New Work N°6 – Zeit vs. Leistung?

Üblicherweise versuche ich, hier bei der Themenauswahl ein wenig Abwechslung zu erzeugen. Wenn man allzu monothematisch oder gar redundant wird, schläfert das die Leser/Zuhörer ein, oder aber es schreckt sie ab. Beides führt irgendwann sicher dazu, dass die eigene Reichweite sinkt und das kann ja niemand mit einem so eitlen Ego, wie ich eines pflege, gut finden können, nicht wahr. Ach, denkt doch einfach was ihr wollt, aber wenn man immer auf den gleichen Knochen rumkaut, macht das irgendwann keinen Spaß mehr; ganz so, als wenn man alle Tage sein Lieblingsgericht serviert bekäme. Kann man sich auch einen Ekel dran fressen…

Manchmal jedoch ergibt sich eine thematische Brücke, die man nicht erwartet hatte. Und Brücken sind halt zum darüber gehen gemacht. Ich hatte am Wochenende noch über das Home-Office und die Flexibilisierung der Arbeit gesprochen. Heute bin ich nun über einen Artikel gestolpert, der das Thema Viertagewoche mal wieder zur Diskussion bringt. Die Autorin fordert radikale Flexibilität. Finde ich gut. Sie rekurriert dabei auf Äußerungen von Sanna Marin, der finnischen Regierungschefin, die man allerdings nicht als offizielle Regierungsagenda verstanden wissen möchte. Ist aber auch gar nicht so wichtig. Die Frage nach einer Flexibilisierung und Verkürzung der Arbeitszeit wird in letzter Zeit immer wieder diskutiert- und passt halt haargenau zu meinem letzten Post. Der Artikel an sich bringt dann auch tatsächlich wenig Neues. Aber die Kommentarspalte…; fast immer finden sich, wie in der Diskussion unter diesem Artikel auch Leute, die dann natürlich der Lohnkürzung das Wort reden.

Es ist so eine Art Naturgesetz, dass die selbsternannten “Leistungsträger” Anwesenheits- oder Arbeitszeit mit Produktivität in einem proportionales Abhängigkeitsverhältnis denken. Obwohl die blanken Zahlen lange belegen, dass eine solche Aussage in dieser dogmatisch verallgemeinernden Form Bullshit ist. Aber hey, wer lässt sich schon gerne sagen, dass es die 60h/Woche eigentlich gar nicht braucht… Es ist doch so: wir suchen einem Sinn in den Dingen die wir tun. Manche schöpfen diesen Sinn durch eine Zahl, die sich am Ende des Monats auf einem Bankkonto abbildet; und einige von denen wissen sogar, dass diese Zahl absolut keinen realen Wert hat, weil das meiste Geld, dass erzeugt wird, Fiat-Geld ist. Aber auch unfrommer Selbstbetrug als Quelle des selbst gewählten Lebenszweckes ist natürlich zulässig. Wieder andere streben nach einem Höchstmaß an anstrengungsfrei abgreifbarem Hedonismus. Oder sind einfach hoffnungslos verträumte Idealisten. Und irgendwo dazwischen findet man die Realisten, die wissen, dass es ohne Anstrengung nicht geht, die vielleicht sogar etwas von bleibendem Wert schaffen wollen, aber am Schluss trotzdem noch genug Zeit für sich und ihre Lieben übrig haben möchten. So einer bin ich.

Arbeitsproduktivitätsmessungen sind so ein Instrument, dass seit dem Aufkommen des Taylorismus immer bemüht wird, wenn es um die Frage geht, wieviel Arbeit ich als Unternehmer pro Euro von meinen Angestellten zu erwarten habe. Nun sind die Zeiten, in denen Akkordlöhne gezahlt wurden vorbei, weil die Zahl der in der Produktion Tätigen von Jahr zu Jahr sinkt. Wir leben im Zeitalter des Umbruchs von Industrie 3.0 zu Industrie 4.0, was bedeutet, dass die Zahl der Dienstleister und Wissensarbeiter im Vergleich zu den Produzierenden immer weiter steigt. Und damit verändern sich auch – zumindest für jene, die keine rhythmisch wiederkehrenden Dienstleistungen, wie etwa Pflege, Verkauf, Instandhaltung von Infrastruktur etc. erbringen – die Umgebungs-Bedingungen, unter denen die Arbeit erbracht werden muss. Ob ich meine Unterrichtskonzepte Montags Morgens um 08:30 im Büro meines Arbeitgebers schreibe, oder Abends um 20:00 im Home-Office, wenn die Kinder ins Bett gegangen sind und die beste Ehefrau von allen zur Abwechslung mal was anderes auf Netflix schauen möchte als ich, ist doch vollkommen Wumpe, solange das Ergebnis zum Erfüllungszeitraum funktioniert. Oder?

Man könnte jetzt wieder diese alte Work-Life-Balance-Leier anfangen. Darauf habe ich eine Antwort: MEINE Work-Life-Balance ist nicht automatisch EURE Work-Life-Balance; oder umgekehrt. Was für mich funktioniert, was ich als gesund erachte, wie was und wo ich am kreativsten und produktivsten bin, weiß ich selbst besser, als irgendein verschissener Coach, ein dummdreistes Ratgeberbuch – oder mein Chef. Und wenn Chefs clever sind, wissen SIE das auch und gestatten jenen Mitarbeitern, bei denen, auf Grund der Struktur der zu erbringenden Dienstleistung eine Flexibilisierung funktionieren kann, die dazu notwendigen Freiheiten. Ich will kein bedingungsloses Gehalt überweisen bekommen. Ich erbringe Leistung, weil mir mein Job Spaß macht. Aber mit dem Messen ist das so eine Sache. Denn gerade bei Tätigkeiten, die ein gewisses Level an Hirnschmalz, Kreativität und Innovationsfähigkeit erfordern, kann man die Muße manchmal nicht zwingen. Es passiert mir schon gelegentlich, dass ich ein Thema durchdenke und mir der passende Ansatz für den Unterricht erst kurz vor knapp einfällt. Dann wird’s halt auch mal Nacht. So what?

Womit wir wieder beim berühmten Unterschied zwischen Effektivität und Effizienz wären. In meiner Welt versuche ich beide Begriffe zu versöhnen, weil ineffizientes Handeln meinerseits unnötig meine Energie verbrennen würde. Ein zu starkes Streben nach Effektivität kann das befeuern. Doch ich würde es mögen, wenn man die Beurteilung dieser Frage mir selbst überließe und nur meinen Output zur Kenntnis nähme. Phasen der Selbstausbeutung werden bei mir nämlich durch Phasen der Prokrastination und des Müßigganges abgelöst. Solange der Median einen guten Ausgleich zwischen Effektivität und Effizienz mit sich bringt, ist es eine Win-Win-Situation. Und je früher Chefs das begreifen, desto früher können wir alle Feierabend machen. Gute Nacht.

New Work N°5 – …and again Home-Office!

Man sucht Probleme, wenn man keine hat. Das ist auch so eine Erste-Welt-Sache, die ich wirklich nie verstehen werde. Vielleicht liegt es auch daran, dass die Menschen hierorts einfach keine vernünftigen existenziellen Probleme haben. Wenn so ziemlich das Übelste, was einem passieren kann darin besteht, dass der Kaffee-Vollautomat genau dann entkalkt werden möchte, wenn man Heiligabend nach dem Familienessen vor der Bescherung noch schnell einen Espresso ziehen möchte… tja, dann hat man’s halt geschafft. Denn wenn man sich darüber aufregen kann, ist man irgendwie doch zum wohlstands-verwahrlosten Snob geworden… Zu meiner Verteidigung: die Maschine war neu und ich hatte nicht erwartet, dass man so bald würde entkalken müssen. Das Lesen einer Bedienungsanleitung ist vielleicht doch nicht ganz so überbewertet, wie ich dies manchmal gerne darstelle.

Was hat das jetzt mit New Work zu tun? Zum einen stellt die Geschichte den Bezug zu meinem derzeitigen Hauptarbeitsplatz her, nämlich daheim. Ich verfüge dort über den keinesfalls selbstverständlichen Luxus eines eigenen Raumes, den ich als Home-Office bezeichnen darf. Und dessen Ausstattung ebenso diese Bezeichnung verdient. Wer sich gelegentlich mit meinen Einlassungen in diesem Blog beschäftigt, kann auch schon ahnen, womit ich mich im Moment gerade herumschlage: Distanz-Unterricht. oder besser, jetzt gerade noch dessen Vorbereitung. Technische Lösungen, Content, didaktische Strategien. Kommt so das eine oder andere zusammen.

