New Work N°27 – oldschool workethics…?

Ich nehme wahr, dass eine nicht unerhebliche Zahl an Artikeln in den Medien um die immergleichen Themen kreist: ist die Gen Z fauler, als andere Alterskohorten vor ihr? Und meine Standardantwort lautet: NEIN! Allerdings ist eine gewisse Differenzierung von Nöten, um zu verstehen, wie ich – allen Unkenrufen zum Trotze – zu dieser Einschätzung komme. Und es beginnt, wie so oft, mit den Lebensumständen, unter denen man vom Kindes- und Jugendalter in die Adoleszenz – und damit zumeist auch ins Erwerbsleben – übertritt. Wir Menschen neigen ja dazu, die eigenen Erfahrungen als allgemeingültig zu verabsolutieren; wenn man sich also auf eigene Erfahrungen beruft, oder noch besser auf “jemanden, den man kennt”, sind die daraufhin folgenden Ausführungen ziemlich häufig mit äußerster Vorsicht zu genießen, es sei denn der Autor der jeweiligen Worte lässt sich dazu herab, den anekdotischen Charakter seiner “Evidenz” ebenso öffentlich zu reflektieren. Wenn ich nun also kurz beschreibe, wie ich diesen Übergang erlebt habe, weiß ich, dass ich im Anschluss besser noch ein paar Fakten dazu tue. Ich wurde 1974 geboren (als eines von ca. 805.500 Kindern) und erlebte meine Kindheit und Jugend in relativer “Wahrnehmungs-Enge”, den es gab damals ein paar Fernsehkanäle, auf Papier gedruckte Zeitungen und ich musste erst 19 werden, bevor das World-Wide-Web in Deutschland zur privaten Nutzung freigegeben wurde. Man war zur Informationsbeschaffung, wie auch zur Weitergabe von eigenen Ergüssen auf Spezialisten angewiesen; wir waren nicht dauernd online, denn wir wussten damals noch nicht mal, was online dereinst sein würde! Mein Übergang ins Arbeitsleben bestand daher zunächst in Ferienjobs, die ich so ab 14 Jahren aufwärts erst von meinem Vater und später von meinem älteren Bruder vermittelt bekam. Maloche in der Produktion und als ungelernter Strippenzieher auf dem Bau. Meine Zivildienststelle habe ich mir dann selbst besorgt, nachdem ich auch meine Verweigerung selbst besorgt hatte. (ja 1992 wurde man noch gemustert und musste vor eine Kommission aus “grauen Herren” treten). Dieser Zivildienst zeigte mir ein völlig anderes Betätigungsfeld als das, in welches ich eigentlich hatte eintreten wollen (Verfahrenstechnik); ich verstand, dass ich – gegen alle Kapriolen meines Hirns – doch besser mit Menschen als mit Maschinen umgehen konnte. Blaulichtfahren war nur ein first incentive, der Rest passierte ganz anders.

Die direkt an den Zivildienst als Rettungssanitäter anschließende Rettungsassistenten-Ausbildung habe ich damals noch aus eigener Tasche bezahlt. Nach dem Aufbau-Lehrgang ging es in die klinischen Praktika und dann in eine betriebliche Anschlusslehrstelle, die man sich ebenfalls selbst besorgen musste. Man kann also sehen, dass es ein paar Hürden gab, die ich zu überwinden hatte, um überhaupt im Erwerbsleben richtig ankommen zu können. Das ist heute anders – zumindest in meinem Gewerk. Man bewirbt sich auf die angestrebte Lehrstelle und sofern man genommen wird, kümmern sich Betrieb und Berufsfachschule um alles Organisatorische. Man muss nur jeden Tag pünktlich erscheinen und seine eigene Motivation (und am Besten sein Hirn) mitbringen. Für meine Anschlusslehrstelle half mir wiederum Vitamin B: ich wusste, wen man anrufen konnte. Ich rief an. 75 Minuten nach einem dieser Anrufe saß ich in einem 60 KM entfernten Büro. 120 Minuten nach dem Anruf hatte ich einen Vertrag und bekam sogar ein Auszubildendengehalt – was damals für Rettungsassistenten im Praktikum NICHT überall üblich war! Für meine erste Festanstellung schrieb ich dann so 50 – 60 Bewerbungen, die man damals noch per Post verschickte und irgendwann (vielleicht) Antwort bekam. Ich landete bei einem Arbeitgeber, von dem ich mir sicher sein kann, dass mein zukünftiger Chef meinen ehemaligen Chef bei der HiOrg, in welcher ich meinen Zivildienst abgeleistet hatte mal eben informell gefragt hat, “ob der Kerl was taugt?” – BEVOR ich zum Bewerbungsgespräch eingeladen wurde. In einer Welt, in der noch ziemlich viele Andere mit mir um die Jobs konkurrierten (die extrem große Boomer-Generation war ja nur einen Tick vor mir unterwegs), weil die Wirtschaft nach der Wiedervereinigung 1990 ziemlich in der Krise steckte, gab es neben halbwegs guten Noten nur wenige Hebel, um an sichere Jobs zu kommen: Performance (erst schuften, dann verhandeln) Resilienz (auch mal runterschlucken, was einem gerade nicht passt) und Beziehungen (jemanden kennen, der jemanden kennt) verschafften einem einen guten Leumund, der einem zum Job verhalf.

Weil die Geburtenzahlen nach 1990 zu sinken begonnen hatten und heute auf deutlich niedrigerem Niveau stagnieren (2005 als letztes Gen-Z-Jahr kommt gerade mal noch auf knapp 686.000), ist die Zahl der Konkurrenten niedriger geworden. Demografie ist aber nur ein Aspekt. Die Entwicklung des Internets und speziell der sozialen Medien ist ein weiterer wirkmächtiger Faktor hinsichtlich der Sozialisierung junger Menschen. Unsere Fenster zur Welt sind VIEL, VIEL größer geworden. Unsere Möglichkeiten, sich mit Menschen von überall auf dem Globus auszutauschen sind – mit Blick aus dem Jahr 1993, als ich Abitur gemacht habe – unfassbar. Ebenso wie unsere Möglichkeiten, Informationen zu erhalten. Ich musste noch lernen, wie man mit einem Bibliotheks-Handapparat zur Recherche umgeht. Heutzutage werfe ich die Suchmaschine meiner Wahl an und bekomme in Sekunden (leider allzu häufig von LLMs schon kuratierte) Ergebnisse ausgespien, für deren mechanisches Zusammentragen ich früher Tage und Wochen der Recherche gebraucht hätte. Der Fluss der Informationen ist schneller. Allerdings ist auch die interessengeleitete Kuratierung der Informationsflüsse schneller geworden. Social Engineering durch Fake News, oder “alternative Fakten”, wie die rechten Trumpeltiere das zu nennen belieben, ist zu einer konstanten Bedrohung der Informationssicherheit geworden. In der Folge kursiert ein Mist im Netz, bzw. auf antisocial media, der sehr seltsame Blüten treibt. All das hat auch Auswirkungen auf die Arbeitswelt, bzw. insbesondere auf junge Menschen, die gerade in dieser ankommen. Wir kommen jetzt in den Bereich wo die ersten Gen-Alphas demnächst in der Arbeitswelt ankommen, die keine Ahnung mehr haben, wie ‘n Wählscheibentelefon aussieht, oder welchen Wert es hat, dass das einmal auf Papier gedruckte Wort nicht mehr nachträglich verändert werden kann.

Ich bin groß geworden mit bestimmten Sicherheiten, in einer überschaubaren Welt mit leicht zu dekodierenden sozialen Standards. Als ich, gerade fertiger Rettungsassistent, meine erste Einarbeitungsschicht auf dem RTW bei meinem neuen Arbeitgeber fuhr, wurde ich morgens vom Kollegen mit den legendären Worten “Bischd du aach Assi?” begrüßt. Was so viel hieß wie “Fertig ausgebildet?”; aber auch “Bereit für diese Hood?” Ich sagte einfach “Hajo!” und damit war die Beer geschält! Heutzutage kommen die jungen Leute in einer Welt mit der Arbeit in Berührung, die nur noch wenige Sicherheiten oder gar Gewissheiten bietet. Und damit in ein Umfeld, dass einen noch höheren Konformitätsdruck erzeugt, als das früher für mich der Fall war. Du läufst heutzutage auf Schritt und Tritt Gefahr, von Taschenwanzen eingefangen und ins Netz gespieen zu werden. Egal was du tust. Und JEDE*R hat eine Meinung zu dem, was da auf dem Taschenwanzenbildschirm zu sehen ist. Von meinen “Missetaten” gibt es keine Videos – und das ist auch verdammt gut so! Die meisten jungen Leute sind nicht fauler, als andere Generationen vor ihnen; und die haben auch ihre Faulenzer hervorgebracht. Die jungen Leute sind jedoch aufmerksamer gegenüber dem Bullshit, der tendenziell an Arbeitsplätzen passiert. Sie sind, zumindest in den Branchen, in denen derzeit nach wie vor ein Arbeitnehmermarkt herrscht, eher bereit, aus dem, was sie als Bullshit empfinden Konsequenzen zu ziehen, oder Dinge für sich selbst einzufordern, weil sie den Hebel dazu haben. Und sie lassen sich weniger knechten, weil sie WISSEN, dass sie, egal wie sehr sie den Buckel krumm machen, nicht mehr dahin kommen können, wo Boomer und Gen-Xer hingekommen sind; außer sie erben eine nenneswerte Summe.

