Fresh from Absurdistan N°9 – …und täglich glänzt der Aluhut!

Ich gebe es an dieser Stelle offen zu: ich mag Verschwörungstheorien. Sie bieten so viel wunderbaren Stoff für’s Geschichten erzählen (vor allem für das Pen’n’Paper-Rollenspiel), dass man sich diesem Subgenre menschlicher Blödheit einfach nicht entziehen kann. Natürlich machen solche “was-wäre-wenn”-Spielchen nur unter der Prämisse Spaß, dass ich weiß, dass es bloße Konstrukte meiner Amok laufenden Phantasie sind. Letzten Endes basieren ganze Spielwelten mitsamt Metaplot und Corestory auf der Annahme, dass sich etwas im Geheimen abspielt. Im Film und in den Medien ist das ja auch spaßig – es ist dann quasi “Soße für’s Gehirn” der Konsumenten (man mag mir ein Zitat aus “Fletcher’s Visionen” an dieser Stelle verzeihen).

Die Idee, dass man ein so komplexes soziales Konstrukt wie eine – unter Umständen Generationen umspannende – heimliche Beeinflussung von Ereignissen einfach abstellen könnte, indem man den Oberverschwörer und ein paar seiner Stellvertreter unschädlich macht, ist natürlich ebenso Nonsens, wie anzunehmen, dass man die politische Stimmung in den USA drehen könnte, indem man Donald Trump tötete. Wer so was glaubt, schreibt auch immer noch Wunschzettel an den Weihnachtsmann; mit der Adresse Nordpol N°1. Aber für Spielzwecke darf man Sachverhalte auch mal verkürzen und vereinfachen. Machen Buch und Film ja auch. Und insgeheim wünscht man sich, dass solche analogen Lösungen (0 – 1) auch in der Realität funktionieren…

Und dann macht man, nachdem man ein bisschen in seinem Notizbuch gelesen und ein paar Ideen aufgeschrieben hat, Facebook auf und bekommt ultimativ mitgeteilt, warum Aluhut-Träger in der Realität die Sepsis im eitrigen Pickel am Arsch unseres Daseins sind! Menschoiden, die COVID19 immer noch wahlweise für einen Hoax, für einen perfiden Plan zur Abschaffung unserer Bürgerrechte, eine Ablenkung von einer neuen (oberheimlichen) Massenmigration, oder den verdeckten Kampf gegen die Reptiloiden halten; JESUS CHRISTUS, WTF? … ruhig Grauer … ganz ruhig …

Es ist ja nun nicht so, dass ich – dem neuen Hauptaufgabenbereich zum Trotze – nicht wüsste, was draußen im Ländle (aber auch bundesweit) gerade abgeht. Und dass es sehr wohl starke regionale Unterschiede in der Verteilung von Infizierten-Zahlen und tatsächlich Erkrankten bis hin zur Notwendigkeit einer intensivmedizinischen Behandlung gibt. Dann äußert man sich mal und wir als Lügner bezeichnet – von ‘nem Typen, der laut seinem Profil Bücher aus dem Kopp-Verlag liest. Muss ich jetzt nix zu sagen, oder? Ich habe kurz mit mir gerungen – zugegeben kürzer, als das noch vor fünf oder zehn Jahren der FAll gewesen wäre – und habe mich dann darauf beschränkt, ihm mitzuteilen, dass er seinen Aluhut doch bitte woanders glänzen lassen soll. Keine Ahnung, ob er das auch macht, aber beim nächsten Post blockiere ich den Spacko einfach. Spart Medikamente.

Allerdings – und das nehme ich wiederum mit einem schmunzelnden Kopfschütteln zur Kenntnis – lehrt es mich einmal mehr etwas für’s Leben aber auch für mein Storytelling: Aluhutträger wollen glänzen. Sie wollen wahrgenommen werden; aber gerade so sehr, dass sie immer noch behaupten können, dass sie sich nicht zu laut äußern dürfen, weil sie sonst vom großen bösen Verschwörungs-Titanen weggeputzt werden. Und man soll ihre Botschaft ja ganz weit tragen, damit die auch ja nicht ganz aus dem Netz gelöscht werden kann. Ist ja auch so eine häufig verbreitete These unserer, ach so furchtbar unterdrückten Faschistenfreunde: “Teilt dieses Video / Meme / Sharepic, dass euch die absolute, unverfälschte Wahrheit zeigt, damit es nicht noch mal von den bösen Systemmedien gelöscht werden kann!” Nur damit ihr das auch mal gehört habt, ihr rechten Dummbatzen: DAS NETZ VERGISST NICHTS. Weder Porno noch Propaganda. Das Recht auf informationelle Selbstbestimmung ist in dem Moment verwirkt, da etwas öffentlich geteilt wird. Egal, ob der Inhalt Sinn macht, oder nicht!

Tja, narrative Naivität findet eben nicht nur in meinen Spielrunden statt, sondern auch in der Realität. Nur in der Realität wäre sie höchstens zum Lachen, wenn das sonstige Treiben der Protagonisten nicht so sehr zum Heulen wäre. Sei’s drum. In einer Hinsicht hat die Corona-Krise da ihr Gutes: von der Sch***-AfD hört und sieht man im Moment so gut wie nix. Sie sind also da, wo sie hingehören, nämlich im informationellen Nirvana.

In meinen Spielrunden hingegen werde ich den Verschwörungs-Spaß auch weiterhin fröhlich einsetzen, denn das ist das Schöne an meinem Lieblingshobby: Man kann im Kontext des Spiels Dinge tun oder lassen, aussprechen oder verschweigen und mal seinen inneren Dämonen frönen, ohne, dass es irgendwelche Auswirkungen auf die Welt an sich hat. Eskapismus in seiner besten Form, weil ich Psychohygiene mit absurden Geschichten, Quality-Time, Gelächter und manchmal auch wahrhaft Erinnerungswürdigen Momenten verbinden kann. Und dabei darf auch der Aluhut mal glänzen, ohne, dass ich in die Tischkante beißen möchte. In diesem Sinne, bleibt gesund und spielfreudig und lasst euch von den echten Aluhüten nicht den Nerv rauben. C U soon.