Mein Schreibtisch sieht nicht immer so clean aus… die Darstellung wurde kuratiert!

Es stört mich eigentlich nicht besonders, wenn meine Lebens- und Arbeitszeit manchmal etwas entgrenzt sind. Wie ich in diesem Post schrieb, ist es mir in einem klassischen Büro-Umfeld manchmal schlicht nicht möglich, die Qualität zu erzielen, die es in meinem Job braucht. Insbesondere, wenn man auf alten Pfaden Neues ausprobieren möchte. Die Distanzlehre ist ja, speziell im allgemeinbildenden Sektor auf Grund der teilweise echt schlechten Infrastruktur und der Überforderung des Lehrpersonals mit den anders gelagerten mediendidaktischen Erwägungen für die Fernlehre durchaus in Verruf geraten. Zu Unrecht wie ich finde; denn viele Kolleginnen und Kollegen aus dem allgemeinbildenden Schulwesen können nichts dafür, wenn man ihnen keine vernünftigen technischen Lösungen und Fortbildungen für Distanzunterricht anbieten kann oder will. Dies ist ein Versäumnis der Bildungspolitik. Wenn ich im Moment gerne mal Kotzen möchte, muss ich mir nur irgendeine Verlautbarung der Kultusministerkonferenz oder unserer Baden-Württembergischen Kultusministerin Susanne Eisenmann anschauen und schon geht’s los.

Wir haben technische Lösungen, die gut funktionieren und laufend nach Bedarf skaliert werden können. Nun machen wir aber auch nur Unterricht für eine Berufsschulklasse und gelten als privater Träger. Da flutscht manches besser. Und dennoch kommt nicht selten ein Gefühl von Altbackenheit auf, wenn der gute alte Präsentismus-Teufel seine Klauen zeigt. Man muss begründen können, warum man von zu Hause arbeiten will / muss / kann (wählen sie hier die zutreffende Antwort) – einfach, weil das schon immer so war. Wer mich kennt, weiß genau welchen Satz ich auf der Welt am meisten hasse: “Das haben wir schon immer so gemacht!”. Meine Standardantwort darauf lautet: “Was 1981 falsch war, ist heute nicht richtiger, weil wir 2021 haben!”. Hm… könnte man auch gut für die damalige Wahl von Ronald Reagan benutzen. Jedenfalls stehe ich auf dem Standpunkt, dass ich nicht 8h einen Bürostuhl wärmen muss, damit jemand sehen kann, dass ich arbeite. Denn wenn ich an so Manche(n) denke, der 8h den Bürostuhl wärmt und dabei ungefähr die Funktion eine Hemdenständers erfüllt; nun ja. Output kann man auch anders messen. In Zeiten von Corona ist es überdies doppelt Käse, wenn man bedenkt, wie schwierig es ist, am Arbeitsplatz Hygienemaßnahmen zu implementieren – und dann auch konsequent durchzuhalten!

Falls sich jemand fragt, was da oben für Stoff rumhängt – ich kann bei Bedarf für Video-Konferenzen einen neutralen Hintergrund schaffen, der nicht so flimmert, wie diese virtuelle Kacke bei Zoom…

Ich sehe im Moment fast nur Vorteile im Home-Office; besserer Infektionsschutz, bessere IT-Ausstattung (sorry) und für mich bessere Zeiteinteilung, weil auch meine Kids im Moment natürlich gelockdowned daheim hocken und die beste Ehefrau von allen und mich mit ihrer gelegentlichen Home-Schooling-Totalverweigerung an den Rand des Wahnsinns bringen. Weil mein Kollege und ich alle halbwegs modernen Kommunikations-Kanäle bespielen können, um Sach- und Strategiefragen schnell und effizient zu klären, klappt trotzdem alles. Zudem würde man es ziemlich schnell merken, wenn wir unseren Job nicht machten. Spätestens, wenn die ersten Schülerbeschwerden herein kämen, bestünde erhebliche Erklärungsnot. Das wird gewiss nicht der Fall sein, aber es ist manchmal schon erschreckend, wie sehr manche Chefs immer noch am präsidierenden Blick über ihre Knechte hängen… war ‘n bisschen polemisch? Ist mir egal. Ich habe mich langsam dran gewöhnt und werde alles mir zu Gebote stehende tun, damit ich meine neue, flexiblere Arbeitssituation behalten darf. Solange die Arbeit gemacht ist, gibt es nämlich keinen Grund, am Präsentismus festzuhalten.

Es gibt ja mittlerweile einige Studien zum Thema Produktivität im Home-Office (hier ein kurzer Google-Überblick); und es scheint ganz so, als wenn das Vorurteil, dass man dadurch Mitarbeiter bekäme, die sich auf Kosten der Firma auf die faule Haut legen im Mittel einfach nicht stimmt. Es hängt natürlich von der Branche und den Möglichkeiten, Arbeitsleistung als Telearbeit zu erbringen ab. Wer etwas anderes behauptet, glaubt auch, dass der Storch die Weihnachtsgeschenke vom Osterhasen austragen lässt. Aber wir brauchen insgesamt mehr Flexibilität. Und damit wären wir beim Bogen zur New Work. Denn im Kern geht es bei New Work um selbstbestimmteres Arbeiten. Dass muss mitnichten bedeuten, dass man macht, was man will; da die allermeisten von uns immer noch abhängige Lohnarbeit erbringen, kann das auch gar nicht funktionieren. Aber mehr Einfluss auf Bedingungen, zu denen unsere Arbeit erbracht wird – das ist keine Utopie mehr. Und wenn Corona diesbezüglich dereinst als Katalysator gedient haben sollte, gäbe es wenigstens ein kleines bisschen Glück in all dem Unglück. In diesem Sinne – schönen Abend. Ich will noch ‘n bisschen arbeiten…

Zufriedenheit N°5 – Minimal zufrieden?

First-World-Problems. Das sind jene Sachverhalte, die Leuten ohne echte existenzielle Sorgen Kopfzerbrechen bereiten. Zum Beispiel so ziemlich alles, womit “Influencer” ihr Geld verdienen. Minimalismus ist auch so eine Sache, die seit ein paar Jahren in den Köpfen der Menschen herumspukt, ohne dass man so genau weiß, woher das kommt. Oder, besser gesagt, man ahnt, dass es eigentlich mal was mit dem Wunsch nach Ressourcensparen und mehr Nachhaltigkeit im Privatbereich zu tun gehabt haben muss. Doch natürlich haben unsere selbsternannten hippen Trendsetter unbedingt eine Lifestyle-Geschichte daraus machen müssen; damit man das besser vermarkten und mit ober-chic aufgemachten Ratgeberbüchern, Blogs, Videos, Coachings, etc. der Konsumgestressten Großstadtelite noch ein paar Euros aus der Tasche leiern kann. Früher brauchte man zum Aufräumen keine Bücher, sondern Müllsäcke…

So wie Minimalismus heute inszeniert und kuratiert wird, ist er nicht mehr, als ein weiterer Stil im Portfolio von “Schöner Wohnen”; und es kann mir niemand glaubwürdig erklären, dass irgendeiner dieser “spontanen” Schnappschüsse, die man überall auf Insta, FB und was weiß ich nicht noch wo findet, wirklich spontan zu Stande kam. Die meisten brauchen dafür mindestens mehrere Probeaufnahmen; manche ein ganzes Team. Mal eine Frage an Influencer: wie kann man eigentlich ohne Visagist so eine Visage haben…? Sinnentleerte, oberflächliche Heuchelei, so wie jede andere Werbung für nutzlosen Tand – das ist “Der Minimalismus”, wie er momentan propagiert wird! Es geht darum, in Menschen Unzufriedenheit mit dem zu schüren, was sie haben, um sie dazu anzuregen, einen neuen Zustand erreichen zu wollen. Doch anstatt dabei Verzicht zu üben – was ja der Philosophie eines echten Minimalismus entspräche – wird den Leuten ein Image vorgegaukelt, dass erst erkauft werden muss. Paradoxer Blödsinn, oder?

