Erwachsen bilden N°50 – Lesen bildet…?

Während einer Veranstaltung, der ich in den letzten Tagen beiwohnen durfte, beklagte sich ein Kollege zumindest ein bisschen darüber, dass er bei einigen seiner Schüler Qualität in der Lesekompetenz vermisse, was sich nachteilig auf den Erfolg der Ausbildung auswirken könne; immerhin müsse man sich ja mit fachwissenschaftlichen Texten auseinandersetzen, um größere Zusammenhänge durchblicken zu können. Das lies mich aufhorchen. Ich hatte vergangene Woche vor Praxisanleitern in Ausbildung meinen üblichen Vortrag gehalten über unsere Möglichkeiten, als in der Berufsbildung Tätige Lernkompetenzen der Schüler*innen zu entwickeln und/oder zu stärken. Und meine Ausführungen gingen (wie stets) in der Tat davon aus, dass die Auszubildenden schon über ausreichende Lesekompetenz verfügen würden. Offenkundig habe ich mich da jedoch getäuscht, was bedeutet, dass ich diesbezüglich noch mal ein paar Brikettts nachlegen muss. Immerhin weisen ja auch die aktuellen Studien darauf hin, dass man sich nicht darauf verlassen darf, dass das „Rohmaterial“, welches in unsere Einrichtungen strebt bestimmte – implizit in den Köpfen der Ausbildenden vorhandene – Voraussetzungen erfüllt… Man muss jetzt kein Genie sein, um zu verstehen, dass dieses Gap, welches sich hier auftut in der nahen Zukunft kein Einzelfallbefund bleiben wird; und dass daraus Konsequenzen für unser Handeln in der Berufsbildung abzuleiten sind.

Ich bin da jetzt in einem Zwiespalt: einerseits habe ich natürlich einen gewissen Anspruch an die mitgebrachten persönlichen Merkmale, wenn es an die Auswahl von Bewerbern für die Ausbildung geht. Und wir thematisieren diese idealtypischen Aspekte natürlich auch in der Weiterbildung zum/zur Praxisanleiter*in (Stichwort: Personalauswahl). Doch ich beginne an meinen eigenen Ideen zu zweifeln, denn einerseits wäre es vollkommen absurd, an evtl. nicht (mehr) erfüllbaren Voraussetzungen festzuhalten, andererseits verändert es die Herangehensweise an die Ausbildung als solche erheblich, wenn bestimmte sprachliche Kompetenzen, die für eine sinnvolle Auseinandersetzung mit den fachwissenschaftlichen Themen unseres Gewerkes schlicht notwendig sind, erst von uns geschaffen werden müssen, bevor wir diese nutzen können. Werden wir vielleicht in Zukunft – ähnlich einem Berufskolleg – mit den Bewerbern*innen erst Sprachqualifizierung betreiben müssen, bevor wir mit der eigentlichen Berufsausbildung beginnen können? Ich weiß es nicht, aber es erscheint nicht so unwahrscheinlich, dass sich hier in den nächsten Jahren so einiges tun muss. Vor diesem Hintergrund bin ich jetzt auch bereits daran, meine Unterrichtsvorbereitungen dazu zu überarbeiten. Und es ist ja auch nicht so, dass das Thema nicht an vielen Stellen angekommen wäre, wie die nicht unerheblich ironischen Ausführungen dieses Podcasters hier zeigen!

Es wäre mir allzu wohlfeil, jetzt wieder zu diesem – in den antisozialen Medien nicht eben selten anzutreffenden – Gen-Z-Bashing anzusetzen. Aber zumindest der Aspekt, dass der Umfang des Medienkonsums auf digitalen Endgeräten (Smartphones) vermutlich einen Einfluss auf die Modalitäten des (Schrift)Sprachgebrauches hat, lässt sich nicht von der Hand weisen. Nicht unbedingt auf die Aufmerksamkeitsspanne. Das darf man getrost weitestgehend als Legende abtun. Jedoch offenkundig auf Wortschatz, Orthographie, Satzbau, Interpunktion; und damit mittelbar auf die Fähigkeit, den semantischen Gehalt komplexerer Sprache schnell und präzise erfassen zu können. Ist man noch dazu kein Muttersprachler, und somit nicht per se in der Lage, sein übliches Sprachniveau ohne größere Mühe unterschiedlichen sozialen Settings anzupassen, wächst das Problem plötzlich zu erheblicher Größe an. [Anmerkung: auch so mancher Muttersprachler erreicht NICHT das Sprachniveau, welches man Muttersprachlern üblicherweise unterstellen möchte…] Wie man es auch drehen und wenden möchte – die resultierenden Probleme sind real und werden in den nächsten Jahren Arbeit verursachen. Insbesondere, weil ich keinerlei Spielraum sehe, etwas am Inhalt und dem damit einher gehenden Anspruch der Ausbildung abzuknapsen. Denn das liefe allen Bemühungen, das Berufsbild endlich als echte Profession mit zugehöriger Professionswissenschaft zu etablieren vollkommen zuwider. Und das KANN NICHT der Anspruch sein!

