Erwachsen bilden N°46 – unnütz…?

Ich habe am Anfang der Woche in der Klasse eines Kollegen den Unterricht übernommen, und war zuvor gebeten worden, etwas zum Thema „Lernen lernen“ zu machen; ich sollte also dazu beitragen, Metakognition und Lernstrategien der SuS zu stärken. Der Kommentar des Kollegen dazu war, dass ich sowas doch „aus dem Ärmel schütteln könne“. Um hier mit einem Vorurteil aufzuräumen – JA, ich beschäftige mich sehr intensiv mit verschiedensten Aspekten der Pädagogik, verantworte zumeist die Ausbildung der Ausbilder und bin folglich auch mit Lernstrategien, Mnemotechniken und Metakognition vertraut; aber aus dem Ärmel schüttele ich hier gar nichts, weil junge Menschen für so ein Thema abzuholen unfassbar kompliziert ist. So fiel die Reaktion auf meine Antwort, was wir denn nun machen würden am Montagmorgen auch eher verhalten aus. Subjektiv war da das Gefühl spürbar, dass sich damit befassen zu müssen für einige unnütz wäre. Davon darf man sich aber nicht ins Bockshorn jagen lassen. Das liegt einerseits an bereits vorhandenen und sattsam beübten Strategien einiger SuS; andererseits erscheint Lernen lernen zu müssen anderen wohl als zusätzliche Aufgabe. Und zusätzliche Aufgaben werden von vielen SuS nicht als Chance, sondern als Zumutung empfunden.

Ich bleibe dabei: Der Weg ist das Ziel!

Ich zog meinen Plan trotzdem durch! Das klingt jetzt ein bisschen, als hätte ich den ganzen Tag im Frontalunterricht losgelegt, was aber nicht der Fall war. Ich habe am ersten Tag zunächst in einem Impulsvortrag Lernen aus kognitions- und sozialpsychologischer Sicht dargestellt, sie eine Debatte über ein kontroverses Thema vorbereiten, führen und (kurz) selbst debriefen lassen; Dann mussten sie verschiedene Aspekte des Themas in Stufen sammeln, selbst erarbeiten und für das digitale Lerntagebuch darstellen. Am zweiten Tag habe ich dann mal in einer zweiten Präsentation unter die Haube des Lehr-Motors blicken lassen und danach die SuS dazu aufgefordert, kreativ zu werden. Mit gewissem Zeitdruck (nur 3 UE) ein Video entwickeln zu müssen (incl. obligat einzureichender Mind- Concept-Map und Storyboard/Drehbuch als weiteren Handlungs-Produkten) hat die Schüler dazu gebracht, sich dem Thema „Lernen“ auf drei sehr unterschiedliche (und wie ich fand sehr kreative) Arten zu nähern. Und ich bin noch nicht mal um eine Beurteilung sondern lediglich um ein kurzes Feedback gebeten worden. Man kann solche Handlungsprodukte auch nicht im Sinne einer Notengebung beurteilen – weil dies den selbstorganisierten Lernprozess entwerten würde. Ich hatte aber den Eindruck, dass sie einerseits einer Erweiterung ihres eigenen Methodeninventars für das Lernen und anderseits einem besseren Verständnis konstruktivistischer Lerntheorie näher gekommen sind. Mehr kann man realistischerweise kaum erwarten.

Meine Vorbereitung beinhaltete dazu Arbeitsblätter zur Selbsteinschätzung des eigenen Lernstils und für die Debatte, Powerpoint-Präsentationen, Metaplanarbeit und natürlich ein Artikulationsschema – dass ich am zweiten Tag teilweise über den Haufen geworfen habe, weil ich bemerken musste, zu viele Redundanzen eingebaut zu haben. Andererseits war die Klasse auch nicht so groß, so dass der Zeitbedarf für die Präsentationen bei den Gruppenarbeiten deutlich reduziert daher kam. Ich vergleiche die Arbeit der Lehrperson im Unterrichtsraum manchmal mit dem Job eines DJs. Nicht selten muss man den Beat (Content) on the fly neu abmischen, auf die Emotionen (auch die Ermüdung) des Publikums reagieren und schließlich improvisieren können. Impro geht aber nur mit ordentlicher Vorbereitung – ansonsten verheddere ich mich in meinen eigenen Gedankenkonstrukten und labere am Ende Stuss zusammen. Das geht also nur mit profundem Wissen und einem Plan B (und manchmal auch noch einem Plan C). Tendenziell hat man besser mehr Content vorbereitet, als man braucht; dass dies aber leicht gesagt ist, weiß ich. Insbesondere, wenn man das noch nicht ganz so lange macht. Ich muss meistens nur ein opaar Momente in meinem Fundus stöbern und los geht’s…

Ich las unlängst in Bob Blumes Buch „10 Dinge, die ich an der Schule hasse […]“, dass Bildung auch mal unnütz sein darf. Was er damit meinte, sind – so glaube ich zumindest – jene Inhalte, die nicht direkt und ohne Umweg einer irgendwie gearteten Verwertung zugeführt werden können. Und es mag sein, dass ich ihn falsch verstanden habe, aber für mich schmeckt hier das Humboldt’sche Ideal „proportionierlicher Bildung“ durch; also die Menschen in der Schule als Ganzes wachsen lassen zu wollen, auf dass sie ihre Wege in der Welt finden mögen. Mir ist das immer noch eine tröstliche Vorstellung, dass auch eine Berufsfachschule ein solcher Ort der Bildung sein könnte. Ich hatte im letzten Post dieser Serie über den Erziehungsauftrag gesprochen, den auch solche Einrichtungen haben wie jene, der ich vorstehe! Und ich nehme diesen nur ernst, wen ich einerseits meine Arbeit, aber eben auch die Subjekte dieser Arbeit – also unserer SuS – ernst nehme. Deshalb sagte ich vohin auch, dass eine Benotung bestimmter Handlungsprodukte diese entwerten würde. Denn das wäre so, als wenn ich – nachdem die SuS sich ein ganzes Stück weit selbst offenbart haben – deren Ergebnissen im Anschluss meine Sicht der Dinge überstülpe, und so Denk- und Sichtweisen quasi zu normieren und zu disziplinieren versuche. Unter solchen Voraussetzungen können wir selbstorganisiertes Lernen mit persönlichkeitsbildendem Charakter auch gleich ganz bleiben lassen!

Ich denke, dass wir gut daran täten, auch im berufsfachschulischen Bereich noch mal intensiv darüber nachzudenken, was eigentlich unsere Ziele sein sollen. Die Chefs, für die ich einer solchen Schule vorstehe, haben Erwartungen an das Tun meines Teams und meiner Person, die sich vor allem in den Bereichen Wirtschaftlichkeit und erhöhte Personalbindung abspielen. Mein Ziel jedoch ist es – und da werde ich fürderhin auch keinen Hehl drauß machen – Notfallsanitäter:innen auszubilden, welche diese Bezeichnung verdienen und überall einen guten Job machen können. Ob wir diese unterschiedlichen Interessen wirklich unter einen Hut bekommen können – und falls ja, wie – weiß ich nocht nicht, bin aber für jeden Diskurs offen. Sofern dieser nicht wieder Amygdala-gesteuert mit einem Monolog über Zahlen beginnt, und was man nicht alles tun müsste, um die Klassen voller zu bekommen, obschon jede Vernunft auf Grund der gegebenen Strukturen und Ressourcen gebietet, nicht auf Teufel komm raus Auszubildenden-Zahlen steigern zu wollen! Und aus pädagogischer Sicht schon gleich drei Mal nicht! Ach wäre es nicht schön, wenn das Leben mal einfach wäre…? Ich wünsche noch ein schönes Wochenende.

