Erziehungsratgeber die 3.895.337.249te…

Ja. Kinder müssen erzogen werden. Zumindest über diese Annahme herrscht zumeist Einigkeit. Doch über das WIE… oh lieber Himmel, darüber wird mit einer Intensität gestritten, die den Verdacht immanenter Handgreiflichkeiten durchaus nahelegt. Würden sich die Protagonisten denn je begegnen. Aber online, da kann man sich ja mit Dreck bewerfen, bis der virtuelle Arzt kommt. Auf kaum einem Gebiet glauben mehr Menschen, über mehr Expertise als die anderen zu verfügen, als bei der Kindererziehung. Das einzige, was bei dieser oft grausig zu lesenden Dogmen-Reiterei evtl. in der gleichen Liga spielt, sind Impf-Gegner. Beides empfinde ich als ungefähr so charmant wie eine Zecke am Skrotum…

Wie Konsumenten meiner Beiträge wissen, lese ich gerne die Zeit. Dieser Tage war auch wieder ein Artikel zum oben genannten Thema dabei. Das Gesagte ist eigentlich nichts Neues, aber die Kommentarspalten haben es in sich. Da wird rhetorisch losgeschlagen, dass es echt eine Augenweide ist; zumindest, wenn so wie ich wohlig-masochistisches Vergnügen beim Fremdschämen verspürt. Der Inhalt selbst erinnerte mich an eigene Erfahrungen mit jungen Erwachsenen (ich arbeite auch im Bereich der beruflichen Bildung). Ich habe nicht selten den Eindruck, dass die Ich-Zentriertheit zu und die verfügbare Empathie im gleichen Maße abnimmt. Könnte eventuell daran liegen, dass das Vermitteln der Regeln des Zusammenlebens in mancher Eltern Erziehungs-Agenda keinen so hohen Stellenwert genießt, wie das Ermöglichen größtmöglicher freier Entfaltung des Kindes.

Nicht dass wir uns hier falsch verstehen: die Persönlichkeit eines Kindes entwickelt sich in freier Entfaltung; es braucht aber, komplementär dazu ebenso sehr nicht verhandelbare Grenzen, deren Überschreitung Sanktionen nach sich zieht. Zur Vermeidung von Missverständnissen: das inkludiert explizit nicht die regelmäßige körperliche Züchtigung des Kindes. Ich glaube, darüber muss man nicht streiten. Sehr wohl aber streiten muss man heute  anscheinend über die Frage, ob man Kinder (und auch junge Erwachsene) manchmal mit der normativen Kraft des faktischen konfrontieren muss: „Nein, das geht so nicht!“. „Nein, das war/ist so nicht gut!“. „Nein, das darfst du nicht!“. Und so weiter, und so fort. Ich meine, auch hier kein Problem zu sehen. Kinder und Jugendliche müssen scheitern können, an Grenzen stoßen können, zurechtgewiesen werden können, ohne dass irgendjemand mit einem erhobenen Zeigefinger hinter mir her rennt.

Wir tun m.M.n. unserem Nachwuchs keinen Gefallen, wenn wir denen dauernd alles durchgehen lassen. Der Mangel an negativem Feedback wirkt nämlich als positive Bestätigung, wo ein „Kannste schon so machen, aber dann wird’s halt Kacke!“ deutlich angebrachter wäre. Aber was weiß ich schon? Hab‘ ja nur Bildungswissenschaft studiert. Schönes neues Jahr und so…

Böllerkulatio Praecox…

…oder der vorzeitige Knallerguss ist ein im Moment wirklich häufig zu beobachtendes Problem. Hat wahrscheinlich damit zu tun, dass unsere Gesellschaft kollektiv zu einem ADS erzogen wird. Immer mehr snipets of news, of gossip, of horror, of beautytips, of whatever… in immer kürzerer Zeit produziert, publiziert, rezipiert – und vergessen, weil belanglos. Die Muse, einen längeren (und bitte auch gehaltvollen) Text zu lesen, um sich dann die Mühe zu machen, diesen zumindest zu verstehen zu versuchen ist eine Kunst, die auf Verzicht beruht. Und zwar dem Verzicht auf Nebensächliches, auf schnelle Bedürfnisbefriedigung und Action. Aber um auf dieses Level von Coolness zu gelangen, muss man auf die Oberflächlichkeiten verzichten können.

