Ein freier Tag…

Müßiggang. Eines dieser Hassthemen für so unendlich viele Leute. Weil sie alle immer noch glauben, dass es sowas wie ein Endziel gäbe; und dass mehr Leistung sie schneller dorthin brächte. Doch hinter jedem erreichten Ziel, hinter jeder Mauer, die ich so mühevoll überwunden habe, lauern doch nur immer weitere Wege – und mehr Mauern, die es zu überwinden gilt. Einer der unschönen Aspekte am Erwachsenwerden ist, erkennen zu müssen, dass dieser, auf den ersten Blick saublöde, Glückskeksspruch “Der Weg ist das Ziel!” die einzige Art beschreibt, das Leben wahrnehmen zu können, ohne daran zu verzweifeln, dass jedes Ziel bestenfalls ein Wegpunkt ist. Ich hatte gerade vorhin eine längere Unterhaltung mit meiner 12-jährigen Tochter. Und für sie ist diese langsam heraufdämmernde Erkenntnis ein echter Dämpfer. Weil man Kinder erst langsam an den Dauerlauf namens “LEBEN” heran führen muss.

Hier lauert eine derbe Ambivalenz. Denn einerseits müssen wir unsere Kinder natürlich daran gewöhnen, immer weiter zu gehen (wir müssen uns selbst ja auch immer wieder daran erinnern). Insbesondere dann, wenn’s gerade mal nicht so läuft, und es viel schöner wäre, die Tür zur Welt zuzumachen, um sich mit irgendwas schönem von seinen Problemen abzulenken. Im Hier und Jetzt gibt es dafür zu allem Überfluss (leider) auch noch unfassbare viele Möglichkeiten und Hilfsmittel. Andererseits mussten wir alle irgendwann lernen, dass es Phasen der Ruhe, der Erholung, des Müßigganges braucht, um diesen Dauerlauf besser durchhalten zu können. Und wenn wir ehrlich sind: eigentlich müssten diese Phasen ab einem bestimmten Alter jedes Jahr länger werden. Ich könnte mir z. B. sehr gut vorstellen, neben den üblichen, tariflich vereinbarten Urlaubstagen für jedes weitere Lebensjahr ab, sagen wir mal 45, einen zusätzlichen Urlaubstag pro Jahr dazuzubekommen.

Auf diesem schmalen Grat zwischen notwendiger Bewegung und (ebenso notwendiger) Prokrastination sind Unfälle aller Art natürlich vorprogrammiert. Insbesondere von Anderen verursachte, weil wir Deutschen daran gewöhnt wurden, einander die Butter auf dem Brot zu missgönnen! Wenn jemand etwa öffentlich schreibt, er/sie arbeite pro Woche jetzt nur noch 32h und käme damit super klar, weil trotzdem nichts liegen bliebe, dauert es zumeist geschätzte 17 Mikrosekunden, bis irgendein selbsternannter “Leistungsträger” das entweder

  • a) als Lüge bezeichnet!
  • b) unterstellt, dass die Person dann vorher überbezahlt war!
  • c) dieses Modell ja eh nur für ganz wenige Branchen funktionieren kann, weil wer wischt denn Omi im Heim sonst den Hintern ab?
  • d) man keine Lust habe, die Faulheit anderer mitzufinanzieren (wo genau die Transferstöme gesehen werden, bleibt dabei zumeist im Dunkeln)
  • e) wir dann auch gleich den Sozialismus ausrufen könnten

Diese Liste ist natürlich weder vollständig, noch ist es überhaupt wichtig, sie weiter zu ergänzen. Die meisten Leute, die so kommentieren, haben entweder nicht verstanden, dass die vierte industrielle Revolution immer schneller dazu führt, dass in vielen Branchen und Sektoren Arbeit wegfällt – und dass es sinnvoll sein könnte, speziell den Bereich Care-Work auskömmlicher und attraktiver zu gestalten, weil es ansonsten in vielen Institutionen des Gesundheitswesens für deren Klienten tatsächlich alsbald zappenduster werden wird. Anzuerkennen, das jedwede Form von Arbeit prinzipiell gleichwertig ist, und wir nur auf Grund der strukturellen Verfasstheit unserer Gesellschaft unterschiedlich bewertete Preisschilder draufkleben, wird aber vermutlich für eben jene “Leistungsträger” noch ein paar Äonen in Anspruch nehmen. Narzistische Egos schrumpfen nämlich nicht so schnell...

Ich habe meinen freien Tag, den ich mir genommen habe, weil ich mehr als genug Stunden auf meinem Arbeitszeitkonto habe, und heute überdies keine wichtigen Termine auf der Agenda standen, mal wieder gänzlich anders verbracht, als gedacht. Denn in meinen Träumen sitze ich mit einem guten Buch in der Sonne, nachdem ich ein Weile spazieren gegangen bin. In der Realität mache ich mir mal wieder öffentlich Gedanken über irgendsoein soziales Thema, nachdem ich eingekauft und Essen für meine Lieben gekocht habe. Und morgen ruft sie wieder unerbittlich – die Arbeit! Ein freier Tag extra dann und wann vermag nicht zu ändern, dass ich im Moment immer noch erschöpft durch den Sirup meiner Probleme wate – aber er bietet mir die Chance zum Innehalten und gleichzeitig ahnungslos in das Hineinleben, was auch immer gerade geschehen wollen mag. Ein Futzel frische Freiheit. Genau das wünsche ich euch allen da draußen auch. Bis die Tage.

Der verwirrte Spielleiter / Erwachsen bilden N°33 – Spielleiter meets Lehrer!

In dem Moment, da es gelingt, die Teilnehmer eines Lehrganges mit auf eine Reise zu nehmen, an der alle Beteiligten, inklusive des Dozenten wachsen können, wird die Artverwandtschaft meiner Arbeit zu meinem Lieblingshobby Pen’n’Paper am deutlichsten sichtbar. Und ich würde lügen, wenn ich behaupten müsste, dass mir mein Job genau dann keinen Spaß macht. Wenn ich das allerdings zu laut sagen würde, müsste ich womöglich einen Vergnügungs-Abzug auf mein Gehalt hinnehmen… 😉 Aber mal im Ernst: natürlich bin ich im Lehrsaal, genauso wie auf dem SL-Sessel am besten, wenn ich Spaß an dem habe, was gerade passiert. Und das hängt natürlich davon ab, ob die Geschichte, welche ich gerade erzähle die TN/Spieler so zu packen vermag, dass sie mitmachen (wollen). Allen sozialen Reibungsverlusten zum Trotze, die in gemischten Gruppen entstehen können, emergiert dann im Lehrsaal und am Spieltisch gleichermaßen der Stoff, aus dem meine Welt gemacht ist: Immersion. Das Fürwahrnehmen und Eintauchen in die Erzählung.

