The networked mode – (anti)social media?

Bezogen auf den Umfang meines persönlichen Wirkens in den sozialen Medien, der durchaus nicht gering ist, müsste man annehmen, dass ich mich mit manchen Eigenheiten mittlerweile angefreundet hätte; vielleicht aber zumindest meinen Frieden gemacht. Au contraire, liebe Leser… au contraire! Wie im letzten Post bereits im Nebensatz angeklungen sein mag, ist der Gebrauch solcher Netzwerke für mich stets mit ambivalenten Gefühlen versehen. Einerseits versuche ich – so wie jede Oberflächenpolierte Influencer-Blödfliege auch – meine Reichweite zu steigern, indem ich meine Posts zum Beispiel auf Facebook teile, obwohl ich weiß, dass die Zuckerberg’sche Aufregungs- und Beleidigungsschleuder das Letzte ist und ich damit auch noch einen Anbieter unterstütze, der echte Partizipation und nachhaltiges Handeln mit Füßen tritt. Ich erweise der Demokratie also gerade einen Bärendienst. Andererseits wüsste ich nicht, wie ich sonst an mehr potentielle Leser kommen sollte, um Ideen für mehr Partizipation und bewussteren Umgang mit der eigenen Existenz zu streuen. Tolles, Dilemma, aber für SEO bin ich halt zu blöd. Oder zu wenig Verkäuferseele.

Folgen wir den Meta-Überlegungen zu Netzwerken, die ich im letzten Post angestellt habe, spiegelt mein Bemühen um Reichweite den Wunsch wieder, die Emergenz von Interaktion, also die Entstehung von Punktualisierungen anzuregen, zu beschleunigen, und bestenfalls sogar zu lenken. Das ist grundsätzlich weder unmöglich noch falsch. Andernfalls könnte ich zum Beispiel als Lehrer einpacken, weil alle Versuche der Lern-Ermöglichung für meine SuS bereits im Kern sinnlos wären. Aber dazu in einem anderen Post mehr. Indem ich also meine Sichtbarkeit steigere, vergrößere ich die Wahrscheinlichkeit der Konvergenz anderer Akteure mit mir, bzw. dem, was ich von mir preisgebe. Das Prinzip kennen wir auch aus der Werbung – in unnachahmlicher Weise vom “Seitenbacher-Mann” auf die Spitze getrieben. Oder anders gesagt: man kann es auch übertreiben. Denn natürlich ist es möglich, dass ein bewusster Versuch, Konvergenz zu erzeugen als unerwünschtes Eindringen in die so genannte Intime Zone oder die Privatsphäre interpretiert und entsprechend unterbunden oder gar sanktioniert wird.

Dabei entsteht das Problem, dass speziell in der digitalen Kommunikation, die einerseits oft anonym, vor allem aber asynchron abläuft, die Wahrnehmung dieser Begriffe verschoben sein kann, oder aber diese von manchen sogar als schlicht irrelevant betrachtet werden, weil ja zumeist keine Face-to-Face-Gespräche stattfinden. Dieser soziale Aspekt von Kommunikation, den unter anderem Paul Watzlawick in seinem 2., 4. und 5. Axiom sehr präzise beschrieben hat, kann dabei vollkommen entkoppelt werden. Die Folgen können wir – höchst eindrucksvoll – in den Kommentarspalten auf Facebook betrachten. Und weil nur einen Stein werfen darf, wer ohne Sünde ist, sei hier angemerkt: auch meine Contenance ist gelegentlich erschöpft und ich begebe mich auf das televerbale Schlachtfeld des Nazi- und Querdenker-Bashings. Wenn man diese Knalltüten auf die richtige Art triggert, kann man sie danach sperren lassen. Jeder braucht halt ein Hobby und gelegentlich ist das für ein Stündchen mal ganz unterhaltsam. Mein Druck steigt dabei mittlerweile kaum noch…

Es ist jedoch diese – zumeist unbewusst vollzogene – Entkopplung von Kommunikation und echter Beziehungsarbeit (die unteilbarer Aspekt der Face-to-Face-Kommunikation ist), welche Phänomene wie Amok laufende Foren-Trolle und Influencer (ich sehe beides auf ungefähr der gleichen Evolutionsstufe) erst möglich macht. Indem ich mich beim Sehen, Hören, Schreiben, Posten in den (Anti)sozialen Medien mit meinen Äußerungen nur selbstreferentiell auf meine individuellen derzeitigen Emotionen beziehen kann, weil mir durch die Asynchronizität die tatsächliche Gemütslage meines Gegenübers verborgen bleibt, sitze ich in einer hausgemachten Echokammer. Dabei verkümmert einer der Hauptaspekte menschlichen Miteinanders vollkommen: die Empathie! Im digitalen Netzwerk werden Menschen sehr schnell zu Machiavellisten: der Zweck (andere zu treffen, herabzusetzen, die eigene Position zu stärken, etc.) heiligt die Mittel (des Internet-Trolls)! Und damit ist die Idee des Netzwerkes als Modell für soziale Beziehungen zur Disposition gestellt. Möchte man daran festhalten, muss man – mit Resignation – Soziale Medien als zumindest in nicht unerheblichen Teilen dysfunktionale Netzwerke betrachten. Ein weiteres Problem dabei ist, dass die, beim beschriebenen Mechanismus zu Tage tretenden Affekte der Protagonisten nur schwer zu kontrollieren sind.

Diesen Mechanismus der individuellen, aber auch der Kleingruppen-Selbstreferentialität bespielen die Apologeten der Anti-Demokratie (im Moment vor allem Rechte Gruppen) virtuos. Ängste werden getriggert und selbst ansonsten eher nicht diesem politischen Spektrum zuzuordnende Menschen teilen und liken übelste Propaganda, und posten auch noch ihren – leider allzu oft unreflektierten – Senf dazu, ohne zu verstehen, dass sie gerade hinterhältig manipuliert und instrumentalisiert werden, um eine Agenda zu betreiben, die ihnen am Ende noch mehr Schaden zufügen wird. Sogenannte Kleinbürger, welche die AfD als Besitzstandswahrer wahrnehmen und sie deshalb der SPD oder den Linken vorziehen (soziologisch gleichen sich die beiden Wählerklientel ziemlich!), würden ihr wahrhaft blaues Wunder erleben, wenn diese neoliberale Agenda zum Tragen käme. Aber dazu soll hier nichts weiter gesagt werden, es kann ja jeder das Wahlprogramm lesen – wenngleich ich befürchte, dass das vielen zu mühsam ist…

Was also in den (anti)sozialen Medien passiert ist, dass der Meta-Begriff “Netzwerk” seiner Kommunikationskomponente “Empathie” beraubt und stattdessen auf Ereiferung getrimmt wird. Insbesondere der Zeitaspekt spielt hierbei eine wichtige Rolle; die Ausbildung einer Punktualisierung braucht, wie letzthin gesagt, Zeit und bewusste Pflege; also ab einem bestimmten Zeitpunkt ein aktives Investment der Akteure in deren Erhalt. In ein Ereiferungs- und Wut-Netzwerk hingegen muss ich nicht mehr investieren, als ein paar Mikrogramm Adrenalin und Cortisol, sowie ein paar Mausklicks – und fertig ist der Hass! Ich wünsche einen schönen Tag – und die Muse, nachzudenken, bevor man sich äußert.

  • Watzlawick, P.; Beavin Bavelas, J.; Jackson, D. 2011: Pragmatics of Human Communiaction. New York: W. W. Norton & Company Inc.
  • Machiavelli, N. 2001: Der Fürst. Frankfurt/Main: Insel Verlag.

