Ein verdammtes Jahr…

Immer dann, wenn Probleme auftauchen, für deren Lösung eigentlich ein Paradigmenwechsel notwendig wäre, graben Politiker in der Mottenkiste und fördern mit tödlicher Sicherheit einen Wiedergänger zutage, dessen Existenz alle besser vergessen hätten. Im Moment zum Beispiel gibt es Probleme mit ausreichender Personaldecke in der Pflege und bei der Bundeswehr. Ist ja nix neues. Nun kommt die junge Union mit einem “Gesellschaftsjahr” um die Ecke, also der Idee einer Verpflichtung aller Schulabgänger, ein Jahr lang entweder Wehrdienst zu leisten, oder im Sozial- und Gesundheitswesen tätig zu werden. Also im Endeffekt eine Neuauflage des Wehr/Zivildienstes, wie wir ihn bis 2011 Jahrzehntelang gehabt hatten. Echt innovativ…

Die Aussetzung der Wehrpflicht wurde damals u.A. auch mit mangelhafter Wehrgerechtigkeit begründet (nur noch ein kleiner Teil jeder Alterskohorte wurde tatsächlich dienstverpflichtet, was natürlich der Gleichstellungsidee widersprach). Nun möchte man jeden – und vor allem auch jede – verpflichten, entweder bei der Bundeswehr oder im Sozial- und Gesundheitswesen tätig zu werden. Kontroversen waren ja zu erwarten, aber die Diskussionen unter diesem Artikel sind schon haarsträubend. Daher wäre es vielleicht sinnvoll, die Argumente mal kurz zu analysieren:

Die Initiatoren des Vorschlages erhoffen sich ein mehr an gesellschaftlichem Zusammenhalt, wenn das Arbeiterkind und das Managerkind mal zusammen durch den Dreck robben müssen.  Man denkt, dass gemeinschaftliches Tun in mehr Solidarität, mehr sozialer Kohärenz münden würde. Sozialpsychologisch ist diese Ansicht fragwürdig, da Altruismus z.B. nicht erzeugt werden kann.  Man könnte unterstellen, dass tatsächlich der Wunsch nach einer weniger segregierten und fragementierten Gesellschaft als Motiv Pate stand, doch ich habe ob der offenkundigen Naivität einer solchen Strategie meine Zweifel, würde es doch zumindest ein sehr verkürztes Verständnis für soziale Zusammenhänge offenbaren. Und es wäre doch schade, wenn Politiker so einfach dächten, oder? Ach Moment, ich habe den Söder und den Seehofer vergessen…

Tatsächlich liegt der Verdacht nahe, dass rein ökonomische Gründe für diesen Sommerloch-Füller vorliegen: man möchte Personal-Lücken billig füllen. Und dagegen sprechen in der Tat viele Gründe:

  • Für die meisten Tätigkeiten im Gesundheits- und Sozialwesen bedarf es einer Ausbildung, die länger dauert, als das gesamte “Gesellschaftsjahr” lang wäre. Man müsste also entweder die jungen Leute nach Crashkursen monatelang mit Hiwi-Tätigkeiten langweilen, oder den Zeitraum über mehr als ein Jahr ausdehnen. Nur wenige Bereiche bieten sie Möglichkeiten, für beide Seiten nutzbringend “Freiwillige” einzusetzen.
  • Die Ausbildung bedarf auch bei Crashkursen für einfachere Tätigkeiten einer Infrastruktur: Bildungsstätten, Lehrpersonal, Sachausstattung. Das kostet Geld und insbesondere geeignete Ausbilder wachsen nicht pflückreif auf Bäumen.
  • Der Versuch hier vermeintlich einfache Tätigkeiten aus Fachberufen im Gesundheits- und Sozialwesen auszugliedern, um diese an billige Hilfskräfte weiterzureichen, wird das sowieso schon schlechte Gehaltsgefüge in diesen Professionen noch mehr unter Druck bringen. Dies konterkariert u. A. die “Bemühungen” des Bundesgesundheitsministers, der doch die Pflege attraktiver machen möchte…
  • Wehrdienstleistende bei der Landesverteidigung…?!?!? Der Gedanke hat in mir schon immer ein Gefühl irgendwo zwischen Hysterie, Belustigung und Fassungslosigkeit ausgelöst. Und in denen, die es dann ausbaden müssen vermutlich auch. Soldaten auszubilden ist eine komplexe Angelegenheit und macht nur bei Freiwilligkeit wirklich Sinn. Denn Loyalität beim Dienst an der Waffe kann man ebenso wenig erzwingen, wie Altruismus.
  • Die organisatorische Infrastruktur für ein “Gesellschaftsjahr” müsste erst neu implementiert werden: Kosten, geeignetes Personal, Räumlichkeiten?
  • Bei der aktuellen Rentendiskussion den jungen Leuten evtl. durch ein solches Konstrukt die Renten-Anwartschaften um ein Jahr zu kürzen, insbesondere vor dem Hintergrund, dass man damals mit Gewalt das G8 einführen musste, damit die Jungen auch ja früh ins Erwerbsleben eintreten können, klingt irgendwie schizophren, oder?

