New Work N°3 – Flight of the Evaluator!

Um’s an dieser Stelle klar zu sagen: meine Arbeit ist nicht neu. Feldschern gibt’s schon seit langer Zeit; und Lehrer sowieso. Was sich allerdings neuerdings immer schneller ändert ist die Art, wie wir unterrichten. Zum einen technisch: Web-Streams und Online-Unterricht sind nicht erst seit Corona der neue heiße Scheiß in meinem Zweit-Gewerk. Wobei nicht wenige, die sich an Online-Lehre versuchen Methode und Medium verwechseln. Was dabei teilweise qualitativ rum kommt, gruselt mich schon ein bisschen. Zum anderen ist aber auch immer ein gewisser Wandel in den pädagogischen Theorien bemerkbar. Was auch nicht mehr ganz new ist, jedoch auf Grund der Frage nach der Wahrheit in irgendwelchen vollmundigen Qualitäts-Versprechen immer mehr in den Blick kommt, ist das Evaluieren.

Einer Sache einen Wert beimessen, bzw. herausfinden, wie viel etwas wert ist. Ich beschäftige mich momentan auch des Studiums wegen mit solchen Fragen und stoße immer wieder auf den schmalen Grat zwischen deskriptiver Forschung, die nach Erkenntnissen sucht und Evaluation, die fragt, ob der Preis für eine Veranstaltung gerechtfertigt ist – OK, das war nicht nett, aber in der Realität spricht nun mal das Geld und auch Bildung ist heutzutage (zumindest für Kostenstellenverantwortliche) erstmal eine Dienstleistung, die einbringen muss, was sie in der Herstellung kostet…

Nun ist jedem halbwegs akzeptablen Lehrer klar, dass diese Dienstleistung nicht so produziert wird, wie etwa die Arbeit eines KFZ-Mechatronikers. Denn das Auto nimmt üblicherweise nicht als aktiver Mitgestalter am Prozess der Reparatur teil. Der Schüler / Teilnehmer tut dies aber sehr wohl in nicht unerheblichem Maße, so dass man beim Lehrer nicht vom Dienstleister, sondern vom (Dienst)Leistungs-Ermöglicher sprechen sollte. Was das Thema Evaluation dort sehr schwierig macht. Das Auto funktioniert nach der Reparatur wieder, wie es soll (manchmal auch nicht); die Parameter zur Beurteilung des Wertes dieser Dienstleistung sind hingegen leicht zu ermitteln: Funktioniert es wieder wie üblich? Wie lange hat es gedauert? Wie effizient war der Ressourcen-Einsatz? Und schließlich: wie nachhaltig ist der Reparaturerfolg? Auf Grund der beschränkten Komplexität des Systems “Automobil” kann ich das alles relativ leicht feststellen.

Habe ich nun Schüler / Teilnehmer mit stark variierendem Lernerfolg, muss ich versuchen, zu differenzieren, ob der didaktische Ansatz situationsadäquat gewählt war, ob Faktoren in der Unterrichtsumgebung eine Rolle gespielt haben, ob irgendwelche Stör- oder Begünstigungs-Faktoren auf einzelne Teilnehmer, den Lehrer oder die Veranstaltung gewirkt haben, ob das Vorwissen (oder dessen Mangel) korrekt berücksichtigt wurde, ob der Zeitansatz richtig gewählt war, ob die Kommunikation angemessen war, etcpp. Und das ist bei weitem keine erschöpfende Auflistung. Dennoch muss ich mich mit der Frage nach der Qualität der Lehre befassen. Einerseits als Dozent, andererseits als Leiter einer Bildungseinrichtung und schließlich aus Forschungsinteresse.

Denn, ob wir tatsächlich das unterrichten, was zukünftige NotSans brauchen, und falls ja, ob wir es auf sinnvolle Art unterrichten, ist im Moment ehrlicherweise Gegenstand hoch spekulativen Theoretisierens. Wir haben Gedankengebäude, an denen wir uns orientieren. Aber um wieder auf Poppers Vorläufigkeit aller Erkenntnis zu sprechen zu kommen: wir wissen nicht, wie gut oder schlecht diese Theorien tatsächlich sind. Ohne die Arbeit meiner Kolleginnen und Kollegen (oder meine eigene) schlecht reden zu wollen – es mangelt uns einfach an empirisch belastbaren Fakten, an denen wir die Berufsbildung ausrichten können. Ein Punkt, dem wir gerne Abhilfe schaffen wollen. Mal schauen, ob das klappt.

