Der verwirrte Spielleiter #15 – Team up!

“… und dann zog die Abenteurergruppe gemütlich in den Sonnenuntergang.” Wer glaubt denn sowas? So lange ich nun schon Pen&Paper betreibe; aus 3-5 special Snowflakes ein Team zu generieren, dass seine Aufgaben tatsächlich gemeinsam angeht und auch erledigt, hat bisher nur selten problemlos funktioniert. Meistens macht jeder dieser kostbaren Solitäre sein eigenes Ding und wenn das funktioniert liegt es a) daran, dass die anderen Solitäre aus Versehen halbwegs komplementäre Fähigkeiten haben, b) diese aus purer Gnade ab und an auch mal für Andere einsetzen oder c) der SL häufig alle Augen (incl. der Hühneraugen) zudrückt.

Ich bin kein großer Freund des klassischen Fantasy-Gruppen-Konzepts, dass man auch aus MMORPGs kennt (Tank, Damage-Dealer, Rogue, Mage, Cleric). Und das sich im Übrigen auch auf andere Genres übertragen lässt (Tank, Damage-Dealer, Rogue, Techie, Pilot, Medic). Denn wenn ich eine Gruppe zwangsweise nach dieser Struktur aufzubauen versuche, wird zwangsläufig irgendjemandes Charakter-Wunsch hinten runter fallen. Stattdessen arbeite ich damit, das Setting einzuführen, etwas über die Welt zu erzählen, etwas über die Konflikte und Prämissen zu erzählen (sofern ich diese schon enthüllen kann/möchte) und mich mit den Spielern über ihre Wünsche zu unterhalten. Spielt man mit den gleichen Leuten öfter, sind die Wünsche oft gleichartig, aber man wird ab und an auch mal überrascht.

Allerdings stelle ich, wenn ich mir manche Gruppenbeschreibung im Netz so durchlese, einen Trend zu dysfunktionalen, von ihren Dämonen gejagten Charakteren fest, die oft sehr individuelle Zielabsprachen mit dem Schicksal getroffen haben. Was nicht selten zu Konflikten zwischen den Charakteren führt. Das kann reizvoll sein; es kann aber auch bei der erstbesten Gelegenheit die Gruppe sprengen. In jedem Fall sollte man das bei besonders extremen Problemen vor Spielbeginn mit allen bereden. Dabei ist es ja nicht notwendig, öffentlich auf Details einzugehen, die als Plothook für den jeweiligen Charakter dienen, aber es muss Konsens darüber herrschen, ob das Charakterkonzept schon irgendwie in die Gruppe passen wird, oder eben gar nicht.

Aus dem beschriebenen Vorgehen entstehen nun zumeist aber natürlich Charaktere, deren Fertigkeiten NICHT zwangsläufig aufeinander abgestimmt sind. Das führt zu Dopplungen, aber auch mal zum Fehlen von Wissensressourcen. Was ich nicht schlimm finde, denn es kann ja auch eine Herausforderung für sich sein, eine fehlende Ressource zu beschaffen, um ein bestimmtes Problem lösen zu können. In jedem Fall wird das Investment des Spielers vom Start weg größer sein, als wenn ich ihm einen generischen Damage-Dealer hinknalle und sage “SPIEL UND STIRB!”. Ich persönlich stelle den Spieler lieber Fragen über Herkunft, Motivation, No-Gos, Ziele, etc. Und ich versuche vom ersten Augenblick an, die Spieler zu mehr, als nur zum Würfeln zu nötigen. Die ersten zwei Charaktere meiner immer noch laufenden Cyberpunk-Runde wurden während der Startphase der ersten Sitzung in einen Terroranschlag verwickelt. Bei einem Charakter wurde der Beschützer-Instinkt wach, beim anderen der Kampf-Instinkt – und keine fünf Minuten In-Game-Zeit später waren sie in eine wilde Verfolgungsjagd verwickelt und mussten ihre Ressourcen poolen, um zu überleben.

Natürlich ist es nicht nett, die Charaktere gleich zu Beginn in eine Überforderung zu verwickeln. Aber je nach Charakterkonzept, Setting und Metaplot kann es die richtige Lösung sein. Denn eher selten kommen alle Chars, wie in einer der Runden, in denen ich spiele, aus dem gleichen Dorf und kennen sich von Kindesbeinen an. Wichtig ist, durch gezielten Einsatz der Mäeutik die Spieler dazu anzuregen, selbst die richtigen Fragen zu stellen; dem SL, den NSCs, zuerst und vor allem aber den anderen Charakteren. Denn je mehr sie übereinander lernen, desto mehr werden sie verstehen, wie die anderen als Person funktionieren und wie man gegenseitig das Beste auseinander herauskitzeln kann. Das führt zu Team-Building. Aber es braucht Zeit. Und es klappt nicht immer gleich gut.

Eine interessante Frage ist immer, ob es so jemanden wie den Teamleader gibt; jemand, der am Ende des Tages Entscheidungen trifft und eine Richtung festlegt, der die anderen auch zu folgen bereit sind. Und hier sind wir tatsächlich von den Persönlichkeiten der jeweiligen Spieler abhängig. Es gibt Leute, die eine Gruppe führen, obwohl ihr Charakter eigentlich nicht dem typische Anführer-Stereotyp entspricht. In der einen Spielrunde bin ich die Bardin und die anderen – inclusive des Ritters – haben mich vorgeschubst, als es um die von einem NSC direkt gestellte Frage ging, wer das Team führt. Könnte an der Rampensau tief in meinem Inneren liegen. Ich versuche echt, die Rolle verantwortungsbewusst auszufüllen, was allerdings häufiger zu Reibereien führt. Bislang fühlte sich aber noch keiner bemüssigt, die Rolle des Teamleaders für sich zu reklamieren. Öfter aber erlebe ich, sowohl als Spieler, wie auch als SL, heutzutage eine Art Demokratie in der Gruppe; kritische Entscheidungen werden meist gemeinsam getroffen. Was in der Folge interessante Auswirkungen haben kann.

Pläne schmieden scheint ja sowas wie ein Fetisch für Rollenspiel-Runden zu sein, gleich welchen Genres. Sie diskutieren die Situation, die Probleme und die möglichen Herangehensweisen Stunde um Stunde, ohne zu einer Entscheidung zu kommen, ohne dabei die richtigen Fragen zu stellen, ohne einen echten Plan B in der Tasche zu haben; und vor allem, ohne sich je darüber im Klaren zu sein, wie die Fähigkeiten ihrer Chars zusammenpassen (und ich nehme mich hier nicht aus; auch wenn ich in letzter Zeit, zum Leidwesen meiner Mitspieler, angefangen habe, auf die Macht des “Plan X” zu vertrauen). Beim Diskutieren denkt fast jeder meistens zunächst, wie er das Ding alleine durchziehen würde. Es gibt Systeme, die von vornherein darauf ausgelegt sind, die Spieler auf verschiedene Arten zur Zusammenarbeit zu nötigen. D&D 5th Edition z.B. bietet unfassbar viele Möglichkeiten, den eigenen Charakter zu gestalten, verlangt aber mit dem hoch Taktiklastigen Kampfsystem auch nach Spezialfertigkeiten und den richtigen Kombos dieser, um bestimmte Gegner bezwingen zu können. Für manche Leute hat das seinen Reiz; mir ist das schon zu Regellastig. Auch in diesem Kontext gilt, den Spielern durch gezieltes Nachfragen (ja manchmal schon fast Bohren) auf die Sprünge zu helfen.

