Benvenuti nelle Marche N°20

Die Tage verfliegen schnell wie der Wind, der noch gestern dicke Gewitterwolken über das Land getrieben hat. Ich bin definitiv nicht der Einzige, dem die Zeit en passant zwischen den Fingern zerrinnt; denn während wir denken und planen, tun und ahnen, passiert es einfach. Und ganz gleich, was wir fürderhin alles noch tun zu wollen oder zu müssen glauben… was in dieser Sekunde vor meinen Augen, meinen Ohren, unter meinen Händen vorbeizieht, DAS ist es, was wir Leben nennen. Angewidert und fasziniert zugleich von der unüberwindbaren Mauer der nächsten Sekunde gewahre ich, wie das Pendel unaufhaltsam vor und zurück schwingt, Zeit in kleine Stückchen schneidet, während ich – nicht allein – gebannt darauf warte, dass irgendetwas passiert, das mich aus meinem Trott herausholt. Mein Trott! Was für eine falsche und zugleich so perfide Wortkonstruktion. Macht sie mich doch selbst glauben, einem geschundenen Maultier gleich, tagein tagaus unter glühender Sonne um den Brunnen zu laufen, um Wasser zu fördern. Stupide. Eintönig. Tag um Tag, Woche um Woche, Monat um Monat, bis ein gnädiger Tod meine freud-, sinn- und nutzlose Existenz ENDLICH beendet. WAS FÜR EIN STUSS IM QUADRAT! Mutter Natur gab mir zwei Hände und einen Kopf – mithin alles, was es braucht, um für sich selbst zu denken, die Gedanken in die Welt zu tragen und sich seinen Sinn auf diese Art selbst zu schaffen. Nein, vielmehr, sich selbst zu ERSCHAFFEN. Freude und Nutzen emergieren aus der eigenen Schöpfung dann oft im gleichen Zuge, wenngleich nicht notwendigerweise. Es braucht auch ein bisschen Glück und Beharrlichkeit. Und doch… und doch lassen wir uns immer wieder in diese Spirale der selbstverschuldeten Unmündigkeit hineinziehen, weil es so viele Ablenkungen, so viele Optionen, so viele vermeintliche Vorbilder gibt, die uns weißmachen wollen, dass Andere besser wüssten, wie wir unser Leben richtig zu leben hätten. Ach verflixt, wir brauchen eine neue Aufklärung (nö… nicht die mit den Bienchen und Blümchen…)

Aber es sind immer wieder solcherlei widersinnige Wahrnehmungen, die einem die letzten Tage des Urlaubs verleiden können. Und ich werde nicht behaupten, dass es mich, oder die beste Ehefrau von allen nicht auch umtreiben würde, am Samstagmorgen – wenn auch mit einem spontan gebuchten Stop in der Emilia Romagna bis Sonntagmorgen – die Heimreise antreten zu müssen. Genau in diesem Moment jedoch sitze ich, bei ca. 26°C mit blauem Himmel, im Schatten der Pergola und schaue über das Tal vor unserem Ferienhaus. Und es ist eine wahre Wonne, denn die Landschaft ringsum ist einfach wunderschön. Der Grill kühlt noch ab, das Essen war köstlich und der Abend wird lau. Zuvor haben wir einen kurzen Ausflug gemacht und danach Bahnen im Naturpool unten am Hang gezogen. Ein idealer Tag, um zu vergessen, was zu Hause alles wartet. Aber selbst, wenn ich heute bei der Arbeit gewesen wäre und nun “nur” zu Hause auf dem Balkon säße, bliebe es immer noch meine Entscheidung, mich darob zu grämen, was ich alles “verpasse”. Denn… was verpasse ich tatsächlich? Soll ich mich tatsächlich, nur auf Grund der bunten bewegten Bildchen Dritter auf Antisocial Media der FOMO (Fear Of Missing Out) hingeben? Bildchen, die genauso hart gestellt und kuratiert sind, wie jene, die ich hier benutze? (Ja, ich bearbeite meine Fotos NATÜRLICH auch, weil ich finde, dass diese meinen ästhetischen Maßstäben genügen sollten). Bildchen, die ein Leben zeigen, so echt wie Wimpern von irgendeinem weiblichen C- oder D-Promi? Hell no, what the fuck? Mein Leben findet da statt, wo ich gerade bin – und ich bin auch kein armes Maultier, dass immerzu um einen Brunnen laufen muss, sondern ein Mensch, der seine eigenen Entscheidungen treffen, sein Schicksal in die eigenen Hände nehmen, sein eigenes Ding machen kann. Zumindest innerhalb der üblichen Grenzen. Aber diese Grenzen sind okay so.

Ich schrieb die Tage über was Wollen. Ob man es überhaupt kann und falls ja, ob man es auch tun sollte. Vielleicht habe ich das noch nicht scharf genug hearusgearbeitet – JEDE*R SOLLTE WOLLEN! Nur vielleicht nicht alle das Gleich zur gleichen Zeit. Aber mit einem bisschen Individualität ist das ja auch nicht unbedingt wahrscheinlich. Solcherlei Probleme entstehen eigentlich immer nur dann, wenn große Mengen von Leuten zusammen den gleichen (falschen?) Idealen hinterhertraben, weil es a) wenigstens in eine Richtung geht, b) man nicht alleine ist, c) der/die/das da vorne schon wissen wird, was richtig ist und d) man gemeinsam ja auch stärker ist. Und schon haben wir auch noch das Patentrezept für zeitgenössische Scheiße im Ventilator: den Internet-Shitstorm. Wenn ich jetzt z.B. sage, dass alle Songs von Taylor Swift gleich klingen und ich mich nicht wundern würde, wenn diese überaus seichte Kost von einem Algorithmus komponiert worden wäre, ist das quasi gleichbedeutend mit Online-Suizid. Gottseidank ist mir das Wurscht und ich kann hier meine Meinung einfach sagen, denn alle auflaufenden Kommentare müssen sowieso erst durch mich freigegeben werden. Daher kann ich sagen: sogenannte “Swifties” sind für mich der Inbegriff medialer Selbstversklavung und -verdummung! Ich will unterdessen etwas ganz anderes! Ich will über meine freie Zeit so verfügen, wie ich es für richtig halte! Ich will – nicht nur im Urlaub – mich selbst als eigenständig und frei erfahren! Ich will gestalten, wo, wie und was ich nur kann! Und ich will kein Swiftie werden! Egal für welches dämliche Medien-Franchise auch immer. Da bin ich lieber mein eigenes Medien-Franchise. Und während ich all dies hier schrieb, da ist die Zeit voran geschritten, wurden kleine Stücke durch das Pendel des Schicksals abgesäbelt, die sang- und klanglos im allzeitigen Strom des ewigen Vergehens mitgerissen worden sind; und es hat nicht mal wehgetan. Denn die Zeit ward gut verbracht, weil die Entscheidung, sie so zu verbringen MEINE war. Und… was habt ihr heute so gemacht, das für euch Sinn ergeben hat; ganz gleich ob in der Ferne oder zuhause? Wir hören uns die Tage wieder…

Benvenuti nelle Marche N°17 (a.k.a. A scream in the dark N°3) – Warum soll man wollen?

