Speeding kills…?

Ich bin ein böser, böser Verkehrssünder. Ich war zu schnell. Geschätzt 5-7 km/h. Dumm, ärgerlich, und zweifelsohne primär meine Schuld. ABER… warum zum Teufel steht eine solche Geschwindigkeits-Messeinrichtung an einem Freitag Morgen um 08:00 an einer Ausfallstraße, während die meisten anderen Ausfallstraßen im Stadtteil durch Baustellen teilweise oder ganz versperrt sind; an einer Stelle, an welcher sich ein Kinderspielplatz befindet, dessen üblich Nutzer zu dieser Zeit entweder in der Schule, in Ihren Kindertagesstätten, oder auf dem Weg dahin sind, weil deren Eltern – genau wie ich – eilig der Arbeit zustreben müssen. Ein Schelm, wer böses dabei denkt? Mitnichten. Das ist kalkulierte Abzocke!

Seit die Stadt Mannheim, vertreten durch ihren kommunalen Ordnungsdienst das Gros der Geschwindigkeitsmessungen durchführt (die dürfen nicht in fließenden Verkehr eingreifen, wohl aber diesen beobachten), finden solche nicht mehr, wie früher durch die Polizei, an gefährlichen Stellen und bekannten Unfallschwerpunkten statt, sondern dort, wo es für Behörde und damit Stadt fiskalisch opportun ist. Ich bin mir der Tatsache bewusst, dass man nicht schneller fahren darf, als am jeweiligen Ort erlaubt. Die Behörde ist sich jedoch ebenfalls der Tatsache bewusst, dass die Menschen auf dem Weg morgens viele Dinge im Kopf haben und deshalb oft leichtsinnigerweise etwas zu schnell fahren. An einem Ort mit geringem Gefährdungspotential zu blitzen, ist also vor allem eines: moderne Wegelagerei.

Kritiker werden jetzt argumentieren, dass ich mir des Risikos doch bewusst bin, wenn ich zu schnell fahre. Für Speeding gibt es fast überall auf der Welt ein Ticket. Dass ich, wenn ich mich riskant verhalte, das Für und Wider abgewogen und mich ebenso bewusst für mein riskantes Verhalten entschieden habe. Ich sage: Jein. Einerseits weiß ich sehr wohl um diese Dinge. Andererseits treffen wir unsere Entscheidungen nicht immer bewusst. Jeder, der sich mal aufmerksam beobachtet hat, weiß, dass Speeden nicht immer als Entscheidung, sondern oft unwillkürlich auf Grund eines subjektiven Drucks passiert, dessen Ursprung verborgen bleibt, bis wir die Zeit haben, das zu reflektieren. Ich behaupte jetzt mal, dass ich nicht der Einzige bin, dem es so geht.

Hinzu kommt, dass die erwähnten Kindertagesstätten im gegebenen Fall alle im Bereich der alten Wohnbebauung liegen und nicht da, wo geblitzt wird; weil die Firma Diringer & Scheidel, vermutlich auch aus fiskalischen Interessen in ihrem – von der Stadt Mannheim sehenden Auges genehmigten – Bebauungsplan für das sogenannte Glückstein-Quartier keine solchen Einrichtungen vorgesehen hat. Die würden nämlich kostbare Büro-Fläche kosten , die man in Hauptbahnhofsnähe so schön teuer verhuren kann. Hier darf der Schelm Böses denken, wenn man dafür jetzt eine der kostbaren Grünflächen in der alten Bebauung opfern will, um dort eine drauf zu bauen, weil der Bedarf bei vielen zuziehenden jungen Familien halt gegeben ist. Ein Hoch auf die wachsende Bodenversiegelung.

Systemisch betrachtet wurde ich also von der Stadt und dem Bauträger beschissen und abgezockt und soll auch noch still sein, weil ich ja etwas falsch gemacht habe. Ne, schönen Dank, Ja-Sager haben wir schon genug. Wenn mein Speeden (potentiell) tötet und ich deswegen dafür bestraft werden muss, bestehe ich darauf, dass die Stadt und die Baufirma samt Investoren für das Töten der Natur, die meinen Stadtteil lebenswert macht auch bestraft werden müssen. Unter anderem auch wegen des Rheindamms. So genug gemuffelt, weiter geht’s. Muss ja erst mal die Kohle verdienen, die mir andere ungerechtfertigter Weise aus der Tasche ziehen. Danke für nix Stadt Mannheim!

Menschenskinder…

…lernen die Welt zu (be)greifen, laufen los, streiten, schließen Freundschaften, kommen in die Schule, werden älter, reifen und werden – schließlich – irgendwann zu denen, die, wie ich, darüber reflektieren, was Menschenskinder für die dazugehörigen Großen bedeuten. Rein biologistisch gesehen geht’s ja nur um den Erhalt der Spezies. Dies so eng zu betrachten, wäre dennoch Käse. Nicht nur mir ist bewusst, dass Generation um Generation immer wieder nach dem Sinn des Lebens sucht und sich dabei jenes Intellektes bedient, mit dem Mutter Natur uns auszustatten die unfassbare Blödheit besessen hat. Denn ohne diesen Intellekt würden wir weder immer noch versuchen, uns die Erde Untertan zu machen, noch gäbe es dieses unnötig verschwenderische Suchen nach Sinn überhaupt.

Meine kleinere Tochter wurde gestern eingeschult und wie ich diesen, wohl eingeübten, Ritualen beiwohnte, die dazu gedacht sind, das Kind im neuen Lebensabschnitt zu begrüßen, der – mit dem trainiert bösartigen Auge des Zynikers betrachtet – in der unausweichlichen Einsortierung in eine Schublade mündet, wurde mir etwas bewusst: nämlich dass Sinn in den Anderen (z. B. unseren Kindern) zu suchen, ungerecht ist. Ungerecht gegenüber den Anderen, weil wir dann Sehnsüchte auf sie projizieren, die wir – aus welchen Gründen auch immer – nicht aus uns selbst heraus befriedigen können. Ungerecht uns selbst gegenüber, weil im direkten Vergleich immer irgendwelche (vermeintlichen) Unzulänglichkeiten des Selbst sichtbar werden, die dennoch vielleicht ein Teil sind, der dazu beiträgt, uns die sein zu lassen, die wir sind.