Mit weniger zufrieden sein können – ist das ein erstrebenswertes Ziel? Ich denke schon. Und ich meine damit jetzt nicht unbedingt weniger Arbeit 😉 Es ist aber schon so, dass wir tendenziell viel zu viel materiellen Besitz anhäufen. Gehe ich durch unsere Wohnung (in der neben meiner Frau und mir auch noch unsere zwei Kinder wohnen), überkommt mich nicht selten der Wunsch, säckeweise Kram wegzuwerfen, der überall rumliegt. Und wenn man eine Sache irgendwo rumliegen lässt, entwickelt diese ja nahezu magische Schwerkraft; sie beginnt also andere Gegenstände anzuziehen, die dann – schneller, als man NEIN rufen kann – eine weitere Agglomeration von Wohlstandsschutt im Sichtbereich bilden. Ich habe festgestellt, dass solche Phänomene meiner Zufriedenheit abträglich sind. Verhindern kann ich sie dennoch nicht. Und ich bin mir noch nicht mal sicher, dass ich das könnte, wenn ich alleine dort wohnen würde!

Natürlich führt Derlei gelegentlich zu familiärem Zwist. Wenn man keine existenziellen Sorgen hat, kann man sich halt schon mal mit Nichtigkeiten befassen. So schnell, wie solche Buschfeuer auflodern, sind sie allerdings auch wieder aus; das funktioniert aber nur, wenn man die ganze andere emotionale Brandlast vorher entsorgt/entschärft. Kleiner Ratschlag: immer auf Augenhöhe im Dialog bleiben tut Beziehungen gut. Ein Minimalist bekäme in unserer Behausung allerdings u. U. Schnappatmung. Wenn es jedoch wirklich um die Philosophie und nicht nur die polierte Oberfläche gehen soll, dann ist unsere Hütte ein Ort, an dem ziemlich vieles Zweitverwertet wird, an dem Menschen leben und der eine gewisse Wohnlichkeit allein dadurch entfaltet, dass seine Bewohner mit den Dingen darin auch durch Emotionen verbunden sind. Da kann ein noch so kleiner, zunächst unbedeutend erscheinender Gegenstand plötzlich große Wichtigkeit erlangen. Wehe mir, wenn ich mal sowas in einen Sack packen und entsorgen würde.

Äußerlichkeiten wirken also durchaus profund auf unsere Zufriedenheit. Doch genau hier liegt ein großes Problem: viele Leute verwechseln die Wirkung mit der Ursache. “Ich konsumiere, also bin ich glücklich” funktioniert nämlich nur sehr begrenzt, weil das “Schnäppchen” ja nicht wegen seiner Funktion oder seiner materiellen Dienlichkeit gekauft wird, sondern wegen seines Symbolwertes als Statusobjekt oder Belohnung. Aber was erzähle ich hier; das wisst ihr ja alle und habt daher euren Konsum schon eingeschränkt. Kein jährliches IPhone, keine Kurztrips nach London, Barcelona, Lissabon oder sonst wo hin mehr, kein fünftes Spielgadget für’s Wohnzimmer extra, und so weiter und so fort. NICHT WAHR?

“Aber wenn ich nicht mehr einkaufen darf, was macht mich dann glücklich?” Ach, so hoch will ich gar nicht streben. Zufrieden wäre vollkommen ausreichend. Was es dafür braucht, kann ich hier natürlich nur für mich beantworten. Eines der kostbarsten Güter für mich persönlich ist Zeit. Zeit, mich mit den Menschen zu beschäftigen, die mir am Herzen liegen. Zeit ohne Sachzwang und Deadline jenen Dingen nachzugehen, die mich faszinieren und mir Freude bereiten. Das beinhaltet auch das Lehren. JA, mein Beruf ist zum Teil wirklich Berufung. Dennoch ist es ein Privileg, über seine Zeit weitgehend selbst verfügen zu können. Das ist ein Traum, den ich mir irgendwann noch erfüllen möchte; allerdings ohne, dass meine sozialen Beziehungen dabei unter die Räder kommen. Solange ich diese Zeit irgendwann bekomme, soll’s mir recht sein, wenn die Hütte manchmal aussieht, wie nach einer infantilen Fröhlichkeits-Detonation… Bis es soweit ist, bin ich dann halt trotz maximal mit Tinnef gefülltem Wohnraum ab und an nur minimal zufrieden. C U!

Erwachsen bilden N°28 – Erfahrung ist schlecht?

Um es kurz vorweg zu nehmen: Erfahrungslernen im Beruf und im Privaten haben etwas miteinander zu tun; auch wenn die Zusammenhänge nicht immer gleich offenkundig sind. Nun bin ich gestern über diesen Beitrag “Erfahrung macht ärmer” von dieser Autorin gestolpert und muss sagen, dass man ein – noch dazu hoch unfundiert daher kommendes -Meinungsstück auch ruhig mal als Solches kennzeichnen könnte. Qualitätsjournalismus geht anders. Wie dem auch sein: die Kernaussage des Artikel ist, das Erfahrung das Individuum des Glaubens an große Veränderungen, tiefe Gefühle und “echte Entscheidungen” berauben würde. Und dem kann ich nur entgegnen: WAS FÜR EIN BULLSHIT!

Es ist schon merkwürdig, dass mich, der ich doch so gerne von mir behaupte, nur dem ausgewiesenen Alter im Personalausweis nach erwachsen zu sein, ein Artikel über das Älter-Werden triggert. Solcherlei Schreibe gibt’s wie Sand am Meer und das Meiste davon ist – mit Verlaub – nicht die Tastaturabnutzung wert, die bei der Erstellung entstand. Denn zumeist arbeitet man sich wahlweise entweder an der “guten alten Zeit”, an individuellen Verfallserscheinungen oder unverstandenen Kulturphänomenen ab. Hier jedoch ist das anders, denn die Autorin spricht in ihren Äußerungen jedem Menschen oberhalb des Teen, oder gar Twen-Alters die Fähigkeit zu tiefen Emotionen ab. Sicherlich verändern sich sowohl die Wahrnehmung der eigenen Emotionen, als auch die Hormonlage, welche diese beeinflusst. Damit ist das, zumindest teilweise, ein obligater physiologischer Prozess. Es ist in manchen Berufszweigen sogar Teil der Ausbildung, die eigenen Emotionen schon früh besser kontrollieren zu lernen (z. B. bei NotSans, wie ich sie ausbilde). Mitnichten beraubt jedoch diese Ausbildungs-Erfahrung oder die eigene Lebenserfahrung diese Menschen Ihrer Wahrnehmungstiefe. Was sich ändert, sind die Reaktionen auf verschiedene Stimuli.

Hätte sich die Autorin mal mit Daniel Kahnemans Klassiker “Schnelles Denken, langsames Denken” befasst, wüsste Sie, dass die Ausbildung emotionaler Kompetenzen notwendiger Bestandteil individuell-persönlichen Wachstums ist und würde nicht dogmatisch darauf beharren, dass Teenies und Twens eine bessere Welt erschaffen würden. Denn ihre anderen These, dass mit Erfahrung automatisch der Glaube an die Möglichkeit großer Veränderungen verloren ginge lässt sich – nach einem kurzen Blick auf die Geschichte der Menschheit – kaum aufrecht erhalten. Viele nachhaltige Umwälzungen wurden von Menschen meines Alters bewerkstelligt. Denn zusammen mit der Erfahrung wächst bei gesundem Framing auch die Stress-Resilienz. Individuelle psychopathologische Divergenzen müssen hier, weil es sonst zu unübersichtlich würde, außen vor bleiben. Was nun bleibt, ist durchaus spannende die Frage, was die denn mit “echten Entscheidungen” meint? Ich würde vermuten, dass sie dabei an das bewusste Hören auf das Bauchgefühl (u. A. als “Schnelles Denken” bei Kahneman beschrieben) gedacht hat. Nennen wir es doch der Einfachheit halber “Intuition”!