Ich habe die Tage darauf hingewiesen, dass unser Wille stets in unser kulturelles Korsett – also jenen Rahmen aus Werten, Normen, Vorstellungen und Erfahrung – eingebettet ist, was immer wieder die ziemlich böse Frage aufwirft, ob es denn überhaupt so etwas wie einen freien Willen geben kann; wenn doch von vornherein klar ist, dass wir einen echt großen Rucksack voll Biographie mit uns herumschleppen, der unser Denken und damit auch unseren Willen zumindest teilweise strukturiert? Womit ebenso die Frage auftaucht, ob ich denn überhaupt etwas wollen sollte, wenn ich doch gar nicht sicher sagen kann, dass ICH selbst als freies Individuum diesen Willen äußere oder nicht doch einfach nur meine Sozialisation. Schopenhauer würde wahrscheinlich NEIN gesagt haben. Ich denke jedoch – es hängt davon ab! Es hängt davon ab, mit welchem Lebensbereich wir uns befassen. Ich habe keinen freien Willen, wenn es um die Frage des Steuernzahlens geht (obwohl manche Menschen hierbei wohl recht kreativ werden, weil sie GLAUBEN, da einen freien Willen zu haben). Ich kann aber sehr wohl über mein Berufsfeld, meinen Kleidungsstil, meinen Wohnort, meine Freizeitpräferenzen, etc. entscheiden; zumindest, sofern ich nicht in Nordkorea oder so wohne… Es hängt davon ab, ob wir etwas nur für uns oder auch für Andere entscheiden. Spätestens, wenn ich die Freiheit anderer Menschen durch das Ausleben meines Willens einschränke, wird es schwierig. Geht es jedoch “nur” um mich selbst und tangiert meine Entscheidung die Lebensbereiche Dritter nur peripher, so mag dies zumindest recht oft keine Probleme erzeugen. Es hängt davon ab, wie wichtig die Entscheidung für mich ist. Erst, wenn wir uns mit großen Fragen beschäftigen, ist es relevant, ob wir uns frei entscheiden können, oder eben nicht. Bei vielen kleinen Alltagsentscheidungen bemerken wir überhaupt nicht mehr, dass wir sie überhaupt getroffen haben (wobei man nun einwenden könnte, dass eine Entscheidung, die sich wie von selbst trifft – etwa unsere Kleidung für diesen Tag – u. U. ein Hinweis auf das Nichtvorhandensein eines freien Willens sein könnte). Und es hängt natürlich davon ab, ob es in der zu entscheidenden Angelegenheit überhaupt eine freie Wahl gibt, oder nur bloße Notwendigkeiten. Schon eine JA/NEIN-Entscheidung ist zumeist nicht von echter Freiheit gekennzeichnet, sondern oft lediglich die Wahl des “kleineren Übels”. Zerdenken wir das ganze noch ein wenig tiefer, tauchen gewiss noch ein paar andere Fragestellungen auf. Wollen wir jedoch etwas simpler zu Werke gehen, können wir das Ganze einengen auf folgende Herausforderung: Wohin führt mich das, was ich zu wollen glaube, falls es mich überhaupt irgendwohin führt?

Mein Dilemma bleibt, dass ich unterdessen wirklich glaube, mich beruflich neu orientieren zu wollen, mir aber weder sicher bin, ob ich in anderer Position weiterhin nachhaltig zum Familieneinkommen – sowie dem unterdessen an das Einkommen angepassten Lebensstil – beitragen könnte, noch ob ich so tatsächlich an einen Punkt kommen könnte, an dem mein Leben sich wieder wahrhaft lebenswert anfühlte. Was auch immer das im Detail bedeuten würde. Man hat ja oft dieses Gefühl, das irgendwas nicht stimmt. Aber wenn dann so ein wachsamer Penner von der Innenrevision (Selbstreflexion) vorbeikommt, um zu fragen, was denn nun konkret Phase sei… tja, dann stehst du halt erstmal mit runtergelassenen Hosen da; und hoffentlich nur im übertragenen Sinne. Ich meine… different job, same shit ist jetzt nix, was nicht vorkommt, nicht wahr? Und am neuen Shiny-Shiny ist recht oft auch recht schnell der Lack ab. Denn das Bedürfnis, seinen freien Willen zu haben bzw. zu bekommen und demzufolge eine wegweisende Entscheidung zu treffen ist leider meist viel größer als der Überblick über die möglichen Konsequenzen. Es gibt da quasi einen Breaking Point: wenn der persönliche Break-Even der Relation [Einsatz vs. Benefit] dauerhaft unterschritten wird, MUSS man handeln. Da zum persönlichen Benefit neben den pekuniär-existenziellen Faktoren wie Salär, Incentives und Jobsicherheit jedoch auch soziale und psychologische wie etwa Workload, Zufriedenheit, Sinnstiftung, Teamgeist, Gestaltungsmöglichkeiten, Entwicklungschancen, etc. gehören, ist die Gleichunng nicht immer so einfach zu lösen. Da muss jede*r seine/ihre eigenen IPLI (Individual Purpose and Luck Indicators) finden. Und das tut regelmäßig weh. Denn wenn ziemlich viele von uns Menschlein etwas überhaupt nicht gut können, dann ist das, klar zu artikulieren, was wir warum anstreben und wieviel wir dafür zu geben bereit sind. Im Ungefähren lebt es sich nämlich bequemer. Im Konjunktiv musst du keine unangenehmen Entscheidungen treffen und kannst dich im güldenen Lichte deiner Brillanz sonnen.

Ich kann klar sagen – ich will die Freiheit, den Arbeitsbereich, welchem ich vorstehe in den Grenzen des wirtschaftlich und pädagogisch Sinnvollen nach meinem Bilde gestalten zu dürfen und mich nicht dauernd irgendwelchen vollkommen ungerechtfertigten und rein politisch motivierten – als “Arbeitsgruppen” deklarierten – Tribunalen aussetzen müssen, die lediglich zum Zwecke haben, mich zu disziplinieren und zu diskreditieren, weil ich angeblich alles falsch gemacht hätte. Außerdem schafft man sich einen Strohmann, um beliebig Druck aufbauen zu können. NICHT MEHR MIT MIR! Wenn ich also nicht einfach meinen Frieden haben kann, haue ich in den Sack. Dieses Mal for sure und absolut ohne Reue. Denn was ich hinterlasse, funktioniert einwandfrei. Wenn man mich zukünftig nicht zufrieden lässt, müssen halt Andere darauf aufbauen. Der Acker ist gut bestellt. Ich hätte für diese Erkenntnis nicht unbedingt bis nach Italien fahren müssen, denn eigentlich ist die alt. Nun fiel jedoch das ganze Gezuchtel, welche mich meinen Rücktritt hat anbieten lassen zufällig in die Woche vor meinem Urlaub. Und wie das im Leben so ist – du kannst deinen Dienstlaptop zu Hause liegen lassen, nicht jedoch deine Gedanken und Gefühle. Nun ist es, wie es ist und ich kann daran sachlich erst etwas ändern, wenn ich übernächste Woche wieder im Dienst bin. Drauf geschissen, denn ich lasse es mir gerade gut gehen. Eben gab es Bistecca alla fiorentina vom Grill unseres Anwesens, dazu Spargel, eingelegte Oliven und Salat. Ein Festmahl. Und davor konnte ich lesen, denken, schreiben und 100 Bahnen im Pool ziehen. Mal sehen, wie sehr meine Seele sich beruhigt, bis wir wieder daheim sind. Wenn’s nach mir ginge, wäre das allerdings erst in ein paar Monaten. Buonasera…

Benvenuti nelle Marche N°16 (a.k.a. A scream in the dark N°2) – Was kann man wollen?

Viel zu oft im letzten Jahr, wenn ich mich niederließ, um hier zu schreiben, diktierten eine dumpfe Düsternis, Bitterkeit und Enttäuschung meine Zeilen; wie ein stilles Gift, dass sich mehr und mehr meiner gesamten Persönlichkeit bemächtigte. Dass ich immerzu wütend bin, ist ein Wesenszug, über den ich hier schon des Öfteren gesprochen habe. Doch jenes Agens, welches meine Wut früher befeuert hatte, scheint nun durch ein Anderes ersetzt worden zu sein. Wo ich bislang vor allem und immer wieder von meinem Gerechtigkeits-Empfinden getrieben war – und das nicht selten bis zu dem Punkt, dass ich mich selbst beschädigte – ist es heute eher eine Art von Selbstgerechtigkeit, die den mannigfaltigen und ausschließlich beruflichen Kränkungen der letzten Jahre entsprungen sein mag. Viel zu selten konnte ich daher einer Hoffnung Ausdruck verleihen, dass sich die Dinge zum Guten ändern würden. Gefangen in der Illusion, dass ich nur lange genug weitermachen müsste, es richtig und gut zu machen, bis sich die Umstände eines fernen Tages quasi durch das Erkennen der Richtigkeit meines Handelns auf der Gegenseite zum besseren Wandeln würden. Doch so funktioniert die Welt nicht. Jene, die im Stillen die Dinge am Laufen halten, indem sie einfach ihren Job erledigen, werden immer und überall von den Marktschreiern, den Selbstdarstellern, den Blendern überholt, ins Abseits geschoben und übergangen. Wann immer eine solche stille Person jedoch einmal aufbegehrt, wird dies von den anderen – auch den Leitungskräften – als unangemessen, unverschämt, ja falsch aufgefasst. Weil das, was in der jener Stille alles am Funktionieren gehalten wurde und immer noch wird, nicht erkannt, nicht anerkannt werden kann. Wo der eitle Geck mit seinen Erfolgen (falls man diese denn überhaupt so nennen kann) prahlt, da besorgt der Stille das Geschäft ohne Bohei… und wird daher übersehen. Lautstärke schlägt Leistung immer und überall!

