Randnotizen eines Erschöpften #09 – Popanz und Populismus

Menschen – und ich zähle, wenn auch wiederwillig, immer noch dazu – neigen zur Simplifizierung. Große Komplexität macht uns Angst, weil die allermeisten von uns NICHT in der Lage sind, große Zusammenhänge sinnbringend zu durchschauen. Also versuchen wir es erst mal mit einem kleineren Bild… und in der Folge auch mit dem kleineren Lösungsansatz. Insbesondere, wenn sich das wahre Problem in einem großen Wirrwarr von gegenseitigen Abhängigkeiten verbirgt.

Nun ist reziproke Dependenz leider eines der Hauptmerkmale unserer modernen Gesellschaften. Wir sind so viele, mit so vielen Interessen und Problemen. Und selbst, wenn diese Sorgen und Probleme und Interessen gebündelt werden, indem wir dafür Interessenvertretungen bemühen – z. B. Parteien, Gewerkschaften, etc. – bleibt immer noch der Prozess, innerhalb einer solchen Interessenvertretung Konsens über das gemeinsame Ziel herstellen zu müssen.

Die Partikularisierung der Gesellschaft, vorangetrieben durch deren fortwährende soziale und kulturelle Entwicklung, hat jedoch dieses Erzielen von Konsens immer schwieriger gemacht und tut dies noch. Und trotzdem erwarten die Menschen noch einfachere Antworten auf immer komplexere Fragen. Es braucht wenig Phantasie, um zu erahnen, wo das hinführt; nämlich bis zu einer weitreichenden Lähmung unserer demokratischen Institutionen, da deren Mitarbeiter in genau dem gleichen Fehlschluss gefangen sind, wie die Bürger, deren Interessen zu vertreten sie eigentlich aufgerufen sein sollten. Doch auch unsere Volksvertreter sehen den Wald vor lauter Bäumen nicht.

Das allein könnte man vielleicht noch irgendwie kompensieren. Doch in eben dem Maße, in dem diese Komplexität uns behindert, ist sie jenen hilfreich, die nur ihren eigenen Vorteil im Sinn haben. Und auch, wenn es Ausnahmen geben mag, sind diese doch nur dazu gut, die Regel zu bestätigen: jene die sowieso schon haben nutzen jede Deckung, welche unser Gesellschaftssystem bietet, um noch mehr in Besitz nehmen zu können, vernichten dabei nicht nur Existenzen sondern auch unsere Umwelt und zeigen stets mit dem Finger auf die anderen, um sie an ihre Eigenverantwortung zu erinnern.

Dabei ist Eigenverantwortung mittlerweile eine Illusion. Selbst wenn ich hart arbeiten gehe, stets pünktlich meine Rechnungen zahle, versuche, meinen CO2-Abdruck zu verkleinern, meine Kinder zu vernünftigen Menschen zu erziehen, Nazis, Rassisten und Chauvinisten entschieden entgegentrete, mich in meiner Gemeinde engagiere; also durch und durch ein verantwortungsbewusstes Individuum bin – habe ich keinerlei Einfluss auf unsere Politik. Den nehmen nämlich nur jene, die sich durch geschickten Einsatz ihrer vielfältigen Ressourcen stets an der richtigen Stelle Gehör verschaffen können.

Sie verstecken sich dabei hinter dem wohlfeilen, jedoch überkommenen Bild einer wünschenswerten Mittelstands-Gesellschaft. Die kann es aber – in deren Narrativ – nur geben, wenn jeder schön für sich tut, was ihm gesagt wird. Und dann kommt ein Kevin Kühnert daher und faselt von demokratischem Sozialismus. Und weil die Beißreflexe der selbsternannten Leistungsträger durch 70 Jahre ordoliberaler Indoktrination so schön konditioniert sind, fangen gleich alle an, die DDR-Keule zu schwingen. Armselige Narren, allesamt… Kevin K. wurde zum Popanz aufgebläht, obwohl er lediglich etwas angemerkt hat, was in der Bevölkerung schon lange als real erlebt wird: steigende soziale Ungleichheit. Und das diese nicht etwa entsteht, weil die Menschen sich nicht genug anstrengen würden.

Was mir dabei aufgefallen ist: alle schreien immer gleich “Populismus!”, wenn irgendein AfD-Fuzzi was Dummes oder Rassistisches absondert (was ja zumeist nur eine Frage der Zeit ist); wenn jedoch ein Politiker (OK, ein JUSO…) ein Thema aufrollt, das durchaus von relevantem gesellschaftlichen Interesse ist, jedoch nicht von Interesse der Habenden und andere ihn dann verbal platt zubügeln versuchen, redet so gut niemand von Populismus, weil die Lobbyisten der Habenden die Politik offensichtlich gut im Griff haben. Wen soll man denn da wählen, am 26.05.? Ich werde hier kein Votum abgeben, aber die schwarzen, die Gelben und die Blauen bekommen meine Stimme gewiss nicht. Schönen Sonntag noch.

Die Causa Kevin K.

Tja. Eines muss man ihm lassen, polarisieren kann er, der Herr K. von den Jusos. Das hatte er zuvor schon bewiesen, doch nun hat er es neuerlich getan. Und das auch noch mit Wucht, hat er sich doch zum Sozialismus bekannt und in einem Interview dargelegt, welche Ideen und Gedanken er damit verbindet. Das er dafür einen neoliberalen Shit-Storm von titanischen Ausmaßen ernten würde, dürfte ihm vorher klar gewesen sein, denn der Herr K. ist vieles, aber gewiss nicht dämlich.

