Erwachsen bilden N°25 – Covidiantentum…

Es sind komische Zeiten. Ja, in den USA stellt sich ein Psychopath zur Wiederwahl und das Beste, was die andere Partei aufzustellen vermochte, ist ein greiser, illiberaler Parteibonze. Na ja, wird schon schiefgehen. Das ist jedoch nicht, worum es mir gehen soll. Denn mein Augenmerk richtet sich einerseits an jedem vergehenden Tag im Moment auf die Gesundheit der Schüler und des Lehrkörpers (ja, auch meine). Covid19 ist gegenwärtig eine permanente Bedrohung für regelgemäßen Präsenz-Unterricht. Das betrifft ja nun nicht nur Berufsfachschulen, sondern vor allem auch das allgemeinbildende Schulwesen. Aber aus meiner persönlichen Sicht kann ich am Besten was dazu sagen.

Gleich vorweg – ich kriege einen Hals, wenn man Lehrern, die darauf hinweisen, dass E-Learning in vielerlei Hinsicht nicht gut – teilweise auch gar nicht – funktioniert wahlweise Inkompetenz, Faulheit oder mangelndes Engagement vorwirft. Viele Kolleginnen und Kollegen haben im ersten Lockdown non-existenter Infrastruktur, fehlender Ausbildung in E-Medien-Didaktik und mangelnder Unterstützung durch die zuständigen Behörden zum Trotze gezaubert. Und bekommen als Dankeschön dafür Gejammer und Gedisse. Schämen sollten sich diese Leute was. Insbesondere wieder jene, die keine Ahnung, dafür aber mal wieder verdammt viel Meinung haben.

Ich bin übrigens von einem dieser Kollegen aus dem allgemeinbildenden Schulwesen gerügt worden, weil ich Anfangs aus seiner Sicht nicht umfassend auf Hygienekonzepte hingewiesen habe. Ich kann an dieser Stelle sagen – danke für die Kritik, jedoch macht der Ton halt die Musik. Schwamm drüber, ich habe was dazugelernt. Insbesondere über Menschen. Mittlerweile sind die Konzepte ausgereift, gut beübt und dennoch, trotz aller Konformität mit behördlichen Vorgaben, vermutlich immer noch unzureichend. Wir werden sehen, wohin uns der November bringt. Ich vermute ja, dass wir noch lange nicht am Ende der Fahnenstange angelangt sind. Was bedeutet, dass ich von meinen Kollegen und insbesondere meinen Schülern stringente Einhaltung der Vorgaben verlangen muss. Das ist sozial nicht immer einfach.

Aber eine Einstellung des Präsenz-Unterrichtes wäre zu diesem Zeitpunkt mindesten genauso ungünstig, wie sie das Mitte März war, als ich mich hoppladihopp dazu genötigt sah, Inhalte des RS-Grundlehrganges auf Fernlehre umzustellen. Rettungsdienst ist nun mal ein Gewerk, dass sehr viel handlungspraktisch relevanten Unterricht verlangt und dies ist im E-Learning nur mühselig, wenn es jedoch um handwerkliche Skills geht gar nicht zu bewerkstelligen. Durch Nachlässigkeiten im Umgang mit den Hygienerichtlinien würden sich die Schüler also direkt ins eigenen Fleisch schneiden. Ich habe das schon bei einigen Gelegenheiten verdeutlicht; und doch…

Ich beobachte an mir eine gewisse Tendenz zur Ermüdung. So wie ich an meinen Schülern auch eine gewisse Tendenz zur Ermüdung sehen kann. Nun bin ich am Thema Risikogruppe ca. zwei Jahrzehnte näher dran als sie. Vielleicht ist es diese Abstraktheit der Bedrohung, die Menschen so große Probleme bereitet. Wenn ich mir einen Horrorfilm anschaue, dann kommt die Schreck-induzierte sympatho-adrenerge Reaktion so sicher wie das Amen in der Kirche, spätestens, wenn die Gruppe sich getrennt hat. Bei Covid19 ist das anders: da gibt es eine akute Stressreaktion erst, wenn man die Todesnachricht von Verwandten oder Freunden bekommt. Vorher ist es mehr so wie Bullshit-Bingo. Kann man spielen, es hat ja eh keine echten Konsequenzen.

Das klingt vielleicht resigniert und böse, doch so ist es nicht gemeint. Auch mir fällt das alles schwer. 7-8h am Tag mit Maske im Unterricht stehen, immer wieder ermahnen und beten das alles weiterlaufen kann, raubt einem ganz schön viel Kraft. Aber die Alternativen sind jenen, die sich mit der Materie auskennen weidlich bekannt. Also heißt die Parole: immer vorwärts, immer weiter, und nach außen immer heiter… Denn wenn entweder einer meiner Schüler, meiner Kollegen, oder ich des Covidiantentums verdächtig werden, ist der Ofen für den momentan so wichtigen Präsenzunterricht ganz schnell aus. Und wie geht’s euch anderen da draußen so? Ich wünsche eine gesunde und erfolgreiche Woche.

New Work N°3 – Flight of the Evaluator!

Um’s an dieser Stelle klar zu sagen: meine Arbeit ist nicht neu. Feldschern gibt’s schon seit langer Zeit; und Lehrer sowieso. Was sich allerdings neuerdings immer schneller ändert ist die Art, wie wir unterrichten. Zum einen technisch: Web-Streams und Online-Unterricht sind nicht erst seit Corona der neue heiße Scheiß in meinem Zweit-Gewerk. Wobei nicht wenige, die sich an Online-Lehre versuchen Methode und Medium verwechseln. Was dabei teilweise qualitativ rum kommt, gruselt mich schon ein bisschen. Zum anderen ist aber auch immer ein gewisser Wandel in den pädagogischen Theorien bemerkbar. Was auch nicht mehr ganz new ist, jedoch auf Grund der Frage nach der Wahrheit in irgendwelchen vollmundigen Qualitäts-Versprechen immer mehr in den Blick kommt, ist das Evaluieren.

Einer Sache einen Wert beimessen, bzw. herausfinden, wie viel etwas wert ist. Ich beschäftige mich momentan auch des Studiums wegen mit solchen Fragen und stoße immer wieder auf den schmalen Grat zwischen deskriptiver Forschung, die nach Erkenntnissen sucht und Evaluation, die fragt, ob der Preis für eine Veranstaltung gerechtfertigt ist – OK, das war nicht nett, aber in der Realität spricht nun mal das Geld und auch Bildung ist heutzutage (zumindest für Kostenstellenverantwortliche) erstmal eine Dienstleistung, die einbringen muss, was sie in der Herstellung kostet…

Nun ist jedem halbwegs akzeptablen Lehrer klar, dass diese Dienstleistung nicht so produziert wird, wie etwa die Arbeit eines KFZ-Mechatronikers. Denn das Auto nimmt üblicherweise nicht als aktiver Mitgestalter am Prozess der Reparatur teil. Der Schüler / Teilnehmer tut dies aber sehr wohl in nicht unerheblichem Maße, so dass man beim Lehrer nicht vom Dienstleister, sondern vom (Dienst)Leistungs-Ermöglicher sprechen sollte. Was das Thema Evaluation dort sehr schwierig macht. Das Auto funktioniert nach der Reparatur wieder, wie es soll (manchmal auch nicht); die Parameter zur Beurteilung des Wertes dieser Dienstleistung sind hingegen leicht zu ermitteln: Funktioniert es wieder wie üblich? Wie lange hat es gedauert? Wie effizient war der Ressourcen-Einsatz? Und schließlich: wie nachhaltig ist der Reparaturerfolg? Auf Grund der beschränkten Komplexität des Systems “Automobil” kann ich das alles relativ leicht feststellen.

