Der verwirrte Spielleiter N°72 – Bedienungsanleitung?

Braucht man überhaupt eine? Als ich in das Spiel eingeführt wurde, so um den Sommer 1989 rum, da war das ein Prozess, der keinen Namen hatte; der überdies auch keinen Namen brauchte. Wir wussten nicht, was “Onboarding” ist. Es gab damals keine echten Starterboxen, die den Namen verdient hätten, keine Erklärbärvideos, keine Blogs, etc. Denn es gab kein Internet! Es gab ein paar wenige Rollenspielläden. Wenn du Glück hattest, wohntest du in der großen Stadt, wo die Wahrscheinlichkeit einen zu finden größer war. Es gab Spieler, Spielleiter und solche die – nicht durch die mangelhaften Erklärungsversuche der anderen Nerds abgeschreckt – es werden wollten. Es gab RPG-Conventions, wo man sich traf, austauschte und vor allem zockte. Und fertig! Die Welt war da recht überschaubar. Nicht nur, was Rollenspiel anging; aber ich schweife ab. Das Spiel wurde damals in Form einer Erzähltradition weitergegeben. Es gab zwar für verschiedene Systeme eine Unmenge Bücher und Kaufabenteuer, die einem Inspiration verschaffen konnten. Aber nur durch das Studium der Bücher war nicht klar, wie das Spiel funktionierte. Dazu bedurfte es stets einer Sache: Ausprobieren. Sich von den anderen, die schon spielten mitreißen lassen. Und dann dabei bleiben – oder es irgendwann ad acta legen. Ich habe neulich die recht erfrischende Erfahrung gemacht, dass jene, die schon damals zu den wahren Nerds gezählt hatten, auch heute noch dabei sind. Blicke ich auf jene Zeit zurück, so waren es die Erfahrungen in diesen vielen verschiedenen Spielrunden, denen ich beiwohnen, bzw. die ich spielleiten durfte, die meine Herangehensweise und mein Verständnis für das Spiel geprägt haben. Und wenn ich heute die Ehre und das Vergnügen habe, jemanden neu in das Spiel einführen zu dürfen, dann versuche ich vor allem jene ersten Erfahrungen zu nutzen, die ich damals gemacht habe. Denn man lernt das Spiel vor allem durch… SPIELEN. Es gibt jedoch ein ABER dazu.

Ich konsumiere heutzutage das eine oder andere Youtube-Video aus der TTRPG-Sphere; und ich muss manchmal den Kopf schütteln, wie leichtfertig so mancher Content-Creator die eigene – anektdotische – Erfahrung zur wahren Weisheit zu verklären neigt. Ich bin ehrlich verblüfft, mit welcher Anspruchshaltung manche Menschen durch die allwissende Müllhalde gurken. Und ich bemerke, dass TTRPG-Streaming zwar einerseits das Hobby neu belebt hat – auf der anderen Seite aber vielen (potentiellen) Spielern eine vollkommen überzogene Vorstellung davon vermittelt, wie es am Tisch aussehen und zugehen sollte. ICH bin weder ein professional voice-actor, noch benutze ich – bis heute! – eine echte Battlemap oder Minis. Es gibt viele Möglichkeiten, Szenarien lebendig werden zu lassen. Und… das Kämpfen ist nur EIN Teil des Spiels! Es sei denn du spielst DnD. Dann ist für so manchen der Kampf das Spiel. Viel Spaß dabei. Ja, viele TTRPGs können bis heute ihre Herkunft als “Kinder” des Tabletop-Wargaming kaum verleugnen. Wie gesagt, wenn’s den Leuten Spaß macht, bitteschön. Das sind auch die Aspekte, die man heutzutage am ehesten in Starterboxen oder im Internet findet. Optimale Subclasses und Builds für diese oder jene Charakterklasse, die zumeist auf optimalen Damage-Output ausgelegt sind, so gemäß dem Motto “Wie zerlege ich dem Spielleiter am schnellsten seine Abenteuer!” Dabei übersehen die Leute – geblendet von ihrer eigenen Powerfantasy – häufig, dass es die GESCHICHTE ist, die das Spiel im Kern zusammenhält und spannend macht. Es geht nicht darum, ob ich in der Lage bin, die Wächter des Ganghangouts in zwei Kampfrunden zu überwinden, sondern ob ich die Hinweise zusammenpuzzeln kann, warum ich überhaupt dahingefunden habe… nämlich, weil eine andere Gang mich gerade benutzt hat, um Rivalen aus dem Weg zu räumen. Das ganze Geballer und Gemetzel ist stets nur Mittel zum Zweck – um Spannung, um Drama zu erzeugen. Um dir Fragen zu stellen, die sich NICHT mit den Werten auf den Charakterblatt beantworten lassen.

Always working on something new…

Wird mein Charakter verhindern können, dass jemand anders für einen Fehler bezahlen muss, den ich gemacht habe? Werde ich einen Weg zurück nach Hause finden? Werde ich herausfinden, warum ich da überhaupt gelandet bin? Welche Rätsel warten noch auf mich? All das findet man im GESPRÄCH heraus! Natürlich sind dann und wann Würfel im Spiel, wenn es um die Frage geht, ob eine bestimmte Aufgabe gemeistert werden kann. Und ebenso natürlich lauern Konsequenzen, wenn etwas nicht klappt. Wenn ich mir bei neuen Spieler*innen etwas wünschen dürfte, dann wäre dies, dass sie Freude daran finden, sich in ihren Charakter hineinzuversetzen, um zu denken und zu handeln wie der Charakter – und mit den Konsequenzen ihres Tuns und Lassens umzugehen, wie ihr Char es tun würde. Das man dabei jemand anders sein kann, der über völlig andere Mittel zur Konfliktbewältigung verfügt, ist dabei aber nur ein Reiz des Spiels! Ein anderer ist die Übernahme anderer Rollen; also so tun als ob und “was-wäre-wenn”-Fragen beantworten. Doch das alles lernt man nur am Modell. Durch zu- und abschauen. Durch selber machen (scheitern inclusive). Durch Kommunikation und Interaktion. Denn Rollenspiel ist im Kern, wenn man den ganzen Regelcrunch mal wegpellt, ein soziales Spiel, dass sich nur im DIALOG realisieren kann. Im MITEINANDER! Ich habe neulich irgendwo auf Youtube jemanden gesehen, der sich darüber mockierte, dass die neue DnD-Starterbox den Spieler*innen nicht erklärt, wie das Spiel funktioniert. Und ich verstehe seinen Ansatz, dass potentielle Neulinge auf Grund der medialen Präsenz von “Stranger Things” und “Critical Role” und den ganzen anderen DnD-Apologeten dann über diese Starterbox stolpern mögen und dort hinsichtlich dieser Frage enttäuscht werden. Ich glaube jedoch auch, dass die Box, selbst wenn sie manche Dinge besser erklären würde, das Erlernen der Erzähltradition durch andere Nerds kaum ersetzen könnte; denn dazu braucht es die anderen Nerds. Braucht es also eine “Bedienungsanleitung” für TTRPGs? Ja, sicher – aber keine geschriebene. Auch wenn viele Rollenspielbücher dies heutzutage versuchen. Für mich geht nichts darüber, von einem erfahrenen Nerd mit offenem Geist an Bord geholt zu werden. In diesem Sinne – always game on!

Auch als Podcast…

Erwachsen bilden N°58 – Ich bin erstaunt!