Mit den Böllern ist es genauso. Die knallen schnell und irgendwie ist das Spiel mit dem Feuer als unmittelbarer Spaß ein Sinnbild für die Vergänglichkeit; für den Böller gilt: eben noch rot, jetzt schon tot. Dass es dem Anwender bei unsachgemäßer Verwendung ebenso gehen kann, ist vermutlich eher Ansporn denn Warnung. Ich will Spaß, ich geb Gas. Dieses Motto und das dazu gehörende Lebensgefühl scheinen jetzt wieder „IN“ zu sein. Jetzt leben, auf die Konsequenzen scheißen, Spaß haben und nach mir die Sinnflut.

Klingt das jetzt bitter. Vielleicht ein bisschen, aber üblicherweise halte ich es gerne mit Voltaire: „Mein Herr, ich teile Ihre Meinung nicht, aber ich würde mein Leben dafür einsetzen, dass Sie sie äußern dürfen.“ Gilt auch für die Böllerwerfer. Ich hatte die Tage auf Facebook schon in einer Diskussion meinen Senf dazu gegeben und ich möchte meine Äußerungen wie folgt subsumieren: es ist unser gutes Recht unvernünftig zu sein, auch wenn dies anderen nicht gefällt; sofern wir dabei niemandem Schaden zufügen. Quasi also Kant reloaded. Nerven tut das Dauergeballer seit dem 27.12 aber schon… Guten Rutsch, ihr Menschen!

Vom Altern…

…kann ich noch nichts berichten. Dazu fühle ich mich zu jung. Was andere darüber schreiben (ihr wisst, ich lese gerne die Zeit), finde ich in Anbetracht der Alter der Autoren ehrlich gesagt lächerlich. Die sollen sich lieber Gedanken machen, was Sie mit der vielen Zeit, die sie noch haben alles anfangen können. Aber über das Altern des Jahres weiß ich etwas zu sagen. Mir kommen die Tage zwischen Heiligabend und Sylvester immer wie ein kollektiver Rite des Passage vor; ein langes Innehalten, bevor das neue Jahr uns mit einem oft Katergeschwängerten Stoßseufzer abermals in der Strom des Tun-Müssen fortreißt. Ein Ritual, dass von Vorsätzen (meist für die Katz), einem letzten Abfeiern des Alten (war auch schlimm genug) und der Hoffnung auf das Neue (wahrscheinlich wieder für die Katz) gekennzeichnet ist. Und dass mich immer wieder ratlos zurücklässt: wozu das Ganze?

Natürlich muss man die Feste immer feiern bis man fällt… oder so. Aber wäre es nicht sinnvoller, wenn jeder seine eigenen, individuelle Rites de Passage dann feiern würde, wenn diese auch tatsächlich anstehen? Und nicht etwa zu einem quasi willkürlich festgesetzten Termin. So nach dem Motto:

Zack Bumm, Jahr rum! Sauf dich heiter, morgen geht’s weiter!

Ja, ja, ich weiß, dass würde natürlich dem sozialen Aspekt des Menschseins kaum gerecht werden, findet man doch in der Jahresend- (oder ist es nicht eigentlich eher eine Jahresanfangs-) Feier einen guten Grund, zusammen zu sein und das Miteinander zu zelebrieren. Wie schon sieben Tage vorher, an Weihnachten. und weil das da so gut klappt, macht man gleich weiter… OK, jetzt bin ich gerade ein bisschen zynisch. Ich gebe zu, dass wir alle diese Momente des Miteinanders brauchen, um uns unserer Selbst zu vergewissern. Denn kein Mensch ist etwas, ohne die anderen Menschen, die um ihn herum diese Netzwerke bilden, die wir soziale Welt nennen. Wir erden uns, verorten uns auf’s Neue und bereiten uns  vor. Werfen – zumindest symbolisch – die Last des Alten ab, um Platz für die neuen Lasten zu machen, die uns mit Sicherheit entlang des Weges erwarten.

Da muss man einfach mal feiern, dass man wenigstens etwas geschafft hat. Da muss man mal aus seiner üblichen Haut raus und „einen draufmachen“. Letzten Endes ist Sylvester, genau wie das Gamen, oder der Karneval eine gesellschaftlich akzeptierte Form des Eskapismus, die uns Luft verschaffen soll, die Batterien wieder aufzuladen. Womit wir wieder bei der Frage wären: wozu das Ganze?