Habe ich nun Schüler / Teilnehmer mit stark variierendem Lernerfolg, muss ich versuchen, zu differenzieren, ob der didaktische Ansatz situationsadäquat gewählt war, ob Faktoren in der Unterrichtsumgebung eine Rolle gespielt haben, ob irgendwelche Stör- oder Begünstigungs-Faktoren auf einzelne Teilnehmer, den Lehrer oder die Veranstaltung gewirkt haben, ob das Vorwissen (oder dessen Mangel) korrekt berücksichtigt wurde, ob der Zeitansatz richtig gewählt war, ob die Kommunikation angemessen war, etcpp. Und das ist bei weitem keine erschöpfende Auflistung. Dennoch muss ich mich mit der Frage nach der Qualität der Lehre befassen. Einerseits als Dozent, andererseits als Leiter einer Bildungseinrichtung und schließlich aus Forschungsinteresse.

Denn, ob wir tatsächlich das unterrichten, was zukünftige NotSans brauchen, und falls ja, ob wir es auf sinnvolle Art unterrichten, ist im Moment ehrlicherweise Gegenstand hoch spekulativen Theoretisierens. Wir haben Gedankengebäude, an denen wir uns orientieren. Aber um wieder auf Poppers Vorläufigkeit aller Erkenntnis zu sprechen zu kommen: wir wissen nicht, wie gut oder schlecht diese Theorien tatsächlich sind. Ohne die Arbeit meiner Kolleginnen und Kollegen (oder meine eigene) schlecht reden zu wollen – es mangelt uns einfach an empirisch belastbaren Fakten, an denen wir die Berufsbildung ausrichten können. Ein Punkt, dem wir gerne Abhilfe schaffen wollen. Mal schauen, ob das klappt.

Um aber auf das Evaluieren zurück zu kommen: dessen Apologeten meinen tatsächlich, mit trivialen Methoden (qualitative und quantitative Sozialforschung) Zustandsänderungen in nicht-trivialen Systemen – nämlich Menschen – halbwegs sicher messen zu können; um dann hinterher zu sagen “Maßnahme X ist mit einer Wahrscheinlichkeit von x wirksam.” (Ich weiß, dass dieser Satz da so nirgends steht, es ist eine leicht polemische Überspitzung auf den oft höchst irrationalen Glauben in die Macht der Statistik) Ich staune immer wieder, wie man bei manchen Gelegenheiten auf solche Aussagen kommt, aber ich lasse mich natürlich gerne argumentativ überzeugen.

Ich denke, dass – speziell auf meinen Fachbereich bezogen – gegenwärtig das Evaluieren der Lehrmaßnahmen keinerlei Sinn macht, weil die professionswissenschaftliche Basis fehlt, an Hand derer sich festlegen ließe, was tatsächlich ein Lehrerfolg wäre. Aber wie schon gesagt, es gibt Menschen, die dran sind. Zum Abschluss möchte ich übrigens noch eindringlich davor warnen, echte Evaluation und Qualitätsmanagement in einen Topf zu werfen. Das erstere ist angewandte Wissenschaft, das letztere eine Management-Funktion, die allzu oft einer echten Qualitätsorientierung entbehrt. Denn in der EN ISO 9001 kann ich einen Haufen Scheiße als meine Qualität definieren; wenn man Blattgold draufklebt, stinkt es halt trotzdem noch. In diesem Sinne – Gute Nacht.

Erwachsen bilden #23 – …oder vielleicht doch nicht?

Im früheren Verlauf diese Abends entspann sich online eine Diskussion, die mich mehr geflasht hat, als viele Andere in der letzten Zeit. Es ging darum, ob man sich in einer Institution zuerst um die Lehre, oder doch zuerst um die Forschung kümmern soll; und vielleicht auch darum, wie beides zusammenpasst. Nun mag man sich die Frage stellen, was es denn am Rettungsdienst als solchem zu forschen geben könnte. Denn natürlich geht es bei so einer Diskussion um meinen beruflichen Background. Und der wird immer und ewig im Blaulichtgewerbe verhaftet bleiben…

Nun ist es so, dass der Rettungsdienst als professionelles Berufsfeld ja immer noch sehr neu ist und das Berufsbild Notfallsanitäter gerade mal gute 6,5 Jahre auf dem Buckel hat. Zu forschen gibt es genug, insbesondere, wenn man irgendwann erreichen möchte, dass sich der Beruf “Notfallsanitäter/in” vom bloßen Handlanger zu dem entwickeln kann, was der Gesetzgeber von Anfang an intendiert hat: eine Fachkraft für die präklinische Triage und Versorgung. NotSans waren für den aufmerksamen Leser nämlich von der ersten Sekunde an als eine Mischung aus Berufsrettern und Gatekeepern für die nachgeordneten Funktionen des Gesundheitswesens gedacht. Das nordische Modellprojekt Gemeinde-Notfallsanitäter dekliniert diesen Gedanken lediglich ein Stück weiter, aber noch nicht konsequent zu Ende.

Es gibt so viele Themen, bei denen wir noch nicht annähernd so viel wissen, wie wir eigentlich müssten: Schnittstellenproblematiken mit anderen Akteuren der BOS und den restlichen Gesundheits- und Sozialdiensten im Berufsalltag. Die Fundierung unseres pädagogischen Handelns in der Aus- und Fortbildung. Die Bildung eines beruflichen Selbstverständnisses. Die Passung der Möchtegern-Azubis zum Beruf. Die Sinnhaftigkeit von Struktur und Inhalten der gegenwärtigen Ausbildung. Und so weiter und so fort. Um es noch mal mit Sokrates zu sagen: Wir wissen, wie wenig wir bislang verstehen. Da könnte man doch meinen, dass eine Diskussion um die Frage Lehre oder Forschung unnötig sei…

In der Lehre bin ich als Praktiker tätig. Und ich muss mit jedem weiteren Tag, der vergeht feststellen, dass wir in vielerlei Hinsicht im Nebel stochern und oft auf der Basis von Theoriegebäuden agieren, die man bestenfalls als unvollständig beschreiben kann. Doch wir haben derzeit nichts besseres. Sehr zum Schmerz mancher Kollegen. Dennoch muss es vorwärts gehen, denn wir können es uns nicht leisten, die Ausbildung ruhen zu lassen, bis wir “die Formel der Formeln” für die Ausbildung gefunden haben. Dazu drängen die Zwänge des realen Alltagsgeschäftes viel zu sehr. Wir sind uns der Defizite unseres Tuns also durchaus schmerzhaft bewusst.