Ich hatte in der abgelaufenen Woche zugleich die Bürde und das Privileg, einer Klasse, die gerade ins zweite Lehrjahr kommt einen ersten, dennoch tiefgreifenden Einblick in eine nicht ganz leichte Kost geben zu dürfen: psychosoziale und psychiatrische Notfälle im Rettungsdienst. Mit Blick auf meine eigene diesbezügliche Krankheitsgeschichte war mir dabei allerdings ein Mü unwohl; was ich übrigens auch gegenüber meinem Therapeuten erwähnte. Er meinte jedoch, dass jemand, der selbst betroffen sei, aus einer Perspektive maximaler Glaubwürdigkeit agieren könne. Ich kann, auch wenn ich heutzutage sehr oft andere Aufgaben übernehme, sehr wohl unterrichten. Doch es gab ein paar Aspekte, die mir Kopfzerbrechen bereiteten. Zum einen musste ich, weil mal wieder mit viel zu wenig Zeitressourcen ausgestattet, auf die Materialien eines Kollegen zurückgreifen. Die habe ich zwar für meine individuellen Dozentenbedürfnisse umgestrickt, dennoch steckte auch darin noch viel Arbeit, denn man muss, sofern man anderer Leute Content nutzt, den Stoff trotzdem selbst noch einmal so tief durchdringen, dass man zumindest die meisten Fragen – ja auch die ungewöhnlichen – ohne große Umschweife beantworten kann. Okay… challenge accepted. Ein zweiter Punkt war ein recht umfangreicher Vortrag zum Thema Depressionen… und einer zum Suizid. Mir wurde einmal mehr bewusst, dass Menschen, die in diesem Job arbeiten, selbst deutlich gefährdeter sind, eine psychische Erkrankung zu entwickeln, als die ganzen Menschen mit Jobs, in denen man nicht mit Not, Elend, Tod und noch vielen anderen negativen Erlebnissen konfrontiert wird. Ich musste da also durch, ohne mich selbst oder meine Schüler*innen zu triggern. Und schließlich musste ich die Erwartung der jungen Leute dämpfen, hinterher wirklich in allen Situationen sofort eine Lösung parat zu haben. Daher war ich heute sehr positiv überrascht, als mir ein paar von ihnen im Plenum offenbarten, verstanden zu haben, dass ein Hauptzweck der Übung vor allem in der Sensibilisierung für eine Materie bestand, deren Betroffene uns NotSans im Umgang sehr viel Geduld abverlangen, deren soziales Stigma inclusive aller möglichen Vorurteile nach wie vor enorm präsent ist. Und denen helfen zu können oft genug durch ein hierin lausig schlecht aufgestelltes Gesundheitswesen, zumeist mangelnde medizinische Selbstkompetenz und das Störfeuer Dritter verhindert wird.

Ich durfte feststellen, dass die Selbstreflexion, die ich stets während meines Unterrichtes einfordere hier stattgefunden hat. Vielleicht, weil ich an einigen Stellen zumindest versucht habe, auch auf mögliche eigene Betroffenheit einzugehen. Vielleicht, weil der eine oder die andere auch über eigene Erfahrungen verfügt. Vielleicht, weil es erst die erste Woche des Schulblocks war. Da ist man meist noch reativ frisch im Kopf. Ganz gleich, welchem Aspekt ich das zuschreiben möchte – aus meiner Sicht war die Woche damit ein voller Erfolg. Wir haben viel Wegstrecke gemacht und keine Motivation vernichtet. Wären meine Arbeitswochen immer so, wäre ich vermutlich letzthin nicht in ein so tiefes Loch gefallen. Doch da ich meine zeitlichen, emotionalen und kognitiven Ressourcen stets zwischen verschiedenen Baustellen aufteilen muss, anstatt mich auf eine bewusst konzentrieren zu können, bleibt mir diese Genugtuung allzu oft verschlossen. Daher feiere ich das jetzt gerade ein wenig. Ulkig ist im Zusammenhang mit dieser Woche im Lehrsaal übrigens der Umstand, dass eine der Schülerinnen mich irgendwann fragte, was das immer für komische Bilder wären, mit denen ich meine Präsentationen oft einleite? (Ja, damit bin ich ertappt: ich benutze Powerpoint(c). Ich versuche allerdings, meine Präsentationen nicht als diese, so weit verbreiteten Textwüsten zu gestalten, welche der Frankfurter Allgemeinen alle Ehre machen würden…) Ich sagte ihr sinngemäß, dass ich wohl relativ häufig ein paar Schritte zu weit dächte und meine Metaphern daher vielleicht nicht für jeden Betrachter funktionieren würden. Das ist der eine Teil der Wahrheit. Der andere: Präsentationen, die nur mit unserer Coporate Identity daher kommen, sehen für mich einfach stinklangweilig aus. Ich möchte ja beim Präsentieren auch Spaß haben. Dennoch möchte ich mir hier kurz die Mühe machen, zu erklären, was ich bei der Auswahl einiger Fotos gedacht und gefühlt habe:

Und damit sei euch ein schönes Wochenende gewünscht!

Auch als Podcast…

Was, schon so lange…?

Beziehungen sind etwas höchst kompliziertes. Insbesondere, wenn sie zeitlich signifikant über eine hitzige Nacht und ein genuscheltes “…aber der Kaffee war okay…” hinausgehen. Ich meine, wenn man sich – vor allem in den Unterhaltungsmedien – aufmerksam umsieht, wird einem da sehr häiufig ein völlig unrealistisches Bild der Dinge gezeichnet. Da ist von ewig währender Verliebtheit über absurde Personen-Konstellationen und unmögliche Schwüre bis hin zur Selbstaufgabe einer beteiligten Partei alles dabei, was eine Beziehung u.U. richtig ungesund macht. Und nur, um das gleich vorweg klarzustellen: ich habe weder ein Patentrezept noch irgendeine geheime Formel. Warum die beste Ehefrau von allen und ich auch nach Jahrzehnten immer noch ein Paar sind, ist uns beiden selbst zwar nicht ganz so schleierhaft, wie externen Beobachtern. Aber ich darf hier versichern, dass weder Magie, noch Geld oder irgendwelche Leichen im Keller eine Rolle spielen. Wenn irgendetwas als ausschlaggebender Faktor für den “Erfolg” unserer Ehe – was auch immer das sein soll – gelten darf, so ist es die richtige Mischung aus Nähe und Distanz. Aus Neugier und Ignoranz. Aus Gemeinsamkeiten und Unterschieden. Aus Reden und Schweigen. Und vielleicht noch aus manchem mehr, denn Langzeitbeziehungen sind wie ein Tanz, bei dem Takt, Tempo und Instrumentierung immer wieder wechseln.

…unter Mistelzweigen…?

Nähe und Distanz dynamisch wechseln zu können, wenn man entweder einander oder aber seine Ruhe, bzw. etwas Quality-Time mit anderen Menschen braucht, ist eine Kunst. Denn nicht immer wird auf den ersten Blick klar, was gerade angesagt ist. Manchmal muss man auch erst für sich selbst herausfinden, dass man genau jetzt für sich (oder mit anderen) sein möchte, anstatt mit dem “significant other” irgendwas zu unternehmen; oder auch nur Zeit zu verbringen. Herauszufinden, in welche Richtung es gerade geht, bedarf der Neugier. Wer nicht fragt, bleibt dumm sagt schon die Sesamstraße. Manche vergessen das wohl. In jedem Fall bleibt man stets dazu aufgerufen, neugierig auf seine*n Partner*in zu bleiben. Denn wir verändern uns im Laufe des Lebens auf vielfältige Weise. Interessen kommen und gehen. Bekanntschaften und Freundschaften kommen und gehen. Auf beiden Seiten. Das zu akzeptieren, brauche ich manchmal auch Ignoranz; und zwar im Sinne eines nicht immer auf kleine Fehler, Probleme, Macken eingehens, sofern diese keine signifikante Bedrohung darstellen, sondern lediglich nervtötend sind. Anfangs mögen es die Unterschiede sein, die uns aufeinander anziehend wirken lassen. Doch auf Dauer sind es Gemeinsamkeiten, die den Kitt einer Beziehung bilden – aber eben, wie alles andere auch, dem ständigen Wandel des Lebens unterworfen sind. Wir kommen also um das Reden nicht herum. Aber auch, wenn Kommunikation natürlich der Schlüssel zum Erfolg bezüglich sehr vieler Aspekte des Lebens ist, kann Schweigen die bessere Lösung sein. Herauszufinden, wann ich reden und wann besser schweigen sollte, bleibt allerdings über die gesamte Lebensspanne (einer Beziehung) hinweg eine kritische Aufgabe, die mitnichten immer erfolgreich gemeistert wird… Manchmal ist der schlimmste Gegner von gut gemacht eben gut gemeint.