Dann aus der Stille herauszutreten und Forderungen zu stellen, in dem festen Glauben, dass die eigene Leistung die vorgebrachte Forderung doch mehr als rechtfertigen müsste, führt beim Gegenüber nicht selten zu Irritation, gerne auch zu Wut. “Warum funktioniert der/die nicht mehr so, wie gewohnt?” Vielleicht, weil sich das Gegenüber nie darüber Gedanken gemacht hat, was denn zu diesem Funktionieren alles notwendig ist. Dazu gehört ein gutes (soziales) Klima am Arbeitsplatz ebenso, wie eine erhaltene geistige Gesundheit der stillen Person, eine moderate Belastung und ausreichende Gestaltungsspielräume. Dass ich hier über eine Leitungsposition rede und dass das Gegenüber auch nicht genau weiß, was dieses Funktionieren alles bewirkt, hat schon jede’r verstanden, oder? Doch der Umstand, dass man ja sonst für sich selbst wenig bis nichts gefordert hat – außer dem, was sowieso arbeitsvertraglich vereinbart ist, führt nun zu einer Friktion. Man selbst denkt “Aber… aber ich will doch gar nichts Großes…” und das Gegenüber denkt “Wie kann diese Person nur Forderungen stellen?” So schnell hat sich das mit einem Konflikt. Und ich muss es an dieser Stelle noch mal betonen: Schuld sind daran durchaus beide Seiten. Der Stille hätte seine Erfolge und seinen Beitrag transparenter machen müssen. Das Gegenüber muss jedoch auch verstehen, dass Lautstärke bzw. Sichtbarkeit NICHT gleichzusetzen ist mit Effizienz, erledigter Arbeit und abgeschlossenen Projekten – sondern viel zu häufig lediglich mit Schaumschlägerei! Doch was hat all dies nun mit der Frage nach dem zu tun, was man wollen kann…?

Zum einen geht es dabei um die ganz offensichtliche Frage, ob sich derlei Konflikte einfach (oder überhaupt) auflösen lassen? Und was dazu nötig wäre? Zum anderen natürlich um die ganz persönliche Frage, wie ich MEINEN Konflikt auflösen möchte. Das Problem dabei ist Folgendes: wir alle sind in eine Welt eingebettet, die – ganz entgegen der Populär-Meinung, wir seien ja alle “vernünftig” – weit davon entfernt ist, wirklich nach Vernunftprinzipien zu funktionieren. Für Ernst Cassirer war der “Mythos” der Urboden jedweder Kultur, was bedeutet, dass auch unser heutiges soziales, wirtschaftliches und politisches Miteinander auf Formen basiert, die man bei den so genannten Naturvölkern heute noch in Reinform beobachten kann. Symbole, Traditionen und daraus resultuierende Haltungen und Werte, die wir NICHT mehr bewusst reflektieren, sondern lediglich durch Imitation von Generation zu Generation weiterreichen, finden sich jedoch auch in unserer modernen Lebenswelt überall wieder. Roland Barthes hat das Jahrzehnte später noch einmal herausgearbeitet, indem er alltägliche Situationen und Kulturprodukte seiner Zeit aus Sicht ihrer Symbolik dekonstruierte. Ein Beispiel, dass MIR dazu immer wieder einfällt sind unsere Kleidungs-Konventionen. Warum Bankangestellte bis heute Anzug bzw. Kostüm tragen müssen, um als “seriös” wahrgenommen zu werden, erschließt sich mir nicht. Donald Trump trägt einen Anzug und ist eines der gefährlichsten Tiere, die ich mir vorstellen kann… Es ist ein Beispiel für “Das haben wir schon immer so gemacht!” Vielleicht wird langsam klarer, warum ich diesen Satz so hasse.

Jedenfalls sind auch die Kontrahenten des vorhin beschriebenen Konfliktes in diese Welt der Symbole – also mit Cassirer und Barthes den Mythos über unsere Welt – eingebettet. Damit geht einher, dass es Hierarchien gibt, welche durch Titel und Posten beschrieben sind. Ein Titel oder Posten ist zunächst nicht mehr als ein Symbol der Herrschaft. Macht über Andere ausüben zu dürfen, bedarf jedoch in unserer demokratischen Kultur der Legitimation durch jene, über die Macht ausgeübt werden soll. Ich bin diesbezüglich ein großer Freund von Habermas, der mit dem “zwanglosen Zwang des besseren Arguments” uns allen aufgezeigt hat, dass Recht zu bekommen einzig von der argumentativen Stärke meiner Position abhängen sollte. Ich weigere mich daher unterdessen, solche Hierarchien anzuerkennen, in denen mein Gegenüber als einziges Argument für seine aktuelle Haltung die, nur vermeintlich hierarchisch übergeordnete Stellung heranzieht und keine anderen Argumente hat, außer dem Pochen auf die Einhaltung einer überkommenen Norm. Das Diktum “Tradition ist Fortschritt genug!” hat mich nämlich noch nie überzeugt… Was ICH wollen kann, ist damit klar umrissen: ich will verstanden werden! Ich will, dass meine Argumente, auch wenn sie denen meiner Gegenübers diametral entgegenstehen mögen, zumindest erwägendes Gehör finden. Ich will, dass meine Gegenüber befähigt sind, Ihre Positionen zu überdenken. So, wie sie sich das vermutlich auch von mir wünschen. Ich will mithin nicht weniger, als das andere Menschen sich ihres Geistes soweit bemächtigen, den Mythos hinter sich zu lassen und auf die Ebene des tatsächlichen Argumentes zu treten, anstatt symbolübersättigte Strohmänner abzubrennen, wenn ich mal nicht so bin, wie man es von mir gewohnt ist! Und sofern ich das nicht bekommen kann, wo ich stehe, MUSS ich weiterziehen, um herausfinden zu können, ob dieses Voraussetzungen IRGENDWO anders als in der Selbstständigkeit erfüllbar sind. Ehrlich gesagt zweifele ich mpmentan daran…

Benvenuti nelle Marche N°15 – Italienische Übergänge

Zurück in Italien. Und dank der Freundlichkeit unserer Gastgeber fühlt es sich – nicht nur für mich – an, wie heimkommen. Die Anreise war, wie so oft, wenn in Baden-Württemberg Ferien sind, allerdings kein Zuckerschlecken. Der Ritt durch die Schweiz hat mich beinahe meinen allerletzten Rest Contenenace gekostet. Immerhin am Ende, vor mir nur Idioten, im Straßengraben keine Toten… Aber sind wir nicht alle die allerbesten Autofahrer unter Gottes Sonne? Die Tour durch Italien war dann viel besser. Bis auf kleine Stockungen lief es wie am Schnürchen. Und nachdem gestern Nachmittag das Auto entladen und alles am richtigen Ort verstaut war, konnte ich mein Versprechen an mich selbst wahrmachen und meine ersten paar Hundert Meter im Pool schwimmen. Ende Mai noch ziemlich frisch, aber das tut dem Spaß keinen Abbruch. Ich weiß jetzt, dass meine Schulter trotz gelegentlichem schmerzhaftem Rumgespacke immer noch ganz gut Strecke machen kann. Oberflächlich betrachtet ist also alles in Butter. Und unter der Haube…? Tja da läuft die Denkmaschine ununterbrochen. Meine unausgesprochene Hoffnung ist natürlich, wieder ein wenig mit mir selbst ins Reine kommen zu können. Da ich hier fern von allen beruflichen Problemen und Sorgen bin, könnte das klappen. Heute Nacht habe ich jedenfalls geschlafen wie ein Toter. Doch ich kann ja nicht anders, als mir Denkfutter mit in den Urlaub zu nehmen. Und als ich heute morgen Anfing, das erste Buch zu lesen, stellte ich fest, dass die ersten Kapitel von einer Zeit der Umbrüche, vor allem aber von persönlichen Umbrüchen der Protagonisten handeln. Und das hat für mich gerade jetzt große Relevanz, weil es sich um historische Persönlichkeiten handelt, die allesamt als Philosophen im 20. Jhdt, Bedeutung erlangt haben. Und die sich, jeder auf seine Weise mit entscheidenden Fragen rings um unser Menschsein auseinandergesetzt haben. (Literaturhinweis unten).