Fresh from Absurdistan N°8 – Sinn und Symbolik

Man(n) muss es an dieser Stelle einfach mal zugeben – auch mir macht es Spaß, mit Bildern zu cheaten, also Dinge anders erscheinen zu lassen, als sie dies tatsächlich sind. Wir sind, zumindest sozialpsychologisch, eh alle Trickster, die sich ihr Leben schön lügen. Wie ich bereits im Beitrag “Pictured Life” hatte anklingen lassen, ist eine der dabei dominierenden Techniken heutzutage das Kuratieren der Inhalte in den eigenen Social-Media-Accounts. Wäre ich ‘n bisschen fuchsiger, würde ich jetzt von Betrug reden, aber es geht ja nur um die virtuelle Währung “LIKE”, die wir gerne auf unserem “Feel-Good”-Account einzahlen wollen. Oder besser – wir wollen andere dazu animieren, dort einzuzahlen…

Ich bin ja nich aus Eis – ich mag Likes auch! Faszinierenderweise sind es jedoch in aller Regel nicht die kuratierten Inhalte, die ich gelegentlich auch nutze (und wenn’s nur durch das Wählen eines, na sagen wir mal “geschickt” gewählten Bildausschnittes passiert), die mir ein Surplus dieser – im realen Leben eher wertlosen – Wertschätzungs-Tokens einbringen. Nö, Freunde der Nacht. ‘N simpler Shoot mit meiner sagenhaft schlechten Handycam, ohne Schischi, ohne Nachbearbeitung, ohne Action hat mir in den letzten Tagen die meisten Likes beschert. Es könnte am Meta-Content liegen. Das Bild erzählt für diejenigen, die etwas häufiger mit mir zu tun haben ja eine Geschichte, die direkt mit dem letzten Post dieser Reihe zu tun hat. Doch es ist gar nicht das untenstehende Bild selbst, um dass es mir gerade geht.

Nachtarbeit…

Mir geht es um den Meta-Content. Bilder erzählen immer eine Geschichte. Watzlawick sagt, man können nicht nicht kommunizieren. Bilder haben diese Eigenschaft ebenso. Techies verstehen unter Meta-Content die Daten über das Bild, welche sich für den Kundigen in den Eigenschaften der Datei verbergen: Größe, Auflösung, Erstellungsdatum, Ersteller, Ort und noch manches mehr. Ich verstehe darunter jedoch die Botschaft, welche das Bild implizit transportiert. Die explizite Botschaft des obigen Bildes ist: “da steht ein NEF in einer Haltebucht”. Natürlich erkennen Ortskundige, wo sich diese Haltebucht befindet, aber das ist noch nicht der ganze Zauber. Die implizite Botschaft erschließt sich erst im Zusammenspiel zwischen dem Wissen um die postende Person und etwas von ihrer Backstory, den Zeitpunkt und natürlich den Content des Bildes. Ich will jetzt nicht schon wieder in Semiotik einsteigen, aber es geht um die Interpretation des Contents, welche aus einem bloßen Haufen geordneter Pixel eine Geschichte machen, die sich erzählt, ohne ausgesprochen werden zu müssen.

Der Spruch “Ein Bild sagt mehr als tausend Worte” kommt ja nicht von ungefähr. Doch ihn dahin zu sagen und die tatsächliche Bedeutung dieses Spruches zu begreifen, sind zwei ganz unterschiedliche Paar Stiefel. Denn das Wissen um die Wirkung der Bilder gibt einem Möglichkeiten zur Interaktion mit einem – wie auch immer gearteten Publikum, die Sprache allein unmöglich zu realisieren vermag. Ich liebe es, etwas dazu zu lernen. Das ist nicht einfach nur so gesagt, sondern es ist Teil meiner Essenz, gehört also zu den Aspekten, die meine Persönlichkeit im Kern ausmachen. Und ich hatte in den letzten Tagen reichlich Gelegenheit etwas dazu zu lernen. Einerseits, weil das Leben in Absurdistan mich dazu zwingt – andererseits, weil ich begonnen habe, mich darauf einzulassen. Nur wenn du Absurdistan zulässt, macht es dich nicht kaputt!

Hatte ich gerade davon gesprochen, dass die symbolische Währung “LIKE” keinen Wert in der Realität hätte? Nun ja… in normalen Zeiten, würde ich das tatsächlich so sehen wollen. Doch wir leben nun mal gerade in Absurdistan. Und in so seltsamen Zuständen gestatte ich es mir, über den Schatten meines sonstigen Social-Media-Zynismus zu springen und zu sagen: ist schon OK. Macht was ihr denkt, solange es eurer Psycho-Hygiene dient und ihr dabei den kategorischen Imperativ beachtet.

Ich sehe mich selbst einen Novizen der semiotischen Künste, der noch einen langen Weg zum Adepten zurückzulegen hat. Doch meiner Neugierde folgend, die mich hoffentlich nicht so bald herausfinden lässt, dass ich doch eine Katze war (“curiosity killed the cat”), lerne ich im Moment an jedem Tag etwas dazu. Teils über das Lernen, was meinem Studium genauso zu Gute kommt, wie hoffentlich meinem Unterricht, teils über die Menschen um mich herum und die Gesellschaft als Ganzes; letztlich aber auch über mich. Ich meine, ich bin immer noch nur ein Typ mit einer Meinung, der, wie ihr anderen auch, durch sein Dasein stolpert und versucht, es irgendwie hinzukriegen, ohne, dass dabei allzu viel kaputt geht. Aber ich habe im Moment das Gefühl, dass es von Tag zu Tag besser wird, obschon doch alles so viel schwerer ist, als sonst.

Ich wünsche uns allen Langmut, Demut und, falls notwendig auch mal den Wagemut, diese Krise auch weiterhin auszuhalten. Vielleicht lernen wir ja alle noch etwas Sinnvolles dazu. Und wenn nicht – wenigstens ich habe meine Zeit nicht vollkommen vergeudet. Macht das Beste draus und lasst euch nicht unterkriegen – wir sehen und hören uns.

Fresh from Absurdistan N°7 – Back on the road…

Eigentlich hatte ich vor, beruflich ein paar andere Dinge voran zu treiben, wie etwa Kursformate weiterzuentwickeln, Lernsituationen zu schreiben, etc.; aber wie das Leben im Moment so spielt, werden alle Reserven und damit auch alte Hasen wie ich reaktiviert, um auf den Sanitätsdroschken und Druidenschleudern ihren Dienst zu versehen. Also versehe ich – was kein Versehen ist – ab heute Abend mal wieder ein paar Nächte auf einem kleinen Bock. Quasi zum Eingewöhnen. Wie lange dieses Spektakel dauern wird, vermag ja jetzt noch keiner genau zu sagen. Aber zumindest für die nächsten Wochen werde ich einen Teil meiner Zeit wieder auf der Piste verbringen.