“Hätte, hätte, Fahrradkette!” Wir leben nicht im Konjunktiv, sondern im Hier und Jetzt. Und all diese Überlegungen, was man z. B. täte, wenn man seinem 20-jährigen Ich mit den bereits gemachten Erfahrungen zur Seite stehen könnte, sind ebenso Käse, wie die oben erwähnte biologistische Weltsicht und das Projizieren. Solche Träumereien stellen lediglich den verzweifelten Versuch dar, sich mit der gelegentlich auftretenden subjektiven Sinnlosigkeit des eigenen Tuns gut zu stellen. “Hätte ich das vorher gewusst, wäre alles besser geworden!” Blödsinn. Sinn muss man nicht suchen. Denn betrachtet man es fatalistisch, ist unsere Existenz ein kosmischer Wimpernschlag, in welchem wir, auf einem zufällig habitablen Klumpen Gestein, mit einem Affenzahn durch unser Sonnensystem rauschen und uns ebenso zufällig so weit entwickelt haben, dass wir uns fragen können, was das soll. Doch es soll nichts. Es passiert einfach. Und es ist an uns, dieses bloße Passieren mit Sinn zu FÜLLEN…!

Meine Tochter muss sich solchen Überlegungen noch nicht stellen. Sie ahnt nicht, wie viel für die Eltern mit dem Wachsen des Kindes zusammenhängt. Und damit meine ich bewusst nicht die fiskalischen Herausforderungen. Unsere Kinder sind, im Guten, wie im Bösen Spiegel unserer Selbst, denen wir nur schwerlich entfliehen können. Einen physischen Spiegel kann man abhängen, verschenken, im Keller verstecken, wenn uns das Bild nicht gefällt; doch ein Kind… nun, Keller wäre in dem Fall keine Lösung. Also wäre es doch eine gute Idee, unserem Leben Sinn zu geben, indem wir Dinge tun, die uns und anderen helfen. Zuvorderst unseren Kindern. Das jeder sich jetzt darunter etwas anderes vorstellen kann, erfüllt mich mit einer gewissen Zuversicht. Denn es bedeutet, dass der eine oder andere sehr wohl einen Sinn für sich definiert hat und nun versucht, diesen weiterzugeben.

Solche Menschen sind es, die – all ihren eigenen Fehlern und Irrungen zum Trotz, oder wegen dieser Fehler und Irrungen – als Idole, als Exempel, als Vorbilder fungieren und funktionieren. Die uns gemahnen, dass man seinen Sinn nur in sich selbst findet und, im besten Fall, andere daran teilhaben lassen kann. Das gilt natürlich im Guten, wie im Bösen. Denn Menschen, die andere zum Bösen anstiften können, gab und gibt es genug. Aber die meine ich nicht. Die will ich nicht vergessen, sondern mich gegen ihr Gift immunisieren. Mir geht es um jene, die andere Menschen zum Guten anstiften; dazu, der Welt etwas zu geben, dass tatsächlich nachhaltig und bereichernd zugleich wirkt – die Inspiration und den Willen etwas füreinander zu tun. Wenn wir – meine Frau und ich – das bei unseren Kindern noch schaffen, haben wir mehr für unsere Welt getan, als man hätte erwarten können. Ich wünsche noch einen schönen Sonntag.

Auch zum Hören…

…schon wieder Herbst :-(

Man muss den Dingen ins Auge sehen. Zeit vergeht. Würde man jetzt mal rüber in den Bereich der Physik wandern, müsste man wohl zugeben, dass unser Empfinden von einer linear verlaufenden Zeit zumindest nicht vollständig ist. Aber für meine heutigen Betrachtungen soll genügen, dass wir Zeit als lineares Konstrukt wahrnehmen. Ich mag wissenschaftliche Beiträge, die mein Weltbild in Frage stellen, denn nur, wenn wir es zulassen, um die Ecke zu denken, finden wir dort auch etwas Neues. Ist meiner Erfahrung nach allerdings nicht wenigen Menschen zu mühselig. Die wählen dann AfD. ‘tschuldigung, aber die Spitze musste nach Nachwahl-Montag einfach sein…

Wo war ich? Ach ja, bei der fließenden, oder wie der Lateiner sagen würde – tempus fugit – der entfliehenden Zeit. Ich möchte behaupten, dass ich, allem Schweiße zum Trotz ein Sommer-Mensch bin. Draußen leben (und auch arbeiten), bis spät in den Abend hinein, dass ist mein Ding. ich bin so’ne Eule. Ihr wisst schon… Nun neigt sich diese Zeit des Jahres dem Ende und man könnte natürlich in eine Art frühe Post-Sommer-Depression verfallen, sich schon mal einigeln und dem Leben entsagen.

