Der verwirrte Spielleiter N°36 – Regeln, Regeln, Regeln…

Der Blick in manches Rollenspielbuch kann Anfänger schon ein bisschen entmutigen. Da wird von den Novizen verlangt, sich so einiges anzueignen, damit sie dann überhaupt mal mit dem Spielen anfangen können. Denn natürlich braucht jedes Spiel Regeln, damit eine gewisse Art von Vergleichbarkeit entsteht. Ich als SL brauche diese Vergleichbarkeit, damit ich weiß, ob – im jeweils gegebenen Setting – überhaupt möglich ist, was der Spieler mir gerade als Aktion seines Chars beschrieben hat. Beispiel: generische Fantasywelt, Kampf auf einer hügeligen Heerstraße zwischen der Abenteurergruppe und ein paar Hügelriesen, welche den Handelskonvoi für fette Beute hielten. Ein Spieler sagt an, dass sein Char zwischen den Beinen des einen Hügelriesen hindurchspringt und versucht von hinten an den Hals zu kommen. Char klein, Riese groß, Char schnell, Riese stark aber langsam, das Gelände lässt es auch zu => Akrobatik-Check mit geringem Abzug. Hätte der Spieler in der gleichen Situation gesagt: “Ich packe den Riesen am Bein und mache mit ihm den Bamm-Bamm” (für alle, die nicht wissen, was damit gemeint ist => dringend Familie Feuerstein googeln!), hätte ich vermutlich gefragt, ob er noch alle Tassen im Schrank hat? Es hätte nicht mal eine Chance zum Würfeln gegeben.

Damit die Spieler aber überhaupt wissen, was dieser ominöse “Akrobatik-Check” ist, und wie er durchgeführt wird, müssen sie sich halt zuvor in die Regeln eingefuchst haben. Und dabei lassen wir üblicherweise niemanden im Regen stehen. Nun ist es so, dass diese Regeln sehr detailliert ausgearbeitet sein können (legendär: Rolemaster, auch gerne Rulemaster genannt), oder aber sehr frei und flexibel nutzbar (D&D 5E macht hier gar keinen so schlechten Job). Und wenn ich so darüber nachdenke, möchte ich lieber weniger durchdetaillierte Regelwerke. Natürlich müssen Standardfälle wie “Ich schwinge mein Schwert!”, oder “Ich werfe den Zauber xyz!”, oder “Ich knacke das Schloß!” (oder das erwähnte “Ich springe zwischen den Beinen…!”) durch die Regeln abgedeckt sein, um eben ein gewisses Level an Vergleichbarkeit zu erzeugen. Ich habe, wenn ich mich recht entsinne, schon dann und wann den Begriff der “Konsistenz” benutzt. Und die Regeln sollen genau das – Konsistenz herstellen, damit bestimmte Aktionen bei der wiederholten Anwendung ein erwartbares Ergebnis erzielen. Das gilt für Spieler-Chars und NSC gleichermaßen.

Damit bleibt aber eine nicht unbeträchtliche Zahl von Ausnahmefällen übrig, in denen der/die SL entscheiden muss, wie mit irgendwelchen Aktionen umgegangen wird. Wer lange genug Pen’n’Paper gespielt hat weiß, dass die Spieler gerne alle Möglichkeiten austesten, insbesondere die unmöglichen; was regelmäßig dazu führt, dass on the fly eine Lösung gefunden werden muss, die wenigstens halbwegs zu den Regeln passt. Solche SL-Entscheidungen begründen in der Folge sogar manchmal sogenannte Hausregeln; also von der Spielrunde definierte Zusätze zum eigentlichen Regelwerk, die den Flow für diese Runde verbessern. Immer, wenn ich zu oft in mein Regelwerk schauen muss, ärgere ich mich über mich selbst, weil ich nicht besser vorbereitet war, oder weil ich dachte “Na, das wird schon nicht passieren…”. Nach 32 Jahren könnte man mehr erwarten, oder…?

Wichtig bei solchen Ad-Hoc-Entscheidungen ist, dass diese a) konsistent mit dem Rest des Regelwerks sind (wenn ich Classic Heroic Fantasy spiele, sollte ich nicht plötzlich Grim Realism-Maßstäbe anlegen), b) fair sind (alle müssen nicken und sagen “joa, paast…”) und c) kein ewiges Rumgesuche im hinterletzten Quellenbuch benötigen, denn “ad hoc” bedeutet “für diesen Augenblick gemacht”; was, zumindst in meiner Lesart “Ich bin in 20 Minuten soweit…” ausschließt! Überhaupt ist jedes Rumgesuche in irgendwelchen Quellenbüchern nervtötend, weil es den Spielfluß lähmt und damit negativ auf Pacing, Suspense und Stimmung wirkt. [Exkurs] Ich muss an dieser Stelle allerdings noch Folgendes anfügen: Meta-Kommentare, Off-Topic-Kommentare, Nebentätigkeiten am Spieltisch, etc. sind ALLESAMT dazu geeignet, sich negativ auf Pacing, Suspense und Stimmung auszuwirken. Ich bin da mittlerweile soweit, dass ich selbst nebenher Anderes mache, wenn ich den Eindruck gewinne, nur als Dienstleister gesehen zu werden. Ich habe keine Ahnung, ob das meinen Spielern*innen schon mal aufgefallen ist. Hiermit ist es offiziell: es nervt mich tierisch, wenn nebenher irgendwelche Dinge passieren, oder Sachen gemacht werden, die nix mit dem Spiel zu tun haben – und dann die Frage kommt “Was war noch mal?”. Es ist legitim, nicht aktiv am Spiel teilzunehmen, wenn man gerade nicht das Limelight hat. Solange man trotzdem die relevanten Aspekte mitbekommt… [Exkurs Ende]

Nicht so sehr an den Regeln zu hängen, gibt sowohl dem/der SL als auch den Spieler*innen Freiheiten, mit dem Setting zu experimentieren, die bei starren Regelwerken u. U. schnell zu einem Bruch der Kontinuität führen könnten. Allerdings geht damit eben auch eine gewisse Verantwortung einher, diese Freiheit sinnvoll zu nutzen. Manche Spieler haben so diese Eigenheit, die Grenzen der Welt austesten zu müssen (ICH bin manchmal so ein Spieler), um bislang noch nicht gedachte Lösungen zu finden. Manchmal schießt man dabei vielleicht über’s Ziel hinaus… Hier noch ein Geständnis: DAS ist der Grund, warum ich zocke. In meinem Kopf (manchmal auch an der Konsole) kann ich soviel kaputt machen, wie ich mag, es kommt dabei trotzdem niemand ernsthaft zu Schaden. Diese Freiheit lasse ich mir nur sehr ungern durch rigide Regelwerke (oder rigide SLs) nehmen. Always game on!