Das große Staunen N°0 – Naivität

„Alle haben immer gesagt, dass das nicht geht; dann kam einer daher, der das nicht wusste und hat es einfach gemacht!“ Und wenn er damit wirklich bewiesen hätte, dass etwas zuvor für unmöglich Erachtetes doch funktioniert, bekäme er dafür was? a) einen Shitstorm, weil er sich nicht an die Regeln gehalten hat, b) mindestens 1000 Kommentare, dass er ja eh nur ein Fake sein kann, weil das ja gar nicht geht, weiß doch jedes Kind und c) einen Haufen Ärger mit irgendeiner Behörde, weil er entweder aus Versehen Steuern hinterzogen oder irgendeine obskure Verwaltungsvorschrift verletzt hat – wir leben hier schließlich in Deutschland! Das LÖSEN von Problemen ist bei uns nicht vorgesehen, weil man sonst ja den Arbeitsplatz von jemandem gefährden würde, der Probleme VERWALTET. Willkommen im Heimatland der Bedenkenträger, Zu-Tode-Verwalter, Kleingeister, Spießer, Gschaftlshuber, Nörgler und Nein-Sager. Willkommen im Gestern einer einstmals blühenden Zukunft. Der Titel sagt ja, dass es ums Staunen gehen soll – doch das Erste, worüber man Staunen muss, ist der Mangel an GUTEN Gründen zum Staunen. SCHLECHTE gibt es indes mehr als genug…

Beginnen wir mit Dilettantismus. Bei uns ist der Begriff negativ konnotiert, zumeist wird er so benutzt, als sei damit jemand gemeint, der etwas tut, was er aber nicht kann – und folglich damit eventuell sogar Schaden anrichtet. Tatsächlich ist ein Dilletant aber eine Person, die sich einer bestimmten Sache aus Liebe zu dieser zugewandt hat, und diese Kunst oder Wissenschaft nur um dieser Hingabe zur Sache Willen ausübt – also quasi als engagierter Amateur. Dabei ist nichts darüber ausgesagt, wie weit Kenntnisse und Fertigkeiten in diesem Bereich entwickelt sein mögen – es bleibt Dilettantismus, solange die Sache nicht zum Broterwerb ausgeübt wird. In der Theorie kann ein Dilettant also genauso gut oder sogar besser als ein Profi sein; was in der Realität durchaus gelegentlich vorkommt. Ich selbst bin ein Dilettant mit dem Fotoapparat, was meinem Spaß aber keinen Abbruch tut – ständiges Üben hat meine diesbezüglichen Fertigkeiten im Laufe der Zeit weiterentwickelt. Motor dafür war und ist die naive Annahme, dass ich die Quellen und die Effektivität meiner Kreativität weiterentwickeln könnte.

Alter Ort – neue ideen…?

Wichtig ist hier der Unterschied zwischen Effizienz und Effektivität. Wenn ich etwa einen Blogpost schreibe, oder knipsend durch die Gegend wandere, oder Geschichten entwickle, dann ist mir mein individueller Ressourceneinsatz wumpe. [WICHTIG: Ich meine damit NICHT, dass ich Unmengen Geld, Energieträger oder Konsumwaren dafür verpulvere, sondern meine Zeit und mein Engagement!] Ich möchte am Ende ein Produkt haben, welches sich aus meiner Sicht zu teilen lohnt und schaue dabei nicht auf die Stoppuhr. Wenn ich hingegen Content für meinen Arbeitgeber produziere, ist Zeit Geld => der Ressourceneinsatz muss nicht nur das Ziel erfüllen, sondern sollte auch effizient erfolgen. Was aber nun die Quellen meiner Kreativität angeht: die kann man mit mehr Übung nicht unbedingt weiter entwickeln. Man kann seinen Blick für bestimmte Dinge schärfen, indem man Kreativtechniken anwendet: Scrapbooks voller (geklauter und eigener) Ideen, Mindmaps, Sketchnotes und wasweißichnichtnochallem. Zettelgläser. Eine ausgefeilte Ablage für alles mögliche. Lange Surfsessions im Netz, bei denen man sich von einem Thema zum nächsten treiben lässt, bis etwas Klick macht. Schließlich die Gadgets und Gimmicks, um verschiedene Formen von Content produzieren zu können. Aber das alles ersetzt die EINE Fähigkeit nicht, die wahre Kreativität benötigt: naiv staunen können…

Naivität ist auch so ein Begriff, der eine negative Konnotation hat; allerdings erst, sobald er auf Erwachsene angewendet wird. Kindern nimmt man es nicht krumm, wenn man sie als naiv betrachtet, weil „die Augen des Kindes“ die Welt anders sehen. Dieser Allgemeinplatz ist wahr! Denn Kinder nehmen die Welt (noch) nicht als „…Bedenkenträger, Zu-Tode-Verwalter, Kleingeister, Spießer, Gschaftlshuber, Nörgler und Nein-Sager…“ wahr, sondern einfach als Welt! Das eben genannte macht leider das sogenannte Erwachsenwerden aus ihnen. Nun ist „Erwachsen“ kein statischer Zustand, der automatisch nach Beendigung der beruflichen Erstausbildung oder des Erststudiums erreicht wird; andernfalls gäbe es den Begriff „junge Erwachsene“ nicht, dessen Vertreter immer wieder eindrucksvoll illustrieren, wie unwahrscheinlich das dauerhafte Überleben unserer Spezies im Angesicht eines solchen Übermaßes an leichtsinnig-übermütiger Idiotie doch ist. Immerhin kommen wider Erwarten recht viele von Ihnen durch, um dann zu solch bornierten Spaßbremsen zu werden, als die ich mich eben geoutet habe 😉 Schwamm drüber. Fakt ist, dass einem die Fähigkeit zum naiven Stauenen mit wachsendem Alter (und wachsender Verantwortung für dieses oder jenes) ausgetrieben wird.

Wie ausgesprochen bedauerlich. Denn ohne die Naiven (…wusste nicht, dass es nicht geht und hat’s halt einfach mal gemacht…) säßen wir vielleicht noch immer bei Öllampenschein in Holzhäuser und würden unsere Gedanken, so wir des Schreibens mächtig wären, auf Pergament niederlegen. Ich werde mich jetzt nicht zu einem Urteil aufschwingen, ob unserer Welt etwas weniger technologische Entwicklung insgesamt besser getan hätte. Vielleicht wären wir ja auch auf ganz anderen Pfaden gewandelt. Aber ist man erstmal auf einem Pfad unterwegs, auf den sich sehr viele verständigt haben (Individualverkehr mittels Fossilverbrenner z.B.), wird Systemwechsel schwierig. Pfadabhängigkeit realisiert sich in unserer Zeit vor allem durch wirtschaftliche Interessen und deren globale Verflechtungen. Und gegen den Gott Mammon kommt der naive Geist nur schwer an. Ich habe in letzter Zeit bemerkt, dass das Kind in mir zu kurz gekommen ist, was mich unendlich traurig gemacht hat. Ich bemerke diesen Druck zur Effizienz im Berufsleben dauernd und stelle für mich fest, dass mir die Möglichkeiten, kreativ gestaltend tätig zu werden in letzter Zeit immer mehr eingeschränkt wurden. Wie ich darauf reagiere, weiß ich noch nicht. Ich weiß eines allerdings sehr genau: mein inneres Kind muss wieder mehr raus zum Spielen! Egal wie! Und diese Freiheit werde ich mir (wieder) erkämpfen. Versuchts doch auch mal mit Naivität – das könnte ein erfrischender Start in die neue Woche werden!

New Work N°14 – …und das Leben zieht vorbei.

Verdammt schwierig, sich darauf einzustellen, dass es morgen wieder losgeht. Ich las neulich irgendwo einen Artikel, der darauf abstellte, dass viele Menschen in der Nacht von Sonntag auf Montag deshalb schlecht schlafen, weil die Erwartung der bevorstehenden Arbeitswoche sich wie ein Leichentuch auf die evtl. im Laufe des Wochenendes erworbene Erholung legt und diese so zunichte macht. Nun ist heute Ostermontag, wir haben also eine Zeitverschiebung des Wahrnehmungsbias, was am entstehenden Druck leider nix ändert. Und ich kann bestätigen, dass ich diesen Effekt auch schon mehr als einmal erlebt habe. Da liegt der Osterhase also im Pfeffer. Die Arbeitswoche scheint in gewisser Weise der Endgegner unserer Zeit zu sein, was den Ruf nach der 4-Tage-Woche umso verständlicher erscheinen lässt. Da sieht man einmal mehr die Zweiteilung zwischen diesen Individuen, die Leben und Arbeit am liebesten vollkommen entgrenzt sähen und alles unterhalb der 50h-Woche als hartes Prokrastinieren betrachten – und am Gegenpol jene, die jeden Strich zuviel als Zumutung und persönlichen Angriff auf die Integrität ihres Daseins betrachten. Natürlich sind das zwei Beschreibungen, die vielleicht zur besseren Illustrierung des Sachverhaltes geringfügig überezeichnet wurden; obwohl…

Es ist legitim, Arbeit als Quelle von Sinn im Leben zu betrachten; oder eben auch nicht. Denn irgendwie läuft es ja doch wieder auf psychologisches Framing hinaus. Erlebe ich Arbeit als Zumutung, als dauernde Überforderung, als Einschränkung der persönlichen Freiheit, dann ist es nur logisch, den Re-Start von Arbeit (zumal nach einem langen Wochenende) als Bedrohung wahrzunehmen. Da wird vermutlich auch kein Yoga helfen. Liebe ich meinen Job und die Herausforderungen darinnen, und empfinde ein hohes Level an intrinsischer Motivation, kann ich’s vielleicht kaum erwarten, wieder hinzugehen. Beides kann übrigens zu schlechtem Schlaf führen. Es ist die Dosis, die macht, dass ein Ding ein Gift ist. Arbeitsverträge versuchen diese Dosis zu normieren, und zwar unbeachtet der Tatsachen, dass a) nicht jede*r gleich leistungsfähig ist, b) Leistungsfähigkeit auch im Zeitlauf variieren kann und c) die Normierung von Leistung, je nach Gewerk, mitnichten einfach ist. NIEMAND performed also jeden Tag gleich gut (oder schlecht), und was Leistung jeweils überhaupt ist, bedarf einer präzisen Definition.