Allerdings ist der Herbst für mich eine Zeit großer Geschäftigkeit. Sowohl beruflich, als auch privat. Weil Manches halt im Spätjahr stattfinden muss, wie z.B. die Planung für das nächste Jahr. Aber im Kalender stehen auch viele andere Dinge, die Teils mit der Familie, teils mit dem Job und teils mit der Aufnahme eines Master-Studiums zu tun haben. Ich habe einfach noch keine Lust, mich in irgendeiner Nische zu gemütlich einzurichten. Das bekäme mir gar nicht gut, denn was rastet, das rostet. Und faul sein kann ich, wenn man mich lässt. 😉

Mir ist schon vor ein paar Jahren klar geworden, dass ich manche Dinge nicht wieder haben kann, die mir früher viel Freude bereitet haben. Ich gehe zum Beispiel nicht mehr mit meiner Frau Clubben, seit wir Kinder haben. Diese Lücke wurde damals erst durch Dauermüdigkeit und dann, nach und nach durch familiäre Aktivitäten ersetzt. Auch mein größtes Hobby, das Pen&Paper-Rollenspiel nimmt heute einen sehr viel geringeren Teil meiner Zeit in Anspruch, als vor 10-15 Jahren. Immerhin hat sich die Qualität dafür subjektiv deutlich verbessert. Ich könnte diese Liste fortführen, aber das wäre nicht zielführend.

Vielmehr geht es mir darum, mich selbst – und auch alle anderen, die hier mitlesen – daran zu erinnern, dass das Leben ein Kreislauf war, ist und bleibt. Egal, ob wir das gut finden und immer schön mitlaufen wollen, oder halt nicht. Bleiben wir stehen, rennt die Welt uns nämlich davon. Und vielleicht ist es auch ein Hinweis für die Lebensgeister, dass ich nun wieder in einer frischen Brise in meinem Arbeitszimmer stehen kann, während ich diese Zeilen schreibe.

Man könnte den Herbst natürlich als Zeit des Sterbens der alten Dinge betrachten. Oder man akzeptiert, dass er eine Gelegenheit zum Kräftesammeln für die dunkelsten Stunden des Jahres ist und uns auffordert, jetzt umso mehr raus zu gehen und das Leben noch einmal zu feiern. Ich will den (meteorologischen) Herbst hiermit offiziell begrüßen und lege es allen ans Herz: lasst es euch noch mal gut gehen. In diesem Sinne, schöne Woche noch!

Auch zum Hören…

My way to more kindness #0

Von Zeit zu Zeit nimmt man Trends wahr, lässt sich von Strömungen in den Medien oder in seiner ganz privaten Echokammer mitziehen. Das stößt die Neugierde an und man beginnt sich zu informieren, darüber nachzudenken, etc. Ich meine dabei bewusst keine Klamotten-Trends, denn mein Äußeres kommt meist in etwa so modisch daher, wie ein IFA W50. Ich denk halt immer, dass Baggy-Pants, T-Shirts und Sneaker schon reichen (außer, bei bestimmten Anlässen, natürlich). Wenn man(n) unbedingt zum Fashion-Victim werden will (so mit zu kurzen, zu engen Hosen, oder aber dem genauen Gegenteil, dass bis in die Kniekehlen hängt), bitte gerne. Is’ nur nix für mich.

Nein, ich meine soziale Trends, Bewegungen, neue Netzwerke und neues Wissen. Dabei muss es nicht immer um Politik gehen. Dem Thema werde ich für eine Weile abschwören, sonst – bei Gott – werde ich gewalttätig gegen dumme Menschen. Aber auch abseits der Politik gibt’s genug zu erforschen und zu erfahren; insbesondere dann, wenn man, wie ich, in der Erwachsenenbildung und im Gesundheitswesen zeitgleich tätig ist. Beide Arbeits-Felder erfahren immer wieder Veränderungen durch die Menschen, welche in Ihnen tätig werden. Manchmal aus echten Notwendigkeiten heraus, manchmal auch einfach nur, weil eine Person etwas Wichtiges erkennt und Wege findet, die Botschaft zu verbreiten.

Menschen, die mich näher kennen wissen, dass unter dem Clown, der fast alles in seiner Umgebung mit einer Mischung aus Ironie und Zynismus kommentiert eine Seele steckt, die’s gerne harmonisch hat. Den Wunsch nach Harmonie darf man hier bitte nicht mit Konfliktscheue verwechseln. Ich kann auch böse, wenn’s denn unbedingt sein muss. Aber ich mag es nicht. Mein durchaus gelegentlich etwas cholerisches Naturell reitet mich dabei öfter in den Dreck, als mir lieb ist. Aber wer dauernd mit Menschen arbeitet, muss wohl darauf gefasst sein, dass es menschelt… nicht wahr?

Nun bin ich, nachdem ich bei Recherchen für etwas völlig anderes über Dave Burgess gestolpert bin, bei “A passion for kindness” von Tamara Letter gelandet. Ich vermute mal, dass mein Unterbewusstsein mir irgendwas mitteilen wollte, denn der Titel und die Beschreibung sprachen mich irgendwie an:

Quelle: amazon.com

Ich lese gerne echte Bücher. Diese Dinger aus Papier und Druckerschwärze, ihr wisst schon. Man kann nicht wischen, man muss blättern. Dafür kann man reinkritzeln (sofern sie einem selbst gehören) und so seine Gedanken zum Gelesenen festhalten. Ja ich weiß, dass geht auch mit PDFs; aber das ist einfach nicht das Gleiche… Außerdem müssen wir ja auch nicht für alles dauernd Strom verbrennen. Mein CO2-Fußabdruck ist auch so schon groß genug. Jedenfalls finde ich die Art, wie die Autorin über “kindness”, diese schlecht ins Deutsche übersetzbare Mischung aus Freundlichkeit, Güte und Großzügigkeit denkt und auch danach handelt großartig und inspirierend.

Ich stelle nämlich einerseits immer wieder fest, dass ich in die selbst ausgelegten Bäreneisen tappe, wenn ich mit meinen Lieben interagiere. Eigene Kinder können einen ja so leicht aus der Reserve locken. Andererseits ist in meinem Arbeitsumfeld letzthin oft eine Atmosphäre gespannter Nervosität zu verspüren, die allen dort auf’s Gemüt und damit die Höflichkeits-Sensoren schlägt. In einem Hochrisiko-Job wie dem Rettungsdienst keine optimalen Voraussetzungen für die – üblicherweise von uns erwarteten – guten Ergebnisse.

