…just my five cents…

Ich habe eine neue Abkürzung gelernt: BIPoC. Und bin immer noch nicht am Ende mit meinen Gedanken dazu. Konkret: wenn wir Rassismus tatsächlich bekämpfen wollen, warum benutzen wir dann immer noch Label, um Personengruppen zu kennzeichnen? Wäre es nicht viel sinnvoller, die Label endlich ganz wegzulassen? Ich weiß, dass die Frage aus mehreren Gründen naiv ist, aber ich werde das Gefühl nicht los, dass die ganzen Diskussionen zum Thema an den Menschen vorbei gehen, die es eigentlich betrifft. Oder noch etwas anders formuliert, beschäftigen wir Weißen, von denen, der gängigen Definition nach, der Rassismus ausgeht uns momentan fast ausschließlich mit uns selbst, anstatt auf jene zuzugehen, die darunter zu leiden haben. Seltsam.

Ich las heute morgen auf ZON ein Interview mit Susan Arndt, in welchem Sie beklagt, dass wir uns der Stigmatisierung von BIPoC durch unsere Sprache nicht bewusst wären (true!), bzw. uns weigern würden, das Problem anzuerkennen (bedenkenswert!). Dann spricht sie davon, dass Kant und Hegel auch rassistisch gewesen seien… und da bin ich ein Stück weit ausgestiegen. Unsere heutige – aus einer langen Erkenntnis-Geschichte erwachsene -Sicht der Dinge eins zu eins auf das Verständnis von Menschen des 18. und 19. Jahrhunderts projizieren zu wollen ist – meinem innigen Wunsch nach der Gleichheit aller Menschen zum Trotze – Humbug! Natürlich waren Kant und Hegel Rassisten, weil so gut wie alle Weißen damals Rassisten waren – sie wollten es nicht besser wissen. Wenn allerdings irgend jemand dadurch deren philosophische Errungenschaften entwertet sieht, kann ich nur sagen: wie engstirnig! Denn die universale Anwendbarkeit der postulierten Prinzipien der Aufklärung ist längst erkannt. Wenn auch lange noch nicht umgesetzt…

Zweifelsfrei stigmatisiert der heutige Sprachgebrauch nach wie vor in unzulässigem Maße BIPoC. Allerdings stellt sich die Frage, ob hier nicht Wirkung und Ursache verwechselt werden? Denn die anhaltende Stigmatisierung der BIPoC entsteht nicht etwa durch den Missbrauch von Sprache, sondern der Missbrauch von Sprache ist eine mehr oder weniger direkte Folge des (auch deutschen) Kolonialismus, der BIPoC überall auf der Welt über Jahrhunderte zu Menschen zweiter Klasse erklärt und dementsprechend ausgebeutet hat und dies heute noch tut; denn wer glaubt, der Kolonialismus wäre zu Ende, sollte sich mal das Geschäftsgebaren global agierender Konzerne in Afrika ansehen. Auch der Kolonialismus wird im Artikel angesprochen, ebenso wie die absolut mangelhafte Aufarbeitung deutscher Verbrechen in Namibia (damals Deutsch-Südwest): nämlich den Genozid an den Herero und Nama. Hier besteht erheblicher Bedarf. Auch an einer vernünftigen Integration solcher Themen in den Geschichtsunterricht. Das wurde in meiner Schulzeit nicht mal im Nebensatz erwähnt, wohingegen die Kolonialverbrechen anderer Nationen durchaus unrühmliche Erwähnung fanden. Sowas nennt man selektive Wahrnehmungsgestaltung.

Es wäre hoch verkürzend, jetzt zu sagen, Frau Arndt hat Unrecht, weil sie Kant und Hegel herabwürdigt; ebenso, wie es Unsinn wäre, ihr uneingeschränkt zuzustimmen, weil wir Weißen tatsächlich bis zum heutigen Tage dazu neigen, Menschen die anders aussehen zu stigmatisieren, zu benachteiligen, ja sogar zu unterdrücken – und wir gehen dabei ziemlich Empathiefrei vor, weil es uns selbst an solchen negativen Erfahrungen mangelt. Insoweit gehe ich bei dieser Argumentation voll mit. Doch was ist die Konsequenz daraus? Geben wir einfach jedem Menschen die Chance, mal ordentlich unterdrückt und stigmatisiert zu werden? Es gibt solche Trainings, welche die Vorzeichen knallhart verändern, solche, die durch Diskussion zur Selbstreflexion anregen wollen, etc. Die Zahl der Modelle ist groß, der Erfolg jedoch schwer zu evaluieren. Einstellungsänderung ist nämlich eine komplexe Angelegenheit, die normalerweise nicht mit einem Wochenendseminar erledigt ist.

Oder wollen wir es vielleicht anders versuchen? Was mich immer wieder stört, ist die (Re-)Konstruktion dieser Dichotomie: WIR vs. DIE. SCHWARZ vs. WEISS. Natürlich kommen soziale Theoriegebäude nicht immer ohne Gegensatzpaare aus, und zwar um die Problemzonen definieren zu können. Doch die Schlüsse, welche aus den Erkenntnissen gezogen werden, führen zu oft dazu, dass man naiv versucht, an der ersten gefundenen Stellschraube zu drehen, bis etwas passiert. Oder Erkenntnisse aus einem anderen Land (USA) gefühlt sehr unreflektiert auf Deutschland übertragen zu wollen. Die Mechanismen der Benachteiligung sind nämlich mitnichten überall die gleichen. Überall gleich sind allerdings die daraus entstehenden Probleme für BIPoC: Machtlosigkeit gegenüber Behörden, schlechtere Chancen auf Bildung und Jobs, soziale Stereotypisierung, etc.

Ich glaube (das ist eine Meinung, die von Wissen unterfüttert ist, aber noch empirisch belegt werden müsste), dass wir besser daran täten, einfach alle Menschen zu sein . Und vor allem: ZUEINANDER MENSCHEN ZU SEIN! Klingt leicht, ist aber schwer. Gewiss beginnt es damit, die eigene Sprache zu überdenken, denn nicht umsonst gilt die Feder als mächtiger denn das Schwert. Sieht man an der vergiftenden Verrohung des öffentlichen Diskurses durch die AfD und ihre Nazi-Kumpane. Vor allem aber sollte man die BIPoC mal fragen, was sie denn gerne geändert sehen möchten. Sie aus der Opferrolle heraus holen, die wir Weiße ihnen mit all diesem Stigmatisierungs-Geschwafel so gönnerhaft-paternalistisch zuweisen; und damit ebenso rassistisch handeln. Ich fände es erfrischend, wenn mehr BIPoC tatsächlich empowered wären. Da würde ich auch mitarbeiten. Und ihr so…?

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