Das ist kein Selbstläufer. Auch wenn ich nur mit begrenzten technischen Mitteln simuliere (beim Pen’n’Paper sind das z. B “nur” die Kraft meiner Stimme und die wohlwollende Fantasie meiner Spieler:innen) genügen u. U. ein paar Kunstgriffe, um den Buy-in der Spieler:innen oder Teilnehmer:innen auszulösen und aktiv zu halten. Buy-in ist hier ein ambiger Begriff. Einerseits ist die Motivation zur Teilnahme an einer Erfahrung gemeint, andererseit die Akzptanz der Rahmenbedingungen dieser Erfahrungen. Das heißt allerdings im Klartext, wenn ich meinen Spielern/Teilnehmern einen Haufen unglaubwürdigen Bullshit als Voraussetzung für das Training/Spiel präsentiere, und gleichzeitig von ihnen verlange, sich vollends darauf einzulassen, wird das Ding in die Binsen gehen! Um dem vorzubeugen, kann Buy-in, aus dem erst die Immersion entstehen kann, durch drei Dinge erzeugt werden:

  • a) Relevanz [Spielern/Teilnehmern ist das behandelte Thema wichtig, weil es Bezug zu ihren bisherigen Erfahrungen hat, gleich ob diese virtuell oder real erworben wurden!]
  • b) Konsistenz [Spieler/Teilnehmer können sich darauf verlassen, dass die Regeln des Spiels bzw. der Simulation immer gleich bleiben, damit ein verlässliches Umfeld bilden und gleichartige Handlungen in diesem Setting stets gleichartige Ergebnisse poduzieren!]
  • c) Transparanz [die Regeln des Spiels sind für die Spieler/Teilnehmer vorab bekannt und wurden als fair und gültig anerkannt!]

Für mich ist der entscheidende Unterschied zwischen Simulations-Trainings und Trainer-Lehrgängen aus meinem beruflichen Umfeld und dem Pen’n’Paper-Rollenspiel die Wirkung des Einsatzes von technischen Ressourcen. Pen’n’Paper benötigt diese NICHT. Man kann natürlich mit Schischi wie Ambient Light, Soundeffekten, Requisiten, etc. arbeiten. Ob dies die Spielerfahrung für SL und Spieler:innen reichhaltiger gestaltet, ist allerdings sehr von den Protagonisten am Spieltisch abhängig. In meinen Spielrunden genießt es keinen Stellenwert mehr. Bei Simulationstrainings hingegen ist der Situationsadäquate Einsatz von Technik notwendig, um jene Realitätsnähe in der Simulation darzustellen zu können, die ich beim Pen’n’Paper-Rollenspiel als Freizeitbeschäftigung u. U. gar nicht haben möchte. Auch hier gilt allerdings als Voraussetzung, dass die drei oben genannten Faktoren (Relevanz, Konsistenz, Transparenz) beachtet werden; andernfalls ist es vollkommen egal, ob mein Simulations-Studio 5.000.00€, 50.000€ oder 5.000.000,00€ gekostet hat! Und hier sind wir bei der Qualifikation der Trainer. Verstehen Trainer bzw. Spielleiter ihr Handwerk als Erzähler einer Geschichte nicht, ist es vollkommen Wumpe, wie viel Aufwand mit den Requisiten betrieben wird – das Setup wird keine guten, nachhaltigen Erfahrungen für die Spieler/Teilnehmer erzeugen!

Man muss ehrlicherweise sagen, dass ein gewisser Ressourcen-Aufwand bei Simulations-Trainings notwendig ist. Wo man die Grenze zwischen notwendig und nice-to-have ziehen möchte, ist allerdings in der Tat immer noch Gegenstand zahlreicher Diskussionen. Dennoch lassen sich auch mit vergleichsweise geringem Aufwand für das eigentliche Setup der Trainings-Situationen anständige Ergebnisse erzielen. Keine Abstriche jedoch sollte man bei der Technik machen, die das Debriefing von Simulationen erleichtert. Aber dazu bei anderer Gelegenheit mehr. Womit wir auch schon beim zweiten, für mich entscheidenden Unterschied zwischen diesem Teil meiner Arbeit und Pen’n’Paper angelangt wären: eine Rollenspielrunde kann man nachbesprechen, bzw. zusammenfassen, damit Story-Infos nicht verloren gehen; man kann es aber auch bei Notizen belassen. Bei Sim-Trainings MUSS ich ein strukturiertes Debriefing durchführen, welches alle Aspekte der Simulation noch einmal aus verschiedenen Perspektiven aufgreift, um die Entwicklungs-Potentiale der TN darstellen zu können. Ansonsten kann ich das Simulieren auch bleiben lassen…

Wenn man sich mal ein bisschen Zeit nimmt, gewisse Aspekte der eigenen Arbeit und der Hobbies analytisch zu durchdringen, und dann dabei auch noch feststellen darf, dass es Schnittmengen zwischen Arbeit und Hobby gibt, resultiert daraus manchmal ein nicht zu unterschätzender Motivationsschub für beide Felder. Ich kann nur empfehlen, mal drüber nachzudenken. Einstweilen wünsche ich einen schönen Fortgang der Woche und viel Spaß; im Job, wie auch in der Freizeit…

Erwachsen bilden N°32 – a nice retreat…

Glaubt man der “theory of inquiry” von John Dewey, ist Lernen an jedem Ort möglich, und vollzieht sich in einem Prozess, der mit Fragen beginnt. Ohne an dieser Stelle weiter in die Thematik einsteigen zu wollen, meint das natürlich auch den Lehrer. Denn die “richtigen” Fragen stellen die Lerner oft erst dann, wenn ich sie dahin geführt habe. Das bedeutet im Umkehrschluss aber auch, dass ich selbst als Lehrer zuerst einige Fragen beantworten muss. Das ist der Part an pädagogischer Arbeit den ich liebe – den Chefs aber oft nicht verstehen; denn es ist auch der Part, der oft die meiste Zeit benötigt und manchmal für Außenstehende eher wie Spielerei aussieht. Aber man kann nicht jeden Sachverhalt mit beliebigen Methoden darstellen. Es sei denn, das Ergebniss ist egal. Und bevor man die passenden Methoden beschreiben kann, muss man den Sachverhalt erst einmal selbst analytisch durchdrungen haben. Das kostet Zeit.