Für dieses Modell spricht momentan lediglich die Hoffnung, so wie früher eine höhere Langzeit-Rekrutierungs-Quote erzielen zu können. Eventuell die vage Idee, mehr soziale Solidarität zu schaffen, obschon ich hierein keine allzu großen Erwartungen setzen würde. Und natürlich die Vermittlung grundlegender Tugenden wie Disziplin, Fleiß, Pünktlichkeit, etc.; yo, das hat bei der Bundeswehr ja auch immer so gut geklappt…

Ich betrachte diese Diskussion als typische Sommerloch-Totgeburt, denn eine solche Zwangsverpflichtung erzeugt gesamtgesellschaftlich wahrscheinlich mehr Kosten, als sie einsparen helfen könnte – und das bei zweifelhaftem psychologischem Nutzen. Ich lehne einen solchen Vorstoß daher entschieden ab. Wenn man die Probleme bei der Bundeswehr und im Gesundheits- und Sozialwesen wirklich angehen will, muss man die entsprechenden Fachberufe stärken. Kostet auch Geld, das aber besser angelegt wäre…

Randnotizen eines Erschöpften #03

Die Hitze hält an und mein geistige Hitze steigt, wenn ich mir unsere Gesundheitspolitik so anschaue. Herr Spahn, amtierender Minster für Gesundheit hat verschiedene Ideen vorgelegt, die allerdings für einen Praktiker wie Trostpflaster klingen. Anstatt eine Neukonzeption zu wagen, tatsächlich, wie überall sonst auch den Bürger in die Pflicht zu nehmen, die Beitragsaufkommen wieder zu solidarisieren  und die Verwaltungsapparate zu entschlacken, wird hier ein bisschen an einer Schraube gedreht und dort ein bisschen an einer Strippe gezogen. Dabei könnte es einfach sein, wenn man sich ein Herz nähme und nicht immer noch wie ein Pharmalobbyist handeln würde…

  • Einführung eines Faches Gesundheitskunde, spätestens ab der dritten Klasse mit einer Stunde Unterricht wöchentlich. Denn Kenntnisse über die Funktionen des eigenen Körpers und die Funktionen des Gesundheitswesens könnten die medizinische Selbstkompetenz der Bürger erheblich stärken. Die Hoffnung ist, dadurch die Zahl der unnötigen Leistungsinanspruchnahmen zu senken.
  • Die Medizinalfachberufe müssen gegenüber der Ärzteschaft gestärkt werden. Nur wenn sie in der Gesellschaft als eigenes Tätigkeitsfeld wahrgenommen werden, erfahren sie vielleicht auch angemessene Wertschätzung.
  • Überdies muss die Gehalts-Struktur überdacht werden.
  • Einführung einer solidarischen Krankenversicherung. Die gegenwärtige 2-Klassen-Medizin erzeugt finanzielle Anreize für Leistungserbringer, die zur Kostenexplosion im Gesundheitswesen beitragen.
  • Begrenzung des Einflusses der Pharmalobby, verbesserte Steuerung der Ausgaben und Kosten/Nutzen-Bewertung für Pharmaka.
  •  Flächendeckende Einführung des Gemeinde-Notfallsanitäters oder der Gemeindeschwester als Gatekeeper für Notfalldienstleistungen.
  • Disposition der ärztlichen Vertretungsdienste durch integrierte Leitstellen nach bundeseinheitlichem Katalog.

Wenn ich länger darüber nachdächte, fielen mir bestimmt noch mehr Maßnahmen ein. Aber mit dem von mir genannten Katalog ließen sich viele Probleme, die gegenwärtig durch die Medien  geistern (wie etwa überfüllte Notaufnahmen, Hausärzte-Mangel in den ländlichen Räumen) zumindest dämpfen. Zweifelsfrei würde das am Anfang Geld kosten. Langfristig ließen sich Gesundheitsausgaben aber zumindest stabilisieren. Und es kann nicht sein, das Gesundheit – wie derzeit praktiziert – abgesehen von einigen kosmetischen Pflästerchen als Dienstleistung einfach dem Markt überlassen wird. Das verschärft die soziale Ungleichheit weit mehr, als irgendeine andere Unterlassung der aktuellen Politik. Dem muss m,an entschieden entgegen treten, bevor sich auch bei uns lange Schlangen vor den Notaufnahmen bilden.

Das Leid Kultur #02 – Heimat

Über Heimat ist vermutlich schon fast alles geschrieben. Insbesondere jetzt, da plötzlich alle scheinbar ein Interesse an dem Begriff entwickelt haben. Könnte natürlich daran liegen, dass viele – auch manche Politiker – immer noch dem irrigen Glauben anhängen, dass Heimat nur irgendwas mit Abgrenzung zu tun hat. Oh gewiss, es gibt abgegrenzte Gebiete, gemeinhin Nationen genannt, deren Einwohner zumindest einen halbwegs einenden Aspekt gemein haben; nämlich die Sprache. Doch schon hier hapert es bei der Einigkeit, insbesondere, wenn ein Niederbayer mit einem Sachsen spricht. Ortstypische Sprachidiome sind ja auch Teil von Kultur.

