Alla ricerca di nuove idee – Neue italienische Geschichten N°9

Langsam kann ich die Wehmut schmecken, Freitag Nacht nach Hause fahren zu müssen. Andererseits weiß ich, dass zu Hause auch einige Dinge auf mich warten, die mir – höchstwahrscheinlich – Freude bereiten; und Kopfzerbrechen zugleich. Denn manchmal braucht man frische Ideen für eine neue Projektphase. Manches fällt einem zu, wenn man sich auf die richtige Weise vorzubereiten und dann zu warten gelernt hat. Wie schon des öfteren erwähnt werde ich langsam ruhiger. Nicht wirklich geduldiger, aber wenigstens kann ich so tun, als ob. Auch, wenn’s mich innerlich gerade zerfetzt. Nun treten die Dinge in eine neue Phase und ich muss einiges neu ordnen. Hey, wollte ich den Job nicht so richtig gerne haben? Tja nun… offensichtlich gehören die alltäglichen Detail-Probleme auch dazu.

Andererseits habe ich mittlerweile auch gelernt, Probleme nicht unbedingt als Probleme, sondern eher als Rätsel zu sehen, die gelöst werden wollen. Bei weitem nicht jedes von denen fasziniert mich. Und bei weitem nicht jedes, das mich fasziniert, schaffe ich auf Anhieb. Was aber nichts daran ändert, das Rätsel den sportlichen Ehrgeiz wecken. Überdies war es immer mein Ehrgeiz (der einzige, den ich je verspürt habe – Macht als solche hat mich nie interessiert!), Dinge zu gestalten. Und solche Aufgaben fallen mir mittlerweile immer häufiger zu, teilweise kann ich sie mir sogar selbst suchen. Ist es nicht angeblich so, dass Arbeitnehmer sich mehr Mitsprache bei der Gestaltung ihres Arbeitsumfeldes wünschen? In meinem Fall muss ich sagen: was die Arbeit an sich betrifft, muss man ein Feld mit mehr Freiräumen sehr aufmerksam suchen. Da nehme ich die Verantwortung, die quasi als Dreingabe kommt tatsächlich gerne auf mich.

Und was ist daran nun italienisch? Die Frage ist berechtigt, denn als ich heute morgen mal wieder meine Bahnen im Pool zog, wollten sich meine Gedanken partout nicht auf die Arbeit einlassen. Ich bemerke jedoch, dass sich einige Konzepte, an denen ich schon länger brüte doch zu verfestigen beginnen, personelle Entscheidungen getroffen wurden, die nun umgesetzt werden müssen und insgesamt wieder deutlich mehr Lust auf die Aufgaben vor mir entstanden ist. Die Bahnen im Pool zwischen 09:30 und 10:30 werden mir dennoch fehlen. Ebenso wie die immer wieder eingestreuten Impressionen von unseren Ausflügen. Es ist schon so, dass wir in diesem Teil der Toskana mittlerweile mehr als nur ein bisschen suchen müssen, um noch “Sehenswürdigkeiten” zu finden, die wir nicht schon kennen. Allerdings will ich gerne zugeben, dass es manche Orte gibt, die ich immer und immer wieder anschauen kann und will. Aber ab und zu muss man auch einfach mal ein bisschen cruisen, um jene besonderen Augenblicke (im wahrsten Wortsinne) erleben zu können, für die die beste Ehefrau von allen und ich so gerne herkommen (und mittlerweile auch unsere Kinder)…

Und dann fließen alsbald auch wieder die Ideen. Natürlich nicht nur für die Arbeit, denn das wäre – pardon, wenn ich so offen bin – pure Verschwendung. Es gibt so viele andere Dinge in meinem Leben, für die ich ebenso nach frischen Ideen suche. Manchmal muss ich mich allerdings in der Tat selbst an Folgendes erinnern: Wir arbeiten, um zu leben, nicht etwa umgekehrt! Was nicht bedeutet, dass ich nichts leisten möchte. Man lernt nur, dass Leistung und Zufriedenheit nicht immer das Gleiche sind; und dies auch nicht sein müssen. Also bekämpfe ich in den letzten drei Tagen des Urlaubs meine Wehmut (und evtl. auch die meiner Lieben), indem wir nochmal rumfahren und Sachen bzw. Orte anschauen. Ich habe Hoffnung, dass auch das Vertraute mich nochmal inspiriern wird. Ihr werdet es ja hören…

Oggi è Ferragosto – Neue italienische Geschichten N°8

Sonntag der 15.08 – Ferragosto. Durchhaus nicht ganz unwichtiger Feiertag in Italien. Hauptferienzeit; auch für die Italiener selbst. Wir hatten vorgesorgt und am Donnerstag für fünf Tage eingekauft, was bedeutet, dass wir uns ein dezentes Bisschen eingeigelt haben. Gestern ein kurzer Ausflug nach Cartaldo Alto, ansonsten Pool, Pool, Pool. Bei derzeit dauerhaft Temperaturen bis 40°C auch das einzig Vernünftige. In den nächsten – leider letzten – Tagen unseres Urlaubs sollen die Werte auf erträglich 31°C zurückgehen. Mein Vermieter fürchtet auf Grund des Regenmangels mittlerweile allerdings um seine Ernte. Verdammte Axt – ich liebe seinen Wein und sein Öl. Wenn man seine Augen und Ohren offen hält, kann man es überall bemerken: Unsere Welt verändert sich, Gewissheiten fallen, eine nach der anderen; und auf Fratzenbuch feiern die “Besitzstandswahrer” Urständ – vollidiotisches Pack. Was soll’s. Aufregen schadet nur meinem Blutdruck…

