Der verwirrte Spielleiter N°31 – Auf Entzug!

Könnte ein heikles Thema sein. Das hängt allerdings stark von den persönlichen Erfahrungen der Spieler und der/des SL ab: nämlich Charaktere mit Suchtproblemen. Zum einen ist es verdammt leicht, hier ins Land der allzu seichten Klischees abzugleiten, weil vielen Menschen First-Hand-Experience mit Suchtproblematiken schlicht fehlt. Und damit ist auch gleich eine der Gefahren offengelegt: nämlich Spieler mit Suchtproblematiken im echten Leben (gleich ob derzeit im Griff oder nicht) durch das Spiel implizit zu verletzen. Beides sind Killer für den Spielspaß, und damit nicht auf die leichte Schulter zu nehmen. Denn natürlich möchte ich Geschichten erzählen, die für alle eingängig sind, nicht zu seicht daherkommen, aber auch nicht für irgendjemand am Tisch zur Beleidigung werden. Wenn ich mich also dazu entschließe, mehr oder weniger kaputte Chars zuzulassen, muss ich diese Risiken im Hinterkopf behalten. Und dann ist da noch eine Sache, über die wir später zu reden haben: ist (Pen’n’Paper)Rollenspiel an sich suchtgefährdend?

Ganz grundsätzlich ist jedwede Sucht – gleich ob stofflicher Natur, oder auf bestimmte Handlungsmuster bezogen – im echten Leben kein Spaß, und niemandem ernsthaft zu wünschen. Hier ist mit Blick auf das Spiel jedoch eine gewisse Differenziertheit notwendig. Denn natürlich werden psychische Probleme dieser Art in Literatur, Film und Fernsehen nur zu gerne als stilistisches Mittel benutzt. Zum Beispiel als Hindernis, welches der Held überwinden muss, um den Tag retten zu können. Oder als Möglichkeit, die Erfolge eines Teams zu entwerten und damit die Spannung zu steigern. Gelegentlich auch als Reaktion auf einen Verlust der Protagonisten. Die erzählerischen Möglichkeiten sind vielfältig. Problematisch ist dabei, dass (Drehbuch)Autoren allzu gerne in das Schema verfallen, eine psychische Erkrankung als Charakterfehler hinzustellen – was sie nicht ist! Das zu erklären ginge jetzt hier zu weit. Wichtig ist jedoch, dass das Stilmittel nur dann funktioniert, wenn es nicht mit ungerechtfertigtem Moralisieren verbunden wird.

OK, hier haben wir also wieder so eine kaputte, dysfunktionale Type oder Typine, weil’s halt gerade wieder in Mode ist, keine strahlenden Helden haben zu wollen. Kein Thema. Dann muss der Spieler aber auch akzeptieren, wenn er mit Abzügen für dies oder jenes belegt wird, weil der Char gerade high, oder aber im Cold Turkey ist. Und das bestimmte Handlungen für sie/ihn schwieriger sind, als für andere. Ich setze jetzt mal voraus, dass die meisten Pen’n’Paper-Spieler schon mal mit Nachteilen für Ihre Chars experimentiert haben – wenn sie dafür Vorteile kaufen konnten. In meinem System gibt’s sowas nicht. Weil ich das Konzept ganz grundsätzlich beknackt finde. Ja, der Gedanke, ausbalancierte Chars zu haben ist schön. Aber wenn ich Spieler dahin zu zwingen versuche, werden sie seltsame Dinge tun, welche ihre Chars nicht unbedingt besser – oder besser spielbar – machen. Die allermeisten werden solche Regeln, mehr oder weniger unbewusst, zum Min-Maxen nutzen.

Ich kann euch schreien hören: “ICH min-maxe doch nicht!” Ja klar. Noch nie ‘n Char optimiert, damit er/sie in irgendeinem Bereich besonders effizient ist? Glaube ich euch nicht! Ist aber auch egal. Biete ich die Möglichkeit systemseitig gar nicht erst an, sondern jeder Char wird halt gebaut, wie er/sie gebaut wird, kommt es manchmal auch zum Min-Maxen. Oft ist es aber bei meinen Spielern so, dass sie am Schluss selbst den Wunsch äußern, dem Char eine besondere Macke verpassen zu wollen; und geben mir damit einen Haufen Plothooks an die Hand, die ich nur zu gerne nutze. Dabei entstehen, weil ich das so designt habe, auch mit eingebauten Schwächen, Chars, mit denen man Lustbarkeiten in episch-cinematischer Breite veranstalten kann, ohne dass sie gleich kaputt gehen. Und die trotzdem verletzbar genug sind (und auch bleiben), dass das Wort “Vorsicht” für sie und ihre Spieler trotzdem nie seine Bedeutung verliert. Einen Charakter in diesem Kontext nach irgendwas süchtig zu machen, funktioniert dann zumeist tatsächlich als reines Story-Instrument. JA – es steigert eventuell die Verwundbarkeit! NEIN – dadurch müssen nicht unbedingt in Zahlen abbildbare Vorteile entstehen; weil die Chars auch so gut genug sind! Ich habe dieses “Chars zu Beginn möglichst fragil machen” eh nie verstanden. Wo zum Henker ist der Spaß, wenn eine verdammte Kanalratte dich totbeißen kann?

Und was ist jetzt mit der Rollenspiel-Sucht? Ist das überhaupt ein Thema, oder hat er jetzt wieder ‘n Ei am Wandern? Sagen wir mal so: eine kurze Recherche ergab nur belastbare Zahlen zum Thema MMORPGs. Klassisches Pen’n’Paper ist als Forschungsdomäne noch vollkommen unterrepräsentiert; auf Grund des anhaltenden D&D 5E-Booms ist es aber wohl nur eine Frage der Zeit, bis auch diese Klientel (also auch Typen wie ich) wieder ins forschende Blickfeld der Sozialwissenschaften rücken werden. Ich persönlich möchte dazu aber ein paar Anmerkungen treffen:

  • Ich bemerke den Mangel an tatsächlicher Spielzeit seit Beginn der Pandemie für mich persönlich als belastend. Das hängt sicher auch damit zusammen, dass Pen’n’Paper ein ausgesprochen soziales Spiel ist; aber sicher nicht nur…
  • Ich habe, quasi als Ersatzbefriedigung, angefangen an meinem Regelwerk zu feilen, Chars zu bauen und insgesamt Designwork anderen Tätigkeiten vorgezogen, die im realen Leben durchaus wichtig sind. Ich habe dadurch zwar kein Absinken meiner sonstigen Arbeitsproduktivität erzeugt, aber der Hang zur Alltagsflucht ist deutlich.
  • Tendenziell fanden/finden solche eskapistischen Eskapaden zu nachtschlafender Zeit statt, was sich leider gelegentlich auf meine Tageswachheit auswirkt.
  • Zocken an der Konsole oder am Computer kann das Verlangen nicht in ausreichender Tiefe und Qualität befriedigen, dämpft aber zumindest die Symptome.

Um es kurz zu machen – ich leide an Pen’n’Paper-Entzug. Gott sei Dank hat das aber keine solchen Auswirkungen, wie der Entzug von anderen Handlungen oder Stoffen. Ich bin deswegen nur manchmal etwas traurig. Vielleicht auch etwas öfter und etwas mehr. Und so ist das einer der vielen Gründe, aus denen ich das ENDE DIESER SCHEISSPANDEMIE so furchtbar herbeisehne. Ich will endlich wieder mit meinen Spielern zusammen hocken und zusammen zocken. Und ich bin sicher nicht allein. In diesem Sinne: I would love to game on!

New Work N°7 – Gimmicks rule?

