysfunktionale Netzwerke betrachten. Ein weiteres Problem dabei ist, dass die, beim beschriebenen Mechanismus zu Tage tretenden Affekte der Protagonisten nur schwer zu kontrollieren sind.

Diesen Mechanismus der individuellen, aber auch der Kleingruppen-Selbstreferentialität bespielen die Apologeten der Anti-Demokratie (im Moment vor allem Rechte Gruppen) virtuos. Ängste werden getriggert und selbst ansonsten eher nicht diesem politischen Spektrum zuzuordnende Menschen teilen und liken übelste Propaganda, und posten auch noch ihren – leider allzu oft unreflektierten – Senf dazu, ohne zu verstehen, dass sie gerade hinterhältig manipuliert und instrumentalisiert werden, um eine Agenda zu betreiben, die ihnen am Ende noch mehr Schaden zufügen wird. Sogenannte Kleinbürger, welche die AfD als Besitzstandswahrer wahrnehmen und sie deshalb der SPD oder den Linken vorziehen (soziologisch gleichen sich die beiden Wählerklientel ziemlich!), würden ihr wahrhaft blaues Wunder erleben, wenn diese neoliberale Agenda zum Tragen käme. Aber dazu soll hier nichts weiter gesagt werden, es kann ja jeder das Wahlprogramm lesen – wenngleich ich befürchte, dass das vielen zu mühsam ist…

Was also in den (anti)sozialen Medien passiert ist, dass der Meta-Begriff “Netzwerk” seiner Kommunikationskomponente “Empathie” beraubt und stattdessen auf Ereiferung getrimmt wird. Insbesondere der Zeitaspekt spielt hierbei eine wichtige Rolle; die Ausbildung einer Punktualisierung braucht, wie letzthin gesagt, Zeit und bewusste Pflege; also ab einem bestimmten Zeitpunkt ein aktives Investment der Akteure in deren Erhalt. In ein Ereiferungs- und Wut-Netzwerk hingegen muss ich nicht mehr investieren, als ein paar Mikrogramm Adrenalin und Cortisol, sowie ein paar Mausklicks – und fertig ist der Hass! Ich wünsche einen schönen Tag – und die Muse, nachzudenken, bevor man sich äußert.

  • Watzlawick, P.; Beavin Bavelas, J.; Jackson, D. 2011: Pragmatics of Human Communiaction. New York: W. W. Norton & Company Inc.
  • Machiavelli, N. 2001: Der Fürst. Frankfurt/Main: Insel Verlag.

The networked mode – ein paar Ideen zu Netzwerken…

Ich will mir ‘n paar Gedanken über das Thema machen, die sich nicht in “…und dann haben wir beim After-Work-Dinner noch den Abschluss klar gemacht!” oder “…der Typ auf Youtube hat aber gesagt, dass…” erschöpfen. Es erscheint mir heutzutage oft so, als wenn wir ein paar grundlegende Aspekte des sozialen Miteinanders vergessen hätten (oder aber ignorieren), weil wir “das Netzwerk” als neues Normal der Interaktion so verinnerlicht haben, dass wir gar nicht mehr hinter das ungesunde Blau der Bildschirme blicken können, die wir fälschlicherweise damit synonymisieren. Daher möchte ich mit einer kleinen Artikelserie (werden so drei bis vier mit unterschiedlichen thematischen Akzenten) ein paar Dinge beleuchten, die mir in letzter Zeit aufgefallen sind. Ob’s jemand kommentiert, ist mir mittlerweile fast egal, ich schreibe das hier für mich, um ein paar Dinge besser verstehen zu können. Mir hilft dabei das Schreiben ganz enorm. Also geht’s los, mit etwas Metatheorie…

Menschen sprechen gerne über “Netzwerke”, über “das Netzwerken”, über positive Effekte und die Synergien, die wir durch die “Vernetzwerkung” unserer Leben gewonnen haben und immer nopch gewinnen. Jede Medaille hat ja bekanntermaßen zwei Seiten, aber bevor man sich anschaut, was die Aktivierung dieser Synergien tatsächlich bedeutet, wäre es da nicht sinnvoll, sich erstmal über den zu Grunde liegenden Begriff des “Netzwerkes” Gedanken zu machen? Die meisten Leute denken dabei zuerst an die bunten Kabel hinten in ihren Computern, oder die putzigen Antennen an ihrem Router, und den Zugang den sie dadurch zur Welt (oder auch “nur” zu den, im Kontext der Arbeit benötigten informationen) bekommen: Internet oder Intranet. Mails schreiben, gemeinsam Dokumente bearbeiten, recherchieren, etc. Sowas eben… Doch dieser rein technizistische Ansatz greift zu kurz.

Wir beginnen mit einem Begriff, der ebenfalls gerne Hollywood-befeuerte Assoziationen weckt: Kybernetik. Ursprünglich von Norbert Wiener im Rahmen der kriegsrelevanten Forschung für das MIT während des 2. WK entwickelt, handelt es sich dabei nicht um fancy Titan-Protesen zur Kampfkraftsteigerung (=> Cyborg), sondern um eine Theorie zur Steuerung komplexer Regelkreise an Hand von Modellen aus der Natur. Wiener sah hier Analogien natürlicher und künstlicher Prozesse, eine Verflochtenheit von Natur und Technik, der später viele lustige Dinge angedichtet wurden. Ursprünglich ging es aber nur um das Regeln und Steuern. Alsbald erkannten andere jedoch, dass diese Verbindung von Natur und Technik (also auch Mensch und Technik) vollkommen neue Möglichkeiten des sozialen Austausches ermöglichen könnte. Oder anders gesagt: man vertraute den alten hierarchisch-formalsierten Formen des Miteinanders und Austausches nicht mehr, welche die Welt im 2. WK erst an den Rand der Vernichtung getrieben und in der Folge zweigeteilt zurückgelassen hatten.

