Braucht man überhaupt eine? Als ich in das Spiel eingeführt wurde, so um den Sommer 1989 rum, da war das ein Prozess, der keinen Namen hatte; der überdies auch keinen Namen brauchte. Wir wussten nicht, was “Onboarding” ist. Es gab damals keine echten Starterboxen, die den Namen verdient hätten, keine Erklärbärvideos, keine Blogs, etc. Denn es gab kein Internet! Es gab ein paar wenige Rollenspielläden. Wenn du Glück hattest, wohntest du in der großen Stadt, wo die Wahrscheinlichkeit einen zu finden größer war. Es gab Spieler, Spielleiter und solche die – nicht durch die mangelhaften Erklärungsversuche der anderen Nerds abgeschreckt – es werden wollten. Es gab RPG-Conventions, wo man sich traf, austauschte und vor allem zockte. Und fertig! Die Welt war da recht überschaubar. Nicht nur, was Rollenspiel anging; aber ich schweife ab. Das Spiel wurde damals in Form einer Erzähltradition weitergegeben. Es gab zwar für verschiedene Systeme eine Unmenge Bücher und Kaufabenteuer, die einem Inspiration verschaffen konnten. Aber nur durch das Studium der Bücher war nicht klar, wie das Spiel funktionierte. Dazu bedurfte es stets einer Sache: Ausprobieren. Sich von den anderen, die schon spielten mitreißen lassen. Und dann dabei bleiben – oder es irgendwann ad acta legen. Ich habe neulich die recht erfrischende Erfahrung gemacht, dass jene, die schon damals zu den wahren Nerds gezählt hatten, auch heute noch dabei sind. Blicke ich auf jene Zeit zurück, so waren es die Erfahrungen in diesen vielen verschiedenen Spielrunden, denen ich beiwohnen, bzw. die ich spielleiten durfte, die meine Herangehensweise und mein Verständnis für das Spiel geprägt haben. Und wenn ich heute die Ehre und das Vergnügen habe, jemanden neu in das Spiel einführen zu dürfen, dann versuche ich vor allem jene ersten Erfahrungen zu nutzen, die ich damals gemacht habe. Denn man lernt das Spiel vor allem durch… SPIELEN. Es gibt jedoch ein ABER dazu.

Ich konsumiere heutzutage das eine oder andere Youtube-Video aus der TTRPG-Sphere; und ich muss manchmal den Kopf schütteln, wie leichtfertig so mancher Content-Creator die eigene – anektdotische – Erfahrung zur wahren Weisheit zu verklären neigt. Ich bin ehrlich verblüfft, mit welcher Anspruchshaltung manche Menschen durch die allwissende Müllhalde gurken. Und ich bemerke, dass TTRPG-Streaming zwar einerseits das Hobby neu belebt hat – auf der anderen Seite aber vielen (potentiellen) Spielern eine vollkommen überzogene Vorstellung davon vermittelt, wie es am Tisch aussehen und zugehen sollte. ICH bin weder ein professional voice-actor, noch benutze ich – bis heute! – eine echte Battlemap oder Minis. Es gibt viele Möglichkeiten, Szenarien lebendig werden zu lassen. Und… das Kämpfen ist nur EIN Teil des Spiels! Es sei denn du spielst DnD. Dann ist für so manchen der Kampf das Spiel. Viel Spaß dabei. Ja, viele TTRPGs können bis heute ihre Herkunft als “Kinder” des Tabletop-Wargaming kaum verleugnen. Wie gesagt, wenn’s den Leuten Spaß macht, bitteschön. Das sind auch die Aspekte, die man heutzutage am ehesten in Starterboxen oder im Internet findet. Optimale Subclasses und Builds für diese oder jene Charakterklasse, die zumeist auf optimalen Damage-Output ausgelegt sind, so gemäß dem Motto “Wie zerlege ich dem Spielleiter am schnellsten seine Abenteuer!” Dabei übersehen die Leute – geblendet von ihrer eigenen Powerfantasy – häufig, dass es die GESCHICHTE ist, die das Spiel im Kern zusammenhält und spannend macht. Es geht nicht darum, ob ich in der Lage bin, die Wächter des Ganghangouts in zwei Kampfrunden zu überwinden, sondern ob ich die Hinweise zusammenpuzzeln kann, warum ich überhaupt dahingefunden habe… nämlich, weil eine andere Gang mich gerade benutzt hat, um Rivalen aus dem Weg zu räumen. Das ganze Geballer und Gemetzel ist stets nur Mittel zum Zweck – um Spannung, um Drama zu erzeugen. Um dir Fragen zu stellen, die sich NICHT mit den Werten auf den Charakterblatt beantworten lassen.

Wird mein Charakter verhindern können, dass jemand anders für einen Fehler bezahlen muss, den ich gemacht habe? Werde ich einen Weg zurück nach Hause finden? Werde ich herausfinden, warum ich da überhaupt gelandet bin? Welche Rätsel warten noch auf mich? All das findet man im GESPRÄCH heraus! Natürlich sind dann und wann Würfel im Spiel, wenn es um die Frage geht, ob eine bestimmte Aufgabe gemeistert werden kann. Und ebenso natürlich lauern Konsequenzen, wenn etwas nicht klappt. Wenn ich mir bei neuen Spieler*innen etwas wünschen dürfte, dann wäre dies, dass sie Freude daran finden, sich in ihren Charakter hineinzuversetzen, um zu denken und zu handeln wie der Charakter – und mit den Konsequenzen ihres Tuns und Lassens umzugehen, wie ihr Char es tun würde. Das man dabei jemand anders sein kann, der über völlig andere Mittel zur Konfliktbewältigung verfügt, ist dabei aber nur ein Reiz des Spiels! Ein anderer ist die Übernahme anderer Rollen; also so tun als ob und “was-wäre-wenn”-Fragen beantworten. Doch das alles lernt man nur am Modell. Durch zu- und abschauen. Durch selber machen (scheitern inclusive). Durch Kommunikation und Interaktion. Denn Rollenspiel ist im Kern, wenn man den ganzen Regelcrunch mal wegpellt, ein soziales Spiel, dass sich nur im DIALOG realisieren kann. Im MITEINANDER! Ich habe neulich irgendwo auf Youtube jemanden gesehen, der sich darüber mockierte, dass die neue DnD-Starterbox den Spieler*innen nicht erklärt, wie das Spiel funktioniert. Und ich verstehe seinen Ansatz, dass potentielle Neulinge auf Grund der medialen Präsenz von “Stranger Things” und “Critical Role” und den ganzen anderen DnD-Apologeten dann über diese Starterbox stolpern mögen und dort hinsichtlich dieser Frage enttäuscht werden. Ich glaube jedoch auch, dass die Box, selbst wenn sie manche Dinge besser erklären würde, das Erlernen der Erzähltradition durch andere Nerds kaum ersetzen könnte; denn dazu braucht es die anderen Nerds. Braucht es also eine “Bedienungsanleitung” für TTRPGs? Ja, sicher – aber keine geschriebene. Auch wenn viele Rollenspielbücher dies heutzutage versuchen. Für mich geht nichts darüber, von einem erfahrenen Nerd mit offenem Geist an Bord geholt zu werden. In diesem Sinne – always game on!