Es ist, wenn man sich mit der Angelegenheit mal eine Weile befasst hat, ziemlich bald klar, dass Gimmicks in der Arbeitswelt als symbolische Währung für Status, Standing, etc. in Organisationen missverstanden – manchmal auch missbraucht – werden, obschon sie doch eigentlich nur Werkzeuge sind (bzw. sein sollten) , mit denen sich Arbeit etwas effizienter gestalten lässt; durch bessere Erreichbarkeit etwa. Weshalb mein Arbeitgeber mir ein Smartphone stellt, welches mir im Gegenzug Zugriff auf die Unternehmenskommunikation gestattet. Er nutzt dafür ein vergleichsweise einfaches Gerät aus der Samsung XCover-Serie. Ich mag das Teil, denn es ist robust, bietet für den Administrator zusätzlichen Schutz vor Malware, etc. und macht ebenso klaglos wie zuverlässig, was es soll. Schönes Ding.

Ich höre in meinem Hinterkopf gerade Stimmen; die eine Fraktion sagt “Wie? Mit so einem popeligen Teil lässt du dich abspeisen…?” Die Andere fragt wahrscheinlich, warum ich ein Smartphone brauchen sollte, andere Leute (z.B. sie selbst) sind doch viel wichtiger. Beide machen den gleichen, oben schon erwähnten Fehler: sie verwechseln Schein und Sein. Soll ich ehrlich sein. Am Anfang habe ich mir keine Gedanken drüber gemacht, wie wenig teuer, prestigeträchtig, etc. das Dings ist, sondern habe mich gefreut, dass ich nicht für jede Mail in mein Büro laufen muss.. Der Prestige-Gedanke hat sich übrigens immer noch nicht eingestellt. Aus oben genannten Gründen. Hochglanzpolierte Oberflächen sind nämlich nach meiner Erfahrung meistens genau das: oberflächlich glänzend, aber auch nicht mehr! Mal davon abgesehen, dass ich mir auch privat nie irgend so ein schweineteures High-End-Gerät kaufen würde. Mir erschließt sich bei durchschnittlichen Nutzungsprofilen der allermeisten Konsumenten nicht wirklich, wofür sie die überstylte, überdimensionierte Taschwenwanze brauchen sollten. Die meisten nutzen die Dinger doch eh nur zum Zocken, Fotografieren, ein bisschen surfen und Messengern. Dafür langt auch mein privates Galaxy A41.

Ich werde ja nicht müde, zu sagen dass das Phone halt nur so smart wie sein Benutzer sein kann; bezogen darauf tragen sehr viele Leute einen Supersportwagen in der Tasche, wo ein Minivan locker gereicht hätte. Und das Statusargument werde ich hier nicht gelten lassen. Denn tatsächlich konstituiert sich Status völlig anders, als durch überflüssige sichtbare Zeichen. Aber auch das zu lernen wird dir Menschheit noch eine ganze Weile brauchen. Für mich wird derweil immer wichtiger, auf welche Weise ich irgendwelche Apparate, Apps, etc. produktiv nutzen kann. Zum einen, weil privat, wie auch beruflich ein endliches Budget zur Verfügung steht; und zum anderen, weil ich keine Lust darauf habe, mir meinen Arbeitsplatz (egal ob im Home- , oder im Workplace-Office) mit unnötigem Tinnef vollzustellen. Da hat sich in meinem Kopf in den letzten Jahren ein gewisser Wandel vollzogen. Früher war ich doch manchmal schon arg verspielt, und ließ mich leicht zu irgendwelchen Dingen hinreißen. Heutzutage bin ich etwas weniger Affekt-inkontinent, dafür jedoch zielgerichteter bei Anschaffungen. Insbesondere, wenn’s um Spielzeuge geht, deren Nutzen sich erst noch herausstellen muss.

Zugegeben: ich bin bis heute nicht frei von einer gewissen Spielfreude und der stetigen Suche nach etwas Neuem, das mir helfen könnte, meine Kreativität besser zu entfalten. Man rennt dabei gelegentlich in Sackgassen und verbrennt etwas Geld. Doch im großen und ganzen bemerke ich, dass weniger tatsächlich mehr ist. Neulich haben sich meine Schülerinnen und Schüler ein bisschen über ein Bild aus meinem Home-Office lustig gemacht, weil nur zwei Monitore, ein Festnetztelefon und ein einsames Mikro draufstehen. Die sind halt noch arg jung. Das wichtigste Gimmick auf meinem Home-Office-Desk ist derzeit ein Kalender, bei dem man durch zufälliges Aufblättern Fragen erzeugen kann; hier ein Ergebnis:

Übrigens wirklich eine geile Frage…

Womit wir an der Frage angelangt wären, was ein Gimmick eigentlich ist? Der Tech-affine Typ in mir (wie auch in vielen anderen) denkt dabei natürlich spontan an irgendwelche elektronischen Spielzeuge, Apps, Software, etc. Wie unglaublich kurzsichtig. Das Bild oben zeigt ein Device, dass trotz der einfachen Ausführung ziemlich smart ist. Smarter jedenfalls, als die meisten Phone-User! Nicht das Dingliche an sich macht einen Gegenstand zum Gimmick, sondern die Arten, auf die man diesen benutzen kann. Und oft findet man die spannendsten erst durch ausprobieren. Der wirkliche Wert eines Devices liegt in dem, was wir mit dem Ding anstellen, nicht im Ding an sich. Je mehr sich die Menschen das wieder ins Gedächtnis rufen, desto früher kommen wir vielleicht wieder zu mehr Nachhaltigkeit. Ich fände es zudem ziemlich erfrischend, wenn wir anfingen, darüber nachzudenken, was wir wirklich brauchen – nicht nur bei der Arbeit, sondern überhaupt – und weniger Wert auf Oberflächen zu legen; denn die sind allesamt vergänglich. So, wie wir! In diesem Sinne wünsche ich eine produktive Woche. Apropos – Produktivität…was ist das eigentlich?

Zwischenruf N°3

Immer wieder irritierend, was für Verläufe “Diskussionen” auf Facebook nehmen. Hatte jemand drauf hingewiesen, dass unverpixelte KFZ-Kennzeichen Käse wären. Als Antwort darauf geht’s gleich ad hominem: “Lass doch mal die Kirche im Dorf”, es wird ein 14! Jahre altes, von der EU-DSGVO lange überholtes Urteil rausgezogen, und das Bild sei ja schon uralt; und wenn ich mir die Frechheit rausnehme, dem Mensch zu widersprechen, kommt gleich noch’n Anderer und weiß es auch besser. Man fühlte sich im Recht – und tat es mir kund. Dass ich mir erlaube, darauf nicht direkt zu antworten, wird dann wahrscheinlich auch noch als Bestätigung für die eigene Berechtigung gewertet, Gesetze so zu interpretieren, wie’s einem halt gerade in den Kram passt. Könnte aber auch daran gelegen haben, dass ich “nur” Pädagoge bin. Da war es wieder, das Schachspielen mit Tauben…

Butter bei die Fisch: es gibt bei uns in Deutschland diesen einen, zufällig akademisierten Berufsstand, in dem immer mal wieder einzelne Vertreter glauben, dass Arzt zu sein bedeutet, alles besser zu können, besser zu wissen und folglich auch mehr zu dürfen, als alle Anderen. Ausdrücklich weise ich hiermit darauf hin, dass ‘n fauler Apfel leider die ganze Kiste verderben kann. Mit anderen Worten: diese Einzelfälle erweisen dem Berufsstand einen Bärendienst, weil ich ehrlich gesagt wohl nicht der Einzige bin, der mittlerweile grundsätzlich Ärzten (außer wahrscheinlich Medizin) erst mal gar nichts zutraut, bis sie mir das Gegenteil bewiesen haben. Insbesondere, wenn es um die geistes- und sozialwissenschaftliche Themen geht. Denn seien wir mal ehrlich, weder das, noch Betriebswirtschafts- oder Führungslehre sind Bestandteil der Arztausbildung. Wenn Vertreter dieses Berufsstandes dort auch glänzen können, dann nur, weil sie sich abseits ihrer eigentlichen Profession weitergebildet haben. Auch das gibt es; Gott sei Dank genauso oft wie die anderen, von denen ich gerade sprach.