Ich muss meiner Absage an das 2.500 Jahre alte sokratische und platonische Diktum, dass die Jugend von heute “tyrannisch” wäre allerdings auch eine Prise Kritik an den jungen Menschen von heute beifügen. In einer Hinsicht sind nämlich manche, mit denen ich in der beruflichen Bildung arbeite tatsächlich fauler – nämlich, wenn es um das Verlassen der Komfortzone, also dass sich-selbst-um-etwas-bemühen geht. Ich stelle unterdessen häufig fest, dass für Aufgaben, die eigentlich dazu gedacht sind, dass die Schüler*innen sich mit einem Sachverhalt selbstständig und selbstTÄTIG auseinandersetzen sollen, LLMs zum Einsatz kommen, weil man halt keine Lust hat, sich mit dem Thema selbst auseinander zu setzen, oder aber ernsthaft glaubt, dass dazu das einmalige Durchlesen des, durch das LLM kuratierten Textes genügt. Selbst durchdenken? Fehlanzeige. Das zeigt sich dann oft genug auch in den Prüfungsleistungen. Wer sich früh angewöhnt, sich Fachwissen wirklich selbst zu erarbeiten, scored IMMER besser. Bei den anderen heißt es dann: Männer/Frauen wie wir – knapp bestanden mit vier… oder in einem halben Jahr wieder antreten. Und es ist nicht so, dass wir ihnen das nicht REGELMÄSSIG demonstrieren würden, dass die dauerhafte Nutzung von LLMs kurz- und mittelfristig zu SCHLECHTEREN kognitiven Leistungen führt. Da haben wir noch ein paar dicke Bretter zu bohren. Aber dass die jungen Leute generell faul wären, kann ich nicht bestätigen. Im Gegenteil bemerke ich bei nicht wenigen echte oldschool workethics. Und.. sie müssen sich ja auch nicht so ausbeuten lassen, wie das bei mir und vielen meiner Altersgenoss*innen der Fall war. Das Abendland wird jedenfalls nicht an der Gen Z oder der Gen Alpha untergehen. Wenn, dann schon eher an der ewiggestrigen Politik mancher Boomer, Gen-Xer und Millenials! In diesem Sinne – lasst euch auch in der neuen Woche nicht knechten. Der Fotzenfritz soll erst mal selbst einen ordentlichen Job hinkriegen…

Auch als Podcast…

Der verwirrte Spielleiter N°76 – …tödlich…?

Du würfelst auf eine Tabelle und da steht “Schlimme Dinge: Du bist tot, tot, tot!” Also weg mit dem Charakter und mal eben einen Neuen aus dem Hut zaubern. Ich kenne allerdings nicht wenige Spieler, die sich genau damit schwer tun, mal eben einen neuen Charakter aus dem Hut zu zaubern. Nicht, weil sie weniger kreativ wären als andere (obwohl das auch vorkommen mag), oder weil diese spezielle secondary world nicht so zu ihnen spricht; zu manchen spricht offenkundig gar keine secondary world und sie versuchen einfach immer wieder einen Jack-of-all-Trades zu bauen, um sich dann zu ärgern, wenn andere Chars in deren Spezialisierungen einfach viel stärker sind. Zumeist geht es darum, dass die Fülle der Optionen und die Frage nach der Passung von Char und secondary world eine spezielle Art von Entscheidungsparalyse erzeugen, die es den Spielern verunmöglicht, mal eben den bislang gesponnenen Faden neu aufzunehmen und anders neu einzusteigen. Und nicht wenigen bereitet allein die Möglichkeit, den eigenen Charakter final verlieren zu können ziemliches Kopfzerbrechen. Weswegen der Charaktertod – zumindest in manchen Gaming-Communities – offensichtlich zu einem relativ seltenen Ereignis geworden zu sein scheint. In diesen ersten Sätzen klingen ein paar Dinge an, zu dene ich gerne etwas spezifischer werden würde: da ist zum einen die Frage, ob ein Charakterleben wenig oder viel wert ist? Ob ich mich dem Versprechen verschreibe, mit den selben Charakteren eine Geschichte von Alpha bis Omega auszuerzählen? Oder ob ich sie auch dann über die Klinge springen lasse, wenn es narrativ wenig befriedigend ist, einfach weil die Würfel es diktieren? Ob der Spieler mit einem Charakter an den Tisch gekommen ist, der zum aktuellen Spiel passt, oder versucht, eine Fantasie auszuleben, die im Kontext dieser secondary world nicht funktioniert? Und schließlich, ob ich den Bodycount überhaupt kalibrieren kann, ohne sichtbar in die innere Logik meiner Welt eingreifen zu müssen? Puh… das ist ‘ne große Menge Punkte, nicht wahr…?

  • 1) Narrativ oder Ausgewürfelt? Jeder Tisch spielt anders. Das ist eine Binsenweisheit, die heutzutage umsomehr gilt, als sich immer wieder Diskussionslinien ausbilden; undzwar entlang der Frage, ob ich als Spielleiter mit dem Versprechen starte, meinen Spielern – und vor allem ihren Charakteren – eine komplette Kampagne zu bieten? Also ein komplettes Narrativ? Seien wir ehrlich: die meisten “Kampagnen” sterben nach 6 – 8 Sitzungen klaglos den Unlust-, den Termin oder den Streit-Tod. Aber nehmen wir mal an, zwei Jahre später läuft diese Kampagne immer noch und ist vielleicht sogar ein Stück weit gediehen. Jetzt entsteht eine Situation, in der Leben auf dem Spiel stehen. Haben die Charaktere dann “Plot-Armor”; sind also zu wichtig für die Geschichte, um zu sterben? Wie weit bin ich als SL bereit zu gehen, um einen Char am Leben zu erhalten, der eigentlich der Logik nach tot, tot, tot sein müsste? Lasse ich wirklich die Würfel entscheiden, oder nudge ich das Schicksal in eine spezielle Richtung (a.k.a. “fudging dice”), wohl wissend, dass so mancher narrative Kunstgriff viel zu sehr nach Deus Ex Machina aussieht? Und… über wessen Geschichte reden wir eigentlich? Eine Vision, die ich als SL entwickelt habe, bevor ich mit dem Leiten anfing oder das, was aus meinen Vorarbeiten durch das Spiel geworden ist? Respektiere ich die Player Agency, auch dann, wenn eine Spieler-Entscheidung dumm ist, oder der Spieler seinen Char sehenden Auges ins Unheil laufen lässt, weil es dem Drama dient? Denn die zweite Diskussionslinie, die hier eine Rolle spielt ist die Frage…
  • 2) Ist die Spielleitung Storyteller, oder nicht? Aus meiner Sicht ist die SL genau so lange Storyteller, als es um die Welt und deren Reaktionen auf die Aktionen der Spielercharaktere geht. Ich lasse den Plotbus vorfahren, indem ich eine Welt und den zugehörigen Metaplot entwickle, innerhalb dessen die Spieler dann so viel Unfug treiben können, wie sie für richtig halten, ohne die innere Logik dieser Welt völlig zu zerbrechen. Ich wende die Ereignisse nur dann, wenn ich denke, dass es eine zulässige Reaktion der Welt auf das Handeln der Spieler ist. Alles Andere wäre Railroading – und das mag ich weder als Spieler, noch als Spielleitung. Nicht ich als SL erzähle die Geschichte, sondern meine Spieler und ich erzählen, ausgehend von meinem Prolog GEMEINSAM die Geschichte weiter. Ohne, dass ich vorher weiß, wohin der Zug genau fahren wird, oder was dabei alles passiert. Das erfordert von mir als SL allerdings auch ein Maß an Flexibilität und Improv, dass nicht jede SL aufzubringen bereit oder fähig ist. Und das soll keine Wertung darstellen. Wir alle haben uns schon mehr als einmal des Overpreppings schuldig gemacht. Für mich ganz persönlich ist Campaign- und Session-Prep auch “das Spiel spielen” – und trotzdem muss ich loslassen können, wenn meine Spieler dann einen anderen Weg gehen. Ich spiele niemals gegen meine Spieler, sondern immer mit ihnen. Wir müssen uns nur darauf einigen, dass alle die innere Logik dieser Welt und die Regeln dieses Spiels respektieren; ingame wie outgame.
  • 3) Passt mein Charakter ins Spiel? Natürlich darf man spielen, worauf man Lust hat. Sofern man mit einem Konzept antritt, dass die Welt und ihre Regeln respektiert. Ein Cyberpunk in einem Fantasysetting? Ein Spacemarine in der Urban Fantasy? Ein Erzmagier in einer Space Opera? Kann man alles machen, sofern die Prämisse des Spiels Raum für solche Ansätze lässt UND die anderen Spieler sowie die Spielleitung bereit sind, mitzumachen. Ansonsten ist NEIN ein ganzer Satz! Das waren jetzt zwar etwas überzogene Beispiele, aber im DnD Dragonlance Setting gab es z. B. die Spezies der “Kender”, die als Spielercharaktere ein feuchter Traum für die “Ich spiele doch nur meinen Charakter”-Wangrods war, weil sie keinen Begriff von dein und mein haben… DIE PASSEN IN KEINE WELT, IN DER ICH SPIELLEITE! Ein weiteres Problem sind Spieler mit Main-Character-Syndrome. Das Spiel dreht sich um alle Charaktere. Wir alle sind manchmal kleine Spotlighthuren – ich bin da schuldig in allen Punkten der Anklage – aber das ist keine Entschuldigung dafür, anderen ihr Spotlight abspenstig machen zu wollen; oder sich darüber zu ärgern, wenn das eigene Charakterkonzept keine Freude bereitet, weil der Jack-of-all-Trades zwar alles ein bisschen kann, aber nix so gut, wie die jeweiligen Spezialisten… macht euch Spezialisten, die in ihrem Fach echt was reißen können, Goddamnit. Ich rede damit nicht dem Min-Maxing das Wort. Obschon das Optimieren des eigenen Chars völlig okay ist, wenn alle anderen das auch machen. Wenn ich maximal de-optimierte Charaktere will, spiele ich “Paranoia”…
  • 4) Wie ist meine secondary world angelegt? Damit meine ich nicht unbedingt das Genre oder Setting – wobei Cosmic Horror mir eine Idee davon vermitteln sollte, dass mein Char alsbald in einem Asylum oder auf dem Friedhof landen wird – sondern die Frage nach dem verwendeten Regelwerk und der Idee, die damit durch mich als Spielleitung verfolgt wird. Es gibt Regelwerke, die sich eher für’s Narrative eignen, solche, die ziemlich rules-heavy taktisches Ressourcen-Management simulieren und solche, bei denen Low-Level-Chars auf Grund der Startwerte Dime a Dozen sind. Aber das ist alles nur Optik. Die tatsächliche Frage ist, wie ich als Spielleitung die Regeln im Spiel umsetze; also, ob ich diese von vorn herein modifiziere (Houserules), sklavisch achte oder auch mal biege (dice fudge), wenn’s mir in den Kram passt. Viele Gruppen machen heutzutage eine Session Zero – und hinterher sind die Spieler sowie die SL trotzdem überrascht, dass es nicht läuft wie gedacht, weil Menschen das gesprochene und geschriebene Wort unterschiedlich interpretieren können. Wichtig ist, dass zuvor getroffenen Übereinkünfte von BEIDEN Seiten eingehalten werden. Sonst wird es unglaubwürdig und der Spielspaß leidet.