Ich stelle immer wieder fest, dass der in mir selbst vorhandene intrinsische Drang, sich mit verschiedensten Sach- und Wissensgebieten lesend auseinanderzusetzen bei meinen Nachkommen nicht im Ansatz so ausgeprägt ist, wie bei mir. Und ich weiß nicht präzise, woran das liegen könnte. Ich würde jedoch mutmaßen, dass der deutlich eingeschränkte Zugang zu anderen Medien meine, schon immer regelmäßig Amok laufende kreative Ader in diese Richtung hat laufen lassen. Da war halt über lange Zeit wenig anderes als Bücher, um meine Fantasie zu befriedigen; und ein in Kinder- und Jugendtagen erlernter Modus der Aneignung (wie bei mir eben das „klassische Lesen“) bleibt über die gesamte Biographie hinweg wirkmächtig. Irgendwann kam dann auch Fernsehen dazu. Mein erster Computer hingegen (ein Commodore C64, den ich mir von meinem Konfirmatonsgeld kaufte) eignete sich natürlich auch zum Spielen, regte aber vor allem meine Auseinandersetzung mit der Technik an. Basic- und Assembler-Programmieren habe ich mir selbst beigebracht. Internet hingegen gab es damals noch nicht. Das lernte ich erst Ende der 90er wirklich kennen. Meine Kinder hingegen hatten, genauso wie die meisten ihrer Altersgenossen schon früh Zugang zu digitalen Medien. Die beste Ehefrau von allen und ich hatten stets versucht, das zu bremsen und zu regulieren; mit ungefähr dem gleichen Erfolg wie andere auch. Was dazu führt, dass Lesen für die zwei nur eine Kulturtechnik von vielen ist; und nicht, wie für meine Gattin und mich DIE ERSTE UND WICHTIGSTE Kulturtechnik.

Das alles ist natürlich rein anekdotische Evidenz. Aber es scheint mir zumindest teilweise zu erklären, wo die oben beschriebenen Probleme herkommen. Denn wenn man Auswahl hat, ist Lesen definitiv nicht die attraktivste Option; es erfordert Ausdauer, Konzentration und ist somit anstrengend. Ist man nicht so sehr daran gewöhnt, tut man sich damit schwerer. Wobei man das nicht als Kausalbeziehung sehen darf. Die Wahrscheinlichkeit, Lesen geil zu finden sinkt jedoch mit der ubiquitären Verfügbarkeit bunter bewegter Bilder u. U. erheblich. Und was mache ich jetzt mit diesen Gedanken…? Keine Ahnung. Wahrscheinlich versuche ICH, noch etwas mehr Literatur darüber zu finden. Und was tut/denkt IHR so…?

Auch als Podcast…

Zeitgeist

Manche Begriffe, die unsere Sprache im Lauf der Zeit hevorgebracht hat, führen oft ein schillerndes Nischendasein und werden nur dann rausgeholt, wenn es gilt gelehrsam zu klingen; ganz so wie Tante Gerda „das gute Geschirr“ nur auf den Tisch stellt, wenn die buckelige Verwandtschaft zum Geburtstagsessen eingeladen ist. Zeitgeist ist so ein Wort, dass gerne verwendet wird, um auf etwas zu verweisen, dass man selbst nicht ganz zu verstehen vermag, weil der „Geist der Zeiten“ eine wankelmütige Geliebte ist. Immer wieder hört man – zumindest in Kreisen, die sich mit Fragen der Organisationspsychologie und Wirtschaftswissenschaft befassen – die Behauptung, wir leben in einer „VUKA-WeltVolatil, Unsicher, Komplex, Ambivalent; übersetzt für Normalos heißt das, unübersichtlich und daher hinsichtlich zukünftiger Entwicklungen schlecht einschätzbar. Und wenn man sich den Zustand unserer Welt heute anschaut, und kurz über das letzte Jahr nachdenkt, ist diese Einschätzung ja auch nicht falsch. Sie begrenzt sich aus Sicht ihrer Schöpfer aber vor allem auf das Agieren von Unternehmen mit Gewinnerzielungsabsicht, die auf Grund der VUKAZITÄT der Welt jetzt größere Probleme mit dem guten alten Kohleschaffeln haben…

Blumen sind nicht zeitgeistig!