Wir lernen daraus, dass Sprache, von den meisten als wichtigster Aspekt einer eigenen Kultur verstanden, als Abgrenzungswerkzeug zumindest schwierig ist. Also gut, dann nehmen wir halt Grenzverläufe. Die wurden ja auch nicht nach Jahrhunderten des Krieges willkürlich entlang irgendwelcher geographischer Landmarken gezogen, die mit Zugehörigkeitsgefühl nicht immer was zu tun haben…oder? Nun sagen wir mal so, die Grenzen der Kurpfalz z. B. haben sich im Lauf der Jahrhunderte dauernd verändert. Man könnte jetzt sagen, dass ich ja damals die Raubritter dauernd um das Land geprügelt haben; nur welcher qualitative Unterschied besteht da zu heute, wenn man sich z.B. die russische Außenpolitik anschaut (Krim-Anexion und so)?

Sprache? Fail! Territorium? Fail! Bleibt also noch die Kultur… Nun dazu habe ich hier schon alles gesagt! Na dann versuchen wir Ethnizität? Nun ja, unser Grundgesetz ist da eindeutig, womit da ganz nebenbei auch gleich die Religionszugehörigkeit als Heimat-Kriterium ausscheidet! Nur für alle, die das immer noch nicht kapiert haben! Auch wenn der Heimat(Schutz)Minister ja genau deshalb so einen Bohei veranstaltet. Es geht um ethnisch und vor allem religiös motivierte Segregations-Bemühungen um „unsere schöne deutsche Heimat sauber zu halten“. Ich weiß nicht, ob er das tatsächlich je irgendwo so gesagt hat, aber alle anderen Äußerungen legen diesen Verdacht nahe. Und wenn’s auch nur in irgendeinem insignifikanten Dorffestzelt war.

Heimat als Kampfbegriff für politische Interessen, insbesondere solche vom nationalkonservativen Typus zu missbrauchen ist ekelerregend. Die Tatsache, dass Heimat für jeden Menschen etwas bedeutet, eine zutiefst emotionale Konnotation besitzt, uns an unsere Herkunft im allereinfachsten menschlichen Sinne gemahnt wird als Instrument genutzt, um negative Gefühle gegen Menschen von woanders zu schüren, indem man den Strohmann des Verlustes brennen lässt. „Die“ nehmen uns unsere Heimat weg. „Die“ sind böse. „Die“ müssen wir bekämpfen, egal wie. Flüchtlinge werden entmenschlicht, objektifiziert und dann gegen das gute Gefühl des Begriffes Heimat gestellt, wie die Schlange, die das Paradies auf den Kopf gestellt hat; und schon haben wir zumindest rhetorische Schützengräben ausgehoben und Waffen ausgeteilt.

Heimat ist, genau wie Kultur als Begriff hervorragend geeignet, von Rassisten missbraucht zu werden. Und wenn ich sehen muss, dass ein Bundesminister sich wie ein Kind freut, dass an seinem 69en zufällig 69 Menschen abgeschoben wurden, muss man sich schon fragen, wes Geistes Kind er denn ist? Letztlich könnte es mir egal sein, weil meine Definition von Heimat nichts mit Abgrenzung zu tun hat. Ich muss keine Unterschiede suchen, um meine Herkunft zu kennen. Ich muss keine Grenzen ziehen, um mich zu Hause zu fühlen. Ich muss niemandes Feind sein, um mein selbst zu kennen!

Was Heimat für mich bedeutet, definiere ich selber – oder besser gesagt, mein Leben definiert das durch mein Tun, mein Lassen und meinen Umgang für mich, so wie es auch mit der Kultur als Lebenspraxis ist. Und ich sehe dabei nicht die Notwendigkeit etwas oder jemand Fremdes als Antithese zu nutzen, an deren Anderssein ich mein eigenes Selbst definiere. Viele Menschen in unserem Lande scheinen jedoch das Bedürfnis zur Abgrenzung zu haben. Nur hat das nichts mit Heimat zu tun, sondern mit Ideologie. Oder besser Demagogie. Da ich mir aber von Demagogen nicht mein Leben diktieren lassen werde, haben alle Bemühungen um eine völkische Ideologie, im Moment auch Heimat genannt, keinen Wert, außer als abschreckendes Beispiel für Anfänge des Faschismus. Danke Herr Seehofer, dass Sie endlich mal Ihr wahres Antlitz zeigen. Und an alle Anderen: Heimat ist, was Ihr daraus macht, nicht was irgendwelche ewig Gestrigen dazu erklären. Habe fertig…

Das Leid Kultur #01

Immer dann, wenn sich andere Strategien erschöpft, als nutzlos oder überholt erwiesen haben, kommt wieder jemand daher und fängt an von Leitkultur. Ob es nun ein reaktionäres Punkte-Programm sei, wie bei Thomas de Maizière, oder der mysteriöse Masterplan unseres Heimat(Schutz)Ministers Seehofer; immer rekurrieren die Apologeten eines allzu statischen Kulturbildes auf den Begriff, der nie als Kampfbegriff, sondern als Erklärungsversuch für das Bild einer multi-ethnischen Gesellschaft, wie sie der Begriff-Schöpfer sehen will.

Obschon vermutlich durchaus mit eigenen Rassismus-Erfahrungen versehen, plädiert dieser für eine, zunächst auf ökonomischer Opportunität basierende Einwanderung nach Deutschland; und darauf, dass eine Leitkultur definiert werden müsse. Definiert? Wer definiert den bitteschön eine Kultur? Und vor allem: was ist Kultur?