Gestern Abend durfte ich zum ersten Mal diesen August eine (höchst beeindruckende) Perseide beobachten; oder besser gesagt das Lichtspektakel, welches die Himmelsstaub-Brösel beim Atmosphären-Eintritt veranstalten. Der Volksmund sagt ja, dass man sich was wünschen darf, wenn man eine Sternschnuppe sieht. Meine beste Ehefrau von allen meinte, sie hätte sich nix gewünscht. Und sie hat viel mehr von den Dingern gesehen als ich. So viele, dass ich schon fast neidisch war. Sie meinte dann noch, dass es ja nix weiter als Physik sei, was man da sähe. So viel zum Thema “Frauen und Romatik”. Wobei man natürlich die Frage erheben darf, was es denn mit Romantik überhaupt auf sich habe? Denn so, wie ich das sehe, verbinden die meisten Leute mit dem Begriff vor allem die Darbietung von Äußerlichkeiten: Candlelight-Dinner, exklusive Geschenke, am besten an exklusiven Orten; Quality-Time-Zweisamkeit sozusagen.

Eigentlich ist die Romantik erstmal eine kulturgeschichliche Periode, die durch eine Abkehr von den zentralen Ideen und Idolen der Antike (welche die Rennaissance erfüllte hatten) hin zu einem stärkeren Selbsbezug des Individuums gekennzeichnet ist. [Vorlesung beendet]. Die allermeisten Menschen verwechseln einfach Sentimentalität und Romantik. Wenn die Geigen jauchzen, die Kerzen schimmern, das Essen vorzüglich mundet und der Brilli funkelt, ist Mann/Frau wesentlich geneigter, sich gewissen Avancen gegenüber aufgeschlossen zu zeigen. Man kann dann auch noch Tango tanzen (ist, wie eigentlich alle Tänze eigentlich auch nur ein Paarungs-Anbahnungs-Ritual), und die Beere ist geschält. Hat natürlich auch was mit Selbstbezogenheit zu tun. Das ritualisierte Werben um einen Partner für’s Leben wurde allerdings schon in der mittelalterlichen Minne vorbeschrieben.

Das Etikett ist also ein anderes, die Geschenke und Gebräuche mögen sich stark verändert haben; und füreinander in Versen singen ist nicht mehr so in Mode – Gottseidank muss man sagen, wenn ich mir so die Hiphopper und Rapper anschaue. Aber ein teilweise recht stark formalisiertes Tänzchen ist es immer noch, auch wenn manche heute den Code nicht mehr so leicht entziffern können, weil es neuerdings überall von neuen Männern, Feministinnen und genderunsicheren Wesenheiten zu wimmeln scheint. Man verstehe mich nicht falsch – es soll wirklich jeder*inx nach sein*x Facon selig werden. Das macht es allerdings für die Generationen nach mir um einiges komplizierter, ans Ziel der romatischen Bemühungen zu kommen. Das ist ein Teil des Preises, den wir für die weitergehende Individualisierung und Partikularisierung unserer Gesellschaft bezahlen müssen.

Ein alter Kollege von mir hat mal gesagt, Zyniker seien enttäuschte Romatiker. Ich kann diesen Vorwurf nicht ganz von mir weisen, obschon ich meine beste Ehefrau von allen gefunden habe. Was andere Dinge angeht, hat ja aber jeder von uns so einen Friedhof voller unerfüllter Träume im Hinterkopf, der uns dann und wann schwermütig werden lässt. Manche öfter (mich), andere weniger oft. Entscheidend ist dabei vermutlich, verstehen zu lernen, dass das, was wir als Romantik begreifen eben Sentimentalität ist – und Gefühle einem steten Wandel unterzogen sind, so wie die Welt, in der wir alle leben. Alles ist im Fluss. Eine andere Kollegin von mir sagt immer “Am Ende wird alles gut; denn wenn es noch nicht gut ist, ist es noch nicht das Ende!” (Danke, Maren). Man könnte das als Zynismus abtun. Oder es als das verstehen, was es tatsächlich ist: eine Liebeserklärung an das Leben, gleich wie verkorkst es manchmal auch sein mag. In diesem Sinne, Buona Ferragosto.

Superstizione non necessaria – Neue italienische Geschichten N°7

Freitag der Dreizehnte! Oh mein Gott, Unheil wird geschehen! Ich werde… ich werde… ich werde doch noch nicht arbeiten dürfen! VERDAMMNIS…. [Ironie off] Wer von euch glaubt denn bitteschön, dass ich schon Urlaubsmüde sein könnte (schaut euch die verdammten Fotos an, mehr muss man nicht wissen!). Was jedoch das andere angeht: Ich denke ja, dass der Aberglaube heutzutage nicht mehr eine so große Rolle spielt, wie das vielleicht noch vor ein paar Jahrzehnten der Fall war. Oh, nein nein, ich glaube nicht, dass die Menschen klüger oder aufgeklärter wären, als ehedem. Aber sie haben seit einer ganzen Weile eine Ersatzreligion für das Hor(r)o(r)skop entdecken dürfen: Antisocial Media. Egal ob es früher Freitag der Dreizehnte, Schwarze Katze am Morgen, niemals unter Leitern durchgehen, oder der böse Blick der Nachbarn war – heutzutage sind die Aluhuten nur einen Mausklick entfernt direkt hinter Fratzbuchistan zu bestaunen. Wer braucht da noch altmodische Sternendeuter…?