Ich weiß nicht, wie ich das jetzt sagen soll: würden wir alle Entscheidungen aus dem Bauch heraus treffen, lebten wir in einer noch chaotischeren, noch ungerechteren, noch grausameren Welt, als dies eh schon der Fall ist. Denn erst Erfahrung bringt die Reife mit sich, erkennen zu können, auf welchen Wegen sich dringend notwendige große Veränderungen – wie etwa Mobilitäts- und Energiewende – auch gegen den Willen Vieler durchsetzen lassen. Und man muss einer Tatsache ins Auge sehen, welche die Autorin in ihren Ausführungen konsequent übersehen hat: dass echte, tiefe, reichhaltige Emotionen nicht nur Altruismus und Liebe beinhalten, sondern auch ungebändigten, gierigen Egoismus! Seit Thomas Hobbes Widmung “Homo homini lupus” für sein Opus “De Cive” 1642 hat sich daran wenig geändert. Erst die Erfahrung als Teil unserer Sozialisation – privat wie beruflich – gibt uns überhaupt die Fähigkeit, den anderen Menschen keine Wölfe zu sein. Was also von dem Artikel bleibt, ist wohlfeiles “Boomer”-Bashing durch die Hintertür. Keinen Dank dafür; zudem war es nicht elegant genug, um nicht leicht durchschaubar daher zu kommen!

Warum ich diese Kritik in die Reihe “Erwachsen bilden” integriert habe? Weil ich es für eine der wichtigsten Grundvoraussetzungen für erfolgreiches Lernen halte, niemals dogmatisch an irgendwas heran zu gehen! Nur indem ich mir einen offenen Geist erhalte, indem ich die Dinge ohne vorgreifende Wertung oder Vorurteil betrachte und analysiere, kann ich wertvolle Erkenntnisse selbst erfahren. Das ist die wahre Natur der Erfahrung; und ob eine wertvolle Erfahrung im ersten Augenblick positiver oder negativer Natur ist, macht keinen Unterschied. Auch im Scheitern kann man wachsen! Das hat die Autorin des von mir kritisierten Artikels offensichtlich noch nicht gelernt. Das die oben von mir geforderte Geisteshaltung bisweilen eine große, beinahe unmögliche Herausforderung darstellt, ist mir schmerzlich bewusst. Aber wenn man es nicht wenigstens versucht, kann man sich auch mit der Autorin gemein machen und braucht von sich nichts Großes mehr zu erwarten, weil man über 20 (oder gar 30) ist. Ich will mehr! Ich weiß allerdings auch, dass man nicht immer auf dem graden, schnellen Weg ans Ziel kommt…

Wahrscheinlich hat sie es gar nicht so böse gemeint, wie ich es gelesen habe, aber wenn man Watzlawick kennt, weiß man, dass sein zweites und drittes Axiom übersetzt bedeuten “Der Empfänger macht die Botschaft!”. In diesem Sinne wünsche ich ein schönes ersten Wochenende 2021.

Das einzige, was hier röhrt…

…sind die nutzlosen, niederträchtigen, überflüssigen und absolut Brechreiz erregenden Kommentarspalten in sozialen Medien. Vor ziemlich genau einem Jahr hatte ich mich voller Hoffnung auf “New Roaring Twenties” geäußert; ich dachte damals wirklich, dass das neue Jahrzehnt uns alle eventuell auf einen besseren Weg führen könnte. Verschiedene soziale Bewegungen rings um den Globus hatten meine Hoffnung genährt, dass wir Menschen ES besser machen könnten. Doch was haben wir stattdessen bekommen? Covid19! So eine verf****e Sch***e! Eine Pandemie, die – und das kann man nach dem ersten Jahr leider unumwunden so sagen – in vielen Menschen das Allerschlechteste hervorgebracht hat. Covidioten, Reichsbürger, Esoteriker, Nazis und was ich nicht noch alles für Geschmeiß marschieren hinter den gleichen Fahnen her. Und unsere Politik? Macht Klein-Klein, verzögert, taktiert, verwirrt und verschleiert. Wenn das tatsächlich die Vorboten unserer “New Roaring Twenties” waren, dürfen diese gerne ohne mich weiter röhren…

SO! Dampf ist abgelassen, die Tabletten wirken und der Blick klärt sich langsam wieder. Ohne Frage, dass war ein verrücktes Jahr! Für die Welt, weil sich die Pandemie als echter Stresstest für Regierungsformen, unsere Art zu wirtschaften und die Weltgesellschaft insgesamt erweist. Und für mich, weil ich in all diesem Chaos, allen Widrigkeiten zum Trotz mein Projekt zu einem guten Abschluss bringen konnte. Es hat Energie und Kraft gekostet, aber das sind Kosten, die man nicht aufrechnen darf, wenn man etwas Neues auf den Weg bringen möchte. Und ich bin glücklich und zufrieden, dass sich der Einsatz immer mehr lohnt. Im Übrigen denke ich, das auch die restliche Welt wieder auf den Weg finden wird. Alle beklagen immer, was wir alles verlieren, bzw. was wir schon verloren haben. Und denkt man an die vermeidbare Übersterblichkeit, darf man ruhig auch mal mit dem Finger auf jene zeigen, die dazu negativ beigetragen haben. Sie wurden oben schon benannt.

Abseits der individuellen Trauer um persönliche Verluste, die manchmal nur schwer zu ertragen ist (ich hatte mein Teil davon schon im Februar ’20) sehe ich jedoch auch Grund zur Hoffnung. Jedes Ende ist immer auch die Chance für einen neuen Anfang. Und alles, was wirtschaftlich verloren geht, regeneriert sich in anderer Form wieder. Was mich dauert ist, dass wir abermals ein Fenster für echten gesellschaftlichen Wandel zu verpassen scheinen. Wieder einmal ist es Politik für das Geld, nicht für die Menschen, welche das Handeln in unserem Lande (und vielen Anderen ebenso) bestimmt. Doch anstatt zu versuchen unsere sozialen, politischen und wirtschaftlichen Prioritäten einmal ehrlich auf den Prüfstand zu stellen, wird überall nur der Status Quo verwaltet, als wenn es kein Morgen gäbe. Doch das Morgen ist schon da, es hat nicht mal angeklopft, sondern einfach die Tür eingetreten und sitzt jetzt in unserem Wohnzimmer auf unserem Sofa. NEIN, damit meine ich keine Zuwanderer, ihr sch*** Nazis da draußen. Ich meine den Wandel, den Covid19 jetzt einfach nur noch katalysiert: wachsenden Nationalismus, Abschottung, Rassismus, Spaltung. Der Brexit und “America First!” waren doch erst der Anfang vom Ende. Schaut auf die Visegrád-Staaten, dann wisst ihr, was eventuell in der EU als Nächstes kommt.

Ob ich ein Pessimist bin, wollt ihr wissen? Nein, bin ich nicht. Ich stecke irgendwo zwischen Optimist und Realist fest; momentan mit leichter Verschiebung Richtung Realismus. Aber ich habe Hoffnung, dass die Demokraten der Welt sich solchen Bewegungen entgegen stellen und dabei die Oberhand behalten können. Und ich wähle dabei bewusst einen Begriff aus dem Kampf, den kampflos werden die Wiedergänger der Undemokratie nicht wieder verschwinden. Sie brauchen die dargebotene Stirn jedes Aufrechten, um sie wieder in ihre Löcher zu treiben, wo sie hingehören. Immer wird gesagt, dass eine vitale demokratische Gesellschaft 10 – 15% Idioten und Faschos in ihrer Mitte vertragen kann. Das sehe ich auch so – aber nur, wenn die anderen 85 – 90% stets wachsam und kampfbereit sind, den braunen Abschaum in den Gully zu spülen, wenn es notwendig wird. UND ES IST JETZT VERDAMMT NOCHMAL NOTWENDIG! Andernfalls kapern diese Feinde der Freiheit nämlich auch weiterhin unter dem Deckmäntelchen der Meinungsfreiheit mit ihren Lügen, ihren Manipulationen und ihrem Getöse MEINE “New Roaring Twenties”! Und das Einzige was in denen erstmal röhren darf ist die Stimme der Demokratie!

Ich bin kein Narr. Die unheilige Allianz aus Faschos und Idioten wird nicht so mir nichts dir nichts verschwinden, solange jeder Fernseharmleuchter ihnen ein Mikro vor die Nase hält, in das sie dann munter “Lügen- und Systempresse” hinein brüllen dürfen. Und mit Ruhm bekleckern sich unsere Medien seit Monaten nicht, wo jeder unwichtige Furz im Wasserglas zu einem Tsunami der Empörung aufgebauscht wird. Kommt mal alle runter von eurer Schnappatmung. Denn, wenn wir zur Sachlichkeit zurückkehren und den Feinden unserer Demokratie konsequent keine Bühne mehr bieten haben wir immer noch gute Chancen auf ein Jahrzehnt voller positiver Entwicklungen. Ob es intolerant ist, Covidioten, Faschos, Esoteriker und Reichsbürger vom öffentlichen Diskurs auszusperren? Gewiss. Aber wie Karl Popper schon 1945 in seinem Buch “Die offene Gesellschaft und ihre Feinde” erklärte, führt vollkommene Toleranz notwendigerweise zum Verschwinden derselben, weil sie von den Intoleranten vernichtet wird. In diesem Sinne fordere ich Intoleranz gegenüber den Intoleranten!