Dazu fallen mir erst mal zwei Dinge ein. Zunächst die Kommentierung von Andreas Scheuer; dieses Lobbyisten-gesteuerte Juwel bajuwarischen Filzes sollte einfach mal in seinem eigenen rhetorischen Leichenkeller schauen gehen. Da würde er schon genug selbst produzierte Scheiße finden – also (frei nach Nuhr) einfach mal Schnauze halten! Und dann der Umstand, dass jemand mit halbwegs funktionierendem Neo-Cortex mit einem solchen Konvolut an Äußerungen sicherlich bewusst provozieren wollte. Was dazu führt, dass sich jeder dazu bemüssigt fühlt etwas zum Sujet zu sagen. Ich ja auch.

Nun haben auch andere schon eingeworfen, dass es doch eigentlich gut ist, wenn mal jemand die Diskursräume erweitert, das Prädikat der Alternativlosigkeit unserer Art zu wirtschaften in Frage stellt; und damit gleich auch unsere gesamte soziale Ordnung. Das die Kollektivierung irgendeines Konzerns weder mit unserer Gesetzgebung vereinbar, noch tatsächlich vernünftig wäre, steht dabei außer Frage. Doch braucht eine Susanne Klatten tatsächlich 21,1 Milliarden Euro Privatvermögen? Ich gebe die Antwort aus meiner Sicht an dieser Stelle natürlich dazu (ist ja meine Kolumne, da kann ich auch meine Meinung propagieren): NO WAY! Kein Mensch braucht so viel Geld.

Insbesondere nicht, wenn dieses Geld nur auf eine Art zusammen kommen kann. Nämlich, indem andere ausgebeutet werden und dadurch nicht mal genug für ein halbwegs würdiges Leben haben. Und wenn jetzt wieder die ganzen supertollen Leistungsträger aus ihren Löchern gekrochen kommen und rum krakeelen, das man halt nur mit Leistung Wohlstand schaffen kann: lest bitte mal das Buch “Eine Billion Dollar” von Andreas Eschbach. Sehr erhellend bezüglich der Zusammenhänge von Wohlstandswachstum.

Man mag vieles als Träumerei eines Utopisten abtun, was da in diesem Interview abgedruckt wurde. Mit seinen Einwürfen hinsichtlich der vollkommen ausufernden Ökonomisierung des Angebots von Grundbedürfnissen (er spricht hier von Wohnraum, aber auch im Gesundheitswesen finden ich genug Negativ-Beispiele) macht Herr K. jedoch einen beachtlichen Punkt. Und allein der Umstand, dass bei allen möglichen Kommentatoren der Beißreflex einsetzt, ohne sich auch nur eine Sekunde sachlich mit seinen Thesen auseinander zu setzen, beweist ohne Umschweife, dass diesbezüglich erheblicher Handlungsbedarf besteht.

“Die Linken sind doch die übrig gebliebene SED aus der DDR. Da soll er hingehen!”, “Der Sozialismus ist immer gescheitert!”, “Das sind doch nur theoretische Hirngespinste, die an der Natur des Menschen scheitern müssen!”. Herrjeh, wenn ich mich natürlich selbst zur Konsumnutte degradiere, das eigenständige Denken als zu mühselig empfinde und daher schön blöd nachplappere, was z. B. die Vertreter der zweit-unnötigsten Partei (FDP) immer wieder Gebetsmühlenartig regurgitieren, nämlich das Märkte und der gesunde Menschenverstand schon alles regeln, dann kann ich auch den Herrn K. für einen Dämon aus Rotsockien halten.

Faktisch jedoch braucht es sozialistische Elemente in der demokratischen Politik um die Auswüchse menschlicher Gier im Zaum zu halten. Ohne die Sozialisten gäbe es nämlich immer noch ungezügelten Manchester-Kapitalismus. Aber der Markt macht ja, dass da nicht so viele Kinder an der Armutsgrenze leben müssen und das viel zu viele Menschen in prekären Arbeitsverhältnissen beschäftigt sind, die mit ihrere Arbeit nicht in der Lage sind, ihre Existenz zu finanzieren und… ach halt, Moment. Das haben wir ja gerade. Weil die neoliberalen Kräfte in unserem Land die Errungenschaften der wahren Sozialdemokratie in den letzten 30 Jahren Stück für Stück demontiert haben. Danke für nichts, ihr fetten Bonzen!

Sorry, aber ich kann dieses närrische Geschwätz selbsternannter “Leistungsträger”, die immer noch meinen, dass sich die tatsächlichen Strippenzieher ihnen nahe fühlen würden nicht mehr hören. Was ist denn ein Leistungsträger? Fängt das bei 100K/anno an? 150? 200? Ihr seid für Menschen wie Frau Klatten insignifikante Hungerleider. Fliegenschisse des Sozialen. Eine Bedrohung für ihr Kapital, weil ihr euch ein Stück von ihrem Kuchen holen wollt. Kapiert es endlich: wohl verstandener Sozialismus bedeutet nicht Gleichmacherei sondern ausgleichende Gerechtigkeit. Und wer dafür nicht sein kann – Entschuldigung, aber so hart muss es mal gesagt werden – ist ein asozialer Spinner, dem das Wahlrecht entzogen gehört. Schönes Wochenende!