Gerade deshalb muss Beides Hand in Hand gehen, ohne einander zu behindern. Und das ist, so komisch das dem Uneingeweihten auch klingen mag, ein wahres Kunststück. Denn auf der einen Seite steht das Bestreben, junge Menschen gut auszubilden, damit sie auf der Straße einen sauberen, einen hilfreichen Job machen können; aber gleichzeitig auch der Wunsch, wissenschaftliches Arbeiten für mehr Menschen (im Rettungsdienst) verständlich und damit vielleicht auch schmackhaft zu machen. Weil man in der Zukunft nämlich Mitstreiter braucht, welche die ganzen oben genannten Forschungsfragen (und noch viele mehr) beantworten helfen können. Diese ganzen Probleme und Fragen warten nämlich auf der anderen Seite. Und wenn ich an dieser Stelle noch Karl Popper mit ins Boot nehmen und mich des Falsifikationismus bedienen darf, um mich noch einmal der Vorläufigkeit jeder wissenschaftlichen Erkenntnis zu versichern, wird mir bewusst, dass die Erschaffung einer eigenständigen Professions-Wissenschaft der Schaffung von Wissen um die Profession bedarf – und des Bewusstseins für die inhärente Dynamik dieses Wissens!

Es ginge viel zu weit, hier weitere Details der Diskussion darlegen zu wollen; und es wäre den anderen Teilnehmern gegenüber auch unfair. Was ich jedoch darlegen möchte, ist der umstand, warum mich die Diskussion so geflasht hat: nämlich die, anscheinend für manche Teilnehmer gefühlte Unvereinbarkeit der beiden beschriebenen Pole. Aus meiner Sicht ist es ebenso richtig und wichtig, erst einmal Wissen schaffen zu müssen, wie dennoch gleichzeitig die Ausbildung (auch, oder besser vor allem die wissenschaftstheoretische) voran zu bringen. Ob Forscher und Praktiker mit fruchtbaren Ergebnissen zusammen kommen können? Ich bin mir da nicht mal für meine eigene Brust sicher, in der beide Herzen schlagen. Aber ich will es versuchen. Und ich hoffe sehr, dass ich mit diesem Wunsch nicht allein stehe. Denn eines ist sicher: der Rettungsdienst BRAUCHT eine eigene Professions-Wissenschaft ebenso dringend, wie er eine noch wesentlich besser am Schüler orientierte Aus- und Fortbildung braucht. Gute Nacht.

Erwachsen bilden #12 – Auch noch erziehen…?

Oh weh! Immer wieder begegne ich der Frage, was der Praxisanleiter auf der Wache denn mit seinen Zöglingen anstellen soll? Was er tolerieren darf und was er korrigieren soll? Wie sich die aktuelle Tiefe und Komplexität des Ausbildungsstandes mit dem eigenen Tun und Lassen auf der Wache versöhnen lässt? Denn eines ist bei der NotSan-Ausbildung sicher: Theorie und Realität liegen oft um Welten auseinander. Und dabei rede ich noch nicht einmal von dem Disput um die Frage, welche (Be)Handlungs-Kompetenzen man Notsan zugestehen möchte, oder auch nicht. In dieses Dilemma werden die jungen Leute schon noch früh genug hineingezogen. Nein – mir geht es um die Frage, was den Azubis auf der Wache vorgelebt wird; und inwieweit das mit dem Unterricht zusammenpasst?

Den jungen Leuten wird am Anfang ihrer Ausbildung erklärt, was ein Spiralcurriculum ist und was das mit ihrer Ausbildung zu tun hat. Sodann beginnt man verschiedene Grundlagen aufzubauen und entlässt sie nach den ersten 8 – 10 Wochen Unterricht auf die Rettungswache, wo sie dann oft zum ersten Mal erleben, wie Kollegen den Job machen, welche die Erlaubnis zum Töten schon erworben haben. [OK, viele, die in die NotSan-Ausbildung kommen, haben vorher schon als RS gearbeitet. Aber eigentlich war das so nie gedacht. Und es bringt Probleme mit sich, über die ich an anderer Stelle reden möchte] Und das Drama nimmt seinen Lauf…

Beginnen wir einmal mit der Frage, ob ein 18-, 19-jähriger Mensch schon charakterlich reif ist? Nehmen wir Erik Erikson, lautet die Antwort: es hängt davon ab… Manche werden früher, andere später reif im herkömmlichen gesellschaftlichen Sinne. Was für uns als Ausbilder bedeutet, dass wir uns mitnichten auf die Position zurückziehen können, dass das Elternhaus es schon gerichtet haben wird und wir ihnen nur Skills eintrichtern müssen. Ein Ausbilder ist – in vielerlei Hinsicht – ein Role-Model. Eine Figur, an der sich Auszubildende orientieren. Auch jene, die schon eine gewisse Erfahrung oder ein höheres Lebensalter mitbringen. Denn auch für einen 23-jährigen RS gilt, dass er sozial erwartbares Verhalten produzieren wird, um mit den Wölfen heulen zu dürfen. Der Wunsch und Wille eines jeden Azubis ist nämlich zuvorderst, im Team ankommen zu dürfen.

Der Auszubildende muss also diese neue Rolle erst erlernen; ebenso, wie er die Rolle des verantwortlichen Teamführers im Laufe seiner Ausbildung erst erlernen muss. Manchen fällt das leichter, andere kämpfen während der gesamten Ausbildung damit. Die ständige Notwendigkeit, das Rollen-Gleichgewicht neu zu finden lässt in vielen Menschen eine Überforderungs-Situation entstehen. Das ist in der Berufsbildung umso wahrer, als hier auch noch Leistungsdruck hinzutritt. Beidem entgegen zu wirken, ist eine der wichtigsten und vornehmsten Aufgaben des Praxisanleiters und Fachschullehrers gleichermaßen.

Doch was erlebe ich in dieser Hinsicht? Manche Praxisanleiter scheinen echt der irrigen Meinung zu sein, dass die Persönlichkeitsbildung abgeschlossen zu sein hat, wenn das “Rohmaterial” in ihre kundigen Hände gelegt wird; und sie bestenfalls noch die Grate schleifen müssen, um den Diamant zu Funkeln zu bringen. So ein Käse! Zuallererst muss ich als Ausbilder an meiner eigenen Einstellung arbeiten, denn sie wirkt auf meine Azubis; im Guten, wie im Schlechten! Und ich nehme mich selbst da nicht aus. Auch an mir erlebe ich dann und wann, dass ich ungeduldig reagiere, mir nicht genug Zeit nehme, die Sorgen meiner Azubis ignoriere, sie stehen lasse, etc. Nicht schön, aber wahr. Denn mir ist bewusst, dass sie mir nur folgen, wenn sie mir vertrauen. Und Vertrauen baut man nicht auf, indem man sie einfach machen lässt.