Wenn man einmal mehr mit der wenig trivialen Frage ringt, was man denn zukünftig mit seinem Leben noch anfangen möchte und ob die Stelle, an der man gerade steht überhaupt (noch) die richtige ist, weil die Arbeitsumstände einem dauert Verdruss bescheren, dann kommen Erörterungen rings um Sein, (Selbst)Bewusstsein, Sinn und Ziele natürlich gerade recht. Wenngleich die Menschen, um die sich das Buch dreht, mit dem Jahrzehnt nach dem Ende des ersten Weltkrieges (auch als “Roaring Twenties” bekannt) in einer Zeit gelebt, gelernt, gelehrt und gelitten haben, deren Kommunikation, Kultur, Denkarten, Politik und Verlauf aus völlig anderen Voraussetzungen entstanden ist, als unsere heutigen “New Roaring Twenties”. Diese scheinen ein Jahrzehnt zu sein, dass die Erkenntnisse der 1920er bewusst und mit Macht konterkarieren zu wollen scheint. Die Menschen mussten 1919 mit den Erfahrungen aus einem unfassbare grauenhaften Weltkrieg umgehen lernen und ein neues Ich erschaffen, weil das alte – teils in den Schützegräben, teils an der “Heimatfront” – gestorben war. Ich spreche hier zwar von Philosophen (Wittgenstein, Heidegger, Benjamin, Cassirer), doch auch für diese Menschen war die Erfahrung präsent und formierte einen Rite de Passage, dessen Härte ich mir nur schwer vorstellen kann. Wenn unsere 2020er hingegen irgendetwas beweisen, dann, dass die Geschichte wahrhaft ein Kreislauf ist und wir Menschen – oder besser unsere sogenannten Staaten- und Wirtschaftslenker – aus ihr immerzu nur eines lernen: nämlich wie wir einander noch schneller und effizienter verletzen, unterdrücken, beherrschen, töten oder sonstwie beschädigen können. Die weltweit steigenden Zahlen psychischer Erkrankungen sprechen hierüber eine deutliche Sprache. Und unser Bundeskanzloide hat nichts besseres zu tun, als Menschen, die sich dem entgegenstellen zu beleidigen, zu diffamieren, ihre Haltung zu diskreditieren und den anderen “Elitenvertretern” Zucker in den Arsch zu blasen und ihre Konten zu boosten. Das hätten sich selbst Huxley und Orwell nicht besser ausdenken können. Doch was bedeutet das alles für mich? Denn… sorry, aber das hier ist MEIN Blog, also geht’s hier um mich!

Ich stehe an einer Schwelle. Dies kognitiv zu realisieren und emotional zu verarbeiten, sind jedoch zwei sehr unterschiedliche Paar Stiefel. Irgendwie zu wissen, dass man halt etwas ändern MÜSSTE, jedoch emotional keinen Zugang zu dieser Aufgabe zu bekommen und darum erstmal alles beim Alten zu belassen, dürfte so ziemlich die menschlichste aller Sünden sein. Siehe seine Wut oder seine Ängste in den Griff bekommen, Abnehmen, sich das Rauchen abgewöhnen, mit der Sauferei aufhören, etcpp. Wir WISSEN relativ schnell, was uns wirklich gut täte, jedoch… jedoch… Und so ist es mit meiner Schwelle. Ich sehe sie. Ich kann sie unterdessen sehr gut benennen. Ich wüsste auch, was ich verändern wollen würde – aber ich schaffe den Schritt nicht! Weil meinen Job einfach weiterzumachen für mich CONVENIENT ist. Ich weiß, wie alles funktioniert, wie die Menschen ticken, wie ich relativ häufig doch bekomme, was ich will. Doch der Schmerz hat in den letzten Jahren immer mehr zugenommen, bis zu einem Punkt, da meine Ratio und meine Emotionen in einem konstanten Konflikt miteinander stehen. Nicht umsonst besuche ich regelmäßig einen Psychotherapeuten. Wie sangen the Clash so schön “Should I stay, or should I go?”. Eigentlich ist es klar: I should go, for the better of me… Doch was ist dann. Die Convenience (und die relative existenzielle Sicherheit, die mit ihr einher geht) würde sich spontan in Luft auflösen. Ich finge, in vielerlei Hnsicht nochmal von vorne an. Was mit knapp 52 keine so aufmunternde Aussicht ist. Wer will so einen alten Sack wie mich schon noch haben…? Über diesen entscheidenden Aspekt meines Lebens muss ich in den kommenden zwei Wochen meditieren. Anstatt einfach nur meinen Urlaub genießen zu dürfen…? Ach, ich hoffe, beides irgendwie unter einen Hut zu bekommen. Zumindest habe ich mir selbst versprochen, noch viele Meter mehr im Pool zu schwimmen und meiner Seele viel Gutes zu tun. Zwischen alten Steinen spazieren gehen und Knipsen bis der Auslöser glüht. Abends über das Tal schauen und mit der besten Ehefrau von allen über Gott und die Welt parlieren. Gut essen und trinken. Noch viel mehr lesen. Und einfach sein. Denn einmal mehr hieß es gestern: “Willkommen in den Marken.” Wir lesen uns…

  • Eilenberger, W. (2018): Zeit der Zauberer. Das große Jahrzehnt der Philosophie. 1919 – 1929. 7. Auflage, 2023. Stuttgart: J. G. Cotta’sche Buchhandung Nachfolger GmbH, gegr. 1659.

A scream in the dark N°1 – Aufgeklärt…?

Ich bin ärgerlich. Ich habe anderthalb Tage darauf verwendet, jungen Menschen nahe bringen zu wollen, warum Ethik im Gesundheitswesen, aber auch im Leben eine Rolle spielt. Warum ein ethisch denkender und handelnder Mensch niemals Rassist, Chauvinist, Neo-Nazi sein kann. Warum Moral und Ethik nicht das Gleiche sind; niemals das Gleiche sein können, weil Ethik sich wissenschaftlichen Denkens bedient, während das andere viel zu oft stumpf Dogmen repliziert. Analog zu meinem absoluten Hasssatz “Das haben wir schon immer so gemacht…”. Warum ein humanistisches Menschenbild und die Ausgrenzung bestimmter Gruppen einander ohne jeden Zweifel vollkommen und absolut ausschließen. Mit anderen Worten: ich habe versucht Aufklärung zu betreiben. Dass ich dabei auch den kategorischen Imperativ aus der Kant’schen Moralphilosophie benutzt habe, ist natürlich kein Zufall. “Aufklärung ist der Ausgang des Menschen aus seiner selbst verschuldeten Unmündigkeit.” Vor 242 Jahren postulierte Immanuel Kant diese Worte. Und ja, man sollte den Mann in seinen zeitlichen Kontext einordnen. Er war ein chauvinistischer, mysogyner Stinkstiefel, der aus seinem Denk-Kabuff in Königsberg so gut wie nie herauskam. Dennoch haben seine Worte auch heute noch Bedeutung. Eigentlich heute sogar noch viel mehr als damals. Kant hat niemals verstanden, dass seine – oft zu verkopft formulierten – Ideen für wirklich JEDEN MENSCHEN Gültigkeit haben könnten; und dass man sich an diesen Ideen 164 Jahre später orientieren würde, um das Grundgesetz so zu formulieren, wie es formuliert wurde, hätte ihn eventuell überrascht. Ist aber so passiert. Doch… ist unser Grundgesetz heute noch aktuell? Oder anders formuliert: was genau führt dazu, dass immer mehr (vor allem junge) Menschen zu vergessen scheinen, dass unsere Demokratie kein gegebener Zustand ist, der ohne Zutun der Menschen, welche in ihr leben einfach fortbesteht? Unsere Demokratie als Idee ist ein Wert an sich, weil sie ALLEN Menschen das unhintergehbare Recht zuspricht, sich als eigenständiges Subjekt frei entfalten zu können. Das meinen Artikel 1, Artikel 2 und Artikel 3 des Grundgesetzes im Kern.

Das eigentlich Ärgerliche für mich ist nicht, dass Schüler*innen beim Thema Ethik komplett abschalten, weil sie sich viel lieber mit den Action-Aspekten des Berufes Notfallsanitäter*in befassen wollen. Wer nicht verstehen will, dass unser Job eine soziale Komponente hat, welche die Action-Komponente bei weitem überwiegt – und auch noch strukturiert – dem kann ich halt nicht helfen. Das sind dann diejenigen, die am Examen scheitern, oder so nach 6 Monaten bis einem Jahr die Ausbildung schmeißen, weil ihnen zu dämmern beginnt, dass man sich doch tatsächlich auf die Menschen einlassen muss, für die, an denen, mit denen zu arbeiten man aufgerufen ist. Mich kotzt es an, dass so wenige Menschen sich tatsächlich dafür interessieren, weil ihnen nicht bewusst ist, wie leicht sich unsere demokratischen Instuitutionen und Prozesse aushebeln lassen, wenn man sich die Ratten auf dem Wege eines demokratischen Prozesses ins Haus holt. Aufklärung bedeutet, dass jede*r von uns aufgerufen ist, sich eine INFORMIERTE MEINUNG zu bilden, die auf beweisbaren Fakten und wissenschaftlich fundierter Theorie beruht, anstatt auf dumpfer Meinungsmache und Emotionen. Es macht einen erheblichen Unterschied, ob ich im Laden ein Buch nach Covergestaltung auswähle, oder am Wahltag denen hinterher renne, die am lautesten (allzu oft fiktive) “Schuldige” für die Umstände benennen und im gleichen Atemzug versprechen, genau diese “Schuldigen” für all unsere Probleme zu bestrafen. Gleichgültig, wer diese Probleme wirklich verursacht hat. Denn ein gutes Feindbild gibt dem Tag Struktur!