Warum mir das überhaupt einen – zugegeben etwas polemischen – Blogpost wert ist? Weil leider in manchen Gremien, deren Entscheidungen ich mich auch in beruflicher Hinsicht unterwerfen muss, gelegentlich Vertreter der “Kann alles besser – weiß alles besser!”-Fraktion sitzen, die sicher viele Qualitäten haben; jedoch oft nicht die, welche das Gremium gerade braucht. Und dann driften eigentlich sachlich zu führende Diskussionen und Output-orientiert zu gestaltende Prozesse in ständisches Geplänkel ab. Das hält auf, verschwendet Ressourcen und mach nichts besser. Gott sei Dank mache ich diese Erfahrung in letzter Zeit immer seltener. Die meisten Ärzte sind abseits irgendwelcher Titel pragmatisch und menschlich genug, an der Sache Fortschritt erzielen zu wollen. Und das tut gut!

Die Eingangs erwähnte Diskussion auf Facebook geht mir übrigens nachgerade mit Wucht am Arsch vorbei, weil mich die Meinung der anderen Protagonisten dort einfach nicht interessiert. Sollen sie doch glauben was sie wollen. Ich erkenne allerdings ein Problem, welches für mich daraus erwächst: wenn immer mehr Menschen, denen ich intellektuelle Leistungsfähigkeit zur Metareflexion ihres Tuns zumindest zugetraut hätte, mich vom Gegenteil überzeugen, indem sie implizit “Meine Förmchen, mein Sandkasten!” oder wahlweise auch “Du bis blöd!” schreien, anstatt über das Problem zu reden, oder einen anderen Standpunkt auch nur zu erwägen, tötet das langsam aber sicher mein Interesse an sachlicher Auseinandersetzung; weil ich eh nur noch allen möglichen Menschen unterstelle, selbstgefällige Dummschwätzer zu sein! Und eigentlich will ich das nicht…

Warum in drei Teufels Namen bin ich eigentlich noch bei Facebook? Weil ich meine Blogposts dort zur Kenntnis gebe? Ich schreibe das hier doch vor allem für mich… Wird vielleicht doch endlich Zeit zu gehen und diese ganzen Wesen, die ich als arrogante, unreflektierte Selbstdarsteller wahrnehme, sich selbst zu überlassen. Wenn ich Ihnen damit nur nicht auch den Rest der Welt überließe. Schließlich zählt kurzer Ruhm heute mehr als nachhaltiges Tun. “good fight – good night!”

Symbolik für Anfänger – Part 3

Gerade zu einem der höchsten christlichen Feste stehen Zeichen (und ihre jeweilige Bedeutung) natürlich hoch im Kurs. Interessant ist es dabei, festzustellen, dass viele Leute “ganz klassisch” ein Osterlamm verzehren, ohne sich der Bedeutung (das Opfer Christi durch die Kreuzigung am Karfreitag) je tatsächlich bewusst zu werden. Die Semiose hat durch die Reflexion von Alltagsrealitäten für die meisten Menschen aus der Auferstehung Christi einfach 4 freie Tage am Stück zuzüglich leckerem Braten gemacht. Man mag sich über den Verfall des Glaubens aufregen, oder einfach feststellen, das christliche Symbolik heute keine so große Rolle mehr spielt, weil die Pluralisierung der Gesellschaft auch die Pluralisierung unserer Spiritualität voran getrieben hat – das ist allerdings genug Diskussionsstoff für einen anderen Post. Denn wir sind immer noch bei den Zeichen…

“Wenn Synonymisierungen im Privaten und in der Arbeitswelt eine so bedeutsame Rolle spielen, dann findet man sie doch sicher auch im öffentlich Raum, Sherlock? Oh, mein lieber Doktor Watson, sie ahnen ja gar nicht, auf wie vielfältige Art wir durch Zeichen belogen und behumst werden…” Sagen wir mal so: alle Akteure im öffentlichen Raum arbeiten mit Vereinfachungen und Verkürzungen der tatsächlichen Sachverhalte; und zwar in der Annahme, dass eine Komplexitätsreduktion mit höherer Wahrscheinlichkeit zu breiterem Verständnis für das jeweilige Anliegen führt. Das dabei unter Umständen eben jene Aspekte unter den Tisch fallen, die als contra zur eigenen Position angeführt werden könnten, ist natürlich purer Zufall [Ironie aus]. Die eigentlich interessante Frage dahinter ist doch nicht, wie politischer Wille konstruiert wird (hierzu empfiehlt es sich Herman und Chomsky “Manufacturing Consent” zu lesen) , sondern von wem er ausgeht? Diese Frage bleibt hier mit Absicht unbeantwortet!

Beschaut man sich, wie unterschiedliche Akteure im öffentlichen Raum Symbole nutzen, um ihre jeweilige Agenda zu betreiben, fällt als erstes auf, wie leicht Menschen sich durch die verwendeten Symbole triggern lassen und wie wenig es ihnen danach gelingt, hinter das Symbol zu sehen. Schauen wir uns dazu doch mal die Grünen an. Die weltweite Initialzündung für die ökologischen Bewegungen, aus denen später die heutige Partei hervorgehen sollte war der Bericht “Die Grenzen des Wachstums” des Club of Rome. Die nüchterne Berichterstattung über die Vernichtung unserer Lebensgrundlagen durch den kapitalistischen Raubbau, die bereits 1972 erstellt wurde, hat leider bis heute, fast 50 Jahre später kein Jota an Bedeutung verloren. Doch was nehmen wir von den Grünen wahr? “Verbotspartei!” “Ökodiktatur!” “Pädophilenpartei!” Liest man sich die Artikel durch, bzw. macht man sich die Mühe, noch etwas tiefer zu graben, stellt man fest, dass die Schlagworte oft wenig mit der Realität zu tun haben.

Politische Gegner durch plakativ-polemisches Agieren (also die aktive Verwendung starker Symbolik) zu bekämpfen, zu diskreditieren, um Stimmenpunkte zu bringen ist Alltag des politischen Geschäfts. Interessant ist, dass insbesondere die AfD, die ja gerne austeilt nur schlecht einstecken kann. Insbesondere, wenn sie mit eigener Realität konfrontiert wird. Der Kabarettist Volker Pispers hat mal sinngemäß gesagt: “Wenn ich Angela Merkel lächerlich machen will, muss ich sie nur zitieren.” Das Gleiche gilt für so gut wie jeden anderen Politiker, so gut wie jeder Partei (auch derer, die ich regelmäßig wähle). Das Problem, welches dabei allerdings entsteht, dürfte mittlerweile klar sein: unzulässige Synonymisierung von Propaganda / Agitation und Sachinhalt. Denn natürlich werden so manche Menschen irgendwann das öffentliche Framing des politischen Gegners durch die favorisierte politische Kraft so vollkommen übernehmen, dass dadurch auch eine mentale Imprägnierung gegen – u.U. auch legitime – Sachargumente des politischen Gegners entsteht. Oder einfacher: das oft dämonisierende Bild, welches MEINE Partei vom Gegenüber zeichnet, wird für mich zum Synonym für alles und jeden der ANDEREN Partei. Kann man ganz gut am Green-Bashing in Facebook ablesen.

