Benvenuti nelle Marche N°15 – Italienische Übergänge

Zurück in Italien. Und dank der Freundlichkeit unserer Gastgeber fühlt es sich – nicht nur für mich – an, wie heimkommen. Die Anreise war, wie so oft, wenn in Baden-Württemberg Ferien sind, allerdings kein Zuckerschlecken. Der Ritt durch die Schweiz hat mich beinahe meinen allerletzten Rest Contenenace gekostet. Immerhin am Ende, vor mir nur Idioten, im Straßengraben keine Toten… Aber sind wir nicht alle die allerbesten Autofahrer unter Gottes Sonne? Die Tour durch Italien war dann viel besser. Bis auf kleine Stockungen lief es wie am Schnürchen. Und nachdem gestern Nachmittag das Auto entladen und alles am richtigen Ort verstaut war, konnte ich mein Versprechen an mich selbst wahrmachen und meine ersten paar Hundert Meter im Pool schwimmen. Ende Mai noch ziemlich frisch, aber das tut dem Spaß keinen Abbruch. Ich weiß jetzt, dass meine Schulter trotz gelegentlichem schmerzhaftem Rumgespacke immer noch ganz gut Strecke machen kann. Oberflächlich betrachtet ist also alles in Butter. Und unter der Haube…? Tja da läuft die Denkmaschine ununterbrochen. Meine unausgesprochene Hoffnung ist natürlich, wieder ein wenig mit mir selbst ins Reine kommen zu können. Da ich hier fern von allen beruflichen Problemen und Sorgen bin, könnte das klappen. Heute Nacht habe ich jedenfalls geschlafen wie ein Toter. Doch ich kann ja nicht anders, als mir Denkfutter mit in den Urlaub zu nehmen. Und als ich heute morgen Anfing, das erste Buch zu lesen, stellte ich fest, dass die ersten Kapitel von einer Zeit der Umbrüche, vor allem aber von persönlichen Umbrüchen der Protagonisten handeln. Und das hat für mich gerade jetzt große Relevanz, weil es sich um historische Persönlichkeiten handelt, die allesamt als Philosophen im 20. Jhdt, Bedeutung erlangt haben. Und die sich, jeder auf seine Weise mit entscheidenden Fragen rings um unser Menschsein auseinandergesetzt haben. (Literaturhinweis unten).

Wenn man einmal mehr mit der wenig trivialen Frage ringt, was man denn zukünftig mit seinem Leben noch anfangen möchte und ob die Stelle, an der man gerade steht überhaupt (noch) die richtige ist, weil die Arbeitsumstände einem dauert Verdruss bescheren, dann kommen Erörterungen rings um Sein, (Selbst)Bewusstsein, Sinn und Ziele natürlich gerade recht. Wenngleich die Menschen, um die sich das Buch dreht, mit dem Jahrzehnt nach dem Ende des ersten Weltkrieges (auch als “Roaring Twenties” bekannt) in einer Zeit gelebt, gelernt, gelehrt und gelitten haben, deren Kommunikation, Kultur, Denkarten, Politik und Verlauf aus völlig anderen Voraussetzungen entstanden ist, als unsere heutigen “New Roaring Twenties”. Diese scheinen ein Jahrzehnt zu sein, dass die Erkenntnisse der 1920er bewusst und mit Macht konterkarieren zu wollen scheint. Die Menschen mussten 1919 mit den Erfahrungen aus einem unfassbare grauenhaften Weltkrieg umgehen lernen und ein neues Ich erschaffen, weil das alte – teils in den Schützegräben, teils an der “Heimatfront” – gestorben war. Ich spreche hier zwar von Philosophen (Wittgenstein, Heidegger, Benjamin, Cassirer), doch auch für diese Menschen war die Erfahrung präsent und formierte einen Rite de Passage, dessen Härte ich mir nur schwer vorstellen kann. Wenn unsere 2020er hingegen irgendetwas beweisen, dann, dass die Geschichte wahrhaft ein Kreislauf ist und wir Menschen – oder besser unsere sogenannten Staaten- und Wirtschaftslenker – aus ihr immerzu nur eines lernen: nämlich wie wir einander noch schneller und effizienter verletzen, unterdrücken, beherrschen, töten oder sonstwie beschädigen können. Die weltweit steigenden Zahlen psychischer Erkrankungen sprechen hierüber eine deutliche Sprache. Und unser Bundeskanzloide hat nichts besseres zu tun, als Menschen, die sich dem entgegenstellen zu beleidigen, zu diffamieren, ihre Haltung zu diskreditieren und den anderen “Elitenvertretern” Zucker in den Arsch zu blasen und ihre Konten zu boosten. Das hätten sich selbst Huxley und Orwell nicht besser ausdenken können. Doch was bedeutet das alles für mich? Denn… sorry, aber das hier ist MEIN Blog, also geht’s hier um mich!

Ich stehe an einer Schwelle. Dies kognitiv zu realisieren und emotional zu verarbeiten, sind jedoch zwei sehr unterschiedliche Paar Stiefel. Irgendwie zu wissen, dass man halt etwas ändern MÜSSTE, jedoch emotional keinen Zugang zu dieser Aufgabe zu bekommen und darum erstmal alles beim Alten zu belassen, dürfte so ziemlich die menschlichste aller Sünden sein. Siehe seine Wut oder seine Ängste in den Griff bekommen, Abnehmen, sich das Rauchen abgewöhnen, mit der Sauferei aufhören, etcpp. Wir WISSEN relativ schnell, was uns wirklich gut täte, jedoch… jedoch… Und so ist es mit meiner Schwelle. Ich sehe sie. Ich kann sie unterdessen sehr gut benennen. Ich wüsste auch, was ich verändern wollen würde – aber ich schaffe den Schritt nicht! Weil meinen Job einfach weiterzumachen für mich CONVENIENT ist. Ich weiß, wie alles funktioniert, wie die Menschen ticken, wie ich relativ häufig doch bekomme, was ich will. Doch der Schmerz hat in den letzten Jahren immer mehr zugenommen, bis zu einem Punkt, da meine Ratio und meine Emotionen in einem konstanten Konflikt miteinander stehen. Nicht umsonst besuche ich regelmäßig einen Psychotherapeuten. Wie sangen the Clash so schön “Should I stay, or should I go?”. Eigentlich ist es klar: I should go, for the better of me… Doch was ist dann. Die Convenience (und die relative existenzielle Sicherheit, die mit ihr einher geht) würde sich spontan in Luft auflösen. Ich finge, in vielerlei Hnsicht nochmal von vorne an. Was mit knapp 52 keine so aufmunternde Aussicht ist. Wer will so einen alten Sack wie mich schon noch haben…? Über diesen entscheidenden Aspekt meines Lebens muss ich in den kommenden zwei Wochen meditieren. Anstatt einfach nur meinen Urlaub genießen zu dürfen…? Ach, ich hoffe, beides irgendwie unter einen Hut zu bekommen. Zumindest habe ich mir selbst versprochen, noch viele Meter mehr im Pool zu schwimmen und meiner Seele viel Gutes zu tun. Zwischen alten Steinen spazieren gehen und Knipsen bis der Auslöser glüht. Abends über das Tal schauen und mit der besten Ehefrau von allen über Gott und die Welt parlieren. Gut essen und trinken. Noch viel mehr lesen. Und einfach sein. Denn einmal mehr hieß es gestern: “Willkommen in den Marken.” Wir lesen uns…

  • Eilenberger, W. (2018): Zeit der Zauberer. Das große Jahrzehnt der Philosophie. 1919 – 1929. 7. Auflage, 2023. Stuttgart: J. G. Cotta’sche Buchhandung Nachfolger GmbH, gegr. 1659.

A scream in the dark N°1 – Aufgeklärt…?