Ich ärgere mich tierisch darüber, dass Jammern auf hohem Niveau mittlerweile zu einer Kunstform geworden ist, welche der deutsche Michel in seiner schlafmützig-reaktionären Besitzstandswahrermentalität bis zur höchsten Finesse trainiert hat. Wir leben nach wie vor in der drittgrößten Volkswirtschaft der Welt, auf einem Niveau, für dass uns mindestens 160 von 193 Staaten auf der Erde beneiden; manche von denen sehr bitter. Und hier ziehen Menschen auf die Straße, die keine Ahnung haben, wie sich ein hoher Migrationsanteil in der eigenen Stadt anfühlt, um rassistische Parolen zu skandieren, weil ihnen Migranten angeblich die Lebensqualität bedrohen. Ich zitiere mal aus dem Internet: “Natürlich nehmen dir die Ausländer den Job weg. Aber wenn jemand ohne Sprachkenntnisse, Geld und Kontakte dir den Job wegnimmt, bist du vielleicht einfach nur scheiße.” Das ist natürlich ein bisschen platt. Aber irgendwie… kann ich mich des Eindrucks nicht erwehren, dass es stimmt. “Selbstverschuldete Unmündigkeit” meinte zu Kants Zeiten, den Rattenfängern der organisierten Religion hinterherzulaufen, welche 1784 seit weit über 1000 Jahren das Monopol darüber hatten, bestimmen zu dürfen, was man als Mensch zu denken und zu tun hatte. Kant war bewusst, dass wir als Menschen in der Lage wären mehr zu erreichen, wenn wir uns von diesen Fesseln der Fremdbestimmung freimachen könnten. Heute ist es keine kirchliche Fessel der Fremdbestimmung mehr, da der Einfluss der Kirchen erheblich abgenommen hat; diese Fesselfunktion übernimmt heute das simple, dumpfe, egoismus-getriebene Sentiment der Angst vor sozialer Not und des Hasses auf das Fremde, welches sich ganz hervorragend über Antisocial-Media verbreiten und anheizen lässt. Facebook war die erste globale Antidemokratie-Maschine und Mark Zuckerberg ärgert sich vor allem darüber, dass er nicht mehr das Beeinflussungsmonopol hat. Denn Demokratie ist in den Augen der Tech-Bros schlecht fürs Geschäft. Auch wenn Kants Formulierung schon fast zweieinhalb Jahrhunderte auf dem Buckel hat, ist sie daher aktueller denn je – könnte Aufklärung doch HEUTE bedeuten, sich wieder vom schlechten Einfluss der Antisocial-Media-Meinungsindustrie freizumachen, indem man die Dinge hinterfragt, als sich vom Algorithmus mit Scheiße vollpumpen zu lassen. Oder sich durch’s Zocken vom Unterricht abzulenken, weil einen das Thema langweilt. Ein Thema, dass SO UNGEHEUER WICHTIG IST!

Mein Ärger bezieht sich damit nicht auf jene, die hinterher rings um meinen Lehrertisch standen und saßen und mit mir über die Dinge diskutiert haben. Um deren Verständnis mache ich mir eher geringe Sorgen. Aber diejenigen, die sich – bewusst – dafür entschieden haben, sich passiv dem Nachdenken-Müssen zu entziehen, welche die Selbstreflexion (aus ihrer Sicht geschickt) umgangen haben, die anzustoßen der eigentliche Zweck meiner Arbeit im Lehrsaal war… die ärgern mich. Denn es geht gerade bei diesen Themen nicht nur um den Job, sondern auch um Staatsbürgerkunde. Um Demokratie-Erziehung. Darum, diesen jungen Menschen die Wichtigkeit des Selbst-Denkens, des aktiven Hinterfragens politischer Antisocial-Media-Inhalte nahezubringen. Oder besser: ihnen dabei zu helfen, aufgeklärtere Menschen und Mitbürger*innen zu werden. Denn das ist der beste Beitrag gegen die Neo-Nazifizierung unseres Staates, den ich im Moment leisten kann. Was mich dabei zusätzlich irritiert ist, dass viele dieser jungen Menschen, gleich wo sie ihr Kreuz auf dem Wahlzettel machen und gleich welcher Herkunft sie sind, sich im Gespräch anhören, als wenn sie im Kiez Offenbach-Nordend aufgewachsen wären, mit Ćelo & Abdï und Hafti zum Frühstück. Ich habe nichts gegen Jugendsprache – in der Tat finden meine Töchter es erheblich cringe, wenn ich selbst welche benutze – aber können wir mal über die Nicht-Vereinbarkeit von Rassismus und kultureller Aneignung sprechen? Ach ja… die wilde, ungezügelte, hochemotionale Ambivalenz der Jugend. Wie dem auch sei – ich werde es wieder versuchen. Vielleicht nächstes Mal wieder mit einem neuen Ansatz. Ansonsten werde ich mir unter dem Label “A scream in the dark” weiter semi-philosophische Gedanken über unsere Zeit und ihre Herausforderungen machen. Schönen Vatertag übrigens…

500 Gramm gemischte Depression treffen auf 500 Gramm gemischten Hass – lesen auf eigene Gefahr…

Okay in letzter Zeit war es hier zu ruhig. Mein Monat April war jedoch härter, als ich es erwartet hätte. Sich schnell abwechselnde Aufgaben und viel Unterricht, den ich zu geben hatte, teilweise noch dazu mit wenig Vorbereitungszeit, haben mich mehr erschöpft, als ich anfangs zugeben wollte. Zudem galt es eine Menge neuer Leute kennenzulernen. Ich habe nämlich eine neue Klasse begrüßt. Das hat meine sozialen Batterien noch um einiges mehr belastet. Es gab zwar den einen oder anderen Moment, indem ich ein bisschen abschalten konnte, aber ganz ehrlich… gerade jetzt fühle ich mich extrem erschöpft! Vielleicht liegt es daran, dass die Rekonvaleszenzzeiten einfach zu kurz waren. Vielleicht liegt es auch daran, dass ich noch lange nicht von meinem aktuellen depressiven Zustand genesen bin. Vielleicht liegt es auch daran, dass ich mich über manche Kollegen ärgern musste, beziehungsweise nicht die Unterstützung bekommen habe, die ich mir gewünscht hätte. Schwamm drüber. Für jeden von uns hält das Leben dann und wann Überraschungen bereit und niemand von uns ist davor gefeit, von seinen eigenen Verpflichtungen überrollt zu werden! Ich kann mich jedenfalls nicht erinnern, wann ich in den letzten Jahren jemals ein so großes Schlafbedürfnis gehabt hätte. Das ist für mich ein sehr sicherer Hinweis darauf, dass ich noch lange nicht über den Berg bin. Um nochmal ehrlich zu sein: momentan ist so ziemlich das Einzige, was mich noch am Laufen hält die Aussicht auf den Urlaub, der in ein paar Wochen beginnt. Und genau da sitze ich einem Trugschluss auf. Nämlich dem Trugschluss, dass nach dem Urlaub plötzlich alles wieder gut wäre. Glaube ich denn wirklich, dass zwei Wochen in Italien das wieder herrichten könnten, was die letzten sechs Monate in mir angerichtet haben? Je länger ich darüber nachdenke, umso unwahrscheinlicher erscheint mir dies. Und doch halte ich an dieser Hoffnung fest. Denn alles andere würde ja bedeuten, dass ich mir eingestehen müsste, dass ich eigentlich zu krank zum Arbeiten bin.

Nicht zum ersten Mal hat man mir neulich bedeutet, dass man mir wirklich nicht ansehen könne, wie schlecht es mir ginge. Ich kann den Leuten das nicht mal vorwerfen. Man sieht psychische Erkrankungen halt nicht von außen. Aber gerade jetzt, gerade heute, wo ich aus dem Fenster sehe und draußen die Sonne langsam den Abend einläutet, da wird mir bewusst, wie wenig Motivation mir verblieben ist! Im Grunde genommen gar keine! Damit ist das Zweite, was mich auch noch am Laufen hält, ist mein gottverdammtes Pflichtgefühl. Und das ist ein verdammt schlechter Grund, einfach weiterzumachen. Denn seien wir doch mal ehrlich… warum sollte ich überhaupt ein Pflichtgefühl empfinden, wenn doch verschiedene Vertreter meines Arbeitgebers kein Pflichtgefühl mir gegenüber zu empfinden scheinen? Ich meine, die kümmert es doch überhaupt nicht, wie es mir geht. Und am Ende des Tages ist das ein vollkommen normales Arbeitgeberverhalten. Es muss uns allen einfach bewusstwerden, dass Arbeitgeber sich selbst am nächsten sind und unsere einzige Chance als Arbeitnehmer, diesen Wahnsinn, den wir heute Arbeitswelt nennen überleben zu können darin besteht, uns ebenfalls selbst die Nächsten zu sein! Alles andere hat überhaupt keinen Zweck! Ach verflixt, ich stoße mal wieder in dasselbe alte Horn! Dieses „Mein-Arbeitgeber-ist-Schuld-an-meinem-Leid“-Horn. Und wisst Ihr, womit ich in dieses Horn stoße? Mit Recht, verdammt nochmal. Ich zitiere mal die Toten Hosen: „In einer Welt, in der man nur noch lebt, damit man täglich roboten geht…“ So fühlt es sich jedenfalls für mich momentan an.