Um aber auf das Evaluieren zurück zu kommen: dessen Apologeten meinen tatsächlich, mit trivialen Methoden (qualitative und quantitative Sozialforschung) Zustandsänderungen in nicht-trivialen Systemen – nämlich Menschen – halbwegs sicher messen zu können; um dann hinterher zu sagen “Maßnahme X ist mit einer Wahrscheinlichkeit von x wirksam.” (Ich weiß, dass dieser Satz da so nirgends steht, es ist eine leicht polemische Überspitzung auf den oft höchst irrationalen Glauben in die Macht der Statistik) Ich staune immer wieder, wie man bei manchen Gelegenheiten auf solche Aussagen kommt, aber ich lasse mich natürlich gerne argumentativ überzeugen.

Ich denke, dass – speziell auf meinen Fachbereich bezogen – gegenwärtig das Evaluieren der Lehrmaßnahmen keinerlei Sinn macht, weil die professionswissenschaftliche Basis fehlt, an Hand derer sich festlegen ließe, was tatsächlich ein Lehrerfolg wäre. Aber wie schon gesagt, es gibt Menschen, die dran sind. Zum Abschluss möchte ich übrigens noch eindringlich davor warnen, echte Evaluation und Qualitätsmanagement in einen Topf zu werfen. Das erstere ist angewandte Wissenschaft, das letztere eine Management-Funktion, die allzu oft einer echten Qualitätsorientierung entbehrt. Denn in der EN ISO 9001 kann ich einen Haufen Scheiße als meine Qualität definieren; wenn man Blattgold draufklebt, stinkt es halt trotzdem noch. In diesem Sinne – Gute Nacht.

…just my five cents…

Ich habe eine neue Abkürzung gelernt: BIPoC. Und bin immer noch nicht am Ende mit meinen Gedanken dazu. Konkret: wenn wir Rassismus tatsächlich bekämpfen wollen, warum benutzen wir dann immer noch Label, um Personengruppen zu kennzeichnen? Wäre es nicht viel sinnvoller, die Label endlich ganz wegzulassen? Ich weiß, dass die Frage aus mehreren Gründen naiv ist, aber ich werde das Gefühl nicht los, dass die ganzen Diskussionen zum Thema an den Menschen vorbei gehen, die es eigentlich betrifft. Oder noch etwas anders formuliert, beschäftigen wir Weißen, von denen, der gängigen Definition nach, der Rassismus ausgeht uns momentan fast ausschließlich mit uns selbst, anstatt auf jene zuzugehen, die darunter zu leiden haben. Seltsam.

Ich las heute morgen auf ZON ein Interview mit Susan Arndt, in welchem Sie beklagt, dass wir uns der Stigmatisierung von BIPoC durch unsere Sprache nicht bewusst wären (true!), bzw. uns weigern würden, das Problem anzuerkennen (bedenkenswert!). Dann spricht sie davon, dass Kant und Hegel auch rassistisch gewesen seien… und da bin ich ein Stück weit ausgestiegen. Unsere heutige – aus einer langen Erkenntnis-Geschichte erwachsene -Sicht der Dinge eins zu eins auf das Verständnis von Menschen des 18. und 19. Jahrhunderts projizieren zu wollen ist – meinem innigen Wunsch nach der Gleichheit aller Menschen zum Trotze – Humbug! Natürlich waren Kant und Hegel Rassisten, weil so gut wie alle Weißen damals Rassisten waren – sie wollten es nicht besser wissen. Wenn allerdings irgend jemand dadurch deren philosophische Errungenschaften entwertet sieht, kann ich nur sagen: wie engstirnig! Denn die universale Anwendbarkeit der postulierten Prinzipien der Aufklärung ist längst erkannt. Wenn auch lange noch nicht umgesetzt…

Zweifelsfrei stigmatisiert der heutige Sprachgebrauch nach wie vor in unzulässigem Maße BIPoC. Allerdings stellt sich die Frage, ob hier nicht Wirkung und Ursache verwechselt werden? Denn die anhaltende Stigmatisierung der BIPoC entsteht nicht etwa durch den Missbrauch von Sprache, sondern der Missbrauch von Sprache ist eine mehr oder weniger direkte Folge des (auch deutschen) Kolonialismus, der BIPoC überall auf der Welt über Jahrhunderte zu Menschen zweiter Klasse erklärt und dementsprechend ausgebeutet hat und dies heute noch tut; denn wer glaubt, der Kolonialismus wäre zu Ende, sollte sich mal das Geschäftsgebaren global agierender Konzerne in Afrika ansehen. Auch der Kolonialismus wird im Artikel angesprochen, ebenso wie die absolut mangelhafte Aufarbeitung deutscher Verbrechen in Namibia (damals Deutsch-Südwest): nämlich den Genozid an den Herero und Nama. Hier besteht erheblicher Bedarf. Auch an einer vernünftigen Integration solcher Themen in den Geschichtsunterricht. Das wurde in meiner Schulzeit nicht mal im Nebensatz erwähnt, wohingegen die Kolonialverbrechen anderer Nationen durchaus unrühmliche Erwähnung fanden. Sowas nennt man selektive Wahrnehmungsgestaltung.