Ich habe mich deshalb gefragt, ob mir das irgendwelche besonderen Gefühle bereitet? Zum Beispiel Angst vor einer Corona-Infektion, oder besser davor, eine solche nach Hause zu schleppen? Oder Angst davor, im Moment nicht meinen eigenen Qualitäts-Ansprüchen genügen zu können, weil ich im letzten Vierteljahr keine Schicht gefahren bin (und davor auch schon eine Weile nicht mehr so viel)? Vielleicht Angst, die vielen neuen Verfahrensanweisungen nicht auf die Kette zu kriegen? Und von denen gab es, Pandemie sei Dank, in den letzten Tagen so einige.

Doch wenn ich ehrlich bin – was mir viel mehr Sorge bereitet, ist der Umstand, dass die aktuell im Eilgang durchgeprügelte Änderung des IfSG §§ 5 nicht Wenige Kollegoiden dazu verleiten wird, mal was ausprobieren zu wollen. Denn diese Gesetzesänderung, die nur einem möglichen Ärztemangel in den Kliniken vorbeugen soll, wollen einige quasi als Regelkompetenz-Persilschein durch die Hintertür nutzen. Und das geht doch ein bisschen an der Realität vorbei. Wir haben derzeit in Baden-Württemberg keine Situation, die es organisatorisch oder juristisch als gute Idee erscheinen lässt, alle NotSan mit Pharmaka auf die Menschheit los zu lassen. Ich bin mal gespannt, wann und wie der Bumerang zurückkommt?

Ich bin normalerweise, wenn es um Regelkompetenzen für Rettungsfachpersonal geht, durchaus ein progressiver Geist; doch jetzt bei jeder sich bietenden Gelegenheit “Yippiyaye!” schreiend die Ampullarien aus den Rucksäcken reißen zu wollen, erscheint mir doch ein wenig verfrüht. Mal ganz davon abgesehen, dass eine geöffnete Büche der Pandora nur schwer wieder zuzubekommen ist. Und wir sind – da muss man ganz ehrlich sein – qualitativ noch lange nicht so weit, flächendeckend Regelkompetenzen zum Einsatz zu bringen. Und – das sei hier nur am Rande gefragt – wer hat eigentlich in Deutschland offiziell eine Pandemie-Lage ausgerufen? Das Kabinett? Der Bundestag? Ich könnte mich jetzt nicht erinnern, dass irgendjemand das tatsächlich getan hätte.

Diese Woche komme ich eh nicht in die Verlegenheit, da ich Druidenschleuder fahre; aber wenn sich mir die Frage stellt, werde ich genauso handeln, wie sonst auch: mit Augenmaß, Blick für meine persönlichen, sowie die juristischen Grenzen und stets im Sinne des Patienten. Nicht jedoch im Sinne meines Retter-Egos. Würde ich mir von meinen Kollegen landauf, landab auch wünschen. In diesem Sinne – man sieht sich.

Auch zum Hören…

Fresh from Absurdistan N°6 – Pictured Life

Situationskomik. Ein Mensch aus meiner Facebook-Wolke postet ein Bild von einem hübsch hergerichteten Frühstückstisch und ich denke “Joa, könnte auch bei uns daheim sein, sieht nur viel ordentlicher aus.” Seine beste Ehefrau von allen postet etwas weiter unten im Thread, dass die abgebildeten Eier noch roh waren – ich hätt’ mich wegschmeißen können. Semiose in Reinkultur. Das Bild funktionierte exzellent als Darstellung idyllischer Heimeligkeit mit Frühstücksei; man denkt bei so einem feinen Ei an den Geschmack – und diese Interpretation wurde durch einen lässigen Einzeiler zerrissen! Fast wie im Action-Film, dessen Dialoge heute ja fast nur noch aus lässigen Einzeilern bestehen. So gesehen sind Action-Filme infektiös, weil der Wortschatz aus linguistischen Einzellern besteht; man muss sogar nur einen Buchstaben austauschen.

Wo war ich? Ach ja, genau – Zeichenwirkungen! Denn so’n Bild auf Facebook ist ein (visuelles) Zeichen. Es hat für denjenigen, der’s postet eine Bedeutung und es hat für die Leute, die es rezipieren (sollen) auch eine Bedeutung. Muss nicht die Gleiche sein, aber das tut für meine Betrachtung nix zur Sache. Denn der Poster (nicht das Poster) beabsichtigt mit seinem Bild etwas. Hier zum Beispiel die Darstellung eines – mehr oder weniger – perfekten Frühstücks daheim, in Zeiten von Corona. Und wird hinterrücks von der eigenen Gattin der Inszenierung überführt – die Realität wurde kuratiert, um einem bestimmten Ideal zu genügen.

So wie sich Influenzer (im Gegensatz zu Influenza) unfassbar viel Mühe geben, Fotos “casual” aussehen zu lassen, obwohl sie ‘ne Stunde rumprobiert haben, den richtigen Winkel, die richtige Mimik, die richtige Beleuchtung zu treffen, um danach dann an dem einen “Schnappschuss” (von ca. 100) nochmal eine Stunde rumzuphotoshoppen, damit das Ergebnis auch ja “casual perfect” aussieht. Nun unterstelle ich dem oben erwähnten Menschen nicht unbedingt ein so schlimmes Geltungsbedürfnis. Aber man muss sich schon die Frage stellen, warum man sich soviel Zeit nimmt, ‘n rohes Ei auf dem Tisch zu drapieren, obschon man vielleicht gar nicht die Absicht hat, es zu kochen?

Ich bin ja nicht ohne Sünde. Ich zeige manchmal meinen Mini-Kugelgrill auf unserem Balkon. Nicht unbedingt, weil ich alle zum Besuch einladen will, sondern eher, weil ich ich es lustig finde, darauf hinzuweisen, dass ich ein echter Barbecue-Fanatic bin. Ob die Bilder kuratiert sind? Nö, man sieht darauf, was es später zu essen gibt. Man kann erkennen, dass ich die Beplankung unseres Balkons mal wieder erneuern müsste und dass mein Grill evtl. auch nicht der Allergepflegteste auf dem Erdenrund ist. So what? Was ich darstelle, ist die leicht angejahrte Hinterhof-Romantik meines Heims. Objektiv betrachtet bin ich damit nicht besser, als der beschriebene Kasus aus dem ersten Abschnitt. Nur anders.