Ich bin ärgerlich. Ich habe anderthalb Tage darauf verwendet, jungen Menschen nahe bringen zu wollen, warum Ethik im Gesundheitswesen, aber auch im Leben eine Rolle spielt. Warum ein ethisch denkender und handelnder Mensch niemals Rassist, Chauvinist, Neo-Nazi sein kann. Warum Moral und Ethik nicht das Gleiche sind; niemals das Gleiche sein können, weil Ethik sich wissenschaftlichen Denkens bedient, während das andere viel zu oft stumpf Dogmen repliziert. Analog zu meinem absoluten Hasssatz “Das haben wir schon immer so gemacht…”. Warum ein humanistisches Menschenbild und die Ausgrenzung bestimmter Gruppen einander ohne jeden Zweifel vollkommen und absolut ausschließen. Mit anderen Worten: ich habe versucht Aufklärung zu betreiben. Dass ich dabei auch den kategorischen Imperativ aus der Kant’schen Moralphilosophie benutzt habe, ist natürlich kein Zufall. “Aufklärung ist der Ausgang des Menschen aus seiner selbst verschuldeten Unmündigkeit.” Vor 242 Jahren postulierte Immanuel Kant diese Worte. Und ja, man sollte den Mann in seinen zeitlichen Kontext einordnen. Er war ein chauvinistischer, mysogyner Stinkstiefel, der aus seinem Denk-Kabuff in Königsberg so gut wie nie herauskam. Dennoch haben seine Worte auch heute noch Bedeutung. Eigentlich heute sogar noch viel mehr als damals. Kant hat niemals verstanden, dass seine – oft zu verkopft formulierten – Ideen für wirklich JEDEN MENSCHEN Gültigkeit haben könnten; und dass man sich an diesen Ideen 164 Jahre später orientieren würde, um das Grundgesetz so zu formulieren, wie es formuliert wurde, hätte ihn eventuell überrascht. Ist aber so passiert. Doch… ist unser Grundgesetz heute noch aktuell? Oder anders formuliert: was genau führt dazu, dass immer mehr (vor allem junge) Menschen zu vergessen scheinen, dass unsere Demokratie kein gegebener Zustand ist, der ohne Zutun der Menschen, welche in ihr leben einfach fortbesteht? Unsere Demokratie als Idee ist ein Wert an sich, weil sie ALLEN Menschen das unhintergehbare Recht zuspricht, sich als eigenständiges Subjekt frei entfalten zu können. Das meinen Artikel 1, Artikel 2 und Artikel 3 des Grundgesetzes im Kern.

Das eigentlich Ärgerliche für mich ist nicht, dass Schüler*innen beim Thema Ethik komplett abschalten, weil sie sich viel lieber mit den Action-Aspekten des Berufes Notfallsanitäter*in befassen wollen. Wer nicht verstehen will, dass unser Job eine soziale Komponente hat, welche die Action-Komponente bei weitem überwiegt – und auch noch strukturiert – dem kann ich halt nicht helfen. Das sind dann diejenigen, die am Examen scheitern, oder so nach 6 Monaten bis einem Jahr die Ausbildung schmeißen, weil ihnen zu dämmern beginnt, dass man sich doch tatsächlich auf die Menschen einlassen muss, für die, an denen, mit denen zu arbeiten man aufgerufen ist. Mich kotzt es an, dass so wenige Menschen sich tatsächlich dafür interessieren, weil ihnen nicht bewusst ist, wie leicht sich unsere demokratischen Instuitutionen und Prozesse aushebeln lassen, wenn man sich die Ratten auf dem Wege eines demokratischen Prozesses ins Haus holt. Aufklärung bedeutet, dass jede*r von uns aufgerufen ist, sich eine INFORMIERTE MEINUNG zu bilden, die auf beweisbaren Fakten und wissenschaftlich fundierter Theorie beruht, anstatt auf dumpfer Meinungsmache und Emotionen. Es macht einen erheblichen Unterschied, ob ich im Laden ein Buch nach Covergestaltung auswähle, oder am Wahltag denen hinterher renne, die am lautesten (allzu oft fiktive) “Schuldige” für die Umstände benennen und im gleichen Atemzug versprechen, genau diese “Schuldigen” für all unsere Probleme zu bestrafen. Gleichgültig, wer diese Probleme wirklich verursacht hat. Denn ein gutes Feindbild gibt dem Tag Struktur!

Ich ärgere mich tierisch darüber, dass Jammern auf hohem Niveau mittlerweile zu einer Kunstform geworden ist, welche der deutsche Michel in seiner schlafmützig-reaktionären Besitzstandswahrermentalität bis zur höchsten Finesse trainiert hat. Wir leben nach wie vor in der drittgrößten Volkswirtschaft der Welt, auf einem Niveau, für dass uns mindestens 160 von 193 Staaten auf der Erde beneiden; manche von denen sehr bitter. Und hier ziehen Menschen auf die Straße, die keine Ahnung haben, wie sich ein hoher Migrationsanteil in der eigenen Stadt anfühlt, um rassistische Parolen zu skandieren, weil ihnen Migranten angeblich die Lebensqualität bedrohen. Ich zitiere mal aus dem Internet: “Natürlich nehmen dir die Ausländer den Job weg. Aber wenn jemand ohne Sprachkenntnisse, Geld und Kontakte dir den Job wegnimmt, bist du vielleicht einfach nur scheiße.” Das ist natürlich ein bisschen platt. Aber irgendwie… kann ich mich des Eindrucks nicht erwehren, dass es stimmt. “Selbstverschuldete Unmündigkeit” meinte zu Kants Zeiten, den Rattenfängern der organisierten Religion hinterherzulaufen, welche 1784 seit weit über 1000 Jahren das Monopol darüber hatten, bestimmen zu dürfen, was man als Mensch zu denken und zu tun hatte. Kant war bewusst, dass wir als Menschen in der Lage wären mehr zu erreichen, wenn wir uns von diesen Fesseln der Fremdbestimmung freimachen könnten. Heute ist es keine kirchliche Fessel der Fremdbestimmung mehr, da der Einfluss der Kirchen erheblich abgenommen hat; diese Fesselfunktion übernimmt heute das simple, dumpfe, egoismus-getriebene Sentiment der Angst vor sozialer Not und des Hasses auf das Fremde, welches sich ganz hervorragend über Antisocial-Media verbreiten und anheizen lässt. Facebook war die erste globale Antidemokratie-Maschine und Mark Zuckerberg ärgert sich vor allem darüber, dass er nicht mehr das Beeinflussungsmonopol hat. Denn Demokratie ist in den Augen der Tech-Bros schlecht fürs Geschäft. Auch wenn Kants Formulierung schon fast zweieinhalb Jahrhunderte auf dem Buckel hat, ist sie daher aktueller denn je – könnte Aufklärung doch HEUTE bedeuten, sich wieder vom schlechten Einfluss der Antisocial-Media-Meinungsindustrie freizumachen, indem man die Dinge hinterfragt, als sich vom Algorithmus mit Scheiße vollpumpen zu lassen. Oder sich durch’s Zocken vom Unterricht abzulenken, weil einen das Thema langweilt. Ein Thema, dass SO UNGEHEUER WICHTIG IST!

Mein Ärger bezieht sich damit nicht auf jene, die hinterher rings um meinen Lehrertisch standen und saßen und mit mir über die Dinge diskutiert haben. Um deren Verständnis mache ich mir eher geringe Sorgen. Aber diejenigen, die sich – bewusst – dafür entschieden haben, sich passiv dem Nachdenken-Müssen zu entziehen, welche die Selbstreflexion (aus ihrer Sicht geschickt) umgangen haben, die anzustoßen der eigentliche Zweck meiner Arbeit im Lehrsaal war… die ärgern mich. Denn es geht gerade bei diesen Themen nicht nur um den Job, sondern auch um Staatsbürgerkunde. Um Demokratie-Erziehung. Darum, diesen jungen Menschen die Wichtigkeit des Selbst-Denkens, des aktiven Hinterfragens politischer Antisocial-Media-Inhalte nahezubringen. Oder besser: ihnen dabei zu helfen, aufgeklärtere Menschen und Mitbürger*innen zu werden. Denn das ist der beste Beitrag gegen die Neo-Nazifizierung unseres Staates, den ich im Moment leisten kann. Was mich dabei zusätzlich irritiert ist, dass viele dieser jungen Menschen, gleich wo sie ihr Kreuz auf dem Wahlzettel machen und gleich welcher Herkunft sie sind, sich im Gespräch anhören, als wenn sie im Kiez Offenbach-Nordend aufgewachsen wären, mit Ćelo & Abdï und Hafti zum Frühstück. Ich habe nichts gegen Jugendsprache – in der Tat finden meine Töchter es erheblich cringe, wenn ich selbst welche benutze – aber können wir mal über die Nicht-Vereinbarkeit von Rassismus und kultureller Aneignung sprechen? Ach ja… die wilde, ungezügelte, hochemotionale Ambivalenz der Jugend. Wie dem auch sei – ich werde es wieder versuchen. Vielleicht nächstes Mal wieder mit einem neuen Ansatz. Ansonsten werde ich mir unter dem Label “A scream in the dark” weiter semi-philosophische Gedanken über unsere Zeit und ihre Herausforderungen machen. Schönen Vatertag übrigens…

Writing Fiction #4 – … how to write action?