Es wäre hoch verkürzend, jetzt zu sagen, Frau Arndt hat Unrecht, weil sie Kant und Hegel herabwürdigt; ebenso, wie es Unsinn wäre, ihr uneingeschränkt zuzustimmen, weil wir Weißen tatsächlich bis zum heutigen Tage dazu neigen, Menschen die anders aussehen zu stigmatisieren, zu benachteiligen, ja sogar zu unterdrücken – und wir gehen dabei ziemlich Empathiefrei vor, weil es uns selbst an solchen negativen Erfahrungen mangelt. Insoweit gehe ich bei dieser Argumentation voll mit. Doch was ist die Konsequenz daraus? Geben wir einfach jedem Menschen die Chance, mal ordentlich unterdrückt und stigmatisiert zu werden? Es gibt solche Trainings, welche die Vorzeichen knallhart verändern, solche, die durch Diskussion zur Selbstreflexion anregen wollen, etc. Die Zahl der Modelle ist groß, der Erfolg jedoch schwer zu evaluieren. Einstellungsänderung ist nämlich eine komplexe Angelegenheit, die normalerweise nicht mit einem Wochenendseminar erledigt ist.

Oder wollen wir es vielleicht anders versuchen? Was mich immer wieder stört, ist die (Re-)Konstruktion dieser Dichotomie: WIR vs. DIE. SCHWARZ vs. WEISS. Natürlich kommen soziale Theoriegebäude nicht immer ohne Gegensatzpaare aus, und zwar um die Problemzonen definieren zu können. Doch die Schlüsse, welche aus den Erkenntnissen gezogen werden, führen zu oft dazu, dass man naiv versucht, an der ersten gefundenen Stellschraube zu drehen, bis etwas passiert. Oder Erkenntnisse aus einem anderen Land (USA) gefühlt sehr unreflektiert auf Deutschland übertragen zu wollen. Die Mechanismen der Benachteiligung sind nämlich mitnichten überall die gleichen. Überall gleich sind allerdings die daraus entstehenden Probleme für BIPoC: Machtlosigkeit gegenüber Behörden, schlechtere Chancen auf Bildung und Jobs, soziale Stereotypisierung, etc.

Ich glaube (das ist eine Meinung, die von Wissen unterfüttert ist, aber noch empirisch belegt werden müsste), dass wir besser daran täten, einfach alle Menschen zu sein . Und vor allem: ZUEINANDER MENSCHEN ZU SEIN! Klingt leicht, ist aber schwer. Gewiss beginnt es damit, die eigene Sprache zu überdenken, denn nicht umsonst gilt die Feder als mächtiger denn das Schwert. Sieht man an der vergiftenden Verrohung des öffentlichen Diskurses durch die AfD und ihre Nazi-Kumpane. Vor allem aber sollte man die BIPoC mal fragen, was sie denn gerne geändert sehen möchten. Sie aus der Opferrolle heraus holen, die wir Weiße ihnen mit all diesem Stigmatisierungs-Geschwafel so gönnerhaft-paternalistisch zuweisen; und damit ebenso rassistisch handeln. Ich fände es erfrischend, wenn mehr BIPoC tatsächlich empowered wären. Da würde ich auch mitarbeiten. Und ihr so…?

Erwachsen bilden #23 – …oder vielleicht doch nicht?