Ich bin jetzt definitiv NICHT gegen das Geldverdienen als solches. Auch auf dem Tisch meiner Familie sollte sich Essen finden, in unseren Schränken was zum Anziehen, das eine oder andere Buch zum Lesen und vielleicht auch ein paar Ausrüstungsgegenstände für die weitere Freizeitgestaltung. Aber die Beschränkung auf den Homo Öconomicus, also den Mensch der (so gut wie) alles Tun und Lassen wirtschaftlichen Prinzipien unterordnet, war mir schon immer zu plump. Ich kann auch mit Frugalismus in seinen unterschiedlichen Ausprägungen nichts anfangen, denn der Mensch lebt im Hier und Jetzt und alles Planen für eine imaginierte Zukunft kann nicht darüber hinwegtäuschen, dass KEINER von uns an der unüberwindbaren Barriere der nächsten Sekunde vorbeikommt. Wirklich KEINER! Vor diesem Hintergrund ist der Begriff Zeitgeist für mich umso interpretationsbedürftiger, wenn er doch vor allem von Zeitungsmenschen benutzt wird, um synonym für „das Denken der Menschen in unserer Zeit“ zu stehen. Denn diese Annahme ist schlicht falsch. Goethe sagt über den Zeitgeist in „Faust. Der Tragödie erster Teil.“

Was ihr den Geist der Zeiten heißt,
Das ist im Grund der Herren eigner Geist,
In dem die Zeiten sich bespiegeln.

Und er führt an anderer Stelle weiter aus:

„Wenn eine Seite nun besonders hervortritt, sich der Menge bemächtigt und in dem Grade triumphiert, daß die entgegengesetzte sich in die Enge zurückziehen und für den Augenblick im stillen verbergen muß, so nennt man jenes Übergewicht den Zeitgeist, der denn auch eine Zeitlang sein Wesen treibt.“

Hier wird darauf verwiesen, dass aus Goethes Sicht jene, welche die Macht in Händen halten, auch den Zeitgeist diktieren. Unsere kontemporäre Feuilletonaille (Menschoide, die heutzutage den Feuilleton der Zeitungen gestalten, sofern es eine solche Institution in einem gegebenen Medium überhaupt noch gibt) neigt jedoch dazu, Zeitgeist fälschlicherweise als Synonym für Mode, Trend, Mainstream zu benutzen. Schon Herder, dem die Schöpfung des Begriffes zugeschrieben wird, wies jedoch auf die Begrenztheit der Wahrnehmung der eigenen zeitgenössischen Kultur(Praktiken) hin. Darin schwingt – im mittleren 18. Jahrhundert – das Verständnis dafür mit, dass Kultur und ihre Produkte nichts statisches sind, sondern im Gegenteil ein voranschreitender Prozess, der immer schon den Samen der eigenen Veränderung hin zu etwas Anderem in sich trägt. Bei Herder wird das jedoch nicht positiv gesehen, weil er den Zeitgeist nur dort sieht, wo die Abwendung von der Religion stattfände. Der Begriff war also Anfang durchaus negativ konnotiert. DAS hat sich gewandelt. Der zuvor beschrieene Geist der Zeiten wurde in den Revolutionen des späten 18. und beginnenden 19. Jahrhunderts als Geist der Befreiung vom Joch der Monarchie gesehen und hat sich in der Folge bis heute zu einem ambivalenten Blick auf die immer neugestaltige Entwicklung des Zeitgeschehens gewandelt… um dann allzu billig als bloßes Synonym benutzt zu werden. Übrigens auch im englischsprachigen Raum, wo Zeitgeist als Lehnwort mit nahezu identischem Bedeutungsgehalt benutzt wird und auch ein passendes Adjektiv bekommen hat: zeitgeisty…