Natürlich müssen sie manche Fehler selber machen, um zu wissen, wie man diese in Zukunft vermeidet. Aber ich lasse sie doch nicht sehenden Auges in die Jauchegrube stürzen. Mache ich mit meinen Kindern ja auch nicht. Und selbst, wenn das Bild natürlich nicht ganz passt, denn weder sind sie noch Kinder, noch sind sie MEINE Kinder – die Verantwortung, die ich für sie übernehme, ist jener als Elternteil ziemlich ähnlich. Ein Umstand, dessen Kenntnis manche meiner Kollegen oft vermissen lassen. Ebenso, wie die gelegentlich nötige Distanz. “Tue, was ich sage, nicht was ich tue!” ist in diesem Kontext ein bescheuertes Credo. Ausbilden Können hat was mit Leadership Ability zu tun. Und geführt wird von vorne!

Ich stehe an dem Punkt, da ich auf manche dieser Dinge bald etwas mehr Einfluss nehmen kann und ganz gewiss wird die Fortbildung von Praxisanleitern einer der Punkte auf meiner Agenda sein, dem ich besonderes Augenmerk widmen möchte. Denn ich kann – und das ist eine wichtige Message – vielen Praxisanleitern gar keinen Vorwurf machen, da sie es selbst nicht besser gelehrt bekommen haben! Hier liegt noch viel Arbeit vor der Community und ich will gerne meinen Beitrag dazu leisten, dem notwendigen Erziehungsaspekt der beruflichen Bildung die Aufmerksamkeit zu verschaffen, die ihm gebührt. Bis die Tage.

Auch zum Hören…

Erwachsen bilden #11 – Kommunikation ist eine Kunst…?

Ich finde es irgendwie lustig, wenn manche 3-jährig Auszubildenden, aber auch Kollegen, welche sich gerade durch die Weiterbildung zum Notfallsanitäter leiden müssen, zusammenzucken, wenn das Thema “Kommunikation” auftaucht. Man hat ja als Mensch diese naive Vorstellung, dass man sich schon mit Anderen austauschen könne und damit “die Beer g’schält wär”, wie man hier in der Gegend manchmal so sagt; an dieser Stelle Obacht: diese Redewendung ist älter. Jedenfalls zieht es sich wie ein roter Faden durch die Unterrichte, in welchen ich zu den mannigfaltigen Aspekten dieses Themenkomplexes referiert habe, dass die Leute fast körperliche Schmerzen zu bekommen scheinen, wenn ich das Wort nur in den Mund nehme.

Dabei ist Kommunikation, gleich auf welchem Kanal sie stattfinden mag, ein ubiquitärer Bestandteil unseres Daseins. Ich verweise – allerdings nicht ohne Schmunzeln – an dieser Stelle noch mal auf das erste Axiom nach Watzlawick: “Man kann nicht NICHT kommunizieren!”. Ist ein Allgemeinplatz, der jedem halbwegs intelligenten Lebewesen sofort einleuchtet und daher im Grunde keiner weiteren Erörterung würdig. Außer vielleicht, dass jeder von uns gut daran tut, sich Freiräume von Kommunikation zu schaffen. Denn wir haben, realistisch betrachtet, viel zu viele Kanäle, denen wir Beachtung schenken zu müssen glauben!

Ich habe mich selbst die Tage dabei beobachtet, wie ich innerhalb von etwa einer Stunde Telefon, E-Mail, Whatsapp©, Telegramm©, Threema© benutzt habe, wozu dann täglich noch Facebook©, seltener Instagram© und gelegentlich noch Skype© und GoTo©, sowie seit allerneuestem Slack© kommen. Und worauf lese ich meine Zeitung? Richtig, auf einem portablen digitalen Endgerät, dass all diese Kanäle in gebündelter Form zur Verfügung stellt. Es liegt jetzt übrigens auch auf dem Schreibtisch neben der Tastatur, mit der ich diese Worte schreibe. Ist das zu fassen?

Wenn jetzt irgendeiner die Schlagworte “Digital Detox” und “Achtsamkeit” im Kopf hat – davon rede ich gerade nicht. Natürlich hat es was mit Selbstsorge und Erhalt der eigenen Humanität zu tun, wenn man versucht, etwas weniger Zeit in soziale Medien und dafür mehr in das reale Leben zu investieren. Doch mich treibt natürlich die Frage um, ob man dem überhaupt entkommen kann? Und – falls die Antwort darauf JA lautet – wann und wie man das tun sollte?

Mit Blick auf die Auszubildenden muss ich als Pädagoge die Wirksamkeit digitaler Medien (seien das Cloudspaces für Materialien, Aufgaben und Lerntagebücher, Whatsapp-Gruppen zur Terminabstimmung, o.Ä.) kritisch hinterfragen. Gewiss bezeichnen wir unsere aktuellen Auszubildenden-Kohorten gerne als “Generation Z” und unterstellen allen, dass sie “Digital Natives” wären. Was sich – bei näherer Betrachtung – nicht selten als töricht herausstellt. Natürlich ist bei diesen jüngeren Menschen, die Telefonhäuschen, drei Programm im Fernsehen und 300-Baud-Modems nur als historische Relikte eines lange untergegangenen Zeitalters kennen, der Umgang mit neuen Medien oft sehr intuitiv. D. h. aber mitnichten, dass man sie da einfach schon mal rumwursteln lassen kann, weil sie das ja eh alles besser raffen als ich…

Die Pluralität der Kanäle und die Flut der zu verarbeitenden Informationen hat mitnichten innerhalb einer Generation eine evolutionäre Veränderung des Gehirns herbeigeführt. Wir haben immer noch nur ein Sensorisches Register, ein Arbeitsgedächtnis und ein Langzeitgedächtnis zur Verfügung, die während eines Tages in den Weiten des Netzes Höchstleistungen zu vollführen haben. Denn Medienkonsum muss moderiert werden, damit er nicht a) ins Leere läuft, oder zumindest die falsche Richtung und b) auch relevante Informationen zu Tage fördert, um Lernprozesse anzuregen. An dieser Stelle scheitern die meisten Lernplattformen kläglich. Einfach nur kuratierten Content auf eine Webseite zu klatschen, kriege ich auch in ein paar Minuten hin. Den Content für den Schüler mit Sinn anzureichern und so Lernen auszulösen ist die Kunst. Ich empfehle hier folgenden Buchtitel: “E-moder@ting” von Gilly Salmon. Man muss sich vor dem Englisch nicht fürchten…

Wenn ich irgendein Projekt zu managen habe, das im Laufe der Zeit wächst und irgendwann auch mehr Mitarbeiter haben wird, komme ich nicht umhin, Daten, Deadlines, Strukturen, Meilensteine, etc. mit jenen zu teilen, die an dem Projekt teilhaben, oder es auf höherer Ebene verantworten. Und das gute alte Vier- oder Sechs-Augen-Gespräch ist natürlich eine wohltuend persönliche und zielorientierte Angelegenheit. Nichtsdestotrotz müssen viele Dinge im Laufe des Tages auf unterschiedlichen Wegen abgestimmt werden. Wenn ich dabei jedes Mal ein persönliches Gespräch führen möchte, werde ich irgendwann wahnsinnig. Entweder wahnsinnig viele Kilometer verfahren, wahnsinnig viel Zeit verschwenden, oder eben einfach nur wahnsinnig.