Ist es tatsächlich erstrebenswert, dass die Gruppe als Team agiert, oder reicht es nicht vielleicht doch völlig, wenn die Chaoten… ähm sorry, Charaktere irgendwie in ungefähr die gleiche Richtung torkeln? Das ist eine Frage, die jede Runde für sich selbst beantworten muss. Ich benutze keine Systeme, die mir diesbezüglich zuviel taktische Erwägungen aufzwingen. Und manchmal – z. B. bei meiner neuen Urban Fantasy Runde – frage ich mich insgeheim, ob das so klappen kann. Ich lies den Spielern vollkommen freie Hand und die dabei entstandenen Charakterkonzepte sind famos. Ob sie auch zusammenpassen, werden wir in nächster Zeit herausfinden. Aus meiner Sicht ist ein perfekt aufeinander abgestimmt agierendes Team im Pen&Paper eine Illusion. Wenn ich sie aber dahin bekomme, dass sie dennoch füreinander einstehen und sich tatsächlich gemeinsam den Aufgaben stellen, ist die Entstehung von Epen garantiert. In diesem Sinne wünsche ich viel Spaß beim Team-Building. Always game on!

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Ein Witz über Weihnachten?

Ich habe das schon bei mancher Gelegenheit getan: nämlich, mich über das Pogo-Hüpfen im Minenfeld zu beömmeln, dass die Festtage für viele Menschen darstellen. Das hohe Christfest im Kreise der Familie wird von manchem Autor eher als garstiges Gemetzel rings um den Gänsebraten beschrieben. Aber auch, wenn derlei Possen natürlich einen gewissen Unterhaltungsfaktor haben mögen – irgendwann ist genug davon. Doch nicht, weil mir Weihnachten auf einmal wieder heilig geworden wäre.

Römer haben vor 2020 +/- ein paar Jahren einen Juden ans Kreuz genagelt, der neue Ideen unters Volk gebracht hatte. Man darf getrost davon ausgehen, dass an der Geschichte, die alljährlich auf’s Neue erzählt wird, ein wenig historische Substanz dran ist, die eher mit Aufstand gegen ein repressives Regime zu tun hatte, denn mit der Geburt von Gottes Sohn auf Erden. Wir Menschen waren ja schon immer ganz gut darin, die “gute alte Zeit” ex post zu verklären…

Nein, das mit reichlich heidnischem Brauchtum (geschmückte Bäume, etc.) verbrämte, mittlerweile zum hastigen Konsumspektakel regredierte Abfeiern im Abglanz fromm zitierter christlicher Glaubensgrundsätze, die dann doch weit häufiger ein bloßes Lippenbekenntnis bleiben, macht mich nicht zu einem gläubigeren Menschen, als ich das sonst auch bin. Womit nicht gesagt ist, dass ich ungläubig oder unspirituell wäre. Ich brauche dafür nur meistens keine Rituale. Und doch – an diesem einen Datum lasse ich diesen Ritualen Raum, denn sie haben tatsächlich einen erdende Funktion in meinem Leben.

Jedes Ende ist auch ein Anfang und zweifelsohne gibt es keinen besseren Zeitpunkt für einen selbstläuternden Rite de Passage, als zum kalendarischen Jahresende; Weihnachten fällt nicht zufällig in diese Zeit, hat Kaiser Konstantin es doch geschafft, die Bischöfe beim 1. Konzil von Nicäa davon zu überzeugen, den 25. Dezember als höchsten Feiertag des Sol Invictus-Kultes im römischen Reich in die damals noch junge christliche Liturgie mit zu übernehmen. Also feiern wir am 1. Weihnachtsfeiertag auch das, im heidnischen Glauben natürlich verehrte, Wiedererstarken der Sonne nach der Wintersonnwende, die üblicherweise auf den 21. oder 22. Dezember fällt.

Meine Selbstläuterung beinhaltet ein bewusstes Innehalten, ein Reflektieren, eine Introspektion, bei der das peinliche Einhalten gewisser tradierter Handlungsabläufe hilfreich ist. Auch, wenn mir das erst im Laufe der Jahre bewusst geworden ist: die Rituale und Traditionen, die sich im Laufe der Zeit rings um bestimmte Feiertage herausgebildet haben sind es, die den besonderen Wert solcher Zeiten für uns Menschen ausmachen. Weil diese Rituale uns zwingen, vom Alltag wenigstens kurz Abstand zu nehmen. Das klappt natürlich oft nicht so gut, wie man sich das erträumt, weil solche besonderen Zeiten in unserer schnelllebigen Welt leider nur zu gerne mit der Erwartung auf Perfektion aufgeladen werden, die – zu Weihnachten genauso, wie sonst den Rest des lieben langen Jahres – stets eine Illusion bleiben wird. Et voilá: garstiges Gemetzel, rings um die Gans…

Das ist bei mir daheim manchmal nicht anders. Aber das ist kein Grund zum Ärger mehr. Ich las heute einen Artikel auf Zeit Online (wo auch sonst), in dem sich die Autorin damit befasst, dem Nazi-Onkel auch am Festtisch entschieden entgegen zu treten. Was letztes Jahr, vorletztes Jahr und die fünf Jahre davor nix gebracht hat – egal, ob zu Weihnachten, Ostern, oder dem Geburtstag von Tante Hildentrude – wird auch dieses Jahr nichts bringen, außer Ärger und Verdruss. Mal davon abgesehen, dass die Lady sich dem naturalistischen Fehlschluss hingibt. Ich muss gar nix, nur weil ich “dem Guten” dienen soll – was auch immer das sein mag. Nazis werden geboren, leben und sterben wieder und die in meiner Verwandtschaft betrachte ich als biologisch selbst lösendes Problem.

Was vom Feste dann übrig bleibt, sind zumeist überschüssige Kalorien auf der Hüfte, mancher Tand, den man nicht unbedingt gebraucht hätte, Erinnerungen aller Art und das Gefühl, dass es doch irgendwie ganz OK gelaufen ist. Ich schätze vor allem die Kalorien und die Zeit, die ich in den letzten Jahren – allem Trubel zum Trotze – für mich selbst freimachen konnte. Entschleunigung. So wie im Sommerurlaub, nur ohne Pool, Sonne und eine endlos lange Autofahrt. Denn der Teil meiner Familie, mit dem ich feiere, wohnt im Nahbereich. Auch dieses Jahr wird es wieder OK sein. Und falls nicht – habe ich genug Schnaps gebunkert. Cheerio und gesegnete Festtage!

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Ist Musik Geschmackssache?

Capital Bra ist ein Einhorn. Also nicht so ein flauschiges, niedliches, Regenbogen-farbiges, knuddeliges; sondern eher so ein abgerissenes, schmuddeliges, nicht ganz so hübsches. Was seinem Erfolg gegenwärtig wenig Abbruch tut. Meine Tochter (11) regt das total auf, denn sie kann den Typ und seine Musik nicht ab, manche ihrer Klassenkameraden (ebenfalls 11!) aber schon! Beim Sportlehrer bin ich mir nicht sicher, wie’s kommt, aber bei den Kids hat es was mit “Coolness” zu tun. Oder besser – dem, was hier als “Coolness” verkauft wird. Ich fange hier jetzt nicht mit einer hermeneutischen Analyse seiner Texte an, das wäre über’s Ziel hinaus geschossen. Aber sagen wir mal so: düsteres Capital, ähm Kapitel, dieser Wortschatz…

Sein Erfolg ist das Produkt geschickten Social-Media-Einsatzes und unfassbar hoher Präsenz. An der Qualität seiner Musik liegt es nicht unbedingt, die ist deutscher Rap-Durchschnitt; durchaus professionelle Produktion, jedoch nur bedingt akzeptable Schöpfungshöhe. Ich will – obschon in der Überschrift etwas davon steht – hier lieber nicht mit Geschmack anfangen, denn der ist nur angeblich individuell. Wo ich selbst diesbezüglich stehe, kann jeder wissen, der schon mal ein paar Blog-Posts von mir gelesen hat. Mich fasziniert denn auch eher das Medien-Phänomen “Capital Bra”, denn als Musiker nehme ich ihn definitiv NICHT ernst.

