Das Leid Kultur #02 – Heimat

Über Heimat ist vermutlich schon fast alles geschrieben. Insbesondere jetzt, da plötzlich alle scheinbar ein Interesse an dem Begriff entwickelt haben. Könnte natürlich daran liegen, dass viele – auch manche Politiker – immer noch dem irrigen Glauben anhängen, dass Heimat nur irgendwas mit Abgrenzung zu tun hat. Oh gewiss, es gibt abgegrenzte Gebiete, gemeinhin Nationen genannt, deren Einwohner zumindest einen halbwegs einenden Aspekt gemein haben; nämlich die Sprache. Doch schon hier hapert es bei der Einigkeit, insbesondere, wenn ein Niederbayer mit einem Sachsen spricht. Ortstypische Sprachidiome sind ja auch Teil von Kultur.

Wir lernen daraus, dass Sprache, von den meisten als wichtigster Aspekt einer eigenen Kultur verstanden, als Abgrenzungswerkzeug zumindest schwierig ist. Also gut, dann nehmen wir halt Grenzverläufe. Die wurden ja auch nicht nach Jahrhunderten des Krieges willkürlich entlang irgendwelcher geographischer Landmarken gezogen, die mit Zugehörigkeitsgefühl nicht immer was zu tun haben…oder? Nun sagen wir mal so, die Grenzen der Kurpfalz z. B. haben sich im Lauf der Jahrhunderte dauernd verändert. Man könnte jetzt sagen, dass ich ja damals die Raubritter dauernd um das Land geprügelt haben; nur welcher qualitative Unterschied besteht da zu heute, wenn man sich z.B. die russische Außenpolitik anschaut (Krim-Anexion und so)?

Sprache? Fail! Territorium? Fail! Bleibt also noch die Kultur… Nun dazu habe ich hier schon alles gesagt! Na dann versuchen wir Ethnizität? Nun ja, unser Grundgesetz ist da eindeutig, womit da ganz nebenbei auch gleich die Religionszugehörigkeit als Heimat-Kriterium ausscheidet! Nur für alle, die das immer noch nicht kapiert haben! Auch wenn der Heimat(Schutz)Minister ja genau deshalb so einen Bohei veranstaltet. Es geht um ethnisch und vor allem religiös motivierte Segregations-Bemühungen um „unsere schöne deutsche Heimat sauber zu halten“. Ich weiß nicht, ob er das tatsächlich je irgendwo so gesagt hat, aber alle anderen Äußerungen legen diesen Verdacht nahe. Und wenn’s auch nur in irgendeinem insignifikanten Dorffestzelt war.

Heimat als Kampfbegriff für politische Interessen, insbesondere solche vom nationalkonservativen Typus zu missbrauchen ist ekelerregend. Die Tatsache, dass Heimat für jeden Menschen etwas bedeutet, eine zutiefst emotionale Konnotation besitzt, uns an unsere Herkunft im allereinfachsten menschlichen Sinne gemahnt wird als Instrument genutzt, um negative Gefühle gegen Menschen von woanders zu schüren, indem man den Strohmann des Verlustes brennen lässt. „Die“ nehmen uns unsere Heimat weg. „Die“ sind böse. „Die“ müssen wir bekämpfen, egal wie. Flüchtlinge werden entmenschlicht, objektifiziert und dann gegen das gute Gefühl des Begriffes Heimat gestellt, wie die Schlange, die das Paradies auf den Kopf gestellt hat; und schon haben wir zumindest rhetorische Schützengräben ausgehoben und Waffen ausgeteilt.

Heimat ist, genau wie Kultur als Begriff hervorragend geeignet, von Rassisten missbraucht zu werden. Und wenn ich sehen muss, dass ein Bundesminister sich wie ein Kind freut, dass an seinem 69en zufällig 69 Menschen abgeschoben wurden, muss man sich schon fragen, wes Geistes Kind er denn ist? Letztlich könnte es mir egal sein, weil meine Definition von Heimat nichts mit Abgrenzung zu tun hat. Ich muss keine Unterschiede suchen, um meine Herkunft zu kennen. Ich muss keine Grenzen ziehen, um mich zu Hause zu fühlen. Ich muss niemandes Feind sein, um mein selbst zu kennen!

Was Heimat für mich bedeutet, definiere ich selber – oder besser gesagt, mein Leben definiert das durch mein Tun, mein Lassen und meinen Umgang für mich, so wie es auch mit der Kultur als Lebenspraxis ist. Und ich sehe dabei nicht die Notwendigkeit etwas oder jemand Fremdes als Antithese zu nutzen, an deren Anderssein ich mein eigenes Selbst definiere. Viele Menschen in unserem Lande scheinen jedoch das Bedürfnis zur Abgrenzung zu haben. Nur hat das nichts mit Heimat zu tun, sondern mit Ideologie. Oder besser Demagogie. Da ich mir aber von Demagogen nicht mein Leben diktieren lassen werde, haben alle Bemühungen um eine völkische Ideologie, im Moment auch Heimat genannt, keinen Wert, außer als abschreckendes Beispiel für Anfänge des Faschismus. Danke Herr Seehofer, dass Sie endlich mal Ihr wahres Antlitz zeigen. Und an alle Anderen: Heimat ist, was Ihr daraus macht, nicht was irgendwelche ewig Gestrigen dazu erklären. Habe fertig…

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