Moderation von Blended-Learning und Koordination von Projekten sind gute Beispiele für die Komplexität von Kommunikationserfordernissen. Und dabei habe ich noch kein Wort darüber verloren, worin die ganzen Hindernisse bestehen. Darüber reden wir gerne ein anderes Mal. Für heute möchte ich es dabei belassen, jeden dazu aufzurufen, mehr über Kommunikation zu lernen. Denn wenn wir bewusster, gezielter und achtsamer miteinander umgehen, machen wir unsere Welt besser. Guten Abend.

Auch zum Hören…

One-man-show…?

Also ehrlich: es ist schon schön, wenn es Indikatoren dafür gibt, dass man gebraucht wird. Z. B. die eigenen Kinder, die einen frenetisch begrüßen, wenn man nach einem langen Tag nach Hause kommt, oder sich freuen, wenn man mal dazu kommt, sie selbst vom Hort abzuholen. Die Freude der Gattin über das Mittagessen, das zu Hause auf sie wartet, wenn man mal nicht Kernzeit arbeiten muss. Freunde, die sich Zeit für einen Spieleabend, ein Telefonat (>1h) oder ein Frühstücksgespräch nehmen. So kleine Dinge halt, die einem zeigen, dass man nicht alleine auf der Welt ist.

Und dann gibt’s die Momente, in denen man verflucht, dass man auch aus anderen Gründen und für andere Menschen, die wir mal Kollegen nennen wollen, wichtig ist: wenn man im Urlaub, im Krankenstand mit E-Mail, Telefonaten und Messenger-Nachrichten vom GmbH-Typ beglückt wird: “Geh mal, bring mal, mach mal, hol mal!”. Da könnt ich… OK! Ich bin natürlich zur Hälfte selbst dran schuld. Ich könnte ja auch einfach nicht drauf reagieren. Was allerdings bei manchen Menschen dazu führt, dass die Intensität der Anfragenflut noch größer wird. Weil geflissentlich davon ausgegangen wird, das Funktionsträger in Organisationen ihre Funktion immer und überall ausüben. Hierzu ein klares NEIN!

Und überdies eine Klarstellung: wenn ich morgens über den Hof gelaufen komme, beantworte ich keine Fachfragen oder Anforderungen, bevor ich nicht mindestens eingestempelt habe! Eigentlich wäre es für die Gesundheit der Nachfragenden gut, wenn sie mich erst meinen Kaffee trinken ließen; immerhin habe ich meine Affekte heutzutage halbwegs unter Kontrolle. Tote und Verletzte sind daher bislang ausgeblieben. Aber es nervt. Und das weiß man eigentlich so als Mensch auch. Doch die Idee von der ubiquitären Verfügbarkeit sozialer Dienstleistungen scheint sich irgendwie in die Gehirne meiner Kollegen geätzt zu haben.

Sitze ich dann im Büro und bin – OFFENSICHTLICH – auf etwas anderes konzentriert (könnte man am Blick auf den Bildschirm und der Bewegung meiner Finger auf einer Tastatur relativ simpel herleiten), kommen die lieben Kollegen hereingewalzt und fangen an, ohne Punkt und Komma auf mich einzureden. Ohne abzuwarten, ob ich jetzt gerade die zeitlichen und kognitiven Ressourcen für ihr Anliegen frei habe. NEIN – ich sitze nicht den ganzen Tag da und warte auf einen Partner für ein Schwätzchen. Es kann ab und zu mal vorkommen, dass ich mir Zeit für die informelleren Teile meiner Arbeit nehmen kann. Aber nur, wenn die anderen Dinge erledigt sind, oder etwas wirklich wichtig ist. Dann hat man aber trotzdem 30 – 60 Sekunden Zeit, zu warten, bis ich Kommunikationsbereitschaft signalisiere. Das hat was mit dieser altertümlichen Unart namens “Höflichkeit” zu tun…

Besonders problematisch wird es jedoch, wenn Arbeit und Privates vollkommen entgrenzt werden, weil mich Erstere in das Letztere verfolgt. Z. B., wenn ich – für die Schnupfensaison vollkommen untypisch – mit einem wüsten Atemwegsinfekt auf der Schnauze liege, daher plötzlich nix mehr funktioniert, wie vorgesehen und ich mit fiebrigem Schädel von Zuhause aus Dinge managen muss, weil ich vorher schlicht keine Zeit hatte, einen Plan B für alle Fälle zu entwickeln. Mal davon abgesehen, dass das Ressourcen-Portfolio die frühzeitige Vorplanung für solche Eventualitäten schlicht nicht zulässt. Schade auch…

Ich mache im Moment einen auf One-man-show, weil das Projekt, mit dem ich nun betraut bin noch entwickelt wird und ich nebenher meinem bisherigen Arbeitsbereich am Laufen halten und dazu noch ab und an Blaulichtauto fahren muss. Ich sag’s wie’s ist: das klappt nicht immer ohne Reibungsverluste und Friktionen. Aber man hat bei meinem AG im Hause immer noch nicht vollständig begriffen, dass das Zeitalter der eierlegenden Wollmilchsäue vorbei ist. Endgültig!

Die Lehre, die ich für mich daraus ziehe ist Folgende: ich werde zumindest versuchen, für die Zukunft nur noch mit einem Plan B zu disponieren. Alles, was keinen Plan B zulässt, sollte nicht realisiert werden, weil es sonst hinterher mit an Sicherheit grenzender Wahrscheinlichkeit nur unangenehme Fragen und lange Gesichter gibt. Und ein vollkommen ausgebranntes Ich – hatt’ ich schon, brauch ich nich’ noch mal. Ich bin mir ziemlich sicher, ähnliches schon mal geschrieben zu haben, doch im Moment nervt mich vor allem die Selbstverständlichkeit, mit der man annimmt, dass ich zur Verfügung stehe, obwohl ich KzH bin. Na ja, ab Januar wird alles besser. So wie jedes Jahr. Au revoir.

Erwachsen bilden #10 – Yo bro, how’s your teaching?