Ein weiterer Aspekt neben den Methoden und Sozialformen (siehe weiter unten, die Liste erhebt keinen Anspruch auf Vollständigkeit), die ich im Unterricht verwende, ist der Ort, an dem ich mein Setup aufbaue. Räumlicher und zeitlicher Kontext sind oft limitierende Faktoren, denn ich kann in meinem Büro oder einem kleinen Übungsraum nicht so agieren, wie in einem offen Lehrsaal oder auf einem Freigelände. Zudem muss ich mir – abhängig von den räumlichen Gegebenheiten und dem Lerngegenstand – für das Feedback zum Output der Lernenden immer wieder überlegen, ob ich technische Hilfsmittel benötige, oder freestyle debriefe; nur gestützt durch mein handschriftliches Protokoll. Ein weiterer, nicht zu unterschätzender Aspekt bei der Wahl des Lernortes ist die momentane Auswirkung auf das Teambuilding und die spätere Teamkohäsion. Und da kann es nützlich sein, mal außer Haus zu gehen.

Ich habe in den letzten Tagen angehende Mentoren ausgebildet; und mit ein wenig Nachdenken erschließt sich einem schnell Folgendes: einerseits muss man für die pädagogischen Inhalte andere Ansätze wählen, als für harte medizinische Themen (das gilt im Übrigen auch für CRM/TRM und positive Fehlerkultur). Andererseits sollte man die gezeigte Bereitschaft, durch eine Steigerung der Ausbildungsqualität auf verschiedenen Ebenen einen Mehrwert für den Betrieb zu erzeugen, auch irgendwie honorieren. Und wenn man das nur dadurch tut, dass man mal nett ins Grüne fährt und den Kolleginnen und Kollegen die Gelegenheit gibt, sich auch im informellen Kontext auszutauschen (und dabei hoffentlich wohlzufühlen). Manchmal sind es diese ungeplanten Anteile solcher Zusammenkünfte, die ungeahnte Synergien zu erzeugen vermögen (und damit meine ich explizit nicht den, üblicherweise gemeinten betriebswirtschaftlichen Aspekt gesteigerter Effizienz beim Ressourceneinsatz). Auch wenn kein Chef, der bei Verstand ist, übersehen kann, dass hier viel für die Betriebsbindung getan werden kann, was einen Sack voll Opportunitätskosten (Recruiting, Einarbeitung, Know-How-Verluste, etc.) verhindern hilft. Aber was weiß ich schon.

Ich selbst empfinde es als Wertschätzung, wenn ich Anderen eine solche Gelegenheit bieten kann. Im Übrigen aber auch, wenn ich solche Veranstaltungen wahrnehmen darf. Da haben wir noch ein wenig Diskussionsbedarf, denn auch mit einer hochwertigen (hochschulischen) Ausbildung ist man immer noch ein Mensch, der immerzu dazu lernen kann – und muss. Denn wer stehen bleibt, den überholt die Welt! Ich habe dieses mal übrigens auch etwas dazu gelernt: nämlich eine neue theoretische Herangehensweise an die – von manchen meiner Kolleginnen und Kollegen gerne uncharmant als “Bullshit-Einsätze” titulierten – Versorgungs-Probleme, die mangels besserer Ressourcen(kenntnis) viel zu oft zu RTW-Einsätzen führen. Aber darüber rede ich vielleicht ein anderes Mal ausführlicher. In jedem Fall, vielen Dank dafür, Julian. Und ich durfte feststellen, dass im Unterrichtsgespräch zu gendern mir immer leichter fällt. Bin wohl doch noch nicht zu alt für neue Tricks… 😉

Ich habe mich jedenfalls an diesem Ort wohl gefühlt und die Energie anscheinend genutzt, um sie an die TN weiterzugeben. Zumindest hatte ich zum Schluss der Veranstaltung das Gefühl, dass es doch noch eine runde Sache geworden war. Dafür gehe ich auch gerne mal verspätet ins Wochenende. Es ist übrigens kaum zu glauben, aber auch nach über einem Jahr fällt es mir immer noch schwer, mich an den 8-to-5-Job zu gewöhnen. Obwohl’s ja eigentlich gesünder ist. Mal schauen, was noch kommt. Morgen geht es erstmal im Büro weiter. In diesem Sinne wünsche ich eine gute Woche.

  • Methode (Unterricht):
  • Eigenvortrag (technisch unterstützt, grafischer Aufbau am Flipchart, Pinnwand, Whiteboard, oder nur Stimme)
  • Schülervortrag (siehe Sozialformen, Darstellung von Arbeitsergebnissen)
  • Plenumsdiskussion (siehe Sozialformen, eigent sich für die Selbstreflexion von Einstellungen, Normen, Werten)
  • Demonstration (eigene Darstellung einer handwerklichen Technik, mit dem Zweck zur => Imitation überzuleiten)
  • Skilltraining (=> Imitation der Demonstration, festigung handwerklicher Skills)
  • Simulation (Darstellung einer ganzheitlichen Einsatzsituation, Komplexität abhängig vom Lernstand der Teilnehmer)
  • Exkursion (Sichtbarmachen des Realitätsbezuges durch Realdarstellung von Komponenten des Berufsfeldes und Schnittstellen zu anderen Professionen)
  • Spiel (zur physischen Aktivierung bei Ermüdung der TN, oder um abstraktere Gedankenmodelle besser greifbar zu machen => Selbsterfahrung)
  • Experiment (wie beim Spiel, jedoch mit einem direkteren Bezug zur Arbeitsrealität; etwa bei der Arbeit mit Tierorganen)
  • Lernbüro (selbstständiges Organisieren-Müssen einer virtuellen RW oder strukturelle Darstellung eines RDB, um eine Vorstellung von der Komplexität der Stellgrößen und Einflüsse zu bekommen)
  • Sozialform (Unterricht):
  • Frontalunterricht / Unterrichtsgespräch (Vortrag durch den Lehrer)
  • Plenumsarbeit (Gesamtgestaltung durch die Teilnehmer, etwa in Form einer moderierten Diskussion, einer Abstimmung, o.Ä.)
  • Gruppenarbeit (Erarbeitung einzelner Sachverhalte in Kleingruppen, mit dem Ziel später vergleichend Einstellungen und/oder Inhalte aus den Gruppen zu einem Gesamtkonsens zusammenführen zu können)
  • Tandemarbeit (wie bei der Gruppenarbeit, jedoch in zweier-Teams. Eher für Prüfungs-vorbereitungen geeignet
  • Einzelarbeit (alle Teilnehmer:innen erarbeiten sich die vorgegebenen Inhalte selbst und es findet im weiteren verlauf ein Ergebnisabgleich statt. Eignet sich für theoretische Inhalte)

The networked mode – New Work anyone?