Und damit sind wir am Endpunkt angekommen: Dogmatismus! Der Glaube an eine selbst gewählte Wahrheit, neben der keine anderen Argumente mehr existieren dürfen, ganz gleich, wie gewichtig diese auch sein mögen. Denn ICH darf keinen schnellen Verbrenner mehr fahren. Denn ICH darf nicht zwei Mal im Jahr nach Malle fliegen. Denn ICH soll auf meinen Fleischkonsum – meinen Konsum überhaupt – achten. ICH, ICH, ICH. Also ich sehe überall nur noch Egos, die verdächtig nach Vierjährigen klingen, denen man das Eimerchen und das Schäufelchen weggenommen hat – weil sie damit den anderen Vierjährigen verprügelt haben. Aber das Elend gehört natürlich ganz und gar MIR, denn es wahren MEIN Eimer und MEINE Schaufel. Hört ihr euch eigentlich reden? Wo habt ihr die zweite Erde versteckt, die wir benutzen können, wenn die hier kaputt ist? Ach, das interessiert euch nicht, denn dann seid ihr ja schon tot? Ihr habt also alle keine Kinder, ja…?

Es ist Ostersonntag, Fest der Auferstehung Christi. Könnte ein schönes Symbol sein, wenn wir doch in der Lage wären, es als dass zu Erkennen, was es ist: einfach ein Zeichen, dass uns daran gemahnen soll, dass jedes Ende auch ein Anfang sein kann! Wäre es nicht schön, wenn man zur Abwechslung mal wieder damit anfinge, einander zuzuhören, anstatt dauernd die eigenen Dogmen wie Monstranzen von sich her zu tragen und jeden zu verdammen, der nicht das gleiche Lied singt? “Wer ohne Sünde ist, der werfe den ersten Stein!”, hieß es mal. Ich habe in letzter Zeit mehrfach Leute entfreundet und blockiert, weil mir das symbolische Handeln ihrer Alter Egos im virtuellen Raum unerträglich wurde. Unerträglich dogmatisch, selbstgefällig und niederträchtig. Wäre es heute an der Zeit, denen zu vergeben? Ich fürchte nein. Denn selbst, wenn ich es könnte, zweifle ich das am anderen Ende an. Denn da habe ich fast nur noch Synonymisierungen und fast keine (Selbst)Reflexion mehr gesehen. Vielleicht trifft man sich in der realen Welt mal wieder, das fände ich spannend. Ansonsten bleibt mir folgende Erkenntnis: wir leben nun wahrhaftig in einem Zeitalter der falschen Götter und ihrer falschen Zeichen. Frohe Ostern…

Symbolik für Anfänger – Part 2

Ich hatte gestern über die Synonymisierung von Fortschritt und Konsum gesprochen, welche das Werbedauerfeuer der letzten 100 Jahre in unseren Köpfen hat entstehen lassen; und von der wir uns nur sehr schwer lösen können. Was im Privatbereich gilt (und nebenbei desaströse Auswirkungen auf das hat, was wir “öffentliche Meinung” nennen, doch dazu ein anderes Mal mehr), findet aber natürlich im Kontext der Arbeitswelt genauso statt. Ein ZON-Artikel im letzten Sommer (sorry, Paywall) titelte denn auch so schön: “Ich habe einen Bullshitjob in einer Bullshitbranche.”. Da ging es eigentlich darum, dem Begriff Systemrelevanz und dem für manche Menschen daraus resultierenden Gefühl der Nutzlosigkeit ihrer eigenen Tätigkeit nachzuspüren. Man könnte, nicht ganz zu Unrecht sagen, dass ein Job, der einem Spaß macht und Erfüllung bringt purer Luxus ist, und das Broterwerb nun mal mit negativen Dingen zu tun hat, wie etwa, irgendwann irgendwo sein zu müssen, um dort irgendwas tun zu müssen. Oder wir reden weiter über Zeichen und ihre Wirkung.

Wir Menschen lassen uns gerne von einem besonderen Zeichen blenden: man nennt dieses gemeinhin Geld. Den Besitz einer, eher willkürlich definierten Mindestmenge davon bezeichnen wir als Wohlstand. Aber was ist Geld eigentlich? Es ist das Versprechen, Waren im Gegenwert der gegebenen Summe beziehen zu können. Geld ist damit ein Symbol für Kaufkraft. Entstanden ist es, weil es irgendwann zu mühsam wurde, mit einem Korb Hühnereier zum Schmied zu gehen, um den Pflug reparieren zu lassen. In einer komplexen Welt, wie unserer ist es als symbolisches Tauschmittel für Waren und Dienstleistungen einfacher zu handhaben, als Naturalien. Aber ist genauso manipulierbar, wie es manipulativ ist. Um die Manipulierbarkeit und das sinnlose Generieren von Fiat-Geld soll es hier nicht gehen. Sondern um den manipulativen Aspekt dieses Symbols.

Wir neigen, dem Calvinismus sei hier zumindest teilweise Dank immer noch dazu, den Wert einer Person an der Höhe ihres Einkommens festmachen zu wollen. Insbesondere unter Menschen, die sich selbst als Leistungsträger sehen wollen, ist derlei Gang und Gäbe. Unter ethischen Aspekten ist das natürlich genauso Kokolores wie die finanzmathematische Berechnung des Wertes eines Menschenlebens. Passiert trotzdem. So wie wir Konsum mit Fortschritt verwechseln, missinterpretieren wir ein hohes Salär als Indikator für große Leistung; oder, noch schlimmer, als Hinweis auf den Wert des Empfängers für die Gesellschaft. Das Problem ist, dass wir Menschen allesamt eine mehr oder weniger starke, narzisstische Ader haben und derlei inhaltsloses Geschwätz nur zu gern als Wahrheit akzeptieren. Was dazu führt, dass auch die unzulässige Synonymisierung von Kaufkraft und gesellschaftlichem Wert uns in vielerlei Hinsicht funktional beeinflusst.

Systemtheoretisch betrachtet reproduzieren sich solche mentalen Landkarten innerhalb jeder komplexen Organisation von Generation zu Generation, weil Machtstrukturen der landläufigen Annahme nach für das Gefüge jeder Organisation von Bedeutung sind und sich Macht am einfachsten durch das Symbol Geld ausdrücken lässt. Ein dabei gemachter, äußerst fataler Fehlschluss ist, dass man wiederum Symbole für die Entscheidung heranzieht, wer Machtpositionen besetzen darf; nämlich Papierqualifikationen wie Zeugnisse, Urkunden, etc., die, dem gesellschaftlichen Konsens folgend ein bestimmtes Maß an Können und Wissen repräsentieren sollen. Weil man an die ikonische Messbarkeit indexikalisch kodierter Kompetenzen glaubt. Sei’s drum. Es gibt da dieses Meme im Internet, dass man auch mit Hochschulabschluss dumm wie drei Meter Feldweg sein kann. Bezogen auf tatsächlich messbare Kompetenzen (die gibt es) ist das Blödsinn, denn jemand, der ein entsprechendes Zeugnis erworben hat, hat damit auch bewiesen, dass er die dort beurteilten Kompetenzen zumindest bis zu einem gewissen Grad beherrscht / besitzt.