Im früheren Verlauf diese Abends entspann sich online eine Diskussion, die mich mehr geflasht hat, als viele Andere in der letzten Zeit. Es ging darum, ob man sich in einer Institution zuerst um die Lehre, oder doch zuerst um die Forschung kümmern soll; und vielleicht auch darum, wie beides zusammenpasst. Nun mag man sich die Frage stellen, was es denn am Rettungsdienst als solchem zu forschen geben könnte. Denn natürlich geht es bei so einer Diskussion um meinen beruflichen Background. Und der wird immer und ewig im Blaulichtgewerbe verhaftet bleiben…

Nun ist es so, dass der Rettungsdienst als professionelles Berufsfeld ja immer noch sehr neu ist und das Berufsbild Notfallsanitäter gerade mal gute 6,5 Jahre auf dem Buckel hat. Zu forschen gibt es genug, insbesondere, wenn man irgendwann erreichen möchte, dass sich der Beruf “Notfallsanitäter/in” vom bloßen Handlanger zu dem entwickeln kann, was der Gesetzgeber von Anfang an intendiert hat: eine Fachkraft für die präklinische Triage und Versorgung. NotSans waren für den aufmerksamen Leser nämlich von der ersten Sekunde an als eine Mischung aus Berufsrettern und Gatekeepern für die nachgeordneten Funktionen des Gesundheitswesens gedacht. Das nordische Modellprojekt Gemeinde-Notfallsanitäter dekliniert diesen Gedanken lediglich ein Stück weiter, aber noch nicht konsequent zu Ende.

Es gibt so viele Themen, bei denen wir noch nicht annähernd so viel wissen, wie wir eigentlich müssten: Schnittstellenproblematiken mit anderen Akteuren der BOS und den restlichen Gesundheits- und Sozialdiensten im Berufsalltag. Die Fundierung unseres pädagogischen Handelns in der Aus- und Fortbildung. Die Bildung eines beruflichen Selbstverständnisses. Die Passung der Möchtegern-Azubis zum Beruf. Die Sinnhaftigkeit von Struktur und Inhalten der gegenwärtigen Ausbildung. Und so weiter und so fort. Um es noch mal mit Sokrates zu sagen: Wir wissen, wie wenig wir bislang verstehen. Da könnte man doch meinen, dass eine Diskussion um die Frage Lehre oder Forschung unnötig sei…

In der Lehre bin ich als Praktiker tätig. Und ich muss mit jedem weiteren Tag, der vergeht feststellen, dass wir in vielerlei Hinsicht im Nebel stochern und oft auf der Basis von Theoriegebäuden agieren, die man bestenfalls als unvollständig beschreiben kann. Doch wir haben derzeit nichts besseres. Sehr zum Schmerz mancher Kollegen. Dennoch muss es vorwärts gehen, denn wir können es uns nicht leisten, die Ausbildung ruhen zu lassen, bis wir “die Formel der Formeln” für die Ausbildung gefunden haben. Dazu drängen die Zwänge des realen Alltagsgeschäftes viel zu sehr. Wir sind uns der Defizite unseres Tuns also durchaus schmerzhaft bewusst.

Gerade deshalb muss Beides Hand in Hand gehen, ohne einander zu behindern. Und das ist, so komisch das dem Uneingeweihten auch klingen mag, ein wahres Kunststück. Denn auf der einen Seite steht das Bestreben, junge Menschen gut auszubilden, damit sie auf der Straße einen sauberen, einen hilfreichen Job machen können; aber gleichzeitig auch der Wunsch, wissenschaftliches Arbeiten für mehr Menschen (im Rettungsdienst) verständlich und damit vielleicht auch schmackhaft zu machen. Weil man in der Zukunft nämlich Mitstreiter braucht, welche die ganzen oben genannten Forschungsfragen (und noch viele mehr) beantworten helfen können. Diese ganzen Probleme und Fragen warten nämlich auf der anderen Seite. Und wenn ich an dieser Stelle noch Karl Popper mit ins Boot nehmen und mich des Falsifikationismus bedienen darf, um mich noch einmal der Vorläufigkeit jeder wissenschaftlichen Erkenntnis zu versichern, wird mir bewusst, dass die Erschaffung einer eigenständigen Professions-Wissenschaft der Schaffung von Wissen um die Profession bedarf – und des Bewusstseins für die inhärente Dynamik dieses Wissens!

Es ginge viel zu weit, hier weitere Details der Diskussion darlegen zu wollen; und es wäre den anderen Teilnehmern gegenüber auch unfair. Was ich jedoch darlegen möchte, ist der umstand, warum mich die Diskussion so geflasht hat: nämlich die, anscheinend für manche Teilnehmer gefühlte Unvereinbarkeit der beiden beschriebenen Pole. Aus meiner Sicht ist es ebenso richtig und wichtig, erst einmal Wissen schaffen zu müssen, wie dennoch gleichzeitig die Ausbildung (auch, oder besser vor allem die wissenschaftstheoretische) voran zu bringen. Ob Forscher und Praktiker mit fruchtbaren Ergebnissen zusammen kommen können? Ich bin mir da nicht mal für meine eigene Brust sicher, in der beide Herzen schlagen. Aber ich will es versuchen. Und ich hoffe sehr, dass ich mit diesem Wunsch nicht allein stehe. Denn eines ist sicher: der Rettungsdienst BRAUCHT eine eigene Professions-Wissenschaft ebenso dringend, wie er eine noch wesentlich besser am Schüler orientierte Aus- und Fortbildung braucht. Gute Nacht.

