Der verwirrte Spielleiter #29 – Gendermix…

Ich schaue mir manchmal Videos von Guy Sclanders an. Er hostet “How to be a great gamemaster” auf Youtube und vieles von dem, was er sagt, unterschreibe ich einfach. Jetzt bin ich allerdings über ein Video gestolpert, in welchem er darüber spricht, wie man als Mann daran gehen sollte, einen weiblichen Charakter zu spielen. Und dieses (schon etwas ältere) Video finde ich diskussionswürdig. Man muss dazu wissen: vielen Rollenspielern ist sowas unheimlich, weil sie entweder kein Interesse daran haben, sich in die Sichtweise eines anderen Geschlechts zu versetzen, weil es ihnen unnatürlich erscheint, weil es keinen Spaß verspricht, oder weil sie sich unsicher sind, ob sie das glaubwürdig hinkriegen, also ohne vollkommen überzogene Stereotypisierung. Ich selbst spiele übrigens seit vielen Jahren immer wieder weibliche Charaktere, weil mich die Idee des radikalen Perspektiven-Wechsels fasziniert.

Guy stellt dann in diesem Video eine Stereotypen-Taxonomie auf – und wenn ich ehrlich sein soll, schwankt die irgendwo zwischen unnötig und schlecht, weil sie den Umstand aus dem Auge verliert, dass Männer Frauen auch einfach als gleichberechtigte Menschen sehen könnten, so dass die Notwendigkeit des Stereotypisierens entfällt. Mal davon abgesehen: Wer würde denn bitte schön freiwillig eine “Damsel in distress” spielen wollen? Es fällt mir ehrlich bis heute schwer, das vollkommen überdrehte Spiel von Cate Capshaw in “Indiana Jones und der Tempel des Todes” zu ertragen. Und ich weiß nicht, wie oft ich den Streifen schon gesehen habe. Er benannte jedenfalls neben der “DiD” noch die “Shield Maiden” (in seinen Augen eine Männerhasserin), einen Mix aus den beiden erstgenannten und die “Mutter”. Dann referiert er noch was über das Mäandern zwischen Stärke und Schwäche. Freunde der Nacht, jemand, der ein so eingeschränktes Frauenbild hat – oder zumindest damals hatte – sollte wirklich niemandem etwas über das Thema erzählen…

Genauso, wie Beziehungen, Liebe und ja, auch Sex im Rollenspiel gelegentlich thematisiert werden – und bei vielen Spielern wie SLs ungute Gefühle hinterlassen, weil die Leute sich mit dem Thema vielleicht schon in der Realität unwohl fühlen – stellt auch das Abweichen des Spielers von seinem eigenen Geschlecht bei der Charaktererschaffung oft eine beinahe unüberwindbare Barriere dar. So schwerwiegend, dass es viele SL gibt, die derlei untersagen. Nun gilt hier Regel N°1: das Spiel muss allen Beteiligten Spaß machen. Wenn einem nun Geschlechtsabweichungen zwischen Char und Spieler, oder die Thematisierung von Liebe und Sex (evtl. inclusive expliziten Beschreibungen) eher Unbehagen oder gar Ärger bereiten, dann gehört es nicht in die Spielrunde. Über sowas sollte man allerdings vorher gesprochen haben. So, wie auch über die anderen wichtigen Konventionen am Spieltisch! Solche Konventionen sind aus meiner Sicht übrigens demokratisch festzulegen.

Ich bin tendenziell bei sowas eher experimentierfreudig und auch bereit, Seiten meiner Persönlichkeit rauszulassen, die im normalen Alltag keinen Platz haben, weil sie stören würden oder schlicht die meisten Menschen nichts angehen. Denn der Rollenspieltisch in meinem Hause ist in aller Regel ein geschützter Raum. Was hier passiert, bleibt hier, außer vielleicht in anonymisierter Form, um hier in meinem Blog Dinge erklären oder reflektieren zu können. Daher nie Klarnamen, Char-Namen oder sonstige Bezüge. Und ja, ich mache, sowohl als SL, wie auch als Spieler Rollenspiel für Erwachsene, wo solche Themen auch mal auf der Tagesordnung stehen. Und ja, ich habe kein Problem damit, wenn Spieler mit Chars anderen Geschlechts spielen, ihre eigenen Grenzen ausloten, bewusst (manchmal auch ironisch überzeichnet) mit Stereotypen experimentieren und alle dabei Spaß haben; genau, weil ich das eben auch tue.

Was mich bei solchen Diskussionen immer wieder irritiert, ist die Bigotterie. “NEIN, an meinem Tisch gibt’s keine Geschlechtsverdreherei, keine Liebelein und keinen Sex. Das ginge zu weit!”. Aber dann wird am laufenden Meter rumgeschlachtet und auch gerne beschrieben, wie weit das Blut wohl spritzt. Erinnert an amerikanisches Kino: Splatter bis zum Abwinken, aber wehe irgendwo ist auch nur ein Nippel in Sicht… Vielleicht wäre es an der Zeit, im Rollenspiel anstatt dauernd über Rassismus und wie man diesen vielleicht aus seinen Publikationen heraus bekommt erst mal über Gleichberechtigung zu reden? Über die Frage, wie viele solcher verdrehter Stereotypen immer noch in den Köpfen von SLs stecken? Denn zweifelsfrei ist Pen’n’Paper – dem Schicksal sei Dank – viel diverser und weiblicher geworden, als es das in meinen Anfänger-Jahren war (zur Info, ich zocke seit 1989). Aber zu echter Gleichberechtigung fehlt immer noch einiges.

Nochmal: man kann als Spieler, wie auch als SL Stereotypen gerne verwenden, wenn man das bewusst tut, es für die Dramaturgie notwendig ist und sich alle am Tisch damit OK fühlen. Es gibt dabei definitiv ein ZUVIEL und das muss jede Runde für sich ausloten. Aber es fühlt sich für mich heutzutage manchmal so an, als wenn die Rassismus-Diskussion auch im Rollenspiel manchmal mit zu viel Dogma und zu wenig Augenmaß von Leuten befeuert wird, die “woke sein” zu einer Ersatzreligion befördern wollen. Und das killt u.U. das lustvolle Spielen mit Stereotypen, die Grenzüberschreitung durch Char-Persönlichkeiten und damit einen Teil des Spiels der mir wichtig ist. Denn letztlich ist Rollenspiel immer auch das Ausloten der Untiefen des eigenen Selbst. Jeder meiner Chars repräsentiert einen, oder mehrere Teile meines Selbst, die ich im Alltag niemals ausleben könnte, weil es entweder viele Menschen irritieren oder aber justiziable Taten nach sich ziehen würde. Und das möchte ich nicht missen müssen, weil manchen Menschen die Fähigkeit zum Blick über den Tellerrand fehlt. In diesem Sinne – always game on!

What about Dystopia…?

This morning I stumbled upon an article in the “Süddeutsche Zeitung”, which was referring to the desastrous release of the action-rpg “Cyberpunk 2077”, combined with the question, where one could find fresh dystopias? The author expressed his belief, that cyberpunk as a genre is old and therefore not relevant anymore. Well, everybody is entitled to his/her individual opinion, aren’t they. But I beg to differ!

One might complain the faulty unfinishnedness of “Cyberpunk 2077” as a tech product, which has been highly anticipated by many people for years now. And, regarding that aspect, the developers of the game, polish “CD Studio RED” truly failed on an epic scale. The game as is can be called a construction site in beta status, but not a finished product. And herein – albeit you might call that an ironic turn of events – lies a reference to the nature of cyberpunk dystopia itself: the game failed for the fans, because big money wanted as early a release as possible to generate profit from 2020 christmas sales. The corporation dictated the business framework and the developers are now being blamed for the poor outcome of the action taken. And despite all the online shitstorms, the strategy seems to work out at least economically. We’re speaking of 13 Million copies sold within just two weeks!