Ach verdammt, hast du manchen Gedanken erstmal im Kopf, geht er einfach nicht mehr weg. So wie ich im letzten Artikel dieser Serie auf das Thema Fortbildungen für rettungsdienstliches Lehrpersonal eingegangen bin, habe ich damals auch das Thema des Nicht-Unterrichten-Könnens kraft Bachelor-Studium gestreift. Und wenn ich ehrlich sein soll – die Frage, wie man ein Refendariat in berufsbildenden Schulen meiner Profession implementieren könnte, ohne dass die Kosten dafür vollkommen aus dem Ruder laufen, lässt mich im Moment nicht mehr los.

Ich weiß heute, mit 25 Jahren Berufserfahrung und dem geschulten Blick des Ausbilders, wie grausam schlecht meine eigene Rettungsassistenten-Ausbildung zumindest streckenweise war, weil die Ausbilder selbst nie so richtig Ausbilden gelernt hatten. Man kann sich vieles autodidaktisch beibringen und methodischen Mangel – zumindest ein Stück weit – durch Talent ausgleichen. Und natürlich wird jemand, der bereit ist, aus seinen Fehlern zu lernen, mit der Zeit immer besser. Das ist in jedem Gewerk so, auch bei Lehrern. Aber dennoch passieren immer noch zu viele Fehler und es wäre unseren Auszubildenden gegenüber ungerecht, wenn wir dem nicht etwas entgegenzusetzen versuchten.

Ich weiß, wie es mir ging, als ich vor ein paar Jahren mit dem Unterrichten an Berufsfachschulen anfing. Ich hatte durch’s Studium tonnenweise Wissen im Kopf, Ideen, Strukturen, etc; und ich kannte die Methoden – theoretisch. Ich weiß nicht mehr, ob ich genug gefragt habe, ich entsinne mich aber, einige sehr hilfreiche Fragen gestellt und ein paar noch hilfreichere Ratschläge gegeben bekommen zu haben. Und zwar von jemandem, der sein Handwerk wirklich versteht. Wir haben meine Planungen diskutiert und ich konnte mein pädagogisches Instrumentarium testen und schärfen. Und doch – ich hätte mich über jemanden, der einfach mal hinten drin sitzt und mir direkte Manöver-Kritik für meinen Unterricht gibt, sehr gefreut!

Ich hatte einmal einen Methoden-Workshop (ein Arbeitgeber-internes Seminar), der wirklich geknallt hat. Gehalten von einem Gymnasial-Lehrer, der nicht nur mein Methoden-Verständnis erweitert hat, sondern auch ECHTES Feedback geben konnte. Etwas, womit ich immer noch und immer wieder kämpfe. So etwas stelle ich mir für, frisch an die Berufsschule kommende Lehrer vor. Du kommst mit deinem Bachelor daher und dann genießt du erstmal ein Methoden- und Feedbacktraining und in wirst den ersten drei Monaten deines Unterrichtslebens wöchentlich einmal (und wenn’s nur ein Vormittag ist) von einem erfahrenen Kollegen auditiert. Ich habe keine Ahnung, ob ich das vom Start weg implementiert bekomme. Aber es ist mir ein Anliegen. Denn wenn die Institution, an deren Entwicklung ich beteiligt bin, es anders, besser machen möchte, als die bestehenden Institutionen, gehören solche Dinge definitiv auf meine To-Do-Liste!

Talking about money: Legen wir die Ausbilderstunde mit einem rechnerischen Wert von ca. 40,00€ zu Grunde (was die Kostenstruktur bei hausinterner Abwicklung, also Arbeitszeit, Sozialabgaben und Opportunitätskosten ganz gut darstellt), betrügen die Kosten für eine solche Unterrichts-Begleitung zuzüglich eines zweitägigen Einführungs-Seminars für einen Lehrer übrigens rund 3.000,00€. Ich finde, das darf uns eine gute Ausbildung des Lehrpersonals wert sein. Insbesondere unter dem Aspekt des Fachkräftemangels kann man das auch als Maßnahme zur Steigerung der Personalbindung sehen. Ich werde sehen, ob diese Argumentation verfängt- Wir hören/lesen uns.

Auch zum Hören…

Erwachsen bilden #09 – Klugscheißer?

Menschen, die sich mit Lernpsychologie nicht so auskennen, haben ja immer diese mechanistische Vorstellung von Unterricht: dass ich morgens im Lehrsaal die EZ-IO auf der Stirn des Schülers ansetze, mir so einen direkten Zugang zu seinem Gehirn verschaffe und eine Art Upload des notwendigen Wissens und der handwerklichen Fertigkeiten in Gang setze, der schnell und sauber dafür sorgt, dass dieser Mensch alsbald produktiv zum Einsatz kommen kann. Insbesondere Chefs haben diesen Anspruch. Allerdings ist diese Denke in mehr als einer Hinsicht Käse.

Sie lässt die Beschaffenheit des Lernprozesses außer Acht, der sich mitnichten bei jedem Menschen gleich schnell oder gleichartig vollzieht. Und sie negiert die Notwendigkeit, zuerst herausfinden zu müssen, ob der Mensch, der vor mir sitzt überhaupt für diese Art von Tätigkeit geeignet ist, deren Beherrschung ihm zu vermitteln ich nun aufgerufen bin. Zumindest gegen Letzteres ist ein Kraut gewachsen und auch viele Entscheider im Gesundheitswesen haben mittlerweile begriffen, dass der Aufwand für ein gut strukturiertes Assessment-Center keinesfalls Ressourcen-Verschwendung ist.

Gegen das Erstere wirke ich direkt durch meine Unterrichtsgestaltung. Da vorgenannte Menschen ohne Ahnung über mein Fachgebiet allerhöchstens murren, wenn sie Rechnungen für Dinge präsentiert bekommen, die sie auf Grund des beschriebenen Mangels an Expertise nicht vollständig verstehen können, ist es mein Job, dafür zu sorgen, dass der Deckel finanziell nicht vollkommen vom Topf fliegt und mit den zur Verfügung stehenden Mitteln und Medien dennoch den Shit zu rocken. Kann ich. Läuft.

Es wirft allerdings die Frage auf, ob, bzw. wie ich es schaffen kann, trotz systemischer Ressourcenknappheit innovative Konzepte zu entwickeln und zu implementieren. Auch die Bildungslandschaft entwickelt sich ja weiter und speziell in der Erwachsenen- und Berufsbildung ist es notwendig, mit den Entwicklungen Schritt zu halten, oder gar selbst welche zu liefern. Insbesondere da das Fachgebiet, in welchem ich unterrichte eines ist, das ständigen Veränderungen der zu vermittelnden Inhalte unterliegt. Man kann den Prozess mit dem Virenscanner auf dem heimischen Computer vergleichen. Wird der nicht regelmäßig geupdated, habe ich im schlimmsten Fall einen Totalausfall mit Datenverlust zu befürchten.