Auch wenn dieser letzte Post des Jahres 2020 wenig versöhnlich daher kommt, wünsche ich euch allen da draußen einen guten Sprung nach 2021. Möge es ein besseres, gesünderes, gerechteres, freundlicheres, glücklicheres Jahr werden, als jenes krisengeschüttelte, das nun hinter uns liegt. Wir hören uns…

What about Dystopia…?

This morning I stumbled upon an article in the “Süddeutsche Zeitung”, which was referring to the desastrous release of the action-rpg “Cyberpunk 2077”, combined with the question, where one could find fresh dystopias? The author expressed his belief, that cyberpunk as a genre is old and therefore not relevant anymore. Well, everybody is entitled to his/her individual opinion, aren’t they. But I beg to differ!

One might complain the faulty unfinishnedness of “Cyberpunk 2077” as a tech product, which has been highly anticipated by many people for years now. And, regarding that aspect, the developers of the game, polish “CD Studio RED” truly failed on an epic scale. The game as is can be called a construction site in beta status, but not a finished product. And herein – albeit you might call that an ironic turn of events – lies a reference to the nature of cyberpunk dystopia itself: the game failed for the fans, because big money wanted as early a release as possible to generate profit from 2020 christmas sales. The corporation dictated the business framework and the developers are now being blamed for the poor outcome of the action taken. And despite all the online shitstorms, the strategy seems to work out at least economically. We’re speaking of 13 Million copies sold within just two weeks!

But the author of the article keeps on complaining about the weak tech and the visual aspects of the game, which – in his eyes – simply reproduct a distorted version of a bygone era: the 80s! And there you can see the shortsightedness of the aforementioned articles author regarding the nature of cyberpunk as a genre. The works of William Gibson, Neal Stephenson and for sure Philip K. Dick envisioned worlds, where capitalism in it’s final stadium had taken grasp of anything – even human emotions. That the author of the article refers to Mark Fisher, better known to the net-society as “k-punk” – an eloquent, renowned criticist of capitalism and popculture – for me is a second ironic turn; as Fisher has been pointing out, that capitalism in it’s actual form can only exist in the present. It can have no future, as a future would mean a change of the system. Cyberpunk is a most gruesome dystopian vision, as it shows, where an unchained capitalism could lead us. But the only thing, shortsighted people can (or want to) see, are neon lights and cyberware…

Now, don’t get me wrong: I know, that cyberpunk has been quoting itself for quite a while now. I pointed out at that myself quite a while ago. But so does capitalism. It’s always on the move to create new ways to cement it’s supremacy over our world; and subsequently the great social and economical inequality, it has created over the last one and a half centuries. Maybe there is no need for another dystopia? What could be accomplished by other dystopias? A better distraction from the status of our world and the fact, that – at least in a political and social sense – it doesn’t seem to be developing anymore? Or is the love for cyberpunk just a weird expression of the human wish, to have the power to return to “the good ol’ times”. Whenever I skim the internet, I read tons of comments in which people are telling, they wanted a time-machine, so they could go back to the 80s. What a marvelous time that has been…

In a sense the 80s must have been a simpler time than nowadays for some people. They had clear ideas of friends and foes, a simple economic aganda and most people nor knew neither cared for the problems of the rest of the world. That social and economic inequality already existed then, as they do now, can diligently be overlooked. Cyberpunk as a genre took those late 70s and early 80s as a starting point and created a possible path of further development of societies. Those roots are everpresent. And for some people (for example me) this is a good thing, as every cultural phenomenon – although they develop over time – must be seen in the context of it’s wake. Cyberpunk developed under the impression of the early reaganism/thatcherism and the impact, these politics had on a great many people. Looking back I can easily understand, what about all this unchained capitalistic mayhem scared some people to the point, they created these dystopias.

For me, cyberpunk is more, than just a subgenre of science fiction, that I frequently use as a theme for my rpg-campaigns. It is also a constant reminder, to never give up on the fight for human rights and better political solutions to the worlds many problems. The little I can do about the status of our world is being done. For example while writing this text; because I try to make people understand, that – to almost anything in life – there is more, than what you can see on the polished, neon-glitter-refelecting cyberware surface. Always remember, that even the most mainstream-looking imagery might have a hidden sense, you can only find, if you go searching for it. C U online…

Erwachsen bilden N°27 – Learning meets Gaming…

Ich habe angefangen eine Serie auf Netflix zu schauen, die sich mit der Entwicklung der Konsolen- und Computerspiele befasst: “High Score” weckte an einigen Stellen beinahe wehmütige Erinnerungen an vergangene Spielerfahrungen. Aber speziell die dritte Folge, welche sich mit Rollenspielen (hier speziell den Computer-Vertretern dieser Gattung) befasst, hat in mir ein paar Denkprozesse in Bewegung gebracht, die sich um die Frage drehen, warum wir eigentlich zocken und was das mit Lernen zu tun hat? Ich werde den Fragen in diesem Text zumindest ein wenig nachspüren…

“Sense of wonder”. Aus meiner Sicht ist es sehr schwer, diesen Begriff aus dem englischen treffsicher und vor allem sinnerhaltend zu übersetzen. Neulich fand ich auf Zeit-Online eine Umfrage zum Thema gefühltes und tatsächliches Alter. Ich nahm daran teil und meine Antworten zeichneten das Bild eines Kindskopfes. Zumindest ist das meines Wissens die umgangssprachliche Bezeichnung für jemanden, der seinen Spieltrieb niemals verloren hat und sich sogar redlich bemüht, dies nie eintreten zu lassen. Diese Mischung aus Neugier und gemeinsam überraschen-lassen-wollen (zumindest bei manchen Dingen), gemischt mit einem, gelegentlich an Fatalismus grenzenden Schulterzucken, wenn’s mal wieder nicht nach Plan gelaufen ist, korrelieren im Kontext des Big-Five-Model mit stark ausgeprägter Offenheit für Erfahrungen und Extraversion, sowie zumindest moderat ausgeprägter Verträglichkeit. Wahrscheinlich ist es das, was Menschen dazu bringt, sich nicht so alt zu fühlen, wie der Personalausweis es sagt…

Nun ist es so, dass, wenn man Hattie etwas Glauben schenken möchte, die Persönlichkeit des Lehrers ein wichtiger Faktor für den Erfolg pädagogischer Interventionen ist. Natürlich sind die Daten, auf denen seine Metastudie beruht, nicht mehr taufrisch, was dazu führt, dass der eine oder andere gerne darauf hinweist, dass wir uns die Themen E-Learning und Blended Learning noch mal anschauen müssen. Einverstanden. Allerdings sind die meisten Werke zum Thema Mediendidaktik, auf die man sich heute bezieht für das tatsächliche Design solcher Kursumgebungen nur begrenzt hilfreich. Erkenntnisse aus dem Arbeiten mit Printmedien in der Fernlehre wurden allzu oft beinahe ungeprüft auf New Media und Social Media transponiert. Und die wirklichen Aufgaben der Lehrperson bleiben im Dunkel. Content-Manager? Lernbegleiter? Trainer? Moderator? Beobachter?

Hier kommt nun der Gamer in mir ins Spiel. Meiner Erfahrung nach (das ist jetzt allerdings, wenn überhaupt, höchstens Ego-Empirie) funktionieren lebensnahe Erzählungen am Besten. Das Problem dabei ist Folgendes: in der Erwachsenenbildung setzt sich seit ca 20 Jahren nach und nach das Lernfeldzentrierte Unterrichten durch; ohne das je irgendwer ein echtes Theorie-Gebäude dafür entworfen, untersucht und validiert hätte, oder dass man den Unterrichtenden gute Handreichungen zur Umsetzung mitgegeben hätte. Wir wurschteln uns da trotzdem durch, weil die Erfahrungen uns ja Recht geben. Die Schüler sind jedoch aus dem allgemeinbildenden Schulwesen Fachsystematik gewohnt und fragen am Anfang verzweifelt nach dem roten Faden – und lassen sich in der Folge oft nur sehr schwer besänftigen.