…und ich hoffte, wir wären weiter…

Ich gehe an dem Plakat, um dass es gleich im Folgenden gehen soll mittlerweile seit ein paar Wochen regelmäßig vorbei; und zuerst war es mir gar nicht weiter aufgefallen. Wie man eben so durch das Stadtbild wandert und Vieles überhaupt nicht mehr bewusst wahrnimmt, weil man Advertising-übersättigt von Konsumrausch zu Konsumkater stolpert, und immer wieder an der eigenen Denkfähigkeit zu zweifeln beginnen muss. Wir sind halt doch leicht beeinflussbar. Und genau das hat mich dann doch eines morgens diese Woche gewaltig gehirngefickt; ich glaube, ich hatte eh miese Laune, aber meine Denkschleifen bezüglich dieses Marketing-Machwerks wurden erstaunlich schnell erstaunlich klar: das Ding geht auf so vielen Ebenen überhaupt nicht, dass ich hier mal geschwind einen auf Roland Barthes und seine Mythen des Alltags machen muss…

Zunächst einmal ist die Machart des Plakats sehr konventionell und spielt in erwartbarer Weise mit dem Begriff der Evolution. Das an sich kann witzig sein, mündet hier allerdings in einem lächelnden Anzugträger mit Smartphone, der mutmßlich gerade ein Eigenheim bestellt? Nun ist die Simplifizierung im Marketing genauso wichtig, wie die didaktische Reduktion im Lehrsaal, und das geschickte Spiel mit Zeichen Grundvoraussetzung für das Evozieren von Gefühlen. Denn nur mit den situativ richtigen Gefühlen verkauft man erfolgreich. Und genau deshalb habe ich ein paar Fragen:

  • Warum nimmt man als (gegenwärtig) oberes Ende der Evolutionskette hier ganz naiv einen Anzugträger mit Smartphone an? Wo sind all die guten Facharbeiter*innen, auf deren Rücken der Wohlstand in diesem Land tatsächlich erwirtschaftet wird?
  • Warum ist es ein einsamer Kerl da auf dem Plakat? Leben wir immer noch in diesem 50er-Jahre-Deutschland mit dem Einzelverdiener-Ernährer-Macho als Patriarch? ich hatte echt gedacht, wir wären wenigstens ein bisschen weiter, als vor 60 Jahren…
  • …und dabei habe ich noch nicht mal an die LGBTQ+-Community gedacht!
  • Wo zum Kuckuck sind die Kinder? Da wird was von Familienheimen erzählt, und dann haben die nicht wenigstens auf einer ihrer Werbetafeln eine Familie als evolutionäre Konklusion auf dem Weg zu ihren Immobilien? Das lässt tief blicken in einem der kinderfeindlichsten Länder der Welt – JA, ich meine Deutschland!
  • Und ja – der Typ ist weiß! Also, wie war das jetzt mit Inklusivität?

Ich fasse zusammen: ICH lese das das implizite Statement dieses Plakats ist elitistisch, chauvinistisch, rassistisch, evtl. homophob und kinderfeindlich konnotiert. Was wiederum bedeutet, dass ausgerechnet ICH – als mittelalter, hetero-sexueller, weißer cis-gender-Mann und halbwegs empfindungsfähiges Wesen – diese Darstellung unmöglich finde. Wahrscheinlich denke ich zu viel und zu weit, oder bin mittlerweile einfach doch ein bisschen empfindlicher für solche Themen, als der Durchschnitt – aber muss sowas denn im frühen 21. Jahrhundert noch sein? Ich verstehe ja, dass man an Zielgruppen-Werbung glaubt. Das bedeutete hier im Umkehrschluss allerdings, dass man nicht annähme, das Facharbeiter, Frauen oder Mitglieder anderer ethnischer Gruppen diese Immobilien kaufen würden / könnten? Starker Tobak. Wie gesagt – meine Interpretation erhebt definitiv keinen Anspruch auf Allgemeingültigkeit. Aber ich hätte schon gerne, dass wir Menschen alles in allem mal etwas mehr über solche Darstellungen nachdenken. In diesem Sinne wünsche ich noch einen schönen Samstag.

Throwback Sunday

Manchmal darf es ein bisschen steiler sein…

Ich. Kann. Nicht. Gut. Klettern. Zum einen leide ich unter dezenter Höhenangst, und zum anderen bin ich alles andere als topfit – jedenfalls nicht so, wie der vollkommen gestörte Typ, der uns am Aufstieg zum Kalmithaus in vollem Lauf entgegen kam. Hüften, Knie und Sprunggelenke aus Eisen. Zumindest wirkte es so. Aber wenn es ihm Spaß macht, bitte. Ich bevorzuge die etwas langsamere Herangehensweise des “Wanderns”. So mit Rucksack, festem Schuhwerk und halbwegs angemessener Kleidung. Die Haardt zeigte sich heute jedenfalls mit ca. 25°C bei leichtem Wind und immer noch kräftiger Spätsommersonne diesbezüglich von ihrer besten Seite. Und so sind wir oberhalb von Maikammer durch das Felsenmeer und über die Kalmit gegangen.

Blick vom Parkplatz Hahnenschritt
Lieber mittendrin als nur dabei!

Der Spätsommer im Pfälzerwald hat an seinen besten Tagen (und heute war so einer) viel mit der Toskana gemein – zumindest die Geländeformation, die Straßen, ein bisschen der der Bewuchs, sogar der Geruch sind sich an einigen Stellen ähnlich. Und deshalb hat es sich für mich ein wenig wie ein Holiday-Throwback angefühlt. Es ist nicht das Gleiche – muss es aber auch nicht sein. Es war für mich mehr eine Erinnerung daran, dass das Gute manchmal keine 1000Km weit weg liegen muss. Auch wenn die Großdistanz-Tapetenwechsel trotzdem gut für’s Gemüt sind. Heute hat es aber auch in “nur” 50Km Entfernung sehr viel Spaß gemacht. Insbesondere unsere Kinder sind über jeden Felsen gegangen, bei dem das möglich war, haben die Stunts der Boulderer bestaunt und mit uns ein paar 100 Höhenmeter gemacht. Es hat für die zwei sicher auch ziemlich lustig ausgesehen, wie ich mich an einer Stelle an einem wirklich simplen Kletterstück versucht habe, weil ich keine Lust mehr hatte, untenrum zu gehen. Ich weise an dieser Stelle noch mal auf den ersten Satz hin…