Um es gleich nochmal vorweg zu schicken: es nutzt absolut nichts, den Schaffensprozess einer anderen Person zu kopieren, wenn man sich irgendwann tatsächlich ans kreative Schreiben macht, weil einen die eigenen Biographie vollkommen andere stilistische und inhaltliche Entscheidungen treffen lässt, als die Person, die man gerade kopiert. Ich kann also nicht die Herangehensweise irgendeines bekannten Autors nachahmen und hoffen, so auf die Erfolgsspur zu kommen, weil ich a) durch die Erfahrungen meines bisherigen Lebens unter vollkommen anderen Voraussetzungen schreibe und b) mich vermutlich für vollkommen andere Genres und Erzählfiguren interessiere und c) möglicherweise bereit bin, Dinge zu beschreiben, die jener kopierte Autor niemals beschreiben würde; oder aber umgekehrt. Die Art und Weise, wie eine Szene sich entwickelt, hängt also zuvorderst von den Vorlieben der schreibenden Person ab. Beispiel: Wenn ich etwa ein großer Fan von klassischem Action-Kino bin und es total feiere, wenn man die Kinetik der Kämpfe vor dem Bildschirm regelrecht fühlen kann, dann werden möglicherweise in meinen Geschichten ablaufende Action-Szenen zumindest versuchen, diese Kinetik beschreibend einzufangen. Was nicht unbedingt einfach ist. Vor allem aber werden meine Bücher überhaupt solche Szenen enthalten, weil mir dieser Aspekt der Geschichte wichtig ist. Damit ist jedoch noch nichts darüber ausgesagt, inwiefern Action zu einem Selbstzweck werden kann, anstatt tatsächlich das Drama, bzw. die Spannung in meiner Story zu befördern. Ich bin übrigens jemand, der die Kinetik und die Situation gerne mit Worten einzufangen versucht. Nicht immer erfolgreich, was mich nicht davon abhält, es dennoch zu versuchen.

Ihr Herz pumpte wild, während sie hastig hochkam, um sich in eine Türnische zu drücken. Diese zwei waren nicht so gut, wie sie es vom Syndikat in Erinnerung hatte. Die waren überhaupt nicht Surmenjows Stil. Dann hörte sie ein Sirren. Es kam rasch näher. Zu rasch für sorgfältige Sensoren-Arbeit. Das Monomesser bohrte sich ins Schloss und sie warf sich so weit ins Zimmer, wie sie nur konnte, als direkt an der Tür etwas detonierte.

Miranda war auf das Sofa gestürzt und hatte es dabei mitgerissen. Es dauerte endlose Zehntelsekunden, sich der Tür zuzuwenden und die nutzlos gewordene Kapuze runterzuziehen, denn die Combogranate hatte nicht nur die Tür samt Zarge atomisiert, sondern auch die integrierte Technik ihrer leichten Panzerung überladen.

Der erste kam ebenso tief um die Ecke, wie sie gerade eben und eröffnete ohne Zögern das Feuer. Sie hechtete über das Bett, diesmal ohne einen weiteren Treffer einzustecken und blieb rücklings liegen. Schritte kamen schnell näher, einer sprang auf das Bett, genau in ihre Salve.

Die Yugima Lightning war eine schwere Plasmapistole. Aus Kernschussweite war ihre Durchschlagskraft berüchtigt. Den hier würde man nicht mehr befragen können. Mit der anderen Hand warf sie das Monomesser nach dem zweiten und er war so dumm, diesem Angriff auszuweichen. Die zweite Salve entleibte auch diesen Gegner.

Die Frage, die sich hier stellt ist, wie viel Detail ich brauche, um einen Sachverhalt plastisch erscheinen zu lassen und wie viel Detail ich will, um meinem persönlichen Stil gerecht zu werden? Action-Szenen sind deshalb ein gutes Beispiel, weil sie sehr plastisch zeigen, wie stark Brutalität, Grausamkeit, explizite Bilder, etc. in meiner Erzählung zum Tragen kommen. Also… ob Leben in dieser Geschichte nichts oder nur wenig wert sind (ein Hinweis auf die interne soziale Logik der Welt, die ich beschreiben will) , wie aus- und eindrücklich ich die grausigeren Aspekte von Action schildere (sind mir Splatter- und Schockeffekte wichtig?), wie mächtig meine Protagonisten sind (bestehen sie die Kämpfe mit Leichtigkeit, oder ist jeder einzelne Sieg hart erkauft?) und wie heroisch/gerecht sie kämpfen (gibt es Gnade und Zurückhaltung, oder zermetzeln sie alles, was nicht bei drei aus dem Raum ist?). Action, bzw. deren Vorhandensein sagt also nicht nur etwas über das Genre aus, sondern deren Qualität erzählt auch viel über die Protagonisten, die sozialen Verhältnisse und die innere Logik meiner Erzählwelt. Es sei denn, ich schreibe Action nur, weil ich gerade Bock habe, Action zu schreiben. Dann kann das Ganze u. U. schnell in Langeweile oder Überforderung kippen. Action, nur um Action zu zeigen, funktioniert im Kino (bzw. in allen visuellen Medien), weil ich sehr viel Bewegung und Drama in wenig Screen-Time packen kann, Als Zuschauer kann ich diverse Aspekte gleichzeitig sehen und hören. Im “Theatre of the mind”, welches ich beim Lesen im Kopf entstehen lasse, ist das wesentlich schwieriger, weil Worte allein nicht so schnell so viele Informationen transportieren können. Das bedeutet, dass ich den Kontext der Auseinandersetzung schaffen muss, bevor diese beginnt. Und ich tue gut daran, auch im Text mit klassischem Center-Framing zu arbeiten, also die Szene komplett zu zeigen, um den Raum, die Stellung der Gegner zueinander und den eigentlich Austausch von Gewalt unmissverständlich beschreiben zu können. Wer wissen will, wie Center-Framing aussieht, schaut sich “Mad Max – Fury Road” oder “The Raid” an. Das vollkommene Fehlen von Center-Framing, erzeugt durch eine Brechreiz erregende Fülle von Schnitten in kürzester Zeit sieht man in diversen neueren Action-Filmen; insbesondere, wenn die Hauptdarsteller schon ein recht reifes Alter erreicht haben und sich einfach nicht mehr so schnell bewegen können…

Kommen wir zurück zum eigentlichen Punkt: wie schreibe ich Action? Es beginnt damit, dass ich eine Idee davon brauche, was in dieser Szene Anfangs- und Endpunkt sein werden. Was in den Sekunden oder Minuten Handlung dazwischen passiert, muss nicht zwingend schon vorher festgelegt sein. Wenn ich eine Action-Szene schreibe, weiß ich aber stets, wo ich starte und wo ich enden will. Der Weg dahin wird eigentlich immer – on the fly – durch die Unzahl an visuellen Medien oder anderen Büchern determiniert, die ich in meinem Leben schon konsumiert habe. Natürlich kopiere und remixe ich Dinge, die andere schon mal gemacht haben. Das tut jeder Autor. Was ich aber ebenfalls vorher wissen muss, ist, was diese Szene für die Gesamtgeschichte bewirken soll: steigere ich die Spannung, indem entweder Protagonisten oder Antagonisten gewinnen? Gebe ich einen Einblick in die Psyche der Protagonisten oder Antagonisten? Löse ich die Spannung der Geschichte auf – in die eine (Lysis) oder andere (Katastrophe) Richtung? Wo auf meinem Regeldrama-Kontinuum befinde ich mich gerade? Ich muss das nicht unbedingt explizit auzfschreiben, also etwa in einem Storyboard oder einer Plotübersicht (ich verwende dafür eine Tabelle, welche die Charaktere, die Schlüsselszenen, die Nexuspunkte und die Konflikte benennt). Ich halte das jedoch auch für geübte Autoren für eine ganz gute Idee, denn man verliert sich manchmal allzu leicht im Dickicht der fiktiven Charaktere und ihrer Beziehungen… Ich hatte zu Anfang gesagt, dass man nicht den Prozess eines anderen Autors kopieren soll und dazu stehe ich immer noch. Aber ich habe ein paar Tips, die ich zum Schluss nochmal zusammenfassen möchte:

  • Kenne Startpunkt und gewünschten Endzustand deiner jeweiligen Szene.
  • Sei dir darüber im Klaren, was die Action über deine Welt aussagen soll (soziale Verhältnisse, Qualität, Grausamkeit und Regelmäßigkeit der Gewalt, Verhältnis der Protagonisten zu Gewalt?).
  • Habe eine klare Vorstellung davon, wie alle Charaktere miteinander interagieren (kenn also die Charaktere, ihre Verbindungen, ihre Konflikte, ihre Motive).
  • Finde deinen eigenen Stil, Action zu beschreiben – oder aber deinen eigenen Weg, die Beschreibung von Action in deinen Geschichten elegant zu umgehen.
  • Schreibe so viele Szenen wie möglich, auch gerne ohne Kontext, um herauszufinden, was dir liegt – und was nicht. Und gib dich NICHT mit dem First Draft zufrieden!

So. Das war’s für heute. Ich wünsche einen guten Start in die neue Woche und viel Spaß, falls ihr zum Schreiben kommen solltet.

Auch als Podcast…

Writing Fiction #03 – …what to write?