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Randnotizen eines Erschöpften #08 – Welcome back, darkness…

Joa… was soll ich sagen? Scheiße gelaufen, da in Bremen mit der sogenannten Asylmafia, die zum Beispiel hier, hier, hier und hier beschrien wurde (hart rechte Webseiten ohne Impressum lasse ich bewusst aus, die finden sich bei einer Googelei aber immer ganz weit oben, weil dumme Menschen auf Schlagzeilen reinfallen). Also doch keine bundesweite, links-grün-versiffte Verschwörung gegen DAS VOLK, sondern einfach nur eine verliebte Behördenleiterin, die Goodies verteilt hat, um sich den Mann ihres Begehrens gewogen zu machen. Wer von Beiden dabei mehr kriminelle Energie hat zu Tage treten lassen, werden die Gerichte klären, aber eines steht fest: der Rechtsstaat funktioniert und die Mauscheleien halten sich in sehr engen Grenzen. Das dürfte unseren ganzen Nazis aber gar nicht schmecken, dass mal wieder eines ihrer Argumentations-Kartenhäuser mit extrem leisem Krachen in sich zusammenfällt…

Was gibt’s noch Neues? Ach ja – Neuseeland! An dieser Stelle möchte ich den Familien der Hinterbliebenen, aber auch den Kollegen, die bei diesem hinterhältigen Akt rechten Terrors zur Hilfe eilen mussten mein herzliches Mitgefühl aussprechen. Zur Sache selbst will ich mich nicht äußern, daran arbeiten sich schon viel zu viele andere ab. Was jedoch das nun verkündete Verbot für halbautomatische Waffen angeht – BRAVO! Wie immer kommen natürlich die Waffen-Fetischisten aus allen Ecken gekrochen und jammern rum. Auch dazu sage ich nichts, die Kommentar-Spalten in den Online-Zeitungen sagen alles, was man dazu wissen muss. Wieder nur Idioten unterwegs, wie ein lieber Kollege von mir sagen würde.

Brexit-Schmexit, untergehendes Venezuela, der rechte Hauptmann Jair Bolsonaro in Brasilien Präsident, wenigstens Orbáns Fidesz aus der EVP im Europa-Parlament ausgeschlossen; und dann auch noch Scheiß-Fußball. Diese Nachrichten des Tages sagen das gleiche, wie die letzten 100 Tage seit Krampf-Karrenbauer und die 100 Tage davor – wir lernen nichts aus dem Erlebten und machen immer so weiter, als wenn das Morgen ganz automatisch besser wird, auch wenn wir alles immer nur noch schlimmer machen. Und dann auch noch die ganzen Menschen, welche die Fridays for Future in den Schmutz ziehen müssen, weil ihnen ein 16-jähriges Mädchen Angst macht, dass viel mehr Leute mobilisieren kann, als sie selbst. Es geht immer nur um Macht und Geld. Nicht mehr um unsere Zukunft und die Fragen, die sie stellt; alle drehen sich nur noch um sich selbst.

Eigentlich ist es kein Wunder, dass meine Depression zurück ist. Mal schauen, wie’s läuft… schönen Tag noch.

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Me, Self and I #04 – allzu optimiert?

Der Homo Oeconomicus. Das Schreckgespenst meines Lebens. Eine künstliche Figur aus der Wirtschaftswissenschaft, die ihr gesamtes Leben der Nutzenmaximierung unterwirft. Das betrifft in der Theorie alle Bereiche des Lebens und ist, zu Ende gedacht, natürlich ein Albtraum für jedes halbwegs empathische Wesen. Ich will nicht in Abrede stellen, dass man idealisierte Denk-Figuren für analytische Zwecke braucht; insbesondere in den Sozial- und Geisteswissenschaften. Dennoch feiert die daraus abgeleitete Denke immer wieder Urständ in den Medien.

Ich habe immer mal wieder Einlassungen zu den Themen Selbst-Optimierung und Work-Life-Balance veröffentlicht. Letztlich bin ich heute an dem Punkt angelangt, dass ich dieses ganze Geschwafel für Augenwischerei halte, die nur das Ziel hat, uns noch etwas mehr Arbeitsleistung abzupressen, damit andere noch mehr Geld für eine Pulle Schampus bezahlen können. Sorry, wenn ich jetzt klinge wie ein Sozialist mit Fackel in der Hand, aber gehen wir’s doch mal kurz durch, wer alles von Selbst-Optimierung spricht:

  • Krankenkassen mit Bonus- und Erziehungsprogrammen für einen gesünderen Lebensstil. Warum machen die das? Weil sie an ihren Kunden Geld sparen wollen, denn Krankenkassen sind nicht mehr einfach Sachwalter der fiskalischen Abwicklung von Gesundheitsdienstleistungen sondern profitorientierte Konzerne. Wie gut das der individuellen Gesundheit tut, darf sich jeder gerne selbst ausrechnen. So lange Krankenkassen-Vertreter Boni bekommen, wenn sie die Budgets z.B. für den Rettungsdienst besonders schmal verhandeln, habe ich kein Vertrauen in diese Läden.
  • Ratgeber-Autoren, die mit dem Trend Kasse machen wollen. Es ist schon irritierend, wie oft z.B. der “Stern” in den letzten Jahren anstatt investigativem Journalismus riesige Leitartikel zur Verbesserung des Lebensstils gebracht hat und dabei auch ein ums andere Mal Autoren gepuscht wurden. Ein Schelm, wer was Böses dabei denkt.
  • Arbeitgeber, die mit cooperative Workspaces und flexiblen Arbeitszeitmodellen locken, die – sozialpsychologisch erwiesen – nicht selten in Selbstausbeutung bis hin zum Burnout münden.