Ob meine Kampagnen tödlich sind? Zumeist eher nicht. Und ich möchte hier zu Protokoll geben, dass es NICHT daran liegt, dass ich den Charakteren keine wahrhaft mächtigen Herausforderungen oder Gegner entgegenstellen würde. Das tue ich und manchmal wird es dann auch knapp. Ich gebe meinen Spielern jedoch eigentlich immer die Chance, sehr starke Charaktere aufzubauen. Damit ist es ein klarer Fall von selbst schuld! Aber wenn ich ehrlich bin – ich könnte vorher nicht sagen, ob eine Kampagne tödlich ist, oder nicht. Denn das ist nicht die Metrik, nach der ich meine Spielwelten oder Plots aufbaue. Ich denke mir eine Grundgeschichte aus, gebe ihr Farbe, indem ich wichtige Parteien sowie die sie jeweils vertretenden NPCs ausarbeite und dann ungelöste oder länger eingeschlafene Konflikte dazugebe, die nun – nach einem auslösenden Vorfall – ihrer Auflösung harren. Für wen das wann und auf welche Art tödlich endet…? Keine Ahnung, das weiß ich auch erst hinterher! Ich weiß ehrlich gesagt auch nicht, welchen Eindruck von immanenter Gefahr ich meinen Spielern vermittle; irgendwie sind sie meistens beinahe übervorsichtig und vergoofen dann trotzdem, woraufhin es lustig wird. Ich werde nie den Moment vergessen, wo irgendjemand das magische Wort “Vampir” sagte und die Gruppe binnen kürzester Zeit fluchtartig die Stadt verlassen hatte. Ob ich wohl einmal zu oft gesagt habe, dass Vampire in meinen Kampagnen echte Monster sind…? Was solls. In jedem Fall sollte aus meiner Sicht eine Kampagne niemals Plot-Armor enthalten. Denn ohne Action, Risiko und Gefahr entsteht kein Drama, ohne Drama entsteht kein Spannung und ohne Spannung entsteht anstatt Spielspaß Langeweile. Und wer langweilt sich schon gern, wenn es auch noch andere nette Freizeitaktivitäten gibt…? In diesem Sinne: always game on – with potentially deadly encounters!

Auch als Podcast…

Ein revolutionärer Akt…?

Einen Hügel auf verschlungenen Pfaden hinunter zu gehen, ist keine Revolution. Einen Hügel in einem Sessellift hinaufzufahren eigentlich auch nicht. Es sei denn, man hat wie ich Höhenangst und macht es trotzdem. Okay… der Begriff “Revolution” mag übertrieben sein; nennen wir es lieber ein Aufbegehren. Ein Aufbegehren gegen die eigenen Grenzen. Einen großen Schritt aus der eigenen Komfortzone hinaus in die wahre Welt, die sich einen Dreck darum schert, wie es uns gerade geht, ob wir immer noch im Rahmen definierter Parameter funktionieren können, oder ob wir einverstanden sind mit dem, was gerade rings um uns herum passiert. Manchmal braucht es ein Symbol, um begreifen zu können, dass wir all dem trotzdem nicht ausgeliefert sind. Dass unsere Taten – genauso wie unser Unterlassen – ihre Wirkung entfalten; nur bei weitem nicht immer so, wie wir uns das vorstellen. Für mich ist der Sessellift ein solches Symbol, weil er mich daran gemahnt, dass wir so gut wie immer die Wahl haben, uns unseren Ängsten zu stellen, anstatt unser Leben von Ihnen bestimmen zu lassen. Sich einer einzelnen Phobie zu stellen, mag für viele Menschen da draußen jetzt nicht nach irgendeinem Erfolg klingen, doch mich kostete es endlose Überwindung, aus der bloßen Idee eine Handlung zu generieren – und ohne die beste Ehefrau von allen, wäre ich unterwegs wahrscheinlich trotzdem schreiend aus dem Sessel gesprungen. Ich darf hier und jetzt versichern: das ist nicht passiert und wir sind hinterher ganz manierlich den Hügel wieder runterspaziert… okay, gefühlt eher gekraxelt, denn der Fußweg zu Tal war doch recht uneben. Keine Sprünge – keine Verletzungen.

Nun hat diese Handlung für mich Symbolcharakter gewonnen, die für die meisten Anderen keine nennenswerte Herausforderung darstellt, weil sie meine Angst nicht teilen. Aber was ist mit den Dingen, den Sachverhalten, die diesen anderen Menschen vermutlich Angst machen? Finden die den Mut, sich dem zu stellen? Haben die dabei auch Hilfe? Und was ist, wenn sie sich dem nicht stellen? Wird dann aus dem retrospektiv betrachtet doch leicht zu bezwingenden Hügel irgendwann ein unüberwindlicher Berg? Was ist, wenn wir gar nicht mehr nur über Ängste reden, sondern über Überzeugungen, die nicht aus Wissen, sondern im Gegenteil aus Gefühlen, Unwissen und vielleicht auch Manipulation entstanden sind? Und die dazu führen, dass man Menschen hasst, die einem objektiv betrachtet nichts getan haben? Ach… das ist doch ein viel zu weit hergeholtes Gedankenspiel. Kann man sich ja gar nicht ausmalen, dass Menschen lieber nach jemandem suchen, den sie für ihre Situation beschuldigen und hassen können, anstatt nach Lösungen für die Probleme zu suchen, die ihnen derzeit subjektiv das Leben sauer machen. Es ist doch vollkommen unrealistisch, dass Menschen sich derart von ihren Ängsten und Vorurteilen vereinnahmen lassen, dass es ihnen nicht mehr möglich ist, zu erkennen, dass das Gegenüber auch nur ein Mensch ist, der lediglich nach einem Weg durch dieses miese Spiel namens Leben sucht…? Im krassen Gegensatz zu mir begreifen diese Menschen es vermutlich als revolutionären Akt, ihren blinden Hass auf einen Wahlzettel zu erbrechen, anstatt sich die Frage zu stellen, ob es nicht vielleicht doch sinnvoll sein könnte, sich mit den tatsächlichen Problemen unserer Zeit wie dem Klimawandel, den Hitzeschäden und unseren gesamtgesellschaftlichen Antworten darauf zu befassen, anstatt dem Gefühl nachzugeben, dass wenn ich jemanden wähle, der mir die 30er des vergangenen Jahrhunderts verspricht, ich die “gute alte Zeit” zurückbekomme, in der alles einfacher war…?

Es gab und gibt keine “gute alte Zeit”. Und dereinst wird man festgestellt haben, dass sich auch in der Zukunft keine “gute alte Zeit” verbarg. Man wird aber wissen, dass, wenn man seinen unreflektierten, unherausgeforderten Ängsten folgt und die 1930er wählt, man die 1930er bekommt – inklusive politischer Säuberung, Jagd auf alle die anders aussehen, die Welt anders wahrnehmen, anders glauben, anders lieben. Wer die Diktatur wählt, weil seine Angst ihm angeblich den Weg zum klaren Denken versperrt, kann trotzdem nicht von der Schuld für das freigesprochen werden, was dann unausweichlich folgen wird. Sie – die AfD – haben es angekündigt. Sie wollen auf die Gräber der Anderen – die sie hassen wollen, weil sie sie einfach nicht verstehen können – pissen, auf diesen Gräbern tanzen. Gräbern, die sie selbst ausheben werden! Aber selbst, wenn es sich so anfühlt, als wenn die Angst manche unserer Taten diktieren müsste – wir haben IMMER die Wahl, ob wir der Angst nachgeben; oder ob wir uns unseren Ängsten stellen und versuchen, herauszufinden, ob das, was uns Angst macht denn wirklich so schlimm, so bedrohlich, so unmöglich aushaltbar ist? Um zu der Erkenntnis gelangen zu können, dass genau das NICHT der Fall ist. Es mag einem den Puls hochtreiben – aber sich dem auszusetzen, was einem Angst macht, oder was einem nicht passt führt eigentlich immer dazu, dass man sich selbst etwas eingestehen muss, nämlich die Begrenztheit der eigenen Wahrnehmung. Es gibt immer mehr zu sehen, zu hören, zu fühlen, zu erfahren, zu verstehen. Wenn man es nur zulässt. Denjenigen, die noch unentschlossen sind sage ich Folgendes: Tut mir einen Gefallen morgen und macht euer Kreuz nicht bei den Blauen, weil ihr euch vor etwas Unbekanntem fürchtet oder etwas Neues nicht versteht! Dafür gibt es bessere Lösungen. Wir hören uns bald wieder.