Ich will gar nicht groß auf den Inhalt eingehen, denn auf den muss man sich als Leser schon bitte selbst einlassen. Nur so viel: auch bei kindness gilt: wie man in den Wald hineinruft… Und so will ich dies zum Anlass nehmen, zu versuchen, es selbst noch besser zu machen. Nicht nur zu Hause, sondern auch für und mit meinen Kollegen und Azubis. Besser geht nämlich immer. Und wenn es dazu beiträgt, das Arbeitsklima zu verbessern und damit auch unser Outcome als Organisation, bin ich gerne vorne mit dabei. Ihr werdet davon hören. Und vielleicht wollt ihr ja auch mitmachen? Schönen Abend noch!

Auch zum Hören…

Kulturwandel olé

Jeder, der ein bisschen was von Marketing versteht, weiß, dass man mit dem richtigen Konzept auch abseitige Ideen an den Mann bringen kann. Der zunehmende Erfolg rechts-nationaler Politik überall in Europa und auch auf der restlichen Welt spricht diesbezüglich Bände. Und so ist es kein Wunder, dass manches Konzept, welches bei näherer Betrachtung wertvoll ist, zunächst meinen Widerwillen erregt, weil es vermarktet wird. Nicht mal wegen der Art der Vermarktung, sondern einfach nur, weil jemand dafür wirbt. Soweit ist es mit meiner Social-Media-Konditionierung also schon gekommen. Und das bedaure ich, denn gelegentlich stolpert man in der Masse von Publikationen, welche sich selbst auf die Fahnen schreiben, Game-Changer sein zu wollen, tatsächlich über eine Perle.

Whack – a – mole.

Die Bezeichnung für dieses Spiel, bei der man mit einer Schaufel auf den Maulwurf kloppt, der so blöd ist, seinen Kopf aus einem Loch zu stecken. Das ist David Marx’ Analogie zu unserer vorherrschenden Fehlerkultur im Gesundheitswesen. Wer einen Fehler begeht, wird dafür bestraft, anstatt sich den Fehler zum Anlass zu nehmen, daraus zu lernen, um zukünftige Wiederholungen dieses Fehler vermeiden zu helfen; und demjenigen, der diesen gemeldet hat, für seine Ehrlichkeit zu danken.

Das Buch ist mitnichten neu. Im Original von 2009, in einer zweiten Auflage von 2014 nun auf meinem Schreibtisch liegend, thematisiert es zunächst die Fehlbarkeit des menschlichen Individuums. Insbesondere in Berufsgruppen, in denen von den Tätigen nicht weniger als Perfektion erwartet wird. Zu unrecht erwartet wird! Denn Perfektion ist ein Ziel, nach dem viele Menschen streben und das doch noch keiner erreicht hat, weil es unabdingbarer Teil der menschlichen Natur ist, fehlbar zu sein. Und damit ganz automatisch immer und immer wieder Fehler zu machen. Auch – vielleicht sogar besonders dort – wo Perfektion als Voraussetzung für die Beschäftigungsfähigkeit angesehen wird. Zum Beispiel im Gesundheitswesen, wo Fehler zweifelsohne zu Schäden an Leib und Leben der uns anvertrauten Patienten führen können. Was – allem Training zu Trotze – nichts an der Fehlbarkeit des Menschen ändert.

Und so ist David Marx’ Buch denn auch ein Plädoyer, einerseits zu verstehen, dass 100% Fehlerlosigkeit in keinem Berufsfeld und unter keinen Umständen erwartbar ist. Und andererseits in der Folge dieser Feststellung zu einem neuen Umgang mit Fehlern zu finden; weg von der sinnlosen Bestrafung des unabdingbaren menschlichen Makels Fehlerhaftigkeit, hin zu einem konstruktiven Umgang damit. Zum beispiel durch die Schaffung besserer Systeme zur Fehlerprävention. Und indem ich Menschen dahin führe, bei kritischen Entscheidungen die bessere (sichere) Option zu wählen. Das ist jedoch nur möglich, wenn ich aufhöre, Menschen für Fehler, die sie im Rahmen ihrer Verrichtung nach bestem Wissen und Gewissen begangen haben zu bestrafen, als wenn sie mit Vorsatz gehandelt hätten. Und ihnen so die Chance gebe, über den Fehler offen zu reden. Die dann möglichen präzise Analysen und daraus resultierenden Veränderungen an Arbeitsabläufen führen zu besserer Fehlervermeidung.

Es ist ein Aufruf zum Systemwandel. Und auch, wenn seit der Erstpublikation schon 10 Jahre ins Land gegangen sind und Marx’ Analysen natürlich primär seine Heimat USA betreffen, hat das Buch dennoch weder etwas an Aktualität verloren, noch ist es für unser bundesrepublikanisches Gesundheitswesen irrelevant, da wir vielerorts exakt die gleichen – falschen – Methoden im Umgang mit Fehlern und Beinahe-Fehlern pflegen, die hier beschrieben wurden.

Ich mache wirklich selten Werbung, aber dieser Titel ist für jeden healthcare-professional einen Blick wert. Insbesondere, wenn man ein Interesse daran hat, Patienten-Benefit UND Arbeitsbedingungen gleichzeitig zu verbessern. Vielen Dank für die Aufmerksamkeit.

Auch zum Hören…

The italian tales – series terminated!