Die meisten Menschen behaupten zwar ganz gerne, dass es ihnen Wumpe ist, wie Andere sie sehen. Faktisch ist das Bullshit; zumindest, wenn man sich Facebook mal genauer anschaut. Denn wenn man in Betracht zieht, wie viel Mühe sich Menschen dort – ohne jedwede Bezahlung – geben, ihr Leben gut aussehen zu lassen (vielleicht sogar besser als meines, oder deines, oder ihres…?) , dann hat meine Spezies so einiges zu kompensieren. Facebook-Bildchen dieser Art sind der (auswertbare) Beweis für die Existenz eines kollektiven Minderwertigkeitsgefühles der Nutzer dieser Plattform. Und ich bin schuldig in allen Punkten der Anklage. Vielleicht wäre es doch ganz gut, dass mal zu bedenken, wenn man irgendwelche Memes, Sharepics oder sonstigen virtuellen Käse teilt, liked, oder sonstwie promoted.

Wir treten viel zu oft in die Stolperfallen, die unsere eigene Geltungssucht uns im virtuellen Raum auslegt und sind dann immer ganz betreten, wenn wir auch noch öffentlich erwischt werden. Wie wäre es zur Abwechslung mal, ebenso öffentlich authentisch zu sein, dass Kuratieren bleiben zu lassen und die Dinge genauso einfach, schäbig, mundan, ungeschminkt, etc. zu zeigen, wie sie bei den Allermeisten von uns sind? Ich fände das extrem angenehm. Ein bisschen virtuelle Ehrlichkeit stünde uns allen gut zu Gesicht. In diesem Sinne wünsche ich uns allen eine schöne neue Woche im Lockdown. C U soon.

Auch zum Hören…

Fresh from Absurdistan N°5 – Allein oder Einsam?

Ich glaube, die Tage was von “auf sich selbst zurückgeworfen sein” geschwafelt zu haben. Wenn ich nun die letzten 96 Stunden mal Revue passieren lasse, fällt es mir allerdings schwer, dabei irgendwas Besonderes zu entdecken. Oh, sorry, natürlich hocken wir schön brav daheim, besuchen Oma und Opa nicht, betreiben “Social Distancing” (wenn manche Idioten im Supermarkt nicht so vollkommen Hirnfrei wären, ginge das noch effektiver) und machen Home-Office bzw. Home-Schooling. Soweit alles Corona…

Nun las ich die Tage etwas von den möglichen psychischen Folgen einer Quarantäne, bzw. Ausgangssperre und das manche, derart eingeengte Menschen unter Umständen ein posttraumatisches Belastungssyndrom entwickeln könnten. Dunnerlittchen, PTBS durch Quarantäne oder ein Verbot, draußen rumzulungern? Also ich meine, Opfer und Zeugen von Gewalttaten und schweren Unfällen; dass denen sowas droht, verstehe ich. Auch betrifft es gewiss mal die professionellen Helfer, die bei sowas dazu kommen. Aber – Quarantäne oder Social Distancing-Geplagte? Echt Jetzt? Es gibt verschiedene Artikel in den Online-Medien (hier, hier und hier); darüber wird z. B. auch thematisiert, dass Scheidungsraten, aber auch die Inzidenz häuslicher Gewalt in China deutlich angestiegen seien. Irritierend…

Mein erster Reflex – mit Bezug auf solche Aussagen – ist folgender: wann sind wir zu einer derart Status-fixierten Weichei-Spezies degeneriert, dass zwei oder drei Wochen daheim unsere Identität bedrohen könnten? Möglicherweise messe ich hier mit dem falschen Maßstab, da ich selbst schon immer jemand war, der das Alleinsein ganz gut aushalten konnte. Bitte nicht missverstehen: ich bin durchaus gerne regelmäßig unter Menschen (sofern es die Richtigen sind) und habe meistens kaum Berührungsängste mit neuen Bekanntschaften. Ich komme aber auch über längere Zeiträume ohne Andere aus und habe nicht im Mindesten das Gefühl eines Mangels.

Nun sehe ich mir die Menschen ringsum an und tatsächlich beschleicht mich das Gefühl, dass es nicht so sehr das Alleinsein ist, dass sie vor die Tür treibt. Natürlich wird Einsamkeit – aus sozialpsychologischer Sicht die empfundene Diskrepanz zwischen dem gewünschten Umfang sozialer Kontakte und dessen tatsächlichem Ausmaß – zu einem Problem, wenn psychiatrische Vorerkrankungen, wie etwa Borderline-Störungen , Depressionen, etc. durch die aufgezwungene Isolation verschlimmert werden können. KÖNNEN nicht MÜSSEN! Und davon ab bietet unsere moderne Welt jede Menge Abhilfen, um auch in diesen Zeiten den Kontakt nicht missen zu müssen.

Mir ist bewusst, dass ich ein klein wenig polemisch argumentiere. Und mit Sicherheit gibt es psychisch Kranke, denen die Isolation Gewalt antut. Aber hier wird eine psychische Krise herauf beschworen, die so nicht existiert. Sie wird nur deswegen herbeigeredet, weil ein sehr großer Teil meiner Mitmenschoiden verlernt hat, mal nur mit sich selbst klar zu kommen! Es schlicht nicht aushalten will, für einen definierten Zeitraum auf sich selbst zurückgeworfen zu sein, ohne die ganze Welt dauer-sendend informieren zu können (müssen), wie man draußen mit den anderen aus der eigenen Blase abhängt, shoppt, arbeitet, chillt, was weiß ich noch alles tut… Kommt klar, Gottverdammt! Ihr wart nie wichtig, ihr seid jetzt nicht wichtig und ihr werdet aller Wahrscheinlichkeit nach auch nie wichtiger werden. Haltet es aus und tut was Sinnvolles mit der Zeit. Dann kommt ihr nicht dazu, durchzuknallen. Und Tschüss!