Wenn ich eskapistische Episoden brauche, um meine Batterien aufzuladen (und das gerne auch mit Freunden), warum muss ich dann auf irgendwelche Termine warten, die andere festgesetzt haben. Warum kann ich mich nicht einfach auf meine Instinkte verlassen, die mir durchaus sagen, wann es mal wieder Zeit ist. Ich muss nur hinhören. Und so gehe ich ins nun kommende Sylvester-Wochenende in dem Bewusstsein, dass ich – nun da mein Studium erstmal fertig ist – meine Kontakte und mich selbst dann Pflege wenn es nötig und genehm ist. Und wenn einer dieser Tage zufällig auch Sylvester heißt, so be it! Guten Rutsch!

Oldschool-Gamer?

Ich bin Gamer. Also in vielerlei Hinsicht zumindest. Ich schaffe es zwar nicht, regelmäßig die neuesten Games in Rekordzeit auf höchster Schwierigkeits-Stufe durchzuspielen – einen Tag nach erscheinen. Ich schreibe auch keine Rezensionen in irgendwelchen FanZines oder Fachzeitschriften. Und ich betreibe das ganze eher – wie sagt man doch gleich – casual. Ich nehme aber sehr wohl wahr, was sich auf dem Markt tut und schaue mir der einen oder anderen Titel an; und ab und zu spiele ich auch mal was zeitgemäßes und nicht nur Pen-and-Paper-Rollenspiel. Obwohl das immer noch meine ganz große Leidenschaft ist.

Gelegentlich stolpert man sogar in den verschiedensten seriösen Periodika über Artikel, die sich mit dem Gamen befassen; und die dann manchmal Aspekte ansprechen, die zumindest bedenkenswert erscheinen. In der Zeit zum Beispiel kam dieser Tage etwas, dass sich mit der Thematik von zu viel weißen, stereotypen heterosexuellen Helden befasste. Auf den ersten Blick interessant, weil es tatsächlich den Tatsachen entspricht, dass hierzulande ein sehr hoher Anteil an derartigen Protagonisten in Computerspielen unterwegs ist. Allerdings auch vollkommen irrelevant, weil Spiele ein kommerzielles Kunstprodukt sind, dessen Hauptaufgabe in Unterhaltung besteht. Wenn ich nun aber meine Unterhaltung daraus beziehe, mit einem knallhart meiner tatsächlichen Darreichungsform entsprechenden Typen loszuziehen, um massenweise was-weiß-ich-auch-immer für Feindbilder umzulegen, dann ist das mein Bier. Und das der Spiele-Hersteller. Wobei gesagt sein muss, dass der durchschnittliche Spiel-Charakter in besserer physischer Verfassung ist, als ich es je war, oder sein werde… Aber das mag ja auch ein Reiz sein.

Es stellt sich etwa anders da, wenn ich Rollenspiel betreibe. Das ist eine Art kollaborative Erzählung, in welche die Einflüsse aller Spieler ebenso einfließen, wie die zu Grunde liegenden Ideen des Spielleiters für Setting und Story. Nicht unbedingt zu gleichen Teilen, weil nicht jeder eine Rampensau ist. Doch bei einem Computerspiel ist es, wie beim Film auch: die Designer müssen im Rahmen des Kreativprozesses Entscheidungen treffen, die mit Sicherheit von Ihren eigenen ästhetischen Präferenzen geprägt sind. Alles andere wäre seltsam. Und auch, wenn ein Computer/Konsolen-Spiel einem natürlich, mehr oder weniger, die Illusion vorgaukelt, eigene Entscheidungen treffen zu können, bleibt der beschreitbare Weg doch meist auf einen Korridor von variabler Breite eingeschränkt, der bei der Schöpfung vorgeschrieben wurde.

Was für die Spielumgebung gilt, also Setting, Corestory und Plot, gilt ebenso für die Spielfiguren eines solchen Games: sie reflektieren einerseits den Geschmack der Entwickler, aber – insbesondere, wenn es sich um einen Top-Titel mit einem großen Budget handelt – vor allem den Geschmack des Mainstreams. Man kann sich jetzt natürlich darüber aufregen, dass der hiesige Mainstream, welcher aus zumeist männlichen, jüngeren, weißen Menschen besteht eben solche Protagonisten mag; und überdies auf Action, Gewalt, explizite Sexualisierung, etc. steht. Wenn man ein solcher Aufgeregter ist, könnte einem der Gedanke kommen, dass man diese Gamer zu besseren Menschen erziehen muss. Das klingt für mich allerdings nach Nazis, auch wenn jene, die sowas propagieren in der Regel links-grün-versiffte Gut-Menschen sind – wie ich auch!