So gehen die beste Ehefrau von allen und ich manchmal auf doch sehr unterschiedlichen Hochzeiten tanzen – im übertragenen Sinne, denn geheiratet hat in unserem Umfeld schon eine Weile keiner mehr. Doch auf Grund divergierender Interessen, unterschiedlicher Arten, die eigene Kreativität auszuleben und eines nicht immer auf eitel Sonnenschein gepolten Geistes brauchen wir beide gelegentlich Freiräume, Zeit für uns selbst, Ruhe. Genauso, wie wir auch Nähe, Austausch und gemeinsame Aktivitäten brauchen. Aber alles zu seiner Zeit. Und vielleicht ist ein weiterer Aspekt, dass ich zumindest stets versuche, meinen fair share an der Carework zu erledigen. Zu meiner Schande muss ich gestehen: nicht immer so umfänglich, wie ich wohl sollte. Aber ich bleibe dran! Blicke ich zurück, so sehe ich, dass wir uns beide mehrfach sehr grundlegend geändert haben. Durch die Geburten unserer Töchter. Durch einschneidende berufliche Veränderungen. Durch die Erkenntnis, dass die menschliche Psyche ein fragiles Konstrukt sein kann. Durch Erfahrungen mit Menschen von früher, die wir einst Freunde genannt hatten; aber auch durch Erfahrungen mit neuen Menschen, die wir heute Freunde nennen. Und durch das Nachsinnen über das, was dies alles mit uns gemacht hat. Unten am Fluss hat jemand auf einen Container ein Tag mit einem Symbol und zwei Textfragmenten gespayed: “Temet Nosce” – “Erkenne dich selbst!” und “Panta Rhei” – “Alles fließt!”. Mir fallen kaum passendere Worte ein, um diesen Text zu beenden… außer vielleicht die Bitte an jene, die dies lesen mögen, in ihren Beziehungen stets offen für das Neue und neugierig auf die Veränderung zu bleiben – in der Welt, in uns selbst und in unserem Gegenüber. Auf bald.

Auch als Podcast…

Erwachsen bilden N°57 – …warum eigentlich noch?

Ich ertappe mich in letzter Zeit immer häufiger bei dem Gedanken, dass meine Arbeit nicht wirklich eine Wirkung zeigt – oder wie man auf Neu-Denglisch sagt: keinen Impact hat. Nun ist der “Impact” von Bildungsarbeit aber auch reichlich schwer zu messen. Ich habe immer wieder gesagt, dass man mit den Kennzahlen aus der Betriebswirtschaft hier nicht allzu weit kommt. Weil Bildung zwar uno-acto verzehrt wird, jedoch zumeist ihre tatsächliche Wirkung erst mit erheblichem Zeitverzug entfaltet. Zumindest in der beruflichen Bildung ist das so. Ob wir den Azubis durch unser pädagogisches Handeln Recht getan haben, zeigt sich nicht wirklich im Moment des Examens. Weil ein Staatsexamen eine – notwendig alles verzerrende – Momentaufnahme ist, die manchmal so gut wie nichts über jene Entwicklung aufzeigt, die eine bestimmte Person in drei Jahren Ausbildung gemacht, oder eben auch nicht gemacht hat. Über die eigene Verantwortung für den Bildungserfolg habe ich hier schon häufiger gesprochen. Wir haben es dabei trotzdem mit Einflüssen durch Tagesform, durch unterschiedlichste mentale Blockaden, durch äußere Umstände zu tun, auf die man oft nur wenig Einfluss nehmen kann. Als Prüfender kann ich nur versuchen, bestmögliche, faire Bedingungen zu schaffen – und dann ist es trotzdem immer noch schwierig, dass Ergebnis von drei Jahre Arbeit durch 10 Einzelprüfungen sichtbar machen zu wollen. Doch die Verwaltungsjuristen sagen, dass man das so machen muss, weil alles andere nicht rechtssicher abbildbar wäre. Ich wage zu widersprechen, aber das interessiert halt keine Sau. Und so schließt sich der Kreis zum eingangs Gesagten – denn ich vermisse den Impact, den machen zu können ich irgendwann aufgebrochen war. Jedoch nicht nur, weil es mir nicht gelungen ist, an den rechtlichen Rahmenbedingungen nennenswert etwas zu ändern, oder Innovationen zu platzieren. Sondern vor allem, weil ich das Gefühl gewonnen habe, dass auch die Subjekte meines pädagogischen Handelns oft gar kein Interesse haben, sich auf meine Bemühungen einzulassen. Und von den struktur-organisatorischen Knüppeln zwischen den Beinen will ich gar nicht wieder anfangen. In der Hölle schmoren sollen die ganzen Arschlöcher, die gute Arbeit mit Gewalt kaputtzumachen versuchen.

Klare Struktur… eine wahre Wohltat…?

Ich weiß nicht recht, wie ich das sagen soll, aber… irgendwie fehlt mir die Motivation, mich wieder in die Bütt zu stellen und im Lehrsaal zu arbeiten. Selbst der Umstand, dass es sich um eines meiner Herzensthemen handelt, dass ich demnächst darstellen soll, vermag im Moment kaum, meine Melancholie zu unterdrücken. Wenn man immerzu da sitzt und sich nur fragt, ob es eigentlich überhaupt irgendjemanden gibt, den man positiv beeinflussen konnte, auf seinem Weg vorangebracht oder wenigstens ein wenig geholfen hat, wird es schwer. Früher, da wusste ich immer relativ genau, ob ich jemandes Leben berührt hatte. Als Rettungsassistent und später Notfallsanitäter kam ich so unmittelbar an Wohl und Wehe anderer dran, dass es manchmal schwer zu ertragen war. Aber es war auch… ja, regelrecht schön zu wissen, dass man hatte helfen können. So wie es einen auf der anderen Seite immer wieder gefordert hat, wenn man nicht zusammen mit dem Team und dem Patienten als Sieger vom Platz gehen konnte… in beiden Fällen war die Erfahrung DIREKT. Aber heute? Ja, heute tue ich viele Dinge, bei denen mir häufig völlig unklar ist, ob sie überhaupt eine Rolle im Gesamtgefüge spielen, einen Unterschied machen, irgendwem irgendetwas bringen. Man nennt das wohl einen Verlust an Sinnhaftigkeit – und natürlich korreliert das mit meiner Depression, die es sich aktuell noch ein bisschen bequemer gemacht hat und mit einem subjektiv unendlichen Vorrat Chips und Popcorn ausgestattet auf der Couch in meinem Hinterkopf lümmelt und mir dabei zuschaut, wie ich verzweifelt versuche, mich selbst wieder auf die Reihe zu bekommen. Aber… was ist das überhaupt, dieses mystische “sich selbst auf die Reihe bekommen”, “mit sich klarkommen”, “sich mal zusammenreißen”, pipapo…? Findet man das im Wald, oder gibt’s das auf Rezept in der Apotheke?