Viel zu oft lassen wir Menschen uns unser Denken und Fühlen von Fremden diktieren, ohne dies wirklich zu reflektieren. Zweifelsohne gibt es äußere Einflüsse, die für uns gut sind: manche (bei weitem nicht alle!) Verwandte, Freunde (zumindest jene, die lange Zeit unsere Freunde bleiben) wohlmeinende Lehrer, manche Kollegen, etc.; und bei mir natürlich die beste Ehefrau von allen! Die meisten Antisocial-Media-Kontakte zählen jedoch nicht dazu; und das inkludiert explizit auch manche Menschen, die wir im realen Leben kennengelernt haben. Andere versuchen oft genug, uns dazu zu verleiten, ihre Ansichten zu übernehmen. Und manche Ansichten sind es ja auch wert, bedacht oder gar adaptiert zu werden. Jene von irgendwelchen faktenresistenten Dogmatikern mit DummTube-Uni-Abschluss jedoch nicht. So wenig, wie ich mir mein Leben vom Horoskop diktieren lasse, nehmen jene Menschoiden Einfluss auf mich, die andere gerne als “Schlafschafe” bezeichnen. Manche Tore darf man getrost und ruhigen Gewissens durchschreiten. Andere jedoch sollte man meiden, wie der gute alte Luzifer das Weihwasser…

Wenn ich so meine morgendlichen Bahnen im obigen Pool ziehe, leert sich mein Geist soweit (meist bin ich dabei auch alleine und damit nicht gefordert, zu kommunizieren), dass ich tatsächlich wieder ein wenig zu mir finde. Das klingt jetzt ein bisschen nach diesen Scheiß Glückskeks-Sprüchen, oder. Keine Sorge, ich mutiere nicht zur Winke-Katze. Ist die falsche Ecke unserer Welt dafür. Aber ich stelle fest – und das ist für mich doch ein wenig beruhigend – dass Goethe Recht hatte: tatsächlich können mich an jedem Tag ein paar mehr Menschen am Arsch lecken. Und das sage ich denen auch! Harmonie bedeutet nämlich NICHT, es allen Recht machen zu müssen, sondern mit sich selbst im Reinen zu sein. Das ist schon kompliziert genug, da muss ich nicht auch noch den Dogma-Narzissmus irgendwelcher Internet-Grottenolme befriedigen. NO WAY…

Da genieße ich lieber, was sich mir momentan gerade direkt vor der Haustür bietet, und lasse den lieben Herrgott noch eine weitere Woche einen guten Mann sein. Hier ist alles vorhanden, was man dafür braucht. Und an die Hitzewelle haben wir uns mittlerweile auch gewöhnt. Außerdem kann ich dem Sangiovese für den Wein unseres Vermieters beim Wachsen zuschauen. Die Beeren haben in den letzten 10 Tagen ordentlich zugelegt. DAS sind die einzigen Nachrichten, die im Moment von Belang sind. Buonasera…

Sole splendente – Neue italienische Geschichten N°6

Hitzefrei hätt’s da früher gegeben! Als ich heute Morgen um 09:15 an den Pool bin, hatten wir hier in der Nähe von Certaldo schon satte 28°C. Bis Mittag wurden daraus 40°C. Selbst für toskanische Verhältnisse ist das ziemlich fett, wie mir unser Vermieter versicherte. Man muss allerdings wohl dafür dankbar sein, dass es ausreichend Getränke zu kaufen gibt und dass wir besagten Pool haben; wobei sich gegen Abend der Sprung in selbigen eher anfühlt wie eine heiße Dusche, denn wie eine Abkühlung. Sei’s drum. Ich kann das derzeit getrost als Luxusproblem abtun, da ich bei solchen Temperaturen auch schon Sanitätsdroschke gefahren bin. Zum Beispiel im Jahrhundertsommer 2003. Da hielten meine damaligen Bosse Klimaanlagen in RTWs noch für überflüssigen Luxus.

Wir waren aber tatsächlich auch unterwegs. Montepulciano liegt auf ca. 600 Metern und da war es gestern Vormittag noch recht angenehm, auch wenn die Sonne natürlich gebruzzelt hat. Zunächst war ich ein bisschen pissed, weil doch tatsächlich mitten auf der Piazza Grande Bestuhlung und auf den Stufen des Doms noch eine Bühne nebst Dekoration herumstanden. Menschen auf meinen Fotos sind mir mittlerweile herzlich egal, solange sie nicht den Blick auf das eigentliche Objekt versperren. Aber sowas? Da regte sich in mir Ärger! Bis mir bewusst wurde, dass die Menschen, die hier leben, halt hier leben! Die sind keine Dekoration, nur weil ich Urlaub machen möchte, sondern diejenigen, die hier ihren Alltag gestalten müssen. Und dazu gehören halt nach 18 Monaten Pandemie auch mal Feste.

Mal davon ab, dass die Stadt trotzdem sehr hübsch ist und eine gediegene Rundumsicht bis zum Lago Trasimeno im benachbarten Umbrien bietet, war ich durch diese Gedanken wieder versöhnt mit dem Ausflug. Zum einen, weil Knipsen nicht alles ist (auch, wenn ich es gerne tue). Und zum anderen, weil im Urlaub (AUSSER AUF DER ANREISE!) der Weg das Ziel ist. Ich möchte bewusst erleben, was auch andere Wesen beinhaltet. Da waren gestern zwar sehr viele Menschen, und ich muss gestehen, ich hätte es mir ein wenig ruhiger gewünscht. Aber in einer so berühmten Ortschaft in der Hauptsaison haben sich das vermutlich auch alle anderen gedacht.