Auch zum Hören…

Fresh from Absurdistan N°3 – “FFA” meets “Erwachsen bilden”…

Es ist schon eine neue Erfahrung, sich mit dem Dreh von “Lehrvideos” herumschlagen zu müssen. Ich bin ja Pädagoge, kein Mediendesigner. Deshalb habe ich es mir auch ziemlich einfach gemacht. Im Grund sitze ich an meinem Schreibtisch und male ein großes Blatt Papier voll, während ich etwas (hoffentlich sinnvolles) dazu erzähle. Frontalunterricht-Häppchen to go sozusagen. Mein Setup dafür ist denkbar einfach und kostet, sofern man über eine halbwegs akzeptable Home-Office-Ausstattung verfügt, eigentlich ziemlich wenig extra. Bei mir sind das ca. 15,00€ für ein recht einfaches Stativ und ca. 65,00€ für eine ordentliche Logitech Full-HD-Webcam. (Beides besitze ich allerdings schon seit einer ganzen Weile in mehrfacher Ausführung, weil ich damit auch Video-gestütztes Debriefing bei Szenario-Trainings realisiere). Das sieht bei mir in etwa so aus:

Der Schreibtisch steht ein bisschen voll…

Weit wichtiger als die technischen Aspekte, die zugegebenermaßen ein eher nicht hochwertig anmutendes Produktionsergebnis zu Stande bringen, sind allerdings die didaktischen und methodischen Erwägungen, welche dahinter stehen. So, wie wir im Präsenz-Unterricht einen Methoden-Mix aus Unterrichtsgespräch, Eigenarbeit, Trainings, etc. nutzen, um a) mehr als einen Lernkanal aktivieren zu können und b) das Investment der Teilnehmer bzw. Schüler zu fördern, so setze ich auch bei meinem Online-Grundlehrgang für Rettungssanitäter auf Methoden-Pluralität und eine präsente Moderation. Letzteres ist, da der Lehrgang quasi im Experimental-Stadium stattfindet, noch schwierig zu realisieren. Elemente wie eine Social-Media-Plugin konnte ich erst heute realisieren, daher ist noch nicht abzusehen, wie gut das laufen wird. Aber ist Erwachsenenbildung nicht immer erst mal nur ein Angebot…?

Ich nutze also meine Videos, problemhaltige Fallbeschreibungen mit dazu passenden Aufgaben, teilweise mit Audio unterlegte Präsentationen, kurze Lernzielkontrollen zur Selbstüberprüfung, Arbeitsaufträge im Zusammenspiel mit dem Kursbuch und geplant sind noch ein bis zwei Skype-Seminare, um offene Fragen zu klären und eine, im gerade implementierten Forum gemeinsam zu bearbeitende Gruppenaufgabe. Im Moment ist das Teilnehmer-Investment trotz des Aufwandes noch sehr zwiespältig zu beurteilen, aber ich setze Hoffnung in die Impulse, welche das Forum-Plugin eventuell setzen kann. Ich nutze übrigens ein ganz simples WordPress-CMS mit BuddyPress-Forum.

…und von der anderen Seite.

Ich weiß jetzt schon, dass die Kurs-Evaluation für mich ein Ritt auf der Kanonenkugel wird, weil ich einerseits – aus Zeitgründen – kein Tool meines Arbeitgebers genutzt habe und andererseits vieles on the fly improvisieren muss, für das ich mir unter normalen Umständen ein paar Tage, lieber aber ein paar Wochen Vorbereitungszeit nehmen würde. Aber wer hat schon den Luxus, über soviel Zeit zu verfügen? Zumindest eines kann man über die Angelegenheit sagen: ich konnte das Problem, irgendwie weitermachen zu müssen weitestgehend Kosten-neutral lösen. Und das ist in Zeiten von Corona ja auch schon etwas.

Allerdings nehme ich als Erkenntnis für die Zukunft mit, dass ich in meinem Bereich noch einige Briketts in Sachen Digitalisierung des Unterrichts nachlegen muss. Ich bin durchaus ein Technik-affiner und experimentierfreudiger Zeitgenosse, aber es darf halt nicht sein, dass man sowas mit der heißen Nadel stricken und dabei auch noch auf private Ressourcen zurückgreifen muss, damit’s just in time funktioniert. Wenn ich mich allerdings so umsehe, bin ich definitiv nicht allein mit dem Problem. Was man in dem Kontext so von den Allgemeinbildenden Schulen hört… Nun ja, wichtig ist vor allem, den gerade entstandenen Schwung in diesem Sektor mitzunehmen. Ideen habe ich jetzt einige, mal sehen was davon in der Zukunft weiter funktionieren kann.

In jedem Fall ist es ein anstrengendes aber auch spannendes Projekt, über dessen Früchte ich euch auch in der Zukunft auf dem Laufen halten werde. Bis dahin wünsche ich einen schönen Samstagabend. Bleibt daheim, bleibt gesund, bleibt locker. Denn nach der Krise ist vor der Krise…

Auch zum Hören…

Fresh from Absurdistan N°2 – Homeschooling 1.0

Schnappatmend quälten sie sich durch den Vormittag…NICHT! Es ist irritierend, aber wenn man mal von der Notwendigkeit kleinerer “motivierender Ansprachen” absieht, scheinen meine Kids begriffen zu haben, dass der Rest des Tages ihnen gehört, wenn sie sich Vormittags ein wenig auf den Hosenboden setzen. Natürlich sind unsere Tage nun anders strukturiert; und natürlich ist es ein Segen, dass ich einen nicht unerheblichen Teil meiner Arbeit auch im Home-Office machen kann. Aber subsumierend kann ich sagen, dass es besser läuft als erwartet. Doch dazu später mehr.

Wenn man die Nachrichten aufmerksam verfolgt, wird langsam klar, dass der 19.04 vermutlich nicht das Ende der Fahnenstange ist. Doch in einer Situation wie dieser fahren wir alle auf Sicht. Und es ist neblig. Ziemlich neblig. Fake News und Hysterie tun ein Übriges. Und mit Hysterie meine ich explizit nicht solche Maßnahmen, wie die Schließung öffentlicher Einrichtungen, Versammlungsverbote, Einschränkung des Handels etc. sondern solche Dinge wie, dass die dümmsten 10% unserer Bevölkerung nun 50% des Toilettenpapiers besitzen… Also Menschen, die jegliche Solidarität vermissen lassen und gerade endlich empirisch beweisbar machen, was ich schon seit Jahren sage: nämlich, dass der legendäre “gesunde Menschenverstand” bestenfalls in homöopathischen Dosen auf dem Erdenrund nachweisbar ist!