Es ist daher kein Wunder, dass die Debaten um Arbeitszeitmodelle (Gleitzeit, Zeitkonten, 40h-Woche vs. 4-Tage-Woche, etcpp.) und Arbeitsorte (Präsentismus im Cubicle, Großraum oder Open-Space-Office ohne dedicated Desks, Home-Office, Remote-Work und jede Mischung davon) teilweise mit der Intensität heiliger Shit-Storms geführt werden und jede*r stets zuerst und vor allem seine/ihre eigene Sicht auf Basis seiner/ihrer eigenen Erfahrungen propagiert. Denn der eigene Tellerand ist der Horizont. Und dabei haben wir über neue Geschäftsmodelle, Geschäftsziele und Beteiligungsformen (also echte New-Work-Ansätze) noch überhaupt nicht gesprochen! Nur weil meine Firma einen „Purpose-Evangelist“ beschäftigt, heißt dies noch lange nicht, dass die Arbeit auch tatsächlich nachhaltigen Zwecken dient und Sinn stiftet. Da helfen Obstschalen, Tischkicker, Bionade-Kühlschränke, Achtsamkeitsseminare und der ganze andere hippe Möchtegern-Mitarbeiterbindungs-Schnickschnack halt auch nicht weiter…

Denn bei all den großen und kleinen Stürmen im weltweiten Informations-Ökogewebe gerät zumeist außer Sicht, dass es NICHT die eine Wahrheit und auch NICHT den einen Weg GEBEN KANN! Für manche zieht das Leben vorbei, wenn sie subjektiv zu viel arbeiten müssen, bei anderen ist es genau andersherum – aber auf dem weiten Feld zwischen den Extrempolen, da wo die REALITÄT passiert, sind vielerlei Philosophien anzutreffen, denen unsere heutige Arbeitswelt weder die passende Nische, noch die richtige Unterstützung zu geben vermag, damit das individuelle Potential sich entfalten kann. Und ich meine das Letztgesagte NICHT in dem Sinne von „er/sie/them verdient jetzt maximal Kohle für unser Unternehmen!“, sonder eher als „er/sie/them kann jetzt dem individuellen Naturell gemäß seine/ihre indiviuellen Kompetenzen entwickeln – und wir verdienen auch etwas Kohle dabei…“ Denn das Leben zieht so oder so an jedem von uns vorbei; und es wäre doch total charmant, wenn man anerkennen würde, dass sich unser Verhältnis von Arbeit als Handelsware, die nur allzu oft unter Preis verkauft werden muss, weil die Gesellschaft Investmentbanker höher wertschätzt als Pflegekräfte hin entwickeln muss zu einem Verständnis von Arbeit als Dienst für die Gemeinschaft. Mal davon abgesehen, dass sich die Arbeitswelt gerade eh rasant verwandelt. Und da ist ChatGPT noch nicht mal eingepreist…

Ich habe keine Ahnung, ob ich heute Nacht gut schlafen werde, da ich morgen früh für meine Verhältnisse verdammt früh aus den Federn muss; ich bin nämlich eigentlich einer dieser spätaufstehenden Abends-lang-Arbeiter. Wie’s auch kommt, ICH lasse mein Leben nicht einfach nur vorbeiziehen und gräme mich, dass es nicht so läuft, wie ich mir das wünschen würde, sondern versuche, was aus meinen Möglichkeiten zu machen – und damit meine ich ganz explizit NICHT Dauerarbeiten. Ich versuche aber, mir die Freiräume und die Flexibilität zu erorbern, die ich brauche, um lange gut funktionieren zu können. Und nebenbei räume ich den Weg für Andere gleich mit frei. Mal sehen, was die nächsten Wochen bringen. Ich wünsche euch einen guten Start in die Post-Oster-Woche. Schönen Abend.

Auch als Podcast…

Erwachsen bilden N°45 – Erziehungsauftrag…?

Um die Essentials auf den Punkt zu bringen: auch Berufsfachschulen haben einen Erziehungsauftrag! In einer Zeit, in der nicht wenige (vor allem junge) Menschen so ihre Probleme damit haben, in der dynamischen Realität einer sich – subjektiv dauernd – weiter partikularisierenden Welt anzukommen, ist es verdammt schwierig, Vorbild zu sein; weil man ja gar nicht weiß, A) welche Qualitäten das jüngere Gegenüber nun wirklich in einem Vorbild sucht, B) Menschen meines Alters per definitionem „cringe white middle-aged cis-gender males“ sind und C) ja eh keine Ahnung haben, wie das alles funktioniert, weil wir halt einfach Schuld sind. Woran, ist oft genug egal. An dieser Stelle wichtig: no insults taken, no fucks given. Ich jammere nicht drüber, sondern nehme das einfach hin, und bleibe, der ich war und bin. Wir sind also auf dem unebenen Terrain der Persönlichkeitsbildung angekommen, die auch ohne den ganzen Internet-Quatsch, die ganzen Unsicherheiten und verschiedene gesellschaftliche Großtrends (weniger Solidarität, mehr Egoismus, häufig Style over Substance, etc. – ich habe doch schon mehr als genug drüber gelabert…) schon immer schwierig genug gewesen ist. Ich war auch mal dort, wisst ihr.

Ich könnte mich jetzt darauf zurückziehen, es halt nur bei meinen Kindern zu versuchen; also das Erziehen meine ich. Und ich sage bewusst versuchen, denn in der Erziehung ist es wie im Krieg – noch kein Schlachtplan hat die erste Berührung mit dem Feind unverändert überstanden. ABER, ich bin eben auch Leiter einer Berufsfachschule. Und entgegen dem, was ich oft sehe – nämlich das die jungen Leute schlicht normiert und zu funktionierenden Vitalparameter-Mechanikern*innen gedrillt werden – habe ich einen eher Persönlichkeits-orientierten Ansatz. Ohne das richtige Bewusstsein für die eigene (Berufs-)Rolle, und vor allem auch das Werkzeug, diese bedarfsflexibel anpassen zu können, passieren mit den jungen Leuten nämlich zwei Dinge: Erstens werden sie verdammt schnell von der Alltagsrealität eingeholt, dass die weitaus meisten Patienten keinen lebensbedrohlichen Notfall nach Definition IHRES Handbuches haben, sondern irgendwelche sozialen, psychologischen, wirtschaftlichen Probleme, die Mangels Verfügbarkeit besser geeigneter Instanzen aus Sicht der Hilfesuchenden im Ruf eines RTWs münden. (der verlinkte Artikel ist auf Zeit Online hinter der Paywall, allerdings bisher eine der besten Reportagen, die ich je dazu gelesen habe). Das führt zweitens in der Folge zu Desillusionierung und nicht selten zu einem zügigen Berufsfwechsel (=> Fachkräftemangel anybody…?).