Ich stelle diese Frage hier übrigens nicht rhetorisch, oder als Stilmittel für eine spannende Textstruktur! Ich habe wirklich keine Antwort darauf. Nur das verdammte Gefühl von Leere! Und den unbedingten Wunsch, an dieser höchst unbefriedigenden Situation alsbald etwas verändern zu können. Es ist ja auch nicht so, dass ich so unfassbar tief im Jammertal der Tränen stecken würde, dass nichts mehr geht – ich fühle nur einfach nichts mehr von dem, was ich tue. Ich gehe halt roboten. Ich performe täglich – immer noch auf erschreckend hohem Niveau – auch wenn ich am liebsten schreiend davonlaufen würde. DAS konnte ich schon immer gut. Es sind nach wie vor die Dinge, die ich in meiner Freizeit tuen kann, die mich irgendwie über Wasser halten. Nur ab und zu habe ich positive Erlebnisse im Job, die mich wieder aufbauen. Kleine – manchmal auch größere – Siege. Veranstaltungen, die richtig gut laufen und bei denen die Teilnehmenden mir etwas Gutes zurückgeben. Herausforderungen, die ich überwinden kann. Und Anfechtungen, die ich kalt lächelnd abwehre. Und doch – richtig feiern kann ich das alles im Moment nicht. Ich würde mich in meiner Arbeit gerne mal wieder so richtig über etwas freuen können! Ich bin davon überzeugt, dass mir das wirklich helfen würde. Aber ich weiß nicht, was dazu nötig ist. Und genau deswegen mache ich vermutlich immer weiter – obwohl mir das nicht gut tut – WEIL ich nach so einer Gelegenheit suche und mein Unterbewusstsein mich anscheinend immer noch glauben macht, dass ich noch irgendwem irgendwas beweisen müsste. Z, B meinen Wert. WAS DEFINITIV NICHT DER FALL IST! Denn tatsächlich kann ich – zumindest rational – meinen eigenen Wert unterdessen ziemlich genau benennen, ohne dabei ein Jahressalär als Bezugssgröße heranziehen zu müssen. Nur eben nicht emotional…

Also… warum eigentlich noch? Warum eigentlich in meiner Freizeit Unterricht vorbereiten für Menschen, die noch nicht mal das Wort “Danke” richtig aussprechen können? Warum eigentlich sich immer wieder auf Diskussionen einlassen müssen über Dinge, die glasklar sind? Warum eigentlich Menschen Rede und Antwort stehen müssen, die weder verstehen worum es in meiner Arbeit im Kern geht, noch bereit sind, sich auf meine diesbezüglichen Argumente einzulassen? Warum eigentlich sich in einen Zwirn klemmen, der die Essenz meiner Persönlichkeit lediglich verdeckt, um irgendwelchen verfickten “Konventionen” gerecht zu werden? Warum eigentlich die Anklagen von Menschen aushalten müssen, die selbst viel zu wenig für ihren Erfolg getan haben und nun Anderen die Schuld dafür geben wollen? Warum eigentlich… weitermachen? Mal sehen, was für Antworten die kommende Woche mit sich bringt. Ich kann’s kaum erwarten…

Auch als Podcast…

In the long run…

Als ich 14 oder 15 war und Wünsche hatte, die über mein damaliges Taschengeldniveau deutlich hinausgingen, verschaffte mir mein Vater die Möglichkeit, ohne große Umstände selbst Geld zu verdienen. Ich ging dann in vielen Ferienzeiten malochen, während Andere andere Dinge taten. Es ist nicht so, dass ich keine Freizeit gehabt oder mein Leben nicht genossen hätte. Ich habe nur einfach einen Teil meiner Freizeit dafür geopfert, mir etwas leisten zu können. Nix besonderes, einfach nur mein kleines Stück Freiheit. Und mit der Zeit wurde daraus eine Gewohnheit. Was dazu führte, dass ich mir manchmal Dinge leisten konnte, ohne irgendwen danach fragen zu müssen, aber oft arbeiten musste, wenn ich anderes hätte tun können. Nachdem ich dann 1993 mein Abitur gemacht hatte, ging ich erst mal wieder ein halbes Jahr jobben, weil ich meine Studien-Pläne nicht so stringent vorangetrieben hatte, wie geplant; vielleicht wusste ich im Herzen auch schon, dass ich mit Menschen besser kann, als mit Maschinen. Obschon Menschen mich gleichsam immerzu anstrengen. Also landete ich im Zivildienst; im Rettungsdienst, um genau zu sein. Eine Entscheidung, die mein Leben erheblich beeinflusst hat, denn noch heute bin ich diesem Berufsfeld treu. Wenn auch in anderer Funktion als früher. Ich arbeitete 8-, 12- und 24-Stundendienste, war nie faul, hab mich weiterentwickelt und immer wieder was dazu gelernt. Im Lauf der Jahre kamen so einige Zusatzqualifikationen dazu. Doch immer noch fühlte ich mich nicht angekommen. Ich sah, dass andere Leute vorankamen, weil sie Chefs in den Arsch krochen. Eine Fähigkeit, die ich (gottseidank oder leider) nie entwickelt habe.

Also studierte ich nebenher – allerdings ohne Unterstützung oder gar Freistellung durch meinen damaligen Arbeitgeber – Bildungswissenschaft. Der alte AG hat mir damals sogar Steine in den Weg gelegt, garniert mit den unsterblichen Worten, “dass hier keine Extrawürste gebraten würden”. Ich habe einige wenige Male in den Jahren nach einer Dienstplanänderung gefragt… Wenn also jemand wissen möchte, ob ich den Laden als Arbeitgeber empfehlen könnte? Nein! Zumindest da, wo ich war, war’s früher ein kleinkarierter Saftladen, der sich NULL um das Wohlergehen oder die Entwicklung seiner Mitarbeiter*innen gekümmert hat. Dort Menschlichkeit zu bekommen, war damals ein Abenteuer, um die Catchphrase mal umzudeuten. Ich hoffe für die Kollegen, dass es heute besser geworden ist. Schwamm drüber. Ich bin dann da weg. Als mich mein damaliger Chef nach dem “Warum” fragte, habe ich nicht wirklich geantwortet. Ich wollte einfach nur meine Ruhe. Bei meiner Antwort auf die Frage, was denn noch auf meinem Zähler stünde (12 Tage Urlaub und ca. 170h Mehrstunden, was damals eher die Regel denn die Ausnahme war) wurde er ‘n bisschen blass. War im Jahr des Wechsels ein schönes 14. Monatsgehalt. Ich schloss meinen Bachelor ab, meine Aufgaben änderten sich und ich arbeitet weiter zu viel. Ich kann mich nicht mehr daran erinnern, jemals weniger als 120% geliefert zu haben. Oft mit, manchmal aber auch ohne gleichwertige Vergütung. Also habe ich, während ich schon in eine neue Aufgabe mit Leitungsposition und mehr als genug Arbeit gerutscht war, noch eben ein Masterstudium in Erwachsenenbildung absolviert. Nicht in Regelstudienzeit, aber trotzdem recht erfolgreich. Die Gehaltsstufe stimmte danach dann für mein Empfinden.

Doch niemand schien in den letzten Jahren so recht ernst nehmen zu wollen, wer ich bin, was mir wichtig ist, was ich kann (und was nicht) und an welchen Zielen ich arbeite. Ich meine, objektiv könnte ich fünfe gerade sein lassen. Ich bin damals zu einem recht guten Rettungsassistenten und später Notfallsanitäter geworden. Ich war ein verdammt guter Disponent für integrierte Leitstellen. Und ich bin – ohne arrogant klingen zu wollen – ein verdammt noch mal exzellenter Pädagoge. Doch das alles steht weit hinter meinen wichtigsten Lebensleistungen zurück: seit über drei Jahrzehnten glücklich mit der besten Ehefrau von allen zusammen und überdies mit zwei Töchtern gesegnet zu sein, die mich (obwohl unterdessen 13 und 17 Jahre alt) für einen gar nicht mal so üblen Vater halten. DAS müssen die dämlichen Möchtegern-Alphamales da draußen erst mal hinkriegen! Trotzdem merke ich den Zahn der Zeit; und das dauernde, nagende Gefühl, noch irgendjemandem etwas beweisen zu müssen. Zeigen zu müssen, dass ich mindestens genauso gut oder vielleicht auch besser bin, als andere. Was objektiv vollkommener Quatsch ist. Ich habe überdies diese verfickte protestantische Arbeitsethik in meinen Adern, die mich erst mal liefern lässt, bevor ich etwas fordere. Die mich in aller Ruhe hinter den Kulissen tun lässt, was wichtig und richtig ist, ohne darüber viel zu reden. Ich war auch nie ein Dampfplauderer, der seine Erfolge so lange schönreden kann, bis alle es glauben und ihn befördern. Peter-Prinzip bei der Arbeit. Ist halt nicht mein Stil. Was bleibt also? Dass ich hier sitze und erkennen muss, mich nutzlos immer wieder darüber geärgert zu haben, dass man mir nicht zuhören wollte, obwohl meine Argumente gut waren (und immer noch sind). Dass andere sich meine Erfolge ans Revers geheftet haben. Das man dann – kurz vor letztem Weihnachten – geglaubt hat, mich zu irgendwas nötigen zu können.