An keiner Stelle wird der Netzwerkgedanke augenfälliger, als bei der Arbeit – wenn man denn einer nachgeht, die nichts mit direktem Produktionsgewerbe oder kundennaher Dinstsleistung zu tun hat. Der durchschnittliche Handwerker oder Facharbeiter hat mit “dem Netzwerken”, so wie ich es beschrieben habe bestenfalls zu tun, wenn er mit dem Chef oder Polier per Mail/Chat klärt, ob das so passt, wie’s gemacht wurde. Das ist auch der Bereich, in dem alle Diskussionen um Home-Office keinen wirklichen Sinn ergeben. Aus genau dem Grund – nämlich falsch verstandenem Digitalisierungsgesülze, verbunden mit einem nicht zu knappen Schuss Technikgläubigkeit – verstehen die meisten Leute bis heute nicht, das “New Work” und Digitalisierung so viel miteinander zu tun haben, wie Apple und nachhaltige Ressourcen-Wirtschaft. Aber was weiß ich schon…? Vielleicht sollte ich mich hier mal kurz selbst zitieren (Der Post ist ca. neun Monate alt)

“Wenn wir jedoch diese Gelegenheit ungenutzt verstreichen lassen, unser Verständnis von guter Arbeit und zu welchen Bedingungen diese stattfinden sollte gründlich zu überdenken, dann bleibt der heutige Gebrauch des Terminus “New Work” auch zukünftig das, was er jetzt gerade ist: überstrapazierte und überflüssige Labersülze für selbsternannte digital nomadisierende Möchtegern-Eliten. New Work soll und will im Kern ein Gegenentwurf zur aktuellen Version des Kapitalismus sein, ohne dabei die Fehler des Sozialismus zu wiederholen; wird aber allzu oft von Apologeten dieser verfluchten “Leistungsträger”-Mentalität zu einer bloßen Re-Organisation von White-Collar-Arbeitsprozessen verzwergt. Denn die Angst, Arbeit tatsächlich neu zu denken, stellt gesellschaftliche Machtverhältnisse und damit letztlich viele der tradierten Sozialstrukturen in Frage. Wahrscheinlich wäre das der große Wurf, den wir eigentlich brauchen, zu dem wir aber noch nicht bereit sind.”

http://unlimited-imaginations.com/new-work-n2-was-isn-da-jetzt-new-dran

In meiner Arbeitswelt wird dauern von Synergien gesprochen; also einer Zusammenarbeit zum beiderseitigen Nutzen (auch gerne “Win-Win” genannt). Gemeint ist dabei jedoch lediglich eine Effizienzsteigerung der eigenen Geschäftsprozesse. Oder anders formuliert: was unterm Strich steht, zählt! Das dabei die Menschen, welche den Umsatz erwirtschaften nicht immer eine wichtige Rolle spielen, versteht sich von selbst. Und da, wo ich bin, ist es noch ganz OK. Andernorts geht man da wesentlich unfreundlicher mit seinen “Human-Ressourcen” um. Und immer spielen dabei die vordergründigen Netzwerk-Prozesse eine Rolle; “…wenn ich den mit dem und der zusammenbringe, entsteht dabei vielleicht…” Auch beliebt: “…und wir brauchen noch dieses technische Asset, um die Kommunikation zu beschleunigen!” Wobei gerne vergessen wird, dass nachhaltige Prozesse oft eher eine bewusste, langsame Kommunikation und langsames Denken (Danke, Danny Kahnemann) brauchen. Zappelige Entscheider führen oft zu erratischen Entscheidungen, zu Fixierungsfehlern, zu verbranntem Kapital – und zu ausgebrannten Mitarbeitern. Anstatt dann darüber nachzudenken, worin die Fehler bestanden haben könnten und wie man diese das nächste Mal verhindert, sucht man lieber nach Schuldigen. “Just Culture” (Daniel Marx) könnte so viele Probleme lösen helfen…

Das Augenmerk liegt auf Gimmicks – nicht auf der Kommunikation selbst…

Man bemüht dann auch mal gerne (teure, externe) “Change Manager”, die einem immer das gleiche sagen: dass man Mitarbeiter bei Veränderungen nur durch maximale Transparenz und zumindest eine teilweise Parztizipation an der Neugestaltung mitnehmen kann. EGAL WAS NEU GESTALTET WERDEN SOLL! Da kannste dir den Mund fusselig reden, es werden trotzdem immer genau die gleichen Fehler aus genau den gleichen Gründen gemacht. Oder wie Kegan und Lahey auf Seite 1 sagen: “[…] if we want deeper understanding of the prospect of change, we must pay closer attention to our own powerful inclinations not to change.” ’nuff said, already, eh…? An work wird nix new, nur weil man Gimmicks hinstellt und einen auf modernes Netzwerk macht! Solange die Menschen als der eigentlich entscheidende Faktor jeden Netzwerkes (schon vergessen: Punktualisierungen werden durch Menschen gebildet!) ausgeblendet, marginalisiert, übergangen oder – noch schlimmer – auf biologistische oder technizistische Funktionen reduziert werden, braucht sich kein Boss zu wundern, wenn es nicht so gut läuft, wie es könnte. Den Weg vom Boss zum Leader beschreitet man dadurch, dass man Netzwerke als soziale Geflechte denkt und Menschen auch wie Menschen behandelt – und nicht wie unternehmerische Assets… Egal, wie man es auch dreht und wendet: so lange der Begriff “Netzwerke” in der Arbeitswelt in den entscheidenden Köpfen (eigentlich in fast allen) nur eine vage Idee von blinkenden LEDs, Patchkabeln, Smartphones und Laptops erzeugt, wird der Mensch als relevantes Movens der Dinge immer aus dem Blick geraten. Es gibt noch viel zu tun. Lasst uns netzwerken…

  • Kahneman, D. 2011: Schnelles Denken, Langsames Denken. München: Siedler Verlag
  • Kegan, R.; Lahey, L. 2001: How the way we talk can change the way we work. Seven languages for transformation. San Francisco, CA: Jossey-Bass.
  • Marx, D. 2009: Whack-a-Mole. The price we pay fpr expecting perfection. Plano, TX: By your side studios.

Erwachsen bilden N°31 – Anspruchshaltungen…?

Ich hatte neulich das Vergnügen, im Rahmen des 1. Symposium zur Förderung der Wissenschaft im Rettungsdienst zu sprechen – und ich habe einige hochinteressante Vorträge hören dürfen, die mir bereits jetzt Lust auf die nächste Veranstaltung machen. Einer davon hatte es in sofern in sich, als ein Thema behandelt wurde, dass genau an der Schnittstelle zwischen Fachschule und Ausbildungsbetrieb (und ein wenig später für die fertig ausgebildeten NotSans beim Übergang in ein Anstellungsverhältnis als Fachkraft) angesiedelt ist: wie führt man die Generation Z? Abseits des Umstandes, dass es innerhalb von sogenannten Alterskohorten – was der Volksmund eben so als Generationen bezeichnet – erhebliche Streuungen gibt, weil Menschen nun mal Menschen sind, ist die Frage deshalb von Interesse, weil der Kollege, welcher sich des Themas angenommen hatte in der Tat einige interessante Ergebnisse vorweisen konnte.