But the author of the article keeps on complaining about the weak tech and the visual aspects of the game, which – in his eyes – simply reproduct a distorted version of a bygone era: the 80s! And there you can see the shortsightedness of the aforementioned articles author regarding the nature of cyberpunk as a genre. The works of William Gibson, Neal Stephenson and for sure Philip K. Dick envisioned worlds, where capitalism in it’s final stadium had taken grasp of anything – even human emotions. That the author of the article refers to Mark Fisher, better known to the net-society as “k-punk” – an eloquent, renowned criticist of capitalism and popculture – for me is a second ironic turn; as Fisher has been pointing out, that capitalism in it’s actual form can only exist in the present. It can have no future, as a future would mean a change of the system. Cyberpunk is a most gruesome dystopian vision, as it shows, where an unchained capitalism could lead us. But the only thing, shortsighted people can (or want to) see, are neon lights and cyberware…

Now, don’t get me wrong: I know, that cyberpunk has been quoting itself for quite a while now. I pointed out at that myself quite a while ago. But so does capitalism. It’s always on the move to create new ways to cement it’s supremacy over our world; and subsequently the great social and economical inequality, it has created over the last one and a half centuries. Maybe there is no need for another dystopia? What could be accomplished by other dystopias? A better distraction from the status of our world and the fact, that – at least in a political and social sense – it doesn’t seem to be developing anymore? Or is the love for cyberpunk just a weird expression of the human wish, to have the power to return to “the good ol’ times”. Whenever I skim the internet, I read tons of comments in which people are telling, they wanted a time-machine, so they could go back to the 80s. What a marvelous time that has been…

In a sense the 80s must have been a simpler time than nowadays for some people. They had clear ideas of friends and foes, a simple economic aganda and most people nor knew neither cared for the problems of the rest of the world. That social and economic inequality already existed then, as they do now, can diligently be overlooked. Cyberpunk as a genre took those late 70s and early 80s as a starting point and created a possible path of further development of societies. Those roots are everpresent. And for some people (for example me) this is a good thing, as every cultural phenomenon – although they develop over time – must be seen in the context of it’s wake. Cyberpunk developed under the impression of the early reaganism/thatcherism and the impact, these politics had on a great many people. Looking back I can easily understand, what about all this unchained capitalistic mayhem scared some people to the point, they created these dystopias.

For me, cyberpunk is more, than just a subgenre of science fiction, that I frequently use as a theme for my rpg-campaigns. It is also a constant reminder, to never give up on the fight for human rights and better political solutions to the worlds many problems. The little I can do about the status of our world is being done. For example while writing this text; because I try to make people understand, that – to almost anything in life – there is more, than what you can see on the polished, neon-glitter-refelecting cyberware surface. Always remember, that even the most mainstream-looking imagery might have a hidden sense, you can only find, if you go searching for it. C U online…

Erwachsen bilden N°27 – Learning meets Gaming…

Ich habe angefangen eine Serie auf Netflix zu schauen, die sich mit der Entwicklung der Konsolen- und Computerspiele befasst: “High Score” weckte an einigen Stellen beinahe wehmütige Erinnerungen an vergangene Spielerfahrungen. Aber speziell die dritte Folge, welche sich mit Rollenspielen (hier speziell den Computer-Vertretern dieser Gattung) befasst, hat in mir ein paar Denkprozesse in Bewegung gebracht, die sich um die Frage drehen, warum wir eigentlich zocken und was das mit Lernen zu tun hat? Ich werde den Fragen in diesem Text zumindest ein wenig nachspüren…

“Sense of wonder”. Aus meiner Sicht ist es sehr schwer, diesen Begriff aus dem englischen treffsicher und vor allem sinnerhaltend zu übersetzen. Neulich fand ich auf Zeit-Online eine Umfrage zum Thema gefühltes und tatsächliches Alter. Ich nahm daran teil und meine Antworten zeichneten das Bild eines Kindskopfes. Zumindest ist das meines Wissens die umgangssprachliche Bezeichnung für jemanden, der seinen Spieltrieb niemals verloren hat und sich sogar redlich bemüht, dies nie eintreten zu lassen. Diese Mischung aus Neugier und gemeinsam überraschen-lassen-wollen (zumindest bei manchen Dingen), gemischt mit einem, gelegentlich an Fatalismus grenzenden Schulterzucken, wenn’s mal wieder nicht nach Plan gelaufen ist, korrelieren im Kontext des Big-Five-Model mit stark ausgeprägter Offenheit für Erfahrungen und Extraversion, sowie zumindest moderat ausgeprägter Verträglichkeit. Wahrscheinlich ist es das, was Menschen dazu bringt, sich nicht so alt zu fühlen, wie der Personalausweis es sagt…

Nun ist es so, dass, wenn man Hattie etwas Glauben schenken möchte, die Persönlichkeit des Lehrers ein wichtiger Faktor für den Erfolg pädagogischer Interventionen ist. Natürlich sind die Daten, auf denen seine Metastudie beruht, nicht mehr taufrisch, was dazu führt, dass der eine oder andere gerne darauf hinweist, dass wir uns die Themen E-Learning und Blended Learning noch mal anschauen müssen. Einverstanden. Allerdings sind die meisten Werke zum Thema Mediendidaktik, auf die man sich heute bezieht für das tatsächliche Design solcher Kursumgebungen nur begrenzt hilfreich. Erkenntnisse aus dem Arbeiten mit Printmedien in der Fernlehre wurden allzu oft beinahe ungeprüft auf New Media und Social Media transponiert. Und die wirklichen Aufgaben der Lehrperson bleiben im Dunkel. Content-Manager? Lernbegleiter? Trainer? Moderator? Beobachter?

Hier kommt nun der Gamer in mir ins Spiel. Meiner Erfahrung nach (das ist jetzt allerdings, wenn überhaupt, höchstens Ego-Empirie) funktionieren lebensnahe Erzählungen am Besten. Das Problem dabei ist Folgendes: in der Erwachsenenbildung setzt sich seit ca 20 Jahren nach und nach das Lernfeldzentrierte Unterrichten durch; ohne das je irgendwer ein echtes Theorie-Gebäude dafür entworfen, untersucht und validiert hätte, oder dass man den Unterrichtenden gute Handreichungen zur Umsetzung mitgegeben hätte. Wir wurschteln uns da trotzdem durch, weil die Erfahrungen uns ja Recht geben. Die Schüler sind jedoch aus dem allgemeinbildenden Schulwesen Fachsystematik gewohnt und fragen am Anfang verzweifelt nach dem roten Faden – und lassen sich in der Folge oft nur sehr schwer besänftigen.

Die Parallelen zum Rollenspiel sind interessant. Auch eine Gruppe von Spielern, deren Charaktere anfangen, ein neues Gebiet zu Erkunden, einem Geheimnis nachzuspüren, einen Gegner zu jagen, müssen zunächst herausfinden, welche Fragen man eigentlich stellen muss. Ich bin, wie hier schon öfter anklingen durfte, ein großer Freund der Mäeutik. Insofern macht es für mich wenig Unterschied, ob ich meinen Schülern im Unterrichtssaal eine Geschichte präsentiere, oder meinen Spieler am heimatlichen Wohnzimmertisch (etwas, dass ich dank Corona sehr vermisse…). Beide Situationen bauen auf einem Narrativ auf, in beiden Fällen muss ich die Teilnehmer dahin führen, die richtigen Fragen zu stellen und in beiden Fällen ist der Ausgang des Tages für mich vorher unklar, denn auch im Unterrichtssaal tauchen manchmal Fragestellungen und Wendungen auf, die ich nicht vorhergesehen habe.

Allerdings muss man auch die Unterschiede klar herausstellen: die intrinsische Motivation meiner Spieler ist auf einem ganz anderen Level, als die meiner Schüler, den Berufsschule ist halt doch eine Pflichtveranstaltung. Die Prämisse des Unterrichtes ist, den Schülern einen Zuwachs an Kenntnissen und Fertigkeiten zu vermöglichen, der in ihnen schließlich die nötigen Kompetenzen reifen lassen soll, gute NotSans zu werden. Am Spieltisch wollen wir einfach nur Spaß haben und zusammen eine Geschichte erzählen. Am Besten eine, an die man sich gerne erinnert. Vor allem die Motivationsdifferenz stellt für den Lehrer UND den Erzähler in mir ein Problem dar. Denn allen Unterschieden zum Trotz funktioniert in beiden Fällen das Narrativ nur, wenn alle (oder wenigstens fast alle) mitmachen, sich auf meine Erzählung einlassen, versuchen die richtigen Fragen zu finden – und diese irgendwann natürlich auch zu beantworten lernen.