Gibt es das überhaupt: DEN ZEITGEIST…? Ich bin mir nicht sicher, wurde er doch häufig als Umschreibung für ein bestimmtes Lebensgefühl genutzt, dann wieder als Diagnose für den Wandel und schließlich als Schimpfwort für gesellschaftliche Veränderungen (Stichwort: „woke“). Je nachdem, wer den Begriff nutzt, schwingen darin sehr unterschiedliche Gefühle mit: Enthusisasmus, Neugier, Hoffnung, aber auch Sorge, Verachtung, Lächerlichkeit. Zeitgeist als Begriff ist in meiner Lesart zuallererst eine Projektionsfläche für meine (oder jedes anderen Menschen) individuellen Erwartungen an die nächsten Entwicklungen, die man glaubt, an der Analyse der eben abgelaufenen Entwicklungen ableiten zu können – um wieder und wieder an der Mauer der nächsten Sekunde zu zerschellen. Damit ist Zeitgeist für mich ein Mahnmal für die Illusion, in die Zukunft sehen zu können und dabei das Leben im Hier und Jetzt zu vergessen. Mein Zeitgeist soll sein, das Hier und Jetzt zu feiern, wann und wie es möglich ist und die Dinge zu verändern, die ich verändern kann. Und wenn das bedeutet, den Zeitgeist so vieler Anderer durch meine Worte und Taten (zer)stören zu müssen, weil dieser immer noch beinhaltet, ein dummes, arrogantes, verschwenderisches, konsumabhängiges, blind den Versprechen der Rechten oder der Neoliberalen folgendes, ganz und gar unreflektiertes und auf die Zukunft unserer Kinder scheißendes Arschloch zu sein, dann ist das halt so. Damit müssen jene, die sich angesprochen fühlen sollten dann halt leben. In diesem Sinne, genießt lächelnd die viel zu hohen Temperaturen – wir hören uns.

Auch als Podcast…

Bienvenue au pays cathare N°12 – …und sie ritten wieder heim!

Man muss eine gewisse Dankbarkeit haben für die kleinen Dinge: ich bin in diesem Urlaub (mannigfaltigen Gelegenheiten zum Trotze) NICHT auf die Fresse gefallen, ich habe mir NICHT den Rücken verdreht und wir standen (so gut wie) NICHT im Stau. Wieder nach Hause fahren zu müssen erzeugte daher in mir tiefere Wehmut, als ich zugeben möchte. So stand ich am Freitag Abend auch an der hinteren Tür unseres Häuschens und schaute insgeheim mal auf Maps, wie weit es denn eigentlich nach Italien zu unserem ehemaligen Mehrfach-Gastgeber Manfredi wäre. Es wären fast 200 KM weniger als nach Hause gewesen und ich musste doch ein bisschen mit mir ringen… Morgen ruft die Arbeit und es dauert mich, zugeben zu müssen, dass ich in mindestens einer Nacht des Urlaubes etwas wach lag und Arbeitsfragen gewälzt habe. Wie sehr dürfen wir uns von solchen Dingen vereinnahmen lassen? Wie viel ist definitiv zu viel? Und welche Alternativen hätte man? Fragen, die man sich üblicherweise VOR einem Urlaub stellt, und nicht DANACH. Was ein Hinweis darauf ist, dass ich immer noch nicht da bin, wo ich hin muss – zumindest nicht mental; räumlich bin ich mir noch nicht sicher. Theoretisch sollte man sich nach zwei Wochen der Ruhe und Erholung wieder in diesem Zustand distanzierter Gleichmut zu jenen Anfechtungen befinden, welche unsere Brötchen (und auch diesen Urlaub) bezahlen. Tja, Pustekuchen!