Ich bin manchmal wahrlich ein ungeduldiger Mensch. Auch heute noch, wo ich mich nun langsam der magischen Fünf vorne nähere. Das mag daran liegen, dass andere Menschen einfach super darin sind, einen rasend zu machen, weil der kategorische Imperativ ihnen verdammt nochmal schnuppe ist – und mir halt nicht! Aber bei solchen Anblicken und genügend Zeit zur raisonnieren lasse ich mir von meinem Temperament nicht den Urlaub versauen. Ich hoffe nur, dass ich ein winziges bisschen meiner gegenwärtigen Gelassenheit über den ersten Arbeitstag hinweg retten kann. Na ja, es ist ja noch Zeit. Wir hören uns.

Al mattino in piscina – Neue italienische Geschichten N°5

09:40. Der Pool ist angenehm kühl. Genau richtig, um den Tag nach einem kleinen Frühstück mit etwas Bewegung so richtig zu starten. Gegen 11:00, nach ca. 1,2 Km und kurzer Trockung in der Sonne dann zurück zum Appartamento. Könnte ich das, zumindest in der Frühlings- und Sommerzeit, in meinen alltäglichen Arbeitsrhythmus eintakten, wäre ich vermutlich erheblich ausgeglichener, als dies in den letzten 6 Monaten gelegentlich der Fall war. Ich befürchte zwar, dass ich meinen Arbeitgeber nicht für diese Form von Remote-Work begeistern könnte. Aber drei bis vier Monate im Jahr in der Toskana wohnen und arbeiten, das hätte schon was. Für’s erste werde ich mal versuchen, eine Vereinbarung über einen Tag Home-Office bzw. Remote-Work pro Woche zu erzielen. Das wird schon schwer genug.

Nicht alle Tage beginnen hier so. Manchmal machen wir ja auch Ausflüge. Gestern haben wir die Gegend um Gaiole in Chianti erkundet. Die Stadt selbst ist nicht so ein Juwel, wie etwa Siena oder San Gimignano. Es gibt aber ein paar Flecken in der Region, die sehr hübsch sind. Und, wie der Name der Stadt schon sagt – sie liegt mitten im Chianti, jener sagenumwobenen Weinbauregion, die den Hahn als Wahrzeichen hat. Also haben wir natürlich auch was zum Probieren mitgenommen (wenn man mit dem Auto unterwegs ist, sollte man sich das mit der Weinprobe gut überlegen, da versteht die Polizia Stradale keinen Spaß). Eine Station war Castello Meleto, Die Burg ist hübsch (man kann da wohl auch Zimmer mieten) und der Chianti Classico lecker…

Vertine hingegen ist eigentlich “nur” ein Stadtteil von Gaiole. Allerdings ein, meiner Meinung nach höchst sehenswerter. Man kann hier keinen Wein verkosten, aber es gibt, wenn wir die Schilder richtig interpretiert haben, Fremdenzimmer. Aber auch eine Stippvisite lohnt sich, denn das kleine Örtchen ist wunderschön – und die Aussicht überragend.

Überhaupt ist die Gegend zwischen Castellina in Chianti und Gaiole mehr als eine Tagestour wert: Badia a Passignano, Montefioralle, Panzano, Radda, etc. Die Landschaft ist einfach wunderschön; Weinberge und Olivenhaine wechseln sich ab mit kleinen Wäldchen, es wird nie eben, und die Straßen schlängeln sich mal auf den Hügelkämmen, mal durch die Täler. Dazu gibt hinter jeder zweiten Ecke was zu sehen. Vorausgesetzt, man möchte sich die Zeit nehmen. Was mir aufgefallen ist: die Touristenaktivität ist fast wieder auf dem Niveau anderer Jahre. Da denkt man natürlich schon mal kurz an Corona. Allerdings halten sich die allermeisten auch hier an die üblichen Regeln. Deshalb bleibe ich dennoch angstfrei. Zudem wir eigentlich fast nur im Freien unterwegs sind. In diesem Sinne auch den daheim Gebliebenen schöne Tage. Wir hören uns bald wieder.

Incompresioni comprese – Neue italienische Geschichten N°4

Was man manchmal sagt: “Ich glaube, wir haben einen Zielkonflikt.” Was verstanden wird: “Du bist blöd und kannst nix!” Immer und immer wieder. Die beste Ehefrau von allen und ich machen da keine Ausnahme, denn – TADA – Watzlawicks drittes Axiom, auch bekannt als “Der Empfänger macht die Botschaft!” ist immer und überall gültig. Letzten Endes muss man sich einfach damit arrangieren, dass die Dinge manchmal nicht so laufen, wie man sich das vorgestellt oder gewünscht hat. Denn auch im Uralub ist das Leben halt manchmal nur ein Ponyhof mit lauter mies gelaunten, störrischen, schnappenden Ponys – und dazu passenden Reitern. Was beim Einkaufen und in Orten mit Sehenswürdigkeiten häufig zu Hindernisparcours führt, kann im Urlaubszuhause zum Culture-Clash degenerieren, wenn unterschiedliche Vorstellungen aufeinanderprallen.