Ich bin natürlich nur ein Kerl mit einer Meinung; aber früge man mich, was jetzt zu tun sei, würde ich sofort eine Ausgangssperre verhängen, damit diese ganzen Honks, die jetzt – fröhlich ihre neu gewonnene Freizeit genießend – durch die Innenstädte mäandern endlich mal mit ihrem Arsch zu Hause bleiben. Denn ohne angedrohte Erschießung ist der bundesteutonische Narziss offensichtlich nicht befähigt, in Sinnzuammenhängen zu denken, die über “ME FIRST!” hinausgehen. Aber wer bin ich schon. Nur ein Kerl mit einer Meinung…

Was nun Home-Office für mich und meine Kinder angeht: JA, es fällt den zweien (7 und 11) nicht durchgehend leicht, diszipliniert weiter zu arbeiten. Ihrem – laut Führerschein erwachsenen (45) – männlichen Erziehungsberechtigten allerdings auch nicht. Ich habe allerdings Bedürfnisverzicht schon recht umfänglich erlernt, daher geht’s. Was in drei Wochen ist, wage ich allerdings nicht vorherzusagen. Im Moment hat die Situation einen gewissen “Novelty Factor”, der es erleichtert. Ich selbst bin allerdings sowieso Home-Office-Fanatiker. Diesen unsäglichen Präsentismus im Büro habe ich eh noch nie verstanden. Insbesondere, weil einige meiner Aufgaben die Muse der Kreativität fordern, was eigentlich nur im stillen Kämmerlein richtig gut funktionieren kann.

Was nun meine derzeitigen Aufgaben angeht: eigentlich hatte ich im Moment einen Rettungssanitäter-Grundlehrgang laufen. Sowas macht man üblicherweise in Präsenz, weil es viele Handlungs-praktisch relevante Bestandteile enthält: will sagen, man muss viel mit den Händen lernen. Damit die Teilnehmer aber das Gelernte der ersten Woche nicht vollkommen verlieren und wenigstens der theoretische Background gefestigt werden kann, erarbeite ich im Moment – Step by Step, oder play by day, je nachdem, wie man das sehen möchte – Materialien für eine Online-Selbstlern-Plattform. Sowas gab es zwar schon bei anderen Anbietern, allerdings bin ich mit vielen Online-Kursen eher unglücklich. Medien-didaktisch geht da noch einiges mehr. Und auch das Tutoring darf man nicht vernachlässigen. Ich werde über meine Erfahrungen bei Gelegenheit berichten.

Ansonsten wünsche ich uns allen eine ruhige Zeit, den Erhalt der Gesundheit, einen gewissen Zuwachs an Vernunft und Solidarität – und vielleicht die Muse, den einen oder anderen Teil der eigenen Lebenspraxis mal zu überdenken. Der Psychologe würde sagen: wir sind derzeit auf uns selbst zurückgeworfen. Ich neige dazu, dies als Chance zur Selbstreflexion zu nutzen, anstatt der Chance zum gemeinsamen Saufen nachzutrauern. Die kommt auch wieder. Bis dahin – stay safe!

Auch zum Hören…

Fresh from Absurdistan N°1 – Wahnsinns-Virus…

Man könnte sich darüber echauffieren, dass die Maßnahmen zur Eindämmung der Sars-CoV2-Ausbreitung zu spät, zu inkonsequent und zu lasch sind. Oder man ist Elternteil und darf sich mit der Frage herumschlagen , wie zum Teufel man nur die nächsten fünf Wochen rumkriegen soll, von denen drei Wochen lang unsere zwei schulpflichtigen Kinder ungeplant zu Hause hocken und zumindest ein bisschen beaufsichtigt werden müssen. Beide Fragen habe ich sattsam in der Realität diskutiert und will die – doch etwas enervierenden – Ergebnisse nicht auch noch hier auswalzen.

Wir verfügen über den Luxus eines, zumindest teilweise, Home-Office berechtigten Vaters (ich) und einer gegenwärtig nur halbtags arbeitenden Mutter (die beste Ehefrau von allen), was dazu führt, dass wir keine Verwandten behelligen müssen und dennoch nicht am Hungertuch nagen werden. Soweit ganz chic. Aber stets bleiben Fragen zurück, deren Beantwortung dann doch etwas komplexer ausfällt: wie oft darf man einkaufen gehen? Wird es dann überhaupt noch was zu kaufen geben? (Immerhin scheint es auch bei uns ein paar Hamsterkäufer zu geben.) Töte ich Menschen, wenn ich mit meinen Kindern – so wie heute – mal raus gehe, um beim Spazieren frische Luft zu schnappen?

…im Waldpark, so 2,5 KM von zu Hause…

Die Liste ließe sich noch beliebig erweitern, denn vorgebliche Gründe, das Haus zu verlassen fielen mir Dutzendweise ein. Aber wir haben uns schon darauf eingerichtet, nicht allzu oft vor die Tür zu müssen. Lediglich etwas arbeiten gehen und eine kleine Vorrats-Ergänzung dann und wann lassen sich nicht vermeiden. Ich hatte durch Corona immerhin schon einen vortrefflichen Grund, meinen Smokey Joe auf dem Balkon anzuwerfen. Man kann schließlich nicht nur von Pasta und Pfannkuchen leben. (OK, an dieser Stelle würde meine kleinere Tochter vehement widersprechen, aber das lasse ich jetzt einfach nicht gelten…)

Steaks brauchen Feuer…

Ich glaube zu wissen, dass wir ziemlich viel richtig machen: die Sozialkontakte so weit wie möglich einschränken, die Großeltern nicht besuchen gehen, Sachen liefern lassen, hygienisch handeln, etc. Was mich allerdings umtreibt, ist die Frage, ob andere das genauso handhaben? Oder ob nicht doch viele meiner lieben Mitmenschoiden – so wie sonst auch – “ME FIRST!” rufen und auf die Solidarität scheißen, weil sie halt ihr Ding machen wollen; um jeden gottverdammten Preis….? Ich denke da nicht nur an die markt-radikalen Anwandlungen eines Donald Trump. Wir werden es bald herausfinden. Allerdings hoffe ich, dass wir die Kurve tatsächlich etwas dämpfen können, den ein Prolongieren nach Ablauf der fünf Wochen würde einige Dinge sehr problematisch gestalten. Was das Virus zum Beispiel für meine Ausbildungsarbeit bedeutet, darüber werde ich die Tage auch mal berichten.