The networked mode – ein paar Ideen zu Netzwerken…

Ich will mir ‘n paar Gedanken über das Thema machen, die sich nicht in “…und dann haben wir beim After-Work-Dinner noch den Abschluss klar gemacht!” oder “…der Typ auf Youtube hat aber gesagt, dass…” erschöpfen. Es erscheint mir heutzutage oft so, als wenn wir ein paar grundlegende Aspekte des sozialen Miteinanders vergessen hätten (oder aber ignorieren), weil wir “das Netzwerk” als neues Normal der Interaktion so verinnerlicht haben, dass wir gar nicht mehr hinter das ungesunde Blau der Bildschirme blicken können, die wir fälschlicherweise damit synonymisieren. Daher möchte ich mit einer kleinen Artikelserie (werden so drei bis vier mit unterschiedlichen thematischen Akzenten) ein paar Dinge beleuchten, die mir in letzter Zeit aufgefallen sind. Ob’s jemand kommentiert, ist mir mittlerweile fast egal, ich schreibe das hier für mich, um ein paar Dinge besser verstehen zu können. Mir hilft dabei das Schreiben ganz enorm. Also geht’s los, mit etwas Metatheorie…

Menschen sprechen gerne über “Netzwerke”, über “das Netzwerken”, über positive Effekte und die Synergien, die wir durch die “Vernetzwerkung” unserer Leben gewonnen haben und immer nopch gewinnen. Jede Medaille hat ja bekanntermaßen zwei Seiten, aber bevor man sich anschaut, was die Aktivierung dieser Synergien tatsächlich bedeutet, wäre es da nicht sinnvoll, sich erstmal über den zu Grunde liegenden Begriff des “Netzwerkes” Gedanken zu machen? Die meisten Leute denken dabei zuerst an die bunten Kabel hinten in ihren Computern, oder die putzigen Antennen an ihrem Router, und den Zugang den sie dadurch zur Welt (oder auch “nur” zu den, im Kontext der Arbeit benötigten informationen) bekommen: Internet oder Intranet. Mails schreiben, gemeinsam Dokumente bearbeiten, recherchieren, etc. Sowas eben… Doch dieser rein technizistische Ansatz greift zu kurz.

Wir beginnen mit einem Begriff, der ebenfalls gerne Hollywood-befeuerte Assoziationen weckt: Kybernetik. Ursprünglich von Norbert Wiener im Rahmen der kriegsrelevanten Forschung für das MIT während des 2. WK entwickelt, handelt es sich dabei nicht um fancy Titan-Protesen zur Kampfkraftsteigerung (=> Cyborg), sondern um eine Theorie zur Steuerung komplexer Regelkreise an Hand von Modellen aus der Natur. Wiener sah hier Analogien natürlicher und künstlicher Prozesse, eine Verflochtenheit von Natur und Technik, der später viele lustige Dinge angedichtet wurden. Ursprünglich ging es aber nur um das Regeln und Steuern. Alsbald erkannten andere jedoch, dass diese Verbindung von Natur und Technik (also auch Mensch und Technik) vollkommen neue Möglichkeiten des sozialen Austausches ermöglichen könnte. Oder anders gesagt: man vertraute den alten hierarchisch-formalsierten Formen des Miteinanders und Austausches nicht mehr, welche die Welt im 2. WK erst an den Rand der Vernichtung getrieben und in der Folge zweigeteilt zurückgelassen hatten.

Man sehnte sich (zumindest im Westen) nach anderen Formen der Verbundenheit und einem geringeren Einfluss durch staatliche und wirtschaftliche Institutionen. Ich will das an dieser Stelle nicht zu sehr vertiefen, doch im Ergebnis entstand das Verlangen nach einem Austausch auf persönlicher Ebene (und zunächst auch in kleinerem Maßstab). Die Modelle aus der Kybernetik und die aufkommende Systemtheorie führten zu einem neuen Verständnis von sozialer Verbundenheit, aus dem der Netzwerkgedanke entstand: einzelne Akteure, verbunden mit anderen einzelnen Akteuren, die so anlassbezogen und unreguliert soziale Beziehungen pflegen können sollten (das realweltliche Modell dafür waren übrigens – ohne Witz – die amerikanischen Hippiekommunen der späten 60er und früher 70er Jahre). John Law nannte solche Interaktionen zwischen einzelnen Akteuren und ihren weiteren Netzwerken im Rahmen der Akteur-Netzwerk-Theorie später Punktualisierungen. Die Nomenklatur ist eigentlich egal; wichtig ist nur, dass man versteht, dass der Begtriff Netzwerk nicht nur irgendwelchen www-Kram meint, sondern die Vebundenheit von Akteuren (also vor allem Menschen, aber auch eine Firma kann ein Akteur sein) und deren weiteren Netzwerk-Verbindungen. Wir könnten diese Punkte auch Nexus nennen.

Vermittlungseffekte in Netzwerken

Man kann das so lesen: einzelne Akteure begegnen sich informell oder Anlassbezogen (die Netzwerke beginnen zu konvergieren) und beginnen zu interagieren (daraus emergiert eine Punktualisierung). Diese kann flüchtig, kurzanhaltend oder dauerhaft werden, das hängt jedoch von den Intentionen, Motivationen und Verpflichtungen der Akteure ab. Francisco Varela und Evan Thompson haben bereits 1991 in ihrem Buch “Der mittlere Weg der Erkenntnis” beschrieben, dass die emergierenden Ergebnisse keinesfalls vorhersehbar sind, die strukturelle Kopplung jedoch auf die Akteure zurück wirkt. Netzwerke, ganz gleich ob geplant oder zufällig entstanden, bleiben also nie folgenlos. Ein Beispiel: ich besuche einen Fachkongress und treffe in einer der Vortragspausen jemanden, mit dem ich eine angeregte Diskussion über ein zufällig aufgegriffenes Thema X führe. Man tauscht Kontaktdaten aus, verabschiedet sich dann irgendwann zum Ende der Veranstaltung, um drei Wochen später festzustellen, dass der Inhalt des Gespräches plötzlich an Relevanz gewonnen hat – und greift dann zum Telefon, oder schreibt eine Mail.

Natürlich kann das im privaten Kontext (Anbahnung körperlicher Lustbarkeiten oder gar einer Beziehung bei Tanzveranstaltungen, etc.) genauso passieren. Das Beispiel war willkürlich gewählt. Es hätte auch so ausgehen können, dass sich kein weiteren Grund für einen erneuten Austausch ergibt, die Verbindung somit schwach bleib,t und die entstandene Punktualisierung irgendwann wieder erlischt. Netzwerke entstehen so – sie vergehen allerdings auch wieder, wenn man sie nicht pflegt. Denn letztlich sind Netzwerke erst mal nichts weiter, als ein Modell für soziale Beziehungen unterschiedlichster Natur. Und hier kommt die eingangs erwähnte Analogie von Natur und Technik zum Tragen. Wir neigen dazu, den Begriff “Netzwerk” mit dem Begriff “technisches/digitales Netzwerk” zu verwechseln. Einer der Gründe für die Seuche namens Influencer – man fühlt sich einer Person verbunden, die nicht mehr ist, als ein Zeichen (oder ein Avatar). Abermals, Willkommen in der Semiotik. Die Auswirkungen auf unsere Wahrnehmung der Welt und vor allem unsere Kommunikation sind sehr vielfältig. Der nächste Aspekt mit dem ich mich nun befassen möchte, ist die Wirkung des beschriebenen Problems in den sozialen Medien. Kommt schon bald…

  • Belliger, A; Krieger, D. 2006: ANThology. Ein einführendes Handbuch zur Akteur-Netzwerk-Theorie. Bielefed: transcript Verlag.
  • Turner, F. 2008: From Counterculture to Cyberculture. Chicago/London: The Chicago University Press.
  • Caspers, M. 2018: Zeichen der Zeit. Semiotik für Medien, Design, Kunst und Kommunikation. Köln: CreateSpace Independent Publishing Platform.
  • Varela, F.; Thompson, E. 1991: Der mittlere Weg zu Erkenntnis. Die Beziehung von Ich und Welt in der Kognitionswissenschaft. Bern, München, Wien: Scherz Verlag

Zwischenruf N°7 – Blöde Frage gefällig?