Dazu muss man folgendes Wissen: die Urlaubsgestaltung unserer Familie inkludiert eine Menge Dinge: gemeinsame Mahlzeiten, ganztäglich gelegentliche Spiele und gewisse abendliche Rituale für die Kinder, den einen oder anderen Ausflug, um sich Dinge anzusehen, viel Zeit am Pool, Lesen, Schreiben, etc. Nur eines kommt darin wochenlang nicht vor: Fernsehen. Zumindest für die Eltern. Die Kids dürfen sich Sonntags abends die Sendung mit der Maus streamen, das ist quasi Pflichtprogramm. Aber ansonsten bleibt die matte Scheibe schwarz. Das tut sie im Sommer sowieso sehr häufig. Was dazu führt, dass man auf sich selbst und seine Lieben zurückgeworfen ist. Und dann muss man sich miteinander befassen…

Es ist mitnichten so, dass wir uns nach über 27 Jahren nix mehr zu sagen hätten. Nur manchmal hat man keine Lust, den eben abgelaufenen Tag noch mal durchzukauen. Insbesondere, wenn nichts besonderes war. Gottseidank teilen wir auch schon immer ein für mich sehr wichtiges Hobby: Pen’n’Paper-Rollenspiel. JA super, da kann man doch einfach ein bisschen one-on-one zocken und die Beere ist geschält! ODer? ODER…? Habe ich rwähnt, dass Watzlawicks drittes Axiom…? Nun jedenfalls war es eine blöde Idee, Kritik zu üben und vielleicht ein bisschen zu drängeln. Ich bin halt eine ungeduldige Rampensau, wenn’s ans Zocken geht; das gebe ich offen zu. Aus der Haut komme ich allerdings auch nicht mehr raus. Und jetzt ist erst mal nix mehr mit Zocken.

Ich versuche das gelassen zu nehmen (und ich weiß, dass SIE dies hier liest). Aber irgendwie bin ich auch etwas enttäuscht; weil ich in der Geschichte eigentlich immer noch eine Menge Potential sehe. Ich hätte es halt nur schneller entwickelt. Aber wenn Kreative unterschiedliche Ansichten zu einer Geschichte vertreten, ist das legitim. Wer erinnert sich an meine Einlassungen zum Thema Buch und Film? So wie unterschiedliche Medien divergierende Erzählstrukturen fordern, sieht man u.U. verschiedene Aspekte beim Betrachten ein und des selben Stoffes, aus dem Träume gemacht werden. Ehrlich gesagt bin ich jedoch nicht Willens, Männchen zu machen; weil zu einem Streit immer zwei gehören. Zudem bin halt auch etwas alt und stur.

Also ist diesbezüglcih erst mal Funkstille. Solange das den Rest des Urlaubs nicht tangiert, soll’s mir Recht sein. Vielleicht arbeite ich dann doch an einer anderen Geschichte weiter. Auch wenn ich mir selbst ein wenig Unterhaltung als Konsument gewünscht hätte. So und jetzt ist genug gejammert auf hohem Niveau. Die TAge gibt’s mal Bilder. In dieem Sinne: Buonasera.

Risparmiare per la vechiaia? – Neue italienische Geschichten N°3

Wenn man durch die Gegend fährt, um Dinge zu besorgen (man erinnere sich, Einkaufen dauert hier etwas länger, weil man meist ein Auto dafür braucht), hat man Zeit zum Nachdenken. Ich weiß, dass viele Leute sich viel lieber dauernd die Hirnwindungen mit Musik zukleistern, während sie umherbrausen. Ich habe dieses Bedürfnis eher selten. Dafür führe ich manchmal Selbstgespräche. Ja, ja, schon gut; ich bin ein komischer Kauz. Es mag ein wenig abmildernd wirken, dass manche dieser Alleinunterhaltungen auch folgenden Inhalt haben können: “Fahr deinen Verf*****n B***koffer aus dem Weg, du versch******r W*****r!” Wer sich an “Die Osbornes” erinnert fühlt, hat Recht…

Alleinunterhaltung ist auch deswegen ein passender Begriff, weil’s mich tatsächlich unterhält. Es ist für mich eine Mischung aus hörbarer Introspektion und simulierten Gesprächen (nicht nur mit mir selbst, sondern Gott und der Welt, wobei Gott hier für alles Mögliche stehen darf – nur nicht für Gott. So schlimm steht es dann doch noch nicht um mich). Und weil ich mich auf dem Weg zu einem Konsumtempel befand, wanderten meine Gedanken zu den sogenannten Frugalisten, also diesen Leuten, die in ihren frühen Lebensjahrzehnten auf Teufel komm raus arbeiten und sparen, damit sie möglichst früh mit dem Arbeiten aufhören können. Klingt im ersten Moment spannend, oder?

Nun ist es so, dass die meisten Tipps der Frugalisten sich darauf beziehen, bei den drei Hauptausgaben zu sparen: nämlich a) Wohnen, b) Mobilität und c) Essen. Und schon kann ich eine Menge Leute laut lachen hören, weil die bei a) so ungefähr das gleiche denken, wie ich: wenn ich beim Wohnen sparen könnte, hätte ich das schon lange getan. Das verändert sich spätestens bei b), denn unfassbar viele Menschen halten ein Automobil immer noch für ein Statussymbol; oder kommen ohne schlicht nicht zu ihrer Arbeitsstelle. Und c)…? Nun ja, hier scheiden sich die Geister. Ich persönlich glaube ja, dass man beim Essen keine Abstriche machen müssen sollte, wenn es nicht unbedingt medizinisch notwendig ist. Aber das ist meine Meinung.

Was viele gar nicht thematisieren, ist das Thema Kinder. Und seien wir mal ehrlich: wenn ich mein Geld gerne schneller ausgeben möchte, als ich es verdienen kann, sind eigene Kinder ein exzellenter Katalysator. Von der allgemeinen Kinder- und Jugendfeindlichkeit unserer deutschen Gesellschaft (keine nennenswerten Investitionen in Bildung, Verweigerung erziehungsfreundlicher Arbeitsplätze, kein Platz für die Kids, um sich zu entfalten, UND DANN DIESE KINDERLOSEN AMATEURE; DIE GLAUBEN, SIE WÜSSTEN BESSER ALS ELTERN, WIE ERZIEHUNG FUNKTIONIERT, etc.) will ich hier gar nicht erst anfangen. Die beste Ehefrau von allen und ich haben Kinder, wir wissen also wovon wir reden, danke.