Wenn ich auf das Bild oben blicke und mich daran erinnere, welche Demut vor der Natur und welche Ruhe ich dort verspüren durfte, dann wird mir klar, dass wir dauernd eiligen, Zivilsations-geschädigten Menschoiden ganz langsam aber sicher dabei sind, unseren Verstand vollkommen zu verlieren. Wir rennen immerzu nur noch Dingen hinterher und vergessen dabei, was es alles zu sehen, zu hören, zu fühlen, zu erleben gibt, ohne dass man dafür Unmengen an Penunze aufwenden müsste. Heute Mittag meinte zum Beispiel meine größere Tochter, dass es schon eine Menge Dinge gäbe, die man nicht mit Geld kaufen könne, wie etwa Freunschaften; aber dass es eben auch einige Dinge gäbe, die sie glücklich machen würden und die es sehr wohl für Geld zu kaufen gäbe. Und nun lässt es sich nicht mehr leugnen: Der Konsumkapitalismus im Endstadium ist auch in meiner verfluchten Küche angekommen. HIMMIHERRGOTTSAGGRAMENT! Es ist sehr schwer, in einem solchen Moment nicht den grün-sozialistischen Oberlehrer rauszukehren, der in mir schlummert. Oder seine – bekanntermaßen immer virulente – Wut im Zaum zu halten und hinauszuschreien, was einem auf der Seele brennt: KAPITALISTENSAU! Weil man so was NICHT zu seiner Tochter sagt, die noch dazu ja gar nicht alle Erwägungen kennen kann, die zu diesem Thema gehören. Immerhin findet sie Putin und Trump so richig scheiße. Wie war das noch mal mit der Dankbarkeit für die kleinen Dinge…?

Man könnte mir jetzt – mit etwas schlechtem Willen – ein bisschen Bigotterie unterstellen, wenn ich von den kleinen Dingen rede, obschon wir mal eben nach Südfrankreich entflohen sind, um Urlaub zu machen. Ich sage es mal so: für einmal nach Malle fliegen fällt an CO2 pro Person so ca. das Drei- bis Vierfache von dem an, was wir zu viert in den zwei Wochen zusammen erzeugt haben. Mein Gewissen ist diesbezüglich also ziemlich mit sich im Reinen, danke der Nachfrage. Und ich musste nicht mit diesen ganzen anderen Menschen interagieren, die zum Ballermann wollen. Pardon, aber die entsprechenden Klischees stimmen halt viel zu oft viel zu sehr. Moment, was höre ich da: ich würde auch Klischees erfüllen, z. B. das vom rotweinsaufenden Pädagogen auf Bildungsreise. Aber, aber, die fahren doch auf Goethes Spuren in die Toskana. Scherz beiseite: so viel Rotwein trinke ich gar nicht. Und wer sich beim Reisen nicht zumindest ein wenig mit dem Land und den Leuten auseinandersetzt, ist selbst Schuld, wenn er dumm bleibt. Reisen bildet ganz automatisch, man muss sich nur darauf einlassen – und das kostet weder viel Energie noch viele sonstige Ressourcen, denn es passiert, wie der Franzose sagt „en passant“, also im Vorbeigehen. Warum in drei Teufels Namen sollte ich fast 1100 KM fahren, um dann ganze Tage im Liegestuhl zu verbringen? Oder 2000 KM fliegen und dann ganze Tage am Strand liegen? Wer tatsächlich glaubt, eine Bildungsreise sei eine unnötige Anstrengung, den frage ich Folgendes: bist du schon mal IRGENDWO hingefahren, um dir IRGENDWAS anzuschauen? Falls ja, BRAVO, denn du hast dabei automatisch einen informellen Lernprozess durchlebt; ganz gleich, wie klein der Effekt auch gewesen sein mag, er war da. Falls nein – such dir endlich ein Hobby bei dem du auch mal rauskommst, damit du den Zimmerpflanzen zu Hause nicht zu viel Arbeit durch dein abgeatmetes CO2 bescherst! Mach aber bitte nicht NUR was mit Autos, denn DAS potenziert dein CO2-Problem lediglich…

Es ist die verdammte Suche nach dem Gleichgewicht, nach dem Weg zu einem besseren ICH, das trotzdem immer noch ICH ist. Urlaub, oder besser freie Zeit zur eigenen Verfügung ist dabei eine von mehreren Komponenten, welcher allerdings eine besondere Bedeutung zukommt. Denn erst wenn alles DARF aber nichts MUSS bekommt das Leben Leichtigkeit. Es ist dieses Leichtigkeit, die ich – zwei Wochen Freiheit zum Trotz – immer noch vermisse. Und es ist dieses „Vermissen“, dass mich nun melancholisch stimmt. Und es ist diese „Melancholie“, die mich mit gewisser Zurückhaltung auf das Morgen blicken lässt. Und es ist dieses „Morgen“ dass zurückblickt, dreckig grinst und sagt: „Pech gehabt, Bro, du gehörst mir, egal ob du willst, oder nicht!“ Mit DEM Dilemma muss ich wohl leben; ihr aber auch meine Lieben, daher wünsche ich euch einen verf***t gewaltigen Start in die neue Woche. C U.