“Ist das Paradies eine Geschmackssache?” Ich habe ja seit einer Weile diesen Kalender auf dem Schreibtisch stehen, der keine Daten zeigt, sondern eine Vielzahl von Zufalls-Fragen generieren kann; es sind aber auch reichlich blöde dabei, wie etwa diese: “Ist 9/11 mehrheitsfähig?” Ich glaube die simple Antwort ist da “NEIN”, also kommen wir doch lieber wieder zur Eingangsfrage zurück. Die kann man nämlich guten Gewissens mit “JA” beantworten. Ich hätte nämlich noch keinen Geschmack daran, diesen Ort live und in Farbe kennen zu lernen, zumal ich vermutlich nach katholischer Sichtung der Fakten eher woanders hin käme. Gottseidank bin ich Agnostiker… 😉

Beim Skimmen durch die Nachrichten fiel mir auf, dass a) ja schon Juni ist und der Stapel Arbeit für’s Studium immer bedrohlicher dräut und b) die Welt immer noch bekloppt ist. Neue Mutationen (Mutanten sind was für’s Science-Fiction-Superhelden-Kino), die mich mittlerweile ehrlich denken lassen “drauf geschissen, ich halte diesen Mist nicht mehr aus!”. Ewiggestrige, die mit allen Mitteln den Baerbock zu schießen versuchen, weil es nicht sein darf, dass unsere Welt sich ändert (Spoiler: sie tut das, egal, ob wir dran glauben oder nicht, aber wer dran glaubt, kann vielleicht Einfluss auf die Änderung nehmen!). Eine katholische Kirche, die sich (endlich) selbst zerlegt. Und schließlich immer das Geld, der Mammon, die Knete, der Zaster. Kapitalismus halt, der seine Blüten treibt, egal wie elend gestorben wird. So weit, so gewöhnlich. An diesen Themen arbeiten sich außerdem Andere ab, die dazu vermutlich besser berufen sind, als ich.

Mir kam der Gedanke, dass man auch zu analytisch sein kann, insbesondere den Menschen gegenüber. So Typen wie ich, also mit psychischen Erkrankungen, haben nicht immer, aber doch recht oft ein wesentlich feineres Näschen für ihre Mitmenschoiden, als jene, die die Frechheit besitzen, sich selbst als normal zu bezeichnen. Als wenn das Facharbeiterjob-Familie-Reihenhaus-Besitzstandswahrer-Purgatorium des Vorstadt-Spießers in irgend einer Weise normal wäre…? Zu analytisch würde aber bedeuten, sich viel zu viele saublöde Fragen zu stellen, nicht wahr? Heyho, willkommen in meiner Welt. Da stehe ich nun umherschauend vor meiner Klasse, und die denken wahrscheinlich so, “jetzt überlegt er gerade noch mal, wie das mit den Beta-Rezeptoren war”; so kann man sich irren. Ich WEISS, wie das mit diesen verfickten Rezeptoren ist, ich wirke wahrscheinlich versonnen, weil ich gerade die Beziehungs-Interaktionen innerhalb der Klasse analysiere und nebenbei Mini-Psychogramme anfertige. Ich kann übrigens nicht anders. Das geschieht automatisch.

Und dann kann es passieren, dass ich mich in solchen Beobachtungen verheddere und meinen Faden verliere. Das passiert nicht allzu oft, ist mir aber trotzdem jedes Mal ein kleines bisschen peinlich. Schließlich können die Schüler ja nix dafür, dass ich sie nicht nur als Unterrichts-Subjekte, sondern als Persönlichkeiten wahrnehme. Wie auch immer. Jedenfalls führt dieses andauernde Analysieren-Müssen manchmal in Sackgassen. Neben der Tatsache, dass ich mir letzthin zu viel aufgeladen hatte, ist das vermutlich einer der Auslöser für meine gelegentlichen Ausflüge ins finstere Tal (wer nicht spontan an Psalm 23 denken musste, geht jetzt noch mal in den Reli-Unterricht!). Kleiner Hinweis in eigener Sache an alle, die zwar rational wissen, was eine Depression ist, aber nicht, wie sie sich wirklich anfühlt: zu wissen was da passiert, und etwas dagegen tun zu können, sind zwei völlig unterschiedliche Welten! Es fühlt sich übrigens auch nicht für jeden gleich an…

Ich bin nicht im Paradies, nicht auf dem Weg dahin, ja nicht mal nah dran, an einem von beiden. “Paradies auf Erden” ist ja so eine Phrase, die für malerische Umgebungen benutzt wird, um einen höheren Preis für das Hotel hinter den Palmen verlangen zu können. Für mich könnte das Paradies auf Erden bestenfalls in den Köpfen der Menschen existieren. Es wäre also kein physischer Ort, sondern ein mentaler Prozess, so wie “Heimat”. Das es reale Orte gibt, an denen man besser in den damit assoziierten Zustand findet, versteht sich von selbst. Von daher ist es schon OK, Sehnsuchtsorte als “Paradiese” zu bezeichnen; auch, wenn das nur Anker in der Realität für etwas in unserem Geist sind. Momentan fühlt es sich für mich an, wie ein Traum in weiter Ferne, eine Fata Morgana. Aber wenn ich mal wieder hinkomme, kann ich ganz sicher sagen, dass ich auch gustatorische Empfindungen damit verbinde. Für mich ist das Paradies also auch im irdischen Sinne Geschmackssache; jetzt gerade habe ich eine Aura von Nobile di Montepulciano und Bistecca a la Fiorentina mit Rosmarinkartoffeln auf der Zunge…

Erwachsen bilden N°31 – Anspruchshaltungen…?

Ich hatte neulich das Vergnügen, im Rahmen des 1. Symposium zur Förderung der Wissenschaft im Rettungsdienst zu sprechen – und ich habe einige hochinteressante Vorträge hören dürfen, die mir bereits jetzt Lust auf die nächste Veranstaltung machen. Einer davon hatte es in sofern in sich, als ein Thema behandelt wurde, dass genau an der Schnittstelle zwischen Fachschule und Ausbildungsbetrieb (und ein wenig später für die fertig ausgebildeten NotSans beim Übergang in ein Anstellungsverhältnis als Fachkraft) angesiedelt ist: wie führt man die Generation Z? Abseits des Umstandes, dass es innerhalb von sogenannten Alterskohorten – was der Volksmund eben so als Generationen bezeichnet – erhebliche Streuungen gibt, weil Menschen nun mal Menschen sind, ist die Frage deshalb von Interesse, weil der Kollege, welcher sich des Themas angenommen hatte in der Tat einige interessante Ergebnisse vorweisen konnte.

Diese jungen Menschen streben wohl nach mehr Transparenz im Führungsverhalten, nach mehr Partizipation in der Gestaltung möglichst großer Bereiche ihrer Arbeitsumgebung und nach Respekt für ihr bisheriges Accomplishment; und ganz nebenbei wahrscheinlich auch noch für das Mensch-Sein an sich. Letzteres hatte schon Carl Rogers in den 30ern des vergangenen Jahrhunderts gefordert; also Menschen einfach anzunehmen und ihnen mit natürlichem Respekt zu begegnen. Dass es daran häufig hapert, darf man getrost als Allgemeinplatz bezeichnen. Insoweit decken sich die Ergebnisse mit meinen persönlichen Erfahrungen. Die jungen Leute lassen sich heute nur noch ungerne mit einem “weil das halt so ist” abspeisen. Und hiertreffen wir auf einen Haufen Probleme, der von beiden Seiten verursacht wird…

Einerseits kann ich aus eigener leidvoller Erfahrung bestätigen, dass wir speziell in meiner Branche noch nahezu flächendeckend weit von Just Culture und Leadership Ability entfernt sind. Also von einer fairen Fehlerkultur, die nicht – typisch deutsch – erst mal jemanden sucht, den man punishen kann, wenn was verrutscht ist, anstatt gemeinsam nach den Ursachen zu forschen, die entstandenen Schäden zu reparieren und Vorkehrungen für die Zukunft zu treffen, die sich nicht in einer verbalen, (oft öffentlichen) Auspeitschung des betreffenden Mitarbeiters erschöpfen. Über Leadership will ich mich lieber nicht zu sehr auslassen, sonst komme ich in Rage. In meiner idealen Welt führt man von vorne, verlangt von seinen Mitarbeitern nichts, was man nicht auch selbst zu geben bereit ist, und kann ein “NEIN” ohne Groll akzeptieren. Mal schauen, wann ich es schaffe, meinen Ansprüchen gerecht zu werden. Um das hier abzuschließen: es werden alle Fehler gemacht, die das Handbuch beschreibt: intransparentes, willkürlich erscheinendes, forderndes, in vielerlei Hinsicht intolerantes, den Wünschen der Mitarbeiter negativ begegnendes und zu oft auch noch erratisches Führungs-Handeln. Das einem da die Leute wegrennen, ist vollkommen normal. Insbesondere, wenn dann noch mein Lieblingssatz fällt: “Das haben wir schon immer so gemacht!”