Wenn ich von der angeblichen Individualität des Geschmacks rede, denke ich als erstes nicht an Bourdieu, obschon das, was wir als unseren eigenen Geschmack wahrnehmen natürlich durch unser soziales und kulturelles Kapital (nicht Capital) vorgeformt wird. Heutzutage genießen soziale Medien jedoch ein Maß an Einfluss auf die Ausbildung eines individuellen Geschmacks, wie Bourdieu das zur Zeit seiner Untersuchungen (die 60er des letzten Jahrhunderts) unmöglich voraussehen konnte. Und vor genau diesem Hintergrund ist Musik eben nicht (nur) Geschmackssache, sondern auch Produkt sozialer Prozesse: “meine Kumpel mögen alle Capital Bra, also mag ich den auch, sonst gehöre ich nicht mehr dazu”, also Gruppenzwang ist da nur eine, wenig subtile Spielart.

Wenngleich Peer Pressure eine wohlfeile Erklärung ist, müssen wir wohl doch ein bisschen tiefer in der soziologischen Mottenkiste graben, um das Phänomen des Erfolges dieses jungen Mannes besser erklären zu können. Das Spiel mit den Rollen, aus deren Gleichgewicht sich später unsere Persönlichkeit zusammensetzt (Vater, Freund, Feind, Kollege, Untergebener, Vorgesetzter, Kunde, Dienstleister, Lehrer, Schüler, etc.) beginnt von Kindesbeinen an. Und der Übergang von der Grundschule in die weiterführende Schule ist einer der wichtigsten Übergänge. Die Kids suchen sich Vorbilder, an denen sie sich orientieren können, die in dem Durcheinander ihres Lebens, das noch kein so rechtes Ziel, keinen wahren Sinn ergibt, Orientierung geben können.

Das Internet hat die Auswahl an solchen Vorbildern demokratisiert. Jeder, der nur bekannt genug ist, kann zum Idol werden. Und auch, wenn mich das gruselt: Capital Bra ist für viele ein Idol, denn er hat Erfolg mit dem, was er tut. Früher wollten die Kids Feuerwehrmann werden, Polizist oder Astronaut. Heute Youtuber, Influencer oder eben Rapper. Weil, da hat man schnell Erfolg! Das für den Erfolg auch bei Capital Bra harte Arbeit notwendig ist und seine Welt gewiss nicht nur aus eitel Sonnenschein besteht, wird dabei übersehen. Denn dieses Maß an Reflexion müssen die Kids ja erst noch lernen (weswegen mich der Sportlehrer meiner Tochter immer noch gehirnfickt, der, obwohl er ja ein Studium überstanden haben muss, diesen doch sehr durchschaubaren Herrn immer noch gut findet. Sei’s drum…).

Nein, Musik ist nicht (nur) Geschmackssache. Sie ist auch Beeinflussung auf der Suche nach dem eigenen Platz im Leben. Jede Form von Kunst oder Unterhaltung kann heute Einfluss auf unsere Lebensgestaltung haben. Je jünger der Rezipient, desto stärker. Genau aus dem Grund finde ich es problematisch, wenn 11-jährige unmoderiert Spotify u. Ä. nutzen dürfen und dann gesagt bekommen, wie (angeblich) das Leben auf der Straße läuft… Das Frauenbild, die Lebensgestaltung, wie man Respekt bekommt, etc.; alles, was die neugierig machende Kunstwelt in den Videos postuliert ist – mit Verlaub – gequirlte Scheiße, allerdings unterlegt mit einschlägigen Beats. Et voilá: Erfolg.

Capital Bra ist deshalb ein Einhorn, weil er es durch seine Medienpräsenz geschafft hat, den Rap mit anderen Genres, anderen “Künstlern” zu verbinden, die natürlich auch nur ein Interesse am Klingeln der Kasse haben. Manche Leute, wie etwa Dieter Bohlen, tun für ein bisschen mehr Kohle einfach alles – keinen Dank dafür. Ich kann den Typ übrigens auch nicht ab. Ich gönne ihm seinen Erfolg dennoch. Ich glaube ja, ER wird wieder in der Versenkung verschwunden sein, lange bevor ICH aufhöre zu bloggen. Schönen Tag noch.

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Postmoderne Gedanken N°4 – Navi kaputt…?

Es ist ebenso einfach, wie banal vereinfachend, die Moderne anhand ihrer technischen und politischen Errungenschaften zu beschreiben. Und doch machen die Menschen in ihren Köpfen Zeitalter insgesamt an solchen Ankerpunkten fest, die sie in Büchern, im Geschichtsunterricht, auf Discovery Channel, oder irgendeinem sonstigen, als bildungsförderlich verschrieenen Medium erfahren haben. Da werden mehr oder weniger plakative Ereignisse, von denen Historiker annehmen, dass sie einen Einfluss auf “die Geschichte” gehabt hätten irgendwie beschrieben. In der Schule musste man sich sodann Namen, Zahlen und Fakten merken, um sie zum Zeitpunkt der Klausur regurgitieren zu können. Natürlich lernt der Mensch so nicht wirklich etwas. Und doch ist das eine oder andere Datum hängengeblieben.

Sowas nennt man gerne Allgemeinbildung und mokiert sich immer mal wieder darüber, dass diese langsam aber sicher flöten geht. Doch ist es relevant, wann und wo Karl der Große zum Kaiser gekrönt wurde, wer wann zu wem nach Canossa ging, wann die Vereinigten Staaten gegründet wurden, wann Napoleon von Elba entfleuchte oder an welchem präzisen Tag die Weimarer Republik ausgerufen wurde? Oder sind nicht vielmehr die Mechanismen dahinter, die zu weitreichenden Änderungen für eine Menge Menschen geführt haben, viel interessanter; und vor allem relevanter? Ohne Zweifel sollte man über einige der vorgenannten Ereignisse irgendwas wissen. Denn manches davon wirkt bis in unsere heutige Zeit nach. Doch die Vermittlung erzeugte nicht allzu selten hier nur enzyklopädisches Wissen ohne jeglichen Bezug zu unserer eigenen Lebensrealität. Und solche “Allgemeinbildung” ist höchstens auf Stehparties relevant, wenn man sich im Lichte seiner Gelehrsamkeit sonnen möchte…

Heutzutage gibt es Apps, die einen zum Speed-Reader werden lassen sollen; meine Erfahrungen und Erkenntnisse über das Lernen lassen mich jedoch erheblich daran zweifeln, dass solche Techniken auch zu einem tiefgründigen Textverständnis helfen, wie man es z. B. für wissenschaftliche Texte benötigt. Abgesehen von dem Maß an Kontemplation, welches Lesen bei “Normalgeschwindigkeit” in mir auszulösen vermag. Aber was weiß ich schon… Es ist ein Gefühl, dass ich jetzt natürlich mit Studien zu unterfüttern versuchen könnte; aber für mein privates Blog soll genügen, dass ich das krankhafte Effizienz-Steigern für extrem schadhaft für den Lernprozess und die Seele halte. Auch, wenn ich keine Achtsamkeits-Seminare verkaufen muss.

Da haben wir nun also jede Menge Menschen, die nutzloses – weil nicht vernetztes und mit lebensweltlicher, praktischer Relevanz aufgeladenes – Wissen anhäufen und dies mit echter Erkenntnis verwechseln. Ein weiterführender Beweis, warum es überhaupt möglich ist, einen Begriff wie “alternative Fakten” zu lancieren, ist damit unnötig. Ich muss allerdings gestehen, dass jene, welche die Notwendigkeit dieser Erkenntnis beträfe, hier wahrscheinlich nicht mitlesen. Sei’s drum. In jedem Fall sind wir damit dem Postmodernen von einer anderen Seite näher gekommen. Denn so, wie die “Erfinder” des Begriffes die Fehler der Moderne als Versprechen entlarven und dekonstruieren wollten, re-konstruieren sich wenig demokratische Kräfte nun eine neue Erzählung der Moderne, obwohl ihre Methoden diese hinter sich lassen.