Vielleicht sollte man sich der einfachen Tatsache erinnern, das Kultur zuerst und vor allem die gelebte Daseins-Praxis der in einem bestimmten Gebiet lebenden Menschen in all ihren Ausprägungen ist. Kunst ist Teil von Kultur. Kommerz ist Teil von Kultur. Arbeit ist Teil von Kultur. Freizeit ist Teil von Kultur. Und so, wie sich mit dem Zeitlauf, zumeist angeschoben durch technische oder soziale Veränderung, die gelebte Kultur-Praxis ändert, ändern sich auch ihre Ausdrücke.

Meine Photos zum Beispiel sind Ausdruck des in mir sozialisierten Ästhetik-Empfindens, welches ich mit vielen anderen Menschen teile. Damit ist es sowohl Ausdruck von gemeinsamer Kultur, aber auch meines ganz persönlichen Individualismus. Beides – das Individuum und seine soziale Umwelt – stehen in einem steten Dialog, der nicht einfach unterbrochen wird, wenn jemand anders etwas Neues, oder etwas Altes auf neue Weise tut.

Kultur ist damit ein sublimer Begriff für etwas, das wir alle an jedem Tag neu erschaffen. Ich bin Notfallsanitäter des frühen 21. Jahrhunderts. Müsste ich einem rein traditionell gedachten Kulturbegriff huldigen, wie es manche Politiker fordern, lebte ich vielleicht wie ein Feldscher im Großherzogtum Baden. Und ich habe lediglich eine vage Vorstellung davon, wie es da so lief.

Eine Leitkultur definieren zu wollen, deutet damit einen Machtanspruch über die gelebte Kultur-Praxis der Menschen in unserem Lande an; und damit den Wunsch mancher Politiker, auf wahrhaft fundamentale Weise bis in die persönlichsten Bereiche unseres Lebens vorzudringen, um uns Kultur-Praxis vorschreiben zu können. Dieses Ansinnen weise ich – als den Angriff auf meine im Grundgesetz verbrieften Bürgerrechte, als den man es verstehen sollte – auf’s aller schärfste zurück!

Meine Kultur-Praxis – oder besser, mein Denken und Schöpfen in kulturellen Bezügen – ist Teil dessen, was meine Persönlichkeit ausmacht. Und ich werde mir von niemandem – schon gar nicht diesem radikal-reaktionären Idioten Seehofer – vorschreiben lassen, was ich zu tun und zu denken habe. Allein der Gedanke, dass man Kultur festschreiben könne, ist dumm und kurzsichtig.

Wir können gerne darüber diskutieren, was ich mir unter “Heimat” vorstelle, oder was ich zum Thema Zuwanderung noch zu sagen hätte. Aber wir werden nicht über Leitkultur sprechen, denn die kann und darf es nicht geben! Wäre sie doch lediglich ein Instrument zur Vertretung des Machtanspruchs autoritär denkender Politiker. Schönen Tag noch.

Randnotizen eines Erschöpften #02

Willenlose Hitze. Cerebralexsikkose – zumindest gefühlte – in Tateinheit mit hohem Workload ist nie gut für die Kreativität. Zumindest meine. Egal. Was ich zu sagen hätte, braucht diesmal vielleicht die Dauer des Gangs zur Toilette (Entschuldigung Reinhard Mey, für die Anleihe an “Gute Nacht, Freunde”). Wie dem auch sei: Özil. Scheiße gelaufen mit der WM. Abgekackt in der Vorrunde. Heimgefahren. Verdammt derdient, verdammt noch mal. Mir war’s Recht, denn ich hasse Fußball, aber die Nation… oh die Nation, die schäumt! Und Schuld hat natürlich: TADAA…der Ausländer. Der übrigens keiner ist.

Jetzt mal ehrlich: was Besseres fällt keinem ein? Man sucht nach einem Schuldigen in der Mannschaft? In “DER MANNSCHAFT”? Wenn überhaupt, dann ist dieser gesamte Sauhaufen von übersaturierten Schein-Idolen Schuld an der sportlichen Misere. Möglicherweise auch der so genannte (überflüssige) Mannschaftsmanager, der nichts weiter ist, als ein arroganter Luftsack. Oder der Trainer, der offenkundig sein Verfallsdatum des “immer weiter so” – genau wie viele Politiker – einfach überschritten hat.

Aber nein, anstatt sich mal hinzusetzen, kurz zu überlegen und dann vielleicht fundierte Entscheidungen zu treffen, hängt man durch die Hintertür den Özil. Für was eigentlich? Dafür, dass er nicht so doll gespielt hat? Tja, dann müsste man wohl fast die ganze Mannschaft tauschen. Oder dafür, dass er sich mit dem Erdogan hat fotografieren lassen und ihn als “mein Präsident” tituliert hat. Tja nun, auch wenn das jetzt keiner hören will, darf er politisch denken und sagen, was er möchte. Er ist Fußballer – kein Diplomat!