Die Parallelen zum Rollenspiel sind interessant. Auch eine Gruppe von Spielern, deren Charaktere anfangen, ein neues Gebiet zu Erkunden, einem Geheimnis nachzuspüren, einen Gegner zu jagen, müssen zunächst herausfinden, welche Fragen man eigentlich stellen muss. Ich bin, wie hier schon öfter anklingen durfte, ein großer Freund der Mäeutik. Insofern macht es für mich wenig Unterschied, ob ich meinen Schülern im Unterrichtssaal eine Geschichte präsentiere, oder meinen Spieler am heimatlichen Wohnzimmertisch (etwas, dass ich dank Corona sehr vermisse…). Beide Situationen bauen auf einem Narrativ auf, in beiden Fällen muss ich die Teilnehmer dahin führen, die richtigen Fragen zu stellen und in beiden Fällen ist der Ausgang des Tages für mich vorher unklar, denn auch im Unterrichtssaal tauchen manchmal Fragestellungen und Wendungen auf, die ich nicht vorhergesehen habe.

Allerdings muss man auch die Unterschiede klar herausstellen: die intrinsische Motivation meiner Spieler ist auf einem ganz anderen Level, als die meiner Schüler, den Berufsschule ist halt doch eine Pflichtveranstaltung. Die Prämisse des Unterrichtes ist, den Schülern einen Zuwachs an Kenntnissen und Fertigkeiten zu vermöglichen, der in ihnen schließlich die nötigen Kompetenzen reifen lassen soll, gute NotSans zu werden. Am Spieltisch wollen wir einfach nur Spaß haben und zusammen eine Geschichte erzählen. Am Besten eine, an die man sich gerne erinnert. Vor allem die Motivationsdifferenz stellt für den Lehrer UND den Erzähler in mir ein Problem dar. Denn allen Unterschieden zum Trotz funktioniert in beiden Fällen das Narrativ nur, wenn alle (oder wenigstens fast alle) mitmachen, sich auf meine Erzählung einlassen, versuchen die richtigen Fragen zu finden – und diese irgendwann natürlich auch zu beantworten lernen.

Hier kollidieren “preußische Tugenden” wie Fleiß, Ordnungssinn, Gehorsam, etc. mit den modernen Erkenntnissen zum Lernen. Zweifelsfrei sind repititives Imitieren und Üben notwendig, um mechanistische Skills beherrschen zu lernen. Das Verständnis um die wahre Komplexität von Entscheidungsbäumen, die doppelte Handlungslogik, Ethik, Moral und die Notwendigkeit kommunikativen Könnens entsteht jedoch nicht durch bloßes Abschauen und stures Auswendiglernen / Nachmachen, sondern nur durch persönliche Erfahrung, soziale Erfahrung und Reflexion derselben. Vor allem die Fähigkeit, dabei auch die Standpunkte Anderer einnehmen zu können (also auch mal andere Rollen spielen zu können) ist dabei besonders wichtig. Und wenn ich mir nun die Entwicklung der Spiele seit den späten 70ern des letzten Jahrhunderts anschaue (siehe erster Absatz), stellt sich mir die Frage, wie wir unsere Narrative und unsere szenischen Inszenierungen derselben besser gestalten können?

Um es an dieser Stelle deutlich zu sagen: es geht NICHT um Kuschelpädagogik! Es geht darum, in meinen Schülern den gleichen “Sense of wonder”, die gleiche Neugier zu wecken, wie ich sie erlebe. Denn nur, wenn ich sie richtig motivieren kann, funktionieren meine Geschichten – genau wie am Spieltisch. Und das erfordert manchmal eine spielerische Herangehensweise, die dem Entwerfen eines Rollenspielszenarios durchaus ähnelt. Übrigens ähnelt auch das Wachstum der Schüler dem von Charakteren; nur dass ich im Lehrsaal am Ende eines Tages keine Erfahrungspunkte vergebe. Die Leveln dort auf anderer Weise. Ich stelle am Ende dieses Posts fest, dass ich noch ein wenig tiefer in diese Materie eintauchen muss. Darum gibt’s die Tage noch einen weiteren Teil. In diesem Sinne: always game and teach on!

Der verwirrte Spielleiter #28 – …und was ist mit dem Regelwerk?

Tja… wenn ich das so genau wüsste. Regelwerke für Pen’n’Paper gibt es ja wie Sand am Meer. Manche sind bekannter (D&D5E), andere fristen eher ein Nischendasein, wobei die Wahrnehmung der Spieler und Spielleiter, welche solche “Independent RPGs” nutzen, ja auch eine ganz andere sein kann (unseres ist das BESTE… 😉 ). Auf welche Art ich die (verdrehte) Realität einer Spielwelt darstellen möchte, ist letzten Endes eine Frage des persönlichen Geschmacks; und eine, welche Spieler und SL gemeinsam beantworten sollten. Denn tatsächlich gibt es für jeden Spielstil passende Regel-Mechaniken, die sich allerdings wiederum für andere Dinge nicht so gut eignen. Wenn ich eine rasante Story, cineastische Stunts und absolute Over-The-Top-Chars haben will, dafür aber wenig auf Realismus gebe, eignet sich zum Beispiel ein Tabellenmonster wie Rulemaster eher nicht. Für die aufwendige Simulation einer Schlacht hingegen macht Fate-Core eher wenig Sinn…

Womit wir schon bei einem grundlegenden Problem wären: Spielstil. Welches Zocker-Schweinderl hätten’s denn gern? Problem ist vielleicht die falsche Bezeichnung, weil natürlich alle das Recht haben, ihre Wünsche an Rollenspiel verwirklich sehen zu wollen. Ein Problem wird daraus erst dann, wenn man sich am Tisch nicht auf eine Linie einigen kann, mit der alle zufrieden sind. Es ist, wie in dem oben verlinkten älteren Artikel schon ausgeführt, höchst unwahrscheinlich, dass – selbst bei einer kleinen Gruppe mit max. 3 – 4 Spielern – alle am Tisch die gleichen Wünsche oder die gleiche Herangehensweise an Rollenspiel haben. Folglich bin ich als SL immer am ausbalancieren und rumprobieren und schaue dennoch immer wieder in enttäuschte Gesichter. Man kann versuchen, dem die Schärfe zu nehmen, indem man gleich am Anfang über Wünsche, Ziele, Prämissen, etc. spricht. Habe ich selbst oft genug vergessen. Manchmal lassen sich die Spieler aber auch mit Absicht ins kalte Wasser werfen. Da muss man als SL aber sehr darauf achten, alle am Tisch fair zu behandeln. Und akzeptieren lernen, dass die ausgeübte und die wahrgenommene Fairness nicht immer das Gleiche sind…

Zum Teil glaube ich, kommen die Probleme daher, dass Menschen, die sich die ganze Woche über mit hochkomplexen Problemen herumschlagen müssen einfach keine Lust haben, für das Hobby am Wochenende nochmal ganze Enzyklopädien zu lesen; will heißen, manche Regelwerke sind vielleicht einfach zu kompliziert. Sie machen, zumindest subjektiv, den Erzähl- und Spielfluss langsamer, denn sie führen zum regelmäßigem Blättern in Büchern und in der Folge zu obskuren und manchmal auch unfairen SL-Entscheidungen hinsichtlich der Auflösung dieser oder jener kritischen Situation. Ist mir als SL schon passiert, sieht man aber auch bei anderen auf dem heißen Stuhl (SL-Sessel) mehr oder weniger regelmäßig; was es allerdings nicht besser macht!

Natürlich spielen auch noch andere Faktoren eine Rolle, wie etwa die gewünschte Immersionstiefe des Spielers, die Tagesform, das angestrebte Action-Level / die Stunt-Lastigkeit der Abenteuer, der Anteil an Charakter-Interaktion und noch so ein paar Kleinigkeiten. Aber spätestens in dem Moment, da bei kritischen Situationen häufiger in Büchern gelesen, als über die Char-Aktionen gesprochen und gewürfelt wird – ich meine da Regelwerke, nicht die SL- oder Spieler-Aufzeichnungen, denn auch ich kann mir nicht jedes Detail meiner Erzählungen ohne Gedächtnisstütze merken – leidet, wie neulich beschrieben auch das Pacing. Und das ist ein Problem, denn hierbei verschenke ich unnötig möglichen Spielspaß für alle Beteiligten am Tisch.