Und denen, die so oder so die AfD wählen, weil sie davon überzeugt sind, die neuen Herrenmenschen zu sein: fahrt zur Hölle, dreckiges Faschistenpack und nehmt dabei alles mit, was auch nur im Entferntesten an euch erinnert! Hass gebiert Hass – Gewalt gebiert Gewalt. Wir werden euch jagen, denn mit den Intoleranten kann es KEINE Toleranz geben!

Auch als Podcast…

The Critic N°7 – schon wieder Superhelden…?

Ich will ehrlich sein: das Genre “Superhelden” ist ausgenudelt. Schon seit ca. sieben, acht Jahren. Vielleicht auch schon länger. Und trotzdem pumpen Studios immer wieder nutzlos Dollars in immer wildere, immer gehaltlosere Iterationen, die dem Thema nichts Neues mehr hinzufügen, keine neuen Blickwinkel eröffnen, vor allem aber keine neuen Stoffe zulassen, weil dieses ganz und gar inspirationsarme Rumgewurschtel in sogenannten Franchises (Filme und Serien über die gleichen Charaktere/Geschichten) so viel Kohle verbrennt, das nix für neue, frische, andere Stoffe übrigbleibt. Und wenn sich dann mal jemand an einen anderen Stoff versucht, kopiert er die “Marvel-Formel”, in der Hoffnung mit einer neuen IP (Intellectual Property) ein neues Franchise zu begründen, mit dem man dann Geld drucken kann. Doch irgendwann ist dieses teil-ironische, möchtegern-witzige, unsere aktuelle Realität dauer-dekonstruierende CGI-Gewitter nur noch ein esprit-freier, endlos langweiliger, kaleidoskopartiger Bilder-Mix ohne jeglichen Gehalt. Ja, die Menschen mögen das Bekannte. Deshalb bekommen wir ja dauern das Gleiche angeboten, in der Hoffnung, dass wir unsere sauer verdiente Kohle noch mal dafür ausgeben. That’s capitalism, baby! Aber jeder bekannte Stoff ist irgendwann auserzählt, abgewichst und abgebrannt. Da nützen dann auch 500 Millionen Dollar oder mehr nichts, bei denen man sich dann auch noch – insbesondere angesichts der miesen Effekte – oft genug fragen muss, wo diese Kohle denn verschwunden ist. Allzu oft offensichtlich nicht in gutem Handwerk… Ein weiteres Problem entsteht, wenn sich eine eigentlich gute Geschichte der ideologischen Verbrämung durch den Writers Room unterordnen muss. Ich möchte gerne sehen, dass Besetzungen inklusiv sind. Ich möchte aber – insbesondere in Period Pieces – auch sehen, dass die Darsteller zur dargestellten Epoche und dem zugehörigen kulturellen Hintergrund passen. Und da spielt dann halt keine POC einen britischen Adligen des frühen 19 Jahrhunderts. Sorry. Ich möchte sehr gerne starke weibliche Hauptrollen sehen. Aber eine starke weibliche Hauptrolle hat verdammt noch mal andere Qualitäten, als eine starke männliche Hauptrolle. Nicht alles kann (oder muss) über die Physis – oder einen Coolness-Schwanzvergleich – entschieden werden. Und hört endlich auf, Action-Szenen so zu zerschneiden, dass einem von dem Geflimmer schlecht wird, oder sie so unterzubelichten, dass man gar nichts mehr erkennen kann – Goddamnit!

Und dann… ja dann kommt plötzlich “Spider-Noir” um die Ecke. Ich war zuerst echt nicht besonders thrilled. Einzig der Name des Hauptdarstellers ließ mich aufhorchen: Nick Cage in seiner allerersten Serie? Und Brendon Gleason als Bösewicht. Immerhin zwei verdammt erfahrene Darsteller-Schwergewichte. Also gut. Und was bekomme ich zu sehen: einen Film Noir in 8 Episoden, angereichert mit Pulp-Actionhelden-Elementen, die Spaß machen. Viele echt schöne physische Setpieces. Die Möglichkeit das ganze in Farbe oder in Schwarzweiß zu sehen. Figuren mit Charakter, Agenda und Entwicklung, dargestellt mit sichtlichem Spielspaß. Einen eigentlich gebrochenen Helden, der am Ende trotzdem zeigt, dass er es noch drauf hat – und bereit ist, seinen Weg weiter zu gehen. Eine echte Femme Fatale! Und endlich mal Action-Szenen, bei denen man sieht, was gerade passiert. Okay: Spider-Noir erfindet das Thema Action natürlich nicht neu, bleibt aber dennoch innovativ genug, dass es nicht langweilig wird. Die Geschichte als solche wird zwar langsam erzäht, doch auf Grund der knackig kurzen Folgen (jeweils ca. 42 Min, wie bei früheren Serienfranchises) entsteht wenig Leerlauf. Da ist viel Liebe zum Detail im Produktionsdesign und der Introsong (gesungen von KIRBY) bringt einen sofort in die richtige Stimmung. JA, Nick Cage zeigt auch hier wieder etwas von seinem typischen Overacting, aber es passt zu dieser Figur irgendwie. Der Effekteinsatz ist aus meiner Sicht gelungen, wenngleich an ein paar Stellen noch etwas mehr Sorgfalt bei der CGI angezeigt gewesen wäre. Das Schwarzweiß-Erlebnis hingegen… Erste Sahne. Das Lighting der Charaktere, die Licht-Schatten-Spiele, die Stimmung. So geht richtig gute Kinematographie, ohne die Zuschauer zu überfordern. Okay… eine POC als erfolgreicher Reporter im New York der 30er – Nein, nicht in der wahren Welt. Aber in diesem Parallel-Universum will ich Ihnen das mal durchgehen lassen, zumal Lamorne Morris’ Spiel als “Joe Robertson” eine echte Bereicherung ist. Und Karen Rodrigues als “Janet” – passt einfach.

Ja, auch diese Serie erfindet das Superhelden-Genre nicht neu. Es gibt ein paar wenige Längen, manches ist overacted und ein paar Schnitte zum Perspektivwechsel zwischen den Erzählsträngen und Figuren haben mich kurzfristig irritiert. Doch insgesamt haben mich die solide Mischung aus Pulp-Era Superhelden-Geschichte und Film Noir, sowie die Darstellungen und das Produktionsdesign positiv überrascht und mir ein paar wirklich unterhaltsame Stunden beschert. Würden sich mehr Film- und Serienmacher darauf besinnen, einfach eine gute Geschichte zu erzählen, anstatt Botschaften und Subtexte senden zu wollen oder zwanghaft den Kanon altgedienter Franchises bastardisieren, auf den Kopf stellen und alte Helden dekonstruieren zu müssen, bekämen wir vermutlich mehr qualitativ hochwertige Unterhaltung dieser Art. Doch wie stets… natürlich ist auch diese Serie nichts für jedermann. Man sollte Nick Cage mögen und ein Nerd-Herz haben. Dann kann die Serie allerdings echt Spaß machen. Meine Empfehlung an die fellow weirdos, die sich das Ganze antun möchten: schaut’s in Schwarzweiß. Ist die geilere Variante. Schönen Samstag.

Die Verjogginghosung der Welt…?

“Kleider machen Leute”. Die gleichnamige Novelle von Gottfried Keller war in den 1980ern in der gymnasialen Mittelstufe eines der Bücher, welche wir im Deutschunterricht gelesen und interpretiert haben. Keine Ahnung, ob das heute auch noch so ist; und wenn wir ehrlich sind, muss man in der Schule auch nicht die gleichen Bücher lesen wie früher, nur weil “man das schon immer so gemacht hat”. Diese oberdummen Worte sind IMMER das schlechtest denkbare Argument, weil sie signalisieren, dass man zu den neuen Themen der jeweiligen Zeit nichts Neues mehr zu sagen hat. Jedenfalls weiß ich, dass sich seit damals in mir immer mehr Wiederstand gegen Kleidungskonventionen gebildet hat. Ich verstehe bis heute nicht, warum wir immer noch so zwischen white-collar und blue-collar-workern unterscheiden, um so zu tun, als wenn die einen mehr wert wären, als die anderen. Was für ein BULLSHIT! Zudem die schlimmsten Verbrecher IMMER Anzug tragen! Ne, ne, bleib mir mit diesem Mist vom Halse. Wenn ich einen Anzug und – Gott behüte – sogar einen Binder trage, dann tue ich das an zwei Tagen im Jahr, nämlich um den jungen Leuten im mündlichen Staatsexamen meinen Respekt für ihre Leistung zu bekunden und die Bedeutung des Tages zu markieren. Im sonstigen Geschäftsleben interessieren mich solche Äußerlichkeiten nicht. Weil es eben nur Äußerlichkeiten sind. Andere Menschen dürfen das gerne anders sehen und anders halten – sie sollten mir nur besser nicht mit irgendwelchen Vorträgen kommen, sowas löst bei mir nämlich Beißreflexe aus. Tatsächlich empfinde ich die Kleidungskonventionen im Geschäftsleben oft eher als Bigotterie, weil das, was nach Außen getragen wird und das, was innen passiert in keiner Weise zusammenpassen. Ein intrigantes Arschloch bleibt auch im feinsten Zwirn ein intrigantes Arschloch. Und ich habe schon so einige kennengelernt, gerade letzhin kamen wieder welche dazu…