Er wurde in der Türkei geboren, weswegen er vollkommen legitimer Weise eine diesbzügliche Verbundenheit fühlen darf. Und dann ist Erdogan halt auch sein Präsident. Hätte DIE MANNSCHAFT nicht zufällig in der Vorrunde voll abgekackt, wäre das wahrscheinlich unter dem Teppich des Siegestaumels verschwunden. Aber so braucht man halt jemanden, auf den man einprügeln kann und schon kommen unsere braven Rassisten und Nazis zuverlässig aus allen Löcher gekrochen, wie die Kakerlaken, wenn das Licht ausgeht.

Ein Trauerspiel ist das mit diesem Land. In dem man braunes Pack noch nicht mal braunes Pack nennen darf, weil das politisch nicht korrekt ist. Ich scheiße auf political correctnes: Alle Arschlöcher, die jetzt auf den armen Özil einprügeln, weil sie sich nicht erklären können, das ein, vom Jogi zusammengewürfelter Haufen überbezahlter Kinder halt nicht automatisch eine Gewinner-Mannschaft ist und jetzt einen Ausländer als Sündenbock brauchen, sind verdammt noch mal dummes Rassisten-Pack. Ende!

Kapitalismus-Lamento

Es ist Karl-Marx-Jahr. Für sich betrachtet auch nichts anderes, als der Schnitzel-und-Blowjob-Tag, nur länger. Jedoch Anlass genug, sich mit dem Kapitalismus, wie wir ihn heute pflegen mal wieder auseinanderzusetzen. Macht ja niemals irgendjemand – abgesehen von Soziologen, Psychologen, Pädagogen und leider auch Betriebswirten. Der “Homo Oeconomicus” ist nämlich – sehr zu meinem Leidwesen – immer noch das bestimmende Leitbild unserer Zeit. So als wenn wir uns in unserer Lebensführung tatsächlich nur am Inhalt des Geldbeutels orientieren würden.

Fraglos erlegt uns die Begrenztheit dieses Inhaltes eine Begrenzung unseres Handlungsspielraumes auf. Nichtsdestotrotz spielen auch andere Motive eine Rolle. Interessant ist dabei, dass es einem nichtstofflichen Begriff angelastet wird, wenn wir uns an diesen Fesseln reiben. Zwänge die uns der Kapitalismus auferlegt. Der offenkundig junge Autor bringt dann auch den Sozialismus als Gegenentwurf ins Spiel, wofür er natürlich von den Kommentatoren sofort gepunished wird: denn den – fraglos auf Grund der menschlichen Natur – als gescheitert zu betrachtenden Staatssozialismus à la DDR möchte man keine Urständ feiern sehen.

Dass der Kapitalismus ebenso – fraglos auf Grund der menschlichen Natur – im Scheitern begriffen ist, wird dabei gerne und geflissentlich übersehen. Was kratzt es die Kommentatoren schon, dass ihr Wohlstand nur durch maßlose Ausbeutung schwächerer Glieder der globalen Verwertungsketten zu Stande kommt und dass dabei unsere Umwelt und damit auch unsere Zukunft irreversibel unter die Räder unserer Konsum-Gier kommen.

Analysieren wir jedoch die im Artikel thematisierten Zwänge etwas genauer, wird schnell klar, dass es sich dabei um – mit Verlaub – krasse Selbstverarsche handelt, oder um es etwas wissenschaftlicher zu beschreiben um das wirken kognitiver Verzerrungen, wie sie Daniel Kahnemann in der Prospect Theory beschreibt. Letztlich ist unsere Unterordnung unter die, angeblich auf den Prinzipien der Meritokratie basierende Gesellschaftsordnung nicht mehr als konditioniertes Gewohnheitshandeln. Wir werden von Kindesbeinen an darauf dressiert, zu glauben, dass es keine andere Art zu leben und zu wirtschaften neben dieser geben kann, die wir zu kennen glauben. Das dieses Wissen oft genug trügerisch ist, negieren wir dabei gerne.

Vielleicht waren die bisherigen Experimente in Sachen Sozialismus allesamt Fehlschläge; doch dass sind die Auswüchse des derzeitigen Kapitalismus für 99,99999% aller Menschen auch. Und nur auf Basis einiger problematischer Elemente eines Systems anzunehmen, dass das System insgesamt zu nichts Nutze ist, würde bedeuten, dass wir auch Autos, Computer, Flugzeuge und vor allem das Internet sofort ersatzlos abschaffen müssten. Schwer zu vermitteln!

Wir müssen einfach neue Wege denken und ausprobieren. Solidarität und gemeinsame Nutzung von Wirtschaftsgütern, nachhaltigerer Umgang mit Ressourcen und Energie und die Stärkung der sozialen Einheiten (Stichwort Kommunitarismus) sind dabei entscheidende Faktoren. Und die hat Marx durchaus schon angedacht. Vielleicht sollte man ihn doch mal lesen, anstatt ihn immer nur zu verfemen…? Schönen Tag noch.

Immer und immer wieder…

Ich wähnte mich auf festem, berechenbarem Boden, auf einer Insel der Ruhe im Ozean der Aufregungen, des Stresses und der Unsicherheit. Ich war mit mir im Reinen und vollkommen Herr der Dinge! Wirklich und wahrhaftig fühlte ich mich gut! Manchmal kann ich mir nämlich für 12 – 15 Sekunden einreden, dass ich tatsächlich Herr meiner Existenz bin. Aber selbstverständlich sind sowohl das Universum, als auch meine Familie und irgendwie auch mein Chef stets der Meinung, dass man mich dann mit Gewalt wieder erden müsse, damit ich nicht zu hoch zu fliegen beginne.