Bienvenue au pays cathare N°11

Wie bereits einige Male hier erwähnt bin ich ein Kind der 80er. Als klassischer Gen-Xer (Jahrgang ’74, danke, ich weiß, dass die große Fünf winkt…) habe ich einen bedeutenden Teil meiner Kindheit und Jugend in jener Zeit durchlebt und bin nicht unglücklich darüber, dass die Pop-Kultur dieser speziellen Periode letzthin eine gewisse Renaissance erfahren hatte. Es mag auch an der persönlichen Bindung zu jener Zeit liegen, dass ich immer mal wieder beim Storytelling Bezüge wähle, die es mir erlauben, die damit verbundenen Gefühle noch mal erleben zu dürfen. Derzeit bastele ich an einer kohärenten Geschichte für Urban Fantasy in den 80ern und da dümpelt eine Storyline, an der sich die beste Ehefrau von allen mit ihrem derzeitigen Char versucht, gerade an der Jahreswende ’85 – ’86. Es ist aber gar nicht so einfach, den Zeitgeist wirklich einzufangen. Ich meine, die Bezüge zu den wirklichen Ereignissen, zur damaligen Technik, zur Politik herzustellen fällt mir eher leicht, doch das Lebensgefühl der 80er richtig einzufangen, ist gelegentlich ein harter Struggle. Das beginnt schon damit, dass unsere Sprache sich seit damals verändert hat. Was manchmal dazu führt, dass es nicht so der Hammer ist, was ich da verzapfe; und es ist beileibe nicht so, dass ich dauernd zeitgenössischen Jugendsprech nutzen würde. Ha! Ausgerechnet ich, der immer so auf sprachlicher Präzision herumreitet… das wäre ja noch schöner.

Unser neuer Gott Mammon – gefunden in Narbonne…

Und doch sind es eben die Erinnerungen an bestimmte Filme, an Musik, an die Klamotten von damals, die dazu führen, dass man eintauchen kann in eine Zeit, die so absolut anders, so absolut bekloppt, so absolut wiedersprüchlich und dennoch so absolut unschuldig war. Diese Aussagen muss man vielleicht für Jene, die nicht dort gewesen sind ein bisschen erklären: unschuldig war die Zeit, weil Informationen nicht dauernd und überall verfügbar waren, was zu einer eklatanten Desinformation der allermeisten Menschen führte. Und die machte es wiederum einfach, sich nur mit seinem eigenen Scheiß zu befassen, weil man unfassbar vieles einfach zur Seite schieben konnte. Es fühlte sich also zumindest für mich als Kind/Jugendlicher unschuldig an. Andererseits war da aber auch der, wirklich überall spürbare Power-Struggle der beiden großen Machtblöcke USA vs. UdSSR, der die Welt so bekloppt gemacht hat. Wiedersprüchlich kam durch die Unterschiedlichkeit der beiden Systeme dazu, die auf der einen Seite die halbe Welt abgewirtschaftet haben, um beim Wettrüsten die Nase vorn zu haben (TEAM UdSSR), während die andere Hälfte im Namen des Konsumkapitalismus ausgebeutet wurde (TEAM USA). Und überall, wo sich Stellvertreterkonflikte entwickelten, wurde es noch wilder. Etwa in Vietnam, oder später in Afghanistan. Vielleicht war es dieses Gefühl, dass das große Tänzchen schon morgen vorbei sein könnte (man denke an Filme wie „Wargames“ oder „The Day After“), dass diese Zeit so absolut anders aber eben auch absurd kreativ und wild gemacht hat…? In jedem Fall waren die 80er ebenso wie die 70er davor eine kulturell extrem produktive Zeitspanne.