Was ist jedoch so gut wie nie Bestandteil solcher Prüfungen? Menschliche Qualitäten, Kreativität, Improvisationstalent, Stresstoleranz, Führungsverhalten etc. werden, wenn überhaupt, nur implizit abgebildet. Was dazu führt, dass ich mir mit einer rein symbolisch motivierten (also an Hand der Papierlage getroffenen) Entscheidung ganz leicht einen Soziopathen auf eine Schlüsselposition setzen kann. Also stimmt das Meme doch wenigstens ein bisschen. Jetzt rufen, nicht ganz zu unrecht, die Personaler “Aber dafür gibt’s doch Assessment-Center und Vorstellungsgespräch!”. Ihr wisst aber schon, dass Soziopathen ganz fantastische Schauspieler sein können und eure Menschenkenntnis nie so gut ist, wie ihr glaubt…? Noch immer verlässt man sich nämlich viel zu gerne auf sein tolles Näschen, anstatt auf psychologisch und sozialwissenschaftlich recht gut validierte Messinstrumente. Na ja, das muss jeder selbst wissen.

Damit man mich bitte nicht missversteht: es gibt jede Menge gute Führungspersonen, die sich tatsächlich um ihre Mitarbeiter kümmern, Entwicklungspfade unterstützen, bei Krisen moderierend und tolerierend wirken, statt fordernd und sanktionierend. Die mit der Zeit gehen und auf Äußerlichkeiten nicht so viel Wert legen. Und trotzdem – für jede gute Führungsperson gibt es nach meiner Erfahrung eine toxische. Toxisch in dem Sinne, dass sie durch Druck zu führen versucht und mehr Wert auf Symbolik legt, denn auf das, was tatsächlich getan / geleistet wird. Und natürlich kommt dann auch noch das gute alte “net g’schennt isch g’nug g’lobt!” zum Tragen. Wenn ich so was höre, kann ich nicht annähernd so viel fressen, wie ich kotzen möchte! Was aber für Führungspersonen gilt, möchte ich für die “lieben” Kollegen genauso verstanden wissen. Soziales Trittbrettfahren, Mobbing, Intrigen, Lorbeeren für anderer Leute Arbeit einstreichen; all dass sind auch auf der gleichen ebene leider keine Unbekannten. Das sind dann die “Kleiderständer” von denen ich gestern sprach.

Das ich mit diesen Beobachtungen nicht alleine stehe, also am Ende der Synonymisierung von vorzeigbarem Zertifikat und tatsächlicher Leistung für die jeweilige Organisation, zeigt die weiter oben erwähnte Feststellung, “Ich habe einen Bullshitjob in einer Bullshitbranche.” Denn zu viel Toxizität am Arbeitsplatz tötet letztlich die Motivation, die Loyalität und damit die gute Arbeit! Also z. B. solche Dinge wie zu viele talentlose Selbstdarsteller, die ihre Arbeit auf andere abwälzen, und dafür beim Boss auch noch die Anerkennung bekommen. Zu wenig Freiräume und zu viele Restriktionen, die Flexibilität und Kreativität killen. Der Kampf um Ressourcen. Vollkommen unterschiedliche Zielvorstellungen und Maßgaben. Und noch manches mehr.

Ich beginne gerade meine Prioritäten neu zu sortieren. Und ich muss leider feststellen – ich bin im Moment nicht zufrieden. Mir ist bewusst, dass das zum Teil an Rahmenbedingungen liegt, auf die keiner im Hause einen Einfluss hat. Auch tradierte Handlungsweisen, die es in jeder komplexen Organisation gibt spielen eine Rolle. Bekannterweise sterben schlechte Angewohnheiten langsam. Und natürlich wirft einem niemand Geld einfach so nach, um “mal was auszuprobieren”; auch, wenn es nur ein Symbol ist. Am Ende des Tages brauchen alle was zu beißen auf dem Tisch, ein Dach über dem Kopf und was zum anziehen. Allright, bin ich absolut einverstanden mit. Aber wenigstens mal über “das machen wir schon immer so” nachdenken wäre doch schon ganz schön. Ist nämlich immer noch der Satz, der weltweit die meisten Menschen umbringt – und vermutlich auch die meisten produktiven Mitarbeiter frühzeitig verscheucht… Wir werden sehen. Ich wünsche schon mal viele dicke, bunte Eier!

Symbolik für Anfänger – Part 1

Ich habe in meinem letzten Post einen Nebensatz hingeworfen, der nach längerem Überdenken vermutlich einer Erläuterung bedarf: “…in dem die Äußerlichkeit der Dinge und deren Bedeutung dauernd miteinander verschmolzen werden, …“. Man merkt, dass ich mal wieder tiefer in das Thema Zeichenbedeutung eingestiegen bin. Aber Semiotik fasziniert mich, nicht nur des Berufes wegen, schon länger. Worauf ich damit hinweisen wollte, ist der Umstand, dass unser durchschnittlich konsum-kapitalistisches Verhalten uns allzu oft dazu bringt, den Inhalt mit der Verpackung zu verwechseln. Und das ist eine der stärksten Nachwirkungen des Jahrhunderts des Modernismus (des 20. Jahrhunderts): die teilweise unfassbare Wirksamkeit moderner Werbung!

Warum wollen Menschen jedes Jahr das neueste Smartphone? Weil sie dessen Leistung tatsächlich benötigen? Wenn man die Tatsache in Betracht zieht, dass das Phone als solches maximal so smart sein kann, wie sein Benutzer, kommen wir mit dieser Erklärung bei den weitaus meisten Menschen (leider) nicht sehr weit. Na gut; dann halt geplante Obsoleszenz? Physisch sicher nicht, denn abseits der üblichen Produktionsfehler-Wahrscheinlichkeit machen die meisten mobilen Endgeräte 3-4 Jahre täglichen Gebrauch selbst bei fest verdrahtetem Akku klaglos mit. Zumindest die Geräte, die ich im letzten Jahrzehnt hatte. Und die gehörten nicht zur Oberklasse. Psychisch jedoch schon eher. Denn natürlich wird in den hochglanzpolierten Anzeigen in jedwedem Medium geflissentlich verschwiegen, wie groß (oder eher klein) der Performance-Gewinn tatsächlich ausfällt, und für welche Nutzergruppen sich das tatsächlich lohnen könnte. Und weil auch die Redakteure der vielen Test-Portale sich dem Sirenen-Gesang des Fortschrittsversprechens nicht entziehen können, gibt es viel zu oft riesige Lobeshymnen auf marginale Entwicklungsschritte.

Fortschrittsversprechen. Da haben wir es. Das Movens Maximus unserer Zeit. Alles muss weiter gehen, alles muss besser werden; wobei besser dabei mit “schneller, höher, weiter, etc.” synonymisiert wird. Doch ist ein performanteres Smartphone – oder irgendein anderes neues Tech-Gadget – tatsächlich Fortschritt? Führt es zu einer echten Verbesserung des menschlichen Daseins? Oder wird uns hier von der Werbung nicht vielmehr ein ziemlich dicker Bär aufgebunden? Denn wenn wir uns den aktuellen Zustand der Welt anschauen, der sich ziemlich gut mit einem einzigen Wort beschreiben lässt, darf man daran starke Zweifel hegen; dieses Wort lautet übrigens “RESSOURCENVERSCHWENDUNG”…

Ich will hier gar nicht anfangen, darüber zu diskutieren, dass echte Nachhaltigkeit, die unseren folgenden Generationen eine Zukunft schenken würde, vermutlich anders aussieht. Mir geht es um die Zeichen, welche unsere Zeit durchdringen und damit das Denken sehr vieler Menschen (un)nachhaltig beeinflussen. Denn natürlich arbeitet die Werbung mit den – von uns selbst – in diese Bilder hineininterpretierten Bedeutungsüberschüssen. Semiose, also (vereinfacht) die Entstehung von Zeichenbedeutungen im Interpretanten (uns) ist von vielen Faktoren abhängig. Gleich ist aber fast allen Menschen, aus fast allen Kulturkreisen eines: das Streben nach mehr oder weniger bescheidenem Wohlstand; weil dieser uns ein Gefühl der Sicherheit vor den schlimmsten existenziellen Sorgen und Ängsten gibt. Und im Kern ist das ja auch wahr.