Diese jungen Menschen streben wohl nach mehr Transparenz im Führungsverhalten, nach mehr Partizipation in der Gestaltung möglichst großer Bereiche ihrer Arbeitsumgebung und nach Respekt für ihr bisheriges Accomplishment; und ganz nebenbei wahrscheinlich auch noch für das Mensch-Sein an sich. Letzteres hatte schon Carl Rogers in den 30ern des vergangenen Jahrhunderts gefordert; also Menschen einfach anzunehmen und ihnen mit natürlichem Respekt zu begegnen. Dass es daran häufig hapert, darf man getrost als Allgemeinplatz bezeichnen. Insoweit decken sich die Ergebnisse mit meinen persönlichen Erfahrungen. Die jungen Leute lassen sich heute nur noch ungerne mit einem “weil das halt so ist” abspeisen. Und hiertreffen wir auf einen Haufen Probleme, der von beiden Seiten verursacht wird…

Einerseits kann ich aus eigener leidvoller Erfahrung bestätigen, dass wir speziell in meiner Branche noch nahezu flächendeckend weit von Just Culture und Leadership Ability entfernt sind. Also von einer fairen Fehlerkultur, die nicht – typisch deutsch – erst mal jemanden sucht, den man punishen kann, wenn was verrutscht ist, anstatt gemeinsam nach den Ursachen zu forschen, die entstandenen Schäden zu reparieren und Vorkehrungen für die Zukunft zu treffen, die sich nicht in einer verbalen, (oft öffentlichen) Auspeitschung des betreffenden Mitarbeiters erschöpfen. Über Leadership will ich mich lieber nicht zu sehr auslassen, sonst komme ich in Rage. In meiner idealen Welt führt man von vorne, verlangt von seinen Mitarbeitern nichts, was man nicht auch selbst zu geben bereit ist, und kann ein “NEIN” ohne Groll akzeptieren. Mal schauen, wann ich es schaffe, meinen Ansprüchen gerecht zu werden. Um das hier abzuschließen: es werden alle Fehler gemacht, die das Handbuch beschreibt: intransparentes, willkürlich erscheinendes, forderndes, in vielerlei Hinsicht intolerantes, den Wünschen der Mitarbeiter negativ begegnendes und zu oft auch noch erratisches Führungs-Handeln. Das einem da die Leute wegrennen, ist vollkommen normal. Insbesondere, wenn dann noch mein Lieblingssatz fällt: “Das haben wir schon immer so gemacht!”

Allerdings beobachte ich auch auf der “Gegenseite”, also bei den jungen Azubis und frischen hauptamtlichen Mitarbeitern einige Verhaltensweisen, die ich ganz persönlich nicht gut finde und denen ich – wenn’s mal wieder übertrieben wird – auch offen ablehnend gegenüber stehe! Und das Hauptproblem ist hier fordern, fordern, fordern! Ich lehne keine Forderung einfach so ab. Aber ich behalte mir vor, über die Legitimation nachzudenken und dann auch entsprechend zu entscheiden. Wir ermöglichen viel. Ich habe noch nie davon gehört, dass es an allgemeinbildenden Schulen so genannte Kann-Listen für Klausuren gibt. Es kommt der Stoff dran, der durchgenommen wurde. Und die Lehrer WISSEN, welcher Stoff durchgenommen wurde. Wir kümmern uns um die Unterbringung. Und ich muss ehrlich sagen: ich hatte schon Ferienwohnungen für gutes Geld gemietet, die schlechter waren, als das, was wir bieten. Niemand kann zaubern; nicht mit dem hiesigen Immobilienmarkt. Und die Ausstattung im Lehrsaal ist nicht genauso, wie daheim. Und, und, und… An manchen Tagen würde ich gerne jemanden aus dem Kreis der SuS dahin stellen, wo ich gerade steh und mich dem stellen muss. Spaß bei der Arbeit geht anders!

Ein substanzielles Problem aber habe ich, wenn ich höre, dass man sich in gewissen social media Kanälen immer und immer wieder gegenseitig anheizt, so nach dem Motto “Mal schauen, was noch geht!” Falls irgendeiner meiner Azubis das hier liest, kann ich an dieser Stelle klipp und klar in aller Deutlichkeit sagen: NICHTS MEHR! DAS LIMIT IST IN JEDER HINSICHT ERREICHT! Ich weiß, dass die Ausbildung anspruchsvoll ist, dass man sich gerne auf die Inhalte konzentrieren können möchte etc. Und ich habe auch Verständnis dafür, dass so eine Azubi-WG sich auch ein bisschen wohnlich anfühlen soll. Kein Ding. Und mir ist ebenso klar, dass meine Generation anders erzogen und ausgebildet wurde. Aber auch 2021 gilt immer noch: Lehrjahre sind keine Herrenjahre! Ich respektiere meine Azubis, begegne ihnen (zumindest denke ich das) auf Augenhöhe, und versuche Probleme im Rahmen meiner Möglichkeiten schnell und unkompliziert zu lösen. Im Umkehrschluss erwarte ich aber auch, dass sie nicht nur mich, sondern auch die Limits, an denen ich mich orientieren muss, respektieren. Andernfalls reden wir nicht mehr von einem fairen und transparenten Miteinander. Das Verhältnis zwischen den Azubis und den Lehrkräften ist nämlich keine Dienstleistungs-Einbahnstraße!

Mag sein, dass dieser Post weniger metatheoretisch und sehr stark von meinen Erfahrungen der letzten Wochen und Monate geprägt ist, aber auch solche Dinge muss man gelegentlich zur Diskussion stellen. Denn eigentlich kann ich nicht glauben, dass ich der einzige sein soll, bei dem die SuS ihre Macht austesten, “Mama hat gesagt – Papa hat gesagt” spielen, versuchen, die Honorar-Dozenten auf ihre Seite zu ziehen, etc. Kennen bestimmt auch andere. Würde mich freuen, mal drüber sprechen zu können. Ansonsten: für alle, denen das möglich ist, ein schönes verlängertes Wochenende.