Man könnte jetzt wohlfeil sagen “Dann lernt euren Scheiß halt vorher, dann müsst ihr nicht soviel blättern!”. Ich bezeichne die Aussage deshalb als wohlfeil, weil a) Menschen, wie bereits gesagt nicht immer die Zeit und die Nerven haben, sich so tief mit der Materie zu beschäftigen, wie manch selbsternannter Hochleistungszocker, aber dennoch spielen wollen und b) manche Regelwerke sich wirklich Mühe geben, relevante Informationen gut vor dem Zugriff durch Befugte zu schützen… Gelegentlich kommt noch dazu dass c) Spielrunde, Setting, Regelwerk und die oben beschriebenen anderen Faktoren vielleicht einfach nicht zusammenpassen? Das kommt in den besten Spielrunden vor und betrifft, sofern’s der Fall ist, sowohl Spieler als auch SL. Dann gibt’s nur eine Lösung: so lange an den Faktoren drehen, bis etwas Brauchbares dabei rauskommt.

Ich habe eine duldsame Spielrunde. Die lassen sich von mir viel gefallen. Und doch ist mir aufgefallen, dass unser Pacing manchmal wesentlich besser sein könnte. Also habe ich mal gefragt, wie die Spieler denn zu dem bei uns bespielten Homebrew-System stehen? Ich hätte ja jetzt gedacht, da kommt was zu Tage. Aber anscheinend mögen sie’s – wenngleich eingeräumt wurde, dass man sich an manche Sachen erst gewöhnen musste – mittlerweile sogar. Und jetzt weiß ich auch nicht so recht… ich habe mir in den letzten Tagen ein paar Gedanken zu einem schlankeren System gemacht, ‘n bisschen mit Zahlen gedrudelt und Tabellen geschrieben. Für’s Erste war die Mühe wohl umsonst. Wenn es aber nicht das Regelwerk ist, dass uns manchmal fast zum Stillstand kommen lässt, was ist es dann? Vermutlich bin ich manchmal selbst abgelenkt; was ein SL eigentlich nie sein sollte. Ich denke, ich werde die nächste Sitzung etwas aufmerksamer beobachten müssen. Wir werden sehen.

Welche Probleme habt ihr denn in euren Runden so mit Pacing? ich würde mich echt mal freuen, wenn jemand tatsächlich mit mir in Kontakt tritt. Ansonsten – always game on!

Fresh from Absurdistan N°30 – Gesinnungsdiktatur?

Frisch zum Fest – auch wenn’s noch ein paar Tage hin sind, wird schon wieder überall um Fragen des Konsums, des Verzichts und deren Notwendigkeit gestritten. Man könnte einfach mal ein unperfektes Weihnachten feiern, wird auf ZON getitelt. Da hätte ich mal ‘ne Frage: WAS ZUM HENKER IST EIN PERFEKTES WEIHNACHTEN? Und falls es sowas überhaupt geben kann, wer schreibt MIR mit WELCHEM RECHT vor, wie MEIN perfektes Weihnachten auszusehen hätte? Hm…? Eigentlich wollte ich nicht jammern, aber ein paar zu viel reden jetzt schon wieder von Gesinnungsdiktatur, weil sich Menschen über die Fehler unserer Gesellschaft Gedanken machen. Wir sollten alle mal wieder etwas lockerer werden!

Das, was ich letztes Jahr am zweiten Feiertag schrieb, ist ein Jahr später, wenn auch von von aktuellen Ereignissen überschattet (man erinnere sich: PANDEMIE UND SO), für mich nach wie vor gültig. Wir brauchen unsere Rituale, um uns daran zu erinnern, dass wir, allen Widrigkeiten zum Trotz, immer noch Menschen sind. Und zu diesen Ritualen gehört für viele Menschen eben auch, einander zu beschenken. Traditionen sind durchaus, wie jedes andere kulturelle Artefakt auch, einem Wandlungsprozess unterworfen. Dieser Wandel hat üblicherweise allerdings die Geschwindigkeit kontinentaler Plattendrift. Was in der Folge bedeutet, dass sich Bedeutung und Art des Feierns auch im Bezug auf das Weihnachtfest im Lauf der Zeit ändern.; aber meist so langsam, dass es uns immer erst hinterher bewusst wird. Mal davon abgesehen, dass unsere Weihnacht- so christlich sie heutzutage auch im Gewande daher kommen mag – von heidnischem Brauchtum, nämlich dem Sol-Invictus-Fest abgeleitet ist. Wer’s noch nicht weiß, sollte sich mal mit der Religionspolitik Konstatins des Großen (römischer Kaiser) befassen.

Wie viel es denn nun braucht, um jemanden glücklich zu machen, darüber kann man gerne diskutieren. Auch wenn ich denke, dass es da wie mit dem individuellen Geschmack ist: eigentlich verbietet sich Streit darüber, denn die Ansichten sind, wie eben schon gesagt hoch individuell. Doch genau da fangen die Probleme an. Schaut man sich nämlich mal die Kommentarspalte unter dem oben verlinkten Artikel an, fallen einem zwei Dinge auf: erstens, dass Aufrufe zum Konsumverzicht zu Weihnachten schon selbst eine gewisse Tradition haben und trotzdem viele, Leute jedes Jahr auf’s Neue auf die Palme bringen. DOGMATISMUS AHOI! Und zweitens, dass physical distancing aus Pandemie-Gründen und das eben erwähnte Konsum-Bashing hier in unzulässiger Weise verknüpft werden.

Ich würde mich ja drauf einlassen, wenn jemand sagte, dass das persönliche Überreichen von Geschenken aller Art im weiten Familienkreis dieses Jahr eine blöde Idee sei (ist es nämlich, weil, PANDEMIE und so…). Was nicht bedeutet, dass man sich nicht trotzdem was schenken dürfte. Auch das es möglicherweise dämlich ist, jedes Jahr seinen Scheiß auf den letzten Drücker besorgen zu müssen, zeugt jetzt nicht gerade von guter Planung, wer an einem normalen 23.12 durch deutsche Innenstädte geht, weiß schon, was ich meine. Dieses Jahr ist es nun eben der 15.12 – nur viel schlimmer, weil daraus ein Superspreading-Event par excellence wird. Man könnte auch ein bisschen auf Amazon schimpfen, weil die schiere Größe des Unternehmens mittlerweile den stationären Einzelhandel an vielen Orten existenziell bedroht; und das auch, wenn gerade nicht Corona ist. Jeff Bezos hat vermutlich mittlerweile einen Geldspeicher wie Dagobert Duck… Und grundsätzlich ist Weihnachten als prandiale Konsumattacke auch ein Anschlag auf meine eh schon bescheidene Figur. Verzicht ist so verdammt viel schwieriger, wenn’s auch noch dauernd was Leckeres gibt.

Aber was haben die Dinge miteinander zu tun? Konsumieren wir tatsächlich noch mehr, um uns über ein Jahr des Verzichts trösten zu können? Falls wirklich irgendjemand das glaubt, empfehle ich eine präzise, individuelle Selbst-Analyse folgender Frage: WER HAT WANN UND WARUM AUF WAS VERZICHTEN MÜSSEN? Ich verstehe, dass es Menschen gibt, die durch die Maßnahmen gegen die Pandemie ihre Existenz bedroht sehen – so wie ich Menschen sehe, die durch die Pandemie an Leib und Leben bedroht sind, bzw. schon dadurch umgekommen sind. Und Ersticken ist kein schöner Tod; soviel hat mich meine Tätigkeit im Rettungsdienst gelehrt. Aber bei Fragen wie den Folgenden könnte ich schreiend davon laufen :

  • “Ich konnte nicht dahin reisen, wo ich hin wollte!”
  • Ja, ging mir auch so, aber ich habe meinen Frieden damit gemacht.
  • “Ich konnte nicht feiern gehen!”
  • In den letzten Monaten hatte ich vor lauter Arbeit eh keine Zeit zum Feiern.
  • “Ich darf niemanden mehr treffen!”
  • Doch, dürft ihr, aber dabei ist Vorsicht angesagt.
  • “Ich konnte nicht einkaufen, wann und wie und was ich wollte!”
  • Herrgott, wie hat dieses Volk nur mit den alten Ladenschlusszeiten, wie ich so noch aus meiner Kindheit kenne überlebt? Da war um 18:30 Schicht!