Hier kollidieren “preußische Tugenden” wie Fleiß, Ordnungssinn, Gehorsam, etc. mit den modernen Erkenntnissen zum Lernen. Zweifelsfrei sind repititives Imitieren und Üben notwendig, um mechanistische Skills beherrschen zu lernen. Das Verständnis um die wahre Komplexität von Entscheidungsbäumen, die doppelte Handlungslogik, Ethik, Moral und die Notwendigkeit kommunikativen Könnens entsteht jedoch nicht durch bloßes Abschauen und stures Auswendiglernen / Nachmachen, sondern nur durch persönliche Erfahrung, soziale Erfahrung und Reflexion derselben. Vor allem die Fähigkeit, dabei auch die Standpunkte Anderer einnehmen zu können (also auch mal andere Rollen spielen zu können) ist dabei besonders wichtig. Und wenn ich mir nun die Entwicklung der Spiele seit den späten 70ern des letzten Jahrhunderts anschaue (siehe erster Absatz), stellt sich mir die Frage, wie wir unsere Narrative und unsere szenischen Inszenierungen derselben besser gestalten können?

Um es an dieser Stelle deutlich zu sagen: es geht NICHT um Kuschelpädagogik! Es geht darum, in meinen Schülern den gleichen “Sense of wonder”, die gleiche Neugier zu wecken, wie ich sie erlebe. Denn nur, wenn ich sie richtig motivieren kann, funktionieren meine Geschichten – genau wie am Spieltisch. Und das erfordert manchmal eine spielerische Herangehensweise, die dem Entwerfen eines Rollenspielszenarios durchaus ähnelt. Übrigens ähnelt auch das Wachstum der Schüler dem von Charakteren; nur dass ich im Lehrsaal am Ende eines Tages keine Erfahrungspunkte vergebe. Die Leveln dort auf anderer Weise. Ich stelle am Ende dieses Posts fest, dass ich noch ein wenig tiefer in diese Materie eintauchen muss. Darum gibt’s die Tage noch einen weiteren Teil. In diesem Sinne: always game and teach on!

Der verwirrte Spielleiter #28 – …und was ist mit dem Regelwerk?

Tja… wenn ich das so genau wüsste. Regelwerke für Pen’n’Paper gibt es ja wie Sand am Meer. Manche sind bekannter (D&D5E), andere fristen eher ein Nischendasein, wobei die Wahrnehmung der Spieler und Spielleiter, welche solche “Independent RPGs” nutzen, ja auch eine ganz andere sein kann (unseres ist das BESTE… 😉 ). Auf welche Art ich die (verdrehte) Realität einer Spielwelt darstellen möchte, ist letzten Endes eine Frage des persönlichen Geschmacks; und eine, welche Spieler und SL gemeinsam beantworten sollten. Denn tatsächlich gibt es für jeden Spielstil passende Regel-Mechaniken, die sich allerdings wiederum für andere Dinge nicht so gut eignen. Wenn ich eine rasante Story, cineastische Stunts und absolute Over-The-Top-Chars haben will, dafür aber wenig auf Realismus gebe, eignet sich zum Beispiel ein Tabellenmonster wie Rulemaster eher nicht. Für die aufwendige Simulation einer Schlacht hingegen macht Fate-Core eher wenig Sinn…

Womit wir schon bei einem grundlegenden Problem wären: Spielstil. Welches Zocker-Schweinderl hätten’s denn gern? Problem ist vielleicht die falsche Bezeichnung, weil natürlich alle das Recht haben, ihre Wünsche an Rollenspiel verwirklich sehen zu wollen. Ein Problem wird daraus erst dann, wenn man sich am Tisch nicht auf eine Linie einigen kann, mit der alle zufrieden sind. Es ist, wie in dem oben verlinkten älteren Artikel schon ausgeführt, höchst unwahrscheinlich, dass – selbst bei einer kleinen Gruppe mit max. 3 – 4 Spielern – alle am Tisch die gleichen Wünsche oder die gleiche Herangehensweise an Rollenspiel haben. Folglich bin ich als SL immer am ausbalancieren und rumprobieren und schaue dennoch immer wieder in enttäuschte Gesichter. Man kann versuchen, dem die Schärfe zu nehmen, indem man gleich am Anfang über Wünsche, Ziele, Prämissen, etc. spricht. Habe ich selbst oft genug vergessen. Manchmal lassen sich die Spieler aber auch mit Absicht ins kalte Wasser werfen. Da muss man als SL aber sehr darauf achten, alle am Tisch fair zu behandeln. Und akzeptieren lernen, dass die ausgeübte und die wahrgenommene Fairness nicht immer das Gleiche sind…

Zum Teil glaube ich, kommen die Probleme daher, dass Menschen, die sich die ganze Woche über mit hochkomplexen Problemen herumschlagen müssen einfach keine Lust haben, für das Hobby am Wochenende nochmal ganze Enzyklopädien zu lesen; will heißen, manche Regelwerke sind vielleicht einfach zu kompliziert. Sie machen, zumindest subjektiv, den Erzähl- und Spielfluss langsamer, denn sie führen zum regelmäßigem Blättern in Büchern und in der Folge zu obskuren und manchmal auch unfairen SL-Entscheidungen hinsichtlich der Auflösung dieser oder jener kritischen Situation. Ist mir als SL schon passiert, sieht man aber auch bei anderen auf dem heißen Stuhl (SL-Sessel) mehr oder weniger regelmäßig; was es allerdings nicht besser macht!

Natürlich spielen auch noch andere Faktoren eine Rolle, wie etwa die gewünschte Immersionstiefe des Spielers, die Tagesform, das angestrebte Action-Level / die Stunt-Lastigkeit der Abenteuer, der Anteil an Charakter-Interaktion und noch so ein paar Kleinigkeiten. Aber spätestens in dem Moment, da bei kritischen Situationen häufiger in Büchern gelesen, als über die Char-Aktionen gesprochen und gewürfelt wird – ich meine da Regelwerke, nicht die SL- oder Spieler-Aufzeichnungen, denn auch ich kann mir nicht jedes Detail meiner Erzählungen ohne Gedächtnisstütze merken – leidet, wie neulich beschrieben auch das Pacing. Und das ist ein Problem, denn hierbei verschenke ich unnötig möglichen Spielspaß für alle Beteiligten am Tisch.

Man könnte jetzt wohlfeil sagen “Dann lernt euren Scheiß halt vorher, dann müsst ihr nicht soviel blättern!”. Ich bezeichne die Aussage deshalb als wohlfeil, weil a) Menschen, wie bereits gesagt nicht immer die Zeit und die Nerven haben, sich so tief mit der Materie zu beschäftigen, wie manch selbsternannter Hochleistungszocker, aber dennoch spielen wollen und b) manche Regelwerke sich wirklich Mühe geben, relevante Informationen gut vor dem Zugriff durch Befugte zu schützen… Gelegentlich kommt noch dazu dass c) Spielrunde, Setting, Regelwerk und die oben beschriebenen anderen Faktoren vielleicht einfach nicht zusammenpassen? Das kommt in den besten Spielrunden vor und betrifft, sofern’s der Fall ist, sowohl Spieler als auch SL. Dann gibt’s nur eine Lösung: so lange an den Faktoren drehen, bis etwas Brauchbares dabei rauskommt.