Ich weiß nicht, was soll es bedeuten…

…dass ich so grüblerisch bin? Gemessen am Zustand der Welt geht es mir objektiv nämlich immer noch verdammt gut. OK, meckern geht immer. Mein Impftermin ist durch die Quarantäne flöten gegangen und meine Laune ist mittelobermies. Könnte evtl. daran liegen, dass ich mir derzeit dezent verarscht vorkomme. Das will ich hier zunächst aber gar nicht weiter ausführen, sonst müsste ich euch wegen der Geheimhaltung alle erschießen; aber die Munition ist alle. Zusammengefasst: objektiv ordentlich vs. subjektiv unterirdisch. Klingt das nach Depression? Na ja, vielleicht ein kleines bisschen…

Eigentlich ist die Überschrift gelogen. Ich weiß, warum ich so grüblerisch bin. Es ist einfach Teil meiner Natur. Hatte ich im letzten Post nicht etwas über den problematischen Begriff ICH referiert? Ja hallo habe ich das! Neue Frage: Wenn’s kein ICH gibt, wie kann’s dann ein Grübeln über Träume, Ziele, Sorgen etc. geben. Wenn ICH nicht existiert, sind auch die auf ICH bezogenen Probleme nichtig – oder? ODER? Tja. Die Kognitionswissenschaft und die Psychologie sind halt doch zwei unterschiedliche Disziplinen. Und wenn ICH, so wie Kultur, Religion, etc. eher ein Prozess anstatt eines statischen Konstruktes zu sein scheint (jede Person, die sich schon mal WIRKLICH in Selbstreflexion geübt hat, weiß das im tiefen Grunde ihres Herzens), so realisiert sich unsere Persönlichkeit im Vollzug dieses Prozesses. Wir sind nicht nur, indem wir DENKEN (Descartes: “cogito ergo sum”), sondern indem wir unsere Realität aus unseren Wahrnehmungen ständig re-konstruieren (stark verkürzte Beschreibung) – und dabei lernen, bewusst zu WOLLEN (Schopenhauer: “Kann der Mensch wollen, was er will?”). Oder besser: dies zu unterlassen, wenn das Wollen destruktiv wird. Wenn also aus dem Ego ein EGO zu werden droht (was in der Realität den Meisten irgendwann passiert).

Das Problem ist Folgendes: ich weiß, dass ich an diesem Punkt bin, an dem mein Wollen zu einem Problem zu werden droht, weil sich eine gewisse Gier meiner bemächtigt. Die Gier nach einem unklaren MEHR… ja, aber mehr wovon eigentlich? Kohle vielleicht? Aber Geld ist doch letzten Endes nur ein Mittel zum Zweck. Allerdings eines, dessen Besitz zugegeben die kleinen Dämonen der existenziellen Sorge recht gut zu besänftigen weiß. Dann eventuell Einfluss? Also die Möglichkeit, Dinge und Prozesse nach meinem Bilde gestalten zu können? Oh, das ist ein gefährliches Terrain. Denn aus Einfluss wird gelegentlich Macht. Und aus Macht erwächst in aller Regel nichts Gutes, weil diese nicht nur zum GEBRAUCH sondern leider auch zum MISSBRAUCH geeignet ist. So komme ich zu dem Punkt, da mir klar wird: ja ich möchte gestalten und dafür auch Verantwortung übernehmen! Aber ich weiß nicht, ob, bzw. wie viel Macht ich innehaben möchte. Vielleicht wäre ich zu schwach, sie nur zu gebrauchen? In jedem Fall weiß ich, dass ich Lehren möchte. Denn Lehren ist – zumindest so, wie ich es zumeist tue – wie Geschichtenerzählen. Und das ist meine wahre Leidenschaft. War es immer und wird es immer sein!

Daraus erwächst für mich allerdings ein Dilemma: wo ist der Ort, an dem ich dieser Leidenschaft (auch wenn sie meine Leiden schafft) produktiv frönen kann, ohne mich verschiedenen Anfechtungen ausgesetzt zu sehen? Und diese beinhalteten in letzter Zeit die Forderung nach (unnötigem und gegenwärtig überdies medizinisch unsinnigem) Präsentismus. Ferner das Störfeuer anderer Protagonisten, die mit meiner Art, die Dinge anzugehen nicht zufrieden waren. “Das haben wir schon immer so gemacht!” ist das beste Beispiel für langsam oder unzureichend lernende Organisationen; und diese verbrennen ihre beste Ressource – nämlich ihre Mitarbeiter – unnötig schnell durch Desillusionierung und Unzufriedenheit. Doch ein solcher, unzufriedene Geist beginnt alsbald, nach den sprichwörtlichen “Kirschen in Nachbars Garten” zu suchen. Worin das mündet, muss ich hier vermutlich nicht weiter ausführen.

Ich suche nicht nach ungefragt erteilten Ratschlägen; obschon ich manchen Menschen durchaus zuhöre. Ich lese ja aber auch keine Ratgeberbücher vom Grabbeltisch, sondern möchte mir meine (informierte) Meinung selbst bilden dürfen. Gerne auch im Diskurs. Ich muss hier nur einfach meinen Frust und meine Grübelei auf die digitale Leinwand gießen, weil mir das gut tut. Wie schon mal irgendwann gesagt: es ist ein bisschen wie öffentliche Therapie. Ein Schüler hat heute im Distanzunterricht angemerkt, dass morgen ja der “Tag der Arbeit” sei. Ich werde diesen auf meine Art begehen – durch (wenn auch nur geistige) Arbeit! Und wahrscheinlich kippe ich mir dabei ein, zwei Hopfenkaltschalen auf die “Internationale” hinter die Binde. In diesem Sinne: FREUNDSCHAFT!

New Work N°7 – Gimmicks rule?

Es ist, wenn man sich mit der Angelegenheit mal eine Weile befasst hat, ziemlich bald klar, dass Gimmicks in der Arbeitswelt als symbolische Währung für Status, Standing, etc. in Organisationen missverstanden – manchmal auch missbraucht – werden, obschon sie doch eigentlich nur Werkzeuge sind (bzw. sein sollten) , mit denen sich Arbeit etwas effizienter gestalten lässt; durch bessere Erreichbarkeit etwa. Weshalb mein Arbeitgeber mir ein Smartphone stellt, welches mir im Gegenzug Zugriff auf die Unternehmenskommunikation gestattet. Er nutzt dafür ein vergleichsweise einfaches Gerät aus der Samsung XCover-Serie. Ich mag das Teil, denn es ist robust, bietet für den Administrator zusätzlichen Schutz vor Malware, etc. und macht ebenso klaglos wie zuverlässig, was es soll. Schönes Ding.