Okay, ich habe erklärt, WARUM ich einen Erziehungsauftrag in der Berufsfachschule sehe. Das erklärt aber natürlich noch keinen Meter, WIE man das dann anstellt, wenn es doch oft genug einen gewissen Graben zwischen Fachlehrer*in und Schüler*innen gibt? Und der resultiert nicht immer aus dem Alter der Fachlehrer*innen. Häufig genug werden heute sehr junge Kollegen*innen in den „Schuldienst“ rekrutiert, wenn sie schon früh ein gewisses Talent für die Betreuung von Auszubildenden zeigen. Es ist aber ein himmelweiter Unterschied, auf seinem Rettungswagen, oder bei Praxisanleitungen auf der Wache ein paar wenige Individuen an die Hand zu nehmen, oder vor einer vollen Klasse zu stehen, in der naturgemäß kein dauerndes Eingehen auf Partikularbedürfnisse möglich ist. Es kommt in der Folge immer wieder zu folgenden Prozessen:

  • Mangelnde analytische Distanz: Da man der im Lehrsaal vertretenen Peergroup subjektiv näher ist, verwechselt man Schüler*innen mit Freunden oder Kollegen. So funktioniert Lehren aber nicht! Denn am Ende muss ICH unzweifelhaft objektiv bewerten können, ob die Person vor mir für diesen Job geeignet ist, oder nicht. Und „Oder nicht“ ist niemals eine populäre Ansage!
  • Doppelbelastung Studium – Lehre: Das muss man wollen. Und es wird von so manchem Schulleiter auf Lehrerfang gerne freundlich kleingeredet, dass man bis zum Abschluss oft genug auf dem Zahnfleisch gehen wird… Folglich schmeißen nicht Wenige alsbald das Handtuch und suchen sich was anderes.
  • Unsicherheiten im Umgang mit dem Curriculum: Da steht eine Menge Zeug drin, das nicht auf den ersten Blick intuitiv zugänglich ist. Warum man manchmal Umwege gehen muss, um ans Ziel kommen zu können, erschließt sich einem oft erst mit wachsendem Alter und zunehmender Erfahrung.

Zusammengefasst braucht es eine gewisse charakterliche und fachliche Reife, um junge Erwachsene für das Berufsleben fit machen zu können. Kommen wir direkt zum WIE zurück: Fachlehrer*innen sind Role-Models! Vorbilder! Um dies sein zu können, müssen Sie aber über ein paar Eigenschaften verfügen, die aus meiner Erfahrung heraus unabdingbar sind, um Persönlichkeitsbildung im Gegenüber ermöglichen zu können: Situationsadäquate Kommunikation. Zuverlässigkeit. Integrität. Führungsstärke. Fachwissen und Fertigkeiten. Diese Dinge wachsen jedoch nicht auf Bäumen, sondern nur durch angeleitete Erfahrung in den Fachlehrer*innen selbst. Das bedeutet, bevor das Lehrpersonal erzieherisch tätig werden kann, muss es erst mal selbst erzogen werden! Menschen lernen relativ viel am Modell und durch Imitation, was schließlich durch Reflexion des Erlebten und Gefühlten zur Integration in das eigene Handlungsrepertoire führt / führen kann. Abkürzungen funktionieren hier NICHT! Und das ist bei sozialen Skills leider nicht anders. Was bedeutet, dass sowohl unser Unterricht, als auch unser kollegialer Umgang miteinander nicht nur fachlich, sondern auch sozial fordernd sein muss. Lernen ist eine Zumutung, die nur außerhalb der Komfortzone wirklich zum Erfolg führen kann. 24 Folien Powerpoint pro Sekunde mögen einen Film ergeben – Notfallsanitäter*innen, welche diese Bezeichnung auch wirklich verdienen, ergibt das aber nicht! Wie man die Schüler*innen tatsächlich aus ihrer Komfortzone und hinein in echtes Lernen holt, dafür gibt es übrigens genausowenig eine Musterlösung, wie für die Notfallbilder, welche erlernt werden müssen – auch wenn Schüler*innen niemals müde werden, danach zu fragen.

GOTT WÜRDE ICH MICH FREUEN, WENN JEMAND MIT MIR ZU DISKUTIEREN ANFINGE! Schönen Tag noch.

New Work N°13 – a bad number?

Es ist zuviel! Den Satz hörte ich in letzter Zeit von den verschiedensten Protagonisten (und auch Antagonisten) in variierender Deutlichkeit; und natürlich war das vor allem bezogen auf die Arbeit. Auf Workloads, Komplexität, Zeitdruck. Nur von einem ist immer zu wenig da: Ressourcen! Bevor man nun beginnt, in das Allgemeinplatz-Horn zu stoßen und „Ja, ja, bei mir ist es genauso…“ zu sagen, wäre es vielleicht angezeigt, ein wenig Diagnostik zu betreiben. In meinem ursprünglichen Gewerk, dem Rettungsdienst nimmt man ja auch nicht das erstbeste Symptom, hört auf zu suchen, und beginnt mit der Therapie; zumindest, wenn man seinen Job ernst nimmt und richtig betreiben möchte. Und insbesondere, wenn ja noch vollkommen unklar ist, was denn eine indizierte Therapie sein könnte. Bezogen auf das Eingangsproblem könnte man sich jetzt einfach hinstellen und sagen: dann arbeite halt weniger! Mach Dienst nach Vorschrift! Reduzier die Vertragsprozente! Such dir eine andere Stelle, wo’s besser läuft! Und so weiter und so fort. Klingt einfach und griffig. So wie die vollkommen inadäquaten Lösungen der AfD und FDP. Die Tage hatte ich selbst ja dennoch darauf hingewiesen, dass weniger mehr sein könnte. Fall geschlossen…? Mitnichten! Also schauen wir mal aus einem anderen Blickwinkel darauf, der jetzt weniger was mit der Frage nach kapitalistischer Arbeitnehmerausbeutung Manchester-Style zu tun hat, sondern mit der Frage nach den eigenen Motivationen und Zielen. Schließlich sind wir keine verflixten Roboter. Aus sozialpsychologischer Sicht ist das schnell abgefrühstückt:

  • Kompetenz: wir wollen uns selbst als kompetent wahrnehmen, also als befähigt, mit dem Herausforderungen, welche uns das Leben entgegenzuwerfen beliebt, adäquat und vor allem erfolgreich umzugehen. Wir wollen „es im Griff haben“. Man nennt dieses Gefühl des Im-Griff-Habens auch Selbstwirksamkeitserfahrung.
  • Soziale Eingebundenheit: wir wollen für andere Menschen Bedeutung haben und uns so wahrgenommen und wertgeschätzt fühlen!
  • Autonomie: wir wollen „einfach unser Ding machen“ dürfen, also das Gefühl haben, (weitestgehend) frei von äußeren Zwängen und fremder Kontrolle zu sein.
    Der Schöpfer dieses Astrolabiums mochte seine Arbeit anscheinend sehr…

    Mit diesem Wissen im Hinterkopf wird vielleicht etwas klarer, warum manche Menschen viel mehr arbeiten wollen, als eigentlich objektiv betrachtet gesund sein kann – und andere nicht früh genug mit der Freizeit beginnen können, weil allein die Pflicht zur Anwesenheit am Arbeitsplatz bereits als Zumutung empfunden wird, die durch ein angemessenes Schmerzensgeld nur nahezu gelindert zu werden vermag; die Höhe des Schmerzensgeldes ist dann auch häufiger ein Streitpunkt. Es hat was mit dem Gefühl von Sinnhaftigkeit des eigenen Schaffens zu tun, dass sich eben aus Selbstwirksamkeitserfahrung (ICH kann etwas bewegen!), sozialer Eingebundenheit (WIR sind ein geiles Team!) und Autonomie (ICH kann meinen Arbeitsbereich in einem nicht zu eng definierten Rahmen selbst gestalten!) speist. Und jetzt ratet mal, wer dafür verantwortlich ist, einen solchen Rahmen zu schaffen? GENAU – DIE FÜHRUNGSKRAFT! Und damit sind wir auch schon auf dem schmalen Grat zwischen workaholistischer Selbstausbeutung und loyaler Teamarbeit gelandet. Denn wir alle wissen, dass die Dosis macht, dass ein Ding ein Gift ist! So sehr ich mich auch darüber freue, wenn Mitarbeiter „Engagement“ zeigen, so sehr bin ich auf Grund meiner Fürsorgepflicht gegenüber den mir unterstellten Menschen dazu verdammt, sie bremsen zu müssen, wenn’s gerade am schönsten ist. And I need to remind myself, that 13 is a bad number, as early as workdays tend to get that long…

    Wer ohne Schnitzel ist, werfe nun das erste Schwein. Ich fühle mich bei diesen Zeilen leider ertappt, weil ich es manchmal auch nicht gut sein lassen kann. Weil ich doch noch etwas mehr vorbereiten MUSS, wenn es besser wäre, einfach am nächsten Morgen mit dem zu performen, was ich sowieso parat habe. Denn für die allermeisten Situationen sind meine 70% vollkommen ausreichend. Im Büro genauso, wie im Lehrsaal. Das bedeutet nicht, dass man bestimmte Fachthemen nicht gut vorbereiten muss. Aber es gibt diesen Bereich zwischen der Note 3 (befriedigend: erfüllt die Anforderungen im Allgemeinen, in meiner Welt eine Leistung von 65-79% des theoretisch Möglichen) und der Note 2 (gut: erfüllt die Anforderungen voll, in meiner Welt 80-89% des theoretisch Möglichen), in dem halbwegs geschickte Pädagogen sich mühelos bewegen können. Und manchmal erfordert der Schutz der eigenen psychischen Integrität, diesen Bereich NICHT nach oben verlassen zu wollen. Für mich als Führungskraft gilt das sogar doppelt, weil ich das auch in den mir unterstellten Kollegen*innen genau beobachten und ggfs. moderierend einschreiten muss. Und das fällt mir persönlich unheimlich schwer, weil ich – wenn MICH ein Thema interessiert, fasziniert, irritiert – manchmal einfach selbst nicht lockerlassen kann!