Allerdings beobachte ich auch auf der “Gegenseite”, also bei den jungen Azubis und frischen hauptamtlichen Mitarbeitern einige Verhaltensweisen, die ich ganz persönlich nicht gut finde und denen ich – wenn’s mal wieder übertrieben wird – auch offen ablehnend gegenüber stehe! Und das Hauptproblem ist hier fordern, fordern, fordern! Ich lehne keine Forderung einfach so ab. Aber ich behalte mir vor, über die Legitimation nachzudenken und dann auch entsprechend zu entscheiden. Wir ermöglichen viel. Ich habe noch nie davon gehört, dass es an allgemeinbildenden Schulen so genannte Kann-Listen für Klausuren gibt. Es kommt der Stoff dran, der durchgenommen wurde. Und die Lehrer WISSEN, welcher Stoff durchgenommen wurde. Wir kümmern uns um die Unterbringung. Und ich muss ehrlich sagen: ich hatte schon Ferienwohnungen für gutes Geld gemietet, die schlechter waren, als das, was wir bieten. Niemand kann zaubern; nicht mit dem hiesigen Immobilienmarkt. Und die Ausstattung im Lehrsaal ist nicht genauso, wie daheim. Und, und, und… An manchen Tagen würde ich gerne jemanden aus dem Kreis der SuS dahin stellen, wo ich gerade steh und mich dem stellen muss. Spaß bei der Arbeit geht anders!

Ein substanzielles Problem aber habe ich, wenn ich höre, dass man sich in gewissen social media Kanälen immer und immer wieder gegenseitig anheizt, so nach dem Motto “Mal schauen, was noch geht!” Falls irgendeiner meiner Azubis das hier liest, kann ich an dieser Stelle klipp und klar in aller Deutlichkeit sagen: NICHTS MEHR! DAS LIMIT IST IN JEDER HINSICHT ERREICHT! Ich weiß, dass die Ausbildung anspruchsvoll ist, dass man sich gerne auf die Inhalte konzentrieren können möchte etc. Und ich habe auch Verständnis dafür, dass so eine Azubi-WG sich auch ein bisschen wohnlich anfühlen soll. Kein Ding. Und mir ist ebenso klar, dass meine Generation anders erzogen und ausgebildet wurde. Aber auch 2021 gilt immer noch: Lehrjahre sind keine Herrenjahre! Ich respektiere meine Azubis, begegne ihnen (zumindest denke ich das) auf Augenhöhe, und versuche Probleme im Rahmen meiner Möglichkeiten schnell und unkompliziert zu lösen. Im Umkehrschluss erwarte ich aber auch, dass sie nicht nur mich, sondern auch die Limits, an denen ich mich orientieren muss, respektieren. Andernfalls reden wir nicht mehr von einem fairen und transparenten Miteinander. Das Verhältnis zwischen den Azubis und den Lehrkräften ist nämlich keine Dienstleistungs-Einbahnstraße!

Mag sein, dass dieser Post weniger metatheoretisch und sehr stark von meinen Erfahrungen der letzten Wochen und Monate geprägt ist, aber auch solche Dinge muss man gelegentlich zur Diskussion stellen. Denn eigentlich kann ich nicht glauben, dass ich der einzige sein soll, bei dem die SuS ihre Macht austesten, “Mama hat gesagt – Papa hat gesagt” spielen, versuchen, die Honorar-Dozenten auf ihre Seite zu ziehen, etc. Kennen bestimmt auch andere. Würde mich freuen, mal drüber sprechen zu können. Ansonsten: für alle, denen das möglich ist, ein schönes verlängertes Wochenende.

Zufriedenheit N°6 – Bleib rätselhaft!

Es ist, milde formuliert, irritierend, mit was für einem Scheiß sich das Feuilleton des Öfteren auseinandersetzt. Ich las heute morgen, dass die ARD ein Unterformat ihrer Reihe “Wissen vor Acht” mit dem Titel “Sprüche vor Acht” plant. Da sollen Redensarten erklärt werden. Nun weiß ich, dass es jede Menge Menschen gibt, die in Ermangelung besserer Ideen immer noch die gruseligen Hauptprogramme des öffentlich-rechtlichen Rundfunks konsumieren. Eben jener Anstalten, die immer wieder (grundlos) rumjammern, dass die Zwangsabgabe nicht hoch genug sei, produzieren dabei mit Hilfe ihres unfassbar riesigen, und unfassbar nutzlosen Verwaltungsapparates nicht selten kapitalen Bullshit. So mancher Redakteur bei ZON und anderswo wäre ohne die Ausfälle des ÖR wahrscheinlich arbeitslos. Unter Beachtung des Umstandes, wie viele Menschen in Deutschland ein Smartphone besitzen, und wahrscheinlich zumindest googeln können, stellt sich mir nun die Frage, welchen Sinn oben genanntes Format haben sollte?

Glaubt die ARD, damit ihrem Bildungsauftrag nachzukommen? Das käme dann ein paar Jahrzehnte zu spät. So was hätte vielleicht vor 25 Jahren noch Sinn gemacht, aber heute? Versucht man dem eigenen Anspruch als Hüterin von Kultur gerecht zu werden? Was soll dann der Tatort, der mittlerweile nur noch aus (falschen) Milieustudien und kaputten Kommissaren:innen besteht? Versuchen die dann etwa witzig zu sein? Sorry, aber die Domäne haben die Spartensender und eigenen Landesanstalten schon seit Jahr und Tag besetzt. Und das immer noch besser, als die Privaten. Ich glaube ja, dass in manchen Köpfen von so genannten Verantwortlichen immer noch diese strikte Trennung von Hochkultur und Populärkultur existiert, die – PARDON – Unfug ist. Obsolet, Kann auf den Müll. Ich habe vor ein paar Jahren mal einen Artikel über Recycling-Kreativität geschrieben, der mir gerade wieder in den Sinn kam. Warum gibt es überhaupt so eine gedankliche Trennung: Oper ist Kunst, Heavy-Metal ist Geschmackssache, “Faust” ist Literatur, Comics sind Schund, “Panzerkreuzer Potemkin” ist ein Zeitdokument, “Guardians of the Galaxy” hingegen irrelevante Unterhaltung, usw.? Ich zitiere mich mal selbst:

“Zum einen vermisse ich einen wichtigen Aspekt der Prozessualität von Leben und (menschlichem) Schaffen, nämlich den der je individuellen wie auch zeitgenössischen Eigenheiten der kreativ tätigen Menschen. Methoden ändern sich, Materialien und Techniken ändern sich; und natürlich ändern sich auch die Menschen. Das was wir als tradierte Güter ehemaligen Kulturschaffens mit uns herum tragen mag eine gewisse Präsenz haben doch es diktiert nicht mein eigenes schöpferisches Tun. Ich nutze Geschriebenes, Gemaltes nicht als Blaupause für meine eigenen Werke, so wenig wie die viele andere dies tun. Vielmehr ist diese dem Wandel innewohnende Varianz Motor für Vielfalt, für Innovation. Mag sein, dass einmal Gedachtes oder Gemachtes hie und da seinen Widerhall in den Kreationen kontemporärer Künstler findet, doch dies entwertet die Kunst in keinster Weise, wenn die Idee und Erkenntnis des Künstlers in ihm selbst gereift ist und so seinem Werk zur Kraft gereicht, Idee und Erkenntnis zu transportieren. Wie oft denkt man einen Gedanken, nur um später herausfinden zu müssen, dass ein Anderer diesen auch schon hatte. Dennoch ist der vielleicht auf ganz anderem Wege dahin gelangt und wird für sich reklamieren, von selbst darauf gekommen zu sein, selbst wenn es auch vor ihm schon mal jemanden gegeben haben sollte, usw.”