Psychologisch ist es natürlich schon so, dass man besonders gerne das mag, was man während seiner Jugendjahre, so bis ungefähr 16 erlebt hat. Ich würde sagen: Schuldig in allen Punkten der Anklage, wobei ich erwähnen möchte, dass sich etwa mein Musik-Geschmack immer weiter entwickelt hat. In gewissem Sinne ist mein Hang zur Nutzung von Themen, Stilen, Kulturartefakten jener Zeit Nostalgie, über die ich die Tage hier mal geschrieben habe: „Sich an diese alten Momente eines vermutlich verflogenen Sinns zu erinnern, nennt man Nostalgie – das Zurückerinnern an eine Zeit, in der es angeblich besser war.  Ich konkludierte vor ein paar Tagen, dass man sich besser nicht sein Leben davon diktieren lassen sollte; und dazu stehe ich auch immer noch. Ich würde allerdings gerne eine Relativierung anfügen wollen: wenn Nostalgie auf diese Art bewusst als Mittel zur Unterhaltung genutzt wird (insbesondere beim Storytelling zu Pen’n’Paper-Zwecken), nämlich um ein bestimmtes Setting vor dem geistigen Auge auferstehen zu lassen, kann dieser Einsatz legitim sein – zumindest, wenn’s funktioniert, wie geplant. Daran arbeite ich derzeit allerdings noch. Aber mal ganz ehrlich – Pen’n’Paper ist eine Freizeitbeschäftigung, die vor allem eines machen soll: Spaß. Und wenn ich mir dabei so viele Gedanken über irgendwelche obsuren Details zu machen beginne, dass das Ganze in Arbeit ausartet, bin ich evtl. über das Ziel hinaus geschossen. Was nicht bedeutet, dass Campaign- und Session-Prep nicht fast genausoviel Spaß machen können, wie das eigentliche Spiel. Denn während man über die virtuelle Welt nachdenkt, spielt man bereits. Und SL sind ja auch Spieler am Tisch, nicht wahr…?

Ich las neulich irgendwo, dass bereits ein einfacher Spaziergang im Wald sich positiv auf die Gesundheit auswirken würde: Blutdruck, Cortisol- und Colesterin-Spiegel runter und so. Also war ich heute nochmal spazieren, durch den Wald und eine extrem fotogene Schlucht hinauf; DAS in Verbindung mit meinem geliebten Knipsen und den wunderbar sinnvoll-sinnlosen Gedanken über virtuelle Welten und vergangene Zeiten lässt diesen Urlaub für mich zu einer extrem erholsamen Angelegenheit werden. Selbst, wenn ich schon zu spüren beginne, dass die Familie in zweieinhalb Tagen den Heimweg antreten muss. Also gilt: weiter Geschichten spinnen und genießen und versuchen, den Drive zu konservieren. In diesem Sinne – schönen Abend.

Bienvenue au pays cathare N°10

Gedankenspiel N°1: Neo nahm damals die rote Pille und wurde aus der Matrix gerissen. Wie würden wir diese Geschichte bewerten, wenn nun ans Licht käme, dass „die Matrix“ die echte Realität wäre, und der Kampf gegen die Maschinen um eine zur Ödnis gewordene Welt die Illusion? Wenn Neo (wahrscheinlich, ohne dies zu wissen) in ein besonders intensives, besonders immersives Spiel in einer virtuellen Realität gezogen worden wäre, hergestellt und kuratiert, um Menschen eine Grenzerfahrung zu ermöglichen und sie zum Nachdenken über ihre Existenz anzuregen? Die Ausflüge in die Realtität, bei denen all diese Dinge geschehen, welche die Geschichte vorantreiben, wären Wahrheit und der Umstand, dass Neo am Ende Agent Smith eingebettet in den Code sieht, nur ein weiterer Hinweis darauf, dass die Welt von Mr. Anderson mit allem darin immer schon „nur“ eine andere virtuelle Realität war. Wäre dann irgendwas von der Geschichte – natürlich innerhalb ihrer eigenen Logik – weniger wahr? Oder vielleicht sogar besser verständlich? Doch wer erschuf dann diese große Simulation, in welcher Menschen (oder wer auch immer) eine weitere Simulation installierte, um eben einen Ausbruch aus der Matrix erleben zu können…?