Nehmen wir jedoch an, dieser Computer steht in der Leitwarte eines Kraftwerkes und ein Virus legt ihn so lahm, dass das Kraftwerk ausfällt… wie haben die das in “Stirb Langsam 4.0” genannt? Einen “Firesale”? Denken wir nun an einen Ausbilder für Rettungsfachpersonal, der seinen Schülern Käse beibringt; ist schon ein bisschen wie ein Firesale, oder? Immerhin übernehmen die Schüler auf der Basis des Vermittelten später Verantwortung für Gesundheit und Leben anderer Menschen. Es klingt also vernünftig, auch die Ausbilder regelmäßig zu updaten. Hier treffen wir allerdings auf zwei Problemstellungen.

Zum einen sind Ausbilder im Rettungsdienst, vor allem die Praxisanleiter auf den Wachen, voll in den normalen Dienstbetrieb eingebunden und haben weder die Ressourcen (vor allem Zeit), ihre Arbeit ordentlich zu machen, noch bekommen sie die Gelegenheit sich selbst fortzubilden. Und damit meine ich noch nicht mal die medizinischen Fortbildungen. Die sind hier in Baden-Württemberg ja mit 30h/anno im Landesrettungsdienstgesetz §9, Abs. 4 festgeschrieben. Ich rede vom Erhalt der Ausbilderqualifikation durch pädagogische Fortbildungen. Und da herrscht in Ba-Wü Niemandsland…

Es ist zwar schön, dass man jetzt für Klassenlehrer in der NotSan-Ausbildung eine Hochschulqualifikation vorschreibt. So ein Bachelor in Medizinpädagogik ist was Feines. Allerdings können die Leute dadurch nicht automatisch unterrichten, denn das lernen z.B. die Lehrer im Refendariat. So etwas gibt es an Berufsfachschulen nicht. Und auch Fortbildungen für diese Lehrkräfte gibt es noch nicht. Geschweige denn, dass jeder versteht, was ein Lernfeldorientiertes Spiral-Curriculum ist. Und dann stehen oft genug jene, die denken, sie könnten unterrichten vorne und verfallen doch wieder in Fachsystematik. Oder erzählen den Youngstern Käse. Oder wissen nicht, was jetzt gerade angezeigt wäre, weil ein Honorardozent zwar für Anfahrt und Unterricht bezahlt wird, nicht jedoch für die Vorbereitung. Und so mancher macht dann halt einfach irgendwas, nur nix Gescheites.

Womit wir beim zweiten Problem, nämlich den Entscheidern wären, die, wie gesagt, den notwendigen Aufwand nicht durchschauen können, weil ihnen dazu das fachliche Wissen fehlt. Viele treten dann auf die Bremse, weil Ihnen ein fahrender RTW wichtiger ist, als ein gut ausgebildeter, motivierter und mit den notwendigen Ressourcen ausgestatteter Ausbilder. Dass dieser Ausbilder tatsächlich dafür sorgt, dass nämlicher RTW auch in Zukunft noch fahren wird, weil das Personal dafür vorhanden ist, wird dabei allzu oft gerne übersehen. Personalbindung entsteht nämlich heutzutage über eine qualitativ hochwertige Ausbildung. Und die braucht vor allem eines: Zeit für den Azubi! Immerhin: manche Entscheider springen über ihren Schatten und sagen vertrauensvoll: “Mach, was du für richtig hältst, so lange das Budget sich nicht Stuttgart 21 annähert!” Und genau damit befasse ich mich im Moment.

Ein Kollege von mir sagt immer: “Zum Klugscheißen muss man klug sein!” Die Frage, die ich mir in letzter Zeit oft stelle ist, ob er – und vielleicht auch manch anderer – dann auch klug genug ist, sich und sein Ego zu hinterfragen. Denn oft genug müssen wir beim Design von Maßnahmen der Erwachsenenbildung um die Ecke denken, damit die Schüler geradeaus begreifen können. Etwas mehr Demut vor der Aufgabe und ein Quäntchen Respekt für die Ansprüche und Sorgen des Schülers wäre hier angebracht. Aber ich träume vermutlich zu viel. Mir bleibt nur zu sagen, dass wir noch einiges zu tun haben, bevor die Ausbildung wirklich rund läuft. in diesem Sinne: schönes Wochenende.

Auch zum Hören…

Ein Sieg…?

Entwickelt sich für das Berufsbild “Notfallsanitäter” nun doch alles zum Guten? Ich weiß nicht; und wenn ich ehrlich bin, will ich noch nicht einmal spekulieren. Immer wieder wird, insbesondere von manchen Vertretern meines Berufsstandes, über den Lobbyismus der Ärzte gegen eine Substitution ärztlicher Maßnahmen durch Medizinalfachpersonal hergezogen. Es scheint manchmal, als wenn ständische Vertretungen der Ärzteschaft auf Standpunkten aus dem vergangenen Jahrhundert beharren, weil sie um ihre Pfründe fürchten. Doch ist dies tatsächlich der Fall?

Könnte es nicht eher so sein, dass diese Ständevertreter – angesichts ihres Alters und ihrer durchschnittlichen Positionen – einfach nicht mitbekommen haben, dass sich der Berufsstand des Rettungsfachpersonals in den vergangenen 25 Jahren erheblich weiter entwickelt hat? Dass der NotSan von heute mit dem RettSan von damals nur noch wenig gemein hat? Denn betrachten wir die Situation einmal nüchtern, sind die neueren Vertreter meiner Disziplin keine einfachen Befehlsempfänger mehr, sondern werden mit dem Handwerkszeug ausgestattet, selbst qua-wissenschaftlich die immer neuen Erkenntnisse der Evidenz-basierten Medizin sich anzueignen.

Zweifellos können manche das besser und andere weniger gut. Dennoch bleibt im Mittel eine deutlich verbesserte Fähigkeit, auf die Neuerungen und die damit einher gehenden Anforderungen des Feldes reagieren zu können. Doch diese Erkenntnis ist bei den Herren Standesvertretern der Ärzteschaft, in deren Köpfen wir immer noch dämliche Krankenträger sind, einfach noch nicht angekommen. Dies zu verändern, ist eine der Herausforderungen.

Ich habe mir heute morgen im Parlamentsfernsehen die öffentliche Anhörung des Gesundheitsausschusses angesehen und musste ja ein bisschen schmunzeln, als der Vertreter der Bundesärztekammer sagte, dass man die Notwendigkeit sähe, auch andere hochschulisch-pädagogisch gebildete Menschen, nämlich z.B. Ärzte in die Leitung von OTA-Schulen berufen zu können. Um es aus der Sicht des studierten Berufspädagogen noch einmal in aller Deutlichkeit zu sagen: Ärzte sind allein Kraft ihres Studiums NICHT befähigt, pädagogisch tätig zu werden! Dazu mangelt es ihnen an der dazu notwendigen Ausbildung. Es mag von Fall zu Fall Ärzte geben, die dies zumindest teilweise durch Begabung ausgleichen können; aber das reine Fachwissen genügt nicht, um dieses auch didaktisch sinnvoll und dem Adressaten angemessen vermitteln zu können. Und es wäre mir sehr recht, wenn manche – allzu arrogante – Vertreter der ärztlichen Zunft dies endlich einmal zur Kenntnis nähmen.