http://unlimited-imaginations.com/recyclingkreativitat-gibts-sowas-uberhaupt

Doch das ist ja nur der eine Aspekt. So sehr ich dafür eintrete, Leben, Kultur und Kunst als Prozesse zu betrachten, die ständig neue Iterationen durchlaufen, um dabei immer wieder neue, erstaunliche, schöne, gruselige, widersinnige, widerspenstige, fordernde und sonst wie spannende Produkte hervorzubringen, möchte ich mich der Ergebnisoffenheit dieser Prozesse verpflichten. Die politische Bedeutung von “ergebnisoffen” wird von den Menschen ja oft mit “haben die doch schon im Hinterzimmer ausgekungelt und jetzt tun sie nur noch für eine Weile so, als wenn sie nach einer tollen neuen Lösung suchen” übersetzt. Und so ganz falsch ist das ja leider oft auch gar nicht, wenn man sich auf eine geringe Anzahl mehr oder weniger opportuner Lösungen festlegt, anstatt wirklich über den Tellerrand zu schauen. Die Suche nach einem Atommüllendlager in Deutschland illustriert das höchst eindrucksvoll. Kultur und ihre Produkte (die wir manchmal als Kunst wahrnehmen) sind jedoch tatsächlich ergebnisoffene Prozesse im besten – manchmal auch schlimmsten – Sinne des Wortes. Forrest Gumps Pralinenschachtel in riesengroß…

Für mich macht das den Reiz aus. Die “Klassiker” der Weltliteratur werden in Schulen in dem – nicht selten vergeblichen – Versuch genutzt, grundsätzliche Prinzipien menschlichen Miteinanders zu versinnbildlichen. Beim “Fänger im Roggen” geht es nicht um das Sezieren der Worte, sondern um’s Erwachsenwerden, um die Kritik an der nivellierten Mittelstandsgesellschaft der USA in den 50ern. Ich habe das Buch nie gemocht, weil ich “Holden Caulfield” vom ersten Moment an für einen Idioten, einen narzisstischen, selbstmitleidigen Schwafler hielt. Daran hat sich bis heute nichts geändert. Und ich denke, ich war nicht der Einzige. Im Musikunterricht müssen sie immer noch unnötigerweise soziodemographische Fakten zu Komponisten auswendig lernen. Die Liste ließe sich noch ein Stück weiterführen, doch was ich eigentlich sagen will, passt in einen Satz: etwas ist kein Klassiker, nur weil es mal irgendwann für irgendwen eine gewisse Relevanz besessen haben mag. Ich tue mir schwer damit, in Songs von “Capital Bra” irgend eine nennenswerte Schöpfungshöhe zu erkennen. Und dennoch reflektiert der dämliche Bruder den Zeitgeist. Zeitgeist muss einem halt nicht unbedingt gefallen…

Kulturprodukte und Kulturpraktiken ändern sich, Sinnzusammenhänge und Relevanz ändern sich, doch so lange Kunst die Funktion erfüllt, Menschen zum Denken und Fühlen anzuregen, bleibt ihr Zweck auch unter sich verändernden Vorzeichen erhalten. Sie soll faszinieren, Fragen stellen, ohne gleich platt eine Antwort mitzuliefern. Sie soll uns unsere Gefühle bewusst werden lassen; die Guten wie die Schlechten. Sie soll uns mithin dazu bringen mehr Mensch zu sein. Und dazu darf Kultur auch gerne mal rätselhaft bleiben. Viel zu oft ziehen wir unsere Taschenwanze hervor, um eine Frage instant beantworten zu können, wenn ein wenig Kontemplation enthüllen könnte, dass nicht die Antwort das Ziel war, sondern der Denkprozess. Wie beim Wandern, so ist auch beim Denken oft der Weg das Ziel, weil wir am Weg wachsen! Am Ziel wächst höchstens mein Ranzen, wenn es dann ans Schnabulieren geht… Bitte nicht missverstehen: ich schnabuliere auch gerne. Aber mehr Zufriedenheit erfahre ich entlang des Weges. Und Zufriedenheit ist mir im Moment noch immer ein rares Gut, für welches ich gerne Mühen auf mich nehme – solange ich das selbst bestimmt tun kann! Ich wünsche ein schönes Wochenende.

Zwangsentschleunigung

Wie ich die Tage so eine Straße in meiner Hood hinunter ging, fiel mir eine recht lange Schlange vor einem der Geschäfte auf. Ich hatte wohl gehört, dass der Inhaber sogar in den überregionalen Medien ein gewisses Echo erfahren hatte, aber das sah doch schon ein bisschen nach Hype aus. Sei’s drum. Was mich daran wirklich interessiert, ist der Umstand, dass wir wieder viel öfter zum Schlange stehen gezwungen sind. Und so sehr man auch in der Situation darüber fluchen mag, dass das soviel Zeit kostet, so sehr sollte man sich doch später fragen, was man denn mit dieser Zeit ansonsten angestellt hätte…? Ich meine, es ist ja nicht so, dass wir alle Beschäftigungen nachgingen, von deren schneller Erledigung Leben abhängen würden. Bei mir war das für eine lange Zeit meines Lebens der Fall (einen Rettungswagen ruft man manchmal tatsächlich in höchster Not); aber heute als Lehrer und Schulleiter ist das Gros der Anfragen an mich weder zeit noch kritisch.

Man könnte es auch anders formulieren: warum in Drei Teufels Namen glaubt jede:r/s , keine Zeit zu haben. FoMO? Auf wie viele Ereignisse oder Personen glaubt ihr denn, reagieren zu können, bzw. zu müssen? Mangelndes Selbstwertgefühl, weil man irgendwo nicht dazugehört, oder bei irgendwas nicht mitreden kann mag sich zunächst unangenehm anfühlen. Ich rate dennoch dazu, das Gefühl zu kultivieren und daran festzuhalten; denn das Gegenteil davon ist, zu allem und überall seinen Senf dazugeben zu müssen, egal, ob man tatsächlich etwas beizutragen hat, oder einfach nur seine Fresse aufreißen will. Das Ergebnis sind mit verbalem Dreck vollgespammte Kommentarspalten und ein Übermaß an televerbalem Hass, dass auch irgendein hastig zusammengeschustertes Gesetz nicht wird eindämmen können. Denn das Problem ist nicht juristischer, sondern sozialer Natur.

Wäre es nicht toll, wenn man im Internet auch erst mal Schlange stehen müsste, bevor man seinen Scheiß absondern kann? Man müsste erst den ganzen Text lesen, dann ein paar Verständnis-Fragen beantworten und dürfte erst fünf Minuten später kommentieren. Das ganze Erregungsgebäude der sozialen Medien würde wahrscheinlich in kürzester Zeit in sich zusammenfallen, weil die meisten Menschen weder die Geduld, noch die notwendige Sachkenntnis haben, zu den allermeisten Dingen irgendwas SINNVOLLES beizutragen. Also würde die Aufmerksamkeit zum nächsten “Snipet of Info to go” shiften. Und ich bliebe von unfassbar viel Dummheit verschont. Wird natürlich kein Betreiber freiwillig tun, weil dauernde Erregung die Basis des ganzen verdammten Geschäftsmodells von social media ist. Da kann dieser selbstgefällige Weltverschlechterer Zuckerberg noch so telegen in die Linse grinsen – ohne die dauernde Aufregung würde sein Unternehmen nicht mal mit einem Bruchteil des Marktwertes von aktuell ca. 870 Milliarden Dollar gelistet! Und jeder dumme kleine Klick macht diesen riesigen Haufen Scheiße noch wertvoller!