Da Konsumkapitalismus aber das oben beschrieene “schneller, höher, weiter, etc.” braucht, weil er sonst zusammenbricht, begann man im Zuge seines Wachstums im 20. Jahrhundert mittels des, damals noch neuen Mediums Werbung, dieses Mantra in die Köpfe aller Menschen zu transportieren – bis zu dem Punkt, dass wir alle es so sehr verinnerlicht haben, dass wir Konsum mit Fortschritt verwechseln; und die Verpackung mit dem Inhalt. Oder noch besser: Dinge subjektiv mit einem Sinn füllen, den sie objektiv nicht haben. Wie das oben beschriebene jährlich neue Smartphone. Und bevor jetzt irgend jemand wieder anfängt, über moralinsauer erhobene Zeigefinger zu schwadronieren: ich selbst bin mehr als oft genug in diese Falle getappt, bevor ich erkennen durfte, wie grundlegend diese Synonymisierung von Konsum und Fortschritt auch mein Denken von Kindesbeinen an durchzieht. Doch wenn man genau sucht, ist da eigentlich keine Leere, die es zu füllen gilt.

Fortschritt als Begriff ist nicht begreifbar. Er verweist immer auf irgendwas (gutes?), dass (vielleicht?) in der Zukunft passiert. Fortschritt ist also Kontingenz (ein gedachter Raum von Möglichkeiten) in Reinform. Alles kann – nichts muss! Und dieser Raum voller gedachter Möglichkeiten war schon immer der Motor aller Entwicklungen, welche die Menschheit hervor gebracht hat. Doch seit unsere Gesellschaft mehr und mehr der oben beschriebenen konsumkapitalistischen Logik unterworfen wird, erzeugt allein der (sogar oft unbewusste) Gedanke an Fortschritt einen Sog auf uns alle; einen Sog in die Zukunft, der das Jetzt unvollkommen erscheinen lässt! Werbung bespielt diesen, sowieso schon vorhandenen Drang nach vorne jetzt schon so lange, dass es ihr ohne größeren Aufwand möglich ist, Begierden in uns zu wecken, die jedwedes realen Bedürfnisses entbehren. Das bedeutet, wir synonymisieren mittlerweile (unzulässigerweise) nicht nur Konsum und Fortschritt – wir wollen Konsum ALS Fortschritt…

Diese Gedanken sind weder neu, noch sind sie besonders originell. Aber sie müssen anscheinend immer wieder neu gedacht und kommuniziert werden. Was das mit der (meiner) Arbeitswelt zu tun hat, darüber rede ich schon sehr bald in Part 2. Bis dahin fröhliche Katharsis am Karfreitag…

Quarantini olé!

Morgen ist der erste April. Mir ist im Moment nicht nach Scherzen zumute. Aber wenn man zu Hause wegen des Clusterkindes darauf wartet, dass man seinen ersten offiziellen Test machen kann, ist die Wahrscheinlichkeit, dass einen irgendein Depp auf den Arm zu nehmen versucht, ja auch eher gering. Die beste Ehefrau von allen und die Kinder haben an sowas kaum Interesse. Mal davon abgesehen, dass die meisten Aprilscherze – wem immer dafür auch Dank sein muss – ja eher harmloser Natur sind. Ich jedenfalls bin im Moment unzufrieden knurrig. Könnte daran liegen, dass man meine pragmatische (nicht vorher abgestimmte) Entscheidung, bei Bekanntwerden des Problems einfach den Plan für die Woche umzustricken und dafür von zu Hause weiterzuarbeiten als oberhalb meines Kompetenzlevels empfand. Darum ist es mal wieder an der Zeit für eine Meditation über Präsentismus und Erreichbarkeit.

Apropos Erreichbarkeit. Wenn ich hier an meinem persönlichen Schreibtisch sitze oder stehe, bin ich auf mindestens SECHS! verschiedene Arten erreichbar: privates Smartphone, dienstliches Smartphone, Festnetz, Whatsapp Web, Telegram Web und E-Mail. Alles in Griffweite, und alles online, sobald ich meinen Arbeitstag beginne. Ich werde nicht lügen: es ist OK, ein paar Minuten länger liegen bleiben zu dürfen, weil die Fahrtstrecke zur Arbeit entfällt. Und es ist hier viel ruhiger, als an meinem Präsenzarbeitsplatz in der Dienststelle. Und an die gelegentliche Nutzung meiner privaten IT-Infrastruktur für Dienstliches habe ich mich im Lauf der Jahre gewöhnt; das passiert einem als Lehrer/Dozent öfter. Außerdem kann ich an meinem privaten Schreibtisch im Stehen arbeiten…

Ich verstehe, dass man seine Angestellten arbeiten sehen möchte. Es gibt einem das gute Gefühl, kein Geld für Faulenzeritis und Kokolores auszugeben. Man sieht, was man dafür bekommt! Oder…? Jetzt mal im Ernst: glaubt irgendjemand, dass Menschen arbeiten, nur weil die in ihrem Büro am Platz sitzen? Really? Was qualifiziert überhaupt als dieses mystische Ding namens “Arbeit”? Meine Kinder jedenfalls verstehen nicht, was ich da tue; weil es schwer zu durchschauen ist, was es nun mit Networking, Planung, Organisation oder Content-Produktion, etc. auf sich hat. Excel-Tabellen zusammenschubsen, Mails schreiben, telefonieren und so weiter und so fort; das sieht unspannend aus. Und es ist schwer durchschaubar, ob gerade etwas produktives geschieht, oder einfach nur zum x-ten Mal Akten von links nach rechts geschichtet werden – das geht ja auch digital.

Woran misst man, ob jemand “sein Geld wert ist”? Daran, dass er/sie/divers halt im Büro anwest? Oder doch eher daran, dass er/sie/divers einen Mehrwert erzeugt? Ihr wisst schon: dass wofür man diese Steuer zahlt. Also Wertschöpfung auf verschiedenen Stufen des Wirtschaftssystems. Ganz ehrlich, ich werde hier sicher nicht darüber urteilen, wie groß der Mehrwert ist, den ich für meinen Arbeitgeber derzeit erzeuge. Das Projekt ist ja noch im Aufbau befindlich. Aber wenn er denn dann entsteht, passiert das auf so vielen Ebenen. Zum Beispiel durch die mittelfristige Bereitstellung von kompetenten Mitarbeitern für das operative Geschäft “Rettungsdienst”. Durch Mitarbeiterbindung, welche durch gute Fort- und Weiterbildungs-Angebote nachweislich mindestens genauso gesteigert wird, wie durch ein angemessenes Salär. Durch die Schöpfung (und mittelfristig hoffentlich auch Verbesserung) von Qualität. Schließlich durch den Verkauf von Bildungsdienstleistungen an externe Nachfrager.