Unvollendeter Sommer…

Das Herz ist mir schwer, die Feder jedoch leicht, 
im Wissen dass mancher Traum bleibt unerreicht.
Ich wünschte mir manchmal, nur wenig zu wissen,
dann müsste ich nicht die Leichtigkeit missen.

Die Freiheit, die einst meinen Geist beflügelt;
von den Eisen des Lebens nun flach gebügelt.
Doch ganz gleich wer, wie, wohin und auch warum?
Wenigstens macht all dies Sinnen mich nicht stumm!
So bleibt mir die Hoffnung auf waches Denken,
auf neue Chancen das eigene Schicksal zu lenken.
zu geben, zu leben, zu lieben, zu lehren.
Diesen Dingen werd ich niemals den Rücken kehren!

Klingt dir nicht nach Vergnügen, dafür nach Bürde?
Nimm's einfach als Prüfung und trag es mit Würde!
Aber nehmen würde ich, wenn's den Anderen denn recht,
auch ein kleines Stück Glück mir - das fänd ich gerecht.

Denn für Glück, ihr Menschen, da braucht es nicht viel.
einen lauschigen Ort, gute Freunde, Zeit für ein Spiel,
Speis, Trank und Staunen, vielleicht etwas Sonne,
doch auch Zeit zur Einkehr befördert manchmal die Wonne.

Auch wenn die Verse für andere Ohren gedrechselt klingen mögen, sind sie, zumindest für mich um nichts weniger wahr. Ich wünsche euch daher ein schönes Wochenende.

New Work N°2 – Was is’n da jetzt new dran?

Tja, also, wie soll ich das denn jetzt sagen, aber… New Work ist nicht neu. Ganz im Gegenteil. Der geistige Vater der Angelegenheit Frithjof Bergmann hat die Grundlagen schon in den 70ern und 80ern des letzten Jahrhunderts beschrieben. Und auch, wenn bei weitem nicht alle seiner Ideen schon umgesetzt wurden (oder dies bald erleben werden), wächst die Zahl derer, die zu der Überzeugung gelangen, dass wir Arbeit im 21. Jahrhundert anders denken müssen. langsam aber stetig.

Aber, was bedeutet das nun? Ich hatte in einem früheren Post angedeutet, dass es vordergründig darum geht, dass abhängige Produktionsarbeit mehr und mehr von Maschinen erledigt wird und daraus natürlich die Frage entsteht, wie diese Menschen zukünftig ihren Broterwerb bestreiten sollen. Solche Entwicklungen zeichnen sich nun seit Jahrzehnten ab. Bergmanns Antwort darauf ist eine Mischung aus bedingungslosem Grundeinkommen durch Umschichtung der Einkünfte aus Güterproduktion und einer zunehmenden Selbstversorgung mit den essentiellen Dingen des Lebens. Diese Darstellung ist allerdings verkürzend und gewiss gibt es in seiner Denke einige wenige Überschneidungen mit der Philosophie des Kommunitarismus; es lässt sich jedoch sagen, dass er versucht hat, ein mögliches Ende der klassischen, abhängigen Lohnarbeit zu denken. Es geht ihm dabei explizit nicht nur um die Arbeit als solches, sondern um Fragen der Teilhabe und Freiheit.

Heute wird unter New Work von den Meisten aber einfach nur alles verstanden, was beim Schuften nicht nach dem klassischen Muster abläuft: Home-Office, Mobile Work-Spaces, ungewöhnliche Arbeitszeitmodelle wie der 5h-Tag, digitaliserte Workflows, etc.; also zunächst mal Dinge, die nur mit Arbeitsorganisation zu tun haben. Tatsächlich greift, wenn man Bergmann aufmerksam liest, dieses Verständnis jedoch viel zu kurz. Arbeit, wie wir sie heute kennen, wird in vielen Bereichen in den nächsten Jahren fast ganz verschwinden, um in anderen neu zu entstehen. Die daraus entstehenden gesellschaftlichen Umwälzungen zeichnen sich schon lange ab. Andernfalls hätte die EU nicht schon früh den Begriff lebenslanges Lernen auf die Agenda gesetzt; wohl wissend, dass der Wandel von der Arbeits- zur Wissensgesellschaft unausweichlich ist; faktisch stecken wir mitten drin.