Das Internet als Demokratisierungsmaschine? Stewart Brands “Whole Earth Catalogue” bereitete bereits Ende der 60er, Anfang der 70er des letzten Jahrhunderts geistig den Weg für solcherlei Ideen. Dass diese schon vor 10 Jahren von vielen als tot betrachtet wurden, lässt sich in Evgeny Morozovs Buch “The Net Delusion” gut ablesen. Ich bin mir immer noch nicht sicher, was ich von der Idee insgesamt halten soll. Aber ich glaube fest daran, dass wir gut daran täten, die Menschen zum echten Nachdenken zu zwingen, bevor wir ihnen die Erlaubnis geben, sich unreflektiert zu äußern. Ohne Zweifel lebt die Demokratie vom Diskurs auf einem öffentlichen Marktplatz der Meinungen; als solcher kann das Internet durchaus fungieren. jedoch folgt ein solcher Diskurs üblicherweise Regeln und beinhaltet – wenn auch nicht eine Übereinstimmung in den Sachfragen – so doch Respekt für das Gegenüber und das Anerkennen der Tatsache, dass es andere Meinungen neben der eigenen gibt und dass diese ebenso legitim sein können wie meine – sofern diese Meinungen begründet werden können!

Und mit dem letzten Satz sind wir bei den Leerdenkern angekommen. Die Begründbarkeit einer Meinung konstituiert sich nämlich nicht darin, dass andere diese teilen, sondern dass es objektive Tatsachen gibt, die diese Meinung plausibel machen; z.B. wissenschaftliche Erkenntnisse. Auch die Normen des Zusammenlebens (also z.B unsere Gesetze) geben gute Hinweise auf das Sag- und Denkbare. Man könnte jetzt entgegnen, dass neue Meinungen auf diese Art unterdrückt werden könnten, was undemokratisch wäre. Und diese Entgegnung ist nicht falsch, wie meine super-woken hipster-Nachbarn und ihr sauber dogmatisch imprägnierter eco-political-correctness-Habitus beweisen. Offenheit beinhaltet auch, sich unangenehmen Erkenntnissen stellen und gelegentlich eigene Positionen räumen zu müssen. Das können allerdings weder die eben genannten, noch die Leerdenker – die dogmatisieren, anstatt zu diskutieren. Und nähme man ihnen mittels einer Warteschleife den Wind aus den Segeln, fingen sie vielleicht mal an zu denken, anstatt zu tippen.

Aber wahrscheinlich erwarte ich zu viel. 10 – 15% Idioten kann ja jede Demokratie ab. Um die Leerdenker mache ich mir also keine Gedanken mehr. Die verschwinden irgendwann wieder in ihren eigenen Echokammern und geilen sich aneinander auf. Schlimmer sind die sendungsbewussten, weißen, urbanen, cisgender-Mittelschichtler, die genauso glauben, die Weisheit gepachtet zu haben, wie die Leerdenker. Die nehmen sich nämlich vielleicht die fünf Minuten, um an ihrem Text zu feilen… Schöne Pfingsten. Und in der Schlange bitte immer brav auf’s Drängeln verzichten, ihr Mitmenschoiden. Tschüss.

Zwischenruf N°6 – oder, warum Einsamkeit mir verlockend erscheint!

Wir leben im Anthropozän – eigentlich sollte man es aber lieber Humanoblödozän oder Terradestruktozän nennen. In jedem Fall erscheint mir die Gesellschaft von Menschen, die ich mir nicht dazu ausgesucht habe, mir nahe zu sein, gerade äußerst wenig verlockend. Ich habe mich in den letzten Tagen bewusst zurückgenommen. Nix kommentiert, noch nicht mal viel gelesen, außer dem einen oder anderen Zeitungsartikel. Ich habe mich mit Absicht NICHT in irgendwelche nutzlosen Fratzenbuch-Diskussionen hineinziehen lassen, obwohl es ein paar Mal im Tippfinger gejuckt hat. Denn ich weiß, dass dies in meiner gegenwärtigen Gemüts-Verfassung nur wieder die, neulich benannte Escher-Spirale in Gang setzen würde, die zu bremsen ich mir nun für vier Tage alle Mühe gegeben hatte. Und so langsam hilft das sogar. Nur muss ich heute leider wieder zu Arbeit.

Nein, ich hasse nicht meine Arbeit! Auch nicht die mit meinen Schülern! Und es gibt ein paar Kolleginnen und Kollegen, die ich wirklich gern habe. Aber eben auch welche, die mich mal gern haben können. Und es ist dieses “nicht-über-mich-selbst-verfügen-dürfen”-Gefühl, dass mir im Moment die größten Schmerzen bereitet. Wenn man eh in einem Loch sitzt, auch noch das Gefühl zu haben, andauernd fremdgesteuert zu werden (auch wenn das tatsächlich NUR ein Gefühl ist), hilft nicht dabei, wieder auf die Spur zu kommen. Wobei natürlich die Frage gestellt werden dürfen muss, was denn “wieder auf die Spur kommen” tatsächlich bedeuten soll? Bezogen auf den Job geht’s dabei doch um Nützlichkeit und Produktivität im wirtschaftlichen Sinne. Ich erzeuge keinen pekuniären Gewinn => ich bin nicht produktiv. Und dabei ist es heutzutage leider unerheblich, ich welcher Art von Gewerk man unterwegs ist. Man muss verdammt noch mal liefern!

Ich werde ja nicht müde, jedem der es wissen will, und auch denen, die es eigentlich nicht wissen wollen, zu sagen, dass Produktivität in meinem Metier a) natürliche Grenzen hat (denn jeder von uns bringt halt nur eine gewisse Ausstattung mit), b) meine Ressourcen endlicher sind, als ich gehofft hatte und c) Kreativität nun mal Ruhe, Zeit und Raum braucht. Wer tatsächlich glaubt, pädagogisches Arbeiten sei NICHT notwendigerweise auch kreatives Arbeiten, den lade ich dazu ein, sich mal eine Woche mit mir hinzusetzen. Es ist ja nicht so, dass man mir nicht sogar zuhört. Nur habe ich das Gefühl, dass man nicht versteht, was ich sage. Vielleicht ist es auch nur das Eingebunden-Sein der Anderen in ihre eigenen Abhängigkeiten und Nöte; ob es das war, oder aber schlichte Ignoranz Anderer dazu geführt hat, dass ich mich mal wieder so unsagbar ausgezehrt fühle, vermag ich nicht zu sagen. Letzten Endes ist es eigentlich auch egal.

Denn die Alternativen wären, keine Kohle nach Hause zu bringen, weil ich da nicht mehr arbeite (und woanders vielleicht auch nicht) und damit meine Familie im Stich zu lassen; oder weiter zu machen, bis ich vollkommen ausgebrannt bin (KEINE OPTION!). Der Zwischenweg wird wohl sein, meine Produktivität für eine Weile herunterzufahren und zu sehen, wie das Andernorts ankommt. Vermutlich nicht gut. Aber das kann ich aushalten, wenn ich dafür wieder mit mir selbst ins Reine komme. Denn das ständige Reduziert-Werden auf meine bloßen Funktionen ist mir mittlerweile so sehr zuwider, dass ich das nur schwer in Worte fassen kann. Ich würde mich gerne wieder als Mensch fühlen – vor allem als selbst bestimmter Mensch. Das scheint aber gegenwärtig nicht vorgesehen. Ein Dilemma, für das es keine einfach Lösung gibt, denn die Gesellschaft hat dieses Dilemma scheinbar für (fast) alle geschaffen.