Nun las ich heute etwas darüber, dass viele Menschen heutzutage die Grenze zwischen Öffentlichkeit und Privatleben zusehends optisch auflösen würden, weil sie unterdessen in Klamotten vor die Tür gingen, die man früher bestenfalls noch zum Sport getragen hätte, die aber eigentlich der heimischen Couch vorbehalten bleiben sollten. Karl Lagerfeld soll ja mal gesagt haben, dass jemand, der Jogginghosen trüge die Kontrolle über sein Leben verloren hätte. Das kam natürlich von einem Snob reinsten Wassers, dessen Exzentrizität gegen Ende eher seltsame Blüten trieb und den ich auf Grund seiner Entrücktheit von der echten, realen Welt kaum jemals ernst nehmen konnte. In dem Text (nun eigentlich war es ein Insta-Reel) wurde über die psychologische Wirkung gesprochen, die es nach innen und außen habe, immerzu und überall über-legere Sportbekleidung zu tragen; nämlich dass es nur noch um Bequemlichkeit ginge, dass man keine Anstrengung mehr unternehmen, keine Haltung mehr zeigen müssen wolle – gleichzeitig aber als aktiv gelesen werden wolle. Dass es zudem zeige, dass sich das Private und das Öffentliche, aber auch das Private und die Arbeit zusehends entgrenzen. Ich halte das ganz grundlegend für Quatsch. Ich denke, dass die Allermeisten, die so rumlaufen sich schlicht entweder gar keine Gedanken über ihre Bekleidungswahl machen oder aber Sportbekleidung als eine Art uniformen Trend des frühen 21. Jahrhunderts wahrnehmen und – wie so oft – einfach nur rumrennen wie der Rest. Ob sie darin dann appetitlich (also als aktiv und attraktiv gelesen) aussehen und das eventuell auch Teil eines Designs ist, mag von Fall zu Fall so sein – oder auch nicht. Und im Übrigen übersieht die Autorin völlig, dass es teils erhebliche Unterschiede zwischen Ländern gibt, so dass diese “Zeitdiagnose” einfach vollkommen ins Leere läuft. An der Kleidung ablesen zu wollen, inwieweit jemand für sich selbst das Öffentliche und das Private entgrenzt hat, ist ungefähr so wirksam, wie ein Persönlichkeitstest in der “Brigitte”.

Das, was manche Menschen heute als modische Entgleisung wahrnehmen und dann stets wahlweise den Untergang des Abendlandes oder den völligen Verlust unserer “Laitkoltur” heraufbeschwören, beruht auf der ungerechtfertigten Verabsolutierung überkommener Konventionen eines vergangenen Zeitalters. Kultur ist ein Prozess. Und es wäre ungemein wohltuend, wenn manche Menschoiden das endlich zur Kenntnis nähmen. Was nun mich betrifft, so trage ich zwar auch eher nur zu Hause überaus sportive Kleidung. Schlicht, weil ich nicht sehr sportiv bin und mich nicht unbedingt lächerlich machen möchte. Aber wie andere Menschen ansonsten herumlaufen und ob das reflektiert passiert, oder doch eher dem Umstand zu verdanken ist, dass gerade nix anderes zur Hand war… pft… who cares? Man sollte sich eh überlegen, ob es nicht sinnvoll wäre, nur dann über Menschen zu urteilen, wenn man sie gut genug kennengelernt hat, um sich überhaupt ein Urteil zu bilden. Getreu den Worten von Lemmy Kilmister, der sinngemäß mal gesagt hat, dass er absolut nicht verstehen könne, wie man jemanden aus einer Entfernung von einer halben Meile hassen könne. Denn solche “Zeitdiagnosen” werden recht rasch zu Werturteilen; und Werturteile benutzt man gerne, um Dichotomien zu schaffen, auf deren Basis (WIR vs. DIE) dann Ausgrenzung, Homophobie, Rassisimus, Mysogynie und der ganze andere Faschistenquatsch entstehen. Sprache schafft Bewusstsein! Kleidung schafft einfach nur, dass man nicht nackig in der Gegend rumlaufen muss. Denkt mal drüber nach Nachbarn. Schönen Samstag.

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Bienvenue au pays cathare N°18 – Würde?

Ich bekam die Tage in meine Insta-Timeline ein Reel gespült, in welchem die Frage erörtert wurde, in wie weit sich die im EEG messbare Hirnaktivität verändert, wenn man Probanden eine nicht ganz triviale Aufgabe gibt – schreibe einen Essay über ein vorgegebenes Thema – und die Gruppen dann einteilt in a) dürfen ein LLM (hier ChatGPT) benutzen, b) dürfen eine Suchmaschine benutzen, c) dürfen nur ihr Hirn benutzen. Dem Reel zugrunde liegt eine Studie, welche vom MIT Media Lab (Juni 2025 – Preprint) durchgeführt wurde, die allerdings noch nicht verallgemeinerbar ist, weil die Zahl der Probanden gering war (n=54). Hierbei ist dennoch festzustellen, dass die Nutzung von LLMs im gegebenen Setting zu deutlich verminderter Hinrnaktivität während der Bearbeitung führt. Dies ist durch das Cognitive Offloading (also die Lastverminderung durch Auslagern von Aufgaben) zu erklären. Aber nicht nur dass – die kognitive Leistungsfähigkeit bleibt auch danach eingeschränkt. Diese sogenannte Cognitive Debt als Langzeitfolge der wiederholten LLM-Nutzung wirft die Frage auf, welchen Wert diese Algorithmen für uns überhaupt haben können, wenn unsere eigene kognitive Leistungsfähigkeit unter der Nutzung leidet? Für mich jedoch noch viel relevanter ist folgender Gedanke: wenn wir Denkaufgaben an Algorithmen auslagern, geben wir einen der bedeutendsten Aspekte des Menschseins ab: nämlich bewusstes Beobachten, Wahrnehmen, Kenntnisabgleich, Einordnen, situative Handlungsadaption, heuristische Prädiktion, moralisches Werturteil, etc. – kurz gesagt, all das, dessen mögliche Tiefe und Komplexität unsere kognitiven Fähigkeiten von denen aller anderen Säugetiere wesentlich unterscheidet. Ich muss an dieser Stelle etwas ausholen, um die Folgen klar darstellen zu können.

Gehen wir einen Schritt weiter. “Die Würde des Menschen ist unantastbar”. Art. 1, Abs. 1 unseres GG lautet genau deshalb so, weil nie wieder Menschen objektifiziert, also zu Dingen degradiert werden sollten, um sie wie Dinge behandeln zu können. Ja, ich rede natürlich von den Nazis und vom Holocaust. Die Mütter und Väter des Grundgesetzes hatten 1948 sehr genau verstanden, was hier passiert war; nämlich, dass man Menschen zu Dingen erklärt und ihnen damit die Menschenrechte abgesprochen hatte, um sie ohne Hemmungen zu Millionen töten zu können. Und genau eine Wiederholung dessen sollte das Grundgesetz verunmöglichen (auch wenn wir heute wieder dreckige, blaubraune Faschos unter uns haben, die sich nicht darum scheren, dass alle Menschen gleich sind)! Die somit zumindest bei uns in Deutschland als Subjekt-Qualität von Verfassungsrang geschützte Würde des Menschen ist allerdings untrennbar mit seinem Bewusstsein und seiner Fähigkeit zum moralischen Werturteil verbunden. Lagere ich nun meine Denkprozesse an eine Maschine aus, hat das aus meiner Sicht mehrere Konsequenzen zur Folge: (A) ich beraube mich, indem ich eine meine ureigensten Aufgaben und Privilegien an die Maschine delegriere, selbst meiner Menschenwürde. Denn es ist ein evolutionäres Privileg, über derartig weitreichende kognitive Fähigkeiten zu verfügen, aus dem jedoch auch die Verantwortung erwächst, sich derselben umfänglich zu bedienen, also denkend das Schicksal zu bezwingen. “Sapere Aude!” – “Wage es, weise zu sein!” Horaz schrieb es, Kant hat es zitiert. Wenn ich das ohne jede Not weggebe, beschneide ich mich selbst als Mensch! (B) und das ist noch wesentlich weitreichender, werfe ich die Frage auf, ob eine Maschine menschliche Qualität haben kann, bzw. haben darf, wenn ich denn zumindest Teile meiner Würde auf sie delegiere? Die Büchse der Pandora ist offen – und noch sehe ich nicht die (neue) Hoffnung, welche ja als letztes aus dieser Büchse entfliehen soll… Wo ist die Grenze, da ein menschengemachter Algorithmus – alle juristischen, moralischen, sozialen, wirtschaftlichen, politischen, etc. Folgen inclusive – zu einer Person wird? Schließlich, aber nicht letztlich, da dies hier lediglich ein Denkanstoß sein kann… (C) was macht das alles am Ende des Tages mit uns Menschen? Werden wir wirklich weniger Würde haben, als zuvor? Wird uns die Entlastung am Ende doch bereichern? Wie wollen wir uns selbst sehen? Werden wir uns in unserem Denken und Handeln alsbald den Algorithmen nähern und irgendwann völlig dehumanisiert?

Ich will ehrlich sein: mir graut vor einer Welt, in der einst ein Algorithmus – ein bloßes, von Mathematik getriebenes Machwerk von Menschenhand – vor Gericht wegen irgendwas gegen irgendeinen Menschen klagen kann. Ich habe Angst, dass wir uns selbst in der Folge der Renditegläubigkeit und des Effizienzgefasels der Techbros – mehr Marketing-Gag als Realität – auf statistische Berechnungen verlassen, die unser Vertrauen nicht verdient haben, weil sie uns als Menschen kleiner, weniger, dümmer machen; und wahrscheinlich auch weniger human. Unser nächster evolutionärer Schritt zeigt meines Erachtens im Moment in die völlig falsche Richtung und dennoch versuchen so viele gerade verzweifelt, ein Ticket für diesen Zug nach nirgendwo zu bekommen, weil sie glauben, das wäre der nächste heiße Scheiß auf ihrem Weg zu Glück und Reichtum; wobei Kapitalisten die beiden Begriffe ja gerne gleichsetzen. Ich war und bin definitiv kein Luddit. Doch die Art und Weise, wie wir heute mit LLMs umgehen, sie zu benutzen glauben, während wir sie nur weiter füttern, damit sie noch mehr AI-Slop erzeugen und ihre Besitzer noch reicher machen können – in der fatalen Annahme, dass sei schon KI – gereicht nicht zu unserem Vorteil, sondern zu unserer weiteren kognitiven Verarmung. Und das will und werde ich nicht hinnehmen. Dieser Text wurde übrigens, wenn auch mit ein wenig Suchmaschinenhilfe, von einem Menschen erzeugt. Einem Menschen, der morgen, den Kopf voller Gedanken, das Herz erfüllt von ein bisschen Wehmut aber auch Vorfreude auf etwas weniger Hitze, die erste Etappe des Rückwegs aus den Pyrenées-Orientales antreten wird. Daher heißt es morgen früh Au revoir Tautavel. Auf nach Hause… wenn auch mit einem Schlenker über die Rhône-Alpes. Wir lesen uns.