Ich habe eine duldsame Spielrunde. Die lassen sich von mir viel gefallen. Und doch ist mir aufgefallen, dass unser Pacing manchmal wesentlich besser sein könnte. Also habe ich mal gefragt, wie die Spieler denn zu dem bei uns bespielten Homebrew-System stehen? Ich hätte ja jetzt gedacht, da kommt was zu Tage. Aber anscheinend mögen sie’s – wenngleich eingeräumt wurde, dass man sich an manche Sachen erst gewöhnen musste – mittlerweile sogar. Und jetzt weiß ich auch nicht so recht… ich habe mir in den letzten Tagen ein paar Gedanken zu einem schlankeren System gemacht, ‘n bisschen mit Zahlen gedrudelt und Tabellen geschrieben. Für’s Erste war die Mühe wohl umsonst. Wenn es aber nicht das Regelwerk ist, dass uns manchmal fast zum Stillstand kommen lässt, was ist es dann? Vermutlich bin ich manchmal selbst abgelenkt; was ein SL eigentlich nie sein sollte. Ich denke, ich werde die nächste Sitzung etwas aufmerksamer beobachten müssen. Wir werden sehen.

Welche Probleme habt ihr denn in euren Runden so mit Pacing? ich würde mich echt mal freuen, wenn jemand tatsächlich mit mir in Kontakt tritt. Ansonsten – always game on!

Der verwirrte Spielleiter #27 – Wie schnell ist zu schnell?

Es ist schon fast eineinhalb Jahre her, dass ich mich mal mit Pacing befasst habe; ich kam damals zu der Konklusion, dass man mit den richtigen Stellschrauben die Wünsche der Spieler und die Notwendigkeiten der Geschichte miteinander in Einklang bringen könnte. Pacing bedeutet für mich, die Rhythmik einer Geschichte bewusst zu steuern, ohne dabei die Spieler-Agenda überschreiben zu wollen. Is ‘n schwieriges Feld, so viel kann ich sagen. Nun habe ich heute morgen bei Guy Sclanders (er hosted “How to be a great gamemaster” auf Youtube) ein Video angeschaut. Und was er zu sagen hatte, deckt sich in der ersten Hälfte durchaus mit meinen Ausführungen von 2019. Gegen Ende des Videos macht er allerdings Zeitangaben, die ich problematisch finde.

Präzise geht es um Standard-Zeitvorgaben für Action-Encounters (Kämpfe), und vor allem für die Character-Interaction-Anteile. Grundsätzlich hat er nicht Unrecht, wenn er sagt, dass Spielgruppen sich manchmal um sich selbst zu drehen beginnen und dann nicht zu Potte kommen, weil sie (unnötigerweise) diskutieren, anstatt zu agieren. Für mich als SL ist das auch nur manchmal amüsant. Ich bin allerdings, im Gegensatz zu Guy, nicht sofort bereit, die Angelegenheit per SL-Aktion zu beschleunigen. Natürlich ist es manchmal schwierig, zusehen zu müssen, wenn das gleiche Thema noch mal und noch mal und noch mal durchgekaut wird. Insbesondere, wenn eigentlich jedem klar sein könnte, dass Pen’n’Paper sehr häufig vom vom “Plan X” vorangetrieben wird. Vor allem als Spieler kriege ich bei ausufernden Planungs-Sitzungen die Krätze.

Auf mich als Spieler komme ich nachher noch mal zurück, doch als SL bin ich nun an einem schmalen Grat: was ist noch legitime Charakter-Interaction und was unnötige, weil für alle zeitraubende Player-Interaction? Ich möchte beides bewusst unterschieden wissen, denn meistens ist es die Player-Interaction, welche die Probleme macht. Pen’n’Paper ist ein soziales Spiel und soll das auch sein. Aber ab einem bestimmten Punkt muss ich zwischen Charakter-Agenda und Spieler-Agenda unterscheiden, sonst spiele ich nämlich im Spiel irgendwann keine Rolle mehr, sondern nurmehr mich selbst. Das passiert bei Runden, bei denen es keine standardisierte Konvention hinsichtlich In-Character-Acting und Out-Character-Acting gibt, ziemlich leicht. Ich nutze am Tisch solche Regeln nicht – und manchmal ist das ein Fehler!

Die Spieler wechseln dann zu oft zwischen In- und Out-Char hin und her und vermischen dabei vollkommen automatisch Spiel- und Meta-Ebene. Komme ich aber zu oft und zu weit auf die Meta-Ebene, entsteht kein Spielfluss mehr – oder anders gesagt: mein Pacing ist im Arsch! Natürlich ist es so, dass man das als SL irgendwann einfangen muss. Die Frage, welche sich stellt ist allerdings: WANN? Eine Runde, bei der ich In-Character bleiben muss, solange ich am Tisch sitze, wäre mir persönlich zu anstrengend. Denn natürlich gehört das Meta-Gelaber genauso zum Spiel, wie meine (hoffentlich) bewegende Ansprache an den Drachenkönig… Und ich wage jetzt einfach mal zu behaupten, dass die In/Out-Char-Grenze nicht nur fließend ist, sondern von Spieler zu Spieler und Gruppe zu Gruppe unterschiedlich! Womit die oben erwähnten Standard-Zeitvorgaben obsolet werden.

Ich lasse meinen Standard-Spielern in dem Kontext meistens eine ziemlich lange Leine – mit dem Ergebnis, dass ich sie dann manchmal doch durch SL-Handeln zum Agieren antreiben muss. Ich zahle diesen Preis allerdings ganz gerne, weil dadurch nicht selten eine höchst bemerkenswerte – weil tiefe – Character-Interaction entsteht. Und die ist nicht nur für mich das Salz in der Pen’n’Paper-Suppe. In der Hinsicht wäre ich von Guys Standpunkt aus vermutlich also kein “Great Gamemaster”; is mir aber wurscht. Der Spieler in mir ist da allerdings etwas ambivalenter unterwegs. Wie gesagt: Planungs-Sitzungen, die kein Ende finden wollen, sind mir ein Graus, weil am Ende aller Planung eh in 99% aller Situationen irgendwer irgendwas kritisch verkackt und damit der Rest des Plans für den Popo ist… et voilá: Plan X! Einfach mal machen und schauen, wie weit man kommt. Sich mal mit Wucht durch die Action bullshitten macht nämlich Spaß. Also, mir zumindest…

Was jedoch mitnichten bedeuten soll, dass mir Character-Interaction keinen Spaß machen würde. Das Gegenteil ist der Fall! Allerdings nur, wenn nicht gerade irgendwelche kritischen Pläne geschmiedet wurden und dann jemand anfängt, ein bereits fertig beschriebenes Detail noch mal diskutieren zu wollen. Keine Frage – kein Schlachtplan war je perfekt, aber wenigstens haben wir einen, OK! Und Sunzi wusste schon, dass eh so gut wie kein Plan die erste Berührung mit dem Feind übersteht. Also immer schön locker und zur Improvisation bereit bleiben. Ach – und habe ich schon mal gesagt, dass mich Spielleiter nerven, die “NEIN” sagen, wenn ich irgendwelchen absurden Ideen auskoche? Gebt euren Spielern die kleine Chance auf ein enormes Erfolgserlebnis. In vielen Fällen scheitern solche Stunts sowieso, aber allein der Versuch ist geil, denn man kann auch cineastisch scheitern und Spaß daran haben. In diesem Sinne – always game on!

Der verwirrte Spielleiter N°26 – Weekend Warriors

Ambivalenz ist ein Gefühl, dass ich aus mannigfaltigen Gründen gut kenne. Nachts mal aufzuwachen und sich zu fragen, welche Entscheidung nun die Richtige ist, eine Sache fortzuführen, obwohl man sich nicht sicher ist, dass einen das irgendwo hin bringt, ständig zwischen Polen hin- und hergerissen zu sein; wahrscheinlich ist das Meiste davon einfach nur typisch menschliche Fehlleistung, das macht die Intensität allerdings nicht unbedingt besser erträglich. Bezogen auf mein Berufsleben ist das der Normalzustand. Nun bin ich allerdings in letzter Zeit immer häufiger auf ein Phänomen gestoßen, dass ich bisher nicht kannte: mein Hobby N°1 – Pen’n’Paper – erlebt einen, vor allem von den sozialen Medien mitgetragenen Boom, den ich nie für möglich gehalten hätte.