Zum ersten Mal habe ich in dem Moment meine Zähne wirklich gezeigt. Und jetzt ist etwas zerbrochen. Etwas, dass vermutlich nicht mehr geflickt werden kann. Das ich im Grunde meines Herzens aber auch gar nicht mehr flicken will. Ich habe Grenzen aufgezeigt und, um mich selbst zu schützen, Dinge von mir gewiesen und mich frei gemacht von Aufgaben, von denen ich noch vor kurzem dachte, sie seien unverzichtbar. Doch Einfluss interessiert mich jetzt nicht mehr. Die Belange meines aktuellen AG interessieren mich nicht mehr wirklich. Meine persönliche Entwicklung interessiert mich. Und die ist zum allerersten Mal in meinem beruflichen Leben nicht mehr an 120%, an MÜSSEN um jeden Preise, an liefern und dann fordern geknüpft. Sondern an das, was MIR gut tut! Ich habe 37 Jahre lang ununterbrochen Gas gegeben – und jetzt habe ich keinen Bock mehr darauf. Ich hatte gestern geschrieben, dass ich nicht so recht aus meiner Situation könnte, ohne irgendwas zu zerbrechen, das mir wichtig wäre. Stellt sich – nach einem längeren, in Gedanken versunkenen Spaziergang am Fluss heute Morgen – raus, dass ich mittlerweile doch bereit bin. Dinge zu zerbrechen. Und es wird gewiss nicht meine Familie sein. Die Zukunft bleibt offen. ‘cos, in the long run, you always got to make new decisions upon directions. Schönen Samstag.

Auch als Podcast…

Hello darkness, my old friend… again!

Gedanken sind oft auf Kreisbahnen unterwegs. Sie sind ein bisschen so wie Karma und kommen immer wieder zu uns zurück. Aber, wie das mit Kreisbahnen so ist, manchmal dauert ein Umlauf länger. Astronomisch ist das nix ungewöhnliches. Unser nächster, weiter außen gelegener Nachbar, an dem die Menschen schon seit Urzeiten ein großes Interesse haben (für die, die’s noch nicht kapiert haben – der Mars), hat zum Beispiel eine Umlaufzeit um die Sonne von 687 Tagen. Oder knapp 1,9 Erdenjahren. Manche müssen halt aber auch mehr Strecke machen. Im Gegensatz zum Neptun ist der Mars allerdings noch recht flott. Neptun braucht für einmal rum knapp 165 Jahre. Aber zurück zu Gedanken. Die brauchen in aller Regel nicht so lange wie Planeten. Meistens. Nun bin ich aber tatsächlich über Ideen gestolpert, die ich vor knapp 9 Jahren schon hatte. Irgendwie überrascht und entsetzt es mich zu gleichen Teilen, wie aktuell diese immer noch sind. Es ging mir damals um das Gift des Dogmas und der Propaganda, welches den öffentlichen Diskurs so furchtbar toxisch hatte werden lassen. Schaue ich mich heute um, muss ich leider attestieren, dass es noch schlimmer geworden ist. Als ich diesen Gedanken hier das erste Mal formulierte war das Diktum der “Alternativen Fakten” von dieser Alt-Right-Blödwachtel Kelleyann Conway gerade frisch in der Welt. Heute schämen sich diese Drecks-Ami-Faschos im und rings um das Weiße Haus für gar nix mehr und beschimpfen, diffamieren und beleidigen einfach jeden, der ihnen zu wiedersprechen wagt. Wo sind Emmerichs’ Aliens, wenn man die mal braucht? Na ja, sich darüber noch aufzuregen ist in etwa so hilfreich, wie ein Besuch in der nächstgelegenen Confiserie für eine aktuelle Diät. Und es tut mir, angesichts meiner gegenwärtigen mentalen Verfassung auch nicht gut. Dennoch komme ich nicht umhin, andere Implikationen entdeckt zu haben, über die nachzudenken sich tatsächlich lohnt. Wenigstens für mich selbst. Ich hatte damals über den Song “Sound of Silence” von Simon & Garfunkel sinniert; zur Erinnerung hier noch mal die letzten Zeilen:

And the people bowed and prayed
To the Neon God they made
And the sign flashed out its warning
In the words that it was forming
And the sign said
“The words of the prophets are written on the subway walls
And tenement halls
And whispered in the sounds of silence"
Aus "The sound of silence" - Simon & Garfunkel 1964

Ich weiß auch nicht, warum ich immer wieder über diesen Begriff “Neon God” stolpere? Ich meine… ja, semiotisch ist es einfach zu erklären. Das Bild als symbolisches Zeichen nimmt einen Bedeutungsüberschuss gegenüber dem abgebildeten Gegenstand auf. Es geht nicht einfach um eine Neonreklame, weil diese eben ein so mächtiges, so weitgreifendes Sinnbild für alles ist, was in unserer Welt heute falsch läuft; und offenkundig auch 1964 am falsch laufen war. Sinnbild des Konsummaterialismus, der ewigen Verfügbarkeit von allem, der Macht der Äußerlichkeiten gegenüber “inneren Werten”. Eine stets leuchtende Oberfläche, die alle Verderbtheit, alle Abgründe, alle Mängel einer Gesellschaft einfach mit dem süßen Sirenengesang der Ablenkung überdeckt. Es wäre aber auch möglich, dass ich aus der Perspektive des ewigen Storytellers den Aspekt des Zeichens in der Düsternis interessant finde. Dieses tonlose Versprechen auf Trost und Sicherheit in einer Welt, die vollkommen verrückt zu werden scheint. Das Auge des Sturms, das mich vor dem frei drehenden Ende der Geschichte beschützt. Ah… wieder Francis Fukuyama, der 1989 das Ende der Geschichte prognostoziert hatte, indem er vorhersagte, dass sich alsbald überall Demokratie und Marktwirtschaft nach westlichem Vorbild durchsetzen würden. Hat ja super funktioniert, Francis. Bravo, du selbstgefälliger Depp. Vielleicht hättest du mal darüber nachdenken sollen, dass sich “Das Ende der Geschichte” in jedem vergehenden Augenblick neu erfindet, da wir stets verwirrt und ängstlich auf die unüberwindbare Mauer der nächsten Sekunde starren müssen. Ein wenig dekonstruktivistische Demut, so ein kleiner Hauch echte postmoderne Philosophie hätte deinem Denken ganz gut getan, Francis. Aber was weiß ich kleiner Wicht schon. Außer dass kein Begriff nur negativ oder nur positiv konnotiert ist. Bedeutung ist, was wir durch unsere Interpretation immer wieder neu daraus machen. An jedem gottverdammten Tag sind wir dazu aufgerufen, nicht nur das Ende der Geschichte sondern auch uns selbst neu zu erfinden. Und über allem leuchtet der Neon God höhnisch und fragt mich: “Was soll es heute, sein mein kleiner zerdenkender Freund: Existenzialismus? Nihilismus? Dekonstruktivismus? Irgendwas anderes…?” Und ich schaue verzweifelt die Zeichen an und weiß es nicht. Zumindest nicht oft…