Alle gestrigen Darlegungen wurden nun gewürdigt und heute morgen haben die Bundestagsfraktionen von CDU/CSU und SPD ihren gemeinsamen Antrag auf Änderung des NotSanG zurückgezogen. Das heißt, die Bundesratsinitiative, welche von Bayern und Rheinland-Pfalz initiiert wurde, ist wieder im Rennen. Man könnte das als einen Sieg betrachten. Wäre da nicht der Umstand, dass das Einfügen einer begrenzten Befugnis zur Ausübung der Heilkunde im Rahmen der in der Ausbildung vermittelten Fähigkeiten in das NotSanG vermutlich zu kurz greift.

Eine Novelle des Heilpraktikergesetzes (HPG), welche für einzelne nicht-ärztliche Medizinalfachberufe jeweils – stets am Stand der medizinischen Forschung und der Tiefe der Ausbildung orientierte – Kompetenzen freigibt, wäre wesentlich sinnvoller und würde auch andere Berufsgruppen mit ähnlichen Problemen, wie etwa die Hebammen, Physiotherapeuten, etc. aus der Schusslinie nehmen. Aber das würde ja bedeuten, dass man zugeben müsste, dass a) unser Gesundheitswesen ziemlich kaputt ist und b) die deutsche Form der Arztausbildung auch nicht mehr der Weisheit letzter Schluss… Und so was glaubt ja keiner. Oder?

Komme es wie es mag, ich kann noch lange keinen Sieg erkennen. Dennoch bin ich froh, dass dieser halbherzige Quatsch von den GroKo-isten erstmal vom Tisch ist. In jedem Fall bleibt noch viel zu tun. Habe ich erwähnt, dass ich mich in die Schöpfung einer zweiten Braunwalder Erklärung involviere? Schönen Tag noch.

Auch zum Hören…

My way to more kindness #0

Von Zeit zu Zeit nimmt man Trends wahr, lässt sich von Strömungen in den Medien oder in seiner ganz privaten Echokammer mitziehen. Das stößt die Neugierde an und man beginnt sich zu informieren, darüber nachzudenken, etc. Ich meine dabei bewusst keine Klamotten-Trends, denn mein Äußeres kommt meist in etwa so modisch daher, wie ein IFA W50. Ich denk halt immer, dass Baggy-Pants, T-Shirts und Sneaker schon reichen (außer, bei bestimmten Anlässen, natürlich). Wenn man(n) unbedingt zum Fashion-Victim werden will (so mit zu kurzen, zu engen Hosen, oder aber dem genauen Gegenteil, dass bis in die Kniekehlen hängt), bitte gerne. Is’ nur nix für mich.

Nein, ich meine soziale Trends, Bewegungen, neue Netzwerke und neues Wissen. Dabei muss es nicht immer um Politik gehen. Dem Thema werde ich für eine Weile abschwören, sonst – bei Gott – werde ich gewalttätig gegen dumme Menschen. Aber auch abseits der Politik gibt’s genug zu erforschen und zu erfahren; insbesondere dann, wenn man, wie ich, in der Erwachsenenbildung und im Gesundheitswesen zeitgleich tätig ist. Beide Arbeits-Felder erfahren immer wieder Veränderungen durch die Menschen, welche in Ihnen tätig werden. Manchmal aus echten Notwendigkeiten heraus, manchmal auch einfach nur, weil eine Person etwas Wichtiges erkennt und Wege findet, die Botschaft zu verbreiten.

Menschen, die mich näher kennen wissen, dass unter dem Clown, der fast alles in seiner Umgebung mit einer Mischung aus Ironie und Zynismus kommentiert eine Seele steckt, die’s gerne harmonisch hat. Den Wunsch nach Harmonie darf man hier bitte nicht mit Konfliktscheue verwechseln. Ich kann auch böse, wenn’s denn unbedingt sein muss. Aber ich mag es nicht. Mein durchaus gelegentlich etwas cholerisches Naturell reitet mich dabei öfter in den Dreck, als mir lieb ist. Aber wer dauernd mit Menschen arbeitet, muss wohl darauf gefasst sein, dass es menschelt… nicht wahr?

Nun bin ich, nachdem ich bei Recherchen für etwas völlig anderes über Dave Burgess gestolpert bin, bei “A passion for kindness” von Tamara Letter gelandet. Ich vermute mal, dass mein Unterbewusstsein mir irgendwas mitteilen wollte, denn der Titel und die Beschreibung sprachen mich irgendwie an:

Quelle: amazon.com

Ich lese gerne echte Bücher. Diese Dinger aus Papier und Druckerschwärze, ihr wisst schon. Man kann nicht wischen, man muss blättern. Dafür kann man reinkritzeln (sofern sie einem selbst gehören) und so seine Gedanken zum Gelesenen festhalten. Ja ich weiß, dass geht auch mit PDFs; aber das ist einfach nicht das Gleiche… Außerdem müssen wir ja auch nicht für alles dauernd Strom verbrennen. Mein CO2-Fußabdruck ist auch so schon groß genug. Jedenfalls finde ich die Art, wie die Autorin über “kindness”, diese schlecht ins Deutsche übersetzbare Mischung aus Freundlichkeit, Güte und Großzügigkeit denkt und auch danach handelt großartig und inspirierend.

Ich stelle nämlich einerseits immer wieder fest, dass ich in die selbst ausgelegten Bäreneisen tappe, wenn ich mit meinen Lieben interagiere. Eigene Kinder können einen ja so leicht aus der Reserve locken. Andererseits ist in meinem Arbeitsumfeld letzthin oft eine Atmosphäre gespannter Nervosität zu verspüren, die allen dort auf’s Gemüt und damit die Höflichkeits-Sensoren schlägt. In einem Hochrisiko-Job wie dem Rettungsdienst keine optimalen Voraussetzungen für die – üblicherweise von uns erwarteten – guten Ergebnisse.

Ich will gar nicht groß auf den Inhalt eingehen, denn auf den muss man sich als Leser schon bitte selbst einlassen. Nur so viel: auch bei kindness gilt: wie man in den Wald hineinruft… Und so will ich dies zum Anlass nehmen, zu versuchen, es selbst noch besser zu machen. Nicht nur zu Hause, sondern auch für und mit meinen Kollegen und Azubis. Besser geht nämlich immer. Und wenn es dazu beiträgt, das Arbeitsklima zu verbessern und damit auch unser Outcome als Organisation, bin ich gerne vorne mit dabei. Ihr werdet davon hören. Und vielleicht wollt ihr ja auch mitmachen? Schönen Abend noch!

Auch zum Hören…