In meiner Jugend war eine allzu intensive Beschäftigung mit dem Fantastischen die sichere Fahrkarte nach Nerdistan; zumindest in den Augen der Anderen. Heutzutage schreibt sich ja Hinz und Kunz gerne selbst zu, ein Nerd zu sein, weil es seit “The Big Bang Theory” irgendwie hip geworden zu sein scheint. Hierzu eine Anmerkung: ich war seit mindestens 1989 zertifizierter Nerd, also 18 verf****e Jahre, bevor dieser Mist ins Fernsehen kam; schreibt euch also gefälligst hinter die Ohren, dass Nerd in meiner Jugend kein Ehrentitel war, sondern eine fremdattribuierte Pejoration. Ich habe mein Rollenspiel trotzdem geliebt und tue es noch heute.

Nun hat sich die Welt in den letzten 31 Jahren in mehr als einer Hinsicht ziemlich verändert und heute sind insbesondere D&D 5E oder sein Halbbruder Pathfinder ziemlich beliebt. Ich habe neulich sogar gesehen, dass man online einen Schreib-Workshop für die Abenteuer-Entwicklung kaufen kann. Und da war ich dann raus, denn wer SL sein möchte, ohne sich die notwendige Zeit nehmen zu können oder zu wollen, um das Geschichtenerzählen von Grund auf zu lernen, der/die sollte es – pardon, wenn ich das hier mal in aller Deutlichkeit sage – bleiben lassen. Inspiration kann man zwar nicht zwingen. Wohl aber kann man seine Fantasie anregen und seine Schreibfähigkeiten trainieren, ohne dazu einen albernen Ratgeber kaufen zu müssen. Denn wer das Netz durchsucht, findet tonnenweise Ideen und durchaus hochqualitative Ratschläge für lau. Zum Beispiel hier…

Ich möchte zugeben, dass ich den Boom zunächst witzig fand. Mittlerweile bin ich da etwas reservierter geworden. Nicht etwa, weil ich was gegen Newbees hätte. Das Gegenteil ist der Fall. Ich glaube jedoch, teilweise einen qualitativen Rückschritt hin zu mehr Wargaming und weniger Charakterplay ausmachen zu können. Bevor jetzt jemand wieder denkt, ich hätte etwas gegen Action im Pen’n’Paper: fragt meine Spieler. Deren Chars bekommen regelmäßig eine vor den Latz. Es darf nur nicht zum Selbstzweck geschehen, sondern soll ein Movens der Geschichte sein. Und da habe ich bei den Berichten der ganzen Weekend-Warrior-Zocker so meine Zweifel. Ich meine… Rollenspiel SOLL Eskapismus sein, es SOLL Spaß machen und es SOLL eine soziale Angelegenheit sein. Dann erfüllt es seinen Zweck. Nun ja, vielleicht bin ich einfach schon zu lange SL, um einfache Geschichten mit hohem Hack’n’Slay-Faktor noch mögen zu können. Zurück zum Ur-D&D mag ich auch aus anderen Gründen nicht gehen. Das hat mir damals schon keinen Spaß gemacht.

Ich habe mich schon immer gefragt, wieso man Kampfregeln so unfassbar kompliziert und langsam machen muss? Hier noch Modifikator für dies und dort noch eine Spezialfähigkeit, die nur diese Charakterklasse haben darf? Wozu? Um die Leute zum Teamplay zu zwingen? Kleiner Tipp vom Pädagogen: so funktioniert das nicht! Mein eigenes System ist sicher auch nicht der Weisheit letzter Schluss und weist, wenn ich die letzte Sitzung mal Revue passieren lasse noch so einige Balanceprobleme und andere Schwächen auf. Dennoch funktioniert es schnell, hart und dreckig, ohne dabei cineastische Stunts zu verhindern, wenn diese denn gewünscht sind – so wie Kampf im Rollenspiel halt sein soll. Wie in einem schönen Action-Flic.

D&D 5E jedoch kann seine Erbe (Chainmail und Ur-D&D) an vielen Stellen kaum verleugnen. Und dieses Erbe heißt Wargaming. Wenn es den Leuten denn Spaß macht, soll es mir Recht sein, mein Ding ist das allerdings nicht. Wahrscheinlich ist das auch einer der Gründe, warum ich mit dieser ganzen Publicity fremdele: die ganzen Newbees machen subjektiv mal eben 25 Jahre Entwicklung des Genres zunichte. Und dieses ganze “Ich-bin-jetzt-auch-ein-Nerd”-Gefasel entwertet irgendwie ein wenig meine persönlichen Jugenderfahrungen. Schwamm drüber. Ich mache einfach weiter mein Ding, Matt Mercer macht weiter sein Ding und die Firma, der das D&D-Franchise jetzt gehört, macht auch ihr Ding – und dabei jede Menge Kohle. Wo ist der Independent-Core meines Hobbies N°1 nur geblieben. Ich glaube, ich gehe den jetzt mal suchen. In diesem Sinne: always game on!

Der verwirrte Spielleiter N°25 – Dysfunktional – im Dutzend billiger!

Ja, ja, Charaktere müssen eine gewisse Tiefe haben, brauchen ein bisschen Geschichte, die als Aufhänger für den Einstieg in verschiedene Abenteuer dienen kann und sollten keine Dutzendware sein. Warum zum Teufel sind dann gerade die gebrochenen, getriebenen, traumatisierten – mit einem Wort dysfunktionalen anscheinend im Dutzend billiger zu haben? Die Großmutter hat deinen Char zusammen mit dem bösen Wolf missbraucht und deswegen ist dein Rotkäppchen eine männermordende Lolita? Schneewittchen hat zulange unter Glas gelegen und ist darum jetzt shoppingsüchtig? Prince Charming wurde in der Stadtwerbungsagentur von “Ganz weit weg” zusammen mit dem gestiefelten Kater erwischt und wurde aus Scham Stricher? Der dumme Hans hatte irgendwann von Gretel die Schnauze voll und ist nach dem ersten Kill auf den Geschmack gekommen?

Ach du liebes Lieschen. Ich kann’s nicht mehr hören. Zuerst gab es Charaktere, die so eindimensional waren, dass man genauso gut drei mal denselben zum Spielen mitbringen konnte, es wäre eh keinem aufgefallen – nicht mal dem Spielleiter. Dann wollten angeblich plötzlich alle Geschichte anstatt Gemetzel. Die Backgroundstories wurden ausgefeilter, die Chars als Spielfiguren plastischer, lebendiger, interaktiver. Man spielte nun miteinander, anstatt nur gegen das Dungeon des Spielleiters. Allright! Dann kamen die ganzen anderen Settings. Die Monster, die man vorher nur erlegen durfte, wurden nun spielbar. Spieler begannen tatsächlich, sich mit der Frage auseinander zu setzen, wie die Gefühlswelt von Vampiren aussehen könnte. Und kamen auf den Geschmack. Charakterplay war auf einmal “in”…

War das jetzt polemisch? Vielleicht. Aber wenn ich mich heutzutage umsehe und umhöre, scheint es fast ein wenig so, als wenn manche Menschen im Pen’n’Paper den Spieltisch als Ort der Psychohygiene missbrauchen. Versteht mich nicht falsch: ich bin der Letzte, der irgendeinem Spieler einen Char nicht zulässt, weil die Hintergrundgeschichte etwas überzogen wirkt, oder weil’s mir so vorkommt, als wenn der Spieler seinen Char bewusst punishen möchte, um irgendwas zu kompensieren. Ich mach sowas ja manchmal auch. Aber spätestens, wenn die ganze Gruppe aus gequälten, gejagten, kaputten und irgendwie soziopathisch angehauchten Knalltüten besteht, wird’s schwierig. Denn welchen Grund sollten 3 – 5 suicidal loners haben, zusammen auf ein Ziel hin zu arbeiten…?