Denn, obschon die Neu-Rechten, die Identitären, die AfD und die Faschisten ohne Sammelbezeichnung alles daran setzen, ein Bild von der “guten alten Zeit” herauf zu beschwören, ist ihr Weg einer in eine neo-kapitalistische, neo-faschistische, neo-korporatistische und ganz und gar technokratische Zukunft. Die haben kein Interesse am “kleinen Mann auf der Straße”. Die wollen Macht akkumulieren, um ihre verqueren Vorstellung einer “guten neuen Zeit” unter dem Deckmäntelchen der Tradition auf allen Ebenen durchzusetzen. Und wenn denen das gelingt… hängen Typen wie ich, die vor ihnen warnen und mahnen, am nächsten Laternenmast.

Unser soziales und politisches Navi scheint kaputt zu sein. Die Moderne ist vom Beginn an damit beschäftigt gewesen, das Ende ihrer eigenen Geschichte zu schreiben, weil der “Ausgang des Menschen aus seiner selbstverschuldeten Unmündigkeit” zwangsläufig auch die weniger charmanten Seiten des ungebändigten Homo Sapiens in die Freiheit entlässt. Ich will mit dieser Feststellung keineswegs Bestrebungen das Wort reden, dem Menschen seine Freiheit wieder zu nehmen, wie “konservative” Politiker dies gerne tun. Man muss sich nur der Konsequenz bewusst sein: nämlich, dass die Moderne mit all ihren Errungenschaften irgendwann von ihrem Schöpfer wieder abgerissen wird.

Was wir als nächstes bekommen werden, weiß ich genauso wenig, wie irgendjemand anders auf dem Erdenrund. Wenn wir uns aber eine Chance auf die Bewahrung der bewahrenswerten Errungenschaften der Moderne erhalten wollen – Menschen- und Bürgerrechte, Demokratie, Rechtsstaat, Sozialversicherung, etc. – dann müssen wir auf dem öffentlichen Markt der Meinungen als freiheitlich denkende Menschen nicht nur die besseren Argumente haben, sondern diese auch vehement vertreten. Sonst werden die Kräfte, die behaupten, unsere Lebensform – was auch immer das meinen mag – zu bewahren, aber doch nur Macht besitzen wollen, alles, was mir als Demokrat lieb und teuer geworden ist, verschlingen und als braunes Depositum wieder auf diese Erde scheißen. Das werde ich nicht erleben. Schönes Wochenende.

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Erwachsen bilden #11 – Kommunikation ist eine Kunst…?

Ich finde es irgendwie lustig, wenn manche 3-jährig Auszubildenden, aber auch Kollegen, welche sich gerade durch die Weiterbildung zum Notfallsanitäter leiden müssen, zusammenzucken, wenn das Thema “Kommunikation” auftaucht. Man hat ja als Mensch diese naive Vorstellung, dass man sich schon mit Anderen austauschen könne und damit “die Beer g’schält wär”, wie man hier in der Gegend manchmal so sagt; an dieser Stelle Obacht: diese Redewendung ist älter. Jedenfalls zieht es sich wie ein roter Faden durch die Unterrichte, in welchen ich zu den mannigfaltigen Aspekten dieses Themenkomplexes referiert habe, dass die Leute fast körperliche Schmerzen zu bekommen scheinen, wenn ich das Wort nur in den Mund nehme.

Dabei ist Kommunikation, gleich auf welchem Kanal sie stattfinden mag, ein ubiquitärer Bestandteil unseres Daseins. Ich verweise – allerdings nicht ohne Schmunzeln – an dieser Stelle noch mal auf das erste Axiom nach Watzlawick: “Man kann nicht NICHT kommunizieren!”. Ist ein Allgemeinplatz, der jedem halbwegs intelligenten Lebewesen sofort einleuchtet und daher im Grunde keiner weiteren Erörterung würdig. Außer vielleicht, dass jeder von uns gut daran tut, sich Freiräume von Kommunikation zu schaffen. Denn wir haben, realistisch betrachtet, viel zu viele Kanäle, denen wir Beachtung schenken zu müssen glauben!

Ich habe mich selbst die Tage dabei beobachtet, wie ich innerhalb von etwa einer Stunde Telefon, E-Mail, Whatsapp©, Telegramm©, Threema© benutzt habe, wozu dann täglich noch Facebook©, seltener Instagram© und gelegentlich noch Skype© und GoTo©, sowie seit allerneuestem Slack© kommen. Und worauf lese ich meine Zeitung? Richtig, auf einem portablen digitalen Endgerät, dass all diese Kanäle in gebündelter Form zur Verfügung stellt. Es liegt jetzt übrigens auch auf dem Schreibtisch neben der Tastatur, mit der ich diese Worte schreibe. Ist das zu fassen?

Wenn jetzt irgendeiner die Schlagworte “Digital Detox” und “Achtsamkeit” im Kopf hat – davon rede ich gerade nicht. Natürlich hat es was mit Selbstsorge und Erhalt der eigenen Humanität zu tun, wenn man versucht, etwas weniger Zeit in soziale Medien und dafür mehr in das reale Leben zu investieren. Doch mich treibt natürlich die Frage um, ob man dem überhaupt entkommen kann? Und – falls die Antwort darauf JA lautet – wann und wie man das tun sollte?

Mit Blick auf die Auszubildenden muss ich als Pädagoge die Wirksamkeit digitaler Medien (seien das Cloudspaces für Materialien, Aufgaben und Lerntagebücher, Whatsapp-Gruppen zur Terminabstimmung, o.Ä.) kritisch hinterfragen. Gewiss bezeichnen wir unsere aktuellen Auszubildenden-Kohorten gerne als “Generation Z” und unterstellen allen, dass sie “Digital Natives” wären. Was sich – bei näherer Betrachtung – nicht selten als töricht herausstellt. Natürlich ist bei diesen jüngeren Menschen, die Telefonhäuschen, drei Programm im Fernsehen und 300-Baud-Modems nur als historische Relikte eines lange untergegangenen Zeitalters kennen, der Umgang mit neuen Medien oft sehr intuitiv. D. h. aber mitnichten, dass man sie da einfach schon mal rumwursteln lassen kann, weil sie das ja eh alles besser raffen als ich…

Die Pluralität der Kanäle und die Flut der zu verarbeitenden Informationen hat mitnichten innerhalb einer Generation eine evolutionäre Veränderung des Gehirns herbeigeführt. Wir haben immer noch nur ein Sensorisches Register, ein Arbeitsgedächtnis und ein Langzeitgedächtnis zur Verfügung, die während eines Tages in den Weiten des Netzes Höchstleistungen zu vollführen haben. Denn Medienkonsum muss moderiert werden, damit er nicht a) ins Leere läuft, oder zumindest die falsche Richtung und b) auch relevante Informationen zu Tage fördert, um Lernprozesse anzuregen. An dieser Stelle scheitern die meisten Lernplattformen kläglich. Einfach nur kuratierten Content auf eine Webseite zu klatschen, kriege ich auch in ein paar Minuten hin. Den Content für den Schüler mit Sinn anzureichern und so Lernen auszulösen ist die Kunst. Ich empfehle hier folgenden Buchtitel: “E-moder@ting” von Gilly Salmon. Man muss sich vor dem Englisch nicht fürchten…

Wenn ich irgendein Projekt zu managen habe, das im Laufe der Zeit wächst und irgendwann auch mehr Mitarbeiter haben wird, komme ich nicht umhin, Daten, Deadlines, Strukturen, Meilensteine, etc. mit jenen zu teilen, die an dem Projekt teilhaben, oder es auf höherer Ebene verantworten. Und das gute alte Vier- oder Sechs-Augen-Gespräch ist natürlich eine wohltuend persönliche und zielorientierte Angelegenheit. Nichtsdestotrotz müssen viele Dinge im Laufe des Tages auf unterschiedlichen Wegen abgestimmt werden. Wenn ich dabei jedes Mal ein persönliches Gespräch führen möchte, werde ich irgendwann wahnsinnig. Entweder wahnsinnig viele Kilometer verfahren, wahnsinnig viel Zeit verschwenden, oder eben einfach nur wahnsinnig.