Manchmal sind es eher kleine Wahrnehmungen, die größere Prozesse auslösen. Es gibt ja immer noch jede Menge Menschen die echt glauben, dass Inspiration etwas von Gott Gegebenes ist – und dass nur gewisse Menschen überhaupt Inspiration haben oder bekommen. Das ist völliger Quatsch, denn jede*r kann von den Wahrnehmungen, die er oder sie macht zu allem möglichen (aber auch zum unmöglichen) inspiriert werden. Das passiert manchmal völlig unerwartet, basiert aber stets darauf, dass wir uns mit unseren Ideen auch bewusst auseinandersetzen. Theoretisch steckt tatsächlich in jedem von uns eine Geschichte; es macht aber einen Unterschied, ob man sich regelmäßig mit dem Erzählen beschäftigt, oder nicht. Es macht auch einen Unterschied, womit ich mich sonst so den lieben langen Tag beschäftige. Schließlich macht es einen Unterschied, ob ich meine Wahrnehmung trainiere; Leute die blind durch ihren Alltag laufen werden wesentlich seltener von (guten) Ideen heimgesucht. Ich werde hier jetzt bewusst NICHT anfangen, berühmte Beispiele für Inspiration zu zitieren, weil es niemanden irgendwohin bringt, wenn er/sie sich dem Versuch hingibt, die Umstände zu reenacten, die irgendeine*n berühmte*n Autor*in jene Ideen finden ließen, die sie/ihn schließlich stinkreich gemacht haben. Denn, wir müssen alle verstehen, dass das, was für EINEN Menschen super funktioniert hat, bei anderen Menschen vielleicht nur ein Schulterzucken oder ein müdes Lächeln erzeugen wird. Wir alle haben unsere höchst eigenen Ideen-Quellen. Was jedoch jene, die regelmäßig inspiriert erscheinen von den vorgeblich uninspirierten unterscheidet, sind die Arbeit und Disziplin, welche in die Schöpfung zu investieren wir bereit sind – oder eben auch nicht.

Ich meine… ich selbst etwa habe neulich eine, für mich höchst faszinierende Idee dadurch gewonnen, dass ich auf Youtube eine kurze Doku über den Entstehungsprozess des Filmes Metropolis angeschaut hatte. Es dauerte vielleicht einen Tag und ich war voll in einem Schaffensprozess, weil ich plötzlich eine klare Vision von einer ganzen Welt vor Augen hatte, in welcher sich einerseits Motive der Filmhandlung spiegelten, andererseits aber auch das Filmemachen selbst Part einer größeren Geschichte sein würde. Und das klingt jetzt vielleicht für manche so, als wenn mir das dauernd passieren würde; als wenn man einfach nur eine Doku auf Youtube schauen müsste und BAMDIBAM – IDEE! Doch dies ist nicht der Fall! Ich hatte in den Monaten davor immer wieder viele, höchst verschiedene Ideen gewälzt und ich schreibe – wie hier bereits klar geworden sein dürfte – dauernd an irgendwelchen Konzepten, weil eine bloße Idee NICHT gleich eine Inspiration ist, aus der ein Konzept wachsen kann, welches eine ganze Geschichte zu tragen vermag. Also hatte ich, nachdem mich hier die Muse geküsst hatte, erst Mal eine Weile intensiv recherchiert, weil in den Untiefen meines Gedächtnisses vor allem visuelle Versatzstücke aus anderen Medien umher trieben, die mir instinktiv zu der Ursprungsidee zu passen schienen. Doch diese wiederzufinden und genau zu prüfen, kostete mich Zeit, Ich musste demnach erst mal eine Weile forschen und lesen, um diese alten Bilder wieder greifbar machen und mehr Stoff zusammentragen zu können. Dann musste ich schreiben, redigieren, korrigieren. Doch am vorläufigen Ende steht nun eine halbwegs reife Ausarbeitung eines neuen Pen’n’Paper-Settings (incl. angepasster Regeln), der ich überdies die Konzepte für einen weiteren Roman verdanke. Aber… vielleicht sollte ich erst mal eine der zwei unfertigen Geschichten beenden, oder…?

Was die vorangegangene Beschreibung zu illustrieren versucht, ist einerseits nicht weniger, als der, für jede*n von und notwendige und völlig individuell strukturierte Annäherungs-prozess an die Verdichtung einer bloßen idee zu einem Konzept – und der folgenden Arbeit, daraus dann ein Produkt zu machen, sofern das Konzept denn überhaupt dazu taugt; also, wie zuvor schon gesagt in der Lage ist, eine Geschichte zu tragen. Wir reden ja schließlich immer noch über das kreative Schreiben, nicht wahr. Es ist jedoch andererseits auch der beredte Hinweis, dass wir manchmal nicht kontrollieren können, wann und wodurch uns die wirklich guten Ideen kommen; dass wir jedoch gut beraten sind, mit dem Inspirations-Flow zu gehen und so viel Energie und Zeit wie notwendig zu investieren, um verstehen zu können, ob da gerade tatsächlich eine der wirklich guten Ideen angeklopft hat, die es wert ist, weiter verfolgt zu werden. Komme ich entlang des Weges zu der Auffassung, dass es eher doch nur ein dämliches Hirngespinst ist, kann ich das Ganze immer noch ad acta legen und mit anderen Dingen weitermachen. Doch wenn Faszination und Flow mich tragen, dann arbeite ich solange daran, bis diese Idee weitgehend fertig in einem Konzept konsolidiert ist, an dem ich zu einem beliebigen späteren Zeitpunkt weiterarbeiten kann, weil alle essentiellen Parts schon existieren. Im Lauf der Zeit formiert sich durch diese Arbeit in uns eine individuelle Sensitivität für Ideen, die uns zielsicher immer wieder bei bestimmten Genres, Erzählfiguren, Charakteren, etc. landen lässt. Wir haben alle unsere Vorlieben – und die machen sich auch in unserer Kreativität bemerkbar.

WAS ich schreibe, ist folglich durch meine Wahrnehmung, meinen Geschmack, meine Sozialisation, oder anders gesagt meine Biographie zumindest informiert. Ich würde nicht von festgelegt sprechen wollen, da wir uns im Laufe des Lebens ja immer wieder für neue Dinge begeistern können; zumindest, sofern wir uns dies gestatten. Und ja – nicht jede*r Mensch bleibt hier im gleichen Maße kognitiv rege, interessiert und mental flexibel genug, um das Neue, Unbekannte, Andere begrüßen oder begreifen zu können. Ein hoch geschlossenes Weltbild macht einen folglich nicht zu einer kreativeren Person, sondern bewirkt eher das Gegenteil. Vielleicht ist das der Hauptgrund, warum über-konservative Menschen (Neo-Nazis, Nationalisten, Chauvinisten, Rassisten, etc.) so wenig kreativ und innovationsfähig sind. Für mich ist das Verschließen vor dem Anderen jedenfalls keine Option, weil es meine Kreativität behindern würde. Und weniger Kreativität macht für mich das Leben weniger lebenswert. Nun hat auch der dritte Teil Bedingungen des Schreibens untersucht. In Teil Vier werden wir dann endlich über den eigentlichen Prozess sprechen, wenngleich ein paar Dinge schon durchgeschienen sein mögen. In diesem Sinne noch einen schönen Samstagabend.

Auch als Podcast…

Der verwirrte Spielleiter N°73 – Warum überhaupt gamen…?

Ich erinnere mich, irgendwann im Frühsommer 1989 im Zimmer eines Schulkameraden gesessen zu haben, der verzweifelt versuchte, mir zu erklären, was genau Pen’n’Paper ist. Und ich glaube, ich war nicht sofort “an Bord”. Es mangelte mir nämlich am Verständnis dafür, wie man DARAUS ein Spiel machen sollte. Wenige Sitzungen später hatte ich das jedoch raus und habe seitdem nie wieder wirklich damit aufgehört; wenn man mal von einem längeren, Burnoutbedingten Hiatus vor einigen Jahren absieht. Es dauerte damals nicht lange, bis ich instinktiv begriff, dass ich eigentlich schon immer Rollenspiele gespielt hatte. Wenn ich als Kind mit meinen kleinen Blech-und-Plaste-Autos spielte, baute ich dafür aus Papierschnipseln absurde Straßenlayouts (Los Santos lässt grüßen) und die imaginären Leute, welche diese Autos fuhren, hatten Namen, Jobs, ein Zuhause, etc. – und machten Dinge, die in der Gesamtschau stets eine Geschichte ergaben. Vielleicht keine sehr ausgefeilte Geschichte, aber manchmal hätte es vermutlich für das typische Drehbuch irgendeines wöchentlichen Police-Procedurals gereicht: der Coup/Gangster der Woche war jedenfalls meistens dabei. Und natürlich haben immer die “Guten” gewonnen. Man mag mir zurechnen, dass es in meiner Weltwahrnehmung damals noch nicht so viele Graustufen gab… Es gab einige, die damals zockten, manchmal hatten wir Runden von 12, 13 Leuten mit 2 Spielleitern zusammen. War schon cool. Aber viele (vermutlich die Meisten) hörten irgendwann damit auf. Das Leben kam dazwischen und irgendwann verlor es für sie wohl seinen Reiz, sich einmal die Woche in die Haut einer anderen Person zu kleiden, um Dinge zu tun, die man in der Realität niemals tun würde, Klamotten zu tragen, die man niemals tragen würde, cooler zu sein, als man jemals sein könnte…