Letzthin habe ich mich dafür entschieden, das Zeichen nur als Zeichen sehen zu wollen und mich einfach der Kreativität zu widmen. Etwas Whatever-Punk, wenn Punk doch für mich stets der Begriff für den Versuch des Ausbruchs aus konventionellen Denkmustern, Verhaltensweisen, normierter Subsistenz war. Ich bin also kreativ, habe – wie so oft – eine andere Form von Punk für mich entdeckt und lasse meinen Ideen freien Lauf. Es gibt im Moment nichts, was ich sonst tun könnte, um meine Situation zu verbessern. Das Englische kennt einen Begriff für mein derzeitiges Gefühl: “stuck in a rut”. Gefangen in einer nervtötenden, mich nicht erfüllenden, meine Kräfte aufzehrenden Routine, aus der ich derzeit keinen Ausweg sehe, der nicht irgendwas zerbrechen würde, was mir wichtig ist. Also geht es vorwärts. Immer nur vorwärts. Also schaue ich hoch zu meinem Neon God, der momentan aus Genre-Filmen zu mir herunterleuchtet – und ich erschaffe: ein neues TTRPG-Setting. Buchideen. Alles Mash-Up und Remix bereits vorhandener Geschichten. Denn alle Geschichten existieren ja schon. Und doch ist diese Re-Creativity so viel besser als meine sonstige (Arbeits)Realität. Also halte ich daran fest. Denn auf nur spärlich durch Neon erleuchteten Straßen, im Schatten der steinernen Türme, am Boden einer neuen Stadt lauern neue Geschichten. Willkommen im Wochenende.

Auch als Podcast…

What about… happiness…? (Part 5)

Einsamkeit…? Ich habe in den vergangenen Monaten immer wieder darüber nachgedacht, warum es mich manchmal geradezu magisch an Orte zieht, an denen sich tendenziell eher weniger Menschen aufhalten. Natürlich ist das einerseits der Tatsache geschuldet, dass ich mich als extravertierten Introvertierten erlebe; was in der Folge bedeutet, dass ich meine sozialen Batterien nur unter ganz bestimmten Bedingungen aufladen kann und ein Zuviel an sozialer Interaktion – vor allem, wenn ich mir Art und Umfang derselben nicht freiwillig aussuchen kann – mich furchtbar erschöpft. Andererseits merke ich jedoch auch dieses Verlangen nach bestimmten Stimuli, welche mir die heimatliche Hütte nicht bieten kann. Licht, Luft, immer wieder unterschiedliche Perspektiven. Wird das auch noch mit Solitude gepaart, bin ich recht schnell ein bisschen glücklicher. Draußen zeigten sich, passend zum Datum erste zarte Anzeichen von Frühling. Das bot mir eine ganze Menge der erwünschten Stimuli… allerdings nicht nur mir. Die Promenade entlang des Rheins war heute Morgen voll mit Gutwetter-Spaziergängern und ganzen Rudeln von Kampfjoggern. Zumindest bis zu einem bestimmten Punkt, ab dem es dann wieder einsamer wurde. Ich glaube, sagen zu können, dass mich die allermeisten Menschen, die ich nicht in meine Umgebung eingeladen habe, oft nur durch ihre Anwesenheit nerven. Das ist allerdings getriggert von bestimmten Erwartungen. Gestern Abend zum Beispiel war ich mit der besten Ehefrau von allen auswärts essen. Und das kuschelige kleine Restaurant war rappelvoll. Trotzdem hat mich das nicht im Mindesten gestört, weil ich mich ganz auf die Konversation mit meiner Liebsten und das köstliche Essen konzentrieren konnte – die Erwartung an die Situation war eine völlig andere und ich hatte zudem vorher zu Hause meine Ruhe gehabt. Heute Morgen jedoch hat mich die ebenfalls rappelvolle Promenade überrascht. Und damit meine, derzeit nicht sonderlich ausgeprägte Contenance auf die Probe gestellt.

Das Problem ist Folgendes: andere Menschen sind immer ein Spiegel für uns selbst. Unser Denken, unser Handeln, was wir kommunikativ und emotional alles nach außen abstrahlen, nicht selten sogar für Dinge, die uns selbst noch nicht bewusst geworden sind. Manchmal möchte man jedoch einfach nur sein… schlicht existieren, ohne alles sofort reflektieren zu müssen. Insbesondere, wenn man sich selbst im Alltag sonst zumeist als hoch reflektiert wahrnimmt. Oder besser gesagt… viel zu oft alles viel zu sehr zerdenkend. Über-analysierend. Immer einen Schritt weiter sein wollend, als alle anderen (weil man nicht selten tatsächlich einen Schritt weiter ist). Das macht einen entsetzlich müde, weil auch nach der 100. (gedanklichen) Teilung immer noch etwas da ist, dass nicht atomisiert wurde; nicht atomisiert werden KANN! Man versucht es trotzdem immer weiter. Wenn ich nun also sage, dass andere Menschen mich triggern, dann ist damit nicht irgendeine eventuell nervtötende Eigennart am Gegenüber gemeint, sondern vielmehr meine eigenen – teils subliminalen – Wahrnehmungen, die nicht nur Emotionen auslösen, wenn ich nichts fühlen möchte, sondern auch zum Nachdenken anregen, wenn ICH GAR NICHT NACHDENKEN WILL! Müßiggang ist mir ein Wert an sich, weil ich diese Zeiten des Nichtstuns brauche. Wobei Nichtstun im Grunde nicht die korrekte Bezeichnung ist, wenn man bedenkt, dass ich während so einer Phase oft mehrere Kilometer zu Fuß zurücklege. Es geht, wie so oft, um die Zweckfreiheit. Ich gehe diese Strecken NICHT, um etwas zu TUN (also etwa für meinen Körper oder so), sondern es geht darum, währenddessen NICHTS zielgerichtetes tun zu MÜSSEN. Mit niemandem kommunizieren und sich für nichts rechtfertigen müssen. Nichts bedenken zu müssen (außer dem, was mir gerade so durch den Geist treibt). Sich einfach der ewigen Effizienzjagd zu entziehen und einfach nur zu existieren. Vielleicht, weil ich mich in den letzten Monaten oft zu sehr auf meine offensichtlichen Funktionen (vor allem im Job) reduziert gefühlt habe. Weil ich immer seltener das Gefühl hatte, ich selbst sein zu dürfen, sondern immerzu nur noch irgendjemand anderes’ Zielen und Verwertungslogik dienen zu müssen…

Es ist mitnichten so, dass ich immerzu alleine sein möchte. Aber ich suche mir, sofern ich dazu Gelegenheit bekomme, gerne selbst aus, wann ich mit wem wie viel Zeit verbringe. Ich würde das unter Selbstschutz verbuchen; und an solchem habe ich derzeit immer noch erheblichen Bedarf. Die beste Ehefrau von allen fragte mich übrigens heute Morgen, ob sie mitkommen solle/dürfe. Und ich habe – aus den eben dargelegten Gründen – freundlich abgelehnt. Ich liebe sie auch nach über 30 Jahren immer noch sehr, aber heute morgen war ich auf der Suche nach Solitude. Denn bei Einsamkeit muss man immer die Frage stellen, ob diese als belastend oder als befreiend empfunden wird. MEINE Phasen der Einsamkeit sind zumeist selbst gewählt und belasten mich nicht – sie verschaffen mir im Gegenteil viel mehr Entlastung von den dauernden Anforderungen Anderer an mich. Und in letzter Zeit war mein Bedarf an Ruhe, genauso wie im Übrigen mein Schlafbedürfnis deutlich erhöht. Für mich ein deutliches Zeichen, dass ich gut daran tue, mir diese Freiräume so oft und so nachhaltig wie möglich zu verschaffen. Das vermag vielleicht nicht unbedingt Happiness zu verschaffen; aber doch zumindest ein Gefühl von Frieden, dass dem nahekommt. Ich habe mir daher ein Experiment verschafft. Normalerweise schlafe ich in den letzten Monaten in der Nacht von Sonntag auf Montag immer schlecht… vermutlich, weil normalerweise am Montag die Arbeitswoche beginnt. Dieses Mal habe ich einen Trick angewandt und mir – aus verschiedenen Anlässen – den Montag freigeschaufelt. Mal schauen, ob sich mein mieser Schlaf auf die Nacht von Montag auf Dienstag verschiebt…? Euch anderen einen guten Start in die neue Woche. Robotet morgen schön für mich mit…

Auch als Podcast…

Der verwirrte Spielleiter N°71 – Systemagnostisch…?