Warum zeige ich schon wieder meinen Schreibtisch? Als Signifikant für das Signifikat “Arbeit”, die hier vermutlich erbracht wird? Dann wäre der Mehrwert, den ich zu erzeugen hoffe das Referens; also die Entsprechung in der realen Welt? Und damit sind diese kuratierten Bildchen hinsichtlich ihres Sinnes auch schon hoffnungslos entzaubert, oder? Wie bei einem Magier, der seinen Trick Stück für Stück erklärt. Aber mir geht es nicht darum, meinen Wert bildlich darstellen zu wollen. Das tun nutzlose Kleiderständer in irgendwelchen Büros landauf landab jeden Tag. So tun, als wenn sie Wert schöpfen würden. Ich will kein Schulterklopfen und kein Danke – ich will einfach nur den Raum, so arbeiten zu dürfen, dass ich auch tatsächlich maximalen Mehrwert erzeugen kann. Und das geht mit den – pardon – eingeschränkten Möglichkeiten andernorts nicht immer. Tatsächlich nicht mal oft…

In einem Zeitalter in dem ein neuer Laptop schon als der Gipfel betrieblich Produktivitäts-Maschinerie verstanden wird, in dem die Äußerlichkeit der Dinge und deren Bedeutung dauernd miteinander verschmolzen werden, ist es äußerst schwer, zu erklären, warum kreatives Arbeiten nach anderen Regeln funktioniert – oder vielmehr, funktionieren muss – als Akten von links nach rechts zu schubsen. Auch die digitalen… Ich sage es wie’s ist: ich weiß nicht, wie Vorgesetzte im Mittel auf so einen Schrieb reagieren, aber ich muss mir Luft machen. Und weil Anschreien keine Lösung ist – und auch nie sein wird – ist dies hier die nächstbeste Möglichkeit, meinen Frust rauszulassen. Meinen Frust darüber, dass das frühe 21. Jahrhundert mit seinen mannigfaltigen Möglichkeiten, bestimmte Formen von Arbeit (bei weitem nicht alle!) zu flexibilisieren, immer noch nicht verstanden oder gar gelebt wird. Für heute habe ich fertig. Frohen ersten April. Mein Quarantini heute war übrigens ein Cappuccino!

Zwischenruf N°2

Ich stelle in letzter Zeit fest, dass, das Facebook kein guter Ort ist. Die Ambivalenz, die daraus resultiert, ist nervtötend. Denn einerseits habe ich dort eine gewisse Reichweite und nehme dadurch auch Netz-Nutzen mit. Andererseits ticken manche Leute, von denen ich das eher nicht erwartet hätte vollkommen aus und ich muss mir dann anhören, dass Grünen-Wähler genauso schlimmes Gesocks wären, wie “die Ratten, die der AfD hinterher laufen” (O-Ton von jemandem, den ich eben entfreundet und blockiert habe). Anlass war eine Diskussion über einen Beitrag von Dieter Nuhr, den die Person geteilt hatte. Herr Nuhr benutzt hier die aus rechter Propaganda der letzten Zeit wohlbekannte Technik der Dekontextualisierung. Vereinfacht gesagt reißt man etwas aus dem übergeordneten Sinnzusammenhang (Kontext), der zum Verständnis aber notwendig wäre und verändert den Blickwinkel so, dass sich daraus eine negative Lesart konstruieren lässt. Machen in der Politik (und im Kabarett / der Satire) natürlich alle so.

Wenn man aber den Grünen den Drang nach Weltherrschaft unterstellt (das hätte in Deutschland ja Tradition), weil sie sich in ihrem Wahlprogramm ’21 zu dem Klimazielen des Pariser Vertrages bekennen, dessen Ratifizierung der deutsche Bundestag EINSTIMMIG zugestimmt hatte, ist die Grenze zum Tendenziösen mehr als überschritten. Hier wird der gesamten Partei implizit eine Nähe zum Faschismus unterstellt, die so sachlich unhaltbar ist und niederste Instinkte bedienen soll: der Tag ist ja so viel einfacher, wenn man ein schönes, ordentliches Feindbild hat, nicht wahr? Da drängt sich mir eigentlich nur eine Frage auf: Wann werfen die diese neoliberale Propagandaschleuder endlich aus dem Programm?

Dann kommen noch die üblichen Verdächtigen, wie das die Grünen den Deutschen das Auto (FALSCH) das Eigenheim (FALSCH) und das heimelige Kaminfeuer (FALSCH) verbieten wollen. Es wird lediglich darauf gedrängt, geltendes deutsches und EU-Recht endlich konsequent umzusetzen. Was im Übrigen auch während der grünen Regierungsbeteiligungen im Bund passiert ist. Man mag von Joschka Fischer halten, was man will (ich konnte ihn nie leiden, der ist ein arroganter S***): als Bundesaußenminister hat er in mancherlei Hinsicht jedoch eine bessere Figur gemacht, als Guido Westerwelle oder Heiko Maas. Aber das tut hier nichts zur Sache. Die Grünen haben Ihre radikale Anfangsphase überwunden und sind zu einer etablierten politischen Kraft geworden. Man mag auch die Lebenswege mancher grüner Politiker irritierend unkonventionell bis bizarr finden. Das ändert jedoch an den Beiträgen zur politischen Sacharbeit nichts.

Um das an dieser Stelle noch mal klarzustellen. Ich habe in meinem Leben schon mal grün gewählt. Ich bin aber immer noch Mitglied der SPD. Ich kann’s nur nicht haben, wenn a) irgendwelche bekannten Menschen ihre privilegierte Position als Medienmensch für – im Kern antidemokratische – Propaganda ausnutzen und b) Leute, die ihnen auf den Leim gehen mich dafür beschimpfen und beleidigen, dass ich versuche, ihren Blickwinkel für die Realität zu öffnen. Ich erwarte nicht, das irgendjemand meine Sicht der Welt übernimmt. So arrogant sollte kein Mensch sein. Aber akzeptieren zu können, dass andere Blickwinkel existieren, bei denen die Diffamierung einer ganzen Partei unterbleiben kann, wäre doch schon mal ganz nett. Ich habe es satt, Dogmatismus auf Grund mangelnder politischer Bildung ausgleichen zu müssen! Und tschüss…

Und es geht doch noch…

Ich bin auch einer dieser (schwachen) Menschen, die manchmal das unheilige Gefühl bekommen, eine Leere in sich selbst ausfüllen zu müssen und dann manchmal (na ja, eher zu oft) zur dämlichsten Lösung von allen greifen: nämlich sinnlosem Konsum. Dass ich gelegentlich gerne knipse ist ein alter Hut. Dass ich dazu bestimmtes Equipment benutze, habe ich vielleicht irgendwann mal irgendwo erwähnt. Also ich bin ein keine Marken-Hure, wenn es um Kamera-Präferenzen geht; aber es hat sich irgendwann ergeben, dass ich mich bezüglich meiner DSLR für Canon entschieden hatte. Folglich habe ich im Laufe der Zeit ein wenig Geld in das Hobby investiert (nur einen mittleren vierstelligen Betrag, ich bin ja nur Hobbyist), bekam aber irgendwann in letzter Zeit das Gefühl, nicht mehr so viel Gewicht rumschleppen zu wollen. Folglich liebäugelte ich mit einer spiegellosen Systemkamera – und natürlich der Anschaffung weiteren Equipments. Es gibt kein “Immer-Drauf”-Objektiv. Das ist eine Legende.

Weil man aber nicht unbegrenzt Geld hat, um es für Hobbykram auszugeben, und weil ich überdies in letzter Zeit eh über so einiges am Grübeln bin, dachte ich mir: “Verdammt Junge, du warst schon ewig nicht mehr einfach so zum Spaß knipsen!” Und tatsächlich, ohne Grund und Ziel, einfach, um mal wieder ein bisschen zu üben und Spaß zu haben hatte ich meine Kamera bestimmt schon 7 Monate nicht mehr in der Hand! Ziemlich lange für jemanden, der behauptet, Fotografie sei eines seiner Hobbies, oder? Also habe ich ein solides Sigma 17-70mm 1:2,8-4,5 auf die angejahrte 60D geschraubt und bin einfach los gegangen, um zu knipsen. Und was soll ich sagen – es ist toll, wenn man feststellt, dass man eigentlich schon das richtige hat. ‘ne Kamera ohne allzu viel Schischi, die einfach Bilder macht. Viellicht kaufe ich mir irgendwann doch noch was Leichtes für unterwegs (eine einfache MFT wäre auch zum Filmen ganz ok…); aber für den Moment habe ich mich nochmal neu in mein Bestandequipment verliebt. Vielleicht liegt’s am Frühling…

Erwachsen bilden N°30 – …alles für die Kunden?