Oder aber, man nimmt einfach zur Kenntnis, dass auch das Spielen von Videospielen mitunter den Charakter eines kontrollierten Regelbruches annimmt, dessen es ab und an bedarf um bei nächster Gelegenheit wieder als guter Mitmensch, Mitarbeiter, Ehemann und Vater funktionieren zu können. Und um es ganz persönlich auf den Punkt zu bringen – ich will keine Drag-Queens spielen, sondern knallharte Typen (und übrigens auch gerne Tussen) in deren Welt folgendes Credo gilt: „Wenn Gewalt nicht die Antwort ist, hast du die Frage falsch gestellt!“. Denn da lasse ich Dampf ab und am nächsten Morgen bin ich wieder der Nette… Au Revoir.

Feiertags-Blues…?

Ach Leute; ich kann doch nicht jedes Jahr den gleichen Sermon schreiben. Von Leuten, die bei der Hetze durch den Prä-Feiertags-Irrsinn aussehen, als wenn es jetzt nicht um Festtage ginge, sondern um Folter. X andere Schreiberlinge arbeiten sich doch jedes Jahr um diese Zeit an der Frage ab, warum wir uns (zumindest aus deren Sicht) nur noch um Konsum drehen und nicht mehr um den wahren Geist der Weihnacht? Was für sich betrachtet schon aus drei einfachen Gründen doof ist:

a) Ein nicht unerheblicher Teil der Bevölkerung verdient mit dem Konsum seine Brötchen => kein Konsum, keine Brötchen. Das wären doch wirkliche trübe Aussichten an Weihnachten

b) Die Geschenke, die wir kaufen dienen doch vor allem dazu, jenen, die wir gerne um uns haben eine Freude zu bereiten. Nicht jeder von uns kann gut basteln oder ist eine Kreativ-Granate wie meine Gattin. Was bleibt mir also anderes übrig, als das Problem, mit Geld zu bewerfen.

c) Gerade zu Weihnachten greift das schlechte Gewissen der Erste-Welt-Konsumtempel-Besucher wie eine Seuche um sich, welche die Geldbeutel öffnet und Spenden in die Säckel der Hilfsorganisationen spült. Wir wissen das, die wissen das; ist also ein Deal auf Gegenseitigkeit. Ich will hier jetzt lieber nicht von Ablasshandel sprechen…

Ob wir ökologischer, nachhaltiger, besser handeln könnten? Sicherlich! Ob wir mit Gewalt daran erinnert werden wollen? Sicherlich nicht! Insbesondere, wenn man bedenkt, dass existenzielle Sorgen von Menschen der ersten Welt vielleicht objektiv weniger drängend sind, da meist nicht wirklich das nackte Überleben bedroht ist. Subjektiv sind diese jedoch genauso schlimm, da wir Menschen stets mit dem Maßstab messen, den wir aus Erfahrung gut kennen. Und das ist nicht schlimm, sondern zutiefst menschlich.

Gönnen wir uns einfach den Luxus, für einen winzigen Augenblick die Welt Welt sein zu lassen und uns mit uns selbst zu befassen – und denen, die unser Leben erst lebenswert machen. Ist der Mensch in seinem Kern doch ein zutiefst soziales Wesen. Natürlich mache ich mich gerne immer wieder über die Macken meiner Mitmenschen lustig und ebenso natürlich treten diese immer besonders imposant zu Tage, wenn sie sich alle um Perfektion für das Fest der Feste bemühen. Obschon doch jedem mit etwas Lebenserfahrung klar sein muss, dass es diese Perfektion nicht gibt; bzw. sie sich in dem Moment verflüchtigt, da Onkel Y oder Cousin Z zur Tür hereinkommen,  getragen von dem beflügelnden Gedanken, endlich mal wieder eine dieser raren Gelegenheiten vor sich zu haben, den ganzen Rest der Familie mit ihrem Scheiß behelligen zu können. Oh du fröhliche…

Aber ist das wirklich so schlimm? Ist doch auch nur ein Mensch und immerhin erfüllt er oder sie einen Zweck als abschreckendes Beispiel. Ich versuche es zur Abwechslung mal mit heiterer Milde gegenüber den meinen und jenen, die es sein wollen. Wenn ich so darüber nachdenke, ist nämlich genau das der Geist der Weihnacht: Seinen Frieden zu machen mit den Menschen und Dingen, die einen sonst auf die Palme bringen. Im übrigen habe gar keine Chance, auf Feiertags-Blues, denn mir scheint die Sonne aus dem Arsch: Meine Bachelor-Arbeit kam zurück und ich habe mit Bravour bestanden. Wenn das kein Geschenk ist, weiß ich es nicht. In diesem Sinne wünsche ich allen friedvolle, heitere, leckere und fröhliche Weihnachten!