Ich habe nie verstanden, wie man dieses Hobby NICHT weiterführen kann. Betrachtet man sich unsere Welt, dann unterliegen wir stets der Illusion, dass sich die Dinge um uns herum, ja vielleicht auch wir selbst, nicht, oder kaum ändern, weil unser direktes Umfeld sich häufig so langsam wandelt, dass man diese Nuancen erst wahrnehmen kann, wenn eine gewisse Zeit vergangen ist. Und dann kommt man an diesem Gebäude vorbei und fragt sich, seit wann das da steht – oder man schaut mal genauer in den Spiegel. Diese Furchen rings um die Augen, die sind nämlich echt. Vor allem aber haben wir häufig die Wahrnehmung dass wir selbst nichts zur Änderung der Welt beitragen, oder gar Einfluss darauf nehmen könnten. Ich meine… wir gehen wählen in der Hoffnung, dass “unsere” Kandidaten auch unsere Interessen vertreten; nur um alsbald feststellen zu müssen, dass die vor allem ihre eigenen Interessen vertreten. Oder die Interessen jener Leute, die sie am besten bezahlen. Und das sind in jedem Fall NICHT wir. Es gibt mehrere Möglichkeiten, auf dieses Gefühl der Ohnmacht zu reagieren. Die Falsche ist übrigens, Leuten seine Stimme zu geben, die nach Schuldigen suchen, um diese punishen zu können (sprich Nationalisten und Neonazis), anstatt tatsächlich nach Lösungen zu suchen… aber das hier soll ja nicht zu politisch werden. Eine andere Möglichkeit ist, das Wenige, was man doch tun kann, um es irgendwie besser hinzukriegen auch tatsächlich zu tun. Und seinem Geist ab und an eine Pause von der wahrgenommenen Ohnmacht zu bieten. Womit wir wieder beim Pen’n’Paper wären. Denn meine Spielfigur muss nicht notwendigerweise – so wie ich selbst hier und jetzt – alles mögliche erdulden, sondern hat vielleicht die Chance etwas an den Umständen der eigenen Existenz zu ändern. Kann also Dinge tun, die ich niemals tun könnte, Klamotten tragen, die ich nie tragen würde, cooler sein, als ich es jemals könnte…

Der eine Teil des Reizes besteht – zumindest für mich – also darin, den erlernten Fatalismus gegenüber der realen Welt für eine Weile ablegen und Unglaubliches / Unmögliches tun zu dürfen. Der andere Aspekt ist, dass ich dabei Drama erforschen kann, ohne mich selbst wirklich dem Drama aussetzen zu müssen. Meine Spielercharaktere werden mit Dilemmata, mit Beziehungen, mit Entscheidungen, mit Fragen konfrontiert, die ich im Hier und Jetzt nicht beantworten muss, aber vermutlich auch nicht beantworten könnte. Ich musste noch nie jemanden aus dem Knast befreien, der drin saß, weil ich einen Fehler gemacht hatte. Ich stand noch nie vor der Entscheidung kämpfen und womöglich auch töten zu müssen, um überleben zu können (wenngleich ich weiß, dass es Menschen gibt, die diese Frage heute real beantworten müssen). Ich habe noch nie einen Zauber gewirkt und damit das Gefüge der Realität verändert (schlicht, weil Magie für uns nicht real ist). Und ich habe noch nie eine Menschenmenge mit meinen musikalischen Fähigkeiten begeistert (weil diese in echt eher begreenzt sind). Meine Charaktere tun solche Dinge – und noch viele andere – regelmäßig und ich erlebe dabei die Gedanken und Emotionen dieser anderen, fiktiven Person intensiv, weil ich das will. Weil es mir die Möglichkeit gibt, meine Empathie immer und immer wieder zu testen, ohne dass wirklich etwas auf dem Spiel stünde. Als Spieler fühle ich diese Dinge zumeist intensiver, denn als Spielleiter, weil ich in dem Moment, da ich am Kopfende des Tisches Platz nehme viele Aspekte im Auge behalten muss, die weit über das Verkörpern EINER Rolle hinausgehen. Trotzdem SPIELE ich auch als SL das Spiel; ich spiele sogar eine ganze Welt. Doch meine persönliche Immersion ist viel tiefer, wenn ich als Spieler am Tisch platznehmen und mich ganz auf meine EINE Rolle konzentrieren kann.

Ich game schon so lange, immer noch und vermutlich immer weiter, weil jemand anders sein zu können meine inneren Dämonen im Zaum hält und mir die Chance gibt, meine tiefe Verzweiflung, meine Wut und meine Trauer über den Zustand unserer Welt für eine Weile zu vergessen. Ab und an das Gefühl haben zu dürfen, dass “das Gute” auch mal gewinnen kann ist – wenngleich mir die vielen Graustufen unseres Daseins unterdessen nur allzu schmerzlich bewusst sind – Balsam für meine Seele. Wer würde sowas schon einfach sein lassen, wenn doch in jedem von uns, wie Eric Berne so richtig schrieb immer auch ein Kind-Ich steckt. (Berne, E. 2017, S. 37 ff.) Wie zur Hölle kann man es nicht fucking amazing finden, Dinge tun zu können, die ich real niemals tun könnte, Klamotten zu tragen, die ich nie tragen würde, cooler zu sein, als ich es jemals könnte… Pen’n’Paper ist für mich der größte Spaß, den man mit seinem Gehirn haben kann. Wer’s selbst ausprobieren möchte, darf mich jederzeit fragen. In diesem Sinne – always game on!

Auch als Podcast…
  • Berne, E. (2017): Spiele der Erwachsenen. Psycholgie der menschlichen Beziehungen. 17. Auflage. Reinbek bei Hamburg: Rowohlt Taschenbuch-Verlag.

500 Gramm gemischte Depression treffen auf 500 Gramm gemischten Hass – lesen auf eigene Gefahr…

Okay in letzter Zeit war es hier zu ruhig. Mein Monat April war jedoch härter, als ich es erwartet hätte. Sich schnell abwechselnde Aufgaben und viel Unterricht, den ich zu geben hatte, teilweise noch dazu mit wenig Vorbereitungszeit, haben mich mehr erschöpft, als ich anfangs zugeben wollte. Zudem galt es eine Menge neuer Leute kennenzulernen. Ich habe nämlich eine neue Klasse begrüßt. Das hat meine sozialen Batterien noch um einiges mehr belastet. Es gab zwar den einen oder anderen Moment, indem ich ein bisschen abschalten konnte, aber ganz ehrlich… gerade jetzt fühle ich mich extrem erschöpft! Vielleicht liegt es daran, dass die Rekonvaleszenzzeiten einfach zu kurz waren. Vielleicht liegt es auch daran, dass ich noch lange nicht von meinem aktuellen depressiven Zustand genesen bin. Vielleicht liegt es auch daran, dass ich mich über manche Kollegen ärgern musste, beziehungsweise nicht die Unterstützung bekommen habe, die ich mir gewünscht hätte. Schwamm drüber. Für jeden von uns hält das Leben dann und wann Überraschungen bereit und niemand von uns ist davor gefeit, von seinen eigenen Verpflichtungen überrollt zu werden! Ich kann mich jedenfalls nicht erinnern, wann ich in den letzten Jahren jemals ein so großes Schlafbedürfnis gehabt hätte. Das ist für mich ein sehr sicherer Hinweis darauf, dass ich noch lange nicht über den Berg bin. Um nochmal ehrlich zu sein: momentan ist so ziemlich das Einzige, was mich noch am Laufen hält die Aussicht auf den Urlaub, der in ein paar Wochen beginnt. Und genau da sitze ich einem Trugschluss auf. Nämlich dem Trugschluss, dass nach dem Urlaub plötzlich alles wieder gut wäre. Glaube ich denn wirklich, dass zwei Wochen in Italien das wieder herrichten könnten, was die letzten sechs Monate in mir angerichtet haben? Je länger ich darüber nachdenke, umso unwahrscheinlicher erscheint mir dies. Und doch halte ich an dieser Hoffnung fest. Denn alles andere würde ja bedeuten, dass ich mir eingestehen müsste, dass ich eigentlich zu krank zum Arbeiten bin.