Ich könnte jetzt natürlich auch sagen: „Na ja, eigentlich ist ja alles gar nicht so schlimm. Ich probier‘s mal mit Reframing und versuche wieder gut drauf zu kommen. Und das ist ja alles nur ‘ne kleine Gemütsverstimmung. Und am Ende des Tages wird das schon wieder. Ich hab ja Therapie und irgendwie komm ich schon klar.“ Oder ich sehe einfach der Realität ins Auge und stelle einmal mehr fest, dass Arbeitsverdichtung, Mehrarbeit, unklare Aufgaben und Zuständigkeiten, eine vollkommen überzogene Erwartungshaltung, äußerst knappe Ressourcen und Intrigenspiele über mehrere Jahre hinweg meine Motivation GETÖTET und meine schon zuvor bestehende Depression verschlimmert haben! Dass ich noch da bin… ist eigentlich eine riesengroße Dummheit! Aber ich stehe immer noch dazu: meine Arbeit ist mir wichtig, ich mag meine Kollegen, ich fühle mich meinen Schülerinnen und Schülern verpflichtet und ich bin niemand, der die Flinte einfach ins Korn wirft, nur weil es gerade mal schwierig ist! Ob ich damit allerdings für mich selbst auf dem richtigen Dampfer unterwegs bin, das steht auf einem ganz anderen Blatt. Vermutlich nicht. Trotzdem muss ja irgendwie das Dach über dem Kopf, der Fetzen Stoff am Körper, das Futter auf dem Tisch und der ganze Tand, den man manchmal für notwenig hält finanziert werden. Oder, wie das Internet gelegentlich sinngemäß sagt: zu untalentiert zum Schauspielern oder Singen, zu ehrlich für’s Verkaufen, zu alt und zu fett für Sport und zu hässlich zum Strippen (was manche Influenzas nicht davon abhält, all dies trotzdem zu tun) – also, weiter geht’s. Nach dem Wochenende ist wieder Montag. Und Fritze will ja, dass wir mehr arbeiten, weil “Määg Dschörmenie greht eggen!”

Ja… das trägt auch noch erheblich zu meiner Pein bei: unterdessen in einem Land zu leben, dessen sogenannte Führungselite nichts Besseres zu tun hat, als die Einwohner kollektiv zu beschimpfen, weil diese für die fetten Kapitalistenschweine nicht noch mehr Rendite einfahren wollen. Zum Mitschreiben, Fotzen-Fritz: Trickle-Down existiert nur in Legenden! Menschen für’s krank sein oder krank werden bestrafen zu wollen – oder weil sie nicht genug malochen, um Fette noch fetter zu machen – ist asoziales Kognitionskoterbrechen vom Feinsten, du Spagallo! Das Nazi-Appeasement, dass deine Unfähigkeitsikone Jens anzettelt, ist unerhörter Mist! Und sag deiner dämlichen Gas-Kathi endlich, sie soll aufhören, im Konzernauftrag die absolut notwendige Energiewende zu verhindern. Diese Brechreiz erregende Fehlfarbe gehört ins Gruselkabinett, aber nicht auf die Regierungsbank. Und… wenn ihr wirklich eine Gesundheitsreform durchführen wollt, dann deckelt gefälligst zuerst Pharma- und andere Gesundheitskonzern-Profite, anstatt Rettungsdienstbudgets kaputtzusparen! Aber… mir hört ja eh keiner zu und irgendwo da draußen müssen ja die Millionen von Idioten wohnen, die dieses korrupte Drecksgesindel von einem not- und machtgeilen aber ahnungslosen Kanzlerwahlverein zur stärksten Partei gemacht haben. Und denen unser Absturz in die Diktatur immer noch nicht schnell genug geht, weswegen sie jetzt nach Blau gieren. Und nur damit es noch mal in aller Form gesagt ist: wer dreckige, chauvinistische, rassistische und überdies Konzerngesteuerte Nazi-Arschgeigen wählt, kann nur eines sein: nämlich eine Nazi-Arschgeige! Hoffentlich bekommt ihr morgen, am ersten Mai von den Genossen ordentlich eine auf’s Maul, wo auch immer ihr auftauchen mögt. Langes Wochenede. Und das Einzige woran ich denken kann, sind so ein Mist – und der kommende Montag. So weit ist es gekommen. Ich mach besser Schluss. Tschüss!

Auch als Podcast…

Teenage meltdowns – adult problems?

Wenn ich so auf die letzten 12 Jahre meines Lebens halbwegs ehrlich zurückblicke, dann kommt immer wieder die Frage auf, was zum Teufel ich hier eigentlich mache. Ich meine… unter dem Strich steht unterdessen ein Leben, frei von existenziellen Ängsten. Sozialer und wirtschaftlicher Aufstieg. Die Erfüllung des einen oder anderen Wunsches. Doch bei den Aufwendungen, da finden sich mittlerweile chronifizierte Arbeitsüberlastung, Depression… und seit neuestem auch die zunehmende Entfremdung vom ältesten Kind. Nun ist mir bewusst, dass sehr viele Teenager zwischenzeitlich zu dogmatischen, unempathischen, asozialen, arroganten, durch und durch egoistischen Miststücken mutieren. Ich kann meine Eltern leider nicht mehr fragen, wie ausgeprägt das bei mir selbst war; sie sind beide schon seit Jahren hinnieden. Ich denke jedoch, dass meine Eskapaden ihnen dann und wann auch Kopfzerbrechen gemacht haben mögen, wenngleich ich mich selbst – natürlich! – immer eher als pflegeleichtes Kind wahrgenommen hatte. Keine Ahnung, wieviel Körnchen Wahrheit an DiESER Legende sind. Aber ich selbst als Vater… ja ich fühle mich im Moment überfordert. Ich habe in letzter Zeit immer wieder gesagt, dass mit der berufsinduzierten Depression ließe sich noch wegatmen, weil zu Hause ja alles in Butter sei. Doch das scheint nun glatt gelogen. Heute Morgen war es mal wieder soweit: eine Petitesse, die sich durch drei Handgriffe aus der Welt räumen ließe mutierte zum Hornberger Schießen zwischen Tochter und bester Ehefrau von allen. Und ich saß da – und wusste nichts zu sagen! Zum einen weil beide Recht und Unrecht zugleich hatten. Und zum anderen, weil in mir ein derartiger Widerwille aufstieg, mich in diese UNNÜTZE BULLENSCHEISSE einzumischen, dass es mehr Energie gebraucht hätte, in die “Diskussion” einzusteigen, als ich derzeit insgesamt aufzubringen vermag. Ich werde mich dieses Wochenende mit der Arbeit befassen müssen, da habe ich nicht auch noch Lust, mich mit Menschen zu streiten, mit denen eigentlich besser kein Streit herrschen sollte…