Digitales Schreiben ist schlechter?

Ich las neulich einen Artikel auf Zeit Online, der davon handelte, dass man mit der Hand schreiben müsse, um seine kognitiven und motorischen Fertigkeiten zu trainieren. Da stand, das handgeschriebene Texte stilistisch und argumentativ prägnanter wären, weil man sich mehr Zeit zum Überlegen nehmen müsse, weil einerseits das korrigieren so viel schwieriger sei, als beim digitalen Abfassen von Schriftstücken. Und weil die Arbeit mit dem Stift zudem die Hand-Auge-Koordination schult, was mutmaßlich zu einer besseren Vernetzung von motorischen und kognitiven Zentren führe.

Ein kurzes Querlesen der zitierten Studie der Universität Cadiz zeigt meines Erachtens eine Designschwäche: bei einer Grundgesamtheit von ca. 250 sind fünfmal so viele Testsubjekte mit handschriftlichen Unterrichtsnotizen dabei, wie Computerschreiber. Allein diese Mengenmäßige Diskrepanz ist ein Problem; ebenso wie die Tatsache, dass nur Universitätsstudenten getestet wurden, was die Verallgemeinerbarkeit auf die Gesamtbevölkerung doch deutlich einschränkt. Die Frage zum Beispiel, welchen Unterschied Gewöhnung und Erfahrung machen, wird hier überhaupt nicht aufgegriffen.

Ich empfand den Artikel deshalb als irritierend, weil ich es seit fast 20 Jahren gewohnt bin, mit der Tastatur zu denken und dabei eigentlich keine geistige Verarmung an mir wahrnehmen konnte, oder dies von anderen vorgeworfen bekommen hätte. Das kann natürlich bei anderen Menschen schon so sein; aber ich begann über die Motivation dahinter nachzudenken. Denn nicht immer soll man davon ausgehen, dass einfach nur ein Content-Loch im Kultur-Portfolio aufgefüllt werden sollte.

Ich finde es allerdings bemerkenswert, dass ein Medium, dass online veröffentlicht wird und dessen Redakteure höchstwahrscheinlich wesentlich mehr digital erledigen, als handschriftlich zu notieren öffentlich eine Lanze für die handschriftliche Abfassung von Texten bricht. So romantisch die Vorstellung der edlen Beförderung Humboldt’scher Bildungsideale auch erscheinen mag, stellt sich mir doch sofort die Frage nach der Möglichkeit zur Vervielfältigung. Handgeschriebenes wandert ja nicht auf magischem Wege zum Rezipienten und insbesondere Texte, die nicht nur für einen Rezipienten gedacht sind (und das sind heutzutage bei weitem die meisten) müssen im 21. Jahrhundert zwangsläufig den Weg ins Digitale finden, was zusätzlichen Aufwand bedeutet. Eigentlich ist das wenig sinnvoll.

Und dann tritt hinzu, dass auf die Körperhaltung beim SMS-Schreiben rekurriert wird. Noch deutlicher kann eine normative Geisteshaltung der Intoleranz gegenüber vermeintlich übermodernen Formen des Kommunizierens kaum zum Ausdruck kommen: „Unsere Jugend verblödet, weil sie keine Stifte mehr in die Hand nimmt“. Sorry ZON, aber ihr seid nicht zum Gestalten von Gesellschaft und Politik da, sondern zum Beobachten von Politik und Gesellschaft. Und neue Kulturtechniken sind den vermeintlich Etablierten ja stets Teufelswerk. Aber für eine Online-Zeitung ist das einfach nur Schizophrener Mist. Zu behaupten, dass das digitale Schreiben unsere Kreativität und kognitiven Fähigkeiten per se hemmt, ist Käse. Übt lieber noch mal mit der Hand…

Bildungsmisere reloaded

Immer dieses Gejammer. Jedes Jahr kommen die Bildungsforscher aus ihrem hohen Elfenbeinturm herabgestiegen, um dem Volke kundzutun, wie schlecht es um die Bildung der Jugend bestellt ist. Und jedes Jahr wieder fangen alle gemeinschaftlich an, die Bekanntgaben bis zum Erbrechen zu wiederholen. Stets ist vom Untergang des Abendlandes, dem Verfall der guten Sitten und dem Erliegen Deutschlands als Wirtschaftsstandort die Rede. Manchmal wird im Nebennebensatz auch mal darauf rekurriert, dass die Unterschiede vielleicht – zumindest teilweise – auf die soziale der jeweiligen Kinder zurückzuführen sein könnten. Entweder es ist PISA- oder IGLU-Zeit, aber eines ist sicher: unsere Art zu leben ist nun dem Tode geweiht…