    Und dann gibt es die Phasen, wenn Rosinante müde ist, und auf die Windmühle scheißen möchte, anstatt weiter den Berg hochlaufen zu müssen, weil Don Quijote es einfach nicht sein lassen konnte. Da fällt man dann manchmal in ein Loch, und agiert auf eine Weise, die es für Außenstehende so aussehen lässt, als wenn man einer der weniger motivierten Mitarbeiter wäre, die ich oben auch erwähnt habe (Schmerzensgeld und so…). Obwohl man einfach nur ausgebrannt ist. Und ich rede da nicht von einem echten Burn-Out im Sinne der psycho-pathologischen Diagnose, sondern einfach von nachlassender Motivation, weil die Selbstwirksamkeit schwindet (es will MIR nichts gelingen), die Eingebundenheit sich nicht mehr gut anfühlt (MANCHE ANDERE wollen einfach nicht verstehen, worauf es ankommt) und die Autonomie subjektiv eingeschränkt ist (ICH habe gar keine Freiheiten mehr); ob der letzte Punkt objektiv zutrifft oder „nur“ so wahrgenommen wird, ist dabei unerheblich. Ich war dort, ich weiß, wovon ich spreche. 13 kann also sehr wohl eine Unglückszahl sein. Aber nur wenn sie für Arbeitsstunden am Tag steht. Gegen 13 tage Urlaub habe ich nichts. Obwohl 23 auch nicht schlecht wären 😉 In diesem Sinne einen schönen Samstag. Arbeitet nicht so viel!

    Auch als Podcast…

    New Work N°12 – Ist weniger mehr?

    Im Moment geistert eine Studie durch’s Netz, und auch die Seiten einschlägiger Postillen, die gerne und viel zitiert wird, weil das Thema kontrovers ist – die probeweise Einführung einer 4-Tage-Woche bei vollem Lohnausgleich. Die Initiative 4 day week global hat einen Pilotversuch mit etwas über 60 Unternehmen aus verschiedenen Branchen durchgeführt, und die parallel dazu angelegt Studie ist jetzt veröffentlicht worden. Die Diskussionen im Netz drehen sich nun um die typischen Themen: „geht doch nur in Büro-Jobs!“, „ist nichts für den Mittelstand!“, „wer soll das finanzieren?“, „sowas gefährdet den Standort BRD!“, „die sollen mehr, nicht weniger arbeiten!“, etcpp. Steffen Kampeter, der Hauptgeschäftsführer der Bundesvereinigung der Deutschen Arbeitgeberverbände (BDA) hat denn auch gleich geäußert, dass wir in Deutschland MEHR Bock auf Arbeit bräuchten, anstatt weniger, weil ja auch jemand etwas erwirtschaften müsse, um das alles zu bezahlen. Nun ist es aber so, dass es dazu auch andere Ansichten gibt. Einerseits ist klar, dass die fortschreitende Automation Arbeitsplätze für Ungelernte zunehmend obsolet macht, und dass wir insgesamt eher weniger, und das auch noch zu einem, für die Umwelt gerechteren Preis erwirtschaften müssten, wenn wir dem Klimawandel irgendetwas entgegensetzen wollen. Aber die Arbeitgeber möchten gerne weiter Party machen, als wenn’s kein Morgen gäbe. Niemand scheint bereit zu sein, Arbeit von einer anderen Seite her zu denken. Noch immer rennen wir dem Homo Oeconomicus und dem Ideal des ungezügelten, immer weiter wachsenen Konsums für alle hinterher – munter mit dem Kopf durch Wände, bis wir die eine, finale Wand treffen, durch die wir nicht durchkommen – den Klimakollaps, oder den Kollaps der Sozialsysteme dank ungezügelt weiterwachsenden Gini-Koeffizienten. Whichever comes first…

    Industrie-ROMANTIK…?

    Der Gedanke, dass der Wohlstand schrumpfen könnte, scheint offenkundig für Viele erschreckender, als ein Strand auf der Domplatte, weil die Kölner Bucht ihren Namen endlich verdient. Aber was würde das für uns übersättigte Nordhalbkugel-Könige der Welt tatsächlich bedeuten? Kein neues Handy jedes Jahr, kein Urlaubsflug um die halbe Welt, nicht jeden Tag Fleisch auf dem Tisch, etwas weniger Wohnraum pro Person, insgesamt weniger Gimmicks und weniger Mobilität. Ich komme damit jetzt schon zurecht, WAS ZUM TEUFEL STIMMT ALSO NICHT MIT EUCH NARREN? Mobilität ist Freiheit? Ja klar, auf der A1 Mittwochmorgens um 08:00 total, oder? Wacht endlich mal auf. Und jetzt kommt aus dem OFF die entscheidende Frage: was hat denn DAS nun mit der 4-Tage-Woche zu tun? Antwort: einfach alles! Und zwar, weil wir uns erstens überlegen müsses, welche Arbeit WIRKLICH getan werden muss, wir zweitens echte Bullshit-Jobs (alles mit Fiat-Geld und vieles mit Medien) ABSCHAFFEN müssen, und drittens den Wert jedes übrig bleibenden Jobs neu bewerten müssen. Ich habe z.B. kein Problem damit, wenn ein moderner Gladiator, ähm pardon… Fußballer gutes Geld verdient. Aber wirklich niemand auf diesem Planeten braucht Blattgold auf seinem Steak – nicht wahr, Herr Ribéry?

    Yuval Noah Harari beschreibt in seinem Buch „Sapiens. A Brief History of Humankind.“, wie viel Arbeitszeit ein durchschnittlicher Jäger und Sammler pro Woche für seinen Unterhalt zugebracht hat. Spoiler: es waren ca. 15 Stunden! FÜNFZEHN STUNDEN! Zugegeben, der Lebensstandard war sicher nicht vergleichbar mit dem heutigen, und die Lebenserwartung dürfte deutlich niedriger gewesen sein. Aber würde man beide Seiten fragen können, wer insgesamt mit seiner Existenz zufriedener war/ist, bin ich mir nicht sicher, wo wir raus kämen. Ich persönlich hätte mit 15h/Woche jedenfalls nicht das geringste Problem. Mit den momentan üblichen FÜNFZIG jedoch schon! Und dann höre ich diesen Arbeitgeberfuzzi, der sagt, wir bräuchten mehr Bock auf Arbeit. Er verhöhnt damit vor allem jene, die jetzt schon hart genug arbeiten, und trotzdem ihren Lebensunterhalt nicht bestreiten können, weil man ihnen eben nur den Mindestlohn zugesteht! Die Prekarisierung der Arbeit, welche in Deutschland auch noch durch die Sozialdemokraten vorangetrieben wurde (Hartz-Gesetze), ist noch nicht genug, weil man Gewinnwarnungen rausgeben muss. Was zum Henker ist das überhaupt für ein Wort GEWINNwarnung? Ich verstehe die Welt nicht mehr; und ich bin damit offenkundig nicht allein (auch wenn das Zitat schon alt ist).

    „How the hell could a person enjoy being awakened at 6:30AM, by an alarm clock, leap out of bed, dress, force-feed, shit, piss, brush and hair, and fight traffic to get to a place where essentially you make a lot of money for somebody else and were asked to be grateful for the opportunity to do so?"
    
    Danke, charles Bukowski!

    Wir brauchen nicht mehr Arbeit – wir brauchen die richtige Arbeit: Bildung, Forschung, Carework, nachhaltiges Produzieren vor Ort, mehr Reparieren und weniger Wegwerfen, Naturschutz und Landschaftspflege, Communitywork und vor allem mehr Zeit für einander. Uns allen ist eine 4-Tage-Woche mehr als ausreichend, wenn wir endlich verstehen, dass mehr Konsum weder zufriedener macht, noch dem Leben mehr Sinn gibt. Und vielleicht bekämen wir es dann auch hin, den Wohlstand gerechter zu verteilen. Aber DAS ist nur ein Traum. Nennt mich Sozialist. Ist mir egal. Ich bin lieber ein stolzer Soze, als ein Pollunder-tragender Möchtegern-Leistungsträger, der mehr Ressourcen verbrennt, als seine nutzlose Arbeit jemals zu erzeugen vermag. Klinge ich gerade böse? Na hoffentlich! Bis die Tage…

    Auch als Podcast…
    Harari, Y., N. (2011): Sapiens. A brief history of humankind. London: Vintage, part of Penguin Random House.