Ich werde nicht in Abrede stellen, dass an einem Spieltisch mit Erwachsenen auch erwachsene Themen behandelt werden, dass dort Geschichten eine Rolle spielen, die ihren Bezug zur Lebensrealität der Teilnehmer oft nur sehr mühsam leugnen können und das Pen’n’Paper auch mal ein bisschen Therapie spielen darf, weil Eskapismus durchaus ein Ventil für die angesammelte Alltagsfrustration sein kann und soll. Aber vielleicht wäre gerade aus dem Grund eine klassische Runde mit ein paar strahlenden Gestalten eine echte Abwechslung? Insbesondere unter dem Aspekt, dass man sich ja vielleicht mal besser, stärker, würdiger fühlen möchte, als dies im normalen Leben der Fall ist? Ich fühle mich jetzt nicht schlecht, aber ein wenig mehr Glamour wäre manchmal schon nicht zu verachten…

Und das alles mir, der ich so gerne eher die sinistren Typen spiele. Diebe, abgehalfterte Agenten, zweifelhafte Künstler und ähnliches lichtscheues Gesindel stellen einen nicht unerheblichen Teil meiner Charaktere. Aber irgendwie mag ich es, wenn dennoch ein Ton der Leichtigkeit, ein lebensbejahendes, das eigene Schicksal annehmendes Element die Rolle bestimmt, wenn ich Rampensau sein und die Welt mit jener bösartig-ironischen Leichtigkeit kommentieren darf, die mir im wahren Leben aus mannigfaltigen Gründen oft versagt bleibt. Ich mag deftige One-Liner, hintersinniges Geplauder und Savoir-Vivre. Ein bisschen kaputt dürfen sie ja meinetwegen sein – aber es darf mir nicht die Chance nehmen, als Schelm agieren zu können. Sonst macht mir das Spiel keinen Spaß.

Ich habe festgestellt, dass das gute, feine Kind aus anständigem Haus für mich genauso wenig funktioniert, wie das vollkommen fertige Psycho-Wrack. Ich brauche Grenzgänger mit Spaß an der Sache. Vielleicht bin ich deswegen manchmal auch als SL leicht angenervt, wenn ich das nächste dysfunktionale Charakterkonzept vorgelegt bekomme. Die dürfen ja gerne mitmachen, sollen sich aber bitte hinterher nicht beklagen, wenn es mir dann zur sportlichen Herausforderung wird, die spielerseitig abgelieferte Dysfunktionalität mit dem Vorschlaghammer zu beheben. Denn ich finde Antihelden auf Dauer genauso langweilig, wie dieses unerträgliche Superman-Gesocks. Vielleicht wird die nächste Runde, in der ich mal wieder spielen darf ja richtig gut.

Ach ja, dieses Wochenende haben wir mein aktuelles Projekt, ein Arcana-Spaceopera-Cyberpunk-Crossover weiter gespieltestet; und was soll ich sagen? Ich hatte meinen Spaß. Ist aber auch nur ein Psycho-Wrack dabei. Da kann ich mit umgehen. Daher: always game on!

Der verwirrte Spielleiter N°24 – Abenteurer-Urlaub?

Ich bin heute beim Chillen und Surfen (natürlich im Netz, nicht auf dem Wasser, dazu wäre es mir selbst mit nennenswerten diesbezüglichen Fertigkeiten und einer Neopren-Pelle, die überdies an mir wenig sexy aussähe etwas zu frisch) über einen Beitrag gestolpert, bei dem ich erst mal stutzte: “A day off for Adventurers?”. Nachdem der Autor sich eine ganze Weile über die historische Entwicklung der Freizeit als gesellschaftliches Phänomen ausgelassen hatte, kam er dann zu seinem eigentlichen Punkt: nämlich, wie man “Freizeit-Abenteuer” für Pen’n’Paper-Charaktere entwickelt und gewinnbringend in seine Kampagnen einbaut.

Ich hatte damit begonnen das zu lesen, weil ich in dem Moment gerade eine, dem Urlaub angemessene, halb-aufmerksame Langeweile pflegen wollte; und endete mit der Frage, wieso er so viel Gewese um den Umstand macht, dass Chars auch mal ‘ne Auszeit brauchen könnten? Viel interessanter wäre doch die Frage gewesen, ob unsere Chars das was sie tun, nämlich Abenteuer erleben (weil wir als Spieler das so wollen) eigentlich als Job, als Bürde, als Berufung, als Fluch, als Schicksal oder doch selbst gewählt betrachten. Denn davon hängt, wie im wahren Leben auch ziemlich direkt ab, welchen Stellenwert Freizeit für sie hat und wie sie diese am liebsten verbringen.

Ich denke jetzt gerade an Spielrunden, die ich als SL orchestriere und solche, denen ich als Spieler beiwohne und kann nur sagen, dass die Wahrnehmung bezüglich des Phänomens “Freizeit” im Rollenspiel sehr variiert. Abhängig von Setting, Genre, Metaplot, etc. gab und gibt es Gruppen, die ultra-fokussiert auf Ziele hinarbeiten und deren Mitglieder einen feuchten Dreck auf Urlaub gäben, selbst wenn sie denn das Konzept überhaupt kennen würden. Und es gab und gibt ebenso andere Gruppen, welche die Ausschweifungen ihrer Chars auch gerne in play ausleben wollen. Ich mache bei sowas sowohl als Spieler, wie auch als SL dankbar mit, denn manchmal erweist sich so ein vermeintlicher Lückenfüller als exzellenter Aufhänger für die nächsten Fährnisse. Aber ich muss offen zugeben: so richtig Gedanken drüber gemacht habe ich mir noch nie.

Je länger ich nun allerdings darüber nachdenke, desto mehr komme ich zu dem Schluss, dass es wohl davon abhängt, ob man seine Chars tatsächlich als virtuelle Wesen mit einer kompletten Persönlichkeit wahrnimmt, oder eher doch nur als Spielfiguren, welche durch Zahlen auf einem Blatt Papier repräsentiert werden. Je mehr ich meinen Char fühle, desto eher werde ich Szenarien wie einer durchsungenen, durchfeierten , durchzechten, durchzockten, durchtanzten Nacht etwas abgewinnen können, selbst wenn sie die laufende Kampagne als solche zumindest vordergründig nicht unbedingt weitergebracht haben. Da nicht wenige meiner eigenen Chars Performing-Artists der einen oder anderen Art sind, wird das zumindest meine üblichen Mitspieler nicht sonderlich verwundern.

Ich versuche ja immer, den Sozialwissenschaftler in mir im Zaum zu halten, wenn ich über mein Hobby N°1 schreibe. Denn eine zu starke theoretische Durchdringung macht das Spiel nicht immer besser. Im Gegenteil kann man das, was man intuitiv richtig gemacht hat zerstören, wenn man es zu sehr analysiert und zerredet. Diese Aussage hat was mit Lebenserfahrung zu tun: Je älter man wird, desto mehr biografischen Ballast schleppt man mit sich herum; und das hemmt manchmal die Augen des Kindes, welche gerade für das Pen’n’Paper so unglaublich wichtig sind. Beginne ich nun aber, alles zu zerdenken, zerstöre ich dabei mit etwas Pech die Leichtigkeit und den Spaß des Spiels.

Und genau dagegen sind solche “Freizeit-Abenteuer” aus meiner Sicht eine ganz gute Medizin. Denn indem man sich und den anderen Spielern die Gelegenheit gibt, mit dem eigenen Charakter witzige, entspannende, ausgleichende (ja, meinetwegen auch mal prickelnde) Erfahrungen zu machen, entstehen in der Folge gute Gefühle gegenüber dem Char und dem Spiel als solchen. So eine Gelegenheit sollte man als Meister nicht unbedingt auslassen. Es sei denn, die Spieler wollen mit ihren Chars nur noch Party erleben. Dann mache ich ihnen Feuer unter dem Arsch. Aber üblicherweise ergibt sich sowas im Anschluss an eine konfliktreiche – eventuell auch Verlustreiche – Klimax ganz von selbst und reguliert sich danach auch wieder. Großartig durchdenken oder planen musste ich sowas bisher nicht. Wenn ihr aber aus sowas tatsächlich ein Abenteuer machen wollt, denkt an die Nexus-Vortex-Methode und an spannende NSCs. Dann wird alles gut. In diesem Sinne – always game on!