Moderation von Blended-Learning und Koordination von Projekten sind gute Beispiele für die Komplexität von Kommunikationserfordernissen. Und dabei habe ich noch kein Wort darüber verloren, worin die ganzen Hindernisse bestehen. Darüber reden wir gerne ein anderes Mal. Für heute möchte ich es dabei belassen, jeden dazu aufzurufen, mehr über Kommunikation zu lernen. Denn wenn wir bewusster, gezielter und achtsamer miteinander umgehen, machen wir unsere Welt besser. Guten Abend.

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One-man-show…?

Also ehrlich: es ist schon schön, wenn es Indikatoren dafür gibt, dass man gebraucht wird. Z. B. die eigenen Kinder, die einen frenetisch begrüßen, wenn man nach einem langen Tag nach Hause kommt, oder sich freuen, wenn man mal dazu kommt, sie selbst vom Hort abzuholen. Die Freude der Gattin über das Mittagessen, das zu Hause auf sie wartet, wenn man mal nicht Kernzeit arbeiten muss. Freunde, die sich Zeit für einen Spieleabend, ein Telefonat (>1h) oder ein Frühstücksgespräch nehmen. So kleine Dinge halt, die einem zeigen, dass man nicht alleine auf der Welt ist.

Und dann gibt’s die Momente, in denen man verflucht, dass man auch aus anderen Gründen und für andere Menschen, die wir mal Kollegen nennen wollen, wichtig ist: wenn man im Urlaub, im Krankenstand mit E-Mail, Telefonaten und Messenger-Nachrichten vom GmbH-Typ beglückt wird: “Geh mal, bring mal, mach mal, hol mal!”. Da könnt ich… OK! Ich bin natürlich zur Hälfte selbst dran schuld. Ich könnte ja auch einfach nicht drauf reagieren. Was allerdings bei manchen Menschen dazu führt, dass die Intensität der Anfragenflut noch größer wird. Weil geflissentlich davon ausgegangen wird, das Funktionsträger in Organisationen ihre Funktion immer und überall ausüben. Hierzu ein klares NEIN!

Und überdies eine Klarstellung: wenn ich morgens über den Hof gelaufen komme, beantworte ich keine Fachfragen oder Anforderungen, bevor ich nicht mindestens eingestempelt habe! Eigentlich wäre es für die Gesundheit der Nachfragenden gut, wenn sie mich erst meinen Kaffee trinken ließen; immerhin habe ich meine Affekte heutzutage halbwegs unter Kontrolle. Tote und Verletzte sind daher bislang ausgeblieben. Aber es nervt. Und das weiß man eigentlich so als Mensch auch. Doch die Idee von der ubiquitären Verfügbarkeit sozialer Dienstleistungen scheint sich irgendwie in die Gehirne meiner Kollegen geätzt zu haben.

Sitze ich dann im Büro und bin – OFFENSICHTLICH – auf etwas anderes konzentriert (könnte man am Blick auf den Bildschirm und der Bewegung meiner Finger auf einer Tastatur relativ simpel herleiten), kommen die lieben Kollegen hereingewalzt und fangen an, ohne Punkt und Komma auf mich einzureden. Ohne abzuwarten, ob ich jetzt gerade die zeitlichen und kognitiven Ressourcen für ihr Anliegen frei habe. NEIN – ich sitze nicht den ganzen Tag da und warte auf einen Partner für ein Schwätzchen. Es kann ab und zu mal vorkommen, dass ich mir Zeit für die informelleren Teile meiner Arbeit nehmen kann. Aber nur, wenn die anderen Dinge erledigt sind, oder etwas wirklich wichtig ist. Dann hat man aber trotzdem 30 – 60 Sekunden Zeit, zu warten, bis ich Kommunikationsbereitschaft signalisiere. Das hat was mit dieser altertümlichen Unart namens “Höflichkeit” zu tun…

Besonders problematisch wird es jedoch, wenn Arbeit und Privates vollkommen entgrenzt werden, weil mich Erstere in das Letztere verfolgt. Z. B., wenn ich – für die Schnupfensaison vollkommen untypisch – mit einem wüsten Atemwegsinfekt auf der Schnauze liege, daher plötzlich nix mehr funktioniert, wie vorgesehen und ich mit fiebrigem Schädel von Zuhause aus Dinge managen muss, weil ich vorher schlicht keine Zeit hatte, einen Plan B für alle Fälle zu entwickeln. Mal davon abgesehen, dass das Ressourcen-Portfolio die frühzeitige Vorplanung für solche Eventualitäten schlicht nicht zulässt. Schade auch…

Ich mache im Moment einen auf One-man-show, weil das Projekt, mit dem ich nun betraut bin noch entwickelt wird und ich nebenher meinem bisherigen Arbeitsbereich am Laufen halten und dazu noch ab und an Blaulichtauto fahren muss. Ich sag’s wie’s ist: das klappt nicht immer ohne Reibungsverluste und Friktionen. Aber man hat bei meinem AG im Hause immer noch nicht vollständig begriffen, dass das Zeitalter der eierlegenden Wollmilchsäue vorbei ist. Endgültig!

Die Lehre, die ich für mich daraus ziehe ist Folgende: ich werde zumindest versuchen, für die Zukunft nur noch mit einem Plan B zu disponieren. Alles, was keinen Plan B zulässt, sollte nicht realisiert werden, weil es sonst hinterher mit an Sicherheit grenzender Wahrscheinlichkeit nur unangenehme Fragen und lange Gesichter gibt. Und ein vollkommen ausgebranntes Ich – hatt’ ich schon, brauch ich nich’ noch mal. Ich bin mir ziemlich sicher, ähnliches schon mal geschrieben zu haben, doch im Moment nervt mich vor allem die Selbstverständlichkeit, mit der man annimmt, dass ich zur Verfügung stehe, obwohl ich KzH bin. Na ja, ab Januar wird alles besser. So wie jedes Jahr. Au revoir.

Kunst-Demokratie?

Manchmal ist meine Artikelauswahl auf einschlägigen Webportalen großer Zeitungen recht eklektisch; manchmal durch die Paywall diktiert, weil ich vielleicht doch zu geizig bin, jedes Blatt zu abonnieren und manchmal durch mein verquere Art, die Welt und damit auch ihre Zeitungen zu lesen. Wieder einmal ist jedenfalls “Zeit Online” schuld, weil die einen Artikel über die Forderung nach Mitsprache bei der Auswahl der Exponate namhafter Museen gebracht haben. Klingt auf den ersten Blick nicht sonderlich interessant, spannend, oder gar verfänglich, nicht wahr…? Und da sage ich einfach : au contraire, mes amis!

Die Frage nach dem, was Museen ausstellen wollen bzw. dürfen berührt die Frage nach dem Kern von Kunst – nämlich ihrem Wesen und ihrer Bedeutung für die Menschen. Kunst hat weniger etwas mit oberflächlichem ästhetischen Empfinden zu tun, sondern mit der Kapazität eines Werkes – gleich welcher Art – mich zu irritieren und so zum Nachdenken anzuregen. Kunst muss nicht hübsch oder schön sein, oder gar auf den ersten (oder auch zweiten) Blick zugänglich. Kunstwerke können das sein; sie müssen es jedoch nicht! Doch die Aufgabe von Kunst ist eigentlich, einen Rückbezug auf die grundlegenden Fragen des Mensch-Seins zu ermöglichen. Wie sie das tut, ist immer neu, da sie dabei stets auch den Zeitgeist reflektiert. Dies mag Manchem jetzt sehr theoretisch erscheinen, aber vielleicht schauen wir uns einfach ein Beispiel an…

Die “Kopie” des Holcaust-Mahnmals in Berlin, welches die Aktivisten vom “Zentrum für politische Schönheit” in Eichsfeld Herrn Höcke vor die Tür gesetzt haben, spaltet die Geister mindestens ebenso sehr, wie das Original. Ist das eine Kunst und das andere nicht? Und falls ja, welche Form davon? Insbesondere unter dem Aspekt, dass nämlicher Herr Höcke das Original als “Denkmal der Schande” bezeichnet hat. Wie wurde doch die Ambiguität dieser Aussage diskutiert. Sehen wir uns mal ein Gegenbeispiel an, dass vermutlich fast jeder kennt: Leonardo Da Vincis “Mona Lisa”. Zweifellos eines der bekanntesten Kunstwerke der Welt. Doch was macht es zu Kunst? Es handelt sich um ein Porträt, dessen ästhetischer und kunsthistorischer Wert, insbesondere im Vergleich mit anderen Meistern seiner Zeit als unbestritten gilt.