Ich habe neulich mal nachgeschaut… mein erster Entwurf für ein eigenes Regelwerk ist von 1991 oder so. Ich habe also angefangen, selbst TTRPGs zu schreiben, als ich noch ein Anfänger-Nerd war (quasi ein Spieler Level 2, gegenüber dem Spielleiter Level 36, der ich heute bin). Und es sind im Laufe der Zeit einige Entwürfe dazugekommen. Schlussendlich ist schon vor ein paar Jahren ein Regelwerk daraus geworden, welches es meinen Spielern und mir erlaubt, cineastisch die Sau rauszulassen, ohne dauernd befürchten zu müssen, aus Versehen die Spielercharaktere kaputt zu machen. Das ist mein ganz persönlicher Geschmack, wenn ich hinter dem SL-Schirm Platz nehme; ich mag meine Stories und die daraus resultierenden Aktionen meiner Spieler gerne “larger than life”. Inclusive gelegentlicher Stunts, die wir im Hollywood Action-Kino (Fremdscham inclusive) als über dem Limit empfinden, aber trotzdem feiern würden. Als Spieler hingegen nehme ich die Dinge zumeist, wie sie kommen. Spielleiter haben nämlich höchst unterschiedliche Vorstellungen davon, wie cineastisch, grounded, grimdark, heroic, etc. Geschichten sich entwickeln sollen. Ich würde behaupten wollen, dass viele Spieler und Spielleitungen heute einen starken Fokus auf charaktergetriebenes Spiel und vor allem auch auf die Entwicklung der Spielercharaktere haben. Insbesondere auch der eigenen. Was aber nicht bedeutet, dass jede*r dafür die gleichen Maßstäbe anlegt, oder auf die gleiche Art versucht, dies zu befördern. Ich selbst spiele gerade in einer frischen Science-Fantasy-Kampagne. Und nach kurzer Zeit war unser SL zu der Auffassung gelangt, dass Starfinder 2e ein nerviges Regelwerk ist. (An dieser Stelle sei bemerkt: er hat vollkommen Recht. Alles von Paizo schwimmt gefühlt irgendwie immer noch auf DnD 3e und 3.5 rum – wenn man mehr Crunch möchte, muss man schon bis zu Rolemaster zurückgehen…) Und so sind wir bei Savage Worlds gelandet. Das Regelwerk ist schlank, schnell – und deutlich tödlicher als die meisten D20-Systeme (inclusive meinem eigenen). Und das ist okay. Weil unser SL auf dem Standpunkt steht, dass Aktionen Konsequenzen haben müssen – und Ingame-Erfahrung nicht nur den Charakterbogen formt, sondern auch das Charakterspiel informieren sollte. Allright!

Nun ist es so, dass man Charaktere niemals verlustfrei von einem Regelwerk in ein anderes portieren kann. Vor allem nicht von einem deftig Crunch-lastigen Regelschwergewicht wie Starfinder in ein, auf Geschwindigkeit ausgelegtes Meta-System wie Savage Worlds. Die Schwierigkeit bestand darin, die Chars so neu zu bauen, dass die Essenz der ursprünglichen Figuren erhalten bleiben würde. Das erwies sich als Herausforderung. In der Folge haben wir das eine oder andere gebullshittet. Was wiederum dazu führt, dass wir jetzt irgendwie auch nicht mehr Savage Worlds as written spielen, sondern mit einem recht umfangreichen Hausregelkonvolut. Aber hey, was solls… Wenn man so lange zockt wie ich und auch nicht unbedingt ein Powergamer ist (also jemand, der seine Chars krankhaft optimiert, um etwa den Damage-Output zu steigern), dann liest man Regelwerke und Charaktere nicht mehr wortwörtlich, sondern metaphorisch. Und kann in der Folge den Wesenskern eines Chars aus dem einen Regelwerk herausnehmen und in einem anderen mit den dort verfügbaren Optionen neu bauen. Ist Übungssache. Man darf dabei nur nicht an der Idee kleben, ALLES aus dem Ursprungs-Regelwerk eins zu eins umsetzen zu wollen, sondern sollte vielmehr Spaß daran finden, den coolen Kram aus dem neuen System zu nutzen, um die Idee des Charakters anders zu verwirklichen. Und das kann richtig Laune machen. Denn es geht beim Pen’n’Paper-Hobby – aus meiner Sicht – in allererster Linie darum, gemeinsam Geschichten zu erzählen und dabei gemeinsam Spaß zu haben. Das beinhaltet, dass man sich darüber absprechen muss, was okay ist und was nicht (remember Session Zero?). Was jedoch nichts daran ändert, dass es sehr unterschiedliche Auffassungen von Spaß gibt. Manche Leute sind ihre ganze Gaming-Historie hindurch vollkommen zufrieden damit, alles zu killen, was zu beschreiben der Spielleiter die Freundlichkeit besitzt… inclusive aller NSCs. Okay, so murder-hobo as much, as you like. Andere wünschen sich eine Welt, die halbwegs realistisch auf die Aktionen der Spieler reagiert, auch wenn das für die Chars Schmerzen bedeuten kann. Manche Spieler lieben Charaktere, die darauf ausgelegt sind, die anderen am Tisch zu kitzeln. Solange man dabei keine Red Flags reißt… okay, von mir aus. Zumeist ist für jeden was dabei. Und wenn nicht… es gibt andere Spielrunden…

Weder als Spieler, noch als Spielleiter habe ich mich dabei jedoch jemals auf EIN Regelwerk festgelegt. Einerseits, weil viele Systeme eine jeweils höchst eigene Welt mitbringen, in der oft einer oder mehrere Aspekte genug faszinieren, um es mal ausprobieren zu wollen. Findet man raus, dass es doch nicht so geil ist, kann man ja was Anderes machen. Oder, wie hier eben durchexerziert, nimmt man die Welt, die einem gefällt mitsamt Kampagne und transponiert sie auf ein anderes Regelwerk, weil das mitgelieferte Regelwerk nicht das liefert, was man sich vorstellt. Was ich mit all dem sagen möchte, ist Folgendes: Regeln sind IMMER nur eine Krücke. Eine Sprache, die mit gebrochener Syntax und daher oft löchriger Semantik versucht, verschiedene Ideen unterschiedlicher Personen zu Genre, Setting, Metaplot und dynamischer Corestory so greifbar zu machen, dass fiktive Personen in einer fiktiven Welt eine fiktive Geschichte mit fiktiven Fertigkeiten dahingehend zu beeinflussen versuchen können, dass sie am Ende eine für alle Seiten befriedigende – fiktive – Auflösung dieser Geschichte erleben können. What a beautiful brainfuck! Dass jede denkbare Mechanik dabei immerzu unfertig bleiben MUSS, liegt in der sozial-dynamischen Natur dieses Spiels. Wer mit dieser inhärenten Ambivalenz nicht gut umgehen kann, wird an so manchem Tisch nicht viel Spaß haben. Es sei denn, man ist bei Railroaders unter sich; also, spult eine vom Spielleiter vorgefertigte Geschichte ab. Da kann ich aber nicht so drauf. Ich WILL, dass meine Chars ihre Spuren auf den Welten hinterlassen, die sie besuchen. Ob das dann am Ende große oder kleine Spuren sind, ist egal; aber ich will durch meine Spielfigur Selbstwirksamkeit erleben dürfen. Sonst werde ICH nicht glücklich. Was aber natürlich auch bedeutet, dass ich dann mit dem Echo der Welt klarkommen muss. Ich komme aber nun zu dem Schluss: aller Gamedesignerei zum Trotze bin ich systemagnostisch. Meine eigenen Spielercharaktere, aber auch meine Welten, Szenarien, Artefakte und vor allem die NSCs darin lösen sich stets alsbald von irgendwelchen Statblocks und werden… irgendwie lebendig. Nur in den Köpfen der Spieler am Tisch. Aber genau DAS ist es – DAS ist Rollenspiel; und DAS braucht im Grunde nur ein – allen am Tisch genehmes – Regelwerk, um Konflikte irgendwie auflösen zu können. Powerfantasies von omnipotenten überoptimierten Maschinen (“Mary Sue” und “Gary Stu”-Charaktere) machen übrigens irgendwann keinen Spaß mehr. Davon habe ich mich gelöst und solange ich noch Ideen habe, mache ich weiter. Im Moment sieht es jedenfalls nicht danach aus, als wenn ich in meiner Lebensspanne irgendwann davon lassen werde. Daher – always game on!