Hier sitze ich nun eine Weile später vor dem Rechner und weiß immer noch nicht, was ich von all dem halten soll. Denn eigentlich beschäftigt mich eine vollkommen andere Frage: wofür reisse ich mir überhaupt noch den Arsch auf? Warum… ja warum haue ich nicht ein einfach in den Sack und schaue mal, was das Leben MIR noch zu bieten hätte? Warum tue ich mir das immer noch an, obwohl ich merke, dass ich das nicht mehr will und nicht mehr kann? Weder at work noch at home? Warum in drei Teufels Namen halte ich – hüben wie drüben – die Stellung, obschon ich dafür in den letzten Jahren gefühlt immerzu nur auf die Fresse bekomme? Was mache ich hier überhaupt noch? Ich weiß es nicht mehr! Ganz verschissen ehrlich – ich weiß es nicht mehr! Ich bin eine Woche dienstlich weg und meine Wiederkehr ist eine bloße Randnotiz. Das Leben fährt vorbei, während ich, wie hypnotisiert, aus dem Fenster schaue und wahrnehme, dass so vieles, was ich bislang als Landmarke zum Navigieren nutzen konnte, verschwindet – oder schon verschwunden ist – und das ich mir schwer tue, neue Landmarken zu finden. Das unfreiwillig Ironische daran ist, dass man mir im Alltag meine Richtungslosigkeit zumeist nicht anzumerken scheint, weil meine Haltung und meine Überzeugungen noch funktionieren; ich würde vermuten, weil ein humanistisches Menschenbild recht zeitlos ist. Doch in mir drinnen, da ist Chaos! Aufbruch! Übergang! Und ich weiß noch nicht wohin. Bin ich meiner Tochter darin ähnlich? Wäre möglich, denn als sozialpsychologisch geschulterm Menschen ist mir natürlich bewusst, dass solche Transitionsphasen im Leben des Menschen häufiger vorkommen. Ich glaube nur, mich nicht entsinnen zu können, dass es schon mal so wild war. Als ich aus der Schule ins Arbeitsleben überwechselte, da war das, im Vergleich zu jetzt, ein “Soft Opening”, weil ich zuvor ja schon für Geld gearbeitet hatte. Mir war vorher nur nicht bewusst gewesen, wie viele machtgeile, selbstgefällige Arschlöcher in Hilfsorganisationen an Entscheiderstellen sitzen. Doch so habe ich schließlich eine Ahnenreihe an miesen Chefs aufgehäuft, von der ich dachte, sie hätte mich stressfester gemacht. Weit gefehlt…

Jetzt im Moment, da fahre ich auf Sicht und weiß nicht, wohin ich will. Ich denke immer noch, immer wieder darüber nach, hinzuschmeißen und mir einen anderen Job zu suchen. Ich ertrage diese selbstgefälligen, egoistischen, intriganten Amateure an anderer Stelle im Land einfach nicht mehr. Und ich weiß wirklich NICHT, wie ich mit diesem Kind umgehen soll. Nun gibt es bestimmt irgendwo so einen NEUNMALKLUGEN BESSERWISSERISCHEN FLACHWICHSER, der irgendwas davon faselt, dass das doch nur Luxusprobleme wären, weil irgendwo anders Menschen verhungern, die gerne meine Probleme hätten. Fair enough, Arschloch – allerdings bringen diese Luxusprobleme auch Menschen um. Schon mal was von psychischen Erkrankungen und Suizidalität gehört, du dummes Schwein? Ganz ehrlich – ich will keine Ratschläge von besserwisserischen Küchenpsychologen, die keine Ahnung haben, wie sich das anfühlt. Ich will auch keine fertige Lösung. Ich suche nach der Kraft, selbst damit fertig zu weren. Und es hier aufzuschreiben, ist für mich ein Teil dieser Suche. Ob ich mich jetzt schon besser fühle? Kein bisschen! Ob ich schon klarer sehe? Nicht wirklich! Aber solche Prozesse brauchen Zeit. Ich glaube, mir ist gerade erst WIRKLICH bewußt beworden, dass ich in einigen Wochen 52 werde und damit offiziell weit mehr als die Hälfte rum ist. Und ich frage mich – wenn derzeit auch noch weitgehend unbewusst – geht diese Scheiße jetzt einfach immer so weiter, bis ich irgendwann (endlich) in die Kiste fallen darf? Läuft es tatsächlich darauf hinaus, dass ich ab jetzt – immer schön passiv, duldsam und friedlich – auf den Undertaker warten soll? NO – FUCK YOU – NO! Das werde ich nicht akzeptieren! Aber, was aus dieser Nichtakzeptanz folgen soll… das muss ich erst noch rausfinden. Für heute muss mir genügen, mich vor weiteren Anfechtungen zu schützen und wenigstens ein bisschen Erholung zu finden. Wie auch immer das im Moment gehen soll. Wir hören uns…

Auch als Podcast…

Erwachsen bilden N°59 – Aus dem Handgelenk…?

Man neigt einfach zu oft dazu, das Rad neu erfinden zu wollen. Es gibt ja dieses Sprichwort: “If you want the job done well, do it yourself!” Und als Mensch in einer Leitungsposition huldige ich diesem Credo immer noch, weil ich viel zu oft dem Irrtum aufsitze, Dinge viel besser zu können als andere. In manchen Belangen mag das ja von Fall zu Fall zutreffen, doch eben nur in manchen… und es macht einem das Leben schwer, weil der Workload dadurch halt NICHT kleiner wird… Im Grunde genommen zeigt es überdies einen Mangel an Vertrauen in die Skills der eigenen Kolleg*innen. Daher versuche ich unterdessen, mich in diesem Punkt zu bessern. Aktuell noch mit wechselndem Erfolg, aber es ist ja auch noch nicht aller Tage Abend. Insbesondere jetzt wäre es auch dumm, alles selbst machen zu wollen. Ich bin einmal mehr mit einer neuen Klasse auf Einführungswoche und habe auch – wie eigentlich immer – einen Teil des Unterrichtes übernommen. Doch ich stelle fest, dass es viel einfacher wird, wenn ein zweiter Kollege dabei ist, der Input gibt und ganz eigene Vorstellungen davon hat, wie eine solche Veranstaltung abzulaufen hat. Man hat gar nicht die Chance, alles so zu machen “wie immer”. Mannomann… dass ausgerechnet ICH hier feststellen muss, dass ich beinahe diesen dämlichsten aller Sätze gesagt hätte “Das haben wir schon immer so gemacht!”. Na ja, ist ja nicht passiert. Aber einige Male war es schon so, dass ich ein Programm abgespult habe und nicht immer war ich dabei flexibel genug, auf die Bedürfnisse der Schüler*innen richtig einzugehen. Und ich war oft zu sehr auf mich gestellt… alle möglichen Fehler inclusive. Das ist nun besser. Und es entlastet mich so sehr, dass ich den Unterricht, der mir nächste Woche eben zugefallen ist jetzt tatsächlich wenigstens einigermaßen vorbereiten kann, ohne das komplette Wochenende opfern zu müssen! Yay…

Ich glaube, hier schon des öfteren erwähnt zu haben, dass auch jemand mit Berufs- und Lehrsaalerfahrung sich für manche Themen immer wieder an die Bücher setzen muss, um keinen Mist zu erzählen. Das geht mir nicht anders; auch wenn ich schon so einiges ohne viel Tralala performen kann. Aus dem Handgelenk schüttelt man Unterricht dennoch so gut wie nie. Zumindest nicht ab einem gewissen fachlichen Niveau. Was man als erfahrene Lehrkraft aus dem Handgelenk schüttelt, sind Unterrichtsverlaufspläne, die passenden Methoden, das Classroom-Management, die Souveränität und den gelassenen Umgang mit Fehlern und Störungen. Der fachliche Content jedoch – der muss immer wieder überprüft und überarbeitet werden. Zum einen, weil Wissen als solches überaltert, vor allem aber, weil mein Gedächtnis mich manchmal bei den Details im Stich lässt. Theoretisches Wissen, das man nicht so oft in der Realität nutzt, degeneriert nämlich automatisch. Ich merke das an meinen Französischkenntnissen. Ich habe diese Sprache mal auf Leistungskursniveau bis zur allgemeinen Hochschulreife erlernt, aber wenn ich heute Konversation machen soll, frage ich mich, wie ich damit mein Abi geschafft habe…? DAS ist zwar schon Jahrzehnte her, aber beim medizinischen Fachwissen merke ich, dass oft nur ein paar wenige träge Monate bereits genügen, um Lücken entstehen zu lassen, die erst gestopft sein müssen, bevor ich meinen Schüler*innen entgegentreten und glaubwürdig referieren kann. Ich fahre halt nicht mehr aktiv draußen, sondern habe in der Hauptsache andere Aufgaben.

Nun ist da aber auch noch ein anderer Aspekt, der eine Rolle spielt. Ich bin, wenn ich ehrlich zu mir sein möchte, ein eher introvertierter Mensch. Ich hatte noch nie Probleme, auch mal für mich zu sein und mir selbst zu genügen. Tatsächlich sind größere Menschengruppen für mich NICHT unbedingt mein bevorzugtes Habitat. Als Lehrer stehst du aber nun mal volles Programm in der Bütt. Da vorne, wo die Musik spielen sollte, DA bist du. Und oft strengt es mich deshalb unendlich an, manchmal bin ich furchtbar gestresst, regelrecht gelähmt und fahrig und habe das Gefühl eine entsetzliche Performance abzuliefern. Könnte natürlich auch an meiner perfektionistischen Ader liegen – aber vor allem liegt es daran, dass ich diese ganze Aufmerksamkeit eigentlich gar nicht möchte. Da können jetzt natürlich die Schüler*innen nix für, die haben einfach ein Recht auf Unterricht. Also unterrichte ich, auch wenn es schwer fallen mag. Genau deswegen schüttele ich einen Unterricht aber nicht mal so eben aus dem Handgelenk – eben weil es meine sozialen Batterien sehr schnell und nachhaltig lehrt. Vor allem, wenn ich gleich mehrere Wochen am Stück muss. In so einer Berufsfachschule unterrichten wir nämlich so ca. von 08:30 – 15:30 und werden auch in unseren eigenen Pausen beansprucht, wenn wir dem nicht entgegentreten. Und die Vor- und Nachbereitung findet zusätzlich statt; davor, danach, oder am Wochenende. Deshalb bin ich dankbar, momentan nicht alles selbst machen zu müssen. Man hat ja auch gerne mal Freizeit.