Gedankenspiel N°2: Neo hat die Handlung der Filme offenbar nur geträumt, erwacht dann morgens als Mr. Anderson, geht zu seiner Arbeit und begegnet unterwegs jemandem, der aussieht, wie Agent Smith. Oder Morpheus. Oder Cypher. Könnte es ein Taaum in einem Traum in einem Traum sein? So wie im Film „Inception“. Und war „Inception“ überhaupt ein Film, oder nicht vielmehr eine kuratierte Erfahrung über die existenzielle Frage, was es nun ausmacht, dieses Phänomen namens „Bewusstsein“? Denn trotz allem, was wir wissen, kann niemand bis heute genau sagen, was Bewusstsein denn nun ist. Bis vielleicht auf das eine: es scheint eine hoch individuelle Angelegenheit zu sein, die sich durch das physische Abbild eines neuronalen Netzes allein nicht erklären lässt. Ist aber diese neue Interpretation der Ereignisse dann nicht ein Hinweis auf die Virtualität mehrerer, ineinander eingebetteter Realitäten? Und was bedeutet das für Neo/Mr. Anderson, oder besser gesagt für seine Realheit und sein Bewusstsein. Ist er real, so wie du und ich? Und falls ja, hat er überhaupt ein Bewusstsein, oder ist er das, was man einen philosophischen Zombie nennt – also ein Wesen, dass wirkt wie ein echter Mensch, jedoch NICHT über ein tatsächliches Bewusstsein verfügt?

Gedankenspiel N°3: Wir alle sind – wie Neo/Mr. Anderson – irgendwo zwischen ineinander verschränkten Instanzen eines virtuellen Realitäts-Multiversums unterwegs und erleben bzw. durchleben unsere jeweils individuell simulierten virtuellen Realitäten. Woraus sich einerseits die Frage ergibt, ob wir tatsächlich ein Bewusstsein haben (falls meines nur eine Simulation sein sollte, würde ich mich sehr gerne mal mit dem/der Programmierer*in unterhalten…!), wenn wir doch „nur“ Simulakren sind; und andererseits, ob das unsere Realitäten weniger… nun REAL machen würde. Immerhin fühlt sich das alles hier doch VERDAMMT echt an, nicht wahr. War da nicht dieser selbsternannte Tech-Guru aus Südafrika, der mit Hilfe seiner Neuralink-Technologie diese „Illusion hacken“ und uns aus der Simulation befreien will. Wäre es nicht total nice, erst mal über die Frage nachzudenken, ob das überhaupt Sinn ergibt. Denn selbst, wenn das alles so wäre, könnte es doch gut sein, dass wir gar kein physisches Korrelat außerhalb der Simulation haben, also keine Avatare sind, sondern tatsächlich „nur“ Simulakren, die sich allerdings soweit entwickelt haben, dass sie nun ein Bewusstsein, eine Agenda und vor allem Macht über die Simulation besitzen, ohne diese je verlassen zu müssen…? Ich glaube ja, wenn es so wäre, bräuchten wir Menschen definitiv keinen allwissenden, omnipotenten Simulator, um unser Schicksal zu besiegeln. In dieser Realität, oder auch der nächsten kriegen wir das schon alles ganz alleine kaputt…

David Chalmers spekuliert in seinem Buch „Realität+ – Virtuelle Welten und die Probleme der Philosophie“ über die Wahrscheinlichkeit, dass wir in einer Simulation leben. Im krassen Gegensatz zu Elon Musk erarbeitet er allerdings ein recht fundiertes Framework, um sich den vielen, teils existenziellen Fragen praktischer und philiophischer Natur, die sich aus einer solchen Spekulation ergeben Antworten abzutrotzen, die uns im Hier und Jetzt (ganz gleich, wie virtuell oder auch nicht-virtuell) dienlich sein können; wenn man sich denn auf die Reise einlässt. Und nur für den Fall, dass jetzt irgendjemand denkt, ich sein gerade im Begriff, Urlaubsgenussinduziert überzuschnappen – keine Sorge! Ich finde nur derzeit große Freude daran, mich mit Fragen rings um den Themenkomplex zu befassen, weil ich denke, einige Ideen hieraus für’s private Storytelling, aber auch für das im Lehrsaal nutzbar machen zu können. Und weil ich glaube, dass eine handfeste Auseinandersetzung mit dem, was uns als Menschen im Kern ausmacht regelmäßig stattfinden sollte. Denn verbunden mit jener Reise durch die Grenzgebiete des Denkbaren wirft Chalmers Buch auch die Frage nach der Natur unserer Realität(en) und unseres Bewusstseins auf, die untrennbar mit unserer Suche nach dem Sinn unserer Existenz verbunden sind. Wenn man so will, ist das Buch für den aufmerksamen Leser das (wenn physisch auch sehr zahme) Substrat einer Grenzerfahrung, wie Neo/Mr. Anderson diese in/außehalb/meta der Matrix erlebt. So jetzt habe ich für heute auch genug virtuellen Quatsch abgesondert. Auch, wenn das hier KEIN Aprilscherz war. Schönen Abend.