Der verwirrte Spielleiter N°23 – (E)skalieren gefällig?

“Ich klatsche dem Litch einen Meteoritenschwarm vor den Latz!”. “Mein Schwert +28 reißt den in zwei Hälften!”. “Nur 30 Eisriesen? Na ja, langt für’n paar EP…”. High-Level-Groups brauchen High-Level-Gegner! Ist doch richtig…oder? Ich würde sagen – jein! Aber fangen wir doch erst mal richtig an, die Szenerie zu setzen, bevor wir uns in Details verlieren, gelle?

Wie ich vor einer ganzen Weile im Rahmen dieser Reihe schon einmal schrieb, hat unser heutiges Pen’n’Paper seine Wurzeln im Tabletop-Wargaming, wo man Zinnfiguren-Armeen gegeneinander antreten ließ. Auch damals gab es schon das Würfeln zur Konfliktresolution, ein Wenig später spezielle Fertigkeiten und noch ein bisschen später wob man die Kämpfe in kleine Geschichten ein, die nach und nach größer wurden, um schließlich die Dominanz über das bloße Kämpfen zu gewinnen. Doch der Kampf als ultimative Lösung eines, wie auch immer gearteten Konfliktes blieb inhärenter Bestandteil fast jeden Spielsystems. Bis heute. Und wenn die allermeisten Spieler ehrlich sind, haben sie damit auch kein Problem.

Der moderate Nervenkitzel, den eine halbwegs ordentlich aufgebaute Geschichte durch den ihr zu Grunde liegenden Konflikt erzeugt ist es, wonach wir gieren; sowohl als Spieler, wie auch als SL. Als Spieler will ich natürlich wissen, ob meine Ideen, meine Einsichten, meine Handlungen – zusammen mit denen der anderen Charaktere – tatsächlich den Tag zu retten vermögen. Idealerweise haben die Spieler sich dabei zuvor abgesprochen, aber sehr häufig wird aus dem sorgsam aufgebauten Schlachtplan schnell der Plan X. Oder man hat von Anfang an so wenig Infos (entweder, weil man zu blöd war, an der richtigen Stelle zu suchen, oder weil die Herangehensweise zur Abwechslung mal etwas zu subtil und vorsichtig gewählt war), dass es zwangsläufig auf Schmierentheater und unverschämte Bluffs hinausläuft. Ist uns neulich passiert und war irgendwie auch ziemlich spaßig. Kein Ahnung, ob der SL das auch so fand, aber ich war hochzufrieden mit unserer Unterbindung einer Wahnsinnstat in Staatsstreichsgröße. Wie dem auch sei…

Jedenfalls kulminierte das Szenario etwas anders als gedacht und es wurde kurz blutig. Für meinen Char war’s gefühlt knapp. Weil ich zu blöd zum Ausweichen war. Ging trotzdem nochmal gut. Allem Spaß zum Trotze muss ich sagen, dass der Umstand, dass wir alle die Unausweichlichkeit der finalen Konfrontation als Konvention des Spiels begriffen haben mich im Nachhinein irritiert hat. Nun war der Gegner nicht als potentiell freundlicher Gesprächspartner beschrieben worden. Nichtsdestotrotz hat keiner mit Gewalt gezögert. Das verdient zumindest ein gedehntes “Hm…?” Bleiben wir bei diesem Gedanken und führen ihn konsequent fort, ist die Idee einer subtilen Vorgehensweise eigentlich immer zum Scheitern verdammt. Eine Schlussfolgerung, die ich nicht gut finde. Insbesondere, wenn man bedenkt, dass ich meinen Kindern beizubringen versuche, dass Gewalt kein legitimes Mittel der Konfliktlösung ist. Allerdings ist das reale Leben auch kein Rollenspiel und umgekehrt. Oder doch? Ach egal…

Man muss an dieser Stelle sagen, dass dieses Zusammentreffen von meinem Char nicht intendiert war, aber manchmal muss man’s nehmen, wie’s kommt. Wenn man aber solche physischen Auseinandersetzungen als legitime Höhepunkte eines Szenarios begreift, dann müsste man als SL irgendwann anfangen zu (e)skalieren. Denn die Chars werden natürlich (leider) mit der Zeit auch besser. Was uns nun zu der eingangs gestellten Frage bringt. Um es an dieser Stelle gleich vorweg zu nehmen: es gibt keine fertige Antwort, nur ein paar Anregungen, wie man über das Thema meditieren könnte.

Zunächst gehe ich nochmal zur Frage zurück, warum Kämpfe als Konvention des Spiels begriffen werden? Letzten Endes ist da wohl doch ein eher archaisches Bedürfnis in (vor allem männlichen) Vertretern unserer Spezies, welches wohl gelegentlich befriedigt werden will. Man muss es dem Zivilisations-Prozess hoch anrechnen, dass wir heutzutage dafür niemandem mehr wirklich weh tun müssen, wie das noch im alten Rom Gang und Gäbe war. Wir geben uns auch mit der Simulation von Gewalt zufrieden. Sei es nun Pen’n’Paper, unsere Spielkonsole, der Computer, Lasertag oder irgendeine andere Art der Action-orientierten Zerstreuung. Das passende Stichwort ist einmal mehr Eskapismus – etwas zu tun, dass man im normalen Leben nicht tun kann, will, oder darf. Und so lange niemand dabei ernsthaft zu Schaden kommt, will ich das mal als Legitimation gelten lassen.

Was nun das Skalieren angeht – eine Herausforderung bemisst sich nicht nur an den jeweiligen Statistika oder Fertigkeitswerten eines Gegners, sondern vor allem an dessen Cleverness, Ausnutzung des Terrains und der Schwächen der Chars, einem Aufbau des Szenarios, der die Chars nicht sofort alle Möglichkeiten ausschöpfen lässt, ohne sie jedoch in ihrer Entfaltung zu behindern. Zum Beispiel, indem ich sie auf unbekanntem Terrain gegen eine unbekannte Gefahr vorgehen lasse und erst nach und nach den Plan enthülle – wie es in einem gut gemachten Thriller auch passiert. Die Kunst, dabei weder eine (zu starke) Über- noch eine Unterforderung entstehen zu lassen ist reine Übungssache. Nicht immer muss ich dazu an der “Das-Monster-gibt’s-auch-in-größer”-Schraube drehen. Manchmal genügt auch eine leichte Modifikation, mehr Schein als Sein, um den Spielern (und ihren Chars) den Schweiß auf die Stirn zu treiben.

Noch ein letztes Wort zu High-Level-Chars – oder was auch immer das Äquivalent dazu in meinem Klassen- und Stufenlosen Regelwerk wäre: kann Spaß machen. Aber nur, wenn sie sich von der Pike auf hochgedient haben. Sich mal eben eine Gruppe aus High-Level-Chars zu machen, nur damit man Drachen jagen kann, finde ich persönlich ziemlich witzlos, denn letzten Endes ist es nur eine zentrische Streckung um den Faktor k. Das ist – mit Verlaub -wie in den Quellen-Büchern mancher RPG-Verlage, die mit x neuen Waffen, Rüstungen, etc. beworben werden. Es ist doch jedesmal wieder der gleiche alte Wein in halbwegs hübschen neuen Schläuchen. Wer’s kauft, ist selber schuld. Ich kann – sowohl als Spieler, wie auch als SL – auch mit blutigen Anfängern Spaß haben, wenn alle mitziehen und nicht plötzlich Dinge verlangt werden, die auf keinen Fall zu schaffen sind. Denkt mal drüber nach. in jedem – always game on!