Ich bin wirklich gespannt, wie sich diese neuen Schüler*innen, welche ich in den letzten Tagen schon etwas besser kennenlernen durfte unter der Führung und Anleitung durch meinen Kollegen entwickeln. Aber ich bin ganz ehrlich auch froh, wenn ich morgen Mittag wieder gen Heimat fahren kann. Zum einen bin ich mit den Vorbereitungen für nächste Woche noch nicht fertig und zum anderen brauche ich dann meine heimatliche Höhle; incl. der wenigen Menschen, denen ich immer gehöre. In diesem Sinne – freut euch schon mal ein bisschen auf’s Wochenende. Heute ist ja Kleiner Freitag…

Quo vadis, magister?

Ordnung in all das zu bringen, was mir derzeit durch den Kopf geht, ist nicht einfach. Da ist so viel, dass passiert, ohne dass ich daran beteiligt bin oder irgendeinen einen Einfluss darauf hätte; und dass einem gleichzeitig Sorge bereiten kann, dass es jeder Beschreibung spottet. Und dann ist da noch der ganze andere Schlonz, den ich tatsächlich aktiv im Auge behalten muss, weil es mich ansonsten Freunde, Nerven, Geld, meinen Job oder was auch immer kosten kann. Leben passiert, während wir eifrig Pläne schmieden und die Götter sich gleichzeitig über unsere Naivität kaputtlachen. So weit, so normal. Ich glaube, gestern darüber geschrieben zu haben, dass man sich mit manchen Dingen einfach abfinden sollte, wenn man (immer noch) danach heischt, glücklich(er) zu werden. Das könnte man jetzt als billigen Fatalismus abtun. Oder man beginnt, ernsthaft über die Frage nachzudenken, wie viel Kontrolle wir wirklich wirklich über unsere Existenz haben. Disclaimer: das Ergebnis könnte in weniger stressfesten Individuen eventuell Unbehagen auslösen. Und trotzdem machen wir Pläne. Meine Familie und ich wollen etwa über Pfingsten in Urlaub fahren. Ist alles schon gebucht und soweit vorbereitet. Aber sicher wissen, dass es auch klappt tue ich erst, wenn ich unter der Pergola sitze, ins Tal schaue und an meinem vino rosso nippe; oder was mir sonst so zur Entspannung in den Sinn kommt. Ich erinnere hier mal wieder an das, unterdessen gut abgehangene Stereotyp des rotweinsaufenden Paukers auf Italienfahrt… Mir sind all diese kleinen und großen Unwägbarkeiten des Lebens schmerzlich bewusst. Mein großer schwarzer Hund namens Depression erinnert mich halt immerzu daran. Doch, all dem Gejammer zum Trotze ist da im Kern ein Teil von mir, der Reframing beherrscht, der sich auf die guten Dinge besinnen und sie wenigstens zeitweise ins Rampenlicht meines Gehirnzirkus’ rücken kann. Was auch immer diese guten Dinge von Fall zu Fall sein mögen. Denn auch das variiert, je nach Tageslage, teils erheblich. Mein Leben ist also eine verdammt ambivalente Angelegenheit. Aber ich habe die vage Ahnung, dass ich DAMIT nicht allein bin…

Vor meinem geistigen Auge fahre ich gerade über eine baulich waghalsig serpentinierte, panoramisch Atemnotfördernde, von Sonnenlicht überflutete Passstraße, die Fenster unten, die Musik laut, der Tag noch nicht zu spät. Ziel? Unbekannt! Ist auch nicht wichtig; Hauptsache, nicht hier! Was ich dort will? Nun… vielleicht ist das Ziel unwichtig, weil der Weg so viel Spaß macht? Ob ich jemanden dabei habe? Vielleicht… vielleicht auch nicht. Das hängt vom Tag und vom Ort ab. Möglicherweise fahre ich nur einkaufen. Oder aber, ich suche gerade Ruhe, selbst vor den Menschen, die mir grundsätzlich am Herzen liegen, weil ich nun mal so bin. Manchmal brauche ich etwas Einsamkeit. Ich kann geradezu die Sonne auf der Haut spüren… und die Wärme des Windes. Und dieses wunderbar unbestimmte, unbeschwerte, unvernünftige, unverplante Gefühl von Freiheit. Stattdessen werde ich heute jedoch noch mal in die Dienststelle tingeln und meinen Dienstwagen fertig packen, denn ab morgen bin ich mal wieder auswärts unterwegs, um eine neue Klasse zusammen mit ihrem Klassenlehrer durch die Einführungswoche zu begleiten. Es geht dabei darum, einander kennenlernen, den Ablauf der Ausbildung zu verstehen, die Wichtigkeit sauberer Kommunikation zu begreifen (oder wenigstens damit zu beginnen), sich an verschiedene Modalitäten des Unterrichts an unserer Institution zu gewöhnen. Alles keine Nuklearphysik. Aber zeitaufwändig. Und ein Stück von Zuhause entfernt. Ich weiß gerade nicht, ob ich mich darauf freuen, mich darüber ärgern oder mich davor fürchten soll, dass ich in den nächsten Wochen noch ein paar Mal dienstlich im Ländle unterwegs sein werde. Weil ich gerade mal wieder mit der Frage ringe, was ich eigentlich will. Klingt komisch aber… der Gedanke, all das einfach sein zu lassen und stattdessen was völlig anderes zu machen lässt mich seit einer Weile nicht mehr los. Und auch, wenn ich im Grunde WEISS, dass das sehr schwer würde (weil wahrscheinlich Gehaltseinbusse, weil Jobsuche für über 50jährige schwierig, weil woanders ist es auch scheiße, weil neu starten anfangs noch mehr Stress mit sich bringt), dreht mein Kopf trotzdem Extrarunden. Was auch sonst, wenn man eigentlich Ruhe haben möchte…?

Ich will wirklich und ehrlich versuchen, mit dem was ich habe meinen Frieden zu machen. Aber ich bin immer noch, immer wieder, immerzu erschöpft unruhig. Mein Kopf will JETZT in drei verschiedene Richtungen davonlaufen, während mein Körper schreit “LASS DEN SCHEISS! WILLST DU, DASS ICH KAPUTTGEHE?” Was also tun? Wohin soll er gehen, der Herr Lehrer? Derzeit versuche ich meinen Geist mit meinem Lieblingshobby zu beruhigen. Stabil ein bis zwei Spielrunden pro Woche, abwechselnd spielen und spielleiten, das ist hier das Ziel. Denn meinen Job – sorry, wenn ich jetzt arrogant klinge – kriege ich zumeist hin, ohne dass das Hemd dabei nass wird. Und der ist mir im Moment – wenn man mal von meinem Commitment für mein Team und jene Schüler*innen absieht, die es ernst meinen und mit uns zusammen an ihrem Ziel eines Berufsabschlusses arbeiten wollen – auch nur insofern wichtig, als er die Brötchen verdient… Also bin ich wieder bei jenen kreativen Dingen gelandet, die mir schon seit jeher Freude bereiten. Momentan habe ich einen riesigen Spaß daran entdeckt, aus meinen Campaign-Journals für die ganze Runde eine Art Notizbuch zu machen. Digital erstellt – aber alt aussehend. Macht total Laune. Und für mich ist dieses Erstellen von Zusammenfassungen auch ein Teil des Spiels, weil man sich vieler Aspekte der eigenen Figur erst in einer solchen Reflexion bewusst wird. Das würde meine Azubis jetzt zwar schocken aber… das mit dem selbst erarbeiten und reflektieren, um besser – oder überhaupt – verstehen zu können, funktioniert wirklich! Krass, oder…? Für’s Erste hilft das. Aber irgendwann MUSS ich mich der Systemfrage stellen und eine Entscheidung darüber treffen: Quo vadis, magister? Should I stay, or should I go? (Hell yes, “The Clash” wussten schon 1982 Bescheid!) Euch Eumeln da draußen einen schönen Start in die neue Woche. Ich starte morgen früh erst mal den Diesel Richtung Südosten…

Auch als Podcast…