    Bedenkenträgerei

    Wenn man sich Entscheidungsprozesse anschaut, muss man manchmal feststellen, dass wir Menschen ganz schön bescheuert sind. Wir versuchen um’s Verrecken, den besten Deal, die optimale Lösung, den effizientesten Weg zu finden und vergeuden dabei Stunde um Stunde, Kalorie um Kalorie, Nerv um Nerv – nur um hinterher festzustellen, dass man die Zukunft nicht vorhersehen kann. JEDES. EINZELNE. MAL. Die undurchschaubare Grenze der nächsten Sekunde, a.k.a. die unsichtbare Mauer hinter dem JETZT bietet immer und für Jeden genug Stoff zur Selbstabarbeitung. Und Generation für Generation werden wir weiterhin daran scheitern. Das an sich wäre bestenfalls eine Betrachtung von forensisch-philosophischem Interesse, wenn nicht zufällig verschiedenste Prozesse in meinem Arbeitsumfeld ebenfalls mit enervierender Regelmäßigkeit davon betroffen wären. Aber wir Deutschen haben offensichtlich ein verhängnisvolles Faible dafür, die Dinge unnötig zu verkomplizieren und stets nach 100% zu streben, wenn 70% vollkommen ausreichen würden.

    Auch das Streben nach Perfektion bedarf des Tuns…

    In einer Leitungsposition ist man relativ oft damit beschäftigt, Ressourcen zu beschaffen, damit die geleiteten Mitarbeiter*innen den Workload friktionsfrei wegarbeiten können. Das können tangible Dinge wie Material und Geräte sein; ebenso oft aber geht es um Zeit und Raum. Pädagogische Arbeit braucht beides in nicht unerheblichem Maße, was beim Controller-Mensch immer wieder zu irritierten Nachfragen führt. Aber zu „Wenn’de mit Bananen wedelst, kommen halt nur Affen…!“ gehören halt nicht nur das ausgelobte Gehalt, sondern eben auch das Arbeitsumfeld, dessen Güte in wesentlichem Maße von der Verfügbarkeit der eben erwähnten Ressourcen abhängt. Und dann wird in irgendwelchen Gremien repititiv diskutiert, was in drei, fünf, sieben Jahren SEIN KÖNNTE. ICH. BIN. NICHT. NOSTRADAMUS, GOTTVERDAMMT! Ich weiß ja nicht mal sicher was in drei, fünf oder sieben Tagen, Wochen oder Monaten sein wird. Mir ist wohl bewusst, dass man für’s Geschäft eine Strategie braucht. Mir ist aber – und das ist witzigerweise eine Erkenntnis aus meinem liebsten Hobby, dem Pen’n’Paper-Storytelling – auch bewusst, dass jedwede Strategie, genau wie jedwede wissenschaftliche Erkenntnis immer nur ein Vorläufiges ist – nur ein Vorläufiges sein KANN! Weil – undurchschaubare Grenze der nächsten Sekunde.

    Gott, gib mir die Gelassenheit, Dinge hinzunehmen, die ich nicht ändern kann, den Mut, Dinge zu ändern, die ich ändern kann, und die Weisheit, das eine vom anderen zu unterscheiden.
    
    (c) Reinhold Niebuhr

    Nimmt man nun den Geist des Gelassenheitsgebetes von Niebuhr und die Erkenntnis um die Undurchschaubarkeit der Zukunft zusammen, bleibt einem eigentlich nichts anderes übrig, als dem Leben heiter und gelassen entgegen zu treten, und manchmal Dinge einfach zu tun, auch auf die Gefahr hin, hinterher sagen zu müssen, dass man sich geirrt hat! Nun wird mir der Controller-Mensch sofort antworten „Aber da hängen fiskalische Risiken dran, wir müssen doch einen positiven Deckungsbeitrag erwirtschaften!“ Ja, kann sein… Jedoch NICHT zu investieren, seine ursprünglichen Ideen NICHT anzupassen, auf den oft unerwarteten Wandel NICHT angemessen nachjustierend zu reagieren, und manchmal auch einfach Dinge zu tun, von denen der ROI (Return of Investment) vorher NICHT klar ist, konstituiert ebenso fiskalische Risiken. Sie wirken sich buchhalterisch nur an anderer Stelle aus; z.B., indem ich wieder Geld für Personalakquise ausgeben muss. Oder für Marketing. Oder für den Insolvenzverwalter… [Für Zeit-Online-Abonnenten, hier ein Artikel zum Thema Heiterkeit.]

    Ich glaube fest daran, dass dauernde Bedenkenträgerei ein Symptom dafür ist, sich zu sehr von der eigenen Amygdala regieren zu lassen – und darauf habe ich keine Lust mehr. Als Mensch, der aus eigener leidvoller Anschauung weiß, wie sich Depression anfühlt, ist es umso wertvoller, zu wissen, dass man sich dafür entscheiden kann, sich nicht Angst- und Bedenkenmotiviert durch das Leben und die Arbeit zu bewegen, sondern den Dingen aufgeschlossen und neugierig entgegen zu treten. Dass dabei zwangsläufig auch Fehler passieren, ist in der Tat unvermeidlicher Bestandteil der menschlichen Existenz. Und es wäre besser, wir erinnerten uns der Tatsache, dass wir ALLE Fehler machen. (Manchmal ist der erste, morgens aufzustehen und zur Arbeit zu gehen…) Wie man damit umgeht, also ob man eine Just Culture (ich übersetze das hier mal mit „Faire Fehlerkultur“) pflegt, oder aber gerne Leute punished, weil sie in gutem Glauben der Richtigkeit Ihres Handelns eine Entscheidung getroffen haben, die sich später als Mist herausstellt, ist eine Entscheidung, die ich niemandem abnehmen kann. Denkt man aber noch mal kurz über das bis hierher Gesagte nach, wird klar, dass alles andere als Just Culture das Wesen des Menschseins und das Wesen unserer Wahrnehmungsfähigkeit schlicht leugnet. Und das man manchmal mit 70% Effizienz loslegen sollte, weil auf nahe 100% zu kommen so viel Energie und Zeit verbrennen würde, dass man’s dann auch gleich ganz lassen kann. Ich habe jetzt nur noch ein Bedenken – nämlich das nach Sonntag Montag kommt und ich eigentlich noch nicht wieder bei 70% Akku bin. Versuchen wir trotzdem zusammen einen geschmeidigen Start in die kommende Woche.

    Auch als Podcast…

    META, Baby…!

    Ich lebe im Moment in einer Welt, in der die Perspektive ständig wechselt. Das liegt nicht etwa am Einsatz bewußtseinserweiternder Mittel, hoher Reisegeschwindigkeit, oder etwa übergebühr hohem Medienkonsum, sondern daran, dass ich als Ausbilder für Ausbilder gefordert bin! Jede Person, die dazu aufgerufen ist, anderen etwas vermitteln zu wollen (oder zu müssen?), steht häufiger vor dem Problem, die eigenen Befindlichkeiten, Ideen, Überzeugungen und Wissensbestände hinterfragen zu müssen. Man kann das natürlich auch sein lassen, und einfach seine unhinterfragten Dogmen raushauen – dann wird’s halt oft Kacke. Denn so, wie sich die Welt ändert – was wir als gültigen Allgemeinplatz einfach mal stehen lassen dürfen – ändern sich auch die Bedingungen, zu denen das Leben so ganz allgemein stattfindet. Insbesondere im hochsensiblen Feld der Pädagogik. Wir arbeiten, wie die meisten anderen Wissenschaften auch, stets mit dem Vorläufigen; also Theorien, die auf Erkenntnissen basieren, die immer so lange als nicht widerlegt gelten, bis jemand bessere Erkenntnisse findet. (wer sich für eine Betractung hierzu interessiert: Thomas S. Kuhn, „The structure of scientific revolutions.“).