Da dran kann man klettern… also Andere…

Ich war zwar auch ein bisschen froh, als wir wieder am Parkplatz waren (NICHT topfit), würde aber morgen gleich zur nächsten Tour aufbrechen, wenn nicht die Arbeit riefe. Ich kann dieses seltsame Gefühl, welches sich meiner seit unserer Heimkehr vor zwei Wochen bemächtigt hat nicht recht beschreiben – vielleicht wäre “Zweifel” für den Anfang ein ganz guter Ansatz, aber ein einzelner Begriff fasst es einfach nicht. Wahrscheinlich muss ich noch ein paar Mal mehr wandern gehen. Theoretisch lüde das Wetter die nächsten Tage dazu ein, aber wie schon bemerkt: meine Arbeit macht sich nicht von selbst. Könnte natürlich auch ein teil des Problems sein. Ich denke darüber nach. Vielleicht hilft auch etwas anderes dabei, wieder Klarheit zu gewinnen. In solchen Momenten, wenn man von der Kalmit aus über die oberrheinische Tiefebene schaut, sind solche Fragen allerdings vollkommen irrelevant. Man schaut, man riecht, man staunt!

Genau deshalb muss man raus! Weil man draußen einfach ein paar der Probleme, Sorgen, Nickligkeiten des Alltags, wenn nicht vergessen, so doch beiseite schieben kann. Lange genug, um ein Dutzendmal tief durchzuatmen und den Kopf einfach mal fliegen zu lassen. Ist zwar schon wieder vorbei – aber die Bilder in meinem Kopf sind trotzdem schön! Ich wünsche euch allen eine gute Woche…

Mit Identität Politik machen – echt jetzt…?

Um es vorweg zu nehmen. Es wäre mir zu anstrengend, und auch vollkommen über das Ziel hinaus geschossen, hier philosophische und soziologische Diskurse der letzten 60 Jahre in EINEM Blogpost abbilden zu wollen. Allerdings scheint es mir angeraten, zumindest zum Nachdenken anzuregen, denn diese Debatten werden auf die eine oder andere Weise auch Einfluss auf die Wahl am 26.09.21 nehmen. Wovon ich rede? Identitätspolitik! Einem Begriff, der in aller Munde ist, und doch von den wenigsten verstanden wird. Da geht es im Kern um die Frage, wie man mit Machdifferentialen in Gesellschaften umgeht, die meist aus der (subjektiven) Unterschiedlichkeit der Mitglieder verschiedener Teilgruppen von einer Mehrheitsgruppe konstruiert werden. Oder vereinfacht gesagt: “Du siehst nicht aus wie ich, du bumst nicht wie ich, du magst nicht den gleichen Fußballclub wie ich, du isst nicht das gleiche wie ich, du glaubst an andere Dinge als ich, etc – als bist du nicht genauso Mensch wie ich!” Das eine solche Schlussfolgerung Käse ist, muss ich hier und jetzt hoffentlich nicht mehr erklären. Mensch ist Mensch – BASTA!

Wir und unsere Vorgängergenerationen haben – aus den unterschiedlichsten Gründen – solche Unterschiede konstruiert (hier schrieb ich schon mal darüber). Und auch, wenn es vordergründig oft um die Durchsetzung einer Ideologie ging, standen zumeist handfeste wirtschaftliche Interessen im Hintergrund, die den jeweiligen Betreibern der Ideologie ein Voranschreiten auf dem Pfad der Ungerechtigkeit notwendig erscheinen ließen. Bei den Alt-Nazis waren es offiziell die Rassenideologie und die Idee vom “Lebensraum im Osten”; tatsächlich war der NS-Staat pleite und musste auf den – später als 2. Weltkrieg bekannt gewordenen – Raubzug gehen, um die eigenen Großmachtträume irgendwie weiter finanzieren zu können. Wie “gut” DAS funktioniert hat, enthüllt ein kursorischer Blick in die Geschichtsbücher… Egal ob Großgruppe oder Kleingruppe – die Prozesse der Segregation und Stigmatisierung funktionieren, weil wir Menschen dieses Bedürfnis nach sozialer Zugehörigkeit haben. Und natürlich kann man sich diesen Umstand zu nutze machen.

Politische Parteien tun es, Gewerkschaften tun es, Vereine tun es, bürgerliche und wirtschaftliche Interessenverbände tun es, Berufsschulklassen tun es, und Fußballfans tun es sowieso. Und über viele Jahre hat man das mit einem Schulterzucken hingenommen. Nun aber haben Vertreter kleinerer gesellschaftlicher Gruppierungen angefangen, den Spieß umzudrehen und sich selbst eine Lobby zu sein: LGTBQ+People tun es, PoC tun es, religiöse und kulturelle Minderheiten aller Art tun es. Und plötzlich schreien viele Mitglieder des Mainstreams (white, middle-aged, male cis-gender, Normfamilien-Typen wie ich z. B. 😉 ) auf, weil es ja nicht sein kann, dass die plötzlich alle eine Stimme haben, und gesehen und gehört werden, und möglicherweise sogar auch all die Rechte haben sollen, wie die Mainstream-Menschen (Stichwort: Ehe für alle!).

Man mag die schriftliche Darstellung Gendergerechter Sprache manchmal als sperrig, die Lesbarkeit einschränkend oder den Sprachstil einschränkend empfinden. Ich habe damit gelegentlich auch meine Probleme, weil ich mich tatsächlich stilistisch eingeschränkt fühle. Aber das ist einfach nur ein Gefühl. Und ich habe mich auch eingeschränkt gefühlt, als die letzte Rechtschreibreform verkündet wurde (über die hatte man übrigens auch in der Schule schon diskutiert, bevor ich 1993 mein Abitur gemacht habe). Und genau das ist das Problem – die subjektive Wahrnehmung, als Mainstream durch die verbesserte Sichtbarkeit anderer gesellschaftlicher Gruppen entmachtet zu werden, ist genau das – nichts weiter als ein Gefühl. Hier werden Fronten konstruiert, wo keine sind! Denn was genau verliere ich, wenn ich in meiner Sprache alle Menschen inkludiere? Ich sage es euch: NICHTS! Aus “Identität” ein politisches Schlagwort zu machen, ist genauso hanebüchener Bullshit, wie aus “Heimat” ein politisches Schlagwort zu machen (an dieser Stelle noch mal ein herzliches: “HALT ENDLICH DEINE DÄMLICHE FRESSE DU BATZI!” an Horst Seehofer…).

Identität ist ein prozessuales Konstrukt, dass sich im Laufe des Lebens, genau wie übrigens auch Heimat und Kultur immer wieder verändert. Bei manchen Menschen häufiger und heftiger, bei anderen seltener und sanfter. Dass solche Prozesse nun für verschiedene Mitglieder unserer Gesellschaft besser sicht- und hörbar werden, finde ich gut. Aus diesem Umstand unter dem Schlagwort “Identitätspolitik” reflexartig neue Frontlinien aufmachen zu wollen, um dann zwanghaft von einer weiteren Partikularisierung unserer Gesellschaft schwadronieren zu müssen, halte ich jedoch für schlecht! Unsere Gesellschaft ist bereits individualisiert (um noch mal mit Ulrich Beck zu sprechen). Die nächste große Aufgabe unserer Zeit – neben dem schnellen, umweltverträglichen Umbau unseres Landes – wäre es dann wohl, herauszufinden, was so viele Menschen unterschiedlichster Herkunft und Kultur, unterschiedlichsten Glaubens, unterschiedlichster Lebensstile und Überzeugungen als Gemeinschaft zusammenzuhalten vermochte? Dieses ultradämliche, ultrakonservative, nervtötende Identitätsgeschwafel ist es jedenfalls nicht. Schönen Tag noch.

Erwachsen bilden N°34 – Curri-Curra-Curriculum…

Rahmenlehrpläne sind genau das – ein Rahmen für die Lehre. Man kann sich viele Dinge ausdenken und seine eigenen Unterrichte dann dementsprechend vorbereiten. Dafür entsteht ein gewisser Zeitaufwand, der in den Controllern jedoch immer wieder Begehrlichkeiten weckt, weil Arbeitszeit Geld kostet. Die Betriebswirte in gewerblich betriebenen Berufsfachschulen verstehen nicht, warum z. B. ein Gymnasiallehrer normalerweise 26 Unterrichtseinheiten (à 45 Minuten) pro Woche unterrichtet und keine 40 Zeitstunden. Das die sogenannten 26 Deputatsstunden dabei je einer UE Unterricht zuzüglich einer UE Vor- und Nachbereitungszeit entsprechen, weil man diese Zeit einfach häufig braucht, wollen sie nicht hören. 26 Deputate x à 1,5h = 39h. Das ist die übliche Wochenarbeitszeit. Nach dieser Rechnung würde ein Fachlehrer drei Tage die Woche unterrichten und wäre zwei Tage mit Vor- und Nachbereitung beschäftigt. Und eigentlich ist das ein guter Ansatz, insbesondere, wenn neue Thematiken aufbereitet werden müssen. Gehe ich zum 10. Mal in eine neue Klasse für den Basisunterricht im ersten Schulblock, brauche ich selbst nicht mehr so viel Vorbereitung. Ein Rookie vielleicht schon.

Die Wahrscheinlichkeit, dass ein anderer Dozent bzw. Fachlehrer diesen Unterricht exakt auf die gleiche Art hält wie ich, oder aber sich darauf einlässt, den von mir vorbereiteten Content zu benutzen, ist gering. Das hat damit zu tun, dass es bei der Vorbereitung nicht nur darum geht, hübsche Präsentationen zu bauen, Handouts vorzubereiten, etc.; sondern eben auch darum, sich selbst noch mal seines eigenen Wissens zu vergewissern, sich auf die Fragen der SuS vorzubereiten, zu WISSEN, wovon zum Teufel man gerade spricht. Ein Comedian kann auch nicht mit Programmteilen anderer Comedians auf die Bühne gehen, um den Shit zu rocken! Woher sollte er/sie denn wissen, wann und wie die Pointen am besten funktionieren. Auch ein gut gemachter Unterricht hat eine Spanungskurve, ab und an mal eine Pointe und einen Abschluss. Und die kann man nur selten improvisieren, ohne dass die SuS sich hinterher verschaukelt fühlen. Die haben nämlich ein feines Näschen dafür, wenn der Dozent / Fachlehrer eine fragwürdige Performance abliefert…

Davon ab arbeite ich in einer Branche, in der das zu vermittelnde Fachwissen regelmäßig überaltert und folglich Updates der Unterrichtsinhalte notwendig werden. Selbst up to date zu bleiben, ist also eine Grundvoraussetzung für guten Unterricht. Was bedeutet, dass das Lehrpersonal auch noch Fortbildungsstunden braucht, die – oh Wunder – vom Arbeitgeber bezahlt werden müssen. Ja – MÜSSEN! Denn sogar der Gesetzgeber hat erkannt, dass auch das Lehrpersonal sich kontinuierlich fortbilden muss, und sodann – wenn aus meiner Sicht auch Jahrzehnte zu spät – entsprechende gesetzliche Vorschriften erlassen. Wir machen momentan die größten Forschritte in der Professionalisierung meines Berufes, die ich je erleben durfte. Das macht mich einerseits glücklich und stolz – andererseits bereitet es schlaflose Nächte, weil ich zu denen gehöre, die diese Fortschritte mit gestalten müssen. Eine Aufgabe, vor der ich, aller Freude zum Trotz, Respekt habe.

Ein weiterer Punkt neben dem “immer-wieder-durchdenken-müssen” des Standardstoffes ist der Umstand, dass die Ausbildung von Ausbildern ein kreatives Herangehen an die, zur Lernermöglichung nötige Metaperspektive auf Prozesse der Wissens- und Einstellungs-Aneignung erfordert; Kreativität kann man aber nicht immer erzwingen. Man kann sie trainieren, so wie andere Skills auch, aber das erfordert zwei Dinge: die Bereitschaft, die eigene Komfortzone zu verlassen und Neues auszuprobieren, auch wenn man damit manchmal Schiffbruch erleidet! Und (auch, wenn so mancher das jetzt wahrscheinlich nicht gerne hört) ein gewisses Talent für den Lehrsaal! Und das hat bei weitem nicht jeder, der sich gegenwärtig als Dozent / Fachlehrer versucht. Die teilweise sehr heterogenen Ergebnisse und Berichte von Auszubildenden geben mir hierbei leider Recht. Und damit sind wir wieder bei den eingangs erwähnten Betriebswirten: die glauben nämlich, dass man – so wie früher in der allgemeinbildenden Schule – einfach den Stoff runterrattert, und fertig ist der Lack. Können wir versuchen, aber dann erzeugen wir schlechte, bisweilen evtl. sogar untaugliche NotSans.

Ich versuche wirklich, das mit der doppelten Handlungslogik auch an die Leute mit den Geldbeuteln heran zu tragen, aber einfach ist anders, denn Geld regiert nun mal die Welt. Und doch stelle ich fest, dass es hin und wieder Leute gibt, die allen wirtschaftlichen Notwendigkeiten zum Trotz verstehen, dass es gute Lehre a) nicht billig, b) nicht ohne ordentliche Vor- und Nachbereitung und c) nur mit motivierten SuS und Dozenten gibt. Die Vor- und Nachbereitung steht so aber nicht in den Lehrplänen, und um Motivation zu erzeugen, muss man oft tief in die Trickkiste greifen (und gelegentlich auch ins Portemonaie). Weshalb man diese Umstände geduldig wieder und wieder erklären muss. Dann klappt es vielleicht irgendwann auch mit der stets vollmundig beschworenen, hohen Aus- und Fortbildungsqualität. In diesem Sinne einen schönen September…

…das ist halt meine Meinung!

"Ich bin" spricht jener "zu reden bereit,
und bitte lediglich für Fakten um euer Gehör.
Eure Meinung dabei zu achten ich schwör!
Doch ich brauche etwas von eurer Zeit,
seid ihr Argumente zu hören denn bereit?
Denn manche die mit "fake news" euch fingen
wollen euch zu gar finst'ren Dingen bringen.... 

Würde Schiller heute leben, er dichtete gewiss immer noch wesentlich besser als ich. Was bleibt, ist die Erkenntnis, dass Worte oft nicht mehr durch den selbsterrichteten Schutzwall aus Dogma, Mißtrauen und Hass dringen, der allem Neuen, Unvertrauten so wütend entgegen gebracht wird. Habe ich die Tage feststellen müssen. Wenn das Grünen-Bashing als Witz getarnt daher kommt, und alle den guten, alten, bundesdeutschen, Schenkel-Klatscher üben, bleibt mir nix übrig, als irgendwann die Diskussion zu beenden und mich auf die Erkenntnis zurückzuziehen, dass es einen gewissen Prozentsatz Menschen in diesem Land gibt, die entweder nicht begreifen können – was verzeihlich aber bedauerlich ist – wie die Lage unserer Welt aussieht, oder aber dies nicht begreifen wollen, weil es ihre Art zu leben in Frage stellt. Das ist dann allerdings weder verzeihlich noch bedauerlich, sondern einfach nur schlicht arrogant, dumm und egoistisch. Alternativ verweisen die dann manchmal noch auf “andere Lösungen”, meist allerdings, ohne den notwendigen Sachverstand zu haben, wollen aber immer, dass erst mal “die anderen” anfangen, was zu tun…

Mein höchst geschätzter Kollege Tobias Sambale fragte gestern: “Ist das eigentlich auch diese Identitätspolitik, über die sich alle aufregen, wenn man tagtäglich wie ein Bekloppter unter jeden Beitrag über Umweltschutz, Elektroautos oder Lastenräder kommentiert?” Nun ja, das hängt vermutlich vom Blickwinkel, dem level of involvement und der eigenen Kampfeslust ab, aber irgendwie bin ich geneigt “JA” zu sagen; und zwar, weil sich in letzter Zeit, wenn man sehr genau hinsieht, eine Menge Menschen im Internet (neu) politisieren. Manche von ihnen radikalisieren sich sogar politisch. Man spricht ja immer von den Filterblasen, in denen die Rechten und die Covidleugner (Aluhüte insgesamt) und die Antidemokraten sich gegenseitig aufschaukeln. Doch dieses Phänomen kann man auch in anderen politischen Spektren beobachten. Himmel, ich beobachte es an mir selbst. Meine Reaktionen auf Neurechtes Propagandageschwafel und Green-Bashing fallen in letzter Zeit immer militanter aus. Neulich dachte ich nach dem Senden “jetzt hast du überzogen, dafür kassierst du bestimmt ‘ne Sperre”. Pustekuchen. Nix ist passiert. Weil die anderen noch wesentlich übler zu Werke gehen…?

Ich bin mir nicht mal sicher, was ich damit bezwecke. Denn tatsächlich glaube ich nicht, auch nur einen von denen davon überzeugt zu haben, Überzeugungen zu überdenken (man lasse den Satz kurz wirken). Wir sind doch alle Opfer unserer Selbstwirksamkeitsillusion. Wir wollen Spuren hinterlassen, nicht einfach irgendwann die Augen zu machen und das war es dann halt, alles vergeben und vergessen. Wir wollen, dass man sich unserer erinnert. Oder wenigstens zu Lebzeiten unsere Wichtigkeit, unseren Einfluss (ja, vielleicht auch unsere Macht…?) anerkennt und respektiert! Und dafür kommentieren wir auf Facebook? Ziemlich armselig, wenn man es mal überdenkt, oder? Auch ich mache mir Illusionen über die Reichweite meiner Worte, meines Tuns, meines Lassens. Und reflektiere in letzter Zeit an jedem Tag über diese eine Frage, die einen u. U. in den Wahnsinn treiben kann: “Was will ich denn wirklich?” Weltfrieden? Eine Formel gegen soziales Elend? Wenigstens noch etwas Fortschritt für mein Berufsbild erreichen? In einer Blockhütte im Wald wohnen und schreiben? Nicht selten gewinnt emotional neuerdings das Letztere.

Ich habe mich im Urlaub ein paar Mal dazu hinreißen lassen, in den Echokammern der Ignoranz, der Arroganz und der “alternativen Wahrheiten” des Internets den 2000-Watt-Strahler auszupacken, um den Heiden das Licht zu bringen – und es war, gelinde gesagt, für den Arsch. Ernüchternd. Und irgendwie auch heilsam. Hab jetzt keinen Bock mehr drauf. Ich mache, wenn’s soweit ist, mein Kreuz, werde zur Kenntnis nehmen, wie viele ewig gestrige Idioten (wieder mal) für die Union, die FDP und (Gott behüte) die AfD gestimmt haben, und hoffe im Grunde meines Herzens auf wenigstens ein bisschen Wandel. Und sollte Flaschet Bundeskanzler werden…, NEIN, darüber will ich nicht nachdenken. Insofern habe ich dann wohl auch Meinungen, die ans Dogmatische grenzen; ich wähne mich allerdings sicher, diese Meinungen mit Fakten fundiert zu haben. Was die Frage offenlässt, wie viele dieser Fakten auch überprüfungswürdig sind? Man wird sehen. Einstweilen wünsche ich euch einen schönen Restsonntag. Ich muss mich jetzt um das Essen für die Familie kümmern. Man liest sich…

Der verwirrte Spielleiter N°35 – …magisch, oder was?

Wenn eine Technik so weit entwickelt ist, dass jene, die ihr begegnen, sie nicht mehr verstehen können, wirkt diese für die Beobachter wie Magie. Ist so ein Allgemeinplatz, den man immer mal wieder benutzen kann. Ändert jedoch nichts daran, dass Magie als Synonym für geheime Künste, welche die Gesetze der Natur zumindest teilweise zu brechen vermögen, in sehr vielen Rollenspielen zu finden ist. Und nicht nur in denen, die sich “klassischen” Fantasy-Settings verschrieben haben. Magie ist damit eine Mischung aus Player Empowerment (denn nicht selten sind es auch Chars, welche über besondere Kräfte verfügen, durch die sie sich von der jeweils definierten Norm abheben) und Plot Device (Magie existiert in halbwegs durchdachten Settings aus Gründen, welche sich den Chars vielleicht nur nicht von Anfang an offenbaren) – oder aber eine Genre-Konvention. Das Letztere wird allerdings oft zum Problem. “…und dann brauchen wir noch Magier!”. “Warum…?”. “Weil Magier in die Fantasy einfach reingehören…?!”

Sagen wir mal so – wenn ich Magie irgendwo mit rein tue, weil man das halt so macht, werden die Ergebnisse … interessant. Ich sah neulich ein Video, in dem sich der Autor mit der Frage befasste, wie man Magie im Pen’n’Paper wieder etwas magischer macht. Ich denke, er dachte dabei an Flair; und wahrscheinlich auch ein bisschen an Balance. Seine These, dass in aktuellen Systemen Magie entweder im Überfluss vorhanden ist (jeder Char hat irgendwie welche) oder so knapp, dass man auch gleich gar nicht danach suchen muss, ist vermutlich nicht ganz falsch. Die Frage, die man sich da stellen könnte, wäre folgende: Na und? Mit Magie ist es wie mit den Waffenschäden und Rüstungen in manchen Regelwerken – im nächsten Supplement packen sie noch ‘ne Schippe drauf , so dass die Power-Level aller Pro- und Antagonisten einer dauernd fortlaufenden zentrischen Streckung um den Faktor k unterworfen sind; und das bei ewigen Beteuerungen, das ja alles total balanced sei. So ein Käse. Wenn alles eine Nummer größer sein soll, ist das OK. Man sollte dann halt nur akzeptieren, dass die Herausforderungen auch alle ein paar Nummern größer sind…

Magie ist zunächst vor allem eines – eine Möglichkeit, die Chars und ihre Gegner Dinge tun zu lassen, die in unserer Realität einfach nicht möglich sind. Und das ist auch gut so, denn Realität habe ich ehrlich mehr als genug um die Ohren. In diesem Sinne ist Magie also einfach nur eine Erweiterung der Story-Möglichkeiten, die man gut und gerne einsetzen darf, um Effekte zu erzeugen, die alle am Tisch für einen Moment vergessen lassen, dass das alles nur Make-Believe ist. Es liegt doch nicht an den Würfeln, sondern an meinen Beschreibungen, ob Magie tatsächlich als solche wahrgenommen wird! Indem ich Magie als eine Fertigkeit unter vielen nutzen lasse, entzaubere ich sie möglicherweise ein wenig. Das ist aber gar nicht so schlimm, denn sobald die Chars bei ihren Experimenten patzen, erinnert sie die normative Kraft des Faktischen (in Form von SL-Entscheidungen) daran, dass das Herumpfuschen an Kräften, welche die Naturgesetze zumindest hart biegen können, immer mit gewissen Risiken verbunden ist! Das unterscheidet den Magier-Char allerdings kaum vom Atomingenieur-Char. Risiken sind für Chars immer vorhanden, denn es geht beim Pen’n’Paper ja genau darum – das unsere fiktiven Alter Egos riskante Dinge tun, um etwas zu erreichen und dabei mit Konsequenzen zu rechnen haben.

Ist Magie also tatsächlich etwas Besonderes? Und sollte sich daher von den anderen Fertigkeiten, die Chars so meistern können unterscheiden? Ich denke, NEIN, weil es einerseits OK ist, wenn Chars Macht besitzen, welche sie dazu nötigt, genau darüber nachzudenken, wie sie diese einsetzen wollen und andererseits manche Settings eben auch danach verlangen. Ich denke aber auch JA, weil die Konsequenzen des Einsatzes von Magie eben – je nach Regelwerk – eher mit unbedacht eingesetzter Kernenergie vergleichbar sind, als mit zu stark getunten Autos; wobei trotzdem beides tödlich enden kann. Wie so oft gilt, dass die Dosis macht, dass ein Ding ein Gift ist, oder eben nicht. Ein inflationäres Um-sich-werfen mit Power ist sicher der falsche Weg. Wenn ein Setting magiereich ist, bedeutet das noch lange nicht, dass jeder (auch nicht jeder Char) welche haben muss. Zudem bleibt immer noch die Frage, was ich überhaupt als Magie definiere. Denn über das klassische Sprüche-Klopfen als allein selig machende Praxis sind wir ja wohl hoffentlich hinaus, oder?

Mein aktuelles Setting Cavai beinhaltet viel und starke Magie. Die Philosophie des einen Funken betrachtet diese und alle Formen mundaner Technologie als gleichwertig; einfach als unterschiedliche Ausdrücke ein und der selben schöpferischen Kraft, welche die Welt und alles in ihr durchdringt. Das bedeutet mitnichten, dass an jeder Straßenecke Magier ihre Dienste anbieten. Man ist der Sache gegenüber nur aufgeschlossener als in manch anderem Setting. Und auch, wenn ein paar Chars über Kräfte verfügen, bedeutet das mitnichten, dass sie einfach so durch die Abenteuer spazieren könnten. Nur Teamwork siegt hier. Was das Flair angeht, so hängt dessen Intensität davon ab, was die Dramaturgie verlangt und wie hoch die Risiken sind. Insgesamt glaube ich, dass es den Spielern bislang magisch genug war. Alles weitere findet sich. Vielleicht diskutiert ja mal jemand mit mir. Ansonsten – always game on!

Test Covid obbligato – Neue italienische Geschichten N°10

Ich muss wirklich zugeben, dass mich meine neue Kamera zum noch mehr knipsen angeregt hat, als die alte. Könnte daran liegen dass das neue Equipment deutlich weniger wiegt und deutlich handlicher ist. Wie dem auch sei: hier noch ein paar Impressionen…

Irgendwie ist es abstrus. Die einzige Person aus unserer Familie, die für die Rückreise nach Deutschland getestet werden muss, ist unsere 12-Jährige Tochter; denn die unter 12-Jährigen sind ausgenommen, und die Eltern beide fertig geimpft. Als wenn geimpfte und die ganz Kleinen das Virus nicht auch tragen könnten, ohne dies zu bemerken. Diese Regelung ist genauso Murks, wie alles andere, was unsere Regierung in den letzten drei Wochen zu Wege gebracht hat. Aber ich halte mich dran. Zum einen ist der Test negativ ausgefallen und zum anderen bezahlt man den hier in Italien selbst. OK, schmale 22,00€ sind vollkommen im Rahmen, aber zum Wegwerfen haben wir’s nun auch wieder nicht. Da die StiKo sich nun endlich positiv geäußert hat, kommt die Große denn zurück in Deutschland auch alsbald zum Impfen.

Wir haben natürlich am vorletzten Urlaubstag – wie man unschwer erkennen kann – noch mal das Nützliche mit dem Angenehmen verbunden und den historischen Kern des Ortes besichtigt, in welchem meine Frau eine testende Apotheke ausfindig gemacht hatte. Colle di Val D’Elsa hatten wir auch früher schon mal besucht, aber es wies sich dieses Mal, dass der Aufzug, der normalerweise von einem Parkplatz im Tal hoch in die Altstadt fährt außer Betrieb ist. Also haben wir den langen Weg genommen. War sehenswert, so wie der Rest des Städtchens auch. Als wir dann noch eine Eisdiele ausfindig gemacht hatten, war alles in Butter. Wie bereits die Tage erwähnt, würde sich mein Vermieter etwas weniger Sonne und blauen Himmel satt wünschen. Aber ich will mich nicht beklagen, denn obwohl ich ihm mehr Regen (auch während unserers Urlaubes) gegönnt hätte, haben wir keinen einzigen Tropfen gesehen.

Die Hitze der letzten Woche mit Spitzenwerten bis 40°C ist zurückgegangen, aber wir haben immer noch 33°C am Mittag; und die Augustsonne hat hier in der Toskana fühlbar mehr Kraft als daheim. So war es für ein Weißbrötchen wie mich anfangs ratsam, erst am späteren Nachmittag wieder rauszugehen. Das hat sich mittlerweile gegeben. Ein freudiges Heyho für den Hautkrebs! Ist ja aber auch schon wieder fast vorbei. Ich gehe jetzt demnächst wieder an/in den Pool und heute Abend machen wir noch mal den Grill an. Einige Wünsche wurden also doch erfüllt, auch wenn ein perfekter Urlaub, wie die beste Ehefrau von allen gestern Abend anmerkte eine Utopie wäre. Aber wenn man die guten Aspekte einfach mal zusammenzählt, ist die Habenseite dieses Jahr deutlich im Plus; allen Widrigkeiten zum Trotz. Die nächsten Einlassungen meinerseits gibt es dann höchstwahrscheinlich erst wieder von deutschem Boden zu hören, daher wünsche ich schon jetzt allen ein schönes Wochenende. Man sieht sich.

Alla ricerca di nuove idee – Neue italienische Geschichten N°9

Langsam kann ich die Wehmut schmecken, Freitag Nacht nach Hause fahren zu müssen. Andererseits weiß ich, dass zu Hause auch einige Dinge auf mich warten, die mir – höchstwahrscheinlich – Freude bereiten; und Kopfzerbrechen zugleich. Denn manchmal braucht man frische Ideen für eine neue Projektphase. Manches fällt einem zu, wenn man sich auf die richtige Weise vorzubereiten und dann zu warten gelernt hat. Wie schon des öfteren erwähnt werde ich langsam ruhiger. Nicht wirklich geduldiger, aber wenigstens kann ich so tun, als ob. Auch, wenn’s mich innerlich gerade zerfetzt. Nun treten die Dinge in eine neue Phase und ich muss einiges neu ordnen. Hey, wollte ich den Job nicht so richtig gerne haben? Tja nun… offensichtlich gehören die alltäglichen Detail-Probleme auch dazu.

Andererseits habe ich mittlerweile auch gelernt, Probleme nicht unbedingt als Probleme, sondern eher als Rätsel zu sehen, die gelöst werden wollen. Bei weitem nicht jedes von denen fasziniert mich. Und bei weitem nicht jedes, das mich fasziniert, schaffe ich auf Anhieb. Was aber nichts daran ändert, das Rätsel den sportlichen Ehrgeiz wecken. Überdies war es immer mein Ehrgeiz (der einzige, den ich je verspürt habe – Macht als solche hat mich nie interessiert!), Dinge zu gestalten. Und solche Aufgaben fallen mir mittlerweile immer häufiger zu, teilweise kann ich sie mir sogar selbst suchen. Ist es nicht angeblich so, dass Arbeitnehmer sich mehr Mitsprache bei der Gestaltung ihres Arbeitsumfeldes wünschen? In meinem Fall muss ich sagen: was die Arbeit an sich betrifft, muss man ein Feld mit mehr Freiräumen sehr aufmerksam suchen. Da nehme ich die Verantwortung, die quasi als Dreingabe kommt tatsächlich gerne auf mich.

Und was ist daran nun italienisch? Die Frage ist berechtigt, denn als ich heute morgen mal wieder meine Bahnen im Pool zog, wollten sich meine Gedanken partout nicht auf die Arbeit einlassen. Ich bemerke jedoch, dass sich einige Konzepte, an denen ich schon länger brüte doch zu verfestigen beginnen, personelle Entscheidungen getroffen wurden, die nun umgesetzt werden müssen und insgesamt wieder deutlich mehr Lust auf die Aufgaben vor mir entstanden ist. Die Bahnen im Pool zwischen 09:30 und 10:30 werden mir dennoch fehlen. Ebenso wie die immer wieder eingestreuten Impressionen von unseren Ausflügen. Es ist schon so, dass wir in diesem Teil der Toskana mittlerweile mehr als nur ein bisschen suchen müssen, um noch “Sehenswürdigkeiten” zu finden, die wir nicht schon kennen. Allerdings will ich gerne zugeben, dass es manche Orte gibt, die ich immer und immer wieder anschauen kann und will. Aber ab und zu muss man auch einfach mal ein bisschen cruisen, um jene besonderen Augenblicke (im wahrsten Wortsinne) erleben zu können, für die die beste Ehefrau von allen und ich so gerne herkommen (und mittlerweile auch unsere Kinder)…