Ich höre in meinem Hinterkopf gerade Stimmen; die eine Fraktion sagt “Wie? Mit so einem popeligen Teil lässt du dich abspeisen…?” Die Andere fragt wahrscheinlich, warum ich ein Smartphone brauchen sollte, andere Leute (z.B. sie selbst) sind doch viel wichtiger. Beide machen den gleichen, oben schon erwähnten Fehler: sie verwechseln Schein und Sein. Soll ich ehrlich sein. Am Anfang habe ich mir keine Gedanken drüber gemacht, wie wenig teuer, prestigeträchtig, etc. das Dings ist, sondern habe mich gefreut, dass ich nicht für jede Mail in mein Büro laufen muss.. Der Prestige-Gedanke hat sich übrigens immer noch nicht eingestellt. Aus oben genannten Gründen. Hochglanzpolierte Oberflächen sind nämlich nach meiner Erfahrung meistens genau das: oberflächlich glänzend, aber auch nicht mehr! Mal davon abgesehen, dass ich mir auch privat nie irgend so ein schweineteures High-End-Gerät kaufen würde. Mir erschließt sich bei durchschnittlichen Nutzungsprofilen der allermeisten Konsumenten nicht wirklich, wofür sie die überstylte, überdimensionierte Taschwenwanze brauchen sollten. Die meisten nutzen die Dinger doch eh nur zum Zocken, Fotografieren, ein bisschen surfen und Messengern. Dafür langt auch mein privates Galaxy A41.

Ich werde ja nicht müde, zu sagen dass das Phone halt nur so smart wie sein Benutzer sein kann; bezogen darauf tragen sehr viele Leute einen Supersportwagen in der Tasche, wo ein Minivan locker gereicht hätte. Und das Statusargument werde ich hier nicht gelten lassen. Denn tatsächlich konstituiert sich Status völlig anders, als durch überflüssige sichtbare Zeichen. Aber auch das zu lernen wird dir Menschheit noch eine ganze Weile brauchen. Für mich wird derweil immer wichtiger, auf welche Weise ich irgendwelche Apparate, Apps, etc. produktiv nutzen kann. Zum einen, weil privat, wie auch beruflich ein endliches Budget zur Verfügung steht; und zum anderen, weil ich keine Lust darauf habe, mir meinen Arbeitsplatz (egal ob im Home- , oder im Workplace-Office) mit unnötigem Tinnef vollzustellen. Da hat sich in meinem Kopf in den letzten Jahren ein gewisser Wandel vollzogen. Früher war ich doch manchmal schon arg verspielt, und ließ mich leicht zu irgendwelchen Dingen hinreißen. Heutzutage bin ich etwas weniger Affekt-inkontinent, dafür jedoch zielgerichteter bei Anschaffungen. Insbesondere, wenn’s um Spielzeuge geht, deren Nutzen sich erst noch herausstellen muss.

Zugegeben: ich bin bis heute nicht frei von einer gewissen Spielfreude und der stetigen Suche nach etwas Neuem, das mir helfen könnte, meine Kreativität besser zu entfalten. Man rennt dabei gelegentlich in Sackgassen und verbrennt etwas Geld. Doch im großen und ganzen bemerke ich, dass weniger tatsächlich mehr ist. Neulich haben sich meine Schülerinnen und Schüler ein bisschen über ein Bild aus meinem Home-Office lustig gemacht, weil nur zwei Monitore, ein Festnetztelefon und ein einsames Mikro draufstehen. Die sind halt noch arg jung. Das wichtigste Gimmick auf meinem Home-Office-Desk ist derzeit ein Kalender, bei dem man durch zufälliges Aufblättern Fragen erzeugen kann; hier ein Ergebnis:

Übrigens wirklich eine geile Frage…

Womit wir an der Frage angelangt wären, was ein Gimmick eigentlich ist? Der Tech-affine Typ in mir (wie auch in vielen anderen) denkt dabei natürlich spontan an irgendwelche elektronischen Spielzeuge, Apps, Software, etc. Wie unglaublich kurzsichtig. Das Bild oben zeigt ein Device, dass trotz der einfachen Ausführung ziemlich smart ist. Smarter jedenfalls, als die meisten Phone-User! Nicht das Dingliche an sich macht einen Gegenstand zum Gimmick, sondern die Arten, auf die man diesen benutzen kann. Und oft findet man die spannendsten erst durch ausprobieren. Der wirkliche Wert eines Devices liegt in dem, was wir mit dem Ding anstellen, nicht im Ding an sich. Je mehr sich die Menschen das wieder ins Gedächtnis rufen, desto früher kommen wir vielleicht wieder zu mehr Nachhaltigkeit. Ich fände es zudem ziemlich erfrischend, wenn wir anfingen, darüber nachzudenken, was wir wirklich brauchen – nicht nur bei der Arbeit, sondern überhaupt – und weniger Wert auf Oberflächen zu legen; denn die sind allesamt vergänglich. So, wie wir! In diesem Sinne wünsche ich eine produktive Woche. Apropos – Produktivität…was ist das eigentlich?

Symbolik für Anfänger – Part 2

Ich hatte gestern über die Synonymisierung von Fortschritt und Konsum gesprochen, welche das Werbedauerfeuer der letzten 100 Jahre in unseren Köpfen hat entstehen lassen; und von der wir uns nur sehr schwer lösen können. Was im Privatbereich gilt (und nebenbei desaströse Auswirkungen auf das hat, was wir “öffentliche Meinung” nennen, doch dazu ein anderes Mal mehr), findet aber natürlich im Kontext der Arbeitswelt genauso statt. Ein ZON-Artikel im letzten Sommer (sorry, Paywall) titelte denn auch so schön: “Ich habe einen Bullshitjob in einer Bullshitbranche.”. Da ging es eigentlich darum, dem Begriff Systemrelevanz und dem für manche Menschen daraus resultierenden Gefühl der Nutzlosigkeit ihrer eigenen Tätigkeit nachzuspüren. Man könnte, nicht ganz zu Unrecht sagen, dass ein Job, der einem Spaß macht und Erfüllung bringt purer Luxus ist, und das Broterwerb nun mal mit negativen Dingen zu tun hat, wie etwa, irgendwann irgendwo sein zu müssen, um dort irgendwas tun zu müssen. Oder wir reden weiter über Zeichen und ihre Wirkung.

Wir Menschen lassen uns gerne von einem besonderen Zeichen blenden: man nennt dieses gemeinhin Geld. Den Besitz einer, eher willkürlich definierten Mindestmenge davon bezeichnen wir als Wohlstand. Aber was ist Geld eigentlich? Es ist das Versprechen, Waren im Gegenwert der gegebenen Summe beziehen zu können. Geld ist damit ein Symbol für Kaufkraft. Entstanden ist es, weil es irgendwann zu mühsam wurde, mit einem Korb Hühnereier zum Schmied zu gehen, um den Pflug reparieren zu lassen. In einer komplexen Welt, wie unserer ist es als symbolisches Tauschmittel für Waren und Dienstleistungen einfacher zu handhaben, als Naturalien. Aber ist genauso manipulierbar, wie es manipulativ ist. Um die Manipulierbarkeit und das sinnlose Generieren von Fiat-Geld soll es hier nicht gehen. Sondern um den manipulativen Aspekt dieses Symbols.