Ganz ehrlich – selbst wenn ich alleine wäre, passte dieses Modell nicht zu mir. Dazu bin ich einfach zu sehr Hedonist. Sich seine Freiräume auch neben der beruflichen Tätigkeit her zu schaffen und darauf zu achten, dass man die magischen 70% Leistung, die man recht gut dauernd abrufen kann nicht allzu oft überzieht, macht schon viel aus. Denn am Ende bleibt immer die Frage, was mir mein Frugalismus genutzt hat, wenn ich mit 42 an einem Infarkt versterbe… Ich für mein Teil bleibe also bei meinem Lebensplan: der ist einfach, denn ich habe keinen Masterplan und sorge halt einfach nur für die Eventualitäten vor. Ob’s genutzt hat, oder nicht, verrät mir am Ende das weiße Licht. In diesem Sinne, bis zur nächsten Folge.

meno è abbastanza – Neue italienische Geschichten N°2

Strandliegen-Urlaub. So sieht’s bisher aus. Abgesehen von zwei Ausflügen zum Einkaufen dreht sich unsere Welt im Moment um Pool und Prokrastination. So weit, so gut. Nun stehen die Dinge so, dass es wohl manche Menschen gibt, die damit (und dem Kampf-Strohhalmen alkoholischer Getränke aus Blecheimern) locker drei Wochen füllen können. Ist vermutlich ein evolutionär erworbenes Talent, mit weniger auskommen zu können; dass damit allerdings unbedingt weniger Futter für den Geist gemeint gewesen sein soll, will mir bis heute nicht recht einleuchten. Um der Ehrlichkeit Willen: wir saufen halt nicht aus Eimern, sondern aus Gläsern. Und ich kenne ein gutes Sangria-Rezept; auch wenn wir gerade in Italien sind.

Es gibt da so dieses oft aufgekochte Klischee vom Universitätshintergründigen Bildungsurlauber: tagsüber alte Steine, abends alte Reben. An dieser Stelle noch ein Geständnis: passiert uns manchmal auch. Diesen Urlaub brauchte es ein paar Tage, bis sich die Lust einstellte, mal was anzuschauen, aber wie die beste Ehefrau von allen kürzlich sagte – Urlaub muss auch Neues für die Sinne bieten. Im besten Falle Eindrücke, die einen zum Nachdenken, oder gar zur Kreativität anregen. Der persönliche, positive Nebeneffekt für mich ist, dass ich mich im Urlaub wesentlich mehr bewege, als zu Hause. Jeden Tag ein km im Pool, Spazieren gehen zum Knipsen, usw. Urlaub ist also gesund. Und abends sind es ja nur Gläser, keine Eimer…

Ich bemerke noch andere Prozesse an mir. Zum Beispiel eine gewisse Scheiß-drauf-Haltung beim Autofahren, die ich zurück in der bunten Republik dringend wieder ablegen muss. Man hält in Italien schon immer viel mehr von Gebrauch der Hupe anstatt dem des Fahrtrichtungsanzeigers, Abstand- oder Spurhalten sind mehr so Optionen, und in die engste Kurve passt noch ein Überholmanöver. Es hat genau vier Stunden gebraucht und ich fahre wieder, wie alle anderen hier auch – wie eine gesengte Sau. Dafür ist man kaum nachtragend, jeder macht sein Ding und der Verkehr fließt zumeist trotzdem halbwegs. Nur eine Sache werde ich wohl nie verstehen: Kolonne fahren und Reißverschlussprinzip kann auch hier keiner. Schwamm drüber. Alle anderen regen sich vermutlich genauso über die verfluchten Staus auf, wie ich.

Ich habe meine neue Kamera schon ein bisschen durch die Hügel rings um unser Appartamento getragen und bin gespannt, ob die Locations, die wir für die nächsten Tage ausgekuckt haben meinen rechten Zeigefinger auch so zum Zucken bringen. Manches kennen wir schon, manches noch nicht. Irgendwo schon mal gewesen zu sein, ist allerdings nicht unbedingt von Nachteil, denn neue Blickwinkel finde ich manchmal auch beim fünften Besuch noch. Keine Ahnung warum, und auch keine Ahnung, ob’s anderen auch so geht – aber manche Orte werden MIR einfach nie langweilig. Das widerspricht ein bisschen dem Wunsch meiner besseren 85% nach neuen Eindrücken, oder? Na ja, wir werden schon einen gesunden Mittelweg finden.

Weniger? Das einzige Weniger, dass ich bisher feststellen konnte, ist ein bemerkenswerter Mangel an negativen Stressoren. Ansonsten vermisse ich nix. Man kann auch mit etwas altmodischerer Ausstattung sehr bequem leben. Manchmal frage ich mich sogar, ob ich überhaupt so weitermachen will, wie bisher? Ob ich Karriere brauche? Ob mein Wort etwas gelten muss? Ob weniger nicht tatsächlich mehr sein könnte? Nämlich mehr Lebensqualität. Und ganz ehrlich – wenn ich nicht für eine Familie zu sorgen hätte, würde ich manche Entscheidung anders getroffen haben. Nun ist mein Leben, was es ist, und ich bin nicht der Typ, der vor Verantwortung davonläuft. Aber der Moment, da es wieder losgeht, ist genau jetzt unendlich weit weg. Das darf er – zumindest subjektiv – gerne noch länger bleiben. Buonasera…