    Es ist diese zwangsläufige Vorläufigkeit, die viele Menschen irritiert und dazu führt, dass man verschiedenen Wissenschaftsdisziplinen immer wieder unterstellt, dass sie ja gar kein praktisch verwertbares Wissen produzieren würden. Das ist jedoch nicht wahr. Unsere ganze Existenz basiert auf Vorläufigkeiten – oder weiß irgendjemand da draußen zufällig genau, was morgen um 12:47:33 Ortszeit in Tokio passieren wird? Die Zukunft bleibt, allem Bemühen zum Trotze, eine ständige Unbekannte, die sich erst in dem Moment da sie passiert ist, in ein Gegebenes verwandelt hat. Manchmal mit, sehr viel öfter jedoch ohne unser Zutun. Unsere kleinen Affengehirne kommen anscheinend mit dieser Ambivalenz, Ambiguität, Unsicherheit, überhaupt mit dem DAZWISCHEN aber gar nicht gut klar! Weshalb wir immerzu nach sofort verfügbaren, möglichst einfachen, möglichst sicheren Lösungen und Plänen verlangen. Aber für das UNSICHERE gibt es keine Blaupause, für die Zukunft keinen alle Eventualitäten berücksichtigenden Plan, der uns sanft und sicher ans Ziel führt. Mal davon abgesehen, dass individuelle Ziele sich erheblich unterscheiden…

    Es bedurfte in meinem Fall einiger Jahrzehnte, um dieses Maß an Einsicht und gelegentlich mittlerweile sogar Gelassenheit im Angesicht der undurchschaubaren Grenze der nächsten Sekunde zu erlangen. Was nichts über die Fähigkeit Anderer hierzu aussagt, denn diese Aussage ist ja nur anekdotische Evidenz. Wenn ich mich jedoch umsehe in den Debatten unserer Zeit, gleich auf welchem gesellschaftlichen Feld, dann komme ich nicht umhin, einen eklatanten Mangel an Einsicht in die eben ausgeführten Sachverhalte erkennen zu können. Und in einigen Fällen würde ich sogar ein bewusstes Ignorieren zum Vorantreiben der eigenen Agenda unterstellen wollen. Denn jede Menge Menschen da draußen, die den Wunsch nach der einfachen Antwort offenkundig instrumentalisieren, haben sowohl den Intellekt als auch die Fähigkeiten, zu den gleichen Schlüssen zu kommen, wie ich! Neurechte Vordenker und Agitatoren zum Beispiel. Aber das trifft eigentlich auf Vertreter jeder Himmelsrichtung im politischen Spektrum zu…

    Wenn man aus der isometrischen Draufsicht wie beim guten alten Diablo auf die Sache blickt – also die Meta-Perspektive einnimmt, wie man heute so schön sagt – stellt man fest, dass man selbst seinen Ansprüchen auch nicht annähernd so oft gerecht wird, wie man sich das gerne erzählt. Das unbewusste Streben nach einer positiven Erzählung des eigenen Selbst steht uns beim Erreichen des hehren Zieles SELBSTREFLEXION also ziemlich oft im Weg. Man könnte sich jetzt also dazu hinreißen lassen, aus diesem Grunde die virtuelle Flinte ins Korn zu werfen, und mit einem metaphorischen Schulterzucken in die couchige Komfortzone der selbstgebauten Illusion von Sicherheit und Beständigkeit zurückkehren, um Wandel, der sich als automatisches Ergebnis des komplexen Systems „Menschheit“ ergibt immer und immer wieder als Bedrohung zu interpretieren – mit dem Ergebnis, dass man entweder zum Nazi wird, in Schockstarre verharrt oder der Depression anheimfällt. Das ist mir als Lösung aber zu billig: Depression kenne ich schon aus eigener Anschauung und habe keinen Bock mehr darauf. Schockstarre widerspricht 100% meinem Selbstbild als Macher und Problemlöser! Und Nazis sind und bleiben für immerdar Scheiße!

    Also krieche ich einmal mehr mit Mühe auf die Meta-Ebene und schaue mir in einem selbstgefälligen Anfall von Masochismus jene Dinge an, die ich in den letzten Wochen so verzapft habe. Zum Kritisieren findet man natürlich immer was; hier hätte man schneller, dort ein wenig präziser und obenrum ein bisschen feinfühliger sein können. Aber ich bin jetzt an dem Punkt zu sagen, dass 70% für die nächste Zeit reichen müssen. Und gönne mir, weil das auch mal sein muss, einen arroganten Spruch dazu: MEINE 70% müssen andere erst Mal erreichen! In diesem Sinne wünsche ich allen ein schönes Wochenende.

    Auch als Podcast…

    Verdient…?

    Es ist so eine typische alte deutsche Unart, dass man über Geld nicht spräche. Ich meine, seien wir doch mal ehrlich: spätestens mit den explodierenden Verbraucherpreisen für fast ALLES seit Beginn des völkerrechtswidrigen Überfalls Russlands auf die Ukraine IST Geld, oder besser der Mangel daran, in der öffentlichen Wahrnehmung überall. Was wird nicht über die teilweise existenziellen Probleme vieler Menschen geschrieben, gewettert, geweint, gewünscht, gewasweißichnochallest; aber mal über das eigene Gehalt bzw. dessen Höhe zu reden – da herrscht oft Fehlanzeige. Mir ist das ehrlich gesagt Wumpe, wenn jemand mein Gehalt kennt. Ich habe kein Non-Disclosure-Agreement darüber unterschrieben. Und ich finde es problematisch, wenn man Gehaltsintransparenz als Machtinstrument zu missbrauchen versucht. Und genau das passiert. Spätestens, wenn man sein Gehalt selbst verhandeln muss, weil es keinen Tarifvertrag gibt. Aber selbst mit Tarifvertrag gibt es Spielräume, die ausgeschöpft werden können. Auf meinem eigenen Gehaltszettel stehen im Moment übrigens rund 6000,00€ Brutto/Monat + Jahressonderzahlung, die einem 13. Monatsgehalt entspricht. Das Netto bei Lohnsteuer-Klasse 3 könnt ihr euch selbst ausrechnen. Und meine Frau hat ein eigenes Einkommen. Das ist, was ich meine, wenn ich sage, unsere Familie ist existenziell abgesichert. Aber ob ich VERDIENE, was ich BEKOMME, das steht auf einem ganz anderen Blatt Papier…

    Das Leben treibt manchmal seltsame Blüten…

    Ich sage ja immer, dass die Kommentarspalten oft viel interessanter sind, als die eigentlichen Artikel. ZON Arbeit hat einen Aufruf veröffentlicht, dass man sich doch anonym melden könne, um mitzuteilen, ob man seinen Arbeitgeber hinsichtlich der effektiven Arbeitszeit im Home-Office belüge. Wurde heute morgen veröffentlich (es ist ja nur in wenigen Bundesländern heute gesetzl. Feiertag, so etwa in Ba-Wü, wo ich wohne). Es gibt natürlich noch keine Ergebnisse, aber in den Kommentaren tauchte dann eben auch mehrfach die Aussage auf, dass man halt tue, worauf man lustig sei, sobald die eigentliche Arbeit (also vermutlich der zugewiesene Workload) erledigt sei. Das wirft ein paar Fragen auf, die ich hier nicht abschließend beantworten kann, weil die Antworten, welche andere geben könnten sehr individuell ausfallen dürften. Also ran an die Fragen:

    • Ist diesen Leuten klar, dass es sich bei solchem Verhalten, wenn man die aktuelle Gesetzeslage in Betracht zieht in einem Festanstellungsverhältnis ggfs. um Arbeitszeit-Betrug handelt, der eine fristlose Kündigung rechtfertigt? (Ich frage für einen Freund…)
    • Wie misst man individuelle Workloads? Individuelle Performance differiert nämlich teilweise erheblich. Und manche Tätigkeit ist überhaupt nur schwer zu bemessen; nämlich eigentlich nur über abgeschlossene Projektschritte, nicht über die aufgewendete Zeit.
    • Wie misst man den betrieblichen Gegenwert individueller Workloads? (Ich verweise noch mal auf das eben Gesagte).
    • Wie bewerte ich bei der Entgeltung von Home-Office den Umstand, dass ca. 30% der täglichen Büroarbeitszeit (also knapp 2,5h bezogen auf einen 8h-Tag!) NICHT für Arbeit aufgewendet werden, sondern für informelle Gespräche, Kaffeeholen, etc.?
    • Ich formuliere schärfer – ist Präsentismus tatsächlich effektiver und produktiver?
    • Wie finde ich die sogenannten Low-Performer, egal ob in Präsenz oder im Home-Office?
    • Ist eine bestimmte Bandbreite der Performanz nicht eine logische Folge natürlicher Bandbreite des Mensch-Seins; also eine Folge von Genetik, Erziehung und Sozialisation? Also mithin von Vorbedingungen, auf die man am Arbeitsplatz nur sehr bedingt Einfluss nehmen kann?
    • Und wie geht man mit solchen qua-natürlichen Divergenzen um?