Nicht zum ersten Mal hat man mir neulich bedeutet, dass man mir wirklich nicht ansehen könne, wie schlecht es mir ginge. Ich kann den Leuten das nicht mal vorwerfen. Man sieht psychische Erkrankungen halt nicht von außen. Aber gerade jetzt, gerade heute, wo ich aus dem Fenster sehe und draußen die Sonne langsam den Abend einläutet, da wird mir bewusst, wie wenig Motivation mir verblieben ist! Im Grunde genommen gar keine! Damit ist das Zweite, was mich auch noch am Laufen hält, ist mein gottverdammtes Pflichtgefühl. Und das ist ein verdammt schlechter Grund, einfach weiterzumachen. Denn seien wir doch mal ehrlich… warum sollte ich überhaupt ein Pflichtgefühl empfinden, wenn doch verschiedene Vertreter meines Arbeitgebers kein Pflichtgefühl mir gegenüber zu empfinden scheinen? Ich meine, die kümmert es doch überhaupt nicht, wie es mir geht. Und am Ende des Tages ist das ein vollkommen normales Arbeitgeberverhalten. Es muss uns allen einfach bewusstwerden, dass Arbeitgeber sich selbst am nächsten sind und unsere einzige Chance als Arbeitnehmer, diesen Wahnsinn, den wir heute Arbeitswelt nennen überleben zu können darin besteht, uns ebenfalls selbst die Nächsten zu sein! Alles andere hat überhaupt keinen Zweck! Ach verflixt, ich stoße mal wieder in dasselbe alte Horn! Dieses „Mein-Arbeitgeber-ist-Schuld-an-meinem-Leid“-Horn. Und wisst Ihr, womit ich in dieses Horn stoße? Mit Recht, verdammt nochmal. Ich zitiere mal die Toten Hosen: „In einer Welt, in der man nur noch lebt, damit man täglich roboten geht…“ So fühlt es sich jedenfalls für mich momentan an.

Ich könnte jetzt natürlich auch sagen: „Na ja, eigentlich ist ja alles gar nicht so schlimm. Ich probier‘s mal mit Reframing und versuche wieder gut drauf zu kommen. Und das ist ja alles nur ‘ne kleine Gemütsverstimmung. Und am Ende des Tages wird das schon wieder. Ich hab ja Therapie und irgendwie komm ich schon klar.“ Oder ich sehe einfach der Realität ins Auge und stelle einmal mehr fest, dass Arbeitsverdichtung, Mehrarbeit, unklare Aufgaben und Zuständigkeiten, eine vollkommen überzogene Erwartungshaltung, äußerst knappe Ressourcen und Intrigenspiele über mehrere Jahre hinweg meine Motivation GETÖTET und meine schon zuvor bestehende Depression verschlimmert haben! Dass ich noch da bin… ist eigentlich eine riesengroße Dummheit! Aber ich stehe immer noch dazu: meine Arbeit ist mir wichtig, ich mag meine Kollegen, ich fühle mich meinen Schülerinnen und Schülern verpflichtet und ich bin niemand, der die Flinte einfach ins Korn wirft, nur weil es gerade mal schwierig ist! Ob ich damit allerdings für mich selbst auf dem richtigen Dampfer unterwegs bin, das steht auf einem ganz anderen Blatt. Vermutlich nicht. Trotzdem muss ja irgendwie das Dach über dem Kopf, der Fetzen Stoff am Körper, das Futter auf dem Tisch und der ganze Tand, den man manchmal für notwenig hält finanziert werden. Oder, wie das Internet gelegentlich sinngemäß sagt: zu untalentiert zum Schauspielern oder Singen, zu ehrlich für’s Verkaufen, zu alt und zu fett für Sport und zu hässlich zum Strippen (was manche Influenzas nicht davon abhält, all dies trotzdem zu tun) – also, weiter geht’s. Nach dem Wochenende ist wieder Montag. Und Fritze will ja, dass wir mehr arbeiten, weil “Määg Dschörmenie greht eggen!”

Ja… das trägt auch noch erheblich zu meiner Pein bei: unterdessen in einem Land zu leben, dessen sogenannte Führungselite nichts Besseres zu tun hat, als die Einwohner kollektiv zu beschimpfen, weil diese für die fetten Kapitalistenschweine nicht noch mehr Rendite einfahren wollen. Zum Mitschreiben, Fotzen-Fritz: Trickle-Down existiert nur in Legenden! Menschen für’s krank sein oder krank werden bestrafen zu wollen – oder weil sie nicht genug malochen, um Fette noch fetter zu machen – ist asoziales Kognitionskoterbrechen vom Feinsten, du Spagallo! Das Nazi-Appeasement, dass deine Unfähigkeitsikone Jens anzettelt, ist unerhörter Mist! Und sag deiner dämlichen Gas-Kathi endlich, sie soll aufhören, im Konzernauftrag die absolut notwendige Energiewende zu verhindern. Diese Brechreiz erregende Fehlfarbe gehört ins Gruselkabinett, aber nicht auf die Regierungsbank. Und… wenn ihr wirklich eine Gesundheitsreform durchführen wollt, dann deckelt gefälligst zuerst Pharma- und andere Gesundheitskonzern-Profite, anstatt Rettungsdienstbudgets kaputtzusparen! Aber… mir hört ja eh keiner zu und irgendwo da draußen müssen ja die Millionen von Idioten wohnen, die dieses korrupte Drecksgesindel von einem not- und machtgeilen aber ahnungslosen Kanzlerwahlverein zur stärksten Partei gemacht haben. Und denen unser Absturz in die Diktatur immer noch nicht schnell genug geht, weswegen sie jetzt nach Blau gieren. Und nur damit es noch mal in aller Form gesagt ist: wer dreckige, chauvinistische, rassistische und überdies Konzerngesteuerte Nazi-Arschgeigen wählt, kann nur eines sein: nämlich eine Nazi-Arschgeige! Hoffentlich bekommt ihr morgen, am ersten Mai von den Genossen ordentlich eine auf’s Maul, wo auch immer ihr auftauchen mögt. Langes Wochenede. Und das Einzige woran ich denken kann, sind so ein Mist – und der kommende Montag. So weit ist es gekommen. Ich mach besser Schluss. Tschüss!

Auch als Podcast…

Teenage meltdowns – adult problems?

Wenn ich so auf die letzten 12 Jahre meines Lebens halbwegs ehrlich zurückblicke, dann kommt immer wieder die Frage auf, was zum Teufel ich hier eigentlich mache. Ich meine… unter dem Strich steht unterdessen ein Leben, frei von existenziellen Ängsten. Sozialer und wirtschaftlicher Aufstieg. Die Erfüllung des einen oder anderen Wunsches. Doch bei den Aufwendungen, da finden sich mittlerweile chronifizierte Arbeitsüberlastung, Depression… und seit neuestem auch die zunehmende Entfremdung vom ältesten Kind. Nun ist mir bewusst, dass sehr viele Teenager zwischenzeitlich zu dogmatischen, unempathischen, asozialen, arroganten, durch und durch egoistischen Miststücken mutieren. Ich kann meine Eltern leider nicht mehr fragen, wie ausgeprägt das bei mir selbst war; sie sind beide schon seit Jahren hinnieden. Ich denke jedoch, dass meine Eskapaden ihnen dann und wann auch Kopfzerbrechen gemacht haben mögen, wenngleich ich mich selbst – natürlich! – immer eher als pflegeleichtes Kind wahrgenommen hatte. Keine Ahnung, wieviel Körnchen Wahrheit an DiESER Legende sind. Aber ich selbst als Vater… ja ich fühle mich im Moment überfordert. Ich habe in letzter Zeit immer wieder gesagt, dass mit der berufsinduzierten Depression ließe sich noch wegatmen, weil zu Hause ja alles in Butter sei. Doch das scheint nun glatt gelogen. Heute Morgen war es mal wieder soweit: eine Petitesse, die sich durch drei Handgriffe aus der Welt räumen ließe mutierte zum Hornberger Schießen zwischen Tochter und bester Ehefrau von allen. Und ich saß da – und wusste nichts zu sagen! Zum einen weil beide Recht und Unrecht zugleich hatten. Und zum anderen, weil in mir ein derartiger Widerwille aufstieg, mich in diese UNNÜTZE BULLENSCHEISSE einzumischen, dass es mehr Energie gebraucht hätte, in die “Diskussion” einzusteigen, als ich derzeit insgesamt aufzubringen vermag. Ich werde mich dieses Wochenende mit der Arbeit befassen müssen, da habe ich nicht auch noch Lust, mich mit Menschen zu streiten, mit denen eigentlich besser kein Streit herrschen sollte…