Aufrufe zur Vernunft gab es schon genug. Gedanken machen sich auch ausreichend Leute und mit Sicherheit sind – in diesem Kontext – viele davon berufenere Geister, als ich. Was bleibt, ist die Frage, ob wir – so als Menschheit im Ganzen, aber auch als Gesellschaft der BRD im Besonderen – irgendwas daraus lernen werden, dass länger hält, nachhaltiger wirkt, als vier Wochen erregtes Online-Geplapper nach dem Ende des Lockdown? Kein Ahnung, aber drauf wetten würde ich als alter Zyniker nicht. So oder so – wenn ich nicht so viel rauskomme, kann ich vielleicht wieder mehr bloggen. Das ist doch mal ‘ne Drohung, oder. C U soon.

Auch zum Hören…

Einfach mal was schreiben…

Immer wieder tue ich mir diesen grandiosen Mist an und lese in solche Self-Publishing-Romane rein. Ja, diese Amazon-online-Grabbelkiste mit plüschig-generischen Fantasy- oder Science-Fiction-Covern, die zumeist mit dem Inhalt so viel zu tun haben, wie Rizinus-Öl mit Gaumenfreude. Wer ohne Sünde ist, der werfe den ersten Stein und so. Es ist mitnichten so, dass ich nicht auch manchmal mit etwas Wortstuck um mich werfe, aber was die da so treiben… Wer jemals in eine bayrische Barockkapelle gegangen ist, kann mit dem Begriff “ZUVIEL” etwas anfangen. Das wirkt immer, als sei jemand mit ‘ner Badewanne voller Zuckerguss ausgerutscht und als er die folgende Malaise besah, dachte er sich einfach: “Bisschen Blattgold drauf, dann wird das schon…”

Genauso lesen sich viele dieser Self-Publishing-Dinger. Die Alternative ist eine extrem puristische Aneinanderreihung karger Subjekt-Prädikat-Objekt-Geschosse, die ein langsames, sprachliches Stakkato erzeugen. In beiden Fällen rahmt die Sprache die reichliche Verwendung jeweils Genre-typischer Versatzstücke. Wortkarge, düstere Helden und -innen, die gute Hure, der falsche Freund, der harte, aber wohlmeinende Lehrmeister, eine ganze Welt voller Neider, geheimnisvolle Kräfte (was bitte schön ist in einem Fantasy-Roman an Magie noch geheimnisvoll?), und so weiter und so fort.

Oder aber wir finden den bemüht hippen – wahlweise konstruierenden oder aber im Versuch der Dekonstruktion stecken bleibenden – Kultur-Kommentar eines, von der Realität erschöpften Möchtegern-Intellektuellen; den vielleicht/hoffentlich irgendein Bildungsbürger im Feuilleton dann hyped, weil’s ja ganz was Neues ist. Einziger Unterschied zum Autor, auf den sich der verlinkte Artikel bezieht – der ist schon erfolgreich. Viele Andere, die so gerne mal einen Meter Regal auf einer relevanten Buchmesse mieten würden, sind das nicht – und werden es auch nie sein. Ich wahrscheinlich übrigens auch nicht. Ich bin aber auch nicht davon abhängig, vom Feuilleton gehyped zu werden. Die sind dort doch eh alle so sehr mit ihrer eigenen Wichtigkeit befasst, dass sie die Welt “as is” doch gar nicht mehr erkennen können.

Klingt bitter? Vielleicht ein bisschen. Aber was mancher Möchtergern, aber auch einige hochgerühmte Bestseller-Autor da abliefern, klingt Scheiße, reizt kein bisschen die Sinne und regt auch nicht zum Nachdenken an. Denn wenn das Feuilleton irgendwas kann, dann dieses, ab der 5. Klasse des Gynmasiums eingeübte Überinterpretieren irgendwelcher – angeblich irgendwie relevanter – Stoffe. Ich schwöre, bei allem, was mir auch nur irgendwie heilig ist: Ich habe mich damit auch befasst. Und sogar recht erfolgreich. Doch bis heute will mir nicht in den Kopf, wie viel Subtext und verborgene Bedeutung mancher in einem Stück, Kapitel, Gedicht sehen will, das vielleicht vom Autor nach einer durchzechten Nacht mal eben hingerotzt wurde, weil der Abgabe-Termin unaufhaltsam näher rückte.

Wahrscheinlich bin ich einfach nur frustriert, weil ich nicht berühmt bin; aber mal ehrlich: wer glaubt schon, dass all diese versteckten Zeichen, die mancher Mensch in manchen Büchern sehen möchte, tatsächlich vom Autor intendiert waren? Wenn wir mal von Umberto Eco absehen. Der war Professor für Semiotik. Aber wenn tatsächlich Zeichen da wären, wer sagt, dass damit auch gemeint war, was wir heute denken, dass gemeint sein könnte. Insbesondere, wenn der Text in einer anderen Kulturepoche entstanden ist. Und NEIN; auch wenn die Historiker viel über vergangene Zeiten sagen können – wie’s damals wirklich war, was zählte und was nicht, bleibt häufig sehr vage. Womit auch die Interpretation eher ein Glücksspiel bleiben muss.

Ich – so ganz für mich – glaube daran, einfach mal zu schreiben. Oh, es gibt durchaus ein Storyboard, dramaturgische Erwägungen, Hintergründe für meine Figuren, welche Motivationen und Handlungsweisen erklären. Es gibt einen Stil, den ich pflege und bestimmte Genres, die mir mehr liegen als andere. Und auch, wenn ich zu Beginn des Artikels die Zunft der Self-Publisher für ihren gelegentlichen Mangel an Innovation gescholten habe, bin ich doch vermutlich in mancherlei Hinsicht kein Jota besser. Und doch würde ich mir wünschen, dass wir endlich mit dem dauernden, zwanghaften Interpretieren aufhören könnten und einfach tun, was die meisten wahrscheinlich wollen: die Geschichten erzählen, die sie selbst gerne hören würden. Zumindest mir geht es so.