Man sehnte sich (zumindest im Westen) nach anderen Formen der Verbundenheit und einem geringeren Einfluss durch staatliche und wirtschaftliche Institutionen. Ich will das an dieser Stelle nicht zu sehr vertiefen, doch im Ergebnis entstand das Verlangen nach einem Austausch auf persönlicher Ebene (und zunächst auch in kleinerem Maßstab). Die Modelle aus der Kybernetik und die aufkommende Systemtheorie führten zu einem neuen Verständnis von sozialer Verbundenheit, aus dem der Netzwerkgedanke entstand: einzelne Akteure, verbunden mit anderen einzelnen Akteuren, die so anlassbezogen und unreguliert soziale Beziehungen pflegen können sollten (das realweltliche Modell dafür waren übrigens – ohne Witz – die amerikanischen Hippiekommunen der späten 60er und früher 70er Jahre). John Law nannte solche Interaktionen zwischen einzelnen Akteuren und ihren weiteren Netzwerken im Rahmen der Akteur-Netzwerk-Theorie später Punktualisierungen. Die Nomenklatur ist eigentlich egal; wichtig ist nur, dass man versteht, dass der Begtriff Netzwerk nicht nur irgendwelchen www-Kram meint, sondern die Vebundenheit von Akteuren (also vor allem Menschen, aber auch eine Firma kann ein Akteur sein) und deren weiteren Netzwerk-Verbindungen. Wir könnten diese Punkte auch Nexus nennen.

Vermittlungseffekte in Netzwerken

Man kann das so lesen: einzelne Akteure begegnen sich informell oder Anlassbezogen (die Netzwerke beginnen zu konvergieren) und beginnen zu interagieren (daraus emergiert eine Punktualisierung). Diese kann flüchtig, kurzanhaltend oder dauerhaft werden, das hängt jedoch von den Intentionen, Motivationen und Verpflichtungen der Akteure ab. Francisco Varela und Evan Thompson haben bereits 1991 in ihrem Buch “Der mittlere Weg der Erkenntnis” beschrieben, dass die emergierenden Ergebnisse keinesfalls vorhersehbar sind, die strukturelle Kopplung jedoch auf die Akteure zurück wirkt. Netzwerke, ganz gleich ob geplant oder zufällig entstanden, bleiben also nie folgenlos. Ein Beispiel: ich besuche einen Fachkongress und treffe in einer der Vortragspausen jemanden, mit dem ich eine angeregte Diskussion über ein zufällig aufgegriffenes Thema X führe. Man tauscht Kontaktdaten aus, verabschiedet sich dann irgendwann zum Ende der Veranstaltung, um drei Wochen später festzustellen, dass der Inhalt des Gespräches plötzlich an Relevanz gewonnen hat – und greift dann zum Telefon, oder schreibt eine Mail.

Natürlich kann das im privaten Kontext (Anbahnung körperlicher Lustbarkeiten oder gar einer Beziehung bei Tanzveranstaltungen, etc.) genauso passieren. Das Beispiel war willkürlich gewählt. Es hätte auch so ausgehen können, dass sich kein weiteren Grund für einen erneuten Austausch ergibt, die Verbindung somit schwach bleib,t und die entstandene Punktualisierung irgendwann wieder erlischt. Netzwerke entstehen so – sie vergehen allerdings auch wieder, wenn man sie nicht pflegt. Denn letztlich sind Netzwerke erst mal nichts weiter, als ein Modell für soziale Beziehungen unterschiedlichster Natur. Und hier kommt die eingangs erwähnte Analogie von Natur und Technik zum Tragen. Wir neigen dazu, den Begriff “Netzwerk” mit dem Begriff “technisches/digitales Netzwerk” zu verwechseln. Einer der Gründe für die Seuche namens Influencer – man fühlt sich einer Person verbunden, die nicht mehr ist, als ein Zeichen (oder ein Avatar). Abermals, Willkommen in der Semiotik. Die Auswirkungen auf unsere Wahrnehmung der Welt und vor allem unsere Kommunikation sind sehr vielfältig. Der nächste Aspekt mit dem ich mich nun befassen möchte, ist die Wirkung des beschriebenen Problems in den sozialen Medien. Kommt schon bald…

  • Belliger, A; Krieger, D. 2006: ANThology. Ein einführendes Handbuch zur Akteur-Netzwerk-Theorie. Bielefed: transcript Verlag.
  • Turner, F. 2008: From Counterculture to Cyberculture. Chicago/London: The Chicago University Press.
  • Caspers, M. 2018: Zeichen der Zeit. Semiotik für Medien, Design, Kunst und Kommunikation. Köln: CreateSpace Independent Publishing Platform.
  • Varela, F.; Thompson, E. 1991: Der mittlere Weg zu Erkenntnis. Die Beziehung von Ich und Welt in der Kognitionswissenschaft. Bern, München, Wien: Scherz Verlag