Wenn man durch die nächtliche Toskana, die Emilia Romagna und die Lombardei eilt, weil halt noch viele 100 KM vor einem liegen, hat man Zeit zum Nachdenken. Zum einen, weil die anderen Fahrzeuginsassen das tun, was ich auf keinen Fall tun sollte, nämlich schlafen. Und zum anderen, weil speziell die A1 Bologna – Milano schlicht stinklangweilig ist. Und worum drehten sich die Gedanken: wann und wo der nächste Urlaub stattfinden soll. Wie war das noch gleich? “Du warst doch gerade erst?” – “Ja, weißt du, das ist mehr so, wie eine Sucht…” 😉

Es ist nun leider so, dass wir erstmal wieder zu Hause angelangt sind, nachdem wir mit großem Bedauern drei wundervollen Wochen Urlaub ade gesagt hatten. Ich persönlich bin hochzufrieden mit dem Ergebnis: Erholung und (weitesten Teils) Entsagung von den Fährnissen des Alltages. Die holen mich spätestens morgen früh, wenn ich an meinem Schreibtisch Platz nehmen darf, wieder ein. Die Kinder haben ja noch Ferien, aber auch die beste Gattin von allen, darf sich morgen früh wieder zur Arbeitsstelle schleppen. Wenigstens muss sie dabei nicht immer die 15° Steigung auf dieser Brücke überwinden,

Ponte della Maddalena – Provinz Lucca (auf dem Weg in die Garfagnana)

Ich werde heute morgen keine großen Reden schwingen. Nachdem ich mich in den Italian tales N°7 und N°8 an politischen Diskussionen auf Facebook abgearbeitet habe und auch in den Tagen zuvor wenig über den Urlaub an sich zu berichten wusste, gibt’s heute nur ein short statement in Stichpunkten:

  • Olivenöl, Rotwein & Weißwein vom Vermieter – sauber!
  • Jeden Tag mindestens 1000 Meter im Pool schwimmen – check!
  • Viele schöne und vor allem auch neue Orte entdecken – jawoll!
  • Dabei auch noch knipsen wie ein Gestörter – erledigt!
  • Jeden Tag lecker kochen – oh ja (mit insgesamt 8 x Grillen dabei)!
  • Lesen – 3,5 Bücher!
  • Immerzu in den Tag hineinleben und nicht zu viel planen – … und wie!
Fortezza del Girifalco, Cortona – Provinz Arezzo

Stellt euch mal vor, wie schön es sich unter den alten Kastanienbäumen vor dem Palas dieser Burg sitzen und essen lässt. Ungeplant, aber dennoch hoch willkommen.

Vielleicht ist es das, was mir ab morgen am meisten fehlen wird: Strukturlosigkeit. Sich treiben lassen; nicht nur im Pool nach dem Schwimmen, sonder überhaupt durch den Tag, durch die Landschaft, durch’s Leben. Wiewohl mir bewusst ist, dass ein zu wenig an Struktur einen sozial und kognitiv verelenden lässt, ist es das zuviel, dass mich in letzter Zeit beinahe geschafft hätte. Abseits der Dinge, die ich nach bestimmten Mustern erledigen MUSS, werde ich mal versuchen, es im privaten mit etwas weniger Struktur zu versuchen. Vielleicht hilf das, länger mit den Entzugsphasen (also den Zeiträumen ohne Urlaub) klar zu kommen. Das könnte eine der Säulen sein, die mich auch weiterhin tragen…

Abbazia di San Galgano, Chiusdino – Provinz Siena

Ihr anderen da draußen solltet euch über eure eigenen Säulen möglicherweise auch mal Gedanken machen. Muss ja nicht nachts im Auto sein. In diesem Sinne wünsche ich allen noch einen schönen Tag – the italien tales, over and out!

The italian tales n°10

TSCHAKKA! Ich hocke im Garten vor dem Appartamento, höre Musik und haue in die Tasten. Noise Cancelling Kopfhörer haben den Vorteil, dass man sich auf die Art von Beschallung konzentrieren kann, die man wünscht. Ich weiß nicht, ob ich das schon mal erwähnt habe, aber neben Metal, Punk, Crossover, Industrial, etc. höre ich auch sehr gerne – TADA! – 80s Wave, Synthpop und so’n Kram. Könnte an meinem Geburtsjahr liegen. Oder einfach daran, dass, zumindest gefühlt, kontemporäre Künstler vor allem recyceln, was andere vor ihn schufen. Oder ich bin einfach ein Snob, dem man nix recht machen kann. Sucht’s euch aus.

Eigentlich versuche ich mich gerade in Stimmung zu bringen, um dem Ende meines aktuellen Solo-Buchprojektes näher kommen zu können. Es ist alles da. Das Storyboard ist nachgeschliffen. Die Protagonisten funktionieren, eine erste echte Klimax hat, zumindest aus meiner Sicht, den richtigen Drive. Die Situation ist kritisch, für alle alles in der Schwebe – an Spannung sollte also auch kein Mangel herrschen. Die Figuren sind aufgestellt und alles bereit, um Schach zu bieten. Und doch… nagt der Zweifel, ob es auch für ein Matt reichen wird. Auf Seite 260 von geplanten 340-350.

Ich habe das letzte Mal ernsthaft ungefähr Ende Juni dran arbeiten können und auch mit dem Abstand von fast sieben Wochen bin ich mit meiner Schreibe sehr zufrieden. Oft ist es so; man weiß, wohin der Zug fahren soll, aber irgendwie fließt das Mana nicht. Ich hatte ehrlich gesagt auch keine großen Hoffnungen gehegt, im Urlaub groß voran zu kommen. Vielleicht, weil man andere Dinge zu tun hat. Familie, Pool, Ausflüge, knipsen, selbst was lesen und schließlich Bloggen, was das Zeug hält. Und um eine längere Geschichte zu schreiben, braucht es vor allem zwei Dinge Ruhe und Zeit. Ich kann mich bei so viel Ablenkung nicht auf meine Figuren konzentrieren, in meiner eigenen Story versinken, das vor Augen sehen, was ich in dem Moment (be)schreibe und gleichzeitig alle Handlungs-Stränge zu einem ansehnlichen Stoff verweben.