Das ist natürlich nur eine Seite der Medaille. Es gibt mittlerweile auch genug Medien, in denen derlei ein differenzierteres, ja sogar kritisches Echo hervorruft; mündiges Googeln soll ja tatsächlich manchmal helfen. Denn bei all den Anforderungen, die an uns herangetragen werden, liegt es letzten Endes an jedem selbst, was er oder sie daraus macht. Und so ganz individuell optimiere ich am liebsten meine Denke…

Will heißen ich versuche informiert zu sein / zu bleiben, um mündige Entscheidungen für mich selbst treffen zu können. Ich bin dabei keinesfalls immer vernünftig (insbesondere beim Umgang mit meiner Physis) weil ich mir die Freiheit herausnehme, selbst entscheiden zu wollen, was schlecht für mich ist. Frei nach James Bond esse ich zu viel rotes Fleisch und zu viel Weißbrot; die trockenen Martinis habe ich allerdings durch Single Malt ersetzt. Klingt das clever? Nö! Aber bei allem, was ich tagein, tagaus auf unterschiedlichsten Ebenen für andere tue, gestatte ich mir sehenden Auges Torheiten, weil es meiner Psyche gut tut. Mindestens genauso gut, als mir hier dann und wann meine Rage vom Leib zu schreiben.

Aber mit Selbstoptimierung bleibt mir bitte vom Hals. dazu fällt mir nur dieses Lied von “Großstadtgeflüster” ein! Schönen Tag noch…

Ach ja: die nächste Folge ist “…allzu Kreativ?”

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Me, Self and I #03 – allzu privates.

Arbeit ohne Ende. Ohne in’s Detail gehen zu wollen, aber die letzten 10 Tage hatten es in sich. Drum hat es auch länger gedauert. Gedanken zum Thema habe ich mir schon lange gemacht. Oder besser – ich tue das andauernd. Denn es gibt wenige Themen, die so kontrovers diskutiert, aber auch gelebt werden, wie “Privatspäre”. Womit wir auch schon am ersten Problem angelangt wären: was ist denn das, diese sogenannte “Privatsphäre”?

Näher wir uns der Sache juristisch, finden wir den Artikel 2 des Grundgesetzes, sowie das Recht auf informationelle Selbstbestimmung. Hier ist festgelegt, dass es bestimmte Bereiche unseres Lebens gibt, auf die weder andere Menschen (auch Konzerne) noch Ermittlungsbehörden einfach so zugreifen dürfen. Dass es mit dem tatsächlichen Schutz nicht immer soweit her ist, wie einen das bloße Lesen der Gesetzestexte vielleicht suggeriert zeigen die Debatten um z.B das Polizeiaufgabengesetz in Baden-Württemberg und Bayern. Man mag die Bedenken der Beschwerdeführer teilen, oder auch einfach glauben, dass die Polizei ihre Befugnisse schon verantwortungsbewusst einsetzen wird – einfach ist der Themenkomplex nicht. Denn von den vielen wird ein Eingriff in die Privatsphäre als Angriff auf ihre Bürgerrechte verstanden.

Dies berührt die Frage, wie viel Einschränkungen die Bürgerrechte verkraften, bevor die freiheitlich-demokratische Grundordnung unseres Staates bedroht ist. Doch dieser Frage werde ich mich demnächst in einem anderen Post widmen. Heute soll es eher um die feine Trennlinie zwischen privat und öffentlich gehen. Denn beides agiert auf vielfältigere Art miteinander, als ich dies in einem einzelnen Blogpost darstellen könnte.

Das Gefühl dafür, wie viel Privatspäre ich brauche, scheint bei Menschen höchst unterschiedlich ausgeprägt zu sein. Ein einfacher Blick in die sozialen Netzwerke offenbart dabei eine beinahe erschütternde Bandbreite an Sorglosigkeiten. Fast scheint es, als wenn die Annehmlichkeiten, welche die Preisgabe von Daten zum Beispiel bei Konsumtätigkeiten mit sich bringt (schnelle, unkomplizierte, beinahe Berührungsfreie Abwicklung, Lieferung frei Haus, am besten gleich, etc.) die virtuelle Nacktheit rechtfertigt, die dabei zwangsweise entsteht. Die Einfallstore für den Missbrauch dieser Daten (bis hin zum Identitätsdiebstahl mit den Folgekosten) werden dabei vollkommen ignoriert. Selbst der Umstand, dass Personaler (übrigens auch ich) potentielle Job-, oder Ausbildungsplatz-Kanditaten googeln oder facebooken, scheint vielen vollkommen egal. Oder ihnen ist schlicht nicht bewusst, wie leicht man online gefunden werden kann; selbst mit verdrehtem Facebook-Namen…

Ein weiterer Punkt ist die politische oder ethische Gesinnung. In der vermeintlichen Anonymität des Netzes (oder in der Ignoranz der eigenen Außenwirkung) werden Aus- und Ansagen getroffen, die man wahrscheinlich sonst nicht unbedingt tätigen würde. Die Mitgliederzahl der “das-wird-man-ja-wohl-noch-sagen-dürfen!”-Fraktion scheint in meinem Bekanntenkreis auf gleichbleibend niedrigem Niveau zu stagnieren. Was aber nur daran liegt, dass ich offenkundige Nazis gleich aussortiere. Und mit Nazi meine ich Menschen, die unsere Gesetze verbal missachten, sich Ausländer- oder Minderheiten-feindlich äußern, oder eindeutige Zeichen auf ihren sozialen Seiten haben. Da gibt’s auch kein “Na ja, war vielleicht ein Ausrutscher…” Wer Sticker und Memes in den Farben der Reichskriegsflagge und mit eindeutig fremdenfeindlichen Texten auf seiner Seite hat, ist kein Patriot, sondern entweder extrem naiv und dumm, oder ein Nazi. Ende der Diskussion!