Klingt das mal wieder wie einer meiner Anti-Kapitalismus-Rants? Vielleicht. Und das, obwohl mein Job wirklich alles andere als ein Bullshit-Job ist. Aber wann immer aus einer sinnerfüllten Aufgabe ein Geschäft wird, bleiben bestimmte Aspekte des Mensch-Seins unweigerlich auf der Strecke. Das scheint ein Naturgesetz zu sein. Ich werde versuchen, mich auf’s neue damit zu arrangieren und meine Aufgaben erledigen, so gut es eben geht. Aber ich beginne mich zu fragen, welche Alternativen es geben könnte, selbst wenn diese mit gewissen Einbußen für mich verbunden wären. Ich weiß nämlich wirklich nicht, wie viele solcher Talfahrten ich noch aushalte. Für’s Erste ist damit genug von meiner verdammten Depression gesprochen. Mal sehen, was die neue Woche bringt. Wir hören uns.

Der verwirrte Spielleiter N°32 – entgleist?

Ich habe wieder angefangen Material zu schreiben. Nachdem ich mich über die letzten Monate ziemlich leer gefühlt habe (woran das wohl liegen mag?), stelle ich fest, dass mit ein wenig freier Zeit meine Lust am Geschichtenerzählen schnell zurückkehrt. Ich muss an dieser Stelle gestehen, dass ich in den letzten Wochen – oder eher Monaten? – auch an meinen freien Tagen Dinge getan haben, die nicht unbedingt der Erholung dienten. Aber wenn du mit deinen Problemen in einer Escher-Spirale gefangen bist (fühlt sich an, wie einen Berg hochrennen, obwohl man eigentlich dauern fällt, und man merkt auch noch, dass nix vorwärts geht), wird jeder noch so kleine Blick über den Tellerrand ziemlich schwer. Aber jetzt geht’s schon wieder ein bisschen.

Jedenfalls habe ich mich in den letzten Tagen mit Core-Story und Meta-Plot für die nächsten Sitzungen in meinem neuen Homebrew-Projekt “Cavai” beschäftigt; Seite um Seite füllte sich, während meine Ideen an Kontur und Tiefe gewannen. Ich denke gerne mit meiner Tastatur. Das ist natürlich im übertragenen Sinne zu verstehen: ich entwickle meine Ideen, während ich sie digital erfasse. Dass ist mit meinen Visualisierungen für den Unterricht übrigens genauso. Ich bin nicht besonders gut darin, etwas on the fly auf’s Flipchart oder Whiteboard zu scribbeln. Aber, wenn ich mir mein Tablet und etwas Zeit nehme, bekomme sogar ich, der Strichmännchen-Bändiger, halbwegs achtbare Skizzen zuwege. Und so ist es auch mit meiner Schreiberei. Ich hacke meine unsortierten Gedanken in die Tastatur, wie sie aus meinem Hirn purzeln, und erst wenn sich so die erste Seite oder auch mehr gefüllt hat, fange ich mit dem redigieren an.

Ich habe mir als Ersatzbefriedigung für mangelnde Spielsitzungen in den letzten Monaten immer mal wieder Videos von Matt Colville reingezogen. Schließlich muss man ab und an ja mal über sein SL-Dasein nachdenken; außerdem ist er recht unterhaltsam, wenn man sich an seine Sprechgeschwindigkeit gewöhnt hat. Die Tage sah ich ein Video, in welchem er sich mit Railroading befasst hatte. Und er sagte etwas, dass mich faszinierte: Man darf die Auswahl der Spieler (Player Choice) beschränken, nicht jedoch ihren Handlungsspielraum (Player Agenda). Und je länger ich darüber nachdenke, umso mehr stimme ich ihm zu. Es mag auf den ersten Blick wie ein Verstoß gegen die “Wir sagen nicht nein zu den Spielern”-Regel wirken, wenn ich die Auswahl begrenze. Aber tatsächlich tut das jedes Regelwerk, dass wir kennen, egal ob Pen’n’Paper oder MMMORPG. Es gibt eine vordefinierte Liste von Charakteren und Gestaltungsmöglichkeiten – genau die und nicht mehr. Aber auch nicht weniger. Und auch, wenn ich gelegentlich die Stimme eines alten Freundes im Hinterkopf höre, der mich fragt, warum er keinen Drachen spielen darf bin ich davon überzeugt, dass seine Chars trotzdem die volle Freiheit zur Entfaltung haben.

Durch diese Auswahl limitiere ich bestimmte Dinge, und ich zwinge die Spieler, bewusst darüber nachzudenken, was ihre Chars brauchen. Was sie später mit diesen, aus einem – zugegeben allerdings recht großen – fixed set generierten Chars machen, findet sich. Denn natürlich fangen sie auch immer prompt damit an, herauszufinden, wie man alle Grenzen austestet. Meine, die der Spielwelt, die des Regelwerkes… Und wieder schlägt die Limitierung der Auswahl zu. Indem ich Storyhooks und interessante NSCs präsentiere, limitiere ich Auswahl. Denn natürlich beißen die Spieler an! Sie wollen ja spielen. Denn wenn jemand nun etwas tun wollen würde, dass sich vollkommen abseits des eigentlichen Story oder gar der Meta-Plots bewegt, würde ich sagen: ja, können wir machen. In zwei Wochen, wenn ich dafür auch etwas vorbereitet habe. So viel Ehrlichkeit müssen meine Spieler dann vertragen.

Tatsächlich jedoch passiert so etwas so gut wie nie. Echt jetzt! Ein anderer SL hat es mal als “den Plotbus vorbeifahren lassen” bezeichnet. Steigt ein, oder lasst es. Ihr könnt auch was anderes machen, dass ist dann aber vielleicht sehr viel langweiliger als der vorbereitete Content. Railroading fände in dem Moment statt, in dem ich sie stattdessen mit Gewalt einspuren und an bestimmten, präzise ausgeplanten Szenen vorbei fahren würde, einfach weil ich will, dass sie diese Szenen mitbekommen. Ganz finster wird es, wenn diese Szenen genauso ablaufen, wie ich sie mir vorgestellt habe – ganz egal, was die Chars tun, oder lassen! Ist mir passiert, war scheiße, egal ob als SL oder Spieler! Deshalb bleibe ich bei meiner schon genannten Nexus-Vortex-Methode, bei der ich Reize gezielt setze und abwarte was passiert, der Weg durch die Story aber nie vorgegeben ist. Ich habe beim Spielleiten schon ein paar Szenen im Kopf, sowie Ziele, Pläne, Handlungsrepertoires, Schrullen, etc. meiner Schlüssel-NSCs. Der Plotbus und das Regelwerk sind also meine Limitierung der Spieler-Auswahl, und die Nexus-Vortex-Methode meine Art, den Spielern und ihren Chars ausreichend Handlungsspielraum zu geben.

Jetzt muss es nur noch wieder richtig losgehen, damit ich den ganzen Scheiß, den ich mir habe einfallen lassen auch an meinen Spielern ausprobieren kann. Ob sie es schaffen werden, alle Probleme zu lösen? Keine Ahnung. Aber ich hoffe wirklich, dass wir beim Versuch einen Heidenspaß haben werden. In diesem Sinne – I always wanna game on!

Vatertag…

Der erwartete Zusammenbruch hielt sich – Gottseidank – in Grenzen. Mag dem Umstand geschuldet sein, dass ein antizipierter Termin im Anschluss an die Lehrveranstaltung ausfiel, und ich mich nicht noch als Bonus zu den 3,5h im Auto und 7,5h im Lehrsaal mit Themen auseinandersetzen musste, für manche von denen es im Moment einfach noch keine gute Lösung gibt. Sei’s drum. Ich sitze nun am späten Vormittag in meinem Heim-Büro und beschäftige mich mit Dingen, die nix mit Arbeit zu tun haben. Zumindest nicht direkt. Ist ja aber auch Vatertag – und damit in meinem Heimat-Bundesland Feiertag. Nichts muss, vieles darf, alles kann. Läuft…

Das Problem ist ja immer, dass man Denkkreisläufe nur sehr schwer unterbrechen kann. Sich selbst STOP! zuzurufen, um mit dem Grübeln aufhören zu können, ist zumeist ziemlich witzlos. Insbesondere, weil wir soziale Wesen sind. Existierte ich als Solitär in dieser Welt, würde mich viele Dinge ja gar nicht anfechten, aber die Menschen um mich herum senden unablässig auf den verschiedensten Frequenzen (Watzlawicks. 1. Axiom: Man kann nicht NICHT kommunizieren!); und vieles davon sind Ansprüche, die an mich gerichtet sind. Und viele dieser Ansprüche sind ja gerechtfertigt, weil ich a) Ehemann und Vater bin, b) Freund bin, c) (gerne) Lehrer bin, d) (gerne) Kollege bin und e) dafür in manchen Fällen auch Geld bekomme. Mischbefunde sind natürlich jederzeit möglich.

