Widerspruch Olé!

Ich finde Ratgeberbücher meistens eher belustigend. Man wird zumeist wortreich, gelegentlich humorvoll, aber eigentlich immer belehrend darüber aufgeklärt, wie schlecht man sein Leben nach Auffassung des Autors lebt und wie man das alles viel besser hinbekommen kann, wenn man dies oder jenes tut; oder auch unterlässt. Nun sollte ich mal kurz ehrlich zu mir sein, auch wenn es schwer fällt: Ich hasse es wie die Pest, wenn jemand den Oberlehrer gibt – und es ist mir dabei so was von vollkommen egal, ob dieser Penner eventuell sogar recht hat!

Was man – egal ob in der trivialen Literatur, oder auch sonst wo im Leben – viel zu selten antrifft, ist der Mut zur Widersprüchlichkeit, zum Zwist mit sich selbst, zum Bekenntnis, dass das Menschsein zwar oft nach einer klaren Linie verlangt, die Umstände aber nur sehr selten eine hergeben. Es mag das eine oder andere Mal schon angeklungen sein, dass ich Dogmatismus in jedweder Darbietungsform für eines der größten Übel überhaupt halte; zum einen, weil der unumstößliche Glaube an die Richtigkeit der eigenen Meinung den Blickwinkel unnötig und vor allem unzulässig einengt. Wahrnehmung hat ja auch etwas mit wahrnehmen wollen zu tun, wie selbst der Volksmund schon weiß. Und zum anderen, weil das immanente Verkündet-werden-Wollen dessen, woran man sich ja nun so unglaublich fest klammert unweigerlich dazu führt, dass der Dogmatiker jenen, die er mit seiner Weisheit zu beglücken glaubt, alsbald ganz furchtbar auf den Wecker gehen wird.

Man versucht in Dogmen, durch eine einseitige Sicht der Dinge Sachverhalte zu vereinfachen, die deshalb nicht einfach sind, weil die schlichte Existenz des gesellschaftlichen Pluralismus nicht nur eine eigene Meinung ermöglicht, sondern sie überdies auch verlangt. Begnügt man sich damit, die Weltsicht eines Anderen unreflektiert anzunehmen, wird man über kurz oder lang Kompromisse mit demjenigen, sich selbst oder Dritten eingehen müssen, die einem nicht schmecken. Woraus sich die Frage ergibt, wie viele Kompromisse man denn unbedingt eingehen muss, nur um sich selbst auf konformistisch zu trimmen? Ich meine ja, dass diese Zahl recht begrenzt ist, falls man seine persönliche Autonomie irgendwie gewahrt sehen möchte. Mit den unterschiedlichen möglichen Weltsichten, den daraus resultierenden politischen und sozialen Aktivitäten, die alles bis hin zum individuellen Lebensentwurf – sofern man einen hat – beeinflussen wird man, so man sich zu ein wenig Toleranz durchringen kann, jedoch mit Widersprüchlichkeiten und Spannungsfeldern leben müssen, die sich nicht selten als unauflösbar herausstellen. Dogmen helfen einem hier allerdings höchstens bis zu der Tür, durch die das Brett vor dem Kopf wegen der Breite nicht mehr durchpasst…

Aber solche anscheinend unvereinbaren Gegensätze findet man ja nicht nur bezüglich sozialer Beziehungen, sondern auch in den Untiefen der eigenen Persönlichkeit. Für mich als alten Sozen hat zum Beispiel die Konfrontation mit den verschiedensten Fragen im Laufe der Zeit zur Adaption einiger durchaus als wertkonservativ anzusehender Positionen geführt. Ich sehe aber keinen Widerspruch darin, auf der einen Seite für gerechtere Sozialsysteme zu sein – wie auch immer die dann aussehen würden – und auf der anderen Seite gerne Manchen aus der Sozialhängematte hinaus stoßen zu wollen, weil er meiner Meinung nach halt nix drin zu suchen hat. Und das ich durchaus für leistungsgerechte Entlohnung bin; was aber vermutlich, konsequent durchgezogen, dazu führen würde, dass so mancher vermeintlicher “Leistungsträger” sich ganz schön umkucken würde, wo den plötzlich sein Kohle bleibt…