Und so geht das in einer Tour. Das Einzige, was für mich immer mehr offenkundig wird, ist die egomane Degeneration unserer sogenannten “Gesellschaft”. Mehr nicht; weniger leider auch nicht. Es ist vollkommen egal, ob draußen eine Pandemie unterwegs ist, oder die Klimakrise, oder eine radioaktiv verstrahlte Riesenechse, die Häuser verspeisen kann: ICH WILL MEIN FÖRMCHEN! Ein riesiger Haufen sturer 4-Jähriger beherrscht den öffentlichen Diskurs. Oder soll ich besser “das sinnentleerte öffentliche Dissen und Rumschreien” sagen? Wenn es etwas gäbe, dass ich mir für Weihnachten wünschen dürfte (neben den wenigen materiellen Wünschen, die sich auf ‘ne Buddel guten Schnaps und hochwertige Küchenutensilien beschränken), dann wäre das wirklicher Frieden. Dass die ganzen sturen 4-Jährigen einfach mal ein paar Wochen die Fresse und sich selbst an die Anti-Pandemie-Maßnahmen halten!

Ja, wir werden uns, vor allem aber unseren Kindern etwas schenken. Ja, ein paar wenige Stücke davon wurden auch bei Amazon bestellt, schuldig im Sinne der Anklage. Ja, wir haben einen echten Baum (aus dem Schwarzwald, der Verkäufer steht jedes Jahr hier im Viertel). Ja, wir werden viel zu viel essen (Bio-Freiland-Gans aus Hessen zum Beispiel) und trinken (die Buddel Schnaps…?). Und ja, wir werden zu Hause bleiben, sanft entschleunigen und sehen, dass wir etwas Ruhe finden in unruhigen Zeiten. Und wir werden Freunde treffen – via Zoom-Call. Und ganz ehrlich – damit wird dieses Weihnachten wahrscheinlich nicht sehr viel anders, als die davor. Weil nicht wichtig ist, was geschenkt oder gegessen oder getrunken und womit geschmückt wird – sondern mit wem ich die Festtage verbringe; nämlich mit den Menschen, die mir gut tun und nicht mit jenen, denen ich mich aus irgendwelchen unwichtigen Gründen verpflichtet fühle. Reduce to the MAX and RELAX! Schönen Lockdown…

Der verwirrte Spielleiter #27 – Wie schnell ist zu schnell?

Es ist schon fast eineinhalb Jahre her, dass ich mich mal mit Pacing befasst habe; ich kam damals zu der Konklusion, dass man mit den richtigen Stellschrauben die Wünsche der Spieler und die Notwendigkeiten der Geschichte miteinander in Einklang bringen könnte. Pacing bedeutet für mich, die Rhythmik einer Geschichte bewusst zu steuern, ohne dabei die Spieler-Agenda überschreiben zu wollen. Is ‘n schwieriges Feld, so viel kann ich sagen. Nun habe ich heute morgen bei Guy Sclanders (er hosted “How to be a great gamemaster” auf Youtube) ein Video angeschaut. Und was er zu sagen hatte, deckt sich in der ersten Hälfte durchaus mit meinen Ausführungen von 2019. Gegen Ende des Videos macht er allerdings Zeitangaben, die ich problematisch finde.

Präzise geht es um Standard-Zeitvorgaben für Action-Encounters (Kämpfe), und vor allem für die Character-Interaction-Anteile. Grundsätzlich hat er nicht Unrecht, wenn er sagt, dass Spielgruppen sich manchmal um sich selbst zu drehen beginnen und dann nicht zu Potte kommen, weil sie (unnötigerweise) diskutieren, anstatt zu agieren. Für mich als SL ist das auch nur manchmal amüsant. Ich bin allerdings, im Gegensatz zu Guy, nicht sofort bereit, die Angelegenheit per SL-Aktion zu beschleunigen. Natürlich ist es manchmal schwierig, zusehen zu müssen, wenn das gleiche Thema noch mal und noch mal und noch mal durchgekaut wird. Insbesondere, wenn eigentlich jedem klar sein könnte, dass Pen’n’Paper sehr häufig vom vom “Plan X” vorangetrieben wird. Vor allem als Spieler kriege ich bei ausufernden Planungs-Sitzungen die Krätze.

Auf mich als Spieler komme ich nachher noch mal zurück, doch als SL bin ich nun an einem schmalen Grat: was ist noch legitime Charakter-Interaction und was unnötige, weil für alle zeitraubende Player-Interaction? Ich möchte beides bewusst unterschieden wissen, denn meistens ist es die Player-Interaction, welche die Probleme macht. Pen’n’Paper ist ein soziales Spiel und soll das auch sein. Aber ab einem bestimmten Punkt muss ich zwischen Charakter-Agenda und Spieler-Agenda unterscheiden, sonst spiele ich nämlich im Spiel irgendwann keine Rolle mehr, sondern nurmehr mich selbst. Das passiert bei Runden, bei denen es keine standardisierte Konvention hinsichtlich In-Character-Acting und Out-Character-Acting gibt, ziemlich leicht. Ich nutze am Tisch solche Regeln nicht – und manchmal ist das ein Fehler!

Die Spieler wechseln dann zu oft zwischen In- und Out-Char hin und her und vermischen dabei vollkommen automatisch Spiel- und Meta-Ebene. Komme ich aber zu oft und zu weit auf die Meta-Ebene, entsteht kein Spielfluss mehr – oder anders gesagt: mein Pacing ist im Arsch! Natürlich ist es so, dass man das als SL irgendwann einfangen muss. Die Frage, welche sich stellt ist allerdings: WANN? Eine Runde, bei der ich In-Character bleiben muss, solange ich am Tisch sitze, wäre mir persönlich zu anstrengend. Denn natürlich gehört das Meta-Gelaber genauso zum Spiel, wie meine (hoffentlich) bewegende Ansprache an den Drachenkönig… Und ich wage jetzt einfach mal zu behaupten, dass die In/Out-Char-Grenze nicht nur fließend ist, sondern von Spieler zu Spieler und Gruppe zu Gruppe unterschiedlich! Womit die oben erwähnten Standard-Zeitvorgaben obsolet werden.

Ich lasse meinen Standard-Spielern in dem Kontext meistens eine ziemlich lange Leine – mit dem Ergebnis, dass ich sie dann manchmal doch durch SL-Handeln zum Agieren antreiben muss. Ich zahle diesen Preis allerdings ganz gerne, weil dadurch nicht selten eine höchst bemerkenswerte – weil tiefe – Character-Interaction entsteht. Und die ist nicht nur für mich das Salz in der Pen’n’Paper-Suppe. In der Hinsicht wäre ich von Guys Standpunkt aus vermutlich also kein “Great Gamemaster”; is mir aber wurscht. Der Spieler in mir ist da allerdings etwas ambivalenter unterwegs. Wie gesagt: Planungs-Sitzungen, die kein Ende finden wollen, sind mir ein Graus, weil am Ende aller Planung eh in 99% aller Situationen irgendwer irgendwas kritisch verkackt und damit der Rest des Plans für den Popo ist… et voilá: Plan X! Einfach mal machen und schauen, wie weit man kommt. Sich mal mit Wucht durch die Action bullshitten macht nämlich Spaß. Also, mir zumindest…

Was jedoch mitnichten bedeuten soll, dass mir Character-Interaction keinen Spaß machen würde. Das Gegenteil ist der Fall! Allerdings nur, wenn nicht gerade irgendwelche kritischen Pläne geschmiedet wurden und dann jemand anfängt, ein bereits fertig beschriebenes Detail noch mal diskutieren zu wollen. Keine Frage – kein Schlachtplan war je perfekt, aber wenigstens haben wir einen, OK! Und Sunzi wusste schon, dass eh so gut wie kein Plan die erste Berührung mit dem Feind übersteht. Also immer schön locker und zur Improvisation bereit bleiben. Ach – und habe ich schon mal gesagt, dass mich Spielleiter nerven, die “NEIN” sagen, wenn ich irgendwelchen absurden Ideen auskoche? Gebt euren Spielern die kleine Chance auf ein enormes Erfolgserlebnis. In vielen Fällen scheitern solche Stunts sowieso, aber allein der Versuch ist geil, denn man kann auch cineastisch scheitern und Spaß daran haben. In diesem Sinne – always game on!