Doch sind die Schöpfungshöhe, die notwendigen handwerklichen Fertigkeiten, die Planung und schließlich die Kraft der Reflexion, welche es beim Betrachter auslöst, mehr wert, als bei den Arbeiten in Berlin, oder der Kopie in Eichsfeld? Die ja letzten Endes, ein politisches Statement darstellt und damit sehr viel größeren Bezug zu unserer aktuellen Lebensrealität hat, als das Porträt einer seit Jahrhunderten verstorbenen Dame? Ich kann und will diese Fragen nicht für andere Menschen beantworten, ich kann aber für mich selbst klar sagen: beides ist Kunst, die in ihrem jeweiligen Kontext gesehen werden muss!

So wie Kunst den Zeitgeist aufnimmt, reflektiert, interpretiert und wieder ausspeit, nimmt sie damit auch Einfluss auf das Mensch-Sein – und somit auf soziale, politische und wirtschaftliche Umstände. Sie tut dies vielleicht sehr subtil, aber die Wirkung ist da. Wenn nun Menschen den Anspruch erheben, auf das Einfluss nehmen zu wollen, was dargestellt / ausgestellt wird, so versuchen sie damit Einfluss auf das Mensch-Sein an sich zu nehmen. Ein Anspruch, dem ich aus vollem Herzen entgegnen möchte: NEIN! Weil, auch wenn dieser Umstand vermutlich vielen Menschen verschlossen bleibt, Kunst ein Bereich unseres Leben bleiben muss, der allzeit – zumindest in Teilbereichen – frei vom Zugriff der unmittelbaren ökonomischen Verwertbarkeit ist; und der alles, was da Kunst ist, allen Menschen zugänglich machen können soll.

Mir ist bewusst, dass , um es mit Adornos und Horkheimers Worten zu sagen – eine Kulturindustrie existiert, deren Funktionen tatsächlich frappierende Ähnlichkeit zu den Ausführungen in der “Dialektik der Aufklärung” aufweisen. Insofern ist der ökonomische Zugriff auf kulturelles und damit auch künstlerischen Schaffen leider in vielerlei Hinsicht gegeben. Und dennoch bleiben jene Bereiche, in denen Kunst tut, wozu sie gut ist: mich irritieren, zum Nachdenken, im besten Fall sogar zum Handeln anregen, sofern dies angezeigt ist. Wenn Menschen nun fordern, dass nur bestimmte Dinge gezeigt werden sollen und andere nicht, so stellte dies – gäbe man diesen Ansprüchen überall nach – eine Verarmung unserer Kultur dar. Man könnte denen nun verschiedene Motive unterstellen: manche Kunstwerke sind sicherlich nicht leicht anzuschauen oder gar zu ertragen, also wäre es möglich, dass diese Menschen einen leichteren Zugang zu Kunst haben möchten.

Es könnten auch pekuniäre Aspekte dahinter stehen. Künstler, die öfter in großen Häusern wie der Tate Modern in London oder dem Museum of Modern Art in New York ausgestellt werden, erzielen alsbald höheren Marktwert. Vielleicht hat da jemand schon ein, zwei Stücke im Lager liegen und möchte einen Reibach machen? Oder man versteht, dass es Menschen gibt, welche die politische Sprengkraft fürchten, die Kunst bisweilen hat. Und die um keinen Preis in ihrer Agenda gestört werden möchten. Und dann gibt es noch jene, die in ihrem falschen Verständnis von “political correctness” alles aus der Welt bannen möchten, was sie irritiert. Was für ein armseliges Verständnis von Kunst. Aber vermutlich haben die Wenigsten die Zeit und Muse, sich hierüber Gedanken zu machen, weil’s ja einfacher ist, zu konsumieren, als zu reflektieren; aber eigentlich mache ich mir die Mühe ja vor allem für mich selbst. Und Tschüss!

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Der verwirrte Spielleiter #14 – What about Chain Mail Bikinis?

[Anmerkung: Ich muss etwas ausholen, um zum eigentlichen Thema, nämlich dem Realismus im Rollenspiel zu kommen. Man möge mir dies bitte verzeihen…]

Dieser Tage stolperte ich über eine Regalsektion, in die ich in vergangenen Jahren nur noch selten hinein geschaut habe; doch als ich mit Pen&Paper angefangen habe, so im Sommer ’89, waren Artbooks verdammt wichtig. Sie transportierten den Look and Feel des jeweiligen Spiels und waren damit formierend für mein visuelles Verständnis von Fantasy (und natürlich auch den anderen Genres). Dazu gehörten Namen wie Larry Elmore, Keith Parkinson, Clyde Caldwell und noch einige andere. Natürlich kam später auch das Sammeln von Graphic Novels dazu (Michael Turner ist bis heute einer meiner Favoriten), doch diese Artbooks waren die ersten Tore zu jenen fantastischen Welten, die zu besuchen wir uns damals regelmäßig aufmachten.

Heutzutage kapiert das keiner mehr, weil das Internet mittlerweile Artwork zu jedem erdenklichen Sujet ubiquitär verfügbar gemacht hat. Doch damals musste man in Büchern danach suchen; z.B. um den Spielern eine Vorstellung eines Settings oder eines Charakters zu vermitteln. Ich habe noch eine Menge solcher Bücher in meinem Regal stehen. Und wie man es auch dreht und wendet: nur wenige Künstler jener Zeit kamen am Chain Mail Bikini Babe vorbei – insbesondere Larry Elmore nicht, der das Ganze dann sogar ironisch auf die Schippe genommen hat (wer mal nach “The chick is in the mail” suchen möchte…). Diese Illustrationen waren, mit heutigen Augen gesehen oft recht sexistischer Scheiß. Als pubertierender Rotzlöffel fand ich das allerdings leider geil. Und ich war nicht allein.

Das transportierte Frauen-Bild war natürlich vollkommener Humbug; so wie die “Damsel in Distress” ein häufig zitiertes Topos im Action-Kino der 80er war, so gab es – quasi als Fantasy-Antithese dazu – im Pen&Paper die Chain Mail Bikini Babes, die nix außer einem Schwert und ihrem Körper als Waffe brauchten, um die Gegner in die Knie zu zwingen. Wenn man’s recht bedenkt, sollten das wohl starke Frauen sein, die auch ihr Äußeres als Waffe einzusetzen wussten. Ich würde mal vermuten, dass es den Herstellern von Pen&Paper in erster Linie um dieses “Sex sells”-Ding ging. Funktioniert hat es damals einwandfrei. Übrigens auch mit Blick auf die Darstellung von Männern. Wer sich mal die Artworks von Frank Frazetta oder Boris Vallejo ansieht, versteht, was ich meine.