Ist nur ein plakatives Beispiel und ich bin mir sicher, dass die allermeisten an sich Zwiespältigkeiten entdecken könnten, die nachdenklich machen müssten. Es ist aber Teil unserer menschlichen Natur, dass unsere Persönlichkeit sich ein Leben lang in einer Art Fließgleichgewicht befindet, dass sich immer wieder neu regulieren muss. Die sich scheinbar ohne unser Zutun weiterbewegende Umwelt nimmt uns mit auf diese Reise, egal ob wir das wollen oder nicht und unsere Persönlichkeit wird dabei, zumindest in Teilen, dazu gezwungen, sich anzupassen, was unausweichlich immer wieder zu Unstimmigkeiten im Oberstübchen führen muss. Da wir Homo Sapiens Sapiens nämlich ziemliche Gewohnheitstiere sind, die mit allzu schneller Veränderung unseres Lebensumfeldes gar nicht so gut umgehen können, wie das immer gerne von den auf die Entgrenzung von Arbeitszeit und Ort geilen Arbeitgebern behauptet und somit auch verlangt wird. Menschen können sich sehr wohl verändern, aber je radikaler und willkürlicher diese Umgestaltung ausfällt, desto schwerer kommen wir hinterher wieder in Tritt.

Tatsächlich sind all diese Veränderungen ja aber von uns Menschen selbst gemacht, denn die oft überwältigende Dynamik, welche unserer Umwelt heutzutage innewohnt, kommt erst durch die Schaffenskraft, Kreativität und Neugierde vieler Einzelner zu Stande, die sich in ihrer Vernetztheit zu einem unaufhaltsamen Motor der Veränderung vereint. Und dessen Kraft bewegt uns Alle, wobei es gleichgültig ist, ob wir gerade mal zu den Innovatoren, oder zu den Mitgerissenen gehören. Womit der größte Widerspruch unserer Existenz wohl wäre, dass wir uns einerseits dem Bekunden nach dauernd nach der guten alten Zeit sehnen – auch wenn die erst gestern zu Ende gegangen sein mag – und andererseits unsere Schaffenskraft willig in Veränderungen stecken, von denen wir uns eine Verbesserung versprechen; gleich auf welchem Gebiet die Anstrengung stattfinden mag, ob sie groß oder klein sei, bedeutend oder unbedeutend, für alle oder nur für uns…

Die Sehnsucht nach einer Beständigkeit, welche uns die Illusion von Sicherheit und Geborgenheit in einer gefühlt immer verrückter werdenden Welt gestatten soll, ist ein mittlerweile immer unerfüllbarer gewordener Traum. Und dennoch orientiert sich unser Anspruch an der Vorstellung einer (non-existenten) Vollkasko gegen alle Eventualitäten des Lebens. Wie wäre es da mit einem Wider-Spruch gegen den Anspruch? Mit einem Zügeln des eigenen Verlangens? Es wäre eine Mischung aus dem Eingeständnis, dass Sicherheit, so allumfassend, wie wir Deutschen sie gerne denken, schon immer ein Trugbild gewesen ist und dem Anerkennen der Möglichkeiten und der Kraft, die sich in den von uns so gefürchteten Unwägbarkeiten des Lebens verstecken. Einfach mal leben anstatt versichern! Ich finde Widersprüchlichkeiten spannend, denn sie lassen mich niemals vergessen, dass jedes Ding mehr als einen Aspekt hat. Viel Spaß beim Entdecken der persönlichen Paradoxa.

Schreibe einen Kommentar

Deine E-Mail-Adresse wird nicht veröffentlicht. Erforderliche Felder sind mit * markiert.