coda sulle autostrada… – Neue italienische Geschichten N°1

Bevor irgendjemand jetzt gleich auf die unselige Idee kommt, meine Familie und mich verdammen zu wollen weil wir, Corona zum Trotze ins Ausland gereist sind – geht doch einfach mit den Zwiebeln spielen! Wir sind in der Toskana in einem Selbstversorger-Appartment auf einem Agriturismo (Wein und Oliven), den wir schon von früher kennen. Deshalb war es möglich, mit dem Gastgeber eine Übereinkunft zu treffen, die eine flexible Absage möglich gemacht hätte. Nun ist die Situation aber nach wie vor entspannt. UND ICH BRAUCHE DIESEN URLAUB SO SEHR WIE NOCH NIE IN DEN LETZTEN JAHREN! Also geht zum Jammern in den Keller. Herzukommen war anstrengend und schwierig genug, da brauch ich nicht auch noch Moralisten-Vibes. Insbesondere, wenn man den Umstand in Betracht zieht, dass wir satte 4,5h in Staus haben liegen lassen (Gotthard, Gernzübergang Chiasso, immer wieder auf der A1 von von Mailand bis Florenz) und ich deshalb erst gestern abend gegen 21:00 meine ersten 700 Meter im Pool schwimmen konnte. Immerhin – dafür gab es neben dem Pool noch Eis, Pizza, Prosecco und eine große Mütze voll Schlaf.

Ansonsten funktioniert hier alles, wie in Deutschland auch: mit Tests, Abstand und Maske. Was für Deutsche gewöhnungsbedürftig sein mag, ist für mich mittlerweile einfach ein tolles Feature: Sonntags Vormittags im COOP einkaufen gehen können; ist hier in der Urlaubszeit möglich. Allerdings geht hier alles nur mit dem Auto. Da muss man sich vorher schon genau überlegen, was man alles braucht, damit man nicht umsonst Sprit verbrennt. Dafür ist schon die Fahrt ein Erlebnis, denn unser Anwesen liegt am Ende einer ca. 2 km langen Staubstraße (im Moment wortwörtlich zu nehmen) durch die Hügel nahe Certaldo. Ich habe mich ehrlich gesagt gestern über die Staus und die Warterei tierisch aufgeregt. Die mir gegenüber getroffene Feststellung “Der Weg ist das Ziel!” hätte gestern u. U. zu Toten geführt. Heute jedoch… ist alles eitel Sonnenschein. Und das sogar mit Gewitter am Vormittag. Die Grillen Zirpen, die Landschaft duftet auf diese besondere Art, die Sonne scheint wieder und heute Abend wird der Grill heiß und der Wein kühl sein.

Zu sich kommen (nicht im medizinischen Sinne) ist für mich, erkennen zu dürfen, dass es wenig braucht, um sich als Mensch fühlen zu dürfen. Auch wenn man dafür manchmal einen etwas längeren Weg gehen – bzw. fahren – muss. Das mag ökologisch nicht 100% einwandfrei sein, aber immerhin ist das Auto bis unters Dach beladen => hohe Effizienz. Manche Leute faseln immerzu irgendwas von Erholungsdruck im Urlaub, weil sie meinen, etwas Besonderes tun oder erleben zu müssen – und bei der Jagd nach diesem Moment übersehen, dass er sich eben schon realisiert hat. Z.B. in einem schönen Blick aus der eigenen Appartmenttür, den man schon morgens beim Frühstücken genießen kann. In der Möglichkeit, Abends, wenn alle anderen ihr Ding machen, noch mal ein paar 100 Meter im Pool schwimmen zu können. In Raubvögeln, die am Tage über der Zufahrtsstraße kreisen und scheuen Rehen, die abends am Waldrand stehen. Im Geruch der Landschaft. Es ist dieser Geruch, der für mich eine spezielle Bedeutung hat: nach Hause kommen. In diesem Sinne bin ich nun gesegnet

Die nächsten Tage werden mit dem gefüllt, was keinem besonderen Zweck dient – außer, noch mehr zu sich selbst zu kommen. Mal ein Nicht-Fachbuch lesen. Schöne Sachen anschauen und knipsen bis der Auslöser glüht. Kochen und Essen. Bloggen (sorry, aber es wird noch mehr kommen). Runterkommen. Und jeden Tag schwimmen. Alles zusamen genommen: hart prokrastinieren! In diesem Sinne sind es keinen neuen italienischen Geschichten. Obwohl, wer weiß schon, was sich in den kommenen Tagen und Wochn ereignet. Ich freue mich drauf. Mehr kann man sich doch gar nicht wünschen, oder…?

The networked mode – what about groups?

Dieser Tage saß ich abends mit der besten Ehefrau von allen bei geistigen Getränken auf dem Balkon und wir parlierten so über dies und das. Irgendwann kam das Gespräch darauf, dass es mich ein wenig amüsieren würde, dass bei einer Fortbildungsveranstaltung in der Vorstellungsrunde alle TN auf ihre beruflichen Funktionen rekurriert haben, um sich den Anderen zu präsentieren. Und das es mich grundlegend irritieren würde, dass Menschen so sehr auf dieses Distinktionsmerkmal “Beruf” fixiert seien. Die Replik meiner Gattin war eine Frage: wodurch sollten sie sich denn sonst definieren? Und so ganz unrecht hat sie damit ja auch nicht. Denken wir das ganze mal in Gruppenprozessen, geht es neben der Distinktion der eigenen Person von Anderen ja auch um die Zugehörigkeit zu einer Peergroup. Und da wir nicht mehr in marodierenden Nomadenstämmen durch die Gegend ziehen, um dann in Clans gegeneinander Krieg um Land und Vieh zu führen, ist die eigene Berufsgruppe als Platz der Zugehörigkeit ein dankbarer Ersatz. Man muss dafür halt auch niemandem den Schädel einschlagen…