Der verwirrte Spielleiter N°22 – roleplaying and racism

Es wäre gut, wenn man zunächst eine Unterscheidung trifft. Reden wir über Rassismus im Rollenspiel – also gegen bzw. durch die Charaktere? Oder reden wir über Rassismus durch Rollenspiel – also eine Stigmatisierung bzw. Benachteiligung von Spielern oder Dritten durch Aspekte des Spiels? Wenn es um den zweiten, gesellschaftlich relevanten Aspekt geht, kann ich nur mein, vor ein paar Tagen unter diesem Post getroffenes Statement wortgetreu wiederholen:

“Ach Herrjeh, wo fang’ ich an…? Gehen wir erst mal zu den neurophysiologischen Ursprüngen: Xenophobie – also die Angst vor dem Unbekannten – als eine unserer Basisemotionen ist im limbischen Cortex verankert und wird für uns, von der Amygdala im Mesolimbischen Cortex vermittelt, zu einem spürbaren Gefühl, dass wir zunächst nicht präzise einordnen können. Das soziale Framing ethnischer Gruppen, etwa durch Identitäts-Politik führt dazu, dass dieses zunächst nur diffuse Gefühl, welches daher rührt, dass wir das Fremde dank unseres Hominiden-Erbes primär als Gefahr einstufen allzu leicht in Abneigung oder gar Hass umdeuten und in der Folge anfangen, z. B. PoC zu stigmatisieren. Das betrifft andere Bevölkerungsgruppen, die soziale oder physische Merkmale außerhalb einer – z. B. von Menschen als völkische Zugehörigkeit definierten – Norm aufweisen genauso. LGTBQIA+-Personen etwa haben ja leider oft mit ähnlichen Problemen zu kämpfen. Dagegen anzugehen muss als gesamtgesellschaftlicher Prozess passieren und wird Zeit in Anspruch nehmen. Dass wir jetzt auch im RPG über das Thema nachdenken, ist natürlich und richtig. Die Frage, die jeder nur für sich individuell beantworten kann, ist die, inwieweit das Thema seine/ihre Spielrunden überhaupt tangiert und falls ja, ob es tatsächlich Spieler*innen gibt, die sich bei der aktuellen Art, damit umzugehen unwohl oder sogar benachteiligt fühlen? Hier kann eigentlich nur ein offenes Gespräch zur Klärung führen. Was nun das Individuelle angeht: auf Grund meines Alters und meiner Sozialisation würde ich davon ausgehen, dass ich zumindest früher einmal Alltagsrassist war. Es ist mir so vorgelebt worden und Kinder imitieren ihre Umwelt. Ein bewusstes Reframing, um die eigene Wahrnehmung des/der Anderen zu modifizieren ist allerdings ein umständlicher und langwieriger Prozess, der manchmal nicht die Ergebnisse erzielt, die man sich wünscht. Das sollte einem allerdings ein Ansporn sein, den Weg trotzdem zu gehen.”

Dem hier gesagten habe ich einstweilen nichts beizufügen. Wollen wir uns also stattdessen über Rassismus im Rollenspiel unterhalten, einverstanden? Jedem, der Pen’n’Paper mehr als ein paar Wochen spielt, ist bewusst, dass man bis heute auf Seiten der Game-Designer, speziell im Fantasy-Bereich gerne und häufig mit ethnischen Stereotypen hantiert hat: eilige Elfen, olle Orks, zwanghafte Zwerge, tranige Trolle, etc. Die dabei entstandenen Beschreibungen und Zuschreibungen waren vor allem dazu angetan, natürlich Feinde für die Spieler zu erzeugen, um ein gewisses physisches Herausforderungs-Level für die Charaktere erzeugen zu können, ohne dafür mehr als das “Monsterhandbuch” bemühen zu müssen. Ich selbst stehe da mehr auf Hausmacher-Drama. Der Mensch ist sich meistens ja selbst der schlimmste Feind; und der Umwelt gleich mit. Aber weil es halt geschmeidig war, so genannte Monster-R****n [ACHTUNG, heutzutage gefährliches R-Wort] zu haben, deren Mitglieder man den Spielercharakteren als Adversary of the week servieren konnte, war das über Jahrzehnte ein Standard. Experience to go, sozusagen.

Nun glauben wir heutzutage, ziemlich aufgeklärte Burschinnen und Burschen zu sein und wollen ja auch niemandem weh tun. Es ist ein Hobby, aber es genießt immer mehr Publicity, also müssen wir aufpassen, schön politically correct zu agieren, gell? Ich sach jetzt einfach ma: nö, muss ich nich! Im gegenteil halte ich es für absolut sinnvoll, Rassismus, wenn es sich ergibt, als Teil des Spiels zu benutzen. Selbst eine Second-Hand-Stigmatisierungs-Erfahrung hat tendenziell ihren Wert für das wahre Leben. Und davon ab stelle ich immer wieder fest, dass ein bisschen schwarz-weiß im Spiel noch keinem weh getan hat. Im Gegenteil verlangen Spieler gelegentlich sogar nach einer erkennbar dualistischen Struktur der Spielwelt, weil sie gerne mal jemanden mit Recht vermöbeln dürfen wollen, ohne dafür real-weltliche Sanktionen befürchten zu müssen. Jeder, der sich ab und an mal zum Pixeltöten vor seine Playse setzt, weiß genau, wovon ich rede: Eskapismus.

Und seien wir mal ehrlich: wir kommen doch üblicherweise zum Zocken zusammen, weil wir für eine definierte Zeit den Sorgen, Anforderungen und Problemen des Alltags entfliehen wollen; manchmal sogar entfliehen müssen. Man könnte jetzt natürlich argumentieren, dass die, in Spielsettings benutzten Stereotypisierungen lebensweltliche Analogien haben, die es u.U. vereinfachen, Handlungsmuster aus dem Spiel auf die Realität zu übertragen – womit wir wieder bei der leidigen “Ballerspiele machen Kinder zu Mördern”-Diskussion wären. Und ich sage einfach mal: für diese These gibt es bislang keine brauchbare wissenschaftliche Fundierung. Eher für das Gegenteil. Aber kommen wir zurück zum eigentlichen Thema: gefunden habe ich bei einer Recherche, ob Rollenspiel denn nun rassistisch macht ein Projekt, welches von der Antonio Amadeu-Stiftung unterstützt wird – und das Gegenteil bewirken soll….

Auf den Punkt – ich glaube, wir SL und Spieler täten gut daran, aller Selbstreflexion und allem wünschenswerten Wachstum als Menschen zum Trotze eines nicht zu vergessen: es ist nur ein Spiel! Und manchmal sollte man die Kirche im Dorfe lassen. Ohne Zweifel werde ich Rassismus gegen (Mit)Spieler nie dulden oder laufen lassen. Und ebenso zweifelsfrei steuere ich das sehr bewusst, wenn meine NSCs sich rassistische, chauvinistische oder faschistische Ideologie zu eigen gemacht haben und das im Spiel auf die Charaktere wirkt. In aller Regel ist es ja deren Auftrag, dem entgegen zu wirken. Und wenn die Spieler nun im Spiel selbst andere SCs oder NSCs stereotypisieren und stigmatisieren? Dann hängt der Ausgang einerseits sehr von den Prämissen des Settings ab. Andererseits muss für mich jederzeit erkennbar bleiben, dass zwischen Charakter und Spieler unterschieden wird und niemand wirklich etwas zu erdulden hat, was er/sie nicht will. Das magische Zauberwort hierzu lautet: Kommunikation!

Ich denke, dass meine Sichtweise gewiss davon beeinflusst wird, dass ich ein (mittel)alter weißer Sack bin, der mit Oldschool-RPGs aufgewachsen ist, dass ich dem Thema jetzt nicht so viel Brisanz entnehmen kann, wie manch anderer in der oben abgebildeten Diskussion das tut. Aber ich lasse mich durch wohl abgewogene Argumente gerne eines Besseren belehren. Einstweilen denke ich jedoch, dass es ganz clever wäre, wenn wir im Rollenspiel zwar gerne real existierende Probleme spielerisch abarbeiten können, uns dabei manchmal aber nicht zu viele Gedanken um den realen Meta-Kontext machen sollten. Das zerstört für viele nämlich das Spiel. Zum Beispiel für mich. In diesem Sinne: always game on… thoughtfully