Auch als Podcast…

Bienvenue au pays cathare N°17 – Der alternde Zocker und die KI

Ich schimpfe viel auf antisocial media. Dennoch – und das ist nicht bigott, sondern einfach unvermeidlich, wenn man um bestimmte News und Trends inner- wie außerhalb der eigenen Bubble wissen möchte – bin ich auch auf manchen Medien unterwegs. Häufig nur als Konsument, selten als Kommentator, weil mich viele Diskussionen einfach ermüden. Auch, oder sogar insbesondere, wenn es um mein Hobby N°1 geht. Ich rezipiere aber recht regelmäßig ein paar Channels aus der sogenannten D&D-Tube, deren Macher – als Content-Creator – viel näher an der Branche dran sind als ich, die immer wieder interessante Denkanstöße aufwerfen und deren Geschichten einfach gut erzählt sind. Ich selbst spiele kaum D&D, weil ich viele Regelaspekte ziemlich Banane finde, klaue jedoch gerne Ideen für meine eigenen Welten und Regelwerke. Und viele dieser Videos sind eh System-agnostisch. Ich halte es zudem für wertvoll, den eigenen Horizont nicht zu begrenzen. Na ja… wenn es um gutes altes Nerddom geht, war ich eh nie ein Kind von Traurigkeit: Es fing an mit der wachsenden Versessenheit auf Geschichte(n), angeregt durch die Büchersammlung meiner Eltern. Ich las Comics aller Art. Dann kam mein erster Computer dazu – natürlich ein C-64, ich war ja ein Kind der 80er. Ich habe mir darauf selbst ein bisschen Programmieren beigebracht (Basic, Assembler) und natürlich gezockt, was es damals gab. Dann kamen Romane aus allen Genres (Stephen Kings „Das letzte Gefecht“ habe ich an einem Wochenende weggeschwartet…). Ich habe die ganze Palette obskurer Filme der 80er gesehen (oft genug, ohne die FSK-Freigabe zu erfüllen) – und schließlich landete ich bei TTRPGs jedes erdenklichen Genres. Ich war immer ein Außenseiter, aber in der Clique von like-minded weirdos (und manchen, die es zumindest mal ausprobieren wollten) wurde ich rasch zu einer festen Größe. Aber auch nur dort…

Les Orgues d’Ille-sur-Têt – Departement Pyrenées-Orientales

Denn ich habe mich nie wirklich groß in die Diskussionen um bevorzugte Regelwerke und Mechaniken, um Spieler- und Spielleitertypen oder anderen Quatsch involviert. Ich segelte mal, als das noch neu war, auf ein paar Forenseiten rum. Aber ganz ehrlich… das Feedback war stets wenig hilfreich, da nicht wenige Leute dort viel zu sehr um sich selbst und das Vertreten ihrer eigenen Meinung kreisten, als das eine fruchtbare Diskussion hätte zustande kommen können (Stichwort: „Tanelorn“; gibt’s das dämliche Ding überhaupt noch?). Ich blieb stattdessen lieber Teil meiner eigenen kleinen Community (über die Zeit allerdings durchaus mit wechselnden Protagonisten). Schon deshalb, weil ich im Lauf der Jahre eine relativ klare Vorstellung davon entwickelt hatte, wie das alles funktionieren sollte. Und dann, weil ich von mir selbst genervt war, weil sich meine Ansprüche an das Spiel gewandelt hatten und weil ich durch einen echten und einen Spielleiter-Burnout gegangen war, landete ich schließlich in der D&D-Tube; und konnte einigen wirklich faszinierenden Channels beim Wachsen zusehen. War interessant und ein paar Leuten folge ich immer noch. Streams wie „Critical Role“ waren jedoch nie mein Ding (ich habe KEINE Episode komplett gesehen), weil es mir stets wie second-hand-gaming vorkam. Doch ich verstehe, dass genau das viele neuen Gamer ins Hobby geholt hat. SEHR VIELE! Und das ist auch gut so.

Unterdessen stelle ich fest, dass sich durch diese Einflüsse so manches in meiner Herangehensweise geändert hat. Nicht so offensichtlich beim Zocken an sich, wohl aber, wenn es um die Vorbereitung und mein Storytelling geht – und ja, ich kann die ganzen Honks aufjaulen hören, die sagen, dass die SL kein Storyteller ist, sondern nur ein Stichwortgeber und Schiedsrichter. Habt ihr schon mal darüber nachgedacht, was das ganze World- und Lore-Building ist, das es braucht, damit auf dieser Basis dann eure Geschichte entstehen kann? Ja, ist recht… In diesem Zusammenhang bin ich die Tage über ein Video gestolpert, welches Dadi von „Mystic Arts“ veröffentlicht hat. Er ruft dazu auf, keine KI mehr in den eigenen Games zu verwenden. In erster Linie geht es ihm um die Creator und Gamedesigner, welche mit Hilfe von KI, oder besser LLMs ihre künstlerischen Arbeitsprozesse abkürzen und so dem Konsumenten das klare Signal senden, dass es ihnen nur um den schnellen Dollar geht. Und da gehe ich mit; insbesondere unter dem Gesichtspunkt, dass es da draußen eine Menge sehr guter, sehr kreativer Künstler gibt, die damit ihren Lebensunterhalt verdienen müssen und jetzt immer mehr durch Chatbots wegrationalisiert werden, deren Fähigkeiten lediglich darauf beruhen, dass sich Firmen wie OpenAI all die, im Internet teils frei einsehbare Kunst von menschlichen Schöpfern widerrechtlich angeeignet und damit ihre Algorithmen trainiert haben. Bis zu einem Grad, der lediglich auf den ersten Blick brauchbare Ergebnisse erzeugt. Ich erkenne für mich nun: wenn ich etwa für ChatGPT bezahle, gebe ich damit dreckigen Dieben mein Geld für eine Dienstleistung, die zu einem erheblichen Teil auf der Verwendung gestohlenen Contents fusst. Und ich bin diesbezüglich immer noch mitschuldig.

Ich habe ChatGPT in den letzten Monaten neben ein paar beruflichen Aufgaben vor allem dafür benutzt, Grafiken für mein Hobby TTRPG zu erstellen. Niemals für eine, wie auch immer geartete, kommerzielle Verwendung. Aber z. B., für Illustrationen von Journalen jener Kampagnen, in denen ich mitspiele, oder ein kleines Hausregelwerk mit eigenem Setting an dem ich arbeite, sowie meine eigene Prep, da ich mittlerweile auch ein wenig mit digitalen Visualisierungen in meinen Präsenzsitzungen herumspiele. Und ich stelle gerade fest, dass ich damit an dieser letzten Grenze stehe, noch mehr AI-Slop ins Netz zu werfen. Die Probleme dabei sind a) der Energieverbrauch und die Naturressourcenverschwendung, welche LLMs mittlerweile erzeugen, b) der Ouroboros Internet, in dem AI-Slop jedweder Art (nicht nur grafisch) von den Algorithmen selbst rezipiert und als Quelle verwendet wird, womit die Maschinen auch den ungeprüften Mist, den sie selbst unweigerlich erzeugen, unaufhörlich regurgitieren, bis der reale Content-Tod eintritt und c) die digitale Demenz, welche ich mir selbst damit anerziehe. Ich kann nicht wirklich malen, aber lieber versuche ich, mir das auch noch beizubringen, als die Maschinen – und vor allem ihre Herren und Meister Tech-Bros – weiterhin zu füttern. Oder ich suche mir wieder menschliche Quellen für die Grafiken. Es gibt für all das in meinem Fall derzeit noch keine gute Lösung, denn ich muss ein paar meiner Workflows wieder komplett umstellen. Wobei ich sagen kann, dass ich die LLMs wenigstens nie für meine Regeln, Stories, NPCs etc. benutzt habe. Das ist alles stets menschliche Arbeit gewesen und wird es auch zukünftig bleiben. Aber es wird am Anfang ein Verzicht sein, denn ich habe diese Spielereien irgendwie liebgewonnen. Es gab mir das Gefühl, meinen Ideen auf eine weitere Art Ausdruck verleihen zu können. Aber wie eine deutsche Band mal so schön sang „…das ist alles nur geklaut!“ Und klauen möchte ich nicht. Denn am Ende soll meine eigene Kreativität zählen. In diesem Sinne – always game on, and better do it without AI…

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Bienvenue au pays cathare N°16 – …normal?