Auch als Podcast…

Wollen? Ja! – Können? Weiß nicht…

Wenn ich das Gefühl habe, dass nichts, was ich hier und jetzt erschaffen könnte es wert wäre, erschaffen zu werden, soll ich es dann einfach sein lassen? Oder soll ich mich zum kreativen Akt nötigen. Soll ich ernsthaft versuchen die Creatio zu erzwingen? Kann man die denn überhaupt erzwingen? Ich meine, wir entwickeln ein ziemlich gutes Gefühl dafür, was interessant, was schön, was wertvoll ist, lange bevor wir die Fähigkeiten entwickeln, etwas derartiges zu erschaffen. 10.000h bis zur Perfektionierung eines Skills. Ich weiß aber schon in Jahr Eins von Zehn, wie es eigentlich klingen, aussehen, sich anfühlen sollte. Diese große Diskrepanz zwischen Wissen und Wollen auf der einen, Erfahrung und Können auf der anderen Seite ist es, die Lernende – aber auch Kreative – nicht selten verzweifeln lässt. Und dabei ist es egal, ob’s um den Job geht, den ich als Berufsfachschullehrer unterrichte, oder meine Hobbies wie Schreiben, Knipsen, etc. Manchmal hast du das Gefühl, nicht auf diesen Berg steigen, nicht dieses Hindernis überwinden, nicht dieses kleine Ziel erreichen zu können, obwohl es nur darum geht, es einfach zu tun. Aber… was ist schon “einfach”? Denn für mich ist das nur ein Wort, dass so banal, so erreichbar, so verlockend klingt, weil es die Wahrheit immerzu hinter einem Schleier aus trügerischem Nebel und Sirenengesang verbirgt. Nichts ist wirklich einfach, wenn dich deine Zweifel, Erschöpfung, Depression oder einfach nur die Erwartungen Anderer fest im Griff haben. Wenn dir der Takt deines Daseins keine Luft zum atmen lässt und dich immer und immer wieder mit Aufgaben zumüllt, die dir selbst nutzlos, nervtötend und nichtig erscheinen. Wie sollte ich DAS mal so eben geschmeidig überwinden? Indem ich einfach auf diese Tastatur hämmere, bis die Worte irgendwann einen Sinn ergeben…?

Fun fact: die Antwort auf die eben gestellte Frage lautet JA! Man muss bereit sein, dass was man eben zu tun angetreten ist, zu verkacken. Und zwar wieder und wieder. Jedes einzelne Mal verkackt man ein bisschen weniger; zumindest, wenn man bereit ist, sich mit seinen Niederlagen auseinanderzusetzen. Man nennt diesen Prozess, der uns dabei immer besser werden lässt, reflektierte Praxis. Das Konzept des “reflective practitioner” geht auf den amerikanischen Philospophen Donald A. Schön zurück. Aber darum soll es hier nicht gehen. Das Problem dabei ist Folgendes: man braucht dafür Kraft. Viel Kraft. Und an der mangelt es mir letzthin. Die verschiedenen Gründe dafür habe ich, zumindest in meiner Wahrnehmung, in einigen anderen Posts schon hinreichend beschrieben. Was nichts daran ändert, dass ich mich in meinem ureigensten Rückzugsraum zur Gewinnung neuer mentaler und sozialer Energie – nämlich dem möglichst zweckfreien Ausleben meiner Kreativität – gerade bedroht fühle. Und deshalb mit allen Mitteln Freiräume zu schaffen suche, die es mir ermöglichen sollen, nicht vollkommen durchzudrehen. Ich habe in letzter Zeit unterschiedlichste Dinge ausprobiert, die mir helfen sollen, meinen creative spirit zu konservieren, auch wenn die Zeiten für meine Seele gerade alles andere als schön sind. Allein sich eingestehen zu müssen, dass man nicht unbreakable ist, dass man auch mal Ruhe und Hilfe braucht, dass man Dinge ruhen lassen, Aufgaben abgeben und sich selbst vielleicht sogar – zumindest teilweise – neu erfinden muss, ist eine höllische Aufgabe!

Und jetzt? Ja, jetzt fehlen mir irgendwie die Worte, um meine Gefühle auszudrücken. Die Tage hat mich ein sehr guter alter Freund gefragt, wie es mir geht. Einer, der sich NIE mit einem “Muss ja…” zufrieden gibt. Einer, der aus eigener Anschauung weiß, wie ungestüm die ureigensten Dämonen von Zeit zu Zeit sein können. Ich konnte die Frage nicht wirklich sinnhaft beantworten. Es kam eher ein inkohärentes Gestammel aus meinem Munde, was jetzt NICHT meinen typischer Modus der verbalen Äußerung darstellt. Eben jetzt, da ich zur Abwechslung mal schmerzhaft ehrlich zu mir sein möchte, muss ich gestehen, dass ich immer noch keine kohärente Antwort habe. Ich spüre, es muss sich was ändern. Ich habe also ein Gefühl von Unruhe, wahrscheinlich Unzufriedenheit. Ich meine auch wieder Wut zu spüren; weil mich kleine Dinge derzeit so schnell und nachhaltig die Contenance verlieren lassen, dass cholerisch es kaum beschreibt. Gleichzeitig müde zu sein klingt zwar komisch, aber… ich kann mich nicht richtig bewegen, bin ich doch entsetzlich leer und ausgelaugt. Ich glaube, ich habe, in Ermangelung meines sonstigen Esprits das Portmanteau “erwütend” benutzt, war – und bin bis jetzt – jedoch mit dieser Schöpfung nicht zufrieden, weil sie das gegenwärtig durchlebte emotionale Spektrum nicht mal im Ansatz abdeckt. Aber was soll man machen? Irgendeinen Namen braucht das Kind. Hier stehe ich nun, ich armer Tor und bis so depressiv als wie zuvor. Immerhin… ich schaffe es wohl zumindest hier und jetzt, meine Gedanken weitgehend verständlich auszudrücken. Das ist doch schon mal was. Einzig beim Zocken war ich dieser Tage ich selbst und habe echte Freude verspürt. Davon hätte ich so gern so viel mehr…

Doch morgen, ja morgen, da klopft die neue Woche an 
und macht schon Sorgen, soweit ich mich entsann.
Sie dräut und wogt, wie ein Gewitter,
beim bloßen Denken dran wird mir die Seele bitter.
Lust auf diesen Kampf kann ich nicht verspüren.
Und sollt' mich der Weg doch woanders hinführen,
Ich liefe soweit mich meine Füße trügen
egal, ob nach Italien, oder bis auf Rügen.
Auch als Podcast…