Es mag Autoren geben, die per Copy/Paste ganze Welten erstehen lassen; wenngleich diese dann auch oft etwas beliebig und blass erscheinen mögen. Ich mag meine Welt! Ich habe eine groß angelegt Pen&Paper-Kampagne auf der Basis laufen, für die ich eigens eine Modifikation meines eigenen Regelwerkes geschrieben habe. Und ich will mehr als eine Geschichte erzählen, ohne dass es sich dabei anfühlt, als wenn ich selbst alles recyceln würde (=> kontemporäre Musik und Pop-Literatur sind sich da ähnlich). Ich habe also hochfliegende Pläne und die will ich mir nicht mit einem beschissenen Debut-Roman versauen. Ist also auch ein bisschen (selbst erzeugter) Druck dahinter.

Immerhin: ich habe nicht nur das Storyboard modifiziert sondern bei der Gelegenheit auch gleich noch das für den nächsten Story-Arc meiner Kampagne entwickelt. Believe it, or not: während ich bei meinem Buch-Projekt voll digital arbeite, finden sich meine Game-Notizen in einem verdammt altmodischen, in schwarzes Leder gebundenen Moleskine. Weil gelebte Ambivalenz und kleine Anachronismen mich immer wieder auf’s Neue zum Umdenken zwingen. Portierbarkeit ist dabei durchaus gelegentlich ein Problem. Was mich auch zu etwas zwingt: nämlich ein und dieselbe Sache von mehr als einem Blickwinkel aus zu betrachten. Manchmal kommt dabei durchaus Spannendes zu Tage. Manchmal könnte ich auch kotzen, wenn ein rein digital entstandener Absatz durch meine eigene Ungeschicklichkeit im Nirvana verschwindet. Wer weiß, wofür es manchmal schon gut war…

Ich habe also das eine oder andere, worauf ich mich freuen kann, wenn ich wieder nach Hause komme, was (leider) in wenigen Tagen der Fall sein wird. Aber die Zeit, sie bleibt halt nie stehen. Auch nicht, wenn’s schöner wäre. Besonders dann nicht. Ob ich mich noch mal mit einer italienischen Geschichte melde, weiß ich noch nicht. In jedem Fall habe ich eine Menge zum Erzählen in meinem Kopf und Herzen. Und nicht alles davon passt in meine Romane, oder mein Blog. Buona notte!

The italian tales n°9 – not enough tales?

Es wäre so schön, wenn ich manchmal meinen Mund halten, oder wenigstens meine Tasten nicht so heftig bearbeiten könnte. Tatsächlich habe ich in diesem Urlaub doch unter den obigen Titel über Dinge geschrieben, die a) nichts mit dem Toskana-Urlaub zu tun hatten und b) auch noch nicht mal lustig waren. Natürlich hat mich die beste Gattin von allen darauf hingewiesen.

Man kann es nun drehen und wenden wie man möchte, aber ich bin im Arsch, denn unter Druck liefern ist gar nicht einfach. Das werde ich nicht reißen können, da bin ich mir zieml… halt Moment mal! Bin ich denn nicht Geschichtenerzähler. Habe ich nicht schon bei verschiedenen Gelegenheiten bewiesen, dass ich’s drauf habe [Ich werde jetzt nix verlinken, aber jeder, der hier schon öfter zu Gast war, wird über den einen oder anderen Post zum Geschichtenerzählen / Rollenspiel gestolpert sein].

Also muss ein Thema her. Nehme ich die Einkaufswut der Italiener, durch die ich auch nach verschiedensten Versuchen nicht zu einem stressfreien Einkauf gelangt bin? Sie scheinen wahrhaft komplexe Zyklen zu haben… Oder die talentfreien Versuche vieler Möchtegern-Schumis, denen es doch erheblich an Fahrzeug und Fahrkunst mangelt? Ach, beknackte Autofahrer gibt’s doch überall. Oder vielleicht die – allerdings hoch charmante – Wurstigkeit unseres Vermieters, der einfach alles mit einem Lächeln wegzuinhalieren scheint? Und das auch noch schneller, als seine Zigaretten…?

Wir haben ja immerzu Sterotypen dabei, über die Orte, die wir bereisen und die Menschen, welche wir dort treffen. Da gibt’s die diebischen Vulgaren, die faulen Nixraffier, die unzuverlässigen Indolentaner und schließlich die Langsamen aus Kannitverstan. Diese Bilder tragen wir im Kopf umher, wie der Messdiener die Monstranz zu Ferragosto. [Für die Nichteingeweihten: der 15.08, einer der höchsten Feiertage des Jahres – nämlich Maria Himmelfahrt – den viele Italiener dazu nutzen, den Sommer mit einem Inlandsurlaub zu zelebrieren; eigentlich also eine ganz beschissene Zeit, dahin zu reisen. Den schulpflichtigen Kindern sei aufrichtiger Dank].

Allein über unseren Filou von Vermieter könnte ich ein paar Schoten bringen. Und doch; seine Gastfreundschaft, die unkomplizierte Art, mit der er Probleme löst und Fünfe gerade sein lässt, machen den Aufenthalt hier zu etwas Besonderem. Dass er immerzu mit seinem SUV durch die weitläufigen Weinberge donnert, in denen unser Feriendomizil liegt – auf Staubstraßen, welche diesen Namen wahrhaft verdienen – kann ich ihm nachsehen. Er ist ja auch schon 60. Doch dann schenkt er mir ein anerkennendes Lächeln für mein Bistecca a la Fiorentina und schon ist meine Welt hier wieder in Ordnung.