    Letztenendes geht es darum, immer neu einen Ausgleich zwischen den Interessen der Arbeitgeber und Arbeitnehmer finden zu müssen, was sich immer häufiger als Problem darstellt. Ich habe selbst Personalverantwortung und ich würde von mir behaupten wollen, dass ich geneigt bin, Menschen mehr als eine Chance geben zu wollen. Aber auch ich habe äußere Begrenzungen, bin Einflüssen und Vorgaben unterworfen, die ich NICHT ignorieren kann. Und muss liefern. Oft genug entstehen daraus Konflikte, die ich nicht, oder aber nur unter Schmerzen und erheblichem persönlichem Einsatz lösen kann. Und ich stelle immer häufiger fest, dass ich nicht mehr bereit bin, einfach für andere mitzuperformen, weil auch ich physische und psychische Limits habe; ich habe das vergangenes Jahr bereits mehrfach schmerzhaft aufgezeigt bekommen. Und bin jetzt an dem Punkt, dass ich mich selbst schützen werde, auch wenn das bedeutet, Menschen vor den Kopf stoßen zu müssen.

    Zurück zur Eingangsfrage: Verdient, oder nicht verdient, dass ist hier die Frage des Chefs? Wenn diese so einfach zu beantworten wäre (und ich habe in meiner Fragesammlung einige Komplexe des Organisations-Managements noch überhaupt nicht berührt), gäbe es nicht jene Menschen, die sich damit wissenschaftlich und beruflich beschäftigen. Wir sind also wieder mal beim leidigen Thema „Leistungsträger“ angekommen. Und was ich dazu an anekdotischer Evidenz aus meinem Tätigkeitsbereich (HiOrgs so ganz im allgemeinen) beitragen kann, wirft die dringende Frage auf, warum so vieles noch immer so verdammt unprofessionell, wurschtig, nach Nase und Lust anstatt Sachlage gehandhabt wird; und gefühlt viel zu oft Jene mit der größten Fresse und den lautesten Eigenwerbungs-Beiträgen weiterkommen, anstatt Jene, die einerseits erstmal nur ihren Job machen, andererseits aber stets bereit sind, reflektiert auf die Zukunft zuzugehen?

    Sagte ich nun, ich hätte keine Ahnung, wäre das gelogen. Denn Fakt ist, dass erfolgreiches Verhalten imitiert wird (hier als erfolgreich im Sinne von, „bringt persönliches Vorankommen!“ zu verstehen, nicht jedoch im Sinne von „bringt die Organisation und alle Beteiligten voran!“). Und so reproduziert sich an entscheidenden Stellen oft Verhalten, das mit den prominent aufgehängten Lippenbekenntnissen aus irgendwelchen Leitbildern ungefähr so viel zu tun hat, wie Hackbraten mit Atomphysik. Geht man so reflektiert auf die Zukunft zu. Nö, wieso denn – Tradition ist doch Fortschritt genug, oder? Ob ich auf einen Lottogewinn hoffe, um mal ein paar Jahre was anderes machen zu können? Ja, irgendwie schon. Mal schauen. Ab Montag ist wieder Tretmühle angesagt. Euch ein schönes Wochenende.

    Auch als Podcast…

    Erwachsen bilden N°43 – Blockade…

    Ich saß diese Woche eines Abends noch länger, weil ich eine Online-Fortbildung fertig produzieren musste. Die Arbeitsschritte sind dabei mannigfaltig. Präsentationen (in meinem Fall tatsächlich Powerpoint (c) ) erstellen, Präsentationen kommentieren und aufzeichnen, konvertieren, uploaden, in das Kurs-Projekt einbinden (wir nutzen Articulate Rise 360 (c) ), die Texte anpassen, das Projekt exportieren und in das Lernmanagement-System (bei uns ein Moodle (c) ) einpassen, Teilnehmer einbuchen und einladen. Die ersten Schritte sind dabei immer die schwersten, denn bis man zündende Ideen hat, wie sich bestimmte Dinge halbwegs gut erklären und visualisieren lassen, geht manchmal ganz schön Zeit drauf. Dann müssen die Visualisierungen erstellt werden; ich kann nicht wirklich malen, aber Bikablo-Männchen (c) kriege ich hin. Alles in allem ist das ein anstrengender Prozess, in den bei fertigen Instruktionsdesigns pro Unterrichtseinheit sicher 4-5 Stunden Arbeit fließen – wenn’s denn langt.

    Hilft mir meine Wahrnehmung…?

    Wenn es nur ein sturer Produktionsprozess wäre, dann setzte man sich also eine starke Woche hin und hätte einen digitalen Unterrichtstag produziert, der von beliebig vielen Personen genutzt werden kann. Einzelne Teile lassen sich, sofern man sauber gearbeitet hat, auch in unterschiedlichen Formaten wiederverwenden. Es ist also in keinem Fall verschwendete Zeit. Jedoch ist das mit dem Start und auch dem Flow eines kreativen Prozesses so eine Sache. Speziell bei dieser Fortbildung kam es zu Verzögerungen auf Grund erhöhten Workloads an anderer Stelle; einerseits. Aber andererseits sitzt man manchmal einfach vor dem Monitor und nichts fließt. Es ist wie eine verdammte weiße Wand, die einen höhnisch anstarrt, als wenn sie sagen wollte „Na, wieder mal zu blöd, um ES richtig zu machen…?“. Und das ist extrem frustrierend. Denn natürlich ist einem die ganze Zeit über schmerzlich bewusst, dass Andere auf einen warten. Und die verstehen das Thema Schreibblockade vielleicht gar nicht, weil kreative Prozesse nicht unbedingt zu ihrem täglich Brot gehören.

    Ich stelle, je älter ich werde, und je mehr ich mich Neurowissenschaften und Kognitions-Psychologie beschäftige fest, dass die Prozesse in unseren Köpfen, deren Ausdruck wir – und auch Andere – dann als Produkte unserer als Kreativität wahrnehmen alles andere als vorhersehbar verlaufen. Wenn man Kreativität aber auch aus betriebswirtschaftlicher Perspektive betrachten muss, ist diese eines von mehreren Assets im Bereich Human Ressources; und zwar jenes, welches Mitarbeiter dazu befähigt, unterschiedlichste auftauchende Probleme auf teilweise originelle Art und Weise zu lösen; vornehmlich um Effizienz zu erhalten oder gar zu steigern; denn Zeit ist Geld. Was bedeutet, dass auch Bildungszeit Geld ist. Nun lässt sich aber der Wert von (Fort)bildung nur sehr schwer beziffern. Ich kann messen, wie viel ich dafür ausgebe und ob eine Bildungseinrichtung als solche kostendeckend arbeitet, oder gar einen positiven Deckungsbeitrag erwirtschaftet. Aber was Bildung mit, bzw. in den Menschen schafft, welche diese konsumieren, ist oft nur schwer und auch nur mittelbar zu beziffern.

    Wenn man zum Beispiel jemandem bei der Aneignung von etwas Neuem begleitet, dessen Beherrschung später für den Arbeitgeber Geld verdient, macht es dann einen Unterschied, ob dieser Mensch dies Fähigkeit später besonders gut kann, oder ob er halt nur den Schein gebraucht hat? Dieses Dilemma ist vorerst nicht aufzulösen, aber es trifft hier auch auf mich zu. Wenn ich mir nun Mühe gebe, etwas möglichst verständlich darzustellen, bzw. Aspekte zu beleuchten, die mir auf Grund meiner Ausbildung und Erfahrung in einem Bereich besonders wichtig erscheinen und dabei, wie oben beschrieben, über gewisse Längen gehe, ist das dann aus betrieblicher Sicht noch effizient, oder nur noch (falls überhaupt) effektiv? Und wie messe ich den Unterschied? Macht es also für Andere einen Unterschied, ob ich meine Blockade ignoriere und (aus meiner Sicht) Scheiße abliefere, Hauptsache, es wurde überhaupt etwas ausgeliefert? Ist eine Zwickmühle, aus der ich bislang keinen Ausweg gefunden habe. Also halte ich mich an mein eigenes Qualitäts-Bestreben, auch wenn ich dann manchmal das ungeduldige Generve der Kollegen*innen aushalten muss. Auch wenn ich manchmal bezweifle, dass DIE den Unterschied überhaupt bemerken würden. Nun ja. Draußen wird es langsam dunkel, die neue Woche dräut. Ich wünsche einen schönen Abend.

    Auch als Podcast…