Was ich in meinem Kämmerlein über Manches denken mag und was ich öffentlich äußere… die Gedanken seien frei, hieß es einmal. Und sicher darf man denken. was man will, sofern daraus kein Unrecht an anderen erwächst. Auch mir entfleucht manchmal in den heimatlichen vier Wänden mal eine Äußerung, die eventuell sogar justiziabel sein könnte (allerdings eher linker Natur). Ich käme jedoch nie auf die Idee, meine politische Meinung und meine Arbeit miteinander zu verquicken. Von daher empfinde ich eine rote Linie zwischen dem Privaten und dem Öffentlichen als notwendig. Doch sie wird von immer mehr Menschen ignoriert, ohne sich der Konsequenzen bewusst zu sein. Denn je mehr ich den Begriff Privatsphäre durch mein eigenes Tun oder Lassen (Stichwort: Selbstverdatung) entwerte, desto mehr wecke ich die Begehrlichkeit des Staates nach der endgültigen Schöpfung eines gläsernen Bürgers.

Doch dieser Gedanke gruselt mich. So sehr ich meine mediale Präsenz schätze und pflege – es gibt Aspekte meines Selbst, die andere, insbesondere Fremde und den Staat nichts angehen. Denn sollten wir jemals wieder einer Autokratie entgegen gehen, muss ich in den Untergrund, da ich den Nazis zur Not auch mit der Waffe in der Hand entgegen trete, bevor ich ein viertes Reich zulasse! Bereits mit dieser Äußerung habe ich zuviel gesagt. Aber ich möchte jeden dazu anregen, sich selbst darüber klar zu werden, wie viel von sich er, oder sie, oder es da draußen bekannt geben möchte. Privatsphäre bedeutet ein Stück Macht gegenüber jenen, die Macht über uns alle erlangen wollen. In diesem Zusammenhang sei jedem noch mal dieses Stück von Reinhard Mey empfohlen. Ich wünsche eine schöne Woche.

Ach ja, als nächstes kommt in dieser Reihe “allzu optimiert…?”

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Me, Self and I #02 – allzu ökologisches…?

Dieselskandal, Gammelfleisch, Bienensterben, Klimeerwärmung, Veganismus. Punkte, über die man sich Gedanken machen kann, gibt es im Themenkreis “Ökologie” wirklich mehr als genug. Doch während der Planet immer noch ungebremst mit Wucht auf das Dicke Ende zusteuert, jammern fast alle, dass die Politik entweder nichts (Tierschutz, Bio-Siegel, etc.) oder zuviel (Dieselfahrverbote) tut. Während irgendwelche unnötigen Politikoiden wie Andreas Scheuer munter den populistischen Fähnchendreher geben, um ja ihr persönliches Schäfchen (Anschlußvertrag als Industrielobbyist) ins Trockene zu bekommen. Böcke und Gärtner und so…

Ökologisches Handeln beginnt bei mir selbst. Bei Müllvermeidung. Dabei, NICHT im Winter eingetütete Beerenfrüchte aus Südamerika zu kaufen (im Übrigen auch kein Quinoa, denn die Haupterzeugerländer sind heutzutage Peru, Bolivien und Ecuador => vielen Dank für die durch den Transport versaute C02-Bilanz. Graupen tun es auch.) Bei der Reduktion des Fleisch- und Wurstkonsums und einer bewussteren Auswahl dessen, was auf den Tisch kommt. Zum Beispiel durch regionalen, saisonalen Einkauf. Bei der Frage, wofür ich ein Auto tatsächlich brauche und wo ich zu Fuß (mit dem Fahrrad, mit ÖPNV) nicht genauso gut hinkomme. Wie und wohin ich reise. Also bei vielen Dingen, auf die jeder einzelne von uns sehr leicht Einfluss nehmen kann.

Es ist bequem – und natürlich dieser typisch deutschen Besitzstandswahrer-Mentalität geschuldet – darauf bestehen zu wollen, dass alles einfach immer genauso weiter gehen muss, wie es schon immer war. Was ist denn immer? So ca. die letzten 40-50 Jahre, da sich der Wohlstand hierorts ausgebreitet hatte. Nur so als kleiner Tipp: der Wohlstand der ersten Welt beruht zu großen Teilen auf der Ausbeutung der dritten Welt. Da spielt das koloniale Erbe Europas genauso eine Rolle, wie die paternalistische Hilfspolitik seit dem Ende der Kolonialherrschaft.

Und natürlich werden jetzt wieder irgendwelche “Abers” aus der Ecke jener kommen, die sagen, dass sich doch gar nicht alle ein ökologisch sinnvolles Leben leisten können, weil das alles so teuer sei. Zum einen ist das eine überholte Vorstellung, weil nachhaltig eben NICHT bedeutet, jedem hippen Scheiß hinterher rennen zu müssen (Hipster nerven eh nur), sondern bei seinen Konsumentscheidungen bewusst vorzugehen. Das erfordert Anstrengungen und Nachdenken, aber es lohnt sich, denn die Alternative ist, dass wir alsbald alles kaputtkonsumiert haben und auf unsere Müllkippen leben und dort Recycling ganz neu erlernen müssen…

Der nächste Einwand ist, dass nachhaltiges Wirtschaften und Investitionen in neue, nachhaltigere Technologien den Standort Deutschland schwächen, unüberschaubare gesellschaftliche Kosten verursachen, die individuelle Mobilität einschränken…! Was ist denn die Alternative? Immer weiter mit Verbrennern die Städte zudrecken und zuparken, Menschen krank machen, das Klima killen und kostbare Ressourcen einfach in Rauch aufgehen lassen? Wenn es nach der Industrie und ihren Lobbyisten [=> Andreas (be)Scheuer(t)] geht, lassen wir alles beim Alten, denn noch fließt das Mana (=> Geld) ja noch in Strömen; in die falschen Taschen!