Wenn dabei ab und zu eine relevante Geschichte abfällt, die nicht nur unterhält sondern auch zum Nachdenken anregt, ist das quasi ein Bonus. Nur auf eines sollten wir achten: nicht den 28. JRR-Tolkien-Aufguss einer Heldenreise als etwas vollkommen Neues verkaufen zu wollen. Damit wäre auch mir gedient. Und sucht euch mal bessere Cover-Artists. Die müssen nicht die Welt kosten. Aber wenn Cover und Buch irgendwas miteinander zu tun haben, macht das einfach mehr her. C U…

Auch zum Hören…

Im Schweinsgalopp durch’s Zeitgeschehen

Seit meinem letzten Post sind ein paar Tage ins Land gegangen und was soll ich sagen – das Leben geht weiter! Und zwar zwangsweise, da die Ansprüche der Lebenden an mich nun mal nicht aufhören, nur weil jemand final ausgecheckt hat, der mir sehr nahe stand… Keine Klagen, keine schlechten Gefühle. Wir alle sind so sehr eingebunden in dieses fragile Dings namens Leben, dass man kaum je Zeit hat, wirklich drüber nachzudenken, was das eigentlich bedeutet.

Schaut man so durch die Tages- und Wochengazetten, drängt sich einem der Verdacht auf, dass es neben Corona und den üblichen Senkwehen sich anbahnender politischer Totgeburten nix anderes von Belang mehr auf der Welt gibt. Nun herrscht ja an solchen Politzombies in spe kein Mangel: z.B. wahrscheinlich Joe Biden als Kandidat der DEMs gegen Trump bei der nächsten Wahl, oder – fast noch besser – Friedrich Merz als CDU-Spitzenkandidat, der die bürgerliche Mitte endgültig vergraulen wird, obwohl er doch immer in treuherziger Falschheit beteuert, dazu zu gehören. Aber bildet das tatsächlich unsere Welt ab?

Es gibt so viele andere Dinge, an deren Behandlung – oder besser Nichtbehandlung – man ablesen kann, wie es in den Köpfen vieler unserer “Führer” tatsächlich um Humanität bestellt ist. Ich werde keine Beispiele bringen, die findet man mit wenig Aufwand selbst (Stichworte Idlib, Ostukraine, Lesbos). Aber richtig traurig macht mich, dass der ganze Alarm wahrscheinlich vergessen ist, wenn irgendwelche Ligen wieder nutzlos Millionen verbrennen, damit alle dabei zuschauen wollen, wie überbewertete – und leider nur zu häufig unterbelichtete – Bübchen Bälle herum schieben. Großartiger Scheiß. Na ja… jedem seinen Eskapismus. [Nachtrag vom 22.03: ich habe mich geirrt! Die Ligen sind abgesagt! Wenigstens einmal hat die Vernunft über den Mamon gesiegt!]

Wo war ich? Ach ja – Bedeutung. Zum Teufel, ich weiß auch nicht, was soll es bedeuten, dass ich mich so normal fühle. JA, da ist eine Leerstelle. JA, da war eine Zäsur. JA, ich habe (natürlich) noch nicht damit abgeschlossen. JA, es tut immer wieder ein bisschen weh. NEIN, es ändert nichts daran, dass ich mein Leben wie bisher weiter leben werde! Einerseits weil ich muss, denn es gibt Verpflichtungen – gegenüber meinen Lieben, meinen Freunden, meinen Kollegen, meinem Boss, meinen Schülern – die man nicht einfach mit einem “Ich kann grad’ nicht” wegwischen kann. Zumindest nicht für lange.

Und wahrscheinlich ist es auch genau das, was den Menschen letzten Endes immer wieder zu heilen vermag, wenn er es denn zulassen möchte: Weiterleben Müssen macht das Weiterleben Wollen nämlich irgendwie einfacher. “Muss ja” ist nicht etwa eine dumme Phrase, wenn man sonst nix zu sagen weiß, sondern vielmehr eine höchst tiefgründige Weisheit, die das eben Gedachte charmant unprätentiös zusammenfasst.

Andererseits ist mein Weiterleben und Weitermachen Wollen ein starkes Mojo. Denn lange, bevor diese aktuelle Scheiße passiert ist, habe ich mit mir selbst einen Deal geschlossen. Es ist ein ganz einfacher Deal und er lautet in etwas so: Denen gegenüber, die mir treu sind, werde ich auch treu sein! Immer! Bis der Tod – oder irgendein ähnlich dramatisches Desaster – uns scheidet! Und dann gehe ich- sofern es noch einen gibt – meinen Weg einfach weiter! Ende Gelände…

Das Leben hat mich einiges über Verlust, Elend, Trauer und Schmerz gelehrt. Und darüber, wie egoistisch, falsch, durchtrieben, verlogen und bigott manche durch’s Leben gehen. Aber die allermeisten sind, genau wie ich, einfach nur Typen (oder Typinnen), die durch diesen Mist stolpern und hoffen, es halbwegs hinzukriegen, ohne allzu viel kaputtzumachen. Kein Ahnung, wie meine Bilanz dereinst ausfallen wird. Ich male mir ja immer aus, dass ich ein bisschen mehr auf der “Gutes-Karma-Haben-Seite” angespart habe. Man kriegt halt keine Kontoauszüge. Das Schicksal will immer nur Abschlagszahlungen sehen – wie zum Beispiel jetzt.

Ich fragte mich in letzter Zeit häufig, warum ausgerechnet die ganzen Soziopathen in irgendwelchen politischen Ämtern rumlungern. Doch dann kam mir der Gedanke: die sind wie ich. Es schauen nur mehr Leute zu. Und jene, die Ansprüche an sie haben, verfügen teilweise über viel mehr Macht, als bei mir. Denn die wahren Soziopathen hocken ja doch immer in irgendwelchen verglasten Türmen und schauen auf die anderen mit dieser unfassbaren Mischung aus Verachtung und Angst herab, die nur jemand empfinden kann, der stets mit der Furcht leben muss, von seinem ungeheuren Reichtum auch nur ein Futzel hergeben zu müssen. Was für arme Kreaturen…

Ich werde Zimbo bleiben, älter werden und nach Westen ziehen… halt, das war Galadriels Spruch, sorry. Ehrlich gesagt: ich brauch meinen schrägen Humor, meine schrägen Hobbies und die – Gott sei Dank – leicht schrägen Menschen um mich herum, damit alles in den Fugen bleiben kann. Denn das ist, worum es beim Weiterleben geht: vorwärtsstolpern, nicht zu viel kaputtmachen, sich treu bleiben und immer brav auf die “Gutes-Karma-Haben-Seite” einzahlen. Dann ist es irgendwann auch OK, wenn ich selber gehen muss, weil jene, die ich dann unvermeidlich zurücklassen muss, wissen, wie man’s macht, dass es nicht so weh tut und trotzdem weitergeht. Hab’s ihnen ja gezeigt. Schönen Abend noch.

Auch zum Hören…