re-post to re-think… N° 2

Wetterkapriolen im April – Schneetreiben mit Gewitter!
Stromgitarren. Ich meine, Musik mit Stromgitarren, also am besten zwei davon, dazu ein Strombass, ein Schlagzeug und, falls unbedingt benötigt ein Keyboard; fertig ist ein Ensemble, dass mein Herz zu gewinnen vermag. Ich bin dabei nicht auf eine spezielle Richtung von Stromgitarrenmusik festgelegt – wie ich schon häufiger festgestellt habe, bin ich kein großer Freund von Dogmen – vielmehr gibt es Vertreter unterschiedlichster Stilrichtungen, die mich faszinieren. Ich höre auch andere Musik, aber zugegebenermaßen ist Stromgitarrenmusik so richtig mein Ding. Immer noch! Und diese Feststellung ist hier wichtig, mich durchzuckte nämlich kürzlich der Gedanke, dass der landläufigen Meinung zufolge der Musikgeschmack ebenso einem Reifungsprozess unterworfen sei, wie alles andere auch. Und dass folglich die Zeit für Stromgitarren vorbei sein müsste, wenn man so richtig erwachsen würde. Was mich ängstigte, weil ich doch meine Stromgitarren so mag, und mir eigentlich geschworen hatte, niemals ein Fan von Marianne und Michael zu werden. Ich hab nix gegen die als Menschen, weil ich sie ja gar nicht persönlich kenne, aber dieses schunkelselige Humptata geht mir halt auf den Sack. Und so manches andere auch…
Da ich aber immer noch nicht zum Liebhaber von Volksmusik geworden bin, begann ich mir so zu überlegen, dass das mit dem Musikgeschmack großer Käse ist, denn habe ich ihn einmal entwickelt, ändert er sich wohl nicht mehr so leicht. Zudem kannten wahrscheinlich meine Vorgängergenerationen das mit den Stromgitarren noch nicht so gut, und taten es als kindischen Quatsch ab, weil es ihren, unter anderen Einflüssen sozialisierten, Wahrnehmungsschemata zuwider lief. Aber jetzt gibt es Menschen meines Alters und auch so manchen deutlich darüber, der trotz sonstiger Reife (Kennzeichen hierfür sind eine feste Partnerschaft, Kinder, eine feste Bleibe, Schulden und eine gewisse Abgeklärtheit im Umgang mit dem Leben und seinen Stromschnellen an sich) immer noch Stromgitarren mag; was mir erhebliche Hoffnung bereitet, so im Bezug auf Marianne und Michael!

Es liegt mir fern, einfach nur meine alten Texte zu recyceln. Diese Zeilen stammen aus einem Text vom November 2014. Da wusste ich dann auch offiziell, dass ich Depressions-erkrankt bin. Und es wirkt so, als wenn Zeit und Muße, sich ausführlicher mit sich selbst auseinandersetzen zu können, manchmal echte Wunder bewirken. Da es uns Menschen oft schwer fällt, nach vorn zu blicken, weil so viele Variablen die Sicht versperren, ist der Bezug zu dem was war, und dem was man hatte, der natürlichste Ausweg – und leider auch die schlimmste Falle. Denn, wenn wir stets die Vergangenheit als Referenzpunkt für unsere Introspektive nehmen, wird der Blick auf die – vollkommen unbekannte – Zukunft immer Unbehagen, ja sogar Angst ausösen MÜSSEN. Wandel wird dann zu einem Endgegner; und diesen Bosskampf werden wir, genau wie gegen den Wäscheberg Level 267 immer wieder verlieren! Weil die Zukunft objektiv Terra Incognita bleiben MUSS! Daran zu verzagen ist aber – aus meiner ganz persönlichen Sicht, und hey, ich bin depressiv! – keine Option. Hier hilft eine gute Portion solides altes Re-Framing. Abkucken bei Pippilotta Viktualia, wenn sie da so schön singt „…ich mache mir die Welt, widdewidde wie sie mir gefällt!“ Klingt blöd? Ist aber die einzige Möglichkeit, dem eben beschriebenen Dilemma zu entkommen.

Mir ist bewusst, dass bei weitem nicht alle Menschen mit der Gabe gesegnet sind, die Welt mit den Augen eines Kindes, staunend, neugierig, gestaltend, erforschend zu betrachten… NAAH, DER SATZ IST KÄSE! Ich will auch erklären warum. Ich lese momentan ein Buch, so weit nichts ungewöhnliches. „PEAK. Secrets from the new science of expertise.“ befasst sich damit, wie man zum „expert performer“ wird. Und zwar unabhängig vom Fachgebiet, in welchem man unterwegs ist. Anders Ericsson bedient sich dabei am Anfang eines Beispiels, nämlich des „perfect pitch“, des absoluten Gehörs, von welchem man lange dachte, dass es eine angeborene Begabung sei (er erzählt dabei über Wolfgang Amadeus Mozart). Dies ist jedoch, der neueren Kognitions-Wissenschaft zu Folge, falsch! Es ist, wie’s aussieht, alles eine Frage des richtigen Trainings zur richtigen Zeit. Es gibt wohl manchmal obere Limits – aber diese liegen deutlich über dem leicht zu erreichenden Durchschnitt, welchem man als Bewohner der Wohlfühlzone üblicherweise angehört. Woraus folgt, dass das Verlassen der Komfortzone und die richtige Form von Training einen immer voran bringen können, wenn man denn will. Und weil die Kognitionswissenschaft mittlerweile auch weiß, dass die Neuroplastizität, und damit auch die Lernfähigkeit über weite Strecken des Lebens (also auch bis ins höhere Alter) erhalten bleiben, gibt es auch keine Ausrede, weil man schon über 40, oder sogar bald 50 ist.

Was diesbezüglich für Fähigkeiten, Fertigkeiten und Wissen gilt, das kann, nein Muss – so meine ganz persönliche Interpretation – auch für unsere Emotionen gelten. Der Mensch ist auch emotional lernfähig, andernfalls wäre das Ändern einmal gefasster Einstellungen nicht möglich. Das dies aber funktioniert, lässt sich an vielen Beispielen ablesen. Etwa an Ex-Nazis, die wieder re-integriert werden konnten. Überdies sind Lernen und Emotionen stets miteinander verbunden. Was bedeutet, dass man lernen kann, sich von der Zukunft nicht (mehr) überwältigen zu lassen. Das geht nicht schnell, das ist manchmal schmerzhaft und das bedarf gewisser Anstrengungen – aber es ist möglich. Und das sogar, ohne dass man zu einer gefühlskalten Maschine wird. Der Weg ist sicher für jeden Menschen etwas anders. Aber er ist vorhanden! Man muss ihn nur finden und beschreiten. Für mich selbst ist Wandel zu einem Motor geworden, der mich immer wieder aus meinen tiefen Tälern voller Lethargie und Verzweiflung reißt. Essenziell ist für mich, dass es nicht zu viel wird. Aber mit etwas Übung klappt auch das mittlerweile wenigstens oft ganz gut. Aber sagte ich nicht gestern Abend, der Weg sei das Ziel…? Ich würde mir wünschen, dass mehr Menschen sich darauf besinnen könnten, dann gäbe es weniger Dogmatiker und weniger Leid. Ich wünsche einen schönen Tag.

Das Buch, auf welches ich Bezug nahm.
Auch als Podcast…

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