Allzu politisches und allzu ökologisches haben ja doch etwas miteinander zu tun! Wir hätten in den letzten 30 Jahren schon wesentlich mehr tun können und tun müssen, um den Entwicklungen entgegen zu stehen. Doch Anstatt mit Mut voran zu gehen, hat man stets nur Besitzstände gewahrt und verwaltet und sich auf die Globalisierung als größte Gefahr zurückgezogen. Die einzige Gefahr, die von der Globalisierung ausgeht ist die höhere Mobilität des Kapitals. Diese gilt es einzudämmen! Finanztransaktions-Steuern! Mindestlohn-Erhöhung! Noch schärfere Umweltschutzgesetze! Zwingt man die Besitzenden nicht zur Investition in unser aller Zukunft, werden sie diese weiter kaputt machen, um noch reicher zu werden.Das ist der Hebel, an dem Politik schon lange ansetzen könnte – wenn sie denn nicht teilweise gekauft, teilweise irregeleitet und teilweise desillusioniert wäre.

Bleibt die Frage, wohin mich meine Gedanken zum allzu privaten bringen werden…

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Me, Self and I #01 – allzu politisches…

Es ist schwer geworden, sich in diesen Zeiten zu einer politischen Einstellung zu bekennen; jammern sowohl die Linken, als auch die Rechten. Aber was ist das überhaupt? Links? Rechts? Ist man links, wenn man Verteilungsgerechtigkeit nicht für eine Floskel radikal-sozialistischer Wahlkampf-Rhetorik hält, sondern für eine schlichte Notwendigkeit des sozialen Zusammenhalts? Ist man rechts, wenn man Zuwanderung zwar für unvermeidbar hält, im Ergebnis aber gerne besser gesteuert sähe? Ist man links, wenn man auch Menschen aus anderen Kulturen für integrationsfähig hält? Ist man rechts, wenn man im Zuge dieser Integration ein Mindestmaß an Respekt für die eigene Kultur und die hiesigen Gesetze einfordert?

Ich mag dieses Ideologie- und Dogmen-verseuchte Links-Rechts-Sprech nicht. Denn alle Positionen, die oben mit einem Fragezeichen versehen sind, habe ich mir im Laufe der Zeit zu eigen gemacht. Unsere Politik tut zu viel für die Wirtschaft, in dem Irrglauben an den so genannten Trickle-Down-Effekt; also, dass, wenn die Fetten fett genug sind, schon genug vom Fett nach unten tropft. Tatsächlich ist es aber so, dass die Reallohnentwicklung in den letzten Jahren hinter der Entwicklung der Kapital-Einkommen (also aus Anlagevermögen, wie etwa Anleihen, Immobilien, Aktien) zurückgeblieben ist. D.h. Einkommen aus normaler Erwerbsarbeit (der die meisten von uns nachgehen) hat sich schlechter entwickelt, als Einkommen aus bereits vorhandenem Besitz => die Reichen werden reicher, den mittleren und unteren Schichten bleibt insgesamt weniger => Die Einkommenschere ist weiter gespreizt.

Nach höherer Verteilungsgerechtigkeit zu rufen bedeutet aber aus meiner Sicht explizit NICHT, noch mehr nutzlose Umverteilungs-Maßnahmen einzuführen, die nur Verwaltungsressourcen binden, sondern auskömmliche Lohniveaus festzuschreiben (vulgo den Mindestlohn nachzubessern, und zwar jetzt) und diese auch an künftigen Veränderungen des Einkommensgefüges teilnehmen zu lassen; und zwar automatisch. Eine handwerklich sinnvolle Ausgestaltung auf ordnungspolitischer Ebene würde manches Problem binnen weniger Jahre beenden.

Alle konzentrieren sich seit drei Jahren auf Zuwanderung. Ja, wir brauchen ein gewisses Maß an Zuwanderung, auch aus wirtschaftlicher Sicht; aber wir dürfen bei deren Regulation weder ideologisch noch xenophob sein, sondern müssen Verhältnisse in Herkunftsländern etc. genau beurteilen. Konkurrieren auf dem aktuell erschreckend großen Billiglohnsektor alle um auskömmliche Einkommen (siehe oben), werden sich auch die Stimmen, welche da rufen “die Ausländer nehmen uns alles weg!” alsbald verstummen. Gleiche Chancen bedeutet ja nicht, dass auch alle gleich gut wegkommen. Das ist eine Illusion. Momentan ist das Problem virulent, weil jene Wirtschaftsvertreter, die nach Zuwanderung rufen natürlich auf noch schärfere Konkurrenz im prekären Arbeitsmarkt schielen, um Löhne noch mehr drücken zu können. Diesen Sumpf trocken zu legen, ist die größte Sozial- und Wirtschafts-politische Aufgabe unserer Zeit.