Das Problem mit Gruppenprozessen aller Art ist, dass sie in der Folge nicht selten dazu verführen, um der Zugehörigkeit in der eigenen Peergroup Willen Dinge zu tun, die nicht ganz so schön sind. Eine auch heute noch beeindruckende Beschreibung solcher Prozesse lieferte Norbert Elisas in seinem (mittlerweile wohl als Klassiker der Sozialwissenschaften betrachteten) Buch “Etablierte und Außenseiter” von 1965. Merkmale der eigenen Gruppe werden dabei als positiv stilisiert, Merkmale anderer Gruppen hingegen abgewertet, um einerseits den subjektiven Wert der eigenen Gruppe zu erhöhen und andererseits durch den daraus entstehenden Konformitätsdruck (“Willst du drin sein, oder draußen?”) den Zusammenhalt zu steigern. Eine Gruppe wird so zu einem selbsterhaltenden sozialen System (Autopoiese), dass allerdings – sofern der oben beschriebene Mechanismus wirksam wird – die Betonung des Andersseins gegenüber anderen Gruppen für die eigene Kohäsion benötigt. In der Folge kann es z. B. zur Stigmatisierung der Mitglieder anderer Gruppen kommen. Insbesondere, wenn die Gruppe, von welcher diese Art von Aggression ausgeht, die Mehrzahl der Menschen in einem Bereich stellt.

Doch, was hat das nun wieder mit Netzwerken zu tun? Betrachten wir zunächst die Beziehungen innerhalb einer solchen Peergroup, weicht die Punktualisierung als zufällig emergierende soziale Verbindung mit u. U. unabsehbaren Auswirkungen und ungewisser Zukunft einer Ritualisierung, ja beinahe Formalisierung der Beziehungen – und in der Folge auch der genutzten Kommuniaktionsformen (Bro-Fist, Special Handshakes, Running Gags und Insider Gags, etc.). Ein weiterer möglicher Aspekt ist die Entstehung einer – vielleicht formellen, oft aber eher informellen – Rangordnung innerhalb der Gruppe. In der Folge kann es wiederum zu Machgefällen kommen, welche dazu führen, dass eine (Subjektive) “Elite” innerhalb der Gruppe Macht über die anderen Mitglieder erlangen und schließlich Herrschaft über diese ausüben könnte. Nun kann man Herrschaft über andere Menschen allerdings üblicherweise nur dann ausüben, wenn die Beherrschten die Beherrschung selbst legitimieren. Da innerhalb einer Peergroup jedoch Konformitätsdruck herrscht, kann eine hinreichend gute Begründung (z.B. durch gemeinsame Feindbilder) für die eigenen Ziele so viel Zustimmung einwerben, dass der eben beschriebene Prozess in Gang kommt. Ein prominentes Beispiel ist die Vereinnahmung der AfD durch Nazis.

Gegenüber anderen Gruppen verändert sich dadurch natürlich das Auftreten. An die Stelle der (natürlichen) Suche nach Konsens mit anderen Gruppen durch öffentlichen Diskurs tritt die öffentliche Verneinung der Legitimation anderer Standpunkte ohne inhaltliche Diskussion; der eigene Standpunkt wird als “letzte Wahrheit” verabsolutiert und alles andere als schädlich verworfen (=> Grünen-Bashing). Was Stigmatisierung mit anderen Menschen macht, kann man exzellent an der Diskussion um Intergration in unserem Lande sehen. Es wird immer wieder dieser widerliche Begriff “Leitkultur” verwendet, bei dem nicht wenige Menschen so ein bestimmtes Bild im Hinterkopf haben: lauter weiße Menschen, Bierzelt, Schützenfest, Spanferkel “Mei, is des deitsch!”. Alternativ darf man natürlich die Reihenhaus-Vorstadt-Siedlung mit akkurat gestutzem Rasen und deutschem Markenfabrikat in der Auffahrt nicht vergessen. Was nicht in dieses Bild einer Mehrheits-Kultur passt, wird verachtet und demgemäß gedisst. Dass Kultur ein Prozess ist – nun ich habe es schon tausend Mal gesagt, und werde das gewiss noch tausend Mal tun – bedeutet jedoch, dass diese Bilder von der “guten alten Zeit” eine Illusion sind. Ein Schritt von vielen in der Entwicklung unseres Landes…

ACHTUNG: Gruppenprozesse sind mitnichten immer böse! Dass sieht man am kameradschaftlich-altruistischen Handeln vieler, vieler Menschen in den von der Flutkatastophe betroffenen Gebieten. Aber die beschriebenen Mechanismen können eben genauso wirksam werden – und sie tun dies jedesmal, wenn jemand Facebook aufruft, weil der Algorithmus dies begünstigt. Da kann man noch so viele Anti-Hate-Crime-Gesetze auf den Weg bringen. So lange asoziale Medien nicht anders strukturiert werden (und damit unrentabel für die Betreiber werden, weil der Algorithmus Werbeeinnahmen generiert), bleiben sie asozial. Das ist nur ein Netzwerk-Aspekt, aber damit wollen wir’s mal gut sein lassen. Peace

  • Elias, N.; Scotson, J. 2002: Etablierte und Außenseiter. Frankfurt/Main: Suhrkamp.