Nun haben sich die Zeiten geändert. Wo früher vor allem Nerd-Boys unter sich waren und Rollenspiel gespielt haben, sind mittlerweile viele Mädchen und Frauen in die Gaming-Szene gekommen. Der Anspruch an die visuelle Darstellung hat sich geändert. Auftragsarbeiten, die TSR und andere Hersteller in den 90ern lässig durch gewunken hätten, böten heute – mit etwas Pech – Anlass für eine Unterlassungsklage durch irgendwelche #metoo-Aktivistinnen. Nicht dass man mich missversteht: mir ist bewusst, dass Kunstformen und Kunstausdruck sich ändern, weil der Zeitgeschmack sich ändert. Und ich habe damit ebenso wenig ein Problem, wie mit neuen Regelwerken für jedes neue Setting und den dazu gehörenden neuen Looks. Auch wenn mich gelegentlich das Gefühl beschleicht, in 30 Jahren so gut wie alles schon mal gesehen und gemacht zu haben. Sei’s drum.

Was hat das alles nun mit Realismus im Rollenspiel zu tun? Sagen wir mal so: meine visuelle Vorstellung eines beliebigen Spiels hat Einfluss auf meine Immersion, mein Handeln und mein Engagement am Spieltisch. Sowohl als Spieler, als auch als SL. Werde ich darin eingeschränkt, sinken Immersion und Engagement und in der Folge wird die Qualität meines Spiel-Handelns nicht so sein, wie sie sein könnte. Für mich leidet also die Qualität meines Spiels, wenn man mir zu viel Realismus aufbürdet, der meine Fantasie behindert. Wenn ich Spielleite und meine Spieler beschneiden sich selbst in ihrer Vorstellung der bespielten Welt und der Aktionen ihrer Charaktere darinnen, weil man z.B. in Echt halt nur sehr schwer (eigentlich gar nicht) von einem selbst gefahrenen Motorrad in einen fahrenden Transporter springen kann, ist das deren Problem, nicht meines. Wenn mir ein anderer Spielleiter meine Stunts verbietet, weil sie ihm in seiner Vorstellung zu unrealistisch vorkommen, würde ich vermutlich alsbald nicht mehr bei ihm spielen wollen.

Die Frage, die sich mir überdies stellt, ist Folgende: warum zum Kuckuck muss alles, was im Rollenspiel passiert neuerdings so bierernst und realistisch sein. Ich sehe überall irgendwelche Beschreibungen dysfunktionaler Gruppen, deren maximal mental kaputte Mitglieder nur durch Zufall in die gleiche dystopische Richtung rennen. Ist nur so ein Gefühl, aber wird hier der – zugegeben etwas kaputte – Zustand unserer Welt nicht ein bisschen zu sehr reflektiert? Ohne Frage werfe auch ich bestimmte Aspekte meiner echten Erfahrungswelt mit in die Waagschale, wenn ich meine Spielrunden designe. Dennoch versuche ich immer genug Distanz zum wahren Leben zu lassen. Denn meine Spieler wollen – im Gegensatz zu ihrem Alltag – die Sau rauslassen dürfen, ohne, dass dies allzu harsche Konsequenzen hat.

ACHTUNG: Hier besteht ein signifikanter Unterschied zwischen dem Wunsch nach Realismus und der inhärenten Mechanik der Spielwelt. Wenn ich etwas tue, was in der Spielwelt möglich ist, mein Handeln aber eventuell Folgen hat, die sich nicht nur auf mich, sondern auch auf andere auswirken, ist das i.a.R. Teil der Mechanik dieser Welt. In einem Cyberpunk-Szenario, wo Kameras omnipräsent sind, werden irgendwelche Aktionen in der Öffentlichkeit irgendwann Aufmerksamkeit erregen; ob die dann positiv oder negativ ist, bleibt dabei zunächst offen. In jedem Fall ist es Teil der Logik dieser Welt, bzw. dieses Settings.

Verbiete ich als SL jedoch eine Aktion, einfach, weil sie mir zu unrealistisch erscheint, beschneide ich vielleicht unnötig die Möglichkeiten der Spieler, obwohl die Mechanik der Spielwelt mir verschiedene Reaktionen zur Verfügung stellen könnte, die Situation aufzulösen. Z.B. ein wissenschaftlicher, mechanischer oder deduktiver Quantensprung (vielleicht kombiniert mit etwas Würfelglück) , der die Charaktere früher als vom SL geplant ans Ziel führen würde, oder ihnen eine Chance eröffnet, ein Problem ohne Hilfe Dritter zu erledigen, könnte vom SL als Bedrohung seines Szenarios empfunden und daher sabotiert oder gar verboten werden. Wie ausgesprochen langweilig…

Realismus im Rollenspiel bedeutet bei mir, das Standard-Handlungen im jeweiligen Setting immer erwartbare Ergebnisse erzeugen. Dass waghalsige Stunts möglich (sogar erwünscht) sind, allerdings auch mal schiefgehen können. Dass sowohl SL als auch Spieler berechtigt sind, das Unerwartete und Ungewöhnliche zu tun, sofern es im gegebenen Kontext irgendwie denkbar erscheint. Und das die visuelle Coolness des eigenen Charakters ganz und gar vom Geschmack des Spielers abhängt. Du willst ‘n Chainmail-Bikini? Bitte, kannst du haben. Ich bin zwar schon lange nicht mehr danach gefragt worden, d.h aber nicht, dass die Dinger ausverkauft wären. Und bitte – nur so am Rande – der CMB ist hier nur ein Synonym für was auch immer euch einfallen mag. In diesem Sinne – alway game on!

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Erwachsen bilden #10 – Yo bro, how’s your teaching?

Ach verdammt, hast du manchen Gedanken erstmal im Kopf, geht er einfach nicht mehr weg. So wie ich im letzten Artikel dieser Serie auf das Thema Fortbildungen für rettungsdienstliches Lehrpersonal eingegangen bin, habe ich damals auch das Thema des Nicht-Unterrichten-Könnens kraft Bachelor-Studium gestreift. Und wenn ich ehrlich sein soll – die Frage, wie man ein Refendariat in berufsbildenden Schulen meiner Profession implementieren könnte, ohne dass die Kosten dafür vollkommen aus dem Ruder laufen, lässt mich im Moment nicht mehr los.

Ich weiß heute, mit 25 Jahren Berufserfahrung und dem geschulten Blick des Ausbilders, wie grausam schlecht meine eigene Rettungsassistenten-Ausbildung zumindest streckenweise war, weil die Ausbilder selbst nie so richtig Ausbilden gelernt hatten. Man kann sich vieles autodidaktisch beibringen und methodischen Mangel – zumindest ein Stück weit – durch Talent ausgleichen. Und natürlich wird jemand, der bereit ist, aus seinen Fehlern zu lernen, mit der Zeit immer besser. Das ist in jedem Gewerk so, auch bei Lehrern. Aber dennoch passieren immer noch zu viele Fehler und es wäre unseren Auszubildenden gegenüber ungerecht, wenn wir dem nicht etwas entgegenzusetzen versuchten.

Ich weiß, wie es mir ging, als ich vor ein paar Jahren mit dem Unterrichten an Berufsfachschulen anfing. Ich hatte durch’s Studium tonnenweise Wissen im Kopf, Ideen, Strukturen, etc; und ich kannte die Methoden – theoretisch. Ich weiß nicht mehr, ob ich genug gefragt habe, ich entsinne mich aber, einige sehr hilfreiche Fragen gestellt und ein paar noch hilfreichere Ratschläge gegeben bekommen zu haben. Und zwar von jemandem, der sein Handwerk wirklich versteht. Wir haben meine Planungen diskutiert und ich konnte mein pädagogisches Instrumentarium testen und schärfen. Und doch – ich hätte mich über jemanden, der einfach mal hinten drin sitzt und mir direkte Manöver-Kritik für meinen Unterricht gibt, sehr gefreut!

