Jetzt essen sie Äpfel…

Ja solche Bundesparteitage sind tolle Demonstrationen, dass die Demokratie in unserem Staate noch intakt ist, dass ihre Institutionen noch funktionieren; aber auch dafür, dass ihre Funktionäre noch demokratisch sind? Mit nicht allzu plakativer Wollust wird da auf dem Podium in den sauren Apfel gebissen, der Partei eine neue Agenda, ein neues Ziel, eine Chance zur Auferstehung geben zu müssen und man nutzt als Aufhänger dafür – tada, ein kleiner Tusch muss jetzt schon sein – die gute, ökologisch einwandfreie, gesunde Ernährung als Killerthema für die kommenden Wahlk(r)ämpfe. Ja wirklich, was vollkommen Neues, Unverbrauchtes musste her. Ähm… war da nicht erst kürzlich was mit einem obligaten Veggie-day?

Ich meine, man muss Frau Merkel schon Respekt zollen: die Sozen hat sie mehr oder weniger kampflos aus deren angestammtem Kernkompetenzraum der Sozialpolitik vertrieben, die Grünen des Atomausstieges und des Umweltschutzes beraubt, die CDU zumindest nach außen hin so liberalisiert, dass die FDP sang- und klanglos untergehen musste und das Einzige, was den Grünen als Antwort, als Schärfung des Profils gegenüber der ubiquitär merkelisierten Union einfällt, ist der saure Apfel? Ein schönes Sinnbild, wie ich finde, für den gegenwärtigen Zustand unserer Demokratie. Wir werden von der Frau Pastorentochter allabendlich in den Schlaf gealternativlost und alle schauen Kernobst essend dabei zu, wie diese machtgeilheitsgesteuerte Antithese zu Charisma noch den letzten Rest Mündigkeit hinrichtet, im Namen der Gleichschaltung nach ihrem Bilde der Welt.

Ernsthaft, wo sind alternative Ideen zum nachhaltigen Wirtschaften? Glaubt jetzt wirklich jeder, dass die Art und Weise wie Herr Gabriel bei irgendwelchen Gipfeln Aktivisten abbügelt der Weisheit letzter Schluss in Sachen Energiewende ist? Wo ist der große Wurf zum Thema Bürgerrechte im digitalen Zeitalter? Welche Formen demokratischen Handelns auch für den einzelnen Bürger lassen sich im Netz realisieren, was bedeutet Netzneutralität konkret? Wie lässt sich individuelle Mobilität neu gestalten? Was könnte etwa für alternative Antriebsquellen an Fördermitteln bereitgestellt werden, damit Deutschland auch weiterhin ein Spitzenstandort in Industrie und Forschung bleiben kann?

Nur mit klaren Szenarien davon, wie unsere Zukunft unter Annahme verschiedener Entwicklungspfade aussehen könnte und was wir tun können, um auf diese Einfluss zu nehmen, werden wir fähig sein, Ideen zu entwickeln und Antworten auf drängende Fragen zu finden, die unser Leben in den nächsten Jahrzehnten nachdrücklich beeinflussen werden. Mit Sicherheit ist auch die Frage nach einer Ressourcenschonenderen, gesünderen Ernährung eine wichtige Komponente nachhaltiger Zukunftsentwicklung – aber eben nur eine von vielen. Und wenn die Grünen als Partei nicht genau so abserviert werden wollen, wie etwa die Piraten, dann sollten sie sich auf ihre Werte als Stimme für eine ökologische und gleichsam humane Entwicklung unserer Gesellschaft besinnen.

Drängende Fragen gibt es genug, man hat anscheinend nur noch nicht den Modus Operandi gefunden, diese verständlich aufzubereiten und gleichzeitig sinnvolle Lösungen anzubieten. Dafