Erwachsen bilden #11 – Kommunikation ist eine Kunst…?

Ich finde es irgendwie lustig, wenn manche 3-jährig Auszubildenden, aber auch Kollegen, welche sich gerade durch die Weiterbildung zum Notfallsanitäter leiden müssen, zusammenzucken, wenn das Thema “Kommunikation” auftaucht. Man hat ja als Mensch diese naive Vorstellung, dass man sich schon mit Anderen austauschen könne und damit “die Beer g’schält wär”, wie man hier in der Gegend manchmal so sagt; an dieser Stelle Obacht: diese Redewendung ist älter. Jedenfalls zieht es sich wie ein roter Faden durch die Unterrichte, in welchen ich zu den mannigfaltigen Aspekten dieses Themenkomplexes referiert habe, dass die Leute fast körperliche Schmerzen zu bekommen scheinen, wenn ich das Wort nur in den Mund nehme.

Dabei ist Kommunikation, gleich auf welchem Kanal sie stattfinden mag, ein ubiquitärer Bestandteil unseres Daseins. Ich verweise – allerdings nicht ohne Schmunzeln – an dieser Stelle noch mal auf das erste Axiom nach Watzlawick: “Man kann nicht NICHT kommunizieren!”. Ist ein Allgemeinplatz, der jedem halbwegs intelligenten Lebewesen sofort einleuchtet und daher im Grunde keiner weiteren Erörterung würdig. Außer vielleicht, dass jeder von uns gut daran tut, sich Freiräume von Kommunikation zu schaffen. Denn wir haben, realistisch betrachtet, viel zu viele Kanäle, denen wir Beachtung schenken zu müssen glauben!

Ich habe mich selbst die Tage dabei beobachtet, wie ich innerhalb von etwa einer Stunde Telefon, E-Mail, Whatsapp©, Telegramm©, Threema© benutzt habe, wozu dann täglich noch Facebook©, seltener Instagram© und gelegentlich noch Skype© und GoTo©, sowie seit allerneuestem Slack© kommen. Und worauf lese ich meine Zeitung? Richtig, auf einem portablen digitalen Endgerät, dass all diese Kanäle in gebündelter Form zur Verfügung stellt. Es liegt jetzt übrigens auch auf dem Schreibtisch neben der Tastatur, mit der ich diese Worte schreibe. Ist das zu fassen?

Wenn jetzt irgendeiner die Schlagworte “Digital Detox” und “Achtsamkeit” im Kopf hat – davon rede ich gerade nicht. Natürlich hat es was mit Selbstsorge und Erhalt der eigenen Humanität zu tun, wenn man versucht, etwas weniger Zeit in soziale Medien und dafür mehr in das reale Leben zu investieren. Doch mich treibt natürlich die Frage um, ob man dem überhaupt entkommen kann? Und – falls die Antwort darauf JA lautet – wann und wie man das tun sollte?

Mit Blick auf die Auszubildenden muss ich als Pädagoge die Wirksamkeit digitaler Medien (seien das Cloudspaces für Materialien, Aufgaben und Lerntagebücher, Whatsapp-Gruppen zur Terminabstimmung, o.Ä.) kritisch hinterfragen. Gewiss bezeichnen wir unsere aktuellen Auszubildenden-Kohorten gerne als “Generation Z” und unterstellen allen, dass sie “Digital Natives” wären. Was sich – bei näherer Betrachtung – nicht selten als töricht herausstellt. Natürlich ist bei diesen jüngeren Menschen, die Telefonhäuschen, drei Programm im Fernsehen und 300-Baud-Modems nur als historische Relikte eines lange untergegangenen Zeitalters kennen, der Umgang mit neuen Medien oft sehr intuitiv. D. h. aber mitnichten, dass man sie da einfach schon mal rumwursteln lassen kann, weil sie das ja eh alles besser raffen als ich…

Die Pluralität der Kanäle und die Flut der zu verarbeitenden Informationen hat mitnichten innerhalb einer Generation eine evolutionäre Veränderung des Gehirns herbeigeführt. Wir haben immer noch nur ein Sensorisches Register, ein Arbeitsgedächtnis und ein Langzeitgedächtnis zur Verfügung, die während eines Tages in den Weiten des Netzes Höchstleistungen zu vollführen haben. Denn Medienkonsum muss moderiert werden, damit er nicht a) ins Leere läuft, oder zumindest die falsche Richtung und b) auch relevante Informationen zu Tage fördert, um Lernprozesse anzuregen. An dieser Stelle scheitern die meisten Lernplattformen kläglich. Einfach nur kuratierten Content auf eine Webseite zu klatschen, kriege ich auch in ein paar Minuten hin. Den Content für den Schüler mit Sinn anzureichern und so Lernen auszulösen ist die Kunst. Ich empfehle hier folgenden Buchtitel: “E-moder@ting” von Gilly Salmon. Man muss sich vor dem Englisch nicht fürchten…

Wenn ich irgendein Projekt zu managen habe, das im Laufe der Zeit wächst und irgendwann auch mehr Mitarbeiter haben wird, komme ich nicht umhin, Daten, Deadlines, Strukturen, Meilensteine, etc. mit jenen zu teilen, die an dem Projekt teilhaben, oder es auf höherer Ebene verantworten. Und das gute alte Vier- oder Sechs-Augen-Gespräch ist natürlich eine wohltuend persönliche und zielorientierte Angelegenheit. Nichtsdestotrotz müssen viele Dinge im Laufe des Tages auf unterschiedlichen Wegen abgestimmt werden. Wenn ich dabei jedes Mal ein persönliches Gespräch führen möchte, werde ich irgendwann wahnsinnig. Entweder wahnsinnig viele Kilometer verfahren, wahnsinnig viel Zeit verschwenden, oder eben einfach nur wahnsinnig.

Moderation von Blended-Learning und Koordination von Projekten sind gute Beispiele für die Komplexität von Kommunikationserfordernissen. Und dabei habe ich noch kein Wort darüber verloren, worin die ganzen Hindernisse bestehen. Darüber reden wir gerne ein anderes Mal. Für heute möchte ich es dabei belassen, jeden dazu aufzurufen, mehr über Kommunikation zu lernen. Denn wenn wir bewusster, gezielter und achtsamer miteinander umgehen, machen wir unsere Welt besser. Guten Abend.

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One-man-show…?

Also ehrlich: es ist schon schön, wenn es Indikatoren dafür gibt, dass man gebraucht wird. Z. B. die eigenen Kinder, die einen frenetisch begrüßen, wenn man nach einem langen Tag nach Hause kommt, oder sich freuen, wenn man mal dazu kommt, sie selbst vom Hort abzuholen. Die Freude der Gattin über das Mittagessen, das zu Hause auf sie wartet, wenn man mal nicht Kernzeit arbeiten muss. Freunde, die sich Zeit für einen Spieleabend, ein Telefonat (>1h) oder ein Frühstücksgespräch nehmen. So kleine Dinge halt, die einem zeigen, dass man nicht alleine auf der Welt ist.

Und dann gibt’s die Momente, in denen man verflucht, dass man auch aus anderen Gründen und für andere Menschen, die wir mal Kollegen nennen wollen, wichtig ist: wenn man im Urlaub, im Krankenstand mit E-Mail, Telefonaten und Messenger-Nachrichten vom GmbH-Typ beglückt wird: “Geh mal, bring mal, mach mal, hol mal!”. Da könnt ich… OK! Ich bin natürlich zur Hälfte selbst dran schuld. Ich könnte ja auch einfach nicht drauf reagieren. Was allerdings bei manchen Menschen dazu führt, dass die Intensität der Anfragenflut noch größer wird. Weil geflissentlich davon ausgegangen wird, das Funktionsträger in Organisationen ihre Funktion immer und überall ausüben. Hierzu ein klares NEIN!

Und überdies eine Klarstellung: wenn ich morgens über den Hof gelaufen komme, beantworte ich keine Fachfragen oder Anforderungen, bevor ich nicht mindestens eingestempelt habe! Eigentlich wäre es für die Gesundheit der Nachfragenden gut, wenn sie mich erst meinen Kaffee trinken ließen; immerhin habe ich meine Affekte heutzutage halbwegs unter Kontrolle. Tote und Verletzte sind daher bislang ausgeblieben. Aber es nervt. Und das weiß man eigentlich so als Mensch auch. Doch die Idee von der ubiquitären Verfügbarkeit sozialer Dienstleistungen scheint sich irgendwie in die Gehirne meiner Kollegen geätzt zu haben.

Sitze ich dann im Büro und bin – OFFENSICHTLICH – auf etwas anderes konzentriert (könnte man am Blick auf den Bildschirm und der Bewegung meiner Finger auf einer Tastatur relativ simpel herleiten), kommen die lieben Kollegen hereingewalzt und fangen an, ohne Punkt und Komma auf mich einzureden. Ohne abzuwarten, ob ich jetzt gerade die zeitlichen und kognitiven Ressourcen für ihr Anliegen frei habe. NEIN – ich sitze nicht den ganzen Tag da und warte auf einen Partner für ein Schwätzchen. Es kann ab und zu mal vorkommen, dass ich mir Zeit für die informelleren Teile meiner Arbeit nehmen kann. Aber nur, wenn die anderen Dinge erledigt sind, oder etwas wirklich wichtig ist. Dann hat man aber trotzdem 30 – 60 Sekunden Zeit, zu warten, bis ich Kommunikationsbereitschaft signalisiere. Das hat was mit dieser altertümlichen Unart namens “Höflichkeit” zu tun…

Besonders problematisch wird es jedoch, wenn Arbeit und Privates vollkommen entgrenzt werden, weil mich Erstere in das Letztere verfolgt. Z. B., wenn ich – für die Schnupfensaison vollkommen untypisch – mit einem wüsten Atemwegsinfekt auf der Schnauze liege, daher plötzlich nix mehr funktioniert, wie vorgesehen und ich mit fiebrigem Schädel von Zuhause aus Dinge managen muss, weil ich vorher schlicht keine Zeit hatte, einen Plan B für alle Fälle zu entwickeln. Mal davon abgesehen, dass das Ressourcen-Portfolio die frühzeitige Vorplanung für solche Eventualitäten schlicht nicht zulässt. Schade auch…

Ich mache im Moment einen auf One-man-show, weil das Projekt, mit dem ich nun betraut bin noch entwickelt wird und ich nebenher meinem bisherigen Arbeitsbereich am Laufen halten und dazu noch ab und an Blaulichtauto fahren muss. Ich sag’s wie’s ist: das klappt nicht immer ohne Reibungsverluste und Friktionen. Aber man hat bei meinem AG im Hause immer noch nicht vollständig begriffen, dass das Zeitalter der eierlegenden Wollmilchsäue vorbei ist. Endgültig!

Die Lehre, die ich für mich daraus ziehe ist Folgende: ich werde zumindest versuchen, für die Zukunft nur noch mit einem Plan B zu disponieren. Alles, was keinen Plan B zulässt, sollte nicht realisiert werden, weil es sonst hinterher mit an Sicherheit grenzender Wahrscheinlichkeit nur unangenehme Fragen und lange Gesichter gibt. Und ein vollkommen ausgebranntes Ich – hatt’ ich schon, brauch ich nich’ noch mal. Ich bin mir ziemlich sicher, ähnliches schon mal geschrieben zu haben, doch im Moment nervt mich vor allem die Selbstverständlichkeit, mit der man annimmt, dass ich zur Verfügung stehe, obwohl ich KzH bin. Na ja, ab Januar wird alles besser. So wie jedes Jahr. Au revoir.

Kunst-Demokratie?

Manchmal ist meine Artikelauswahl auf einschlägigen Webportalen großer Zeitungen recht eklektisch; manchmal durch die Paywall diktiert, weil ich vielleicht doch zu geizig bin, jedes Blatt zu abonnieren und manchmal durch mein verquere Art, die Welt und damit auch ihre Zeitungen zu lesen. Wieder einmal ist jedenfalls “Zeit Online” schuld, weil die einen Artikel über die Forderung nach Mitsprache bei der Auswahl der Exponate namhafter Museen gebracht haben. Klingt auf den ersten Blick nicht sonderlich interessant, spannend, oder gar verfänglich, nicht wahr…? Und da sage ich einfach : au contraire, mes amis!

Die Frage nach dem, was Museen ausstellen wollen bzw. dürfen berührt die Frage nach dem Kern von Kunst – nämlich ihrem Wesen und ihrer Bedeutung für die Menschen. Kunst hat weniger etwas mit oberflächlichem ästhetischen Empfinden zu tun, sondern mit der Kapazität eines Werkes – gleich welcher Art – mich zu irritieren und so zum Nachdenken anzuregen. Kunst muss nicht hübsch oder schön sein, oder gar auf den ersten (oder auch zweiten) Blick zugänglich. Kunstwerke können das sein; sie müssen es jedoch nicht! Doch die Aufgabe von Kunst ist eigentlich, einen Rückbezug auf die grundlegenden Fragen des Mensch-Seins zu ermöglichen. Wie sie das tut, ist immer neu, da sie dabei stets auch den Zeitgeist reflektiert. Dies mag Manchem jetzt sehr theoretisch erscheinen, aber vielleicht schauen wir uns einfach ein Beispiel an…

Die “Kopie” des Holcaust-Mahnmals in Berlin, welches die Aktivisten vom “Zentrum für politische Schönheit” in Eichsfeld Herrn Höcke vor die Tür gesetzt haben, spaltet die Geister mindestens ebenso sehr, wie das Original. Ist das eine Kunst und das andere nicht? Und falls ja, welche Form davon? Insbesondere unter dem Aspekt, dass nämlicher Herr Höcke das Original als “Denkmal der Schande” bezeichnet hat. Wie wurde doch die Ambiguität dieser Aussage diskutiert. Sehen wir uns mal ein Gegenbeispiel an, dass vermutlich fast jeder kennt: Leonardo Da Vincis “Mona Lisa”. Zweifellos eines der bekanntesten Kunstwerke der Welt. Doch was macht es zu Kunst? Es handelt sich um ein Porträt, dessen ästhetischer und kunsthistorischer Wert, insbesondere im Vergleich mit anderen Meistern seiner Zeit als unbestritten gilt.

Doch sind die Schöpfungshöhe, die notwendigen handwerklichen Fertigkeiten, die Planung und schließlich die Kraft der Reflexion, welche es beim Betrachter auslöst, mehr wert, als bei den Arbeiten in Berlin, oder der Kopie in Eichsfeld? Die ja letzten Endes, ein politisches Statement darstellt und damit sehr viel größeren Bezug zu unserer aktuellen Lebensrealität hat, als das Porträt einer seit Jahrhunderten verstorbenen Dame? Ich kann und will diese Fragen nicht für andere Menschen beantworten, ich kann aber für mich selbst klar sagen: beides ist Kunst, die in ihrem jeweiligen Kontext gesehen werden muss!

So wie Kunst den Zeitgeist aufnimmt, reflektiert, interpretiert und wieder ausspeit, nimmt sie damit auch Einfluss auf das Mensch-Sein – und somit auf soziale, politische und wirtschaftliche Umstände. Sie tut dies vielleicht sehr subtil, aber die Wirkung ist da. Wenn nun Menschen den Anspruch erheben, auf das Einfluss nehmen zu wollen, was dargestellt / ausgestellt wird, so versuchen sie damit Einfluss auf das Mensch-Sein an sich zu nehmen. Ein Anspruch, dem ich aus vollem Herzen entgegnen möchte: NEIN! Weil, auch wenn dieser Umstand vermutlich vielen Menschen verschlossen bleibt, Kunst ein Bereich unseres Leben bleiben muss, der allzeit – zumindest in Teilbereichen – frei vom Zugriff der unmittelbaren ökonomischen Verwertbarkeit ist; und der alles, was da Kunst ist, allen Menschen zugänglich machen können soll.

Mir ist bewusst, dass , um es mit Adornos und Horkheimers Worten zu sagen – eine Kulturindustrie existiert, deren Funktionen tatsächlich frappierende Ähnlichkeit zu den Ausführungen in der “Dialektik der Aufklärung” aufweisen. Insofern ist der ökonomische Zugriff auf kulturelles und damit auch künstlerischen Schaffen leider in vielerlei Hinsicht gegeben. Und dennoch bleiben jene Bereiche, in denen Kunst tut, wozu sie gut ist: mich irritieren, zum Nachdenken, im besten Fall sogar zum Handeln anregen, sofern dies angezeigt ist. Wenn Menschen nun fordern, dass nur bestimmte Dinge gezeigt werden sollen und andere nicht, so stellte dies – gäbe man diesen Ansprüchen überall nach – eine Verarmung unserer Kultur dar. Man könnte denen nun verschiedene Motive unterstellen: manche Kunstwerke sind sicherlich nicht leicht anzuschauen oder gar zu ertragen, also wäre es möglich, dass diese Menschen einen leichteren Zugang zu Kunst haben möchten.

Es könnten auch pekuniäre Aspekte dahinter stehen. Künstler, die öfter in großen Häusern wie der Tate Modern in London oder dem Museum of Modern Art in New York ausgestellt werden, erzielen alsbald höheren Marktwert. Vielleicht hat da jemand schon ein, zwei Stücke im Lager liegen und möchte einen Reibach machen? Oder man versteht, dass es Menschen gibt, welche die politische Sprengkraft fürchten, die Kunst bisweilen hat. Und die um keinen Preis in ihrer Agenda gestört werden möchten. Und dann gibt es noch jene, die in ihrem falschen Verständnis von “political correctness” alles aus der Welt bannen möchten, was sie irritiert. Was für ein armseliges Verständnis von Kunst. Aber vermutlich haben die Wenigsten die Zeit und Muse, sich hierüber Gedanken zu machen, weil’s ja einfacher ist, zu konsumieren, als zu reflektieren; aber eigentlich mache ich mir die Mühe ja vor allem für mich selbst. Und Tschüss!

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Der verwirrte Spielleiter #14 – What about Chain Mail Bikinis?

[Anmerkung: Ich muss etwas ausholen, um zum eigentlichen Thema, nämlich dem Realismus im Rollenspiel zu kommen. Man möge mir dies bitte verzeihen…]

Dieser Tage stolperte ich über eine Regalsektion, in die ich in vergangenen Jahren nur noch selten hinein geschaut habe; doch als ich mit Pen&Paper angefangen habe, so im Sommer ’89, waren Artbooks verdammt wichtig. Sie transportierten den Look and Feel des jeweiligen Spiels und waren damit formierend für mein visuelles Verständnis von Fantasy (und natürlich auch den anderen Genres). Dazu gehörten Namen wie Larry Elmore, Keith Parkinson, Clyde Caldwell und noch einige andere. Natürlich kam später auch das Sammeln von Graphic Novels dazu (Michael Turner ist bis heute einer meiner Favoriten), doch diese Artbooks waren die ersten Tore zu jenen fantastischen Welten, die zu besuchen wir uns damals regelmäßig aufmachten.

Heutzutage kapiert das keiner mehr, weil das Internet mittlerweile Artwork zu jedem erdenklichen Sujet ubiquitär verfügbar gemacht hat. Doch damals musste man in Büchern danach suchen; z.B. um den Spielern eine Vorstellung eines Settings oder eines Charakters zu vermitteln. Ich habe noch eine Menge solcher Bücher in meinem Regal stehen. Und wie man es auch dreht und wendet: nur wenige Künstler jener Zeit kamen am Chain Mail Bikini Babe vorbei – insbesondere Larry Elmore nicht, der das Ganze dann sogar ironisch auf die Schippe genommen hat (wer mal nach “The chick is in the mail” suchen möchte…). Diese Illustrationen waren, mit heutigen Augen gesehen oft recht sexistischer Scheiß. Als pubertierender Rotzlöffel fand ich das allerdings leider geil. Und ich war nicht allein.

Das transportierte Frauen-Bild war natürlich vollkommener Humbug; so wie die “Damsel in Distress” ein häufig zitiertes Topos im Action-Kino der 80er war, so gab es – quasi als Fantasy-Antithese dazu – im Pen&Paper die Chain Mail Bikini Babes, die nix außer einem Schwert und ihrem Körper als Waffe brauchten, um die Gegner in die Knie zu zwingen. Wenn man’s recht bedenkt, sollten das wohl starke Frauen sein, die auch ihr Äußeres als Waffe einzusetzen wussten. Ich würde mal vermuten, dass es den Herstellern von Pen&Paper in erster Linie um dieses “Sex sells”-Ding ging. Funktioniert hat es damals einwandfrei. Übrigens auch mit Blick auf die Darstellung von Männern. Wer sich mal die Artworks von Frank Frazetta oder Boris Vallejo ansieht, versteht, was ich meine.

Nun haben sich die Zeiten geändert. Wo früher vor allem Nerd-Boys unter sich waren und Rollenspiel gespielt haben, sind mittlerweile viele Mädchen und Frauen in die Gaming-Szene gekommen. Der Anspruch an die visuelle Darstellung hat sich geändert. Auftragsarbeiten, die TSR und andere Hersteller in den 90ern lässig durch gewunken hätten, böten heute – mit etwas Pech – Anlass für eine Unterlassungsklage durch irgendwelche #metoo-Aktivistinnen. Nicht dass man mich missversteht: mir ist bewusst, dass Kunstformen und Kunstausdruck sich ändern, weil der Zeitgeschmack sich ändert. Und ich habe damit ebenso wenig ein Problem, wie mit neuen Regelwerken für jedes neue Setting und den dazu gehörenden neuen Looks. Auch wenn mich gelegentlich das Gefühl beschleicht, in 30 Jahren so gut wie alles schon mal gesehen und gemacht zu haben. Sei’s drum.

Was hat das alles nun mit Realismus im Rollenspiel zu tun? Sagen wir mal so: meine visuelle Vorstellung eines beliebigen Spiels hat Einfluss auf meine Immersion, mein Handeln und mein Engagement am Spieltisch. Sowohl als Spieler, als auch als SL. Werde ich darin eingeschränkt, sinken Immersion und Engagement und in der Folge wird die Qualität meines Spiel-Handelns nicht so sein, wie sie sein könnte. Für mich leidet also die Qualität meines Spiels, wenn man mir zu viel Realismus aufbürdet, der meine Fantasie behindert. Wenn ich Spielleite und meine Spieler beschneiden sich selbst in ihrer Vorstellung der bespielten Welt und der Aktionen ihrer Charaktere darinnen, weil man z.B. in Echt halt nur sehr schwer (eigentlich gar nicht) von einem selbst gefahrenen Motorrad in einen fahrenden Transporter springen kann, ist das deren Problem, nicht meines. Wenn mir ein anderer Spielleiter meine Stunts verbietet, weil sie ihm in seiner Vorstellung zu unrealistisch vorkommen, würde ich vermutlich alsbald nicht mehr bei ihm spielen wollen.

Die Frage, die sich mir überdies stellt, ist Folgende: warum zum Kuckuck muss alles, was im Rollenspiel passiert neuerdings so bierernst und realistisch sein. Ich sehe überall irgendwelche Beschreibungen dysfunktionaler Gruppen, deren maximal mental kaputte Mitglieder nur durch Zufall in die gleiche dystopische Richtung rennen. Ist nur so ein Gefühl, aber wird hier der – zugegeben etwas kaputte – Zustand unserer Welt nicht ein bisschen zu sehr reflektiert? Ohne Frage werfe auch ich bestimmte Aspekte meiner echten Erfahrungswelt mit in die Waagschale, wenn ich meine Spielrunden designe. Dennoch versuche ich immer genug Distanz zum wahren Leben zu lassen. Denn meine Spieler wollen – im Gegensatz zu ihrem Alltag – die Sau rauslassen dürfen, ohne, dass dies allzu harsche Konsequenzen hat.

ACHTUNG: Hier besteht ein signifikanter Unterschied zwischen dem Wunsch nach Realismus und der inhärenten Mechanik der Spielwelt. Wenn ich etwas tue, was in der Spielwelt möglich ist, mein Handeln aber eventuell Folgen hat, die sich nicht nur auf mich, sondern auch auf andere auswirken, ist das i.a.R. Teil der Mechanik dieser Welt. In einem Cyberpunk-Szenario, wo Kameras omnipräsent sind, werden irgendwelche Aktionen in der Öffentlichkeit irgendwann Aufmerksamkeit erregen; ob die dann positiv oder negativ ist, bleibt dabei zunächst offen. In jedem Fall ist es Teil der Logik dieser Welt, bzw. dieses Settings.

Verbiete ich als SL jedoch eine Aktion, einfach, weil sie mir zu unrealistisch erscheint, beschneide ich vielleicht unnötig die Möglichkeiten der Spieler, obwohl die Mechanik der Spielwelt mir verschiedene Reaktionen zur Verfügung stellen könnte, die Situation aufzulösen. Z.B. ein wissenschaftlicher, mechanischer oder deduktiver Quantensprung (vielleicht kombiniert mit etwas Würfelglück) , der die Charaktere früher als vom SL geplant ans Ziel führen würde, oder ihnen eine Chance eröffnet, ein Problem ohne Hilfe Dritter zu erledigen, könnte vom SL als Bedrohung seines Szenarios empfunden und daher sabotiert oder gar verboten werden. Wie ausgesprochen langweilig…

Realismus im Rollenspiel bedeutet bei mir, das Standard-Handlungen im jeweiligen Setting immer erwartbare Ergebnisse erzeugen. Dass waghalsige Stunts möglich (sogar erwünscht) sind, allerdings auch mal schiefgehen können. Dass sowohl SL als auch Spieler berechtigt sind, das Unerwartete und Ungewöhnliche zu tun, sofern es im gegebenen Kontext irgendwie denkbar erscheint. Und das die visuelle Coolness des eigenen Charakters ganz und gar vom Geschmack des Spielers abhängt. Du willst ‘n Chainmail-Bikini? Bitte, kannst du haben. Ich bin zwar schon lange nicht mehr danach gefragt worden, d.h aber nicht, dass die Dinger ausverkauft wären. Und bitte – nur so am Rande – der CMB ist hier nur ein Synonym für was auch immer euch einfallen mag. In diesem Sinne – alway game on!

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Erwachsen bilden #10 – Yo bro, how’s your teaching?

Ach verdammt, hast du manchen Gedanken erstmal im Kopf, geht er einfach nicht mehr weg. So wie ich im letzten Artikel dieser Serie auf das Thema Fortbildungen für rettungsdienstliches Lehrpersonal eingegangen bin, habe ich damals auch das Thema des Nicht-Unterrichten-Könnens kraft Bachelor-Studium gestreift. Und wenn ich ehrlich sein soll – die Frage, wie man ein Refendariat in berufsbildenden Schulen meiner Profession implementieren könnte, ohne dass die Kosten dafür vollkommen aus dem Ruder laufen, lässt mich im Moment nicht mehr los.

Ich weiß heute, mit 25 Jahren Berufserfahrung und dem geschulten Blick des Ausbilders, wie grausam schlecht meine eigene Rettungsassistenten-Ausbildung zumindest streckenweise war, weil die Ausbilder selbst nie so richtig Ausbilden gelernt hatten. Man kann sich vieles autodidaktisch beibringen und methodischen Mangel – zumindest ein Stück weit – durch Talent ausgleichen. Und natürlich wird jemand, der bereit ist, aus seinen Fehlern zu lernen, mit der Zeit immer besser. Das ist in jedem Gewerk so, auch bei Lehrern. Aber dennoch passieren immer noch zu viele Fehler und es wäre unseren Auszubildenden gegenüber ungerecht, wenn wir dem nicht etwas entgegenzusetzen versuchten.

Ich weiß, wie es mir ging, als ich vor ein paar Jahren mit dem Unterrichten an Berufsfachschulen anfing. Ich hatte durch’s Studium tonnenweise Wissen im Kopf, Ideen, Strukturen, etc; und ich kannte die Methoden – theoretisch. Ich weiß nicht mehr, ob ich genug gefragt habe, ich entsinne mich aber, einige sehr hilfreiche Fragen gestellt und ein paar noch hilfreichere Ratschläge gegeben bekommen zu haben. Und zwar von jemandem, der sein Handwerk wirklich versteht. Wir haben meine Planungen diskutiert und ich konnte mein pädagogisches Instrumentarium testen und schärfen. Und doch – ich hätte mich über jemanden, der einfach mal hinten drin sitzt und mir direkte Manöver-Kritik für meinen Unterricht gibt, sehr gefreut!

Ich hatte einmal einen Methoden-Workshop (ein Arbeitgeber-internes Seminar), der wirklich geknallt hat. Gehalten von einem Gymnasial-Lehrer, der nicht nur mein Methoden-Verständnis erweitert hat, sondern auch ECHTES Feedback geben konnte. Etwas, womit ich immer noch und immer wieder kämpfe. So etwas stelle ich mir für, frisch an die Berufsschule kommende Lehrer vor. Du kommst mit deinem Bachelor daher und dann genießt du erstmal ein Methoden- und Feedbacktraining und in wirst den ersten drei Monaten deines Unterrichtslebens wöchentlich einmal (und wenn’s nur ein Vormittag ist) von einem erfahrenen Kollegen auditiert. Ich habe keine Ahnung, ob ich das vom Start weg implementiert bekomme. Aber es ist mir ein Anliegen. Denn wenn die Institution, an deren Entwicklung ich beteiligt bin, es anders, besser machen möchte, als die bestehenden Institutionen, gehören solche Dinge definitiv auf meine To-Do-Liste!

Talking about money: Legen wir die Ausbilderstunde mit einem rechnerischen Wert von ca. 40,00€ zu Grunde (was die Kostenstruktur bei hausinterner Abwicklung, also Arbeitszeit, Sozialabgaben und Opportunitätskosten ganz gut darstellt), betrügen die Kosten für eine solche Unterrichts-Begleitung zuzüglich eines zweitägigen Einführungs-Seminars für einen Lehrer übrigens rund 3.000,00€. Ich finde, das darf uns eine gute Ausbildung des Lehrpersonals wert sein. Insbesondere unter dem Aspekt des Fachkräftemangels kann man das auch als Maßnahme zur Steigerung der Personalbindung sehen. Ich werde sehen, ob diese Argumentation verfängt- Wir hören/lesen uns.

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Postmoderne Gedanken N°3 – öffentlich vs. privat

Öffentlich ist, wenn ich’s so mache, dass alle zukucken können – oder? Also, egal was, meine ich. Nun könnte man entgegnen, dass manche Dinge nicht in die Öffentlichkeit gehören. Liebe an und für sich z.b. – also Masturbation. Und sicher fallen jedem einige Dinge ein, die er nicht so gerne öffentlich, oder noch besser veröffentlicht sähe. Das liegt u. U. daran, dass wir stets versuchen, eine positive Geschichte unseres Selbst zu erzählen. Und da empfinden wir bestimmte Bilder eben als störend im Storyboard. Im Gegenzug versuchen wir natürlich, uns im besten Lichte strahlen zu lassen. Und hier gibt es – wie stets im Leben – ein Gleichgewicht, dass allzu schnell in die Toxizität abgleiten kann; zu wenig offenbart einen Mangel an Selbstwertgefühl, zu viel eine Narzisstische Störung. Das Erste quält vor allem einen selbst, das Letztere die Mitmenschen.

Was für den Menschen als Individuum gilt, hat auch für Organisationen Bedeutung. Zumindest insofern, als jedes komplexe Konstrukt, in dem viele Menschen an irgend einem Ziel zusammenarbeiten irgendwann die Legitimitätsfrage gestellt bekommt, oder sich diese selbst stellt. Bei einem Industrieunternehmen ist die Frage leicht zu beantworten: es geht darum, Geld zu verdienen. Da hängen Existenzen dran. Macht das Ding Kohle und verteilt diese halbwegs gerecht an alle Teilnehmer, ist alles Tacco, wie ein Kollege von mir sagen würde. Problematisch wird es hier höchstens, wenn das mit der Verteilungsgerechtigkeit nicht (mehr) funktioniert. Kann man im Moment überall in den entwickelten Industrienationen beobachten. Doch dazu später mehr.

Wie ist es mit behördlichen Institutionen? Ämter, auf denen man all diese staatlichen Dienstleistungen abrufen kann/muss, welche die Verwaltung einer Nation mit ca. 82 Millionen Menschen darin so mit sich bringt. Ich meine – Politiker werden in ihre Ämter gewählt, was eine recht direkte Form von demokratischer Legitimierung mit sich bringt. Aber die Sachbearbeiterin im Ordnungsamt? Kurz gesagt: mit dem Entstehen moderner, säkularer Staatswesen, mit welchem ein enormes Wachstum und damit die Notwendigkeit leistungsfähigerer Verwaltungen einher ging, entstand die Bürokratie als eigenständiges gesellschaftliches Subsystem, welches sich nicht nur selbst erhält (Autopoiese) sondern auch seine eigene Legitimität produziert (vgl. hierzu Habermas, Strukturwandel der Öffentlichkeit). Das Amt macht also, dass das Amt sein muss. (Falls irgendjemand jetzt noch nicht verstanden hat, warum wir eine so ausufernde Steuergesetzgebung haben, kann ich leider auch nicht mehr helfen).

Warum nun so kompliziert Dinge herleiten, die man doch aus dem alltäglichen Leben kennt? Nun, kennen und verstehen, insbesondere das Verstehen der Zusammenhänge sind immer zwei Paar Stiefel. Und bezüglich dieser Zusammenhänge wird es haarig, wenn wir uns Private-Public-Partnerships anschauen: die öffentliche Hand (legitimiert sich selbst durch Notwendigkeit der Verwaltung) und Privatunternehmen (legitimieren sich durch Gewinnoptimierungs-Absichten) arbeiten zusammen, um Geld zu sparen. Aus unternehmerischer Sicht immer Win-Win, denn dem utilitaristischen Prinzip folgend stehen die Regularien des Staates (der ja zuvorderst den Interessen seiner Bürger verpflichtet sein soll) beim Geldverdienen im Weg. Arbeite ich mit dem Staat also direkt zusammen, habe ich (un)mittelbaren Zugriff auf diese dämlichen Regularien. Oder einfacher formuliert: mit PPPs öffne ich die Tür für die Lobbyisten so weit, dass diese mit dem Laster ins Rathaus einfallen und alles abräumen können, was ihnen in den Kram passt.

Bürokratie-Abbau, Lockerung der Arbeitnehmerschutzgesetze, verbilligter Zugang zu Energie und anderen Ressourcen, etc. Das sind zumeist die wahren Gründe, warum Unternehmen ein bisschen Kohle in die Hand nehmen und zusammen mit staatlichen Institutionen irgendwelche Projekte machen – und dafür auch noch eine positive Mediendarstellung bekommen. Doch altruistisch ist an solcherlei Aktionen gar nichts. Direktes Mäzenatentum steht im krassen Gegensatz dazu. Dabei wird, zumeist durch Stiftungen Geld für öffentliche Projekte bereit gestellt, ohne das eine Leistung durch ein gemeinsames Unternehmen generiert werden soll. Und so mancher Unternehmer kommt seiner sozialen Verpflichtung, wie sie unser GG bestimmt, in hohem Maße nach. Mit Sicherheit spendet ein Herr Dietmar Hopp auch deshalb nicht unerhebliche Teile seines Privatvermögens, weil es seinem individuellen Narrativ und damit ihm selbst gut tut; wahrscheinlich mag er auch die positive Publicity.

Was nun die Verteilungsgerechtigkeit angeht: eben PPPs verschlechtern diese in vielen Fällen, weil die Teil-Privatisierung vormals staatlicher Leistungen zumeist mit der Unterwerfung dieser Dienstleistung unter das Primat des Marktes einher geht. Insbesondere das Gesundheitswesen leidet, seit der marktwirtschaftlichen Wende Mitte bis Ende der 90er des letzten Jahrhunderts, unter einer Dehumanisierung und qualitativen Verschlechterung seiner Dienstleistungen für jene, die nicht extra zahlen können. Et voilá: Zweiklassen-Medizin.

Ich muss hier nicht explizieren, an welchen anderen Stellen derlei Auswirkungen noch zu beobachten sind. Ich empfehle an dieser Stelle zwei Buchtitel: Michael Sandel “Gerechtigkeit” und Colin Crouch “Postdemokratie”; und überdies bitte ich darum, sich selbst via Recherche ein Bild zu machen. Ich kann für mich sagen, dass ich PPPs zutiefst misstraue, weil ich stets unlautere Absichten unterstelle. Ich mag mich ab und an irren, aber in der Gesamtschau muss man demgegenüber kritisch bleiben; denn es geht hier oft nicht um Bürokratie-, sondern um Demokratie-Abbau! Schönen Tag noch.

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Asketische Alternativen…?

Man muss so einen Blog-Beitrag auch mal mit einem Geständnis beginnen dürfen: ich bin ein Genussmensch! Ich konsumiere gerne leckere Dinge. Was lecker ist, definiere ich selbstverständlich nur für mich, jeder andere darf gerne seine eigene Definition haben! Allerdings ist eine solche Haltung – weil im Kern libertär – heutzutage eine ziemlich einfache Möglichkeit, sich der Verdammung anheim zu geben. Also, jetzt nicht der Göttlichen. Mehr so der, die man auch unter dem Begriff “Shitstorm” kennt. Denn “Verzicht” ist eines der neuen goldenen Wörter unseres Zeitalters. Zusammen mit “Nachhaltigkeit” und “Umweltschutz” bildet es die heilige Trinität des “Guten Lebens”. Zumindest in der Diktion Mancher. Und wenn man sich öffentlich dazu bekennt, sich nicht in allem einschränken zu wollen…

Man möge mich bitte nicht falsch verstehen. Ich stehe voll hinter den “Fridays for Future”; ich hoffe auf eine noch schnellere Umsetzung der Energie- und Mobilitäts-Wende und versuche mein Teil dazu zu tun. Aber, bigott, wie ich als mittelalter weißer Mann nun mal bin, nehme ich mir frech das Recht heraus, dennoch dem einen oder anderen Genuss zu huldigen. Auch heute noch! Reden wir dabei dieses Mal nicht über das Essen, sondern über das Trinken. Auf Zeit Online fand ich heute einen Artikel über Alternativen zu Schnaps. Also quasi harte Drinks mit ohne!

Nun ist der Schaden, welchen Alkohol an der Volksgesundheit anrichtet, unbestreitbar. Jedes Jahr sterben viele Tausend Menschen an den Folgen zu intensiven Konsums. Immer wieder verursacht das “über die Stränge schlagen” junger Menschen Ärger, aber auch Elend und Tod, weil das Ingestieren von C2H5OH nun mal enthemmt; manchmal in einem Maße, dass üble Probleme mit sich bringt. Es ist ja aber nicht so, dass neben jedem Konsumenten einer mit gezogener Waffe steht und befiehlt: “SAUF, BIS ES VORBEI IST!”. Wir reden von einer Entscheidung die Menschen mehr oder weniger bewusst treffen. Und wie das mit uns Menschen so ist – wir treffen regelmäßig falsche Entscheidungen.

Eines der Hauptargumente für staatlichen Paternalismus, auch bekannt als “Verbots-Wahn” ist, den Bürger vor sich selbst schützen zu wollen und zu müssen. Letztlich geht dieses staatsphilosophische Verständnis auf Thomas Hobbes “Leviathan” zurück. “Homo homini lupus” – “Der Mensch ist dem Menschen ein Wolf.”; und muss folglich eingehegt werden, damit der Staat als Ganzes gedeihen kann. Das besorgen auch heute noch Gesetze, die im Grunde dazu gemacht sind, uns Menschen voreinander, aber manchmal eben auch vor uns selbst zu schützen. Selbstverständlich weckt dieses – zugegeben etwas begrenzte – staatstheoretische Verständnis den Wunsch, auch Genuss zu limitieren, sofern er dem Volke zum Nachteil gereichen KÖNNTE. Et voilá: Prohibition. Wie gut DAS funktioniert hat, kann man gerne in den Geschichtsbüchern nachlesen.

Wie wäre es, wenn man, anstatt den Zugang zu etwas zu limitieren, die Konsequenzen aggraviert: du wolltest Komasaufen und jetzt sitzt wegen dir jemand im Rollstuhl? Ab in den Knast; oder noch besser 3000 Sozialstunden im Pflegeheim. Würden wir, so als Gesellschaft, beschließen, dass sich mit Ansage zu betrinken auch inkludiert, dass alle Untaten, die im folgenden Vollrausch begangen werden damit automatisch Vorsatz-Taten sind und auch demgemäß bestraft werden, würde die Zahl solcher Delikte recht bald drastisch zurückgehen, weil das Maß und die Umstände des Konsums plötzlich wichtig würden. Könnte für andere Rauschmittel ebenso gelten. Wenn ich dann noch für die mittelbaren Konsequenzen des Konsums, wie etwa medizinische Probleme eine anteilige Haftbarkeit übertragen bekäme – was übrigens auch mich beträfe, denn ich trinke ja auch ab und an Alkohol – überlegte ich mir sehr gut, wie viel ich den in welchem Zeitraum trinken wollen würde.

Um auf den Artikel auf ZON zurück zu kommen: offenkundig sind die Alternativen zu Schnaps gar keine, weil sie schauderhaft schmecken. Überdies hat irgendein Kommentator sinngemäß geschrieben, dass er vor allem wegen der berauschenden Wirkung trinkt (anonym kann man so einen Spruch schon mal raushauen) und spätestens dann muss ich wohl zum Original greifen. Ich selbst trinke Alkohol (auch Schnaps), weil’s mir schmeckt und ich habe, sofern ich zum gegebenen Zeitpunkt keinen Verpflichtungen mehr nachkommen muss, auch kein Problem mit dem Rausch. ich habe vor langer Zeit gelernt, wie viel OK ist und übertreffe diese Grenze nur sehr, sehr selten. Vielleicht ein mal im Jahr.

Ich will diese Entscheidung über meinen Genuss und etwaig damit einhergehenden Kontrollverlust aber selbst treffen dürfen, weil es – meinem Empfinden nach – gegen Art. 2, Abs. 1 GG verstieße, mir diese Entscheidung durch ein Gesetz abnehmen zu lassen; auch wenn das missionarische Geifern mancher Menschen danach verlangt. Eben an jener Stelle im GG ist ja auch meine Pflicht niedergelegt, Anderen durch mein Tun keinen Schaden zuzufügen. Welchen Schaden ich mir selbst zufüge, darüber denke ich mehr als genug nach und betrachte es daher als meine Privatsache. Und wenn ich dafür irgendwann später vom Leben, den Sozialkassen oder sonstwem haftbar gemacht würde, so wäre dies legitim und ich würde mich fügen. Bis dahin gilt jedoch für mich beim Trinken, das Askese in der oben beschriebenen Form keine Alternative für mich ist. Wenn jemand das anders sieht, darf er das gerne tun und seine Meinung für sich behalten. Sie interessiert mich in diesem Zusammenhang nicht. Schönen Tag.

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Der verwirrte Spielleiter #13 – Die Moral von der Geschicht…?

Ich betone immer wieder, dass Zocken Spaß machen soll. Man kommt zusammen, um sich zu entspannen und – zumindest im Geiste – lustige Dinge zu tun, die wenig bis gar nichts mit unserer sonstigen lebensweltlichen Erfahrung zu tun haben. Ich selbst habe z.B. noch nie mit irgendwelchen Gegnern gefochten, eine Burgmauer erklommen, oder in einer Taverne als Skalde oder Barde eine gesungene Geschichte zum Besten gegeben. Ich kann auch nicht Hacken oder ein Raumschiff fliegen. Flöge ich allerdings so, wie ich Auto fahre… ach lassen wir das…

Das eine Geschichte Spaß macht, mich fesselt und unterhält, bedeutet allerdings mitnichten, dass sie nicht auch gelegentlich ernste Fragen berühren darf. Ich lese nicht mehr ganz so viel Belletristik wie früher, weil die Leseleistung, die ich für Beruf und Studium auf mich nehme, schon recht viel Zeit in Anspruch nimmt. Wenn aber mein Gedächtnis mich nicht trügt, behandeln insbesondere die Autoren des Cyberpunk und der Hard Science Fiction häufig Themen, denen ein gesellschaftskritischer Nukleus innewohnt. Wenn man so will, geht es dabei auch um moralische und ethische Fragen.

Diskussionen um Ethik und Moral im Pen&Paper gibt es schon lange. Sie drehen sich meist um die Frage, ob man sich tatsächlich vorab darum Gedanken macht, oder das Thema diskutiert, wenn ein Problem auftaucht. Rollenspiel behandelt ja oft Themen wie Horror, Dystopien, Kämpfe zwischen “Gut” und Böse” (was auch immer das für Kategorien sein mögen?), Verbrechen, etc. Die Charaktere sind dabei meist diejenigen, welche in die Geschehnisse eingreifen sollen, um ein größeres Übel verhindern zu helfen. Womit wir bei einer klassischen Jack-Bauer-Frage wären: Welche Mittel sind (noch) legitim, um ein übergeordnetes Ziel erreichen zu können? Oder vereinfacht: wie viele Unschuldige darf ich foltern und/oder töten, um dadurch (hoffentlich) ganz viele andere Unschuldige retten zu können?

Ich kann das genervte Seufzen vor den Bildschirmen in meinem Hinterkopf hören. Und nur um es vorweg zu nehmen: weil einer im Pen&Paper eventuell zu radikalen Mitteln greift, heißt das genauso wenig, dass er deswegen in Realitas zum Killer wird, wie bei einem Hardcore-Egoshooter-Zocker. Es gibt einfach keine Kausalität. Was allerdings möglich sein kann, ist das Verletzten von Gefühlen Anderer am Tisch, egal ob Spieler, oder SL. Und das kann tatsächlich ein Problem sein; oder besser, es kann eines werden, wenn man sich nicht darum kümmert.

Da sitzen Menschen am Tisch; und so wie deren Spielstile differieren, deren Wunsch nach Action und deren Präferenzen hinsichtlich des Settings, so bringen sie auch ihre jeweils unterschiedlichen Lebenserfahrungen und kleinen Probleme mit an den Tisch. So sehr ich mich also auch bemühe, Immersion zu erzeugen und auf die Wünsche der Spieler einzugehen, so viele Freiheiten ich ihnen auch lasse, kann ich doch nicht vorher sehen, wie sie auf bestimmte Dinge, die ich im Kontext des Spiels meine NSCs tun lasse, reagieren werden. Da sind gelegentlich wirklich böse Dinge dabei, auf deren Anwendung bzw. Ausübung ich im wahren Leben nie käme. Doch so lange ich eine Geschichte erzähle, passiert – sofern es zur Szene und zum NSC passt – auch mal Gewalt, Missbrauch, Sadismus, Betrug, etc.

Nehmen wir mal an, ich lasse einen NSC einen anderen NSC entführen, zu welchem einer der Spielercharaktere eine intime Bindung aufgebaut hat. Ich gebe zu, dass das Damsel-in-Distress-Thema wirklich alt ist; gelegentlich bringe ich es dennoch, wenn es dem Drive der Geschichte dienlich ist. Nun wäre es natürlich schick, wenn der Spieler zwischen mir als SL und dem NSC als Figur unterscheiden könnte. Hat in diesem Fall auch gut geklappt. Doch ich entsinne mich an andere Situationen, wo es Spielern recht schwer fiel, diese Divergenz zwischen SL und NSC zu beachten. Will heißen, sie waren mir als Mensch böse, weil meine NSCs ihren Spielercharakteren etwas getan hatten.

Noch problematischer wird es, wenn das böse Spiel, dass ich als SL manchmal mit den Spielercharakteren treibe, etwas aus der realen Lebenswelt berührt. Wie z.B. Gewalt-Erfahrungen. Dann balanciere ich auf einem schmalen Grat. Natürlich kann ich nicht bei jedem Spieler wissen, was ihn so umtreibt, daher wird es hilfreich sein, vorher zu thematisieren, dass bestimmte düstere Aspekte im gegebenen Setting eine Rolle spielen könnten. Sollte ein Spieler Bedenken äußern, muss man die entsprechenden Inhalte entschärfen. Manchmal reicht auch eine mildere Umschreibung, um dennoch zum Ziel zu kommen.

Das funktioniert allerdings auch mal anders herum. Nun bin ich als SL, aber auch als Mensch nicht unbedingt zimperlich gestrickt. Mag an meinem Job liegen, aber ich habe weder mit Blood and Gore noch mit anderen heiklen Themen Probleme; ich kann ziemlich gut zwischen meinen Spielrunden und der echten Welt differenzieren. Und ich nehme es meinen Spielern nicht krumm, wenn sie mal über’s Ziel hinaus schießen. Vielleicht gebe ich weniger EP, weil’s nicht zu den Charakteren gepasst hat. Aber das ist dann deren Problem, nicht meines. Ich denke aber, dass weniger erfahrene, oder Anfänger-SL gut daran tun, ihre eigenen mentalen No-Go-Areas mit denen der Spieler abzugleichen. Dann werden verletzte Gefühle am Spieltisch von vorn herein höchst unwahrscheinlich. Und wenn es doch mal rußt – locker bleiben und drüber reden. Ein neuer Code of Conduct am Spieltisch ist schneller ausgehandelt, als eine neue Runde geformt. In diesem Sinne – always game on!

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Erwachsen bilden #09 – Klugscheißer?

Menschen, die sich mit Lernpsychologie nicht so auskennen, haben ja immer diese mechanistische Vorstellung von Unterricht: dass ich morgens im Lehrsaal die EZ-IO auf der Stirn des Schülers ansetze, mir so einen direkten Zugang zu seinem Gehirn verschaffe und eine Art Upload des notwendigen Wissens und der handwerklichen Fertigkeiten in Gang setze, der schnell und sauber dafür sorgt, dass dieser Mensch alsbald produktiv zum Einsatz kommen kann. Insbesondere Chefs haben diesen Anspruch. Allerdings ist diese Denke in mehr als einer Hinsicht Käse.

Sie lässt die Beschaffenheit des Lernprozesses außer Acht, der sich mitnichten bei jedem Menschen gleich schnell oder gleichartig vollzieht. Und sie negiert die Notwendigkeit, zuerst herausfinden zu müssen, ob der Mensch, der vor mir sitzt überhaupt für diese Art von Tätigkeit geeignet ist, deren Beherrschung ihm zu vermitteln ich nun aufgerufen bin. Zumindest gegen Letzteres ist ein Kraut gewachsen und auch viele Entscheider im Gesundheitswesen haben mittlerweile begriffen, dass der Aufwand für ein gut strukturiertes Assessment-Center keinesfalls Ressourcen-Verschwendung ist.

Gegen das Erstere wirke ich direkt durch meine Unterrichtsgestaltung. Da vorgenannte Menschen ohne Ahnung über mein Fachgebiet allerhöchstens murren, wenn sie Rechnungen für Dinge präsentiert bekommen, die sie auf Grund des beschriebenen Mangels an Expertise nicht vollständig verstehen können, ist es mein Job, dafür zu sorgen, dass der Deckel finanziell nicht vollkommen vom Topf fliegt und mit den zur Verfügung stehenden Mitteln und Medien dennoch den Shit zu rocken. Kann ich. Läuft.

Es wirft allerdings die Frage auf, ob, bzw. wie ich es schaffen kann, trotz systemischer Ressourcenknappheit innovative Konzepte zu entwickeln und zu implementieren. Auch die Bildungslandschaft entwickelt sich ja weiter und speziell in der Erwachsenen- und Berufsbildung ist es notwendig, mit den Entwicklungen Schritt zu halten, oder gar selbst welche zu liefern. Insbesondere da das Fachgebiet, in welchem ich unterrichte eines ist, das ständigen Veränderungen der zu vermittelnden Inhalte unterliegt. Man kann den Prozess mit dem Virenscanner auf dem heimischen Computer vergleichen. Wird der nicht regelmäßig geupdated, habe ich im schlimmsten Fall einen Totalausfall mit Datenverlust zu befürchten.

Nehmen wir jedoch an, dieser Computer steht in der Leitwarte eines Kraftwerkes und ein Virus legt ihn so lahm, dass das Kraftwerk ausfällt… wie haben die das in “Stirb Langsam 4.0” genannt? Einen “Firesale”? Denken wir nun an einen Ausbilder für Rettungsfachpersonal, der seinen Schülern Käse beibringt; ist schon ein bisschen wie ein Firesale, oder? Immerhin übernehmen die Schüler auf der Basis des Vermittelten später Verantwortung für Gesundheit und Leben anderer Menschen. Es klingt also vernünftig, auch die Ausbilder regelmäßig zu updaten. Hier treffen wir allerdings auf zwei Problemstellungen.

Zum einen sind Ausbilder im Rettungsdienst, vor allem die Praxisanleiter auf den Wachen, voll in den normalen Dienstbetrieb eingebunden und haben weder die Ressourcen (vor allem Zeit), ihre Arbeit ordentlich zu machen, noch bekommen sie die Gelegenheit sich selbst fortzubilden. Und damit meine ich noch nicht mal die medizinischen Fortbildungen. Die sind hier in Baden-Württemberg ja mit 30h/anno im Landesrettungsdienstgesetz §9, Abs. 4 festgeschrieben. Ich rede vom Erhalt der Ausbilderqualifikation durch pädagogische Fortbildungen. Und da herrscht in Ba-Wü Niemandsland…

Es ist zwar schön, dass man jetzt für Klassenlehrer in der NotSan-Ausbildung eine Hochschulqualifikation vorschreibt. So ein Bachelor in Medizinpädagogik ist was Feines. Allerdings können die Leute dadurch nicht automatisch unterrichten, denn das lernen z.B. die Lehrer im Refendariat. So etwas gibt es an Berufsfachschulen nicht. Und auch Fortbildungen für diese Lehrkräfte gibt es noch nicht. Geschweige denn, dass jeder versteht, was ein Lernfeldorientiertes Spiral-Curriculum ist. Und dann stehen oft genug jene, die denken, sie könnten unterrichten vorne und verfallen doch wieder in Fachsystematik. Oder erzählen den Youngstern Käse. Oder wissen nicht, was jetzt gerade angezeigt wäre, weil ein Honorardozent zwar für Anfahrt und Unterricht bezahlt wird, nicht jedoch für die Vorbereitung. Und so mancher macht dann halt einfach irgendwas, nur nix Gescheites.

Womit wir beim zweiten Problem, nämlich den Entscheidern wären, die, wie gesagt, den notwendigen Aufwand nicht durchschauen können, weil ihnen dazu das fachliche Wissen fehlt. Viele treten dann auf die Bremse, weil Ihnen ein fahrender RTW wichtiger ist, als ein gut ausgebildeter, motivierter und mit den notwendigen Ressourcen ausgestatteter Ausbilder. Dass dieser Ausbilder tatsächlich dafür sorgt, dass nämlicher RTW auch in Zukunft noch fahren wird, weil das Personal dafür vorhanden ist, wird dabei allzu oft gerne übersehen. Personalbindung entsteht nämlich heutzutage über eine qualitativ hochwertige Ausbildung. Und die braucht vor allem eines: Zeit für den Azubi! Immerhin: manche Entscheider springen über ihren Schatten und sagen vertrauensvoll: “Mach, was du für richtig hältst, so lange das Budget sich nicht Stuttgart 21 annähert!” Und genau damit befasse ich mich im Moment.

Ein Kollege von mir sagt immer: “Zum Klugscheißen muss man klug sein!” Die Frage, die ich mir in letzter Zeit oft stelle ist, ob er – und vielleicht auch manch anderer – dann auch klug genug ist, sich und sein Ego zu hinterfragen. Denn oft genug müssen wir beim Design von Maßnahmen der Erwachsenenbildung um die Ecke denken, damit die Schüler geradeaus begreifen können. Etwas mehr Demut vor der Aufgabe und ein Quäntchen Respekt für die Ansprüche und Sorgen des Schülers wäre hier angebracht. Aber ich träume vermutlich zu viel. Mir bleibt nur zu sagen, dass wir noch einiges zu tun haben, bevor die Ausbildung wirklich rund läuft. in diesem Sinne: schönes Wochenende.

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Wechselbäder

Ich wünschte, mir wäre humorig zumute, doch dies ist nicht der Fall. Ich versuche ja immer, meine eigenen kleinen Verstimmungen auf die leichte Schulter zu nehmen; funktioniert mal so, mal so. Aber im Mittel läuft in meinem Leben eigentlich alles geschmeidig. Eigentlich… Wenn ich jedoch im Moment an meine Kinder denke, könnte ich die glatte Wand hochgehen. Die eine ist dauernd bockig, weil sie – eben in die Grundschule gekommen – ernsthaft glaubt, dass Mama und Papa keine Autoritäten mehr sind. Wobei “mehr” da eher so eine Floskel im Satz ist. Eigentlich hat sie das nämlich noch nie so recht akzeptieren können. Aber im Moment ist so richtig Bambule. Und ihre große Schwester? Die hat Stimmungsschwankungen, die selbst mich als Depressionserfahrenen ratlos zurück lassen.

Um an dieser Stelle eines vorweg zu nehmen: ich brauche und will keine Erziehungs-Ratschläge. Die Besten bekommt man ja üblicherweise von Leuten, die keine Kinder haben. Und die dürfen jetzt alle – mit Verlaub – bitte die Fresse halten, weil sie einfach NULL Ahnung haben.

Morgens ist man also der Papa, der genauso lieb gehabt wird, wie er ist… und Abends, wenn man die Härte des Lebens (vulgo Hausaufgaben) durchsetzen muss, ist man das böse Arschloch. Was man da vorgeworfen bekommt, spottet der Beschreibung und manchmal auch der Realität. Zumindest meiner. Aber wie war das noch mal mit dem 3. Axiom nach Watzlawick: der Empfänger macht die Botschaft? Und was sie denkt und fühlt, ist halt IHRE Realität. Wir haben hier also offensichtlich ein Missverständnis am laufen und es gibt keine Möglichkeit, dieses aufzulösen. Ganz gleich, welche – für mich durchaus emotional nachvollziehbaren – Argumente und (Zu)Geständnisse ich nutze; es bringt einfach nichts, denn das Kind will mich hassen. Bis es dass nächste Mal kommt, weil es kuscheln möchte.

Da stehe, sitze, liege ich nun und weiß irgendwie nicht recht weiter. Ist das quasi der normale Beginn dieses Eltern-Kind-Wahnsinns, den man gemeinhin als Pubertät bezeichnet? Eigentlich ist sie dafür noch zu jung, aber was weiß ich schon darüber. Ich hatte zwar selber mal eine, aber die ist verdammt lang her. So knapp 30 Jahre. War ich da auch so? Keine Ahnung, vermutlich schon. Meine Mutter kann ich zwar fragen, aber das Gehirn neigt ja dazu, die Vergangenheit zu verklären; positives Selbstbild und so. Also bleibt die Erkenntnisausbeute dabei eher dürftig. Ratgeber-Bücher lesen? Um Gottes Willen, never ever. Da lande ich womöglich bei irgend so einem Skandinavier, der die Kindheit als Heiligtum verklärt, um dann bei der feierlichen Deklamation der kindlichen Menschenrechte geflissentlich zu vergessen, dass es unsere Aufgabe als Eltern ist, Grenzen zu setzen, damit sich die Blagen nicht aus Versehen töten.

Wir haben uns für unsere Kinder bewusst entschieden. Und ich stehe immer noch dazu, weil ich denke, dass wir durch sie etwas Positives in die Welt zurückgeben können. Wenn die sich nicht gerade so aufführen, wie eben jetzt. Ich mache kein Yoga und diesem ganzen Achtsamkeits-Wahn stehe ich eher reserviert gegenüber. Also atme ich bei solchen Gelegenheiten wie vorhin tief durch die Hose und versuche mich daran zu erinnern, dass ich eigentlich an Güte und Gerechtigkeit glaube. Fällt mir momentan zwar schwer, aber es hilft, wenn man es mit ein wenig physischem Abstand kombiniert und der Angelegenheit ein Weilchen zum Abkühlen gibt. Funktioniert ja auch bei Gussstahl.

Gott hat Humor – nicht weil er, wie Hagen Rether mal bemerkte, die Meerschweinchen gemacht hat – sondern weil er etwas, dass am Anfang so süß und Unschuldig daher kommt, wie ein Baby, mit einem Nukleus der Boshaftigkeit versehen hat, der sich immer bei Reibung entzündet. In meinem Geiste sitzt ER an einer Art himmlischem Fernseher und lacht sich gerade scheckig über meine nur langsam verrauchende Wut. Drauf geschissen. Mein Kind bleibt mein Kind auch wenn sie mich gerade mal wieder hasst. Wenigstens noch für eine Weile kommt sie ja irgendwann wieder kuscheln. Wenn’s damit allerdings auch vorbei ist, ziehe ich vielleicht lieber für zwei, drei Jahre ganz in mein Arbeitszimmer, damit ICH niemanden töte. Schönen Abend noch.

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