Hier sitze ich nun eine Weile später vor dem Rechner und weiß immer noch nicht, was ich von all dem halten soll. Denn eigentlich beschäftigt mich eine vollkommen andere Frage: wofür reisse ich mir überhaupt noch den Arsch auf? Warum… ja warum haue ich nicht ein einfach in den Sack und schaue mal, was das Leben MIR noch zu bieten hätte? Warum tue ich mir das immer noch an, obwohl ich merke, dass ich das nicht mehr will und nicht mehr kann? Weder at work noch at home? Warum in drei Teufels Namen halte ich – hüben wie drüben – die Stellung, obschon ich dafür in den letzten Jahren gefühlt immerzu nur auf die Fresse bekomme? Was mache ich hier überhaupt noch? Ich weiß es nicht mehr! Ganz verschissen ehrlich – ich weiß es nicht mehr! Ich bin eine Woche dienstlich weg und meine Wiederkehr ist eine bloße Randnotiz. Das Leben fährt vorbei, während ich, wie hypnotisiert, aus dem Fenster schaue und wahrnehme, dass so vieles, was ich bislang als Landmarke zum Navigieren nutzen konnte, verschwindet – oder schon verschwunden ist – und das ich mir schwer tue, neue Landmarken zu finden. Das unfreiwillig Ironische daran ist, dass man mir im Alltag meine Richtungslosigkeit zumeist nicht anzumerken scheint, weil meine Haltung und meine Überzeugungen noch funktionieren; ich würde vermuten, weil ein humanistisches Menschenbild recht zeitlos ist. Doch in mir drinnen, da ist Chaos! Aufbruch! Übergang! Und ich weiß noch nicht wohin. Bin ich meiner Tochter darin ähnlich? Wäre möglich, denn als sozialpsychologisch geschulterm Menschen ist mir natürlich bewusst, dass solche Transitionsphasen im Leben des Menschen häufiger vorkommen. Ich glaube nur, mich nicht entsinnen zu können, dass es schon mal so wild war. Als ich aus der Schule ins Arbeitsleben überwechselte, da war das, im Vergleich zu jetzt, ein “Soft Opening”, weil ich zuvor ja schon für Geld gearbeitet hatte. Mir war vorher nur nicht bewusst gewesen, wie viele machtgeile, selbstgefällige Arschlöcher in Hilfsorganisationen an Entscheiderstellen sitzen. Doch so habe ich schließlich eine Ahnenreihe an miesen Chefs aufgehäuft, von der ich dachte, sie hätte mich stressfester gemacht. Weit gefehlt…

Jetzt im Moment, da fahre ich auf Sicht und weiß nicht, wohin ich will. Ich denke immer noch, immer wieder darüber nach, hinzuschmeißen und mir einen anderen Job zu suchen. Ich ertrage diese selbstgefälligen, egoistischen, intriganten Amateure an anderer Stelle im Land einfach nicht mehr. Und ich weiß wirklich NICHT, wie ich mit diesem Kind umgehen soll. Nun gibt es bestimmt irgendwo so einen NEUNMALKLUGEN BESSERWISSERISCHEN FLACHWICHSER, der irgendwas davon faselt, dass das doch nur Luxusprobleme wären, weil irgendwo anders Menschen verhungern, die gerne meine Probleme hätten. Fair enough, Arschloch – allerdings bringen diese Luxusprobleme auch Menschen um. Schon mal was von psychischen Erkrankungen und Suizidalität gehört, du dummes Schwein? Ganz ehrlich – ich will keine Ratschläge von besserwisserischen Küchenpsychologen, die keine Ahnung haben, wie sich das anfühlt. Ich will auch keine fertige Lösung. Ich suche nach der Kraft, selbst damit fertig zu weren. Und es hier aufzuschreiben, ist für mich ein Teil dieser Suche. Ob ich mich jetzt schon besser fühle? Kein bisschen! Ob ich schon klarer sehe? Nicht wirklich! Aber solche Prozesse brauchen Zeit. Ich glaube, mir ist gerade erst WIRKLICH bewußt beworden, dass ich in einigen Wochen 52 werde und damit offiziell weit mehr als die Hälfte rum ist. Und ich frage mich – wenn derzeit auch noch weitgehend unbewusst – geht diese Scheiße jetzt einfach immer so weiter, bis ich irgendwann (endlich) in die Kiste fallen darf? Läuft es tatsächlich darauf hinaus, dass ich ab jetzt – immer schön passiv, duldsam und friedlich – auf den Undertaker warten soll? NO – FUCK YOU – NO! Das werde ich nicht akzeptieren! Aber, was aus dieser Nichtakzeptanz folgen soll… das muss ich erst noch rausfinden. Für heute muss mir genügen, mich vor weiteren Anfechtungen zu schützen und wenigstens ein bisschen Erholung zu finden. Wie auch immer das im Moment gehen soll. Wir hören uns…

Auch als Podcast…

Erwachsen bilden N°59 – Aus dem Handgelenk…?

Man neigt einfach zu oft dazu, das Rad neu erfinden zu wollen. Es gibt ja dieses Sprichwort: “If you want the job done well, do it yourself!” Und als Mensch in einer Leitungsposition huldige ich diesem Credo immer noch, weil ich viel zu oft dem Irrtum aufsitze, Dinge viel besser zu können als andere. In manchen Belangen mag das ja von Fall zu Fall zutreffen, doch eben nur in manchen… und es macht einem das Leben schwer, weil der Workload dadurch halt NICHT kleiner wird… Im Grunde genommen zeigt es überdies einen Mangel an Vertrauen in die Skills der eigenen Kolleg*innen. Daher versuche ich unterdessen, mich in diesem Punkt zu bessern. Aktuell noch mit wechselndem Erfolg, aber es ist ja auch noch nicht aller Tage Abend. Insbesondere jetzt wäre es auch dumm, alles selbst machen zu wollen. Ich bin einmal mehr mit einer neuen Klasse auf Einführungswoche und habe auch – wie eigentlich immer – einen Teil des Unterrichtes übernommen. Doch ich stelle fest, dass es viel einfacher wird, wenn ein zweiter Kollege dabei ist, der Input gibt und ganz eigene Vorstellungen davon hat, wie eine solche Veranstaltung abzulaufen hat. Man hat gar nicht die Chance, alles so zu machen “wie immer”. Mannomann… dass ausgerechnet ICH hier feststellen muss, dass ich beinahe diesen dämlichsten aller Sätze gesagt hätte “Das haben wir schon immer so gemacht!”. Na ja, ist ja nicht passiert. Aber einige Male war es schon so, dass ich ein Programm abgespult habe und nicht immer war ich dabei flexibel genug, auf die Bedürfnisse der Schüler*innen richtig einzugehen. Und ich war oft zu sehr auf mich gestellt… alle möglichen Fehler inclusive. Das ist nun besser. Und es entlastet mich so sehr, dass ich den Unterricht, der mir nächste Woche eben zugefallen ist jetzt tatsächlich wenigstens einigermaßen vorbereiten kann, ohne das komplette Wochenende opfern zu müssen! Yay…

Ich glaube, hier schon des öfteren erwähnt zu haben, dass auch jemand mit Berufs- und Lehrsaalerfahrung sich für manche Themen immer wieder an die Bücher setzen muss, um keinen Mist zu erzählen. Das geht mir nicht anders; auch wenn ich schon so einiges ohne viel Tralala performen kann. Aus dem Handgelenk schüttelt man Unterricht dennoch so gut wie nie. Zumindest nicht ab einem gewissen fachlichen Niveau. Was man als erfahrene Lehrkraft aus dem Handgelenk schüttelt, sind Unterrichtsverlaufspläne, die passenden Methoden, das Classroom-Management, die Souveränität und den gelassenen Umgang mit Fehlern und Störungen. Der fachliche Content jedoch – der muss immer wieder überprüft und überarbeitet werden. Zum einen, weil Wissen als solches überaltert, vor allem aber, weil mein Gedächtnis mich manchmal bei den Details im Stich lässt. Theoretisches Wissen, das man nicht so oft in der Realität nutzt, degeneriert nämlich automatisch. Ich merke das an meinen Französischkenntnissen. Ich habe diese Sprache mal auf Leistungskursniveau bis zur allgemeinen Hochschulreife erlernt, aber wenn ich heute Konversation machen soll, frage ich mich, wie ich damit mein Abi geschafft habe…? DAS ist zwar schon Jahrzehnte her, aber beim medizinischen Fachwissen merke ich, dass oft nur ein paar wenige träge Monate bereits genügen, um Lücken entstehen zu lassen, die erst gestopft sein müssen, bevor ich meinen Schüler*innen entgegentreten und glaubwürdig referieren kann. Ich fahre halt nicht mehr aktiv draußen, sondern habe in der Hauptsache andere Aufgaben.