Wenn wir jedoch diese Gelegenheit ungenutzt verstreichen lassen, unser Verständnis von guter Arbeit und zu welchen Bedingungen diese stattfinden sollte gründlich zu überdenken, dann bleibt der heutige Gebrauch des Terminus “New Work” auch zukünftig das, was er jetzt gerade ist: überstrapazierte und überflüssige Labersülze für selbsternannte digital nomadisierende Möchtegern-Eliten. New Work soll und will im Kern ein Gegenentwurf zur aktuellen Version des Kapitalismus sein, ohne dabei die Fehler des Sozialismus zu wiederholen; wird aber allzu oft von Apologeten dieser verfluchten “Leistungsträger”-Mentalität zu einer bloßen Re-Organisation von White-Collar-Arbeitsprozessen verzwergt. Denn die Angst, Arbeit tatsächlich neu zu denken, stellt gesellschaftliche Machtverhältnisse und damit letztlich viele der tradierten Sozialstrukturen in Frage. Wahrscheinlich wäre das der große Wurf, den wir eigentlich brauchen, zu dem wir aber noch nicht bereit sind.

Ob wir unter den gegebenen Zeichen tatsächlich in Richtung eines breiten Umdenkens in der Arbeitswelt kommen können? Im Moment bezweifle ich das. Allerdings ist der Leidensdruck der Lohnabhängigen anscheinend auch noch nicht so groß, dass sie in Massen auf die Straßen strömen, wie früher an jedem Ersten Mai. Solche Prozesse müssen immer erst eine kritische Masse erreichen, bevor sich etwas bewegt. Einstweilen begnüge ich mich also damit, zu beobachten und zu sehen, ob es nicht doch Innovationen gibt, die sich in meinem Arbeitsumfeld verlustfrei implementieren lassen. Immerhin bin ich bereits in einem der Wissensarbeits-Bereiche tätig. In jedem Fall werde ich hier auch in Zukunft weiter über das Thema nachdenken . Wir lesen uns also…

Erwachsen bilden #22 – Gehirngerechtes Lernen?

Die Diskussion um die richtige Art, Schülern etwas “beizubringen” ist vermutlich so alt, wie die Schule und das Lehren selbst. Nun hat schon der olle Comenius in seiner Didactica Magna eine Lanze für das “Selberlernen” gebrochen. Er nimmt in seiner Schrift eine der zentralen Ideen heutiger Lehrtätigkeit vorweg; nämlich dass der Schüler selbst tätig werden muss, sich die Inhalte (zumindest teilweise) selbst erarbeiten muss, damit sie für ihn einen Sinn ergeben können. Und der vom Kognitivismus geprägte Teil des Pädagogen und Didaktikers in mir sagt: “Jawoll. Ich biete den Schülern ein Lernbuffet an, von dem sie sich aber selbst bedienen (wollen) müssen.”

Die anderen sozial- und geisteswissenschaftlichen Teile sagen: “Ja, aber…!”. Nun habe ich ein Buch gelesen, welches auf den ersten Blick diese zweite Position unterstützt. Denn Gerhard Roth lässt in seinen Ausführungen wenig Gutes am Kognitivismus, indem er zum Beispiel einem anderen Autor (Kersten Reich) mangelnde Stringenz in der Begründung seiner didaktischen Darlegungen unterstellt und seine eigenen und von ihm sorgsam kuratierte Ergebnisse anderer Forscher als zwingend für (s)eine Sichtweise auf didaktisches Handeln formuliert; um sich dann – was er den anderen auch vorwirft – in Allgemeinplätzen wie der Forderung nach mehr Methodenpluralismus zu ergehen.

Ich möchte hier nicht falsch verstanden werden: das Buch ist hochinteressant, insofern es mein physiologisches Verständnis von Lernprozessen zu schärfen weiß. Die daraus vom Autor abgeleiteten Folgerungen für die didaktische und pädagogische Handlungspraxis kann ich jedoch nicht vollumfänglich unterstützen, einfach weil sie alter Wein in neuen Schläuchen sind. In zwei relevanten Punkten hat er allerdings recht: die psychologische, die Lehr-Lern- und die Neurobiologie-Forschung müssen sich zusammentun, um zu einem besseren Verständnis und damit zu einer besseren Gestaltung von Lehr-Lern-Prozessen kommen zu können. Und die hochschulische Lehrerausbildung ist hinsichtlich der Vorbereitung auf die praktische Tätigkeit im Lehrsaal bestenfalls mangelhaft. Zumindest für meinen Bereich in der Erwachsenenbildung kann ich das absolut unterschreiben.