Liest man die eben bekannt gegebenen Zahlen einmal etwas aufmerksamer, stellt man fest, dass sich die Situation innerhalb von 16 Jahren marginal zugespitzt hat (netto 3,2% Zunahme bei den besten und 2,0% Zunahme bei den schlechtesten Lesern im Grundschulalter). Spektakulär! Ich konnte jetzt keine absoluten Zahlen finden, sondern muss einen Artikel dazu zitieren, aber das sind ja mal richtig wilde Veränderungen. Doch was sagen uns die Zahlen und die Rezeption in den Medien?

Zunächst sollte man feststellen, dass schulische Bildungspolitik im föderalen Bundesstaat BRD auf Länderebene gemacht wird, was gewisse Verwerfungen und Ungleichheiten nach sich zieht. Auch wenn es Bildungsabschlüsse gibt, die bundesweit Gültigkeit haben, ist deren Vergleichbarkeit auf Grund der vielen verschiedenen Schularten, Lenkungssysteme und unterschiedlicher Qualifizierung der Lehrkräfte in Frage zu stellen. Bildungsforschung soll eigentlich helfen, solche Disparitäten durch gezielte Empfehlungen abbauen zu können. Diesem Anspruch wird Sie insofern gerecht, als stets klar benannt wird, das Investitionen in das Bildungs- und Erziehungswesen dringend ratsam wären. Nur dass der Staat ja eine schwarze Null braucht – um jeden Preis…

Man möge mir meine Polemik verzeihen, aber bevor irgendjemand den Soli abschafft, soll er die 30 Milliarden Spielraum bitte vollumfänglich in Bildung und Erziehung investieren; vom Kindergarten bis in die Uni. Denn was die Zahlen tatsächlich zeigen ist, dass alles planlose herumdoktern, halbherzige Überkleistern und zu oft parteiideologisch motivierte umbauen in Wahrheit nur den Status Quo zementiert hat. Anstatt einen Wurf zu versuchen, eine stringente Vision von Fordern und Fördern für alle Kinder umzusetzen hat man immer nur von Wahl zu Wahl gedacht und das Lehrpersonal immer wieder mit halbgaren Baustellen allein gelassen. Genauso, wie es auch mit der Sozialpolitik läuft. Nicht umsonst ist im gleichen Zeitraum auch der bereinigte Gini-Koeffizient in Deutschland um ca. 4% gestiegen.

Was soll Schule in Deutschland denn überhaupt? Einem Humboldt’schen Ideal von allseitiger Bildung des Individuums dienen? Nein, liebe Freunde: die Schule soll die Voraussetzung erzeugen, ihre Produkte möglichst leicht ins Erwerbsleben zu integrieren, vulgo einen stetigen Nachschub an Arbeitskräften für die Unternehmen zu erzeugen. Individualität, allseitige Bildung und Humanistische Ideale sind dabei eher hinderlich. Unter Bildungswissenschaftlern wird hierüber schon lange heftig diskutiert, aber auch bei Pädagogen hat sich allzu oft eine neoliberale Sicht der Dinge etabliert, die nichts mehr mit Bildung, sondern nur noch mit dem Broterwerb dienlicher Kompetenzerzeugung zu tun hat. Und genau deshalb ist auch das Geschrei in den Medien so groß. Es geht nicht um die Zukunft unserer Kinder, sondern um, die Zukunft unserer Wirtschaft. Über Klein-Paulas oder Klein-Ahmeds Lebenschancen zu reden stört bei so hehren Zielen nur.

Man kann’s drehen und wenden wie man will: diese Betroffenheit über PISA und IGLU ist Heuchelei, denn es liegt schon seit der neoliberalen Wende der Sozialdemokratie mit der Agenda 2010 in der Hand der Politik, die Dinge besser zu gestalten. Aber dazu ist Mut notwendig: der Mut, der Bildungskleinstaaterei ein Ende zu bereiten, der Mut dem Lobbyisten keine Mitsprache bei Bildungsfragen mehr einzuräumen und schließlich der Mut, von Ideologien Abstand zu nehmen. Vermutlich läuft es jedoch darauf hinaus, dass wir auch das wieder selbst in die Hand nehmen und anstatt auf funktionierende Makrostrukturen zu hoffen lieber gute Mikrostrukturen etablieren – womit wir allerdings wieder ein Vergleichbarkeitsproblem hätten. In jedem Fall müssen wir von dieser vordergründig betretenen Bigotterie weg – denn es geht um die Zukunft unserer Kinder. Aber eigentlich steht alles relevante im Grundgesetz in Artikel 7 und Artikel 12. Good bye, see you soon.