Nun ist da aber auch noch ein anderer Aspekt, der eine Rolle spielt. Ich bin, wenn ich ehrlich zu mir sein möchte, ein eher introvertierter Mensch. Ich hatte noch nie Probleme, auch mal für mich zu sein und mir selbst zu genügen. Tatsächlich sind größere Menschengruppen für mich NICHT unbedingt mein bevorzugtes Habitat. Als Lehrer stehst du aber nun mal volles Programm in der Bütt. Da vorne, wo die Musik spielen sollte, DA bist du. Und oft strengt es mich deshalb unendlich an, manchmal bin ich furchtbar gestresst, regelrecht gelähmt und fahrig und habe das Gefühl eine entsetzliche Performance abzuliefern. Könnte natürlich auch an meiner perfektionistischen Ader liegen – aber vor allem liegt es daran, dass ich diese ganze Aufmerksamkeit eigentlich gar nicht möchte. Da können jetzt natürlich die Schüler*innen nix für, die haben einfach ein Recht auf Unterricht. Also unterrichte ich, auch wenn es schwer fallen mag. Genau deswegen schüttele ich einen Unterricht aber nicht mal so eben aus dem Handgelenk – eben weil es meine sozialen Batterien sehr schnell und nachhaltig lehrt. Vor allem, wenn ich gleich mehrere Wochen am Stück muss. In so einer Berufsfachschule unterrichten wir nämlich so ca. von 08:30 – 15:30 und werden auch in unseren eigenen Pausen beansprucht, wenn wir dem nicht entgegentreten. Und die Vor- und Nachbereitung findet zusätzlich statt; davor, danach, oder am Wochenende. Deshalb bin ich dankbar, momentan nicht alles selbst machen zu müssen. Man hat ja auch gerne mal Freizeit.

Ich bin wirklich gespannt, wie sich diese neuen Schüler*innen, welche ich in den letzten Tagen schon etwas besser kennenlernen durfte unter der Führung und Anleitung durch meinen Kollegen entwickeln. Aber ich bin ganz ehrlich auch froh, wenn ich morgen Mittag wieder gen Heimat fahren kann. Zum einen bin ich mit den Vorbereitungen für nächste Woche noch nicht fertig und zum anderen brauche ich dann meine heimatliche Höhle; incl. der wenigen Menschen, denen ich immer gehöre. In diesem Sinne – freut euch schon mal ein bisschen auf’s Wochenende. Heute ist ja Kleiner Freitag…

Quo vadis, magister?

Ordnung in all das zu bringen, was mir derzeit durch den Kopf geht, ist nicht einfach. Da ist so viel, dass passiert, ohne dass ich daran beteiligt bin oder irgendeinen einen Einfluss darauf hätte; und dass einem gleichzeitig Sorge bereiten kann, dass es jeder Beschreibung spottet. Und dann ist da noch der ganze andere Schlonz, den ich tatsächlich aktiv im Auge behalten muss, weil es mich ansonsten Freunde, Nerven, Geld, meinen Job oder was auch immer kosten kann. Leben passiert, während wir eifrig Pläne schmieden und die Götter sich gleichzeitig über unsere Naivität kaputtlachen. So weit, so normal. Ich glaube, gestern darüber geschrieben zu haben, dass man sich mit manchen Dingen einfach abfinden sollte, wenn man (immer noch) danach heischt, glücklich(er) zu werden. Das könnte man jetzt als billigen Fatalismus abtun. Oder man beginnt, ernsthaft über die Frage nachzudenken, wie viel Kontrolle wir wirklich wirklich über unsere Existenz haben. Disclaimer: das Ergebnis könnte in weniger stressfesten Individuen eventuell Unbehagen auslösen. Und trotzdem machen wir Pläne. Meine Familie und ich wollen etwa über Pfingsten in Urlaub fahren. Ist alles schon gebucht und soweit vorbereitet. Aber sicher wissen, dass es auch klappt tue ich erst, wenn ich unter der Pergola sitze, ins Tal schaue und an meinem vino rosso nippe; oder was mir sonst so zur Entspannung in den Sinn kommt. Ich erinnere hier mal wieder an das, unterdessen gut abgehangene Stereotyp des rotweinsaufenden Paukers auf Italienfahrt… Mir sind all diese kleinen und großen Unwägbarkeiten des Lebens schmerzlich bewusst. Mein großer schwarzer Hund namens Depression erinnert mich halt immerzu daran. Doch, all dem Gejammer zum Trotze ist da im Kern ein Teil von mir, der Reframing beherrscht, der sich auf die guten Dinge besinnen und sie wenigstens zeitweise ins Rampenlicht meines Gehirnzirkus’ rücken kann. Was auch immer diese guten Dinge von Fall zu Fall sein mögen. Denn auch das variiert, je nach Tageslage, teils erheblich. Mein Leben ist also eine verdammt ambivalente Angelegenheit. Aber ich habe die vage Ahnung, dass ich DAMIT nicht allein bin…

Vor meinem geistigen Auge fahre ich gerade über eine baulich waghalsig serpentinierte, panoramisch Atemnotfördernde, von Sonnenlicht überflutete Passstraße, die Fenster unten, die Musik laut, der Tag noch nicht zu spät. Ziel? Unbekannt! Ist auch nicht wichtig; Hauptsache, nicht hier! Was ich dort will? Nun… vielleicht ist das Ziel unwichtig, weil der Weg so viel Spaß macht? Ob ich jemanden dabei habe? Vielleicht… vielleicht auch nicht. Das hängt vom Tag und vom Ort ab. Möglicherweise fahre ich nur einkaufen. Oder aber, ich suche gerade Ruhe, selbst vor den Menschen, die mir grundsätzlich am Herzen liegen, weil ich nun mal so bin. Manchmal brauche ich etwas Einsamkeit. Ich kann geradezu die Sonne auf der Haut spüren… und die Wärme des Windes. Und dieses wunderbar unbestimmte, unbeschwerte, unvernünftige, unverplante Gefühl von Freiheit. Stattdessen werde ich heute jedoch noch mal in die Dienststelle tingeln und meinen Dienstwagen fertig packen, denn ab morgen bin ich mal wieder auswärts unterwegs, um eine neue Klasse zusammen mit ihrem Klassenlehrer durch die Einführungswoche zu begleiten. Es geht dabei darum, einander kennenlernen, den Ablauf der Ausbildung zu verstehen, die Wichtigkeit sauberer Kommunikation zu begreifen (oder wenigstens damit zu beginnen), sich an verschiedene Modalitäten des Unterrichts an unserer Institution zu gewöhnen. Alles keine Nuklearphysik. Aber zeitaufwändig. Und ein Stück von Zuhause entfernt. Ich weiß gerade nicht, ob ich mich darauf freuen, mich darüber ärgern oder mich davor fürchten soll, dass ich in den nächsten Wochen noch ein paar Mal dienstlich im Ländle unterwegs sein werde. Weil ich gerade mal wieder mit der Frage ringe, was ich eigentlich will. Klingt komisch aber… der Gedanke, all das einfach sein zu lassen und stattdessen was völlig anderes zu machen lässt mich seit einer Weile nicht mehr los. Und auch, wenn ich im Grunde WEISS, dass das sehr schwer würde (weil wahrscheinlich Gehaltseinbusse, weil Jobsuche für über 50jährige schwierig, weil woanders ist es auch scheiße, weil neu starten anfangs noch mehr Stress mit sich bringt), dreht mein Kopf trotzdem Extrarunden. Was auch sonst, wenn man eigentlich Ruhe haben möchte…?

Ich will wirklich und ehrlich versuchen, mit dem was ich habe meinen Frieden zu machen. Aber ich bin immer noch, immer wieder, immerzu erschöpft unruhig. Mein Kopf will JETZT in drei verschiedene Richtungen davonlaufen, während mein Körper schreit “LASS DEN SCHEISS! WILLST DU, DASS ICH KAPUTTGEHE?” Was also tun? Wohin soll er gehen, der Herr Lehrer? Derzeit versuche ich meinen Geist mit meinem Lieblingshobby zu beruhigen. Stabil ein bis zwei Spielrunden pro Woche, abwechselnd spielen und spielleiten, das ist hier das Ziel. Denn meinen Job – sorry, wenn ich jetzt arrogant klinge – kriege ich zumeist hin, ohne dass das Hemd dabei nass wird. Und der ist mir im Moment – wenn man mal von meinem Commitment für mein Team und jene Schüler*innen absieht, die es ernst meinen und mit uns zusammen an ihrem Ziel eines Berufsabschlusses arbeiten wollen – auch nur insofern wichtig, als er die Brötchen verdient… Also bin ich wieder bei jenen kreativen Dingen gelandet, die mir schon seit jeher Freude bereiten. Momentan habe ich einen riesigen Spaß daran entdeckt, aus meinen Campaign-Journals für die ganze Runde eine Art Notizbuch zu machen. Digital erstellt – aber alt aussehend. Macht total Laune. Und für mich ist dieses Erstellen von Zusammenfassungen auch ein Teil des Spiels, weil man sich vieler Aspekte der eigenen Figur erst in einer solchen Reflexion bewusst wird. Das würde meine Azubis jetzt zwar schocken aber… das mit dem selbst erarbeiten und reflektieren, um besser – oder überhaupt – verstehen zu können, funktioniert wirklich! Krass, oder…? Für’s Erste hilft das. Aber irgendwann MUSS ich mich der Systemfrage stellen und eine Entscheidung darüber treffen: Quo vadis, magister? Should I stay, or should I go? (Hell yes, “The Clash” wussten schon 1982 Bescheid!) Euch Eumeln da draußen einen schönen Start in die neue Woche. Ich starte morgen früh erst mal den Diesel Richtung Südosten…

Auch als Podcast…