Ich nehme das Credo des Artikels vorweg und sage rundweg mal NEIN! Ich tue nicht ALLES für meine Kunden. Ich erfülle gerne alle legitimen Ansprüche. Ich denke mir auch gerne Lösungen aus, die um die Ecke liegen, anstatt mitten im Sichtfeld. Ich baue mit Freude und Anstrengung ein Lern-Buffet auf, an dem man sich reichhaltig bedienen kann und gehe auf spezielle Wünsche ein, wenn es denn irgendwie machbar ist. Aber ich mache mich NICHT zum Affen, ich lasse mich NICHT ausnutzen, NICHT für dumm verkaufen und vor allem NICHT beleidigen. Da kommt ja immer mal wieder dieser Spruch “Der Kunde ist König!” (in den Köpfen der meisten Dienstleister direkt gefolgt von “NIEDER mit der Monarchie!”) und dieser Spruch ist halt leider einfach falsch. Oder besser gesagt, er wird häufig entweder missverstanden oder – noch viel lieber – missbraucht, um ein Verhalten zu rechtfertigen, das schlicht und ergreifend Bullshit ist.

Ich verkaufe Bildungsdienstleistungen. Zugegeben sehr spezielle; aber das ist erst mal eher unwichtig. Also präziser gesagt, entwerfe ich im Rahmen der hierfür gültigen Anforderungskataloge welche, halte den Unterricht auch häufig selbst und habe die Vorgabe, damit am Ende etwas Geld verdienen zu müssen. Aber der Job ist schon ein bisschen vielfältiger als bloßes Verkaufen. Wichtig ist dabei, den Unterschied zwischen verschiedenen Dienstleistungen zu verstehen. Wenn ich ein maßgeschneidertes Softwareprodukt für den Launch einer Business-Plattform bestelle, dann gibt es ein Pflichten/Lasten-Heft in welchem Kunde und Dienstleister gemeinsam festlegen, was zum Portfolio gehört – und was nicht! Bei Bildungs-Dienstleistungen hingegen ist dieses Pflichtenheft, insbesondere im berufsbildenden Bereich eher dünn und hoch interpretationsfähig: am Ende soll üblicherweise der Erwerb einer, auf dem Arbeitsmarkt verwertbaren Qualifikation stehen. Sicher ist jeweils definiert, was die Person schlussendlich “können” können soll. Der Weg dahin jedoch… ist oft Terra incognita. Weil Lehr-Lern-Prozesse nicht wie ein Software-Algorithmus programmierbar sind.

Chefs, Vorgesetzte, Teamleiter, etc. haben ja oft diese naive Vorstellung, dass meine Kollegen und ich morgens mit einem Bohrer und Infusionsbeuteln voller Wissen in den Lehrsaal kommen und dann das “Mana der Kompetenz” fließen lassen, auf dass alle Teilnehmer:innen am Ende höchst belehrt und voll einsetzbar sind. Dass das Lernen meist schon viel früher (z.B. bei der Auswahl geeigneter Auszubildender) beginnt und damit Lernschwierigkeiten, eine mangelhafte Berufspassung, unbefriedigende Performance und manch andere Dinge u.U. ein hausgemachtes Problem sind, wird entweder nicht gesehen, oder geflissentlich ignoriert. Die Schule wird’s schon richten. Tatsächlich entwerfen wir Lernsituationen, in welchen die Teilnehmer:innen (oder SuS: Schülerinnen und Schüler) in die Lage versetzt werden, sich Wissen, Fähigkeiten und wie man diese kombiniert, um kompetent handeln zu können, selbst aneignen zu können (der Konstruktivismus lässt grüßen). Denn man kann niemanden “lernen machen”!

Aber auch die SuS oder Teilnehmer:innen haben oft nur eine vage Vorstellung, wie Erwachsenenbildung funktioniert, weil das allgemeinbildende Schulwesen mit seinem Fachzentrierten Unterricht anders läuft, als das Lernfeldzentrierte Unterrichten in einer Berufsfachschule. Die begreifen oft erst nach und nach, dass unser Ansatz im Kern ganzheitlich ist, also niemals nur ein Wissensfeld (oder Fach, wenn wir von Schule sprechen wollen) allein beackert wird, sondern immer mehrere auf einmal. Weil vor allem die Fähigkeit zum vernetzten Denken und Handeln gefördert werden muss. Dass ist eine der Anforderungen des Berufsfeldes, in welchem ich tätig bin. Daraus resultiert, dass es jemandem, der gerade die allgemeinbildende Schule hinter sich gebracht hat (oder auch manche Berufsschule aus dem gewerblich-technischen Bereich) ungemein schwer fällt, einen roten Faden zu erkennen, auch wenn der von Anfang an da ist – sofern der Lehrplan halbwegs clever designed wurde…

Ich muss wohl nicht erklären, dass daraus Zielkonflikte resultieren, denn die SuS denken, wir würden ihnen gar nicht das beibringen, was sie brauchen. Obwohl die ja oft noch gar nicht wissen (können), was sie alles brauchen (werden). Und die Chefs denken, dass das alles nicht schnell genug geht, weil sie in Kennzahlen und Einsetzbarkeit denken. Tellerränder und so…? Es braucht also oft viel Erklärungsarbeit (ich bin in mancher Hinsicht ein wahrer Transparenz-Junkie!), aber auch Geduld auf beiden Seiten. Und da entstehen dann die Probleme, die mich richtig fuchsig machen. Z.B. Menschen, die denken, dass alles nach ihrem Kopf gehen muss, und man die Abläufe (Unterricht, Prüfungen) gefälligst nach ihren Vorgaben strukturieren soll. Wenn ich aber einen Klempner bestelle, erkläre ich dem auch nicht, wann und wie das mit dem Rohr gemacht wird. Weil ich a) gar keine Ahnung habe, wie das geht und b) keine Verfügungsgewalt über die Zeitabläufe anderer Menschen habe. Man kann höflich um eine gewisse Flexibilisierung von Abläufen bitten. Wenn aber Forderungen gestellt werden, die schlicht das Unterrichtsziel gefährden, ist Schluss! Und zwar in jeder Hinsicht.

Auch über Rahmenbedingungen wird ja oft gemosert (zu warm, zu kalt, zu viel Theorie, zu viel Praxis, zu lang, zu kurz, schlechtes oder gar kein Catering, la, bla, laber, schätz). Den Service der eigenen Orga öffentlich zu beurteilen (gar zu loben), steht mir nicht zu; aber ich denke ehrlich, dass wir uns nicht verstecken müssen. Und dann nervt es schon, wenn man sich auf manche Kritik einlässt, Abhilfe schafft und im nächsten Schritt noch mehr Forderungen gestellt werden. Irgendwann ist es mal gut. Und auch wenn der Spruch ein wenig abgedroschen daher kommen mag: Lehrjahre sind keine Herrenjahre. Das gilt auch anno 2021 noch! Ich tue daher nicht alles für den Kunden (wenn man es denn überhaupt als klassisches Anbieter-Kunden-Verhältnis sehen will; immerhin haben Berufsfachschulen auch einen gewissen Erziehungsauftrag); ich tue alles, was notwendig ist, damit die SuS am Ende erfolgreich sein können. Zwischen diesen Lesarten des Begriffes “alles” muss man unterscheiden lernen, wenn man sich als Dozent und Schulleiter nicht vollkommen aufreiben lassen möchte. Und jetzt wünsche ich uns allen eine gute Woche.