Was nun Integration angeht: der Staat hat es 2015 verabsäumt, verbindliche Ziele und Aufgaben zu definieren, wie Integration von Statten zu gehen hätte und stattdessen engagierte Ehrenamtliche und Wohlfahrtsorganisationen einfach mal wurschteln lassen. Mit teilweise verheerenden Folgen. Noch immer hocken Menschen in Ghettos, die vielleicht eine Chance gehabt hätten. Und natürlich sind mit legitimen Flüchtlingen auch illegitime eingereist, die nun mühsam ausfindig zu machen und rückzuführen eine fast unmögliche Aufgabe darstellt.

Und trotzdem sollte man sich vor pauschalierenden Aussagen wie “Das sind alles Verbrecher, die müssen alle weg” sehr in acht nehmen. Die absoluten Zahlen (auch wenn die Populisten das jetzt nicht gerne hören) sagen etwas anderes. Und ich vertraue Zahlen immer noch mehr, als einem dumpfen Bauchgefühl. Denn mein dumpfes Bauchgefühl hat mich im Leben schon öfter in die Scheiße geritten, als nackte Zahlen. In dem Zusammenhang wird immer von Lügen- und System-Presse schwadroniert. Die allermeisten wissen ja gar nicht, was das bedeutet, oder wie es funktioniert. Drei Jahre Putin-Russland oder Erdogan-Türkei und die allermeisten kämen schön kleinlaut zurück.

Ich bin Sozialdemokrat! Ich glaube an Solidarität miteinander und Verantwortung füreinander und ich werde von dieser Position nicht abrücken. Sozial- und Migrations-Politik sind untrennbar miteinander verbunden und ich weiß, dass wir an den richtigen Stellschrauben noch lange nicht gedreht haben – dafür will ich eintreten.

Die Tage reden wir dann über allzu ökologisches. bis dahin: eine gute Zeit!

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Randnotizen eines Erschöpften #07 – Wer bin ich?

OH – MEIN – GOTT! Was für eine Frage. Ich bin doch dieser Typ, der sich halt einfach irgendwie durchwurschtelt und dabei seinen Weg findet (sucht). Der Konventionen oft als lästig, manchmal als ungerecht und allzu oft als schlicht unnötig empfindet. So wie Kleiderordnungen für Bankangestellte. Womit zwar gesagt wäre, was ich NICHT bin – nämlich ein spießiger Prinzipienreiter; nicht jedoch was ich bin. Also, was den Kern, die Essenz meiner Person ausmacht?

Bekanntermaßen ist das schwer zu fassen. Schauen wir uns die Sozialpsychologie an, entdecken wir Persönlichkeitsmodelle, welche diese oder jene Aspekte in jedem Individuum ausmachen wollen. Zum Beispiel das Big Five Model, welches, wie der Name schon sagt, Persönlichkeit anhand einer Ausprägungs-Mischung von fünf grundlegenden Dimensionen zu fassen versucht. Spannend. Gut beschrieben und durchaus in manchen Bereichen aussagekräftig. Ist aber für meine Zwecke gerade jetzt zu wissenschaftlich.

Ich will eigentlich nur herausfinden, ob ich mit meinen sozialen, politischen und ökonomischen Ideen tatsächlich soweit neben dem “Mainstream” ticke, wie man das manchmal meinen könnte? Oder ob ich einfach nur zu viel in Filterblasen-verseuchten Facebook-Gewässern und Zeitungs-Kommentar-Spalten herum dümpele und dort auf zu viele Kanaillen treffe, die mein Bild von der Welt langsam aber sicher vollkommen versauen? Ich will mir eigentlich mein positives Menschenbild erhalten, denn im Grunde bereitet es mir Freude, mit Menschen zu tun zu haben; ihnen helfen, sie anleiten zu können. Auch, wenn das nicht immer irgendwohin führt.

Wahrscheinlich bin ich ein Narr, aber um das herausfinden zu können, muss ich mich wohl selbst exponieren. Denn seien wir ehrlich: wirklich etwas über die Menschen herausfinden kann man nur, wenn man sich selbst auf sie einlässt. Das werde ich versuchen, also mache ich eine neue Reihe auf:

Me, Self and I – Menschsein in Zeiten der Unmenschlichkeit

In der ersten Folge will ich mich mit der Frage beschäftigen, wo ich eigentlich politisch stehe. Gar nicht so einfach, denn drei Buchstaben reichen schon lange nicht mehr aus, um meine Gesinnung präzise zu beschreiben. Mal schauen, wohin mich das führt. Wir lesen/hören uns.

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Randnotizen eines Erschöpften #06 – Brexit, Frexit, Dexit…

Ich kann den Scheiß echt nicht mehr hören. Es ist mitnichten so, dass ich mir keine Gedanken darüber machen würde, was passiert, wenn Great Little Britain aus der EU ausscheidet; aber wenn man sich mal kurz der Grundlagen der Sozialpsychologie erinnern möchte, passiert im Moment nichts anderes, als dies Malaise als salienten Reiz im kollektiven Bewusstsein zu verankern. Besser wäre es im Moment, wenn man sich einfach in der Öffentlichkeit nicht mehr damit beschäftigte.

Es geschieht doch sowieso nicht das, was im besten Interesse der Mensche wäre (die Entscheidung darüber geschähe in einer idealen Welt in einem Aushandlungs-Prozess, den man gemeinhin Demokratie nennt), sondern das, wofür sich die meisten Lobby-Vertreter finden.  Kaffeehaus-Politik. Zumindest denken das sehr viele Menschen, die momentan lieber den populistische Rattenfängern hinterher rennen, anstatt ihr eigenes Gehirn zu benutzen.