Wir neigen, dem Calvinismus sei hier zumindest teilweise Dank immer noch dazu, den Wert einer Person an der Höhe ihres Einkommens festmachen zu wollen. Insbesondere unter Menschen, die sich selbst als Leistungsträger sehen wollen, ist derlei Gang und Gäbe. Unter ethischen Aspekten ist das natürlich genauso Kokolores wie die finanzmathematische Berechnung des Wertes eines Menschenlebens. Passiert trotzdem. So wie wir Konsum mit Fortschritt verwechseln, missinterpretieren wir ein hohes Salär als Indikator für große Leistung; oder, noch schlimmer, als Hinweis auf den Wert des Empfängers für die Gesellschaft. Das Problem ist, dass wir Menschen allesamt eine mehr oder weniger starke, narzisstische Ader haben und derlei inhaltsloses Geschwätz nur zu gern als Wahrheit akzeptieren. Was dazu führt, dass auch die unzulässige Synonymisierung von Kaufkraft und gesellschaftlichem Wert uns in vielerlei Hinsicht funktional beeinflusst.

Systemtheoretisch betrachtet reproduzieren sich solche mentalen Landkarten innerhalb jeder komplexen Organisation von Generation zu Generation, weil Machtstrukturen der landläufigen Annahme nach für das Gefüge jeder Organisation von Bedeutung sind und sich Macht am einfachsten durch das Symbol Geld ausdrücken lässt. Ein dabei gemachter, äußerst fataler Fehlschluss ist, dass man wiederum Symbole für die Entscheidung heranzieht, wer Machtpositionen besetzen darf; nämlich Papierqualifikationen wie Zeugnisse, Urkunden, etc., die, dem gesellschaftlichen Konsens folgend ein bestimmtes Maß an Können und Wissen repräsentieren sollen. Weil man an die ikonische Messbarkeit indexikalisch kodierter Kompetenzen glaubt. Sei’s drum. Es gibt da dieses Meme im Internet, dass man auch mit Hochschulabschluss dumm wie drei Meter Feldweg sein kann. Bezogen auf tatsächlich messbare Kompetenzen (die gibt es) ist das Blödsinn, denn jemand, der ein entsprechendes Zeugnis erworben hat, hat damit auch bewiesen, dass er die dort beurteilten Kompetenzen zumindest bis zu einem gewissen Grad beherrscht / besitzt.

Was ist jedoch so gut wie nie Bestandteil solcher Prüfungen? Menschliche Qualitäten, Kreativität, Improvisationstalent, Stresstoleranz, Führungsverhalten etc. werden, wenn überhaupt, nur implizit abgebildet. Was dazu führt, dass ich mir mit einer rein symbolisch motivierten (also an Hand der Papierlage getroffenen) Entscheidung ganz leicht einen Soziopathen auf eine Schlüsselposition setzen kann. Also stimmt das Meme doch wenigstens ein bisschen. Jetzt rufen, nicht ganz zu unrecht, die Personaler “Aber dafür gibt’s doch Assessment-Center und Vorstellungsgespräch!”. Ihr wisst aber schon, dass Soziopathen ganz fantastische Schauspieler sein können und eure Menschenkenntnis nie so gut ist, wie ihr glaubt…? Noch immer verlässt man sich nämlich viel zu gerne auf sein tolles Näschen, anstatt auf psychologisch und sozialwissenschaftlich recht gut validierte Messinstrumente. Na ja, das muss jeder selbst wissen.

Damit man mich bitte nicht missversteht: es gibt jede Menge gute Führungspersonen, die sich tatsächlich um ihre Mitarbeiter kümmern, Entwicklungspfade unterstützen, bei Krisen moderierend und tolerierend wirken, statt fordernd und sanktionierend. Die mit der Zeit gehen und auf Äußerlichkeiten nicht so viel Wert legen. Und trotzdem – für jede gute Führungsperson gibt es nach meiner Erfahrung eine toxische. Toxisch in dem Sinne, dass sie durch Druck zu führen versucht und mehr Wert auf Symbolik legt, denn auf das, was tatsächlich getan / geleistet wird. Und natürlich kommt dann auch noch das gute alte “net g’schennt isch g’nug g’lobt!” zum Tragen. Wenn ich so was höre, kann ich nicht annähernd so viel fressen, wie ich kotzen möchte! Was aber für Führungspersonen gilt, möchte ich für die “lieben” Kollegen genauso verstanden wissen. Soziales Trittbrettfahren, Mobbing, Intrigen, Lorbeeren für anderer Leute Arbeit einstreichen; all dass sind auch auf der gleichen ebene leider keine Unbekannten. Das sind dann die “Kleiderständer” von denen ich gestern sprach.

Das ich mit diesen Beobachtungen nicht alleine stehe, also am Ende der Synonymisierung von vorzeigbarem Zertifikat und tatsächlicher Leistung für die jeweilige Organisation, zeigt die weiter oben erwähnte Feststellung, “Ich habe einen Bullshitjob in einer Bullshitbranche.” Denn zu viel Toxizität am Arbeitsplatz tötet letztlich die Motivation, die Loyalität und damit die gute Arbeit! Also z. B. solche Dinge wie zu viele talentlose Selbstdarsteller, die ihre Arbeit auf andere abwälzen, und dafür beim Boss auch noch die Anerkennung bekommen. Zu wenig Freiräume und zu viele Restriktionen, die Flexibilität und Kreativität killen. Der Kampf um Ressourcen. Vollkommen unterschiedliche Zielvorstellungen und Maßgaben. Und noch manches mehr.

Ich beginne gerade meine Prioritäten neu zu sortieren. Und ich muss leider feststellen – ich bin im Moment nicht zufrieden. Mir ist bewusst, dass das zum Teil an Rahmenbedingungen liegt, auf die keiner im Hause einen Einfluss hat. Auch tradierte Handlungsweisen, die es in jeder komplexen Organisation gibt spielen eine Rolle. Bekannterweise sterben schlechte Angewohnheiten langsam. Und natürlich wirft einem niemand Geld einfach so nach, um “mal was auszuprobieren”; auch, wenn es nur ein Symbol ist. Am Ende des Tages brauchen alle was zu beißen auf dem Tisch, ein Dach über dem Kopf und was zum anziehen. Allright, bin ich absolut einverstanden mit. Aber wenigstens mal über “das machen wir schon immer so” nachdenken wäre doch schon ganz schön. Ist nämlich immer noch der Satz, der weltweit die meisten Menschen umbringt – und vermutlich auch die meisten produktiven Mitarbeiter frühzeitig verscheucht… Wir werden sehen. Ich wünsche schon mal viele dicke, bunte Eier!