Auch mit den inländischen Autofahrern habe ich mich nach zwei, drei Tagen zumeist versöhnt. Ich fahr ja selbst oft wie eine Sau, da ist man dann halt unter sich, hupt sich auch mal an, gestikuliert wild (aber nie unflätig), flucht laut (was die beste Gattin von allen bis heute nicht verwinden kann; Gott sei Dank liebt sie mich!) und fertig. Wobei ich mich hier tatsächlich an Speed-Limits halte. Nicht nur des Geldbeutels wegen, denn manche Straße hat es echt in sich. So sehr, dass meiner größeren Tochter dann auch mal schlecht wird. Aber ich liebe Serpetinen. Was soll man da machen? Immerhin haben wir Brechbeutel und Vomex-Dragees…

Nein, mir fällt doch keine Geschichte ein, die ich jetzt erzählen könnte. Ich habe also mal wieder versagt und werde mich zum Schmollen jetzt zurücklehnen. Im Garten vor dem Appartamento. Bei angenehmen Temperaturen. Und Rotwein. Vielleicht spricht sie ja mit trotzdem mit mir. Und wenn nicht…habe ich den Rotwein erwähnt ;-)?

Gute Nacht.

The italian tales n°8 – Satire Ahoi!

Eigentlich ist mehr als ausreichend diskutiert worden, ob Satire wirklich alles darf. Ich sage dazu (ja, das ist meine Meinung die ich habe auf der Basis langer Überlegungen gebildet habe): NEIN. Denn es gibt Grenzen der Pietät und der guten Sitten (vielleicht gibt’s da draußen ja noch Menschen, die wissen, was das ist), die zu überschreiten nicht mehr der (vorgeblich) humoristischen Zuspitzung von Sachverhalten dient, sondern lediglich dem Wunsch des Äußernden, sein Ziel zu verletzen; und zwar so tief, hart und nachhaltig es geht.

Immerzu wird über die Verrohung der Sprachkultur und die sich dadurch öffnenden Spielräume diskutiert. Wo früher ein öffentlicher Diskurs stattfand, das Aushandeln von Kompromissen zu Sachfragen, stets im Respekt für den politischen Gegner, da herrschen heute Emotionen. Es wird nicht mehr gewusst – und in der Folge eines entdeckten Nichtwissens dazu gelernt (=> Selbstreflexion), sondern da wird geglaubt. Und zwar an die steilsten Thesen, so lange diese nur das jeweils dominante Gefühl hinreichend gut bedienen.

Nun ist es so, dass Populismus aus meiner Sicht von allen Seiten benutzt wird: den Linken, den Rechten, den Ökologischen, den Anarchisten, etc. Benutzt man das Wort Populismus, nimmt der solcherart gescholtene stets an, dass man ihn in die rechte Ecke rücken wollte. Dabei ist der Populismus als solcher nur ein Symptom für die eben beschriebene Tendenz, Fakten Fakten sein zu lassen, wenn es auf dem Acker der Emotionen der Zuhörer viel mehr zu gewinnen gibt; und in viel kürzerer Zeit. Und das betreiben mittlerweile alle. Was den politischen Diskurs, wie er zum gegenwärtigen Zeitpunkt stattfindet vollkommen entwertet hat. Montgolfieren könnte man mit der Abluft steigen lassen – mehr auch nicht…

Eines der Probleme ist, dass jede Menge Otto-Normal-Verbraucher mittlerweile – speziell auf Facebook – das Recht für sich in Anspruch nehmen, wie Satiriker agieren zu dürfen und ihre persönlichen personae non gratae, wie zum Beispiel Greta Thunberg auf unterschiedlichste Weise zu bashen. Weil’s halt einfacher ist, als sich in die Löwengrube eines echten, sachorientierten, öffentlichen Diskurses zu begeben. Und natürlich unter dem wohlfeilen Hinweis auf Art. 5, Abs 1 und 3 GG. Der Inhalt von Absatz 2 wird dabei recht oft und gerne vergessen

Ehrlich gesagt habe ich derlei Tun bislang zumeist eher gelassen betrachtet. Habe diejenigen gesperrt, die mir entweder zu unwichtig oder zu blöd waren. Habe mit denen, von denen ich dachte, dass die Sache es wert sein könnte das Gespräch gesucht. Und natürlich gelegentlich auch selbst den einen oder anderen kleinen Shitstorm geerntet, den ich dann mit einem Schulterzucken weginhaliert habe. [Der Hinweis, dass ich mit gewissen Leuten nicht “per du” bin und darüber hinaus auch noch exzellent Rechtsschutzversichert, hat in aller Regel die Ausflüge meiner Gegenüber in das Reich der kleinbürgerlichen Großmachtträume inclusive Verbal-Ejakulation schnell und sauber beendet.]

Mittlerweile aber habe ich die Faxen dicke!

Ich hatte tatsächlich mit der letzten Aussage gerechnet. Sie haben recht, dass ein Herr Böhmermann ein anderes Standing in unserer Gesellschaft hat als der Normalbürger. Allerdings steht seine Meinungsäußerung rechtlich nicht über der von Ihnen oder meiner. Das Gesetz unterscheidet da nix. Desweiteren muss man bedenken, dass die Äußerungen eines Herrn Böhmermann von Tausenden der Normalbürger in den sozialen Netzwerken geteilt oder zitiert werden und somit auch nicht zur Verbesserung der Streitkultur beitragen. Ich hab mir wenigstens die Mühe gemacht, selber was zu kreieren. Und so, wie es Ihnen mit der AfD geht, geht es mir mit grünroter Politik und den dazugehörigen Parteien. Deshalb kann ich Ihre Gedanken absolut nachempfinden. Und in einem Punkt haben sie auch recht: ernsthaft betrachtet geht es mir gar tatsächlich nicht um Greta, sondern um uns und das, was wir aus und mit ihr machen. Aber für die satirische Auseinandersetzung kommen wir nicht an der Person vorbei, die der Grund für das zu behandelnde Thema ist. Das ist bei Witzen oder Karikaturen über Gott und Jesus nicht anders.