Dadurch, dass wir dauernd medial mit jedem Futzel Möchtegern-Information rings um diese Affäre bombardiert werden, wird gleichzeitig Meinung geschaffen; selbst wenn wir uns zumindest teilweise immun gegen deren Beeinflussung wähnen. Das ist halt eine Illusion. Die Art, Intensität und Tonlage der Berichterstattung, wenn im Kern auch nicht als tendenziös zu werten weißt doch in eine bestimmte Richtung: die dämlichen  Brexiteers machen uns unseren Spielplatz kaputt vs. das dämliche Kontinentaleuropa beutet uns aus.

Dadurch trugen die Medien von Anfang an zu einer Verhärtung der Verhandlungs-Fronten bei. Spielräume wurden eingeschränkt und Brücken abgerissen. Das bedeutet, dass die Medien direkt mit Schuld an dem Dilemma tragen, über das sie dauernd weiterberichten. Der Begriff der selbst erfüllenden Prophezeiung kann hier in realitas beobachtet werden.

Öffentlichkeit wird hier zum Albtraum des Europäers, weil nebenbei enthüllt wird, wie wenig sehr viele Menschen hierzulande, wie auch anderswo in der Nachbarschaft im Herzen Europäer sind und wie sehr man sich in unsicheren Zeiten an die vermeintliche Sicherheit der eigenen Peergroup (Nation) klammert. Der Brexit ist ein soziologisch-politisches Real-Experiment mit offenem Ausgang. Und jeder neue Artikel darüber vergrößert die Wahrscheinlichkeit, dass das der Anfang vom Ende der EU wird. Vielen Dank dafür! Schöne Woche…

Neuer Konservatismus?

Ohne jetzt allzu sehr ausschweifen zu wollen: bedeutet Konservatismus nicht, etwas bewahren zu wollen? Der Konservative ist damit, zumindest der Begriffsdefinition nach jemand, der etwas Hergebrachtes behalten, oder sogar re-institutionalisieren möchte. Nun ist es so, dass sowohl Kultur als auch Gesellschaft laufende Prozesse sind, die weder statisch beschreibbar sind, noch sich einfach so zurückdrehen lassen. Die komplette Bundesrepublik kann man nicht einfach in eine Zeitmaschine nach 1983 stecken und die Ära Kohl noch mal durchlaufen lassen – und wäre es möglich, möge Gott verhüten, dass ich mich nochmal in den bleiernen Jahren der Bonner Republik wiederfinden muss.

Aber in CDU-Kreisen und auch in der Medienlandschaft wird einmal mehr ein Ruf laut nach einem neuen Konservatismus, einer Trendwende,  weg vom In-den-Topor-gemerkelt-werden des letzten Jahrzehnts, hin zu einer frischen konservativen Kraft, welche die allzu braunen  Nationalisten auszehrt, hinfort fegt – und dabei wieder Boden gewinnt für jene Kräfte in unserem Land, die aus der eigenen Geschichte nichts gelernt haben, oder nichts lernen wollen. Konservativ zu sein, bedeutet im Kern, den Kuchen behalten zu wollen, obwohl man ihn gerade isst. Ein Bollwerk gegen die Beständigkeit des Wandelszu haben; politisch, ökonomisch, sozial, kulturell. Das es jedoch nicht geben kann, denn den Wandel hält niemand auf. Nicht mal Horst Seehofer.

Wenn mich jemand fragt, ob ich hergebrachte Werte habe, wie etwa Familie als Keimzelle der Gesellschaft, einen starken Rechtsstaat, der jene benennt und bestraft, die sich nicht an die Regeln halten (ja, auch solche, die als Asylsuchende hierher kommen), oder christliche Traditionen, wie das bevorstehende Weihnachtsfest, dann antworte ich mit JA. Familie ist die Keimzelle der Gesellschaft; ganz gleich, ob sie aus Verschieden- oder Gleichgeschlechtlichen Paaren besteht. Ein starker Rechtsstaat muss auf die Einhaltung der Regeln durch alle im Lande pochen; auch durch Nazis, die allzu oft einschüchtern und jagen dürfen, ohne Strafe fürchten zu müssen. Und unsere Traditionen liebe ich, weil meine Familie sie liebt und sie uns ein Gefühl des Miteinander geben; das auch jene mit einschließt, die bereit sind, daran teilzuhaben. 

Ich bin nicht blauäugig; ich weiß, dass unser Land Probleme hat. Die allerdings in der Mehrzahl nicht durch die Migration, sondern durch die Gier einiger weniger Subjekte verursacht wird. Deren Machtbefugnisse müssen eingedämmt und Chancen zur Teilhabe insgesamt besser verteilt werden, anstatt zuzulassen, dass “Prekariat” und “Leistungsträger” gegeneinander aufgehetzt werden, frei nach dem alten Motto “divide et impera“. Der Konservatismus wird uns dabei nicht helfen, denn unsere Vergangenheit hält für die Fragen unserer Zukunft nur wenig sinnvolle Antworten bereit. Was also am Bewahren um jeden Preis der Neugestaltung dienlich sein soll, erschließt sich mir nicht; außer vielleicht, wie wir die Schere zwischen Arm und Reich noch ein  bisschen besser aufspreizen können. Dabei könnten uns die guten alten Manchester-Kapitalisten gewiss helfen.

Was mich betrifft – ich kann auf einen – neuen oder alten – Konservatismus und solche Mittelklasse-Angehörigen wie Herrn Friedrich Merz gut und gerne verzichten. Ich richte meinen Blick nach vorne, in der Hoffnung, dort mehr Soziale Demokratie zu erleben, die den Namen auch verdient. Bis dahin, gehabt euch wohl…