Meine Arbeit hat mir gerade vorgeführt, dass manchmal jene Projekte, in die man Zeit und Herzblut investierte nicht so funktionieren wollen, wie man sich das vorgestellt hat. Auf der anderen Seite knüpft man immer wieder neue Kontakte und erschließt sich neue Bereiche, so dass die Verluste am Ende gar nicht so schwer wiegen. Meine Familie zeigt mir, dass es eben jene  Menschen sind, die dir am nächsten stehen, von denen du die größten Probleme und die  härtesten Prüfungen erwarten sollst. Ehrlich gesagt bin ich im Moment manchmal lieber auf Arbeit, als mit bestimmten Personen aus meiner Familie zusammen sein zu müssen.

Und der ganze Rest? Ich wünschte, ich könnte mir ein Herz fassen und endlich wieder etwas belletristisches schreiben; nicht nur meine gelegentlich doch eher tristen Selbstbespiegelungen hier in meinem Blog. Aber ich finde einfach nicht die Zeit, nicht den Rhythmus, nicht den Flow, den es braucht, um wahrhaft kreativ schreiben zu können. Und wenn, dann kann ich nicht das schreiben, was eigentlich gerade anstünde. Ich könnte mir im Rückwärtssalto in den Hintern beißen, wenn ich denn zu solchen artistischen Leistungen fähig wäre.

Den ganzen hausgemachten Entäuschungen zum Trotz nicht wieder mal im Strudel der Erschöpfungsdepression zu versinken, ist derzeit kein leichtes Unterfangen. Was mich über Wasser hält, ist die Aussicht auf Urlaub in der Toskana, auf entspanntere Zeiten mit meiner Lieben, die momentan auch voll unter Strom steht, auf einiges Neues, dass ich noch lernen möchte, auf mein Masterstudium, das ich mir für nächstes Jahr fest vorgenommen habe  – und überhaupt auf Wandel. ich brauche Wandel! Ich weiß es! Und ich werde was ändern! Egal wie! So long…

Randnotizen eines Erschöpften #01

Es widert mich an; dieses Hickhack, diese Kleinklein, dieses Gezerre um Deutungshoheit. Er widert mich an; dieser dumme alte Mann, der tatsächlich glaubt um sein Vermächtnis kämpfen zu müssen. Und worin besteht dieses Vermächtnis? Im Betrug an seiner Frau. Im Betrug an den Menschen in “seinem” Bundesland. Obwohl’s ja gar nicht mehr seines ist, sondern das von Markus Söder. Von wem ich rede, ist wohl mittlerweile klar, oder? Für alle, die es nicht kapieren können oder wollen: von Horst Seehofer, dem amtierenden Bundesminister des Inneren, diesem ausgemacht egomanen, vollidiotischen, aus Gründen der politischen Opportunität rassistischen Provinz-Hanswurst, der glaubt, ganz Deutschland müsse seine Ideale teilen…

Dieser Mann hat keine Ideale. Er giert nur nach Macht und Bedeutung. Er ist nicht anders als viele andere; in seinen kleinbürgerlichen Großmachtträumen ist er jemand, ist er wichtig, hat er sein Schicksal in der Hand. Und genau wie diese vielen anderen hat er damit vollkommen unrecht, weil er du dumm, zu kleingeistig und zu arrogant ist, das wahre Ausmaß seiner Insignifikanz erkennen zu können. Ach wenn er doch einfach an einer Brezn erstickte, so wie weiland beinahe George W. Bush. Das wäre mir ein Fest. Obwohl – dann würden diese ganzen ewiggestrigen Bazis ihn womöglich noch als weiß-blauen Märtyrer feiern und zu seinen Ehren weitermachen mit diesem Schmierentheater, dass nur noch sehr vage als Politik zu erkennen ist.

Die CSU würgt die bundesrepublikanische Demokratie? Ich hätte NIE geglaubt, dass dieser Haufen realitätsferner Kasper aus München dazu in der Lage wäre; wirklich nicht. Aber nun passiert es. Diese Honks, diese lauten, reaktionären Intellekt-Verweigerer, dieser Bodensatz des politisch Denkbaren, der mit immer größerer Vehemenz zu einer weiß-blau-gestreiften AfD mutiert, macht dieses Land, diesen Hort der Demokratie, der Bürgerrechte und der Diplomatie zu einem Lachblatt, zu einer Bananenrepublik, zu einem Faktor der Instabilität in Europa.

Selten war ich saurer auf unsere Knallchargen in charge. Wirklich; eigentlich müsste man jetzt zum zivilen Ungehorsam aufrufen, die Staatskanzlei in München, die Landesgruppe in Berlin und den Obertrottel im IM mit Macht hinwegzufegen. Und was macht die pommersche Eule? Reicht ihm die Hand zur Versöhnung. Entschuldigung, aber Pragmatismus ist bei mir aus. Beendet dieses Theater! Fraktionsspaltung! Neuwahlen! Jetzt! Lasst die CSU im Bund antreten, dann werden wir weitersehen. Ist mir auch egal, wie viel Prozent die AfD dann bekommt. Mit denen wird eine Demokratie wie unsere fertig. Aber nicht mit Führungspersonal wie Horst Seehofer. Der gehört ins Sanatorium! Jetzt! Gute Nacht!