Facebook-Diskussion von heute…

Die Ausfälligkeiten überall in den Medien, die Rechtsbrüche (vorbestrafte Nazis im Team Baden-Württembergischer Abgeordneter, Parteispenden, etc.), die ekelerregende Vernichtungs-Rhetorik (“Wir werden Sie jagen”) gegenüber den anderen Parteien, die tatsächliche Unfähigkeit des Personals (wählen sich selber aus Hauptausschüssen) und die Art der Selbstinszenierung des immer mehr an Macht gewinnenden rechtsnationalen Flügels suchen ihresgleichen; und zwar bei der NPD, den Republikanern, dem Dritten Weg, und wie die Nazis alle heißen! Von handwerklicher politischer Sach-Arbeit jedoch, von Konsens-Suche und dem Willen zur konstruktiven Gestaltung? Kaum eine Spur.

Ich dachte, die 10-15% echte Nazis schreibst du ab und mit den 15-20% blinden Mitläufern kann man schon noch reden. Aber mittlerweile bin ich mir da nicht mehr so sicher. Denn, wenn selbst kluge Menschen diese gequirlte Scheiße tatsächlich als Alternative zur etablierten Politik in Betracht ziehen, bin ich mit meinem Argument-Latein am Ende. Und mit meiner Kraft auch. Es ist die Zeit und die Arbeit nicht wert. Lieber gehe ich in den bewaffneten Untergrund, wenn die Blinden es tatsächlich fertig bringen, diese Rassisten, Chauvinisten, Lügner und Betrüger endlich an die Macht gewählt zu haben. Ich habe fertig!

The italian tales n°7 – no politics please!

Ich bin ein politischer Mensch. Jeder, der auch nur einen flüchtigen Blick auf dieses Blog geworfen hat, weiß, was ihn erwartet. Ich bin eine vollkommen links-grün-versiffte Demokraten-Sau, die auch noch zu ihren Überzeugungen steht. Ich diskutiere gerne (und suche mir regelmäßig zu den falschen Zeiten die falschen Gegner) und viel auf Facebook. Wo auch sonst? Ein alter Bekannter hat es neulich so formuliert: es sei ja auch eine Art Fliegenpapier für Idioten. Ich bezog das explizit auch auf mich, denn auf Fratzenbuch mit verirrten Seelen zu streiten, ist definitiv alles andere als gut für die eigene mentale Verfassung.

Sei’s drum. Wenn wenigstens ab und zu mal eine meiner Anregungen zum Hinterfragen der eigenen Meinung beim Adressaten Wirkung zeigt, habe ich mehr erreicht, als manch anderer Mensch in seinem ganzen Leben. Es ist also nicht zu erwarten, dass ich allzu bald von solcherlei Tun ablassen werde. Ich verwickle mich ja auch im wahren Leben durchaus manchmal in politische Diskussionen; und durfte selbst feststellen, dass zu Dogmen verfestigte Meinungen nicht mehr umstößlich sind. Selbst, wenn ich manchen Protagonisten für einen vernünftigen Menschen oder gar Freund halte. Aber auch diese Erfahrung stählt einen ja für’s Leben.

Nun gibt es allerdings einen Ort, der stets frei bleiben sollte von Politik: mein Lehrsaal. Ich trage vieles in meinem Herzen und manchmal auch auf meiner Zunge spazieren, aber in dem Moment, da ich in die Haut des Dozenten, Lehrers, Trainers schlüpfe, haben diese Dinge keinen Platz in meinen Äußerungen. Zumindest sollten sie das nicht haben. Allerdings ist mir durchaus bewusst – auch diesen Umstand erwähne ich, wie ich glaube nicht zu selten – dass ich verdammt regelmäßig Fehler mache. Und da kann es auch passieren, dass mir mal ein Einzeiler mit politischem Inhalt rausrutscht.

Was mich in diesem Zusammenhang geflasht hat, war die Aussage einer Kollegin, die tatsächlich eine ganze Weile gedacht zu haben schien, dass ich eher im rechten Spektrum verortet sei. Ich zeigte ihr meinen SPD-Mitgliedsausweis und damit war die Geschichte gegessen. Es gemahnt mich allerdings der Tatsache, dass Schweigen bei bestimmten Themen, aller guten Gründe zum Trotz, auch falsch ausgelegt werden kann. Unser soziales Tun ist eben stets Gegenstand der Interpretation durch Andere. Anekdote zu Ende.

Der Grundsatz: keine Politik im Lehrsaal hängt für mich eng mit dem Grundsatz zusammen, dass wir verpflichtet sind, jedem zu helfen, ohne Ansehen, seines Standes, seiner Herkunft, seiner Ethnie, seiner religiösen, politischen und sexuellen Orientierung! Falls ich was vergessen haben sollte, setzt es hier ein ………! Ich leite diese Verpflichtung für mich aus meinem Respekt für die Menschenrechte und aus meinem Berufsethos ab. Und ich habe, soweit ich mich erinnern kann, zumindest diesbezüglich noch nie versagt. Auch wenn mir immer noch die Frage einer ehemaligen Kollegin in den Ohren klingt, was das denn nun sei: die Würde des Menschen?

Nun trifft man gelegentlich die Kollegen auch online und diskutiert dort, zwangsweise, eben manchmal auch Themen, die sehr politisch sind. Und Politik wird schnell sehr persönlich, da sie Meinungen und Grundsätze berührt… Scheiß-Dilemma, kann ich nur sagen, denn im Lehrsaal sieht man sich wieder und nun steht u.U. etwas zwischen den Menschen; also dem Lehrer und dem Schüler. Haben alle Beteiligten die Größe, trotzdem einfach mit ihren Aufgaben weiterzumachen. Oder wird das zu einem greifbaren Problem? Keine Ahnung. ich werde es sicher irgendwann herausfinden und dabei versuchen, MEINEN Grundsätzen treu zu bleiben.

Memo an mich: Facebook ist böse! Lass es endlich…