Und dann fließen alsbald auch wieder die Ideen. Natürlich nicht nur für die Arbeit, denn das wäre – pardon, wenn ich so offen bin – pure Verschwendung. Es gibt so viele andere Dinge in meinem Leben, für die ich ebenso nach frischen Ideen suche. Manchmal muss ich mich allerdings in der Tat selbst an Folgendes erinnern: Wir arbeiten, um zu leben, nicht etwa umgekehrt! Was nicht bedeutet, dass ich nichts leisten möchte. Man lernt nur, dass Leistung und Zufriedenheit nicht immer das Gleiche sind; und dies auch nicht sein müssen. Also bekämpfe ich in den letzten drei Tagen des Urlaubs meine Wehmut (und evtl. auch die meiner Lieben), indem wir nochmal rumfahren und Sachen bzw. Orte anschauen. Ich habe Hoffnung, dass auch das Vertraute mich nochmal inspiriern wird. Ihr werdet es ja hören…

Oggi è Ferragosto – Neue italienische Geschichten N°8

Sonntag der 15.08 – Ferragosto. Durchhaus nicht ganz unwichtiger Feiertag in Italien. Hauptferienzeit; auch für die Italiener selbst. Wir hatten vorgesorgt und am Donnerstag für fünf Tage eingekauft, was bedeutet, dass wir uns ein dezentes Bisschen eingeigelt haben. Gestern ein kurzer Ausflug nach Cartaldo Alto, ansonsten Pool, Pool, Pool. Bei derzeit dauerhaft Temperaturen bis 40°C auch das einzig Vernünftige. In den nächsten – leider letzten – Tagen unseres Urlaubs sollen die Werte auf erträglich 31°C zurückgehen. Mein Vermieter fürchtet auf Grund des Regenmangels mittlerweile allerdings um seine Ernte. Verdammte Axt – ich liebe seinen Wein und sein Öl. Wenn man seine Augen und Ohren offen hält, kann man es überall bemerken: Unsere Welt verändert sich, Gewissheiten fallen, eine nach der anderen; und auf Fratzenbuch feiern die “Besitzstandswahrer” Urständ – vollidiotisches Pack. Was soll’s. Aufregen schadet nur meinem Blutdruck…

Gestern Abend durfte ich zum ersten Mal diesen August eine (höchst beeindruckende) Perseide beobachten; oder besser gesagt das Lichtspektakel, welches die Himmelsstaub-Brösel beim Atmosphären-Eintritt veranstalten. Der Volksmund sagt ja, dass man sich was wünschen darf, wenn man eine Sternschnuppe sieht. Meine beste Ehefrau von allen meinte, sie hätte sich nix gewünscht. Und sie hat viel mehr von den Dingern gesehen als ich. So viele, dass ich schon fast neidisch war. Sie meinte dann noch, dass es ja nix weiter als Physik sei, was man da sähe. So viel zum Thema “Frauen und Romatik”. Wobei man natürlich die Frage erheben darf, was es denn mit Romantik überhaupt auf sich habe? Denn so, wie ich das sehe, verbinden die meisten Leute mit dem Begriff vor allem die Darbietung von Äußerlichkeiten: Candlelight-Dinner, exklusive Geschenke, am besten an exklusiven Orten; Quality-Time-Zweisamkeit sozusagen.

Eigentlich ist die Romantik erstmal eine kulturgeschichliche Periode, die durch eine Abkehr von den zentralen Ideen und Idolen der Antike (welche die Rennaissance erfüllte hatten) hin zu einem stärkeren Selbsbezug des Individuums gekennzeichnet ist. [Vorlesung beendet]. Die allermeisten Menschen verwechseln einfach Sentimentalität und Romantik. Wenn die Geigen jauchzen, die Kerzen schimmern, das Essen vorzüglich mundet und der Brilli funkelt, ist Mann/Frau wesentlich geneigter, sich gewissen Avancen gegenüber aufgeschlossen zu zeigen. Man kann dann auch noch Tango tanzen (ist, wie eigentlich alle Tänze eigentlich auch nur ein Paarungs-Anbahnungs-Ritual), und die Beere ist geschält. Hat natürlich auch was mit Selbstbezogenheit zu tun. Das ritualisierte Werben um einen Partner für’s Leben wurde allerdings schon in der mittelalterlichen Minne vorbeschrieben.

Das Etikett ist also ein anderes, die Geschenke und Gebräuche mögen sich stark verändert haben; und füreinander in Versen singen ist nicht mehr so in Mode – Gottseidank muss man sagen, wenn ich mir so die Hiphopper und Rapper anschaue. Aber ein teilweise recht stark formalisiertes Tänzchen ist es immer noch, auch wenn manche heute den Code nicht mehr so leicht entziffern können, weil es neuerdings überall von neuen Männern, Feministinnen und genderunsicheren Wesenheiten zu wimmeln scheint. Man verstehe mich nicht falsch – es soll wirklich jeder*inx nach sein*x Facon selig werden. Das macht es allerdings für die Generationen nach mir um einiges komplizierter, ans Ziel der romatischen Bemühungen zu kommen. Das ist ein Teil des Preises, den wir für die weitergehende Individualisierung und Partikularisierung unserer Gesellschaft bezahlen müssen.

Ein alter Kollege von mir hat mal gesagt, Zyniker seien enttäuschte Romatiker. Ich kann diesen Vorwurf nicht ganz von mir weisen, obschon ich meine beste Ehefrau von allen gefunden habe. Was andere Dinge angeht, hat ja aber jeder von uns so einen Friedhof voller unerfüllter Träume im Hinterkopf, der uns dann und wann schwermütig werden lässt. Manche öfter (mich), andere weniger oft. Entscheidend ist dabei vermutlich, verstehen zu lernen, dass das, was wir als Romantik begreifen eben Sentimentalität ist – und Gefühle einem steten Wandel unterzogen sind, so wie die Welt, in der wir alle leben. Alles ist im Fluss. Eine andere Kollegin von mir sagt immer “Am Ende wird alles gut; denn wenn es noch nicht gut ist, ist es noch nicht das Ende!” (Danke, Maren). Man könnte das als Zynismus abtun. Oder es als das verstehen, was es tatsächlich ist: eine Liebeserklärung an das Leben, gleich wie verkorkst es manchmal auch sein mag. In diesem Sinne, Buona Ferragosto.