Reisen kann einem auch mal etwas abverlangen. Freitagabend hatte eine Gruppe junger Menschen auf einem öffentlichen Platz direkt oberhalb unseres Feriendomizils bis 01:30 Nachts Halligalli gemacht. Erst nachdem sowohl ich, als auch Anwohner ihnen persönlich Bescheid gestoßen hatten, verebbte die, sagen wir mal… fragwürdige Musikauswahl, die noch dazu wenig stilistische Kontur zeigte endgültig. Ich war allerdings am Samstag dementsprechend körperlich platt und mental ziemlich dünnhäutig. Wir haben den geplanten Ausflug nach Collioure trotzdem gemacht. Und siehe da: nach ein paar emotionalen Unebenheiten war’s dann doch ‘ne geile Wurst. Das Château Royale kann ich den Geschichts- und Architektur-Interessierten für einen Besuch nur wärmstens empfehlen. Wir kamen dann nach einem Shopping-Schlenker am Nachmittag in ein Tal zurück, dass von dunklen Wolken verhangen war, dafür aber einige Grad kühler als das glühende Umland von Perpignan. Und ein paar Stunden später gab’s dann auch endlich den ersehnten Regen. Wir saßen auf – manchmal regenbedingt auch nur an – unserer kleinen Terrasse und konnten so ab 21:30 dann auch Blitze kucken, die über den Bergrücken zum Nachbartal ein beeindruckend-schauriges Lichtspektakel zauberten. Unterdessen fühlt sich der Urlaub doch wie einer an. Einzig die schwüle Hitze, die uns dazu zwingt, sehr genau zu schauen, was man sich anschauen kann und wann man lieber doch wieder an die wundervolle Freibadestelle fährt, drückt. Jetzt aber eher auf den Körper, denn auf’s Gemüt.

Was ist denn schon normal? Ich weiß es auch nicht, wenngleich viele Leute derzeit gerne über ein “neues Normal” schwadronieren, offenkundig jedoch ohne zu wissen, dass es so was wie ein “altes Normal” nie gegeben hat. Wir, so als Gesamtspezies betrachtet, leben mit allem anderen was hier grünt, blüht, kreucht und fleucht lediglich als Gäste. Und wenn es so was wie eine intergalaktische Buchungs-App für Planeten gäbe, hätten wir Menschen als Gäste eine 0,01-Sterne-Bewertung mit einem “Buchung ablehnen”-Vermerk. Wir haben es auf einer Skala von 0 bis 10 ca. bei einer 33,8 verkackt und gehen dennoch durch unsere Leben mit einem permanenten Flow an Erwartungen an alles Mögliche und sind immerzu furchtbar enttäuscht, wenn auch nur einzelne dieser, oft völlig überzogenen Erwartungen – ZWANGSLÄUFIG – enttäuscht werden. Ich erinnere an die unüberwindbare Mauer der nächsten Sekunde… Unser Gedächtnis für unser Forderungen an DAS LEBEN ist groß, dass für unsere verdammte Verantwortung, diese selbst wahr werden lassen zu müssen indes leider ziemlich klein. Und ich bin da keine Ausnahme. Ich komme in einen Ort, in dem Menschen leben, die hier ihr Zuhause haben – und meine Stress- und Depressionsgeplagte Seele meint, das Universum müsse sich nur um meine verdammt egoistischen und kleinlichen Befindlichkeiten drehen? Funfact: tut es natürlich nicht! Zudem ich heute die Feststellung treffen muss, dass es überhaupt nicht funktionieren KANN, alle Erwartungen, insbesondere an richtige Erholung auf einen kleinen Zeitraum zu projizieren, für den ich mir von meinem Arbeitgeber Dispens für das Nichterscheinen am Arbeitsplatz ausbitten kann; im Volksmund auch Urlaub genannt. Wäre es nicht gesetzlich geregelt, würde die Bitte zudem abgelehnt. Arbeitnehmerrechte müssen unangetastet bleiben! You hear me Fotzenfritz? YOU HEAR ME KELLNER LARS? Aber zurück zum Thema…

Ich habe mich gestern, wie ich so durch Collioure kraxelte (ja, es ist dort ziemlich hügelig) des Umstandes erinnert, warum ich eigentlich hierherkam. Nämlich, um den Kopf wieder freizukriegen, mich auf mich selbst, meine kreativen Stärken, meine Energie-Quellen zu besinnen und langsam wieder mehr Luft zum Atmen zu bekommen. Ich habe mich jedoch in den letzten Tagen – getrieben von der Erkrankung, welche mich die letzten sieben Tage vor dem Urlaub zurückgeworfen hatte und meiner Angst vor der Hitze – viel mehr auf meine angekratzten Befindlichkeiten, denn auf meine Stärken konzentriert, mich kaum einmal mit meinen liebsten Hobbies befasst, nur wenig sinnvolle Konversation mit der besten Ehefrau von allen geführt und mich insgesamt als jämmerlich-jammrige Kopie meiner Selbst erlebt. Damit ist Schluss. Ich saß heute morgen wieder in dem glucksenden Bach, für eine kleine Weile ganz allein mit mir und diesem bezaubernden Stück Erde. Und da habe ich, wie ich glaube nicht nur Frieden gespürt, sondern unterdessen auch verstanden, dass ich diesen Frieden für mich nur aus mir selbst erreichen kann. Nichts und Niemand sonst wird das tun. Nicht die Jungs mit ihrer Boombox, die nur ein bisschen Dampf abgelassen haben. Nicht die Hitze, denn die ist einfach existent. Nicht die lieben Menschen in meinem Leben, denn die haben jeweils ihr eigenes Bündel zu tragen; wenngleich wir alle hin und wieder einen Spiegel zur Selbstreflexion brauchen. Und auch nicht mein Therapeut, wenngleich er immer wieder sehr tiefsinnige Fragen stellt, die mich zum Wahrnehmen neuer Aspekte zwingen. Nur ICH kann das alles hinkriegen. Was allerdings nicht bedeutet, dass ich unterwegs keine Breakdowns mehr haben werde…

Ich bin mitnichten endgültig von meinen diesbezüglichen Fehlern geläutert. Aber meine Wahrnehmung hat sich verändert und es fühlt sich richtig an. Wir werden noch ein, zwei Ausflüge unternehmen, ich werde die weiteren Tage hier zu nutzen wissen und mich auch mal meinem geliebten TTRPG widmen, sofern mein Kopf frei genug dafür ist. Der Ärger und Stress der Heimat werden mich in knapp acht Tagen wieder voll im Griff haben, aber bis dahin… ja bis dahin will ich mein Bestes versuchen, mich nicht noch mal von den Dingen so hart runterziehen zu lassen, auf die ich eh keinen Einfluss habe. Euch einen guten Start in die neue Woche.

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Bienvenue au pays cathare N°15 – …interpretierbar?

Was genau schenkt einem Frieden? Ich war heute morgen mit der besten Ehefrau von allen an einer echt bezaubernden Freibadestelle, ganz hier in der Nähe des Ortes, um ein wenig Erfrischung zu tanken, um den Vormittag abwechselnd im Wasser oder unter einem Baum sitzend zu verbringen und Fünfe gerade sein zu lassen. Das gelang beinahe beängstigend gut. Gleich zu Beginn unseres Aufenthaltes, als noch relativ wenig Menschen sich daran delektierten, es uns gleich zu tun, schwammen wir ein Stück in die schmale Schlucht. Man muss dazu wissen, dass es irgendwann über Felsen geht und hinten raus immer seichter wird, so dass man irgendwann neben einem winzigen Wasserfall im Bach sitzen und die beeindruckende Natur genießen kann. Rechts, wie links steil aufsteigende Felswände aus karstigem, nur wenig bewachsenem Kalkstein, wenige Dutzend Meter weiter öffnet sich das Tal etwas, bestanden von der ortstypischen Vegetation. Am Vormittag ist der Canyon noch schattig und das Wasser fließt glucksend an dir vorbei, weiter nach vorne, wo sich der Bach zu einem ca. 50 Meter durchmessenden Bassin öffnet. Von dort fließt das Wasser weiter über mehrere natürlich Stufen hinaus in jenes Tal, in welchem unser Urlaubsort liegt. Unter einem der alten Bäume, welche den Teich säumen, lagen unsere Badetücher und Rucksäcke. Und wir saßen da hinten im Schatten und schauten in die Landschaft. In dem Moment war mir so ziemlich alles egal, was in meinem Leben sonst so los ist, da waren für ein paar Augenblicke einfach nur der Canyon und ich; und natürlich die beste Ehefrau von allen. Aber ganz ehrlich – selbst, wenn sie nicht dagewesen wäre, hätte ich mich in dem Moment wahrhaft wohl gefühlt. Und weil ich es nicht einsehe, mein Smartphone zu riskieren, kam ich auch nicht in die Versuchung, das Ganze knipsen zu müssen. Denn bezüglich dieses zwanghaften Knipsens habe ich gerade einen ambivalenten Disput mit mir selbst…

Grau de Padern – Dèpartement Aude

Wir neigen dazu, solche positiven Erinnerungen einfangen zu wollen, ganz so, als wenn wir sie dadurch jederzeit und an jedem Ort noch einmal – idealer Weise auch noch Verlustfrei – wiederholen könnten. Aber das stimmt nicht. Die unüberwindbare Mauer der nächsten Sekunde macht diese Illusion unerbittlich zunichte. Was wir JETZT mit dem Druck auf den Auslöser einfangen, ist eine REPRÄSENTATION jenes OBJEKTES, das JETZT etwas in uns ausgelöst hat, weshalb wir es einfangen wollten. Beim späteren Betrachten der Bilder (also der Repräsentationen) passiert aber etwas in unserem Kopf – es entsteht nämlich jedes Mal eine neue INTERPRETATION dessen, was wir NUN sehen, basierend auf der Beziehung, welche wir GERADE zum repräsentierten Objekt einnehmen. Wir treten also immer wieder neu in eine Beziehung zu dem, was wir gesehen, gehört, erlebt haben; was die Idee, einen bestimmten Moment etwa mit Hilfe von Technik (etwa Foto- oder Videographie) dauerhaft konservieren zu wollen, doch ziemlich absurd erscheinen lässt. Was dabei alles auf die jeweilige Iteration der eben entstehenden Interpretation in unserem Kopf wirkt…? Nun, die Gesamtheit dessen, was wir gesehen, gehört, erlebt haben natürlich! Susan Sontag sagt, das wir uns eigentlich von der Interpretation verabschieden sollten. Sie sagt das zwar im Zusammenhang mit allen Formen der Kunst, aber kann Natur nicht auch Kunst sein; ist es nicht ein künstlerischer, ja nachgerade ein revolutionärer Akt, einfach mal zu sein und zu erleben, was rings um einen herum ist, ohne nach einem Sinn, einer Bedeutung, einem Zeichen suchen zu müssen? Denn nicht alles, was eine Form hat, bedarf notwenigerweise auch eines Inhaltes. Wir messen den Begiffen Bedeutungsinhalt- oder überschuss sowieso viel zu viel Bedeutung [;-)] bei und leben viel zu wenig HIER und JETZT.