Midlife-was…?

Im aktuellen “Stern” (ja ich lese die Postille immer noch) ist ein Artikel über die Midlife-Crisis. DIE … MIDLIFE … CRISIS … OhgottohgottohgottIhgittihgittihgitt! Witziger Weise geht der Artikel nur am Rande auf die legendären – zumeist mit dem männlichen Geschlecht assoziierten – Entgleisungen dieses wichtigen Lebensabschnitts ein: ‘ne Harley kaufen, ‘ne jüngere Frau suchen, allerlei Dummheiten machen, sich “auf Teufel komm raus” noch mal jung fühlen wollen, weil das kann doch nicht schon alles gewesen sein, … oder?

Wohltuend finde ich, dass der Artikel explizit beiden Geschlechtern das Recht auf Midlife-Crisis zuerkennt und auch beide Geschlechter zu Wort kommen lässt. Ebenso positiv finde ich, dass man nicht mit der Brechstange nach Lösungen des Problems sucht, sondern anerkennt, das Menschen in der Lebensmitte halt irgendwann feststellen müssen, dass sie jetzt zumeist schon eine Weile in einem Lebensmodell stecken und sich – durchaus bang -fragen, ob das der wahre Jakob ist, oder nicht vielleicht doch ein Anlass, was Neues zu wagen, weiterzuziehen, noch mal neu anzufangen? In Nachbars Garten wachsen schließlich die süßeren Kirschen, andere Mütter haben auch hübsche Töchter (oder Söhne) und überhaupt wollte ich schon immer mal wissen, wie sich … anfühlt (man setzte hier einen speziellen Traum ein).

In jungen Jahren denkt man immer, alles geht. Mit dem “Erwachsen-Werden” – was auch immer das für einen selbst bedeuten mag – merkt man, das nicht alles geht, möchte aber herausfinden, was alles geht. Und wenn man an der Lebensmitte angekommen ist, möchte man wissen, ob man nun die richtige Alternative gewählt hat. Zudem ist unsere Persönlichkeit kein starres Konstrukt. Sie verändert sich im Laufe des Lebens mehrfach und immer ist der Wandel die Reaktion auf eine Krise. Jeder, der sich gut an seine Pubertät oder die Suche nach dem eigenen Platz in diesem Ding “Gesellschaft” erinnern kann (oder vielleicht noch drin steckt), weiß genau, was ich meine. Ein interessantes wissenschaftliches Modell dazu sind die Entwicklungsstufen nach Erik Erikson, die ein recht gutes Bild von der Krisenhaftigkeit des Sich-Entwickelns zeichnen.

Die Midlife-Crisis hat was mit der Suche nach (neuem) Sinn in Leben zu tun, der nach der Bilanzierung des bisher Erreichten gebraucht wird, um sich neu zum Weiterleben motivieren zu können. Das klingt jetzt vielleicht ein bisschen dramatisch, aber auch Erwachsene sind bei weitem nicht immer so souverän, wie sie tun. Den größten Teil unseres Lebens fahren wir (zwangsweise) auf Sicht und reagieren halbwegs pragmatisch auf die Brocken, die im Weg liegen. Die Ergebnisse sind nicht immer befriedigend, aber wären wir immer nur Sieger, wüssten wir gar nicht, wie sich der Geschmack des Sieges anfühlt!

In jedem Fall ist sie eine sehr individuelle Angelegenheit, diese Midlife-Crisis und sicher oft für den einen oder anderen Betroffenen mit sehr unschönen Erlebnissen verknüpft. Aber sie ist notwendig, um uns am Laufen und im Gleichgewicht zu halten, also sollten wir das alles nicht zu hoch hängen. Außer, wenn meine Alte sich jetzt plötzlich einen jüngeren (knackigeren) Macker sucht – dann flipp ich aus…! Mal im Ernst, es gibt keine Vollkasko für’s Leben, denn das Leben ist eine Lektion, die du lernst, während du es tust (Fragt “Limp Bizkit”), also muss ich es nehmen wie’s kommt und das Beste draus machen. Und manchmal eben nachrechnen, ob alles noch passt.

Was mich an dem Artikel stört, ist seine Existenz! Warum verschwendet ein Magazin für investigativen Journalismus 12 Seiten auf ein Thema, das außer mir keinen was angeht. Oh ja, da sprechen Menschen über ihre Erfahrungen, um anderen Schmerzen und Probleme zu ersparen…? Bei einem Thema, das weder Verallgemeinerungen noch vorgefertigte Antworten zulässt? Lasst die Menschen doch Menschen sein und hört auf mit eurem Lifestyle-Gesundheit-Workbalance-Paternalismus, ihr Narren in Hamburg. Berichtet über kaputte Krankenkassen, politmissbrauchte Polizisten, sanierungsbedürftige Schulen und so was. Aber lasst die Menschen Menschen sein… Schönes Wochenende!