Ich hatte einmal einen Methoden-Workshop (ein Arbeitgeber-internes Seminar), der wirklich geknallt hat. Gehalten von einem Gymnasial-Lehrer, der nicht nur mein Methoden-Verständnis erweitert hat, sondern auch ECHTES Feedback geben konnte. Etwas, womit ich immer noch und immer wieder kämpfe. So etwas stelle ich mir für, frisch an die Berufsschule kommende Lehrer vor. Du kommst mit deinem Bachelor daher und dann genießt du erstmal ein Methoden- und Feedbacktraining und in wirst den ersten drei Monaten deines Unterrichtslebens wöchentlich einmal (und wenn’s nur ein Vormittag ist) von einem erfahrenen Kollegen auditiert. Ich habe keine Ahnung, ob ich das vom Start weg implementiert bekomme. Aber es ist mir ein Anliegen. Denn wenn die Institution, an deren Entwicklung ich beteiligt bin, es anders, besser machen möchte, als die bestehenden Institutionen, gehören solche Dinge definitiv auf meine To-Do-Liste!

Talking about money: Legen wir die Ausbilderstunde mit einem rechnerischen Wert von ca. 40,00€ zu Grunde (was die Kostenstruktur bei hausinterner Abwicklung, also Arbeitszeit, Sozialabgaben und Opportunitätskosten ganz gut darstellt), betrügen die Kosten für eine solche Unterrichts-Begleitung zuzüglich eines zweitägigen Einführungs-Seminars für einen Lehrer übrigens rund 3.000,00€. Ich finde, das darf uns eine gute Ausbildung des Lehrpersonals wert sein. Insbesondere unter dem Aspekt des Fachkräftemangels kann man das auch als Maßnahme zur Steigerung der Personalbindung sehen. Ich werde sehen, ob diese Argumentation verfängt- Wir hören/lesen uns.

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Postmoderne Gedanken N°3 – öffentlich vs. privat

Öffentlich ist, wenn ich’s so mache, dass alle zukucken können – oder? Also, egal was, meine ich. Nun könnte man entgegnen, dass manche Dinge nicht in die Öffentlichkeit gehören. Liebe an und für sich z.b. – also Masturbation. Und sicher fallen jedem einige Dinge ein, die er nicht so gerne öffentlich, oder noch besser veröffentlicht sähe. Das liegt u. U. daran, dass wir stets versuchen, eine positive Geschichte unseres Selbst zu erzählen. Und da empfinden wir bestimmte Bilder eben als störend im Storyboard. Im Gegenzug versuchen wir natürlich, uns im besten Lichte strahlen zu lassen. Und hier gibt es – wie stets im Leben – ein Gleichgewicht, dass allzu schnell in die Toxizität abgleiten kann; zu wenig offenbart einen Mangel an Selbstwertgefühl, zu viel eine Narzisstische Störung. Das Erste quält vor allem einen selbst, das Letztere die Mitmenschen.

Was für den Menschen als Individuum gilt, hat auch für Organisationen Bedeutung. Zumindest insofern, als jedes komplexe Konstrukt, in dem viele Menschen an irgend einem Ziel zusammenarbeiten irgendwann die Legitimitätsfrage gestellt bekommt, oder sich diese selbst stellt. Bei einem Industrieunternehmen ist die Frage leicht zu beantworten: es geht darum, Geld zu verdienen. Da hängen Existenzen dran. Macht das Ding Kohle und verteilt diese halbwegs gerecht an alle Teilnehmer, ist alles Tacco, wie ein Kollege von mir sagen würde. Problematisch wird es hier höchstens, wenn das mit der Verteilungsgerechtigkeit nicht (mehr) funktioniert. Kann man im Moment überall in den entwickelten Industrienationen beobachten. Doch dazu später mehr.

Wie ist es mit behördlichen Institutionen? Ämter, auf denen man all diese staatlichen Dienstleistungen abrufen kann/muss, welche die Verwaltung einer Nation mit ca. 82 Millionen Menschen darin so mit sich bringt. Ich meine – Politiker werden in ihre Ämter gewählt, was eine recht direkte Form von demokratischer Legitimierung mit sich bringt. Aber die Sachbearbeiterin im Ordnungsamt? Kurz gesagt: mit dem Entstehen moderner, säkularer Staatswesen, mit welchem ein enormes Wachstum und damit die Notwendigkeit leistungsfähigerer Verwaltungen einher ging, entstand die Bürokratie als eigenständiges gesellschaftliches Subsystem, welches sich nicht nur selbst erhält (Autopoiese) sondern auch seine eigene Legitimität produziert (vgl. hierzu Habermas, Strukturwandel der Öffentlichkeit). Das Amt macht also, dass das Amt sein muss. (Falls irgendjemand jetzt noch nicht verstanden hat, warum wir eine so ausufernde Steuergesetzgebung haben, kann ich leider auch nicht mehr helfen).

Warum nun so kompliziert Dinge herleiten, die man doch aus dem alltäglichen Leben kennt? Nun, kennen und verstehen, insbesondere das Verstehen der Zusammenhänge sind immer zwei Paar Stiefel. Und bezüglich dieser Zusammenhänge wird es haarig, wenn wir uns Private-Public-Partnerships anschauen: die öffentliche Hand (legitimiert sich selbst durch Notwendigkeit der Verwaltung) und Privatunternehmen (legitimieren sich durch Gewinnoptimierungs-Absichten) arbeiten zusammen, um Geld zu sparen. Aus unternehmerischer Sicht immer Win-Win, denn dem utilitaristischen Prinzip folgend stehen die Regularien des Staates (der ja zuvorderst den Interessen seiner Bürger verpflichtet sein soll) beim Geldverdienen im Weg. Arbeite ich mit dem Staat also direkt zusammen, habe ich (un)mittelbaren Zugriff auf diese dämlichen Regularien. Oder einfacher formuliert: mit PPPs öffne ich die Tür für die Lobbyisten so weit, dass diese mit dem Laster ins Rathaus einfallen und alles abräumen können, was ihnen in den Kram passt.

Bürokratie-Abbau, Lockerung der Arbeitnehmerschutzgesetze, verbilligter Zugang zu Energie und anderen Ressourcen, etc. Das sind zumeist die wahren Gründe, warum Unternehmen ein bisschen Kohle in die Hand nehmen und zusammen mit staatlichen Institutionen irgendwelche Projekte machen – und dafür auch noch eine positive Mediendarstellung bekommen. Doch altruistisch ist an solcherlei Aktionen gar nichts. Direktes Mäzenatentum steht im krassen Gegensatz dazu. Dabei wird, zumeist durch Stiftungen Geld für öffentliche Projekte bereit gestellt, ohne das eine Leistung durch ein gemeinsames Unternehmen generiert werden soll. Und so mancher Unternehmer kommt seiner sozialen Verpflichtung, wie sie unser GG bestimmt, in hohem Maße nach. Mit Sicherheit spendet ein Herr Dietmar Hopp auch deshalb nicht unerhebliche Teile seines Privatvermögens, weil es seinem individuellen Narrativ und damit ihm selbst gut tut; wahrscheinlich mag er auch die positive Publicity.

Was nun die Verteilungsgerechtigkeit angeht: eben PPPs verschlechtern diese in vielen Fällen, weil die Teil-Privatisierung vormals staatlicher Leistungen zumeist mit der Unterwerfung dieser Dienstleistung unter das Primat des Marktes einher geht. Insbesondere das Gesundheitswesen leidet, seit der marktwirtschaftlichen Wende Mitte bis Ende der 90er des letzten Jahrhunderts, unter einer Dehumanisierung und qualitativen Verschlechterung seiner Dienstleistungen für jene, die nicht extra zahlen können. Et voilá: Zweiklassen-Medizin.

Ich muss hier nicht explizieren, an welchen anderen Stellen derlei Auswirkungen noch zu beobachten sind. Ich empfehle an dieser Stelle zwei Buchtitel: Michael Sandel “Gerechtigkeit” und Colin Crouch “Postdemokratie”; und überdies bitte ich darum, sich selbst via Recherche ein Bild zu machen. Ich kann für mich sagen, dass ich PPPs zutiefst misstraue, weil ich stets unlautere Absichten unterstelle. Ich mag mich ab und an irren, aber in der Gesamtschau muss man demgegenüber kritisch bleiben; denn es geht hier oft nicht um Bürokratie-, sondern um Demokratie-Abbau! Schönen Tag noch.

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