Entscheidungen treffen

Ist wohl eine dieser grausigen Modeerscheinungen, Menschen Ratgeber für alles und jedes verkaufen zu wollen. Es gibt ja nichts, wobei man Menschen nicht unterstützen muss. Vielleicht gibt demnächst auch mal jemand was über das richtige Sanitierens des Afters nach der Defäkation zum Besten. Auf Zeit Online, ein Portal, welches ich eigentlich ganz gerne besuche fand ich neulich einen Artikel, der ganz klar das Bauchgefühl beim Entscheiden auf’s Abstellgleis schiebt.

Entscheidungen treffen müssen! Eines der schlimmsten Übel, welches den Menschen seit seiner Befreiung aus der Sklaverei und den Zwängen purer Subsistenz heimgesucht hat. Zu viele Optionen, zu wenig Informationen, so ein Graus aber auch. Jedenfalls rät der Artikel zum sorgfältigen Abwägen, zum Pro- und Contra-Listen-Schreiben, zum Verkopfen und langsam Verdauen, so wie der Wüstenwurm aus Star Wars, der Han Solo und Luke Skywalker fressen soll.
Doch was ist mit dem Kairos? Der günstige Moment ist oft nur kurz, er ist selten einfach zu erkennen und reizt dennoch unsere Sinne. Wir treffen dabei gewiss auch mal schlechte Entscheidungen. Doch sind es nicht unsere Fehler und unsere Niederlagen, aus denen wir eigentlich am meisten lernen; die uns stählen und uns als Kompass für zukünftige Probleme dienen. Wir sind Menschen, wir können nicht immer gewinnen; und eigentlich müssen wir das auch nicht. Das Leben ist, entgegen der Ansagen der Marktradikalen Neoliberalen nämlich kein ständiger Kampf um Siege und ökonomisches Vorankommen. Im Gegenteil sind es auch die abenteuerlichen Umwege, die uns wichtige Erfahrungen und damit einen Gewinn für’s Leben bescheren. Doch das bleibt hier unberücksichtigt.

Natürlich gibt es Entscheidungen im Leben, die wohl abgewogen sein wollen. Aber diese stellen die Minderzahl dar. Ich persönlich fand es sehr erfrischend, einen Blick auf das Buch „Blink!“ von Malcolm Gladwell zu werfen, dessen Denkungsart Intuition einen wichtigen Anteil in unseren Entscheidungsprozessen einräumt. Wie so oft im Leben gilt, das wahrscheinlich die richtige Mischung über Wohl und Wehe entscheidet. Wer es bedächtiger mag, der liest „Schnelles Denken, langsames Denken“ von Danny Kahnemann. Der Artikel von ZON allein vermittelt ein falsches Bild. Guten Tag.

Ach ja, Weihnachten…

Allen Klischees von der wenig harmonischen Familienfeier zum Trotz scheint dieses Jahr die Adventszeit meiner mentalen Gesundheit zuträglich zu sein. Man kennt mich ja eher als sarkastischen Beobachter des Christfestes, aber steigendes Lebensalter scheint mich empfänglicher für die positiven Schwingungen der hohen Festtage zu machen. Es könnte aber auch daran liegen, dass Kinder den Blick auf die Dinge nach und nach verändern. Wo ich einerseits unduldsamer gegenüber der Blödheit vieler Mitmenschoiden geworden bin (und immer noch werde) habe ich andererseits mittlerweile eine gewisse Empfänglichkeit für die eher sentimentalen Dinge des Lebens entwickelt. Ob das nun eine Schutzfunktion meines Hirns gegen den ganzen kommunikativen Müll ist, oder Einbildung ist eigentlich Wumpe; Hauptsache, ich werde nicht zu lasch zu den ganzen Idioten da draußen, oder 😉

Es ist eigentlich nicht mein Stil, aber ich wünsche allen da draußen halbwegs friedvolle Adventstage und wahrhaft frohe Weihnachten. wir sehen/hören uns.