Ich seh’ überall Gewinner…

Es ist schon seltsam. Natürlich auch menschlich, aber trotzdem seltsam. Immerzu wollen wir uns selbst in einem guten Licht dargestellt sehen. Kein Makel, keine Schwäche, keine Kratzer im hochglanzpolierten Lack. Ich hätte zumindest, seit ich mich bewusster mit social media befasse nicht bemerkt, dass die Menschen eine besondere Tendenz hätten, etwas anderes als ihre Erfolge zu promoten. Zugegeben, es gibt Ausnahmen, aber die sind sehr, sehr selten; meistens sieht man allenthalben Gewinner!

Natürlich spielt dabei auch die Definition von Gewinnen eine Rolle. Für manche ist es schon ein Sieg, sich von der Couch zu erheben. Zum Beispiel mich, wenn es draußen heiß ist. Ich habe mich neulich dabei ertappt, wie ich ein Bild von einem Spaziergang am Rhein gepostet habe, mit der Unterschrift “Der Weg ist das Ziel…” und erfuhr dafür tatsächlich Zuspruch. Ich dachte dabei an die inspirierende Solitude der freien Natur direkt am Ende meiner Straße. Das Setting hatte einfach was.

Nun sind Bilder aber eigentlich von Natur aus Interpretationsraum für den Betrachter. Jeder kann darüber denken, was er möchte, darin sehen, was er möchte. Manche Menschen denken, ein Bild von einem Baum ist einfach nur ein Bild von einem Baum. Ein Foto trägt aber neben dem abgebildeten Objekten oder Subjekten immer auch bereits einen Interpretationsversuch des Fotografen, dessen Intentionen und Gedanken in sich, ohne dass diese ausgesprochen werden. Und so wurde aus dem Foto vom Spazierweg am Rhein ein Symbol, in das jeder sich was r(h)ein denken konnte.

Man hätte zum Beispiel, um auf meine Eingangsworte zurückzukommen denken können: “Ah, der Zimbo bewegt sich endlich mal!”. Oder, etwas netter: “Och, da würde ich jetzt auch gerne hin!”. Vielleicht auch: “Mannheim ist doch nicht so hässlich, wie alle sagen!”. Ich mag es, wenn meine Fotos so weite Spielräume lassen. Wenn ich meinen Runtastic-Screenshot poste, sind die Interpretationsmöglichkeiten abseits von “Oh, wie langsam!” bis “Oh, wie schnell!” und “Da, läuft der lang?” eher begrenzt. Weil auch hier (natürlich) eine Intention des Veröffentlichenden mittransportiert wird: “Seht her, ich kann!”

Wie bedauerlich das doch ist. Denn SCHEITERN ist eine Notwendigkeit des Lebens, ohne welche echte Persönlichkeitsentwicklung nicht stattfinden kann. Aus unseren Niederlagen, unseren Fehlern unseren Ausrutschern lernen wir wesentlich mehr, als aus unseren Siegen. Und vor allem lernen wir aus dem offensiven Umgang mit unseren Fehlern und Schwächen viel mehr über die Menschen, die uns umgeben. Denn Reaktionen auf offen kommunizierte Fehler und Niederlagen sagen viel mehr als die höflichen Ahs und Ohs, wenn wir – mal wieder – reüssiert haben. Das Fehlen von Reaktionen sagt natürlich auch etwas aus.

Reden wir doch noch mal über die Definition von Gewinnen. Ich persönlich betrachte es schon als Sieg, dass ich meinen Alltag gut hin bekomme. Familie Job, sonstige soziale Kontakte Studium (irgendwann folgt auch der Master), das alles bringt einen Wust an Verpflichtungen, Problemen, Arbeit mit sich, der manchmal macht, dass man sich Abends ins Bett legt und vor lauter Nachdenken erst mal eine Weile die Decke anschaut, bevor man dann, durch die Gnade der Müdigkeit doch wegdämmert. Aber ich stehe meinem Mann.

Andere definieren sich über Sport. Ist heute hip, an seinem Äußeren zu arbeiten und es alle wissen zu lassen. Ich vermute allerdings, dass jene, die das recht exzessiv betreiben, manchmal Abends genauso an die Decke kucken wie ich und das Polieren ihres Egos als eskapistische Strategie benutzen, so wie andere ihre intellektuellen Fähigkeiten rauskehren und wieder andere ihre Kochkünste… and so on… Die dabei entstehenden Erfolge optisch aufbereitet der “Öffentlichkeit” zukommen zu lassen ist menschlich. Ich fände es aber schön ehrlich – vielleicht auch ehrlich schön? – wenn man die Niederlagen auch öffentlich machte. Diejenigen, die so etwas als Anlass zur Häme nutzen sind dumm und sicher keine “Freunde”. Aber die anderen, die neutral oder gar nett darauf reagieren, darf man zumeist als wohlmeinend betrachten.

Denn Scheitern ist unvermeidlicher Bestandteil unseres Daseins. Und so wie wir aus unsern Fehlern (hoffentlich) klug werden und mit unseren Aufgaben wachsen, so wachsen unsere (wirklichen) Beziehungen dadurch, dass wir diese Menschen auch tatsächlich an unserem Dasein teilhaben lassen. Wenn ihr also schon unbedingt posten müsst, was das Zeug hält, dann bitte nicht nur den Hochglanz-Schrott… Danke!