Mobilität – was ist das denn überhaupt?

Dieses Wort, dieser Begriff trägt so viel unterschiedliche Aspekte in sich, dass es allein schon schwierig ist, abseits der Etymologie zu klären, ob er überhaupt eine allgemeingültige Bedeutung haben kann. Die Herkunft ist einfach zu klären, daher bescheide ich mich mit einem Hinweis auf’s Lateinische und auf Google, denn mittels Suchmaschinen Gelehrsamkeit zu Heucheln, ist mir viel zu sehr zum Volkssport verkommen, als ich mich daran noch wesentlich beteiligen möchte.

Doch zurück zum Begriff. Vielleicht ist es einfacher, wenn man quasi einen Spiegel benutzt und sich dem Gegenteil von Mobilität zuwendet? Klingt nach einer schlauen Idee, doch wie das Leben so spielt, kommt schon die nächste wenig unkomplexe Frage daher, nämlich wie ich dieses Gegenteil definiere? Ist es einfach die Abwesenheit von Bewegung, oder doch das Fehlen der Möglichkeit von Bewegung, ist dieser Mangel auf einen Lebensaspekt beschränkt, oder ubiquitär – und ist ein subjektives Mobilitätsdefizit überhaupt ein objektives Defizit im wahrhaft negativen Sinne?

Ein kleiner semiotischer Exkurs. Beide Seiten einer geprägten Münze lassen bei verschiedenen Lichtverhältnissen und Betrachtungswinkeln je neue Muster erkennen, die optischer Verzerrung entspringen, den Werkzeugspuren des Schöpfers, dem Abstand zum Betrachtungsobjekt, oder sonst was, sind also abstrakt viel zu sehr in mannigfaltige Kontexte eingebunden, um eine schnelle, gültige Aussage über die Beschaffenheit geben zu können und in gewissem Sinne ist das ein passendes Bild, denn so wie Mobilität als angebliches Grundbedürfnis menschlichen Daseins, wie es in vielen Artikeln immer wieder postuliert wird bei näherem Hinsehen mindestens so viel Probleme wie Lösungen beinhaltet, welche zudem nur selten dychotomisch zueinander stehen, bilden auch die beiden Seiten der Münze einen Gegensatz, der nicht einfach aufgelöst werden kann. Auf der einen Seite steht das Bild, auf der anderen die Zahl und auch das ist ein schönes Analogon zum Leben, wo sich das Symbol und eine ihm beigegebene Ordnungszahl, die nur allzu oft einen pekuniären Wert bezeichnet sich in einem sinnentleerten Raum begegnen. Was macht zum Beispiel den Geldwert eines Kunstwerkes aus, wer legt ihn fest und warum wird er bezahlt. Auch das ist ein Aspekt von Mobilität, sowohl von sozialer – denn für den Künstler ist es vielleicht ein Aufstieg – als auch von Monetärer, denn hier wird Geld bewegt.

Dieser Symbolik folgend stellt sich Mobilität zuallererst als ein messbarer Wert dar, nämlich hinsichtlich ihrer ökonomischen Kosten/Nutzen-Relation. Und das vollkommen unabhängig davon, ob es sich nun um räumliche, soziale oder intellektuelle Mobilität handelt. Soziale Mobilität kostet – vor allem Investitionen in Bildung – wirft aber Profit ab: gesteigerten Sozialprestige, höheres Einkommen etc. Räumliche Mobilität erfordert ebenso finanziellen Einsatz – z.B. für ein Auto oder für die Zugfahrkarte – kann aber unter günstigen Umständen einen Benefit einbringen, z.B. durch eine besser dotierte Arbeitsstelle. Intellektuelle und soziale Mobilität sind durch den Begriff Bildung eng miteinander verknüpft, wenngleich objektive Kennzahlen hier deutlich schwieriger abzuleiten sind.

Wenn ich nun aber feststelle, dass Mobilität vielleicht doch weniger mit der angeblich dem menschlichen Genom imprägnierten Wanderlust korreliert, sondern eher mit der rein ökonomischen Verwertbarkeit meiner gemäß den obigen Betrachtungen sonst wie gelagerten Beweglichkeit – Stichworte Flexibilität, Pendeln, Entgrenzung der Arbeit – reduziere ich den Begriff dann nicht unrechtmäßigerweise auf mein gesellschaftlich erzwungenes Dasein als Homo Oeconomicus? Kann Mobilität nicht auch ein Wert an sich sein?

Selbstverständlich ist meine bisher in diesem Kontext dargelegte Betrachtungsweise äußerst lückenhaft, allein schon hinsichtlich des Umstandes, dass ich noch nicht einmal über die Mobilität von Wissen, oder die Globalisierung von Wertschöpfungsprozessen zu sprechen angefangen habe. Aber genau dann verstrickte ich mich in die Argumentationsketten, welche Mobilität auf ökonomische Faktoren zu reduzieren suchen.

Wenn man heute von Wissens- bzw. Informationsgesellschaft spricht, meint dies vermutlich, dass wir uns ökonomisch gesprochen von der Wertschöpfung durch tatsächliches Herstellen hin zur Wertschöpfung durch das Anbieten von Diensten und Informationen entwickeln. Das an sich ist noch kein großes Problem; es wird erst zu einem, wenn die Angelegenheit anfängt, Menschen den Job zu Kosten. Nämlich jene, denen es an Mobilität mangelt, an sozialer, intellektueller und auch an geographischer. Der Umstand, dass man sich in populären Diskussionen aber immer nur mit der einen Form von Mobilität befasst – ja genau, jene Form, für welche dieser gelbe Vierbuchstabenklub aus München sich zuständig fühlt – begrenzt das Denken über den Begriff.

Mobilität ist ein Wert an sich, aber er hat mehr Facetten, als man an der Tankstelle diskutieren muss. Vielleicht fängt der eine oder andere ja mal an, sich Gedanken dazu zu machen, meine waren jetzt lediglich ein Kratzen an der Oberfläche der Materie. In diesem Sinne viel Spaß beim selber denken.

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