Auch mit einem weiteren Punkt gehe ich weitgehend konform. Aus den Ergebnissen der heiß diskutierten Meta-Studie von John Hattie et al. schließt er, dass die Lehrperson sehr wohl einen großen Einfluss auf den Lernerfolg der Schüler habe. Das wirft jedoch die Frage auf, inwieweit ich bestimmte konstruktivistische Positionen noch einmal überdenken muss. Denn radikal und teilweise auch in sich widersprüchlich sind vor allem einige Punkte, die von Glaserfeld selbst in die Diskussion eingebracht hat. Eine im sozialen Zusammenhang umgedeutete Viabilität hingegen gilt es weiterhin zu bedenken. Denn tatsächlich scheint die Annahme einer objektiven, intersubjektiven Realität für alle auch aus der Sicht des Neurobiologen Roth auf Basis der Funktion unserer Wahrnehmung unwahrscheinlich. Womit für jeden Schüler das Für-wahr-werden im Sinne einer individuell-subjektiven Konstruktion von Verständnis, die jedoch durch die anderen Schüler und die Lehrperson sozial beeinflussbar bleibt, für mich den gangbaren Weg darstellt, den Prozess zu beschreiben, der mein Tun leiten muss.

Was bedeutet das nun für mein tatsächliches didaktisches Handeln? Es gilt, eine noch besser an die Funktion des Arbeitsgedächtnisses adaptierte Aufbereitung des Stoffes zu erreichen. Ich habe die möglichen Aufmerksamkeits-Spannen nämlich bislang falsch (eher zu lang) eingeschätzt. Ich muss die Anschlussfähigkeit der Vorträge und Materialien weiter steigern, wozu eine eingehendere Analyse des Vorwissens notwendig ist. Der von mir bislang verwendete Methoden-Mix lässt sich sicherlich noch verbessern. Und bei Simulations- und Szenariotrainings muss die Frage tiefer erörtert werden, in wie weit der Hyper-Realismus, wie er von einigen Anbietern geeigneten Equipments mittlerweile offensiv propagiert wird, tatsächlich zum Lernerfolg beiträgt? “Train as you fight” ist ein schönes Motto und Studien weisen darauf hin, dass Simulationstrainings in der Ausbildung von EMS-Personal positiv auf die Skills der Auszubildenden wirken. Doch Abseits der Korrelationskoeffizienten wissen wir immer noch zu wenig über die tatsächliche Effizienz und Nachhaltigkeit solcher Maßnahmen; oder besser – wie realistisch es denn nun sein muss? Denn der Einrichtungsleiter in mir sagt: Ressourceneinsatz und Lernerfolg müssen in irgendeinem Verhältnis zueinander stehen.

Wie man es auch dreht und wendet: wir wissen über das Lernen und die Gehirnfunktionen, die dabei Einfluss auf den Lerner nehmen einfach noch zu wenig. Was bedeutet, dass zur evidence-based medicine einstweilen das evidence-based teaching hinzutreten muss. Ich werde mein Bestes geben und gerne hier weiterhin über meine Erfahrungen und Gedanken berichten. Bis zum nächsten Mal wünsche ich eine gute Zeit,

Der verwirrte Spielleiter N°24 – Abenteurer-Urlaub?

Ich bin heute beim Chillen und Surfen (natürlich im Netz, nicht auf dem Wasser, dazu wäre es mir selbst mit nennenswerten diesbezüglichen Fertigkeiten und einer Neopren-Pelle, die überdies an mir wenig sexy aussähe etwas zu frisch) über einen Beitrag gestolpert, bei dem ich erst mal stutzte: “A day off for Adventurers?”. Nachdem der Autor sich eine ganze Weile über die historische Entwicklung der Freizeit als gesellschaftliches Phänomen ausgelassen hatte, kam er dann zu seinem eigentlichen Punkt: nämlich, wie man “Freizeit-Abenteuer” für Pen’n’Paper-Charaktere entwickelt und gewinnbringend in seine Kampagnen einbaut.