Ich möchte meinen Job lieben, aber…

Das Gesundheitswesen. Unendliche Weiten der Profilneurosen, des unreflektierten „Weiter so!“, der (mehr oder weniger gerechtfertigten) Arroganz, des (mehr oder weniger ausgeprägten) Helfersyndroms und des endemischen Mangels an Blick über den Rand des eigenen, kleinen Tellers. Insbesondere in der Rettungswelt ist auch heute noch ein beängstigendes Maß an Ignoranz für größere Zusammenhänge zu beobachten, welches der Beschleunigung der Gesamtmasse beim Anflug auf die Wand Vorschub leistet, an der die ganze Chose zerschellen wird… sehr bald zerschellen wird.

Ich wollte sachlich bleiben, ein wenig darüber referieren, wie es vielleicht möglich sein könnte, wieder auf eine gemeinsame Basis zu finden und Ideen in Angriff zu nehmen, die das Unheil abwenden könnten. Verschiedene Personen haben in den vergangenen Jahren Beiträge veröffentlicht, die eine Vorstellung davon vermitteln, wie man es besser machen könnte. Wie man zum Beispiel die knappen Ressourcen medizinischer Akutversorgung besser und gezielter einsetzen könnte. Wie man quasi mehr Gesundheit pro Euro erzeugen könnte. Wie man besseres Outcome bei weitestgehend gleichbleibendem Ressourceneinsatz erzielen könnte. Das Know-How und die Skills sind vorhanden und ehrlich gesagt bräuchten wir für vieles keine Unterstützung aus fachfremden Gebieten, da sich in der eigentlich doch recht überschaubaren Rettungswelt einige Persönlichkeiten entwickelt haben, die recht beeindruckende Fähigkeiten akkumulieren.

Und doch… und doch…! Noch beeindruckender ist leider die Beratungsresistenz nicht nur vieler Entscheider sondern auch vieler Kollegoiden, die nicht begreifen können oder wollen, dass ihre sorgfältig ausgebaute Nische ohne Wandel keinen Bestand haben kann; vielmehr keinen Bestand haben wird! Das bei gleichbleibend ineffektiven Ressourcenverbrauch das Rettungswesen mit dem Voranschreiten der demographischen Entwicklung spätestens Ende der 2020 vollkommen dekompensieren wird, zeichnet sich bereits jetzt ab. Und trotzdem werden Alternativen anscheinend nicht wahrgenommen, geschweige denn diskutiert. Worüber allerdings diskutiert wird, treibt mir dann endgültig die Schamesröte ins Gesicht.

Bei jeder sich bietenden Gelegenheit werden öffentlich (am liebsten auf Facebook) wahlweise die Handlungsweisen von Kollegen zerpflückt oder gar diskreditiert oder es wird sich auf’s Bitterste über die Feindseligkeit und Undankbarkeit der Patienten und Angehörigen beklagt. Würde man hier mit einem Mindestmaß an Zurückhaltung, Respekt, Konstruktivität und Augenmaß vorgehen, könnte man manches noch akzeptieren. Doch gerade bei der Analyse der Fehler anderer Menschen schießen meine Kollegen oft und gerne über’s Ziel hinaus, lassen jede Pietät und Professionalität vermissen, die sie sich doch so sehr in ihren Gegenübern wünschen. Oder geht es vielleicht doch nur um verletzten Stolz?

Ich habe gelernt, die Kommentarspalten sozialer Medien nicht mehr allzu ernst zu nehmen, weil eh jeder zweite nur noch trollt (wenn das langt…). Aber in den Äußerungen vieler Kollegen offenbart sich mittlerweile eine derart negative, aggressive Grundstimmung, dass man so manchem die Eignung zur Ausübung eines sozialen Berufes absprechen muss. Und genau das ist der Rettungsdienst: ein sozialer Beruf. Auch wenn viele das offenkundig nicht wahrhaben wollen. Vielleicht ist es eine Reaktion auf die – zumindest in Teilen – ebenso offenkundig asozialer werdende Gesellschaft. Aber wenn ich einen ethischen Standard einfordere, muss ich diesem auch selbst genügen und das ohne Wenn und Aber.

Momentan jedoch könnte ich an der unreflektierten, unreifen, unflätigen und unsozialen Art mancher Vertreter meines Berufsstandes verzweifeln und möchte mich einfach nur noch schämen. Und wenn ich ehrlich bin, weiß ich noch nicht, welche Schlüsse ich aus diesen Gefühlen ziehen soll. Dass wird schwer – aber wir sehen uns.