Ist eine Botschaft in der Welt – und damit im Geist des Empfängers – hört sie ja aber nicht auf zu wirken, nur weil Feierabend ist. Überhaupt ist Feierabend so ein Thema. Ich las heute morgen auf Zeit Online (wo auch sonst) einen Artikel mit dem Titel “Home-Office ist ein Privileg der Reichen”. Die Aussage ist aus mehreren Gründen Bullshit. Unter anderem, weil mitnichten jede:r im Home-Office ein Spitzensalär bekommt. Aber das ist aus meiner Sicht nebensächlich. Wichtig ist mir eher der Umstand, dass die immer gerne als Beispiel für die vermeintliche Ungerechtigkeit von Home-Office herangezogenen Handwerker und Facharbeiter aus dem Produktionsgewerbe am Schichtende den Kittel in den Spind hängen und es damit gut ist. Die nehmen sicher auch Zwist und Probleme aus dem Arbeitsumfeld mit nach Hause, aber der Impact ist erfahrungsgemäß nicht so, als wenn man frisch aus der anstrengenden VK in die Küche spaziert, wo gerade Home-Schooling stattfindet und zum Ausgleich dann manchmal am Feiertag, oder gegen 23:30 Abends die letzten Mails und Präsentationen bearbeitet werden! Feierabend passiert da öfter den Anderen…

Ich bin weit entfernt von Jammern – ich möchte einfach keinen weiteren Zwist haben, nach dem Motto: “Der/die da hat’s aber besser als ich, weil der/die von zu Hause arbeiten darf!” Das ist nämlich, ernsthaft betrieben, kein Zuckerschlecken! Zwist und Spaltung haben wir doch schon mehr als genug in unserem Lande. Und Sorgen sowieso. Würde ich nämlich nicht den ganzen Mist immerzu zu Hause haben (sowohl oft buchstäblich, als eben auch als Anforderung in meinem Kopf) wäre ich nämlich nicht schon wieder im tiefen dunklen Tal unterwegs. Die Pandemie fordert von jeder/jedem auf individuelle Weise ihren Tribut. Ich hab’s mit der Arbeit übertrieben. Andere wünschten sich vermutlich, sie hätten welche. Und für uns alle ist der Mangel an Austausch, der Wegfall von so etwas wie Normalität und Ablenkung nach nunmehr 15 Monaten immer schwerer zu verkraften. Da nutzt auch Klatschen keinem was…

Was mich wirklich nervt ist, dass es mir momentan immer schwerer fällt, zwischen den legitimen und den illegitimen Ansprüchen an mich trennscharf zu unterscheiden. Was dazu führt, dass die Sortierung vielleicht nicht immer sachrichtig ausfällt. Aber im Moment ist es mir alles viel zu viel; und ich wünschte, ich könnte den beruflichen Bereich mal wirklich ausblenden. Genau das jedoch will gegenwärtig einfach nicht klappen. Ich möchte an dieser Stelle nicht missverstanden werden: ich liebe meine Arbeit immer noch. Und genau deswegen mache ich weiter, wenn stoppen besser wäre. Denn meine Familie und meine Freunde liebe ich noch mehr, nur sind die ins Hintertreffen gekommen. Ausgerechnet der Ort, wo ich Ruhe finde. Dieses Paradoxon aufzulösen könnte etwas Kraft und Zeit kosten. Daher bitte ich, es zu entschuldigen, wenn ich vielleicht in nächster Zeit manchen Dingen eine Absage erteilen werde, auch wenn sie mir eigentlich wichtig sind. Denn keiner von uns hat unbegrenzt Power. Ich muss erst wieder zu meinen 70% zurückfinden. Mal schauen. Wir sehen uns… und, by the way: Schönen Vatertag!

Ende Gelände!

Ich hatte wirklich gedacht, ich könnte es wegdiskutieren. Oder wegarbeiten. Oder weglaufen. Oder wegzocken. Oder wegmasturbieren. Irgendwas, dass einen auf den Weg bringt; aus diesem elenden Dilemma, dauernd zu müssen und eigentlich… um’s Verrecken nicht mehr zu können! Ich hatte gedacht, ich hätte es im Griff. Klar geworden, dass ich mich volles Programm selbst belüge, ist mir gestern, als ein Kollege morgens zunächst darüber verwundert war, dass ich so wach und aufgedreht sei, nur um mich dann nachmittags darauf hinzuweisen, dass ich voll Scheiße aussehen würde. Und das obwohl objektiv alles Bombe läuft. Aber subjektiv ist nix Bombe. NIX, VERDAMMT NOCH EINS!

Ich renne meine Projekten und meiner Zeit schon lange hinterher. Das liegt zum einen an meinem Credo erst mal “vielleicht” zu sagen und es probieren zu wollen, wo andere sich schon kopfschüttelnd abwenden. Und zum anderen daran, dass man deshalb glaubt, ich sei belastbar. Oh, ich erfülle meine Aufgaben. Zumeist sogar gut und halbwegs pünktlich. Aber es kostet immer mehr Kraft. Und jetzt stelle ich fest, dass die Batterie leer ist. Oder, wie es ein Meme auf Facebook neulich (sinngemäß zitiert) so treffend ausgedrückte: “…kaputt, denn die Ladung geht immer gleich wieder flöten!” Ich merke das daran, dass sich meine negative Energie, die ansonsten in mir selbst unterwegs bleibt, um bestenfalls mal einen voll derben Spruch zum Vorschein zu bringen, sich plötzlich, unkontrolliert und mit teils erschreckenden Effekten auf Andere richtet. Und wenn ich das Gefühl bekomme, etwas oder jemanden schlagen zu wollen, nehme ich immer etwas.

Ich werde also morgen für eine weder einfache, noch kurze Aufgabe meine verbliebenen Reserven zusammennehmen, meine übliche Bedienoberfläche rauskehren und den Shit rocken, wie so viele mal zuvor auch schon. Dann werde ich irgendwann zu Hause ankommen und abwarten, wie schlimm der Zusammenbruch wird. In einem anderen Zeitalter, in einem Prä-Covid-Zeitalter war “zu Hause” meist (nicht immer, aber oft) ein Ort an dem man dann irgendwie runterkommen, sich erden und wieder zum Mensch werden konnte. Doch auch der Rest der Familie geht auf dem pandemüden Zahnfleisch und sehnt sich ein Ende dieses Wahnsinns herbei. Denn auch die haben angefangen, ihre individuellen Dämonen mit Wucht aufeinander loszulassen. Ich kann es ihnen nicht verübeln. Nur habe ich nicht mal mehr die Kraft, damit umzugehen…

Es ist also, wie es ist – die Depression ist zurück. Volles Programm. Und ich habe keinen Plan B (geschweige denn X), keinen Nerv, keine Kraft und keine Perspektive. Nehme ich mich jetzt einfach raus, geht das wichtigstes Projekt meines Berufslebens womöglich den Bach runter. Nehme ich mich nicht raus, gehe womöglich ich den Bach runter. Beide Varianten beinhalten Schmerz, Verlust, vielleicht Katharsis und – mit etwas Pech – eine nicht unerhebliche Beeinträchtigung meines Beitrags zum Familieneinkommen. Versteht ihr ganzen selbsternannten Leistungsträger da draußen jetzt, warum wir ein bedingungsloses Grundeinkommen brauchen? Also werde ich erst mal weitermachen, damit wenigstens an der Front alles gut bleibt und mich nach Hilfe umtun, in der Hoffnung es – einmal mehr – wieder irgendwie gerissen zu bekommen. Wir hören uns…