Leitkultur

Ein einziges Wort und so viel Stress. Wann immer ich in irgendwelchen sozialen Medien den Furor wahrnehme, welcher sich regelmäßig im Hinblick auf das Bekanntwerden der Information entlädt, dass irgendwo irgendwas mit Rücksicht auf die Mitglieder hierorts vertretener fremder Kulturkreise unterlassen, zurückgenommen oder verändert wurde, keimt in mir folgende Frage auf: würde es mir etwas ausmachen? Natürlich ist meine Meinung für niemanden außer mir selbst verbindlich und ebenso natürlich werde ich einen Teufel tun, irgendjemandem sein Recht auf’s zutiefst beleidigt sein abzusprechen. Aber für die folgenden Betrachtungen ist nun mal zunächst meine eigene Denke maßgeblich.

Ganz klar, die geringste kulturelle Schnittmenge hierzulande ergibt sich mit den Muslimen, na logo… oder? Tja also ich weiß nicht, wie ich das jetzt sagen soll, aber wenn ich mir mit Blick auf meine Reisen quer durch die bunte Republik so meine hiesigen Mitbürger und ihre Mentalitäten ansehe, dann muss ich sagen, dass ich einen eher größeren Unterschied zwischen mir und einem Bayer, einem Westfalen, einem Berliner oder Friesländer ausmache, als zu meinem – zugegeben ziemlich säkular orientierten – türkischstämmigen Feinkosthändler um die Ecke. Abseits dieser Anmerkung ist aber schnell ausgemacht, dass sich hinter dem oben genannten Furor häufig eine diffuse Mischung aus Überfremdungsangst, verletztem Nationalstolz und schlichter Unkenntnis um die tatsächlichen Umstände einer solchen Rücksichtnahme verbirgt. Im Großen und Ganzen also die übliche, kleinbürgerlich-xenophobe Melange aus Stammtischparolen und existenzieller Angst „vor denen“.

Natürlich ist es ein willkommener Aufreger, wenn ein Linken-Politiker in Nordrhein-Westfalen das Sankt-Martins-Fest in Kindergärten mit Rücksicht auf die Muslimen umbenennen lassen will. „Das ist unsere christliche Kultur!“. Möchte gerne mal wissen, was Nationalismus und Christentum eigentlich miteinander zu tun haben, wenn man mal vom gelegentlich weltfremd-gestrigen Denken absieht. Jedenfalls zeigt sich hier eindrucksvoll, dass die Jahrzehnte der schwarzen „Das-Boot-ist-voll“-Propaganda ihre Erosionsspuren in den Gehirnen vieler hinterlassen haben. An dieser Stelle ein besonderer Dank an Roland Koch für seine unvergessen unnötigen Beiträge in dieser Angelegenheit. Dass natürlich ausgerechnet ein Linker in dieses Wespennest sticht, kann man jetzt als taktisch ausgesprochen ungeschickt betrachten, oder aber lauthals als Indikator für die Demokratie zersetzenden Kräfte der „EX-SED“ und ihrer linksintellektuellen Gesinnungsbrüder landauf landab nutzen. Die Wahrheit liegt wahrscheinlich, wie so oft, irgendwo dazwischen, auch wenn ich mal zu behaupten wage, dass die wenigsten Die Linke-Funktionäre in Nordrhein-Westfalen eine solche Parteivergangenheit haben. Aber solche Feinheiten werden von politischen Gegnern üblicherweise ja gerne als Dippelschisserei abgetan.

Den parteitaktischen Erwägungen zum Trotz geht es hier aber um etwas ganz anderes: nämlich die Frage, was Integration eigentlich bedeutet? Oder vielmehr, was sie bedeuten müsste? Über Jahre hinweg hat man sich darauf beschränkt, die damals so genannten Gastarbeiter zu importieren und dann sich selbst zu überlassen. Die daraus natürlich erwachsende Folge war eine sozialräumliche Segregation, in normalem Deutsch auch als Ghettobildung bekannt. Nein, wir haben doch keine Ghettos in der BRD! Ja sicher, wir haben auch keine viel zu große Spreizung zwischen Arm und Reich, keine marode Infrastruktur, keine Krebskranken und keine Salafisten.

Diese Menschen kamen in eine Fremde, die für den typischen Deutschen – den es natürlich nicht gibt – vergleichbar wäre mit einem Rucksacktrip durch Nepal. Dass sich gleich und gleich gerne gesellte, dass man, um sich hier besser zu fühlen, mehr oder minder homogene Einheiten bildete, erschien und erscheint immer noch logisch. Man war ja nur auf Zeit da, um Kohle zu scheffeln und dann wieder nach Hause zu gehen; aber wenigstens ein kleines Stück von der Heimat wollte man auch hier in der Fremde nicht missen müssen. Die Jahre zogen so dahin, es ließ sich ja hier auch ganz gut leben, dann kamen Kinder… der Rest der Geschichte schrieb sich von selbst und 50 Jahre später stehen wir augenreibend da und können uns nicht erklären, wieso sich da mitten im Herzen unserer Welt ganze Parallelgesellschaften bilden konnten. Nun die Antwort darauf ist einfach: weil wir sie nur zum Schuften dahaben wollten aber nie darüber nachgedacht haben, sie auch an unserer Gesellschaft teilhaben lassen zu dürfen.

So ganz platt gesagt ist das aus heutiger Sicht wahrscheinlich nicht das Klügste gewesen, aber damals kam keiner auf die Idee und sagte: „Hey, die leben hier, die arbeiten hier, die zahlen hier Steuern, die sind Teil unseres Landes!“. Stattdessen betrachten nicht wenige unsere Mitbürger mit ausländischen Wurzeln als Fremdkörper. Ganz so wie ein Bayer einen Preußen als Fremdkörper betrachtet… Integration bedeutet letztlich nichts anderes als teilhaben zu dürfen, sich nicht verstellen zu müssen, respektiert zu werden. Nicht das mich jetzt jemand falsch versteht: das gilt für beide Seiten! Teilhabe, Wahrung der Identität und Respekt für das Gegenüber; das sind die Bausteine, aus denen ein neues Deutschland für uns alle erwachsen könnte!

Womit wir wieder bei der Leitkultur wären. Für mich ist eine Leitkultur eine Leitplanke für alle verschiedenen Kulturen unter dem Dach unseres Hauses Deutschland. Auch ich bin nicht glücklich damit, wenn jemand Sankt Martin in „Sonne-Mond-und-Sterne-Fest“ umbenennen möchte. Weil ich in der hierorts fest verwurzelten, christlich-abendländischen Kultur erzogen wurde. Aber nicht, weil ich Angst davor habe, von Muslimen überrannt zu werden, sondern weil ich die Hoffnung hege, dass miteinander solche Feste zu begehen Verständnis und damit hoffentlich auch Toleranz im Herzen der Menschen mit anderer Kultur zu sähen vermag. Wozu allerdings im Gegenschluss auch gehören würde, die Gebräuche des Anderen einfach mal auszuprobieren, um ihren Sinn zu verstehen. Denn erst wenn man begreift, warum Andere die Dinge manchmal anders tun, kann man sie auch in ihrem Anderssein akzeptieren. So gedacht hätte Leitkultur für mich einen Sinn.

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