“Diese Überbetonung des Inhaltsbegriffs bringt das ständige, nie erlahmende Streben nach Interpretation mit sich. Und umgekehrt festigt die Gewohnheit, sich dem Kunstwerk in interpretierener Absicht zu nähern, die Vorstellung, dass es tatsächlich so etwas wie den Inhalt eines Kunstwerkes gibt.”

Sontag, S. (2016), S. 10

Da saß ich also in diesem Canyon in diesem glucksenden Bach und war mit mir im Reinen. Für ein paar wenige Augenblicke war da sonst nichts, außer zu sein. Keine Pflichten, keine Sorgen, keine Deadlines, keine Idioten bei der Arbeit, keine Aufgaben, die man mir gibt, weil man mich scheitern sehen möchte… sondern einfach nur die (wahrhaft atemberaubende) Landschaft und ich. Das war Zweckfreiheit im besten und wahrsten Sinne. Etwas, dass ich viel zu selten erlebe. Jetzt, ein paar Stunden später sitze ich im Garten im Schatten der Maulbeerbäume und schreibe diese Zeilen. Hier und jetzt auf ein Bild oder gar ein Video dieses Ortes zu schauen, könnte nie dieselbe Wirkung haben, denn jetzt bin ich zwar immer noch zweckfrei (weil im Urlaub), aber schon wieder im gezielt kreativen Modus unterwegs; nämlich, indem ich den Menschen, die das hier rezipieren von meiner Erfahrung berichte. Das war keine Epiphanie, auch keine Vision, sondern einfach nur die – durchaus wohltuende – Wahrnehmung eines freien Menschsein-Dürfens. Dies ist keiner weiteren Interpretation bedürftig. Obschon ich mit der Hitze nach wie vor auf Kriegsfuß stehe und mir momentan dringlichst den Herbst herbei sehne, scheint mein Hirnkasten also noch nicht vollkommen dehydriert und durchaus noch zu differenzierten Wahrnehmungen, Empfindungen und Gedankengängen fähig zu sein. Gut so! Alles Weitere wird sich finden. Versucht, nicht zu schmelzen. Wir lesen uns.

  • Sontag, S. (2016): Standpunkt beziehen. Fünf Essays. 10. Auflage. Ditzingen, Philip Reclam Jun. Verlag.
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Bienvenue au pays cathare N°14 – Schatten unter der Sonne

Es ist immer wieder faszinierend, wie leicht man sich selbst in eine Abwärts-Spirale hinein denken, schreiben, leben kann; objektiv können die Dinge oft noch so schön, entspannend, faszinierend, inspirierend sein, doch du kannst es nicht fühlen. Das ist einer der Aspekte von Depression, den man Menschen nicht erklären kann, die diese Erfahrung nicht selbst gemacht haben. Man kann es den “Uneingeweihten” auch nicht zum Vorwurf machen, denn objektiv betrachtet ist es wesentlich besser, NICHT über diese Erfahrung zu verfügen. Nun ist es halt so, dass sich meine Gedanken manchmal auch dann in diese Richtung bewegen, wenn ich objektiv betrachtet eigentlich im Himmel sein müsste. Denn so ein Urlaub in den Pyrenées-Orientales bietet so ziemlich alles, was man sich nur wünschen kann. Höchst beeindruckende Landschaften, da ist innerhalb 50 KM Fahrtstrecke von Gebirge bis Meer alles dabei. Baden gehen in schattigen Felsenschluchten oder an den feinen Stränden des Mittelmeers. Kultur zum erwandern, anfassen, erleben. Egal ob eher geschichtsträchtig oder doch modern, man findet hier wirklich alles. Und natürlich das Essen. Denn egal, ob man nun einkaufen geht, um selbst zu kochen, oder sich im Restaurant verwöhnen lässt, der Gaumen findet hier seine Freude. Niemand will irgendwas von mir, keine tickende Uhr, die auf Termine hinweist, kein Druck von irgendwelchen Chefoiden; bestenfalls die Tochter und die beste Ehefrau von allen hegen gewisse Ansprüche. Und die sind hinreichend nah an meinen eigenen Bedürfnissen. Man sollte also meinen, dass alles gut ist. Doch diese Aufs und Abs in meiner Seele, die ich auch im Urlaub unterdessen immer wieder erlebe, sind für mich zu einem Marker dafür geworden, wie dringend ich etwas an meinem Leben ändern sollte. Ist das alles nicht einfach bloß Gejammer auf sehr hohem Niveau? Sagen wir mal so: nicht, wenn man gewisse Prinzipien hat.

La Plagette – Cap Leucate, Département Aude

Oh ja, ich kann es in meinem Hinterkopf hören: “Stell dich nicht so an!”, “Ach je, mal wieder die Schwermut des rotweinsaufenden Paukers!”, “Heul leise in dein Cassoulet!”, “Ich hätte auch gerne so einen Urlaub – kannst das nächste Mal die Reise ja verschenken, wenn du es nicht zu würdigen weißt!”, “Dann komm halt besser drauf!”. Ich sag mal so: fast 12 Monate Therapie, Journaling, Gespräche mit guten Freunden, gelegentliches Entgegenkommen durch meinen Arbeitgeber haben an der Situation in meinem Kopf bislang leider nur wenig verbessert. Ich weiß das, was ich habe und das was ich gerade tue SEHR zu schätzen. Ich habe auch lange und hart genug dafür gearbeitet, damit wir uns solche Dinge leisten können. Mittlerweile weiß ich außerdem, was ich eigentlich alles tun müsste; und die Dinge, die sich halbwegs zügig umsetzen lassen, setze ich auch um. Doch… der Hauptbrocken, nämlich meine stetig wachsende Unzufriedenheit im Job, der wird nicht besser vom Warten und Weiter-so. Doch alles hinschmeißen und weiterziehen ist nicht so einfach, wie manche Hoi-Dois da draußen das gerne darstellen. Und dann kommt auch noch dieser Idioten-Sommer dazu, der mir klar aufzeigt, dass es nicht 5 vor 12 ist, sondern 2 nach… und wir bestenfalls noch verhindern können, dass die Hölle uns alle schon demnächst verschlingt. Okay, okay, das war leicht übertrieben., denn es gibt tatsächlich so einiges, was wir noch tun können. Aber das alles kostet jemanden wie mich, der gerade nicht wirklich auf sich selbst klarkommt unfassbar viel Kraft. Denn es liegt mir fern, irgendjemanden im Stich zu lassen; selbst dann, wenn das bedeutet, dass ich noch mehr von der knappen und kostbaren Ressource meiner Energie darauf verwenden muss, Dinge am Laufen zu halten, die mich nicht unbedingt irgendetwas angehen müssten. Verdammich!

Le Font del Port Saint Hippolyte – L’Etang de Salses-Leucate, Département Pyrenées-Orientales

Ich bin weit davon entfernt, zu verzweifeln. Lediglich nachts, wenn Hitze und Schwüle des Tages derzeit nur sehr langsam weichen und ich mich fühle wie ein Braten im Sous-Vide-Garer, dann kommen, dem langsam im Ruhemodus versinkenden präfrontalen Cortex sei Dank die Gedanken, die Sorgen, die Zweifel – eben das ganze Rundum-Sorgenvoll-Paket. Wenn die Affektkontrolle schwindet, dann feiern unsere ungezügelten Emotionen Urständ. Ein Grund mehr, dass spätabendliches Saufen eigentlich keine gute Idee ist, betankt man sich dabei doch eh schon mit DEM Kontrollverlust-Nektar schlecht hin. Nun ja… hier ein kleiner Hinweis: ich trinke schon seit geraumer Zeit eher wenig Rotwein. Ist einfach nicht gut für meine Magenschleimhaut. So viel zum Rotweinsaufenden Pauker. Und wohin in Drei Teufels Namen führt das alles nun? Genau hier und jetzt ist es nicht mehr, als ein bisschen Ergo-Therapie. Gib deinem Frust einen Namen, eine Form und verbrenne ihn gedanklich oder symbolisch. Ritualisiere einen Abschluss mit den Dingen. Insofern ist mein Blog manchmal also auch so etwas wie eine digitale Voodoo-Puppe. Schade nur, dass meine Nadeln bislang kaum Wirkung zeigen. Was gesagt wird, hilft mir zwar, die Dinge klarer zu sehen. Doch an Struktur und Funktion meines Gehirns kann ich ebensowenig etwas ändern, wie an meiner generellen Unzufriedenheit mit bestimmten Aspekten meines Daseins – okay, meinem Job! Ich kann also nur an meinem Dasein etwas ändern und hoffen, dass die Unzufriedenheit dann abnimmt oder gar ganz verschwindet. Aber wer kann schon wissen, auf welchen grandiosen Mist sich meine CPU dann einschießt…? Wie dem auch sei, es ist heiß und schwül, es ist meistenteils sonnig und es ist Urlaub. Ich re-frame also meine Sicht auf die Dinge, kehre zurück in den Urlaubs-Modus und SCHEISSE auf alles, was mich unglücklich macht. Denn mein Cassoulet war definitiv nicht zum Weinen. Ebenso wenig wie unsere bisherigen Ausflüge. Die Gegend hier hat nämlich in jedem Fall meine positive Aufmerksamkeit verdient. In diesem Sinne… macht’s mal gut.

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