Ich hatte damit begonnen das zu lesen, weil ich in dem Moment gerade eine, dem Urlaub angemessene, halb-aufmerksame Langeweile pflegen wollte; und endete mit der Frage, wieso er so viel Gewese um den Umstand macht, dass Chars auch mal ‘ne Auszeit brauchen könnten? Viel interessanter wäre doch die Frage gewesen, ob unsere Chars das was sie tun, nämlich Abenteuer erleben (weil wir als Spieler das so wollen) eigentlich als Job, als Bürde, als Berufung, als Fluch, als Schicksal oder doch selbst gewählt betrachten. Denn davon hängt, wie im wahren Leben auch ziemlich direkt ab, welchen Stellenwert Freizeit für sie hat und wie sie diese am liebsten verbringen.

Ich denke jetzt gerade an Spielrunden, die ich als SL orchestriere und solche, denen ich als Spieler beiwohne und kann nur sagen, dass die Wahrnehmung bezüglich des Phänomens “Freizeit” im Rollenspiel sehr variiert. Abhängig von Setting, Genre, Metaplot, etc. gab und gibt es Gruppen, die ultra-fokussiert auf Ziele hinarbeiten und deren Mitglieder einen feuchten Dreck auf Urlaub gäben, selbst wenn sie denn das Konzept überhaupt kennen würden. Und es gab und gibt ebenso andere Gruppen, welche die Ausschweifungen ihrer Chars auch gerne in play ausleben wollen. Ich mache bei sowas sowohl als Spieler, wie auch als SL dankbar mit, denn manchmal erweist sich so ein vermeintlicher Lückenfüller als exzellenter Aufhänger für die nächsten Fährnisse. Aber ich muss offen zugeben: so richtig Gedanken drüber gemacht habe ich mir noch nie.

Je länger ich nun allerdings darüber nachdenke, desto mehr komme ich zu dem Schluss, dass es wohl davon abhängt, ob man seine Chars tatsächlich als virtuelle Wesen mit einer kompletten Persönlichkeit wahrnimmt, oder eher doch nur als Spielfiguren, welche durch Zahlen auf einem Blatt Papier repräsentiert werden. Je mehr ich meinen Char fühle, desto eher werde ich Szenarien wie einer durchsungenen, durchfeierten , durchzechten, durchzockten, durchtanzten Nacht etwas abgewinnen können, selbst wenn sie die laufende Kampagne als solche zumindest vordergründig nicht unbedingt weitergebracht haben. Da nicht wenige meiner eigenen Chars Performing-Artists der einen oder anderen Art sind, wird das zumindest meine üblichen Mitspieler nicht sonderlich verwundern.

Ich versuche ja immer, den Sozialwissenschaftler in mir im Zaum zu halten, wenn ich über mein Hobby N°1 schreibe. Denn eine zu starke theoretische Durchdringung macht das Spiel nicht immer besser. Im Gegenteil kann man das, was man intuitiv richtig gemacht hat zerstören, wenn man es zu sehr analysiert und zerredet. Diese Aussage hat was mit Lebenserfahrung zu tun: Je älter man wird, desto mehr biografischen Ballast schleppt man mit sich herum; und das hemmt manchmal die Augen des Kindes, welche gerade für das Pen’n’Paper so unglaublich wichtig sind. Beginne ich nun aber, alles zu zerdenken, zerstöre ich dabei mit etwas Pech die Leichtigkeit und den Spaß des Spiels.

Und genau dagegen sind solche “Freizeit-Abenteuer” aus meiner Sicht eine ganz gute Medizin. Denn indem man sich und den anderen Spielern die Gelegenheit gibt, mit dem eigenen Charakter witzige, entspannende, ausgleichende (ja, meinetwegen auch mal prickelnde) Erfahrungen zu machen, entstehen in der Folge gute Gefühle gegenüber dem Char und dem Spiel als solchen. So eine Gelegenheit sollte man als Meister nicht unbedingt auslassen. Es sei denn, die Spieler wollen mit ihren Chars nur noch Party erleben. Dann mache ich ihnen Feuer unter dem Arsch. Aber üblicherweise ergibt sich sowas im Anschluss an eine konfliktreiche – eventuell auch Verlustreiche – Klimax ganz von selbst und reguliert sich danach auch wieder. Großartig durchdenken oder planen musste ich sowas bisher nicht. Wenn ihr aber aus sowas tatsächlich ein Abenteuer machen wollt, denkt an die Nexus-Vortex-Methode und an spannende NSCs. Dann wird alles gut. In diesem Sinne – always game on!