Ich nehme wahr, dass eine nicht unerhebliche Zahl an Artikeln in den Medien um die immergleichen Themen kreist: ist die Gen Z fauler, als andere Alterskohorten vor ihr? Und meine Standardantwort lautet: NEIN! Allerdings ist eine gewisse Differenzierung von Nöten, um zu verstehen, wie ich – allen Unkenrufen zum Trotze – zu dieser Einschätzung komme. Und es beginnt, wie so oft, mit den Lebensumständen, unter denen man vom Kindes- und Jugendalter in die Adoleszenz – und damit zumeist auch ins Erwerbsleben – übertritt. Wir Menschen neigen ja dazu, die eigenen Erfahrungen als allgemeingültig zu verabsolutieren; wenn man sich also auf eigene Erfahrungen beruft, oder noch besser auf “jemanden, den man kennt”, sind die daraufhin folgenden Ausführungen ziemlich häufig mit äußerster Vorsicht zu genießen, es sei denn der Autor der jeweiligen Worte lässt sich dazu herab, den anekdotischen Charakter seiner “Evidenz” ebenso öffentlich zu reflektieren. Wenn ich nun also kurz beschreibe, wie ich diesen Übergang erlebt habe, weiß ich, dass ich im Anschluss besser noch ein paar Fakten dazu tue. Ich wurde 1974 geboren (als eines von ca. 805.500 Kindern) und erlebte meine Kindheit und Jugend in relativer “Wahrnehmungs-Enge”, den es gab damals ein paar Fernsehkanäle, auf Papier gedruckte Zeitungen und ich musste erst 19 werden, bevor das World-Wide-Web in Deutschland zur privaten Nutzung freigegeben wurde. Man war zur Informationsbeschaffung, wie auch zur Weitergabe von eigenen Ergüssen auf Spezialisten angewiesen; wir waren nicht dauernd online, denn wir wussten damals noch nicht mal, was online dereinst sein würde! Mein Übergang ins Arbeitsleben bestand daher zunächst in Ferienjobs, die ich so ab 14 Jahren aufwärts erst von meinem Vater und später von meinem älteren Bruder vermittelt bekam. Maloche in der Produktion und als ungelernter Strippenzieher auf dem Bau. Meine Zivildienststelle habe ich mir dann selbst besorgt, nachdem ich auch meine Verweigerung selbst besorgt hatte. (ja 1992 wurde man noch gemustert und musste vor eine Kommission aus “grauen Herren” treten). Dieser Zivildienst zeigte mir ein völlig anderes Betätigungsfeld als das, in welches ich eigentlich hatte eintreten wollen (Verfahrenstechnik); ich verstand, dass ich – gegen alle Kapriolen meines Hirns – doch besser mit Menschen als mit Maschinen umgehen konnte. Blaulichtfahren war nur ein first incentive, der Rest passierte ganz anders.

Die direkt an den Zivildienst als Rettungssanitäter anschließende Rettungsassistenten-Ausbildung habe ich damals noch aus eigener Tasche bezahlt. Nach dem Aufbau-Lehrgang ging es in die klinischen Praktika und dann in eine betriebliche Anschlusslehrstelle, die man sich ebenfalls selbst besorgen musste. Man kann also sehen, dass es ein paar Hürden gab, die ich zu überwinden hatte, um überhaupt im Erwerbsleben richtig ankommen zu können. Das ist heute anders – zumindest in meinem Gewerk. Man bewirbt sich auf die angestrebte Lehrstelle und sofern man genommen wird, kümmern sich Betrieb und Berufsfachschule um alles Organisatorische. Man muss nur jeden Tag pünktlich erscheinen und seine eigene Motivation (und am Besten sein Hirn) mitbringen. Für meine Anschlusslehrstelle half mir wiederum Vitamin B: ich wusste, wen man anrufen konnte. Ich rief an. 75 Minuten nach einem dieser Anrufe saß ich in einem 60 KM entfernten Büro. 120 Minuten nach dem Anruf hatte ich einen Vertrag und bekam sogar ein Auszubildendengehalt – was damals für Rettungsassistenten im Praktikum NICHT überall üblich war! Für meine erste Festanstellung schrieb ich dann so 50 – 60 Bewerbungen, die man damals noch per Post verschickte und irgendwann (vielleicht) Antwort bekam. Ich landete bei einem Arbeitgeber, von dem ich mir sicher sein kann, dass mein zukünftiger Chef meinen ehemaligen Chef bei der HiOrg, in welcher ich meinen Zivildienst abgeleistet hatte mal eben informell gefragt hat, “ob der Kerl was taugt?” – BEVOR ich zum Bewerbungsgespräch eingeladen wurde. In einer Welt, in der noch ziemlich viele Andere mit mir um die Jobs konkurrierten (die extrem große Boomer-Generation war ja nur einen Tick vor mir unterwegs), weil die Wirtschaft nach der Wiedervereinigung 1990 ziemlich in der Krise steckte, gab es neben halbwegs guten Noten nur wenige Hebel, um an sichere Jobs zu kommen: Performance (erst schuften, dann verhandeln) Resilienz (auch mal runterschlucken, was einem gerade nicht passt) und Beziehungen (jemanden kennen, der jemanden kennt) verschafften einem einen guten Leumund, der einem zum Job verhalf.
Weil die Geburtenzahlen nach 1990 zu sinken begonnen hatten und heute auf deutlich niedrigerem Niveau stagnieren (2005 als letztes Gen-Z-Jahr kommt gerade mal noch auf knapp 686.000), ist die Zahl der Konkurrenten niedriger geworden. Demografie ist aber nur ein Aspekt. Die Entwicklung des Internets und speziell der sozialen Medien ist ein weiterer wirkmächtiger Faktor hinsichtlich der Sozialisierung junger Menschen. Unsere Fenster zur Welt sind VIEL, VIEL größer geworden. Unsere Möglichkeiten, sich mit Menschen von überall auf dem Globus auszutauschen sind – mit Blick aus dem Jahr 1993, als ich Abitur gemacht habe – unfassbar. Ebenso wie unsere Möglichkeiten, Informationen zu erhalten. Ich musste noch lernen, wie man mit einem Bibliotheks-Handapparat zur Recherche umgeht. Heutzutage werfe ich die Suchmaschine meiner Wahl an und bekomme in Sekunden (leider allzu häufig von LLMs schon kuratierte) Ergebnisse ausgespien, für deren mechanisches Zusammentragen ich früher Tage und Wochen der Recherche gebraucht hätte. Der Fluss der Informationen ist schneller. Allerdings ist auch die interessengeleitete Kuratierung der Informationsflüsse schneller geworden. Social Engineering durch Fake News, oder “alternative Fakten”, wie die rechten Trumpeltiere das zu nennen belieben, ist zu einer konstanten Bedrohung der Informationssicherheit geworden. In der Folge kursiert ein Mist im Netz, bzw. auf antisocial media, der sehr seltsame Blüten treibt. All das hat auch Auswirkungen auf die Arbeitswelt, bzw. insbesondere auf junge Menschen, die gerade in dieser ankommen. Wir kommen jetzt in den Bereich wo die ersten Gen-Alphas demnächst in der Arbeitswelt ankommen, die keine Ahnung mehr haben, wie ‘n Wählscheibentelefon aussieht, oder welchen Wert es hat, dass das einmal auf Papier gedruckte Wort nicht mehr nachträglich verändert werden kann.
Ich bin groß geworden mit bestimmten Sicherheiten, in einer überschaubaren Welt mit leicht zu dekodierenden sozialen Standards. Als ich, gerade fertiger Rettungsassistent, meine erste Einarbeitungsschicht auf dem RTW bei meinem neuen Arbeitgeber fuhr, wurde ich morgens vom Kollegen mit den legendären Worten “Bischd du aach Assi?” begrüßt. Was so viel hieß wie “Fertig ausgebildet?”; aber auch “Bereit für diese Hood?” Ich sagte einfach “Hajo!” und damit war die Beer geschält! Heutzutage kommen die jungen Leute in einer Welt mit der Arbeit in Berührung, die nur noch wenige Sicherheiten oder gar Gewissheiten bietet. Und damit in ein Umfeld, dass einen noch höheren Konformitätsdruck erzeugt, als das früher für mich der Fall war. Du läufst heutzutage auf Schritt und Tritt Gefahr, von Taschenwanzen eingefangen und ins Netz gespieen zu werden. Egal was du tust. Und JEDE*R hat eine Meinung zu dem, was da auf dem Taschenwanzenbildschirm zu sehen ist. Von meinen “Missetaten” gibt es keine Videos – und das ist auch verdammt gut so! Die meisten jungen Leute sind nicht fauler, als andere Generationen vor ihnen; und die haben auch ihre Faulenzer hervorgebracht. Die jungen Leute sind jedoch aufmerksamer gegenüber dem Bullshit, der tendenziell an Arbeitsplätzen passiert. Sie sind, zumindest in den Branchen, in denen derzeit nach wie vor ein Arbeitnehmermarkt herrscht, eher bereit, aus dem, was sie als Bullshit empfinden Konsequenzen zu ziehen, oder Dinge für sich selbst einzufordern, weil sie den Hebel dazu haben. Und sie lassen sich weniger knechten, weil sie WISSEN, dass sie, egal wie sehr sie den Buckel krumm machen, nicht mehr dahin kommen können, wo Boomer und Gen-Xer hingekommen sind; außer sie erben eine nenneswerte Summe.
Ich muss meiner Absage an das 2.500 Jahre alte sokratische und platonische Diktum, dass die Jugend von heute “tyrannisch” wäre allerdings auch eine Prise Kritik an den jungen Menschen von heute beifügen. In einer Hinsicht sind nämlich manche, mit denen ich in der beruflichen Bildung arbeite tatsächlich fauler – nämlich, wenn es um das Verlassen der Komfortzone, also dass sich-selbst-um-etwas-bemühen geht. Ich stelle unterdessen häufig fest, dass für Aufgaben, die eigentlich dazu gedacht sind, dass die Schüler*innen sich mit einem Sachverhalt selbstständig und selbstTÄTIG auseinandersetzen sollen, LLMs zum Einsatz kommen, weil man halt keine Lust hat, sich mit dem Thema selbst auseinander zu setzen, oder aber ernsthaft glaubt, dass dazu das einmalige Durchlesen des, durch das LLM kuratierten Textes genügt. Selbst durchdenken? Fehlanzeige. Das zeigt sich dann oft genug auch in den Prüfungsleistungen. Wer sich früh angewöhnt, sich Fachwissen wirklich selbst zu erarbeiten, scored IMMER besser. Bei den anderen heißt es dann: Männer/Frauen wie wir – knapp bestanden mit vier… oder in einem halben Jahr wieder antreten. Und es ist nicht so, dass wir ihnen das nicht REGELMÄSSIG demonstrieren würden, dass die dauerhafte Nutzung von LLMs kurz- und mittelfristig zu SCHLECHTEREN kognitiven Leistungen führt. Da haben wir noch ein paar dicke Bretter zu bohren. Aber dass die jungen Leute generell faul wären, kann ich nicht bestätigen. Im Gegenteil bemerke ich bei nicht wenigen echte oldschool workethics. Und.. sie müssen sich ja auch nicht so ausbeuten lassen, wie das bei mir und vielen meiner Altersgenoss*innen der Fall war. Das Abendland wird jedenfalls nicht an der Gen Z oder der Gen Alpha untergehen. Wenn, dann schon eher an der ewiggestrigen Politik mancher Boomer, Gen-Xer und Millenials! In diesem Sinne – lasst euch auch in der neuen Woche nicht knechten. Der Fotzenfritz soll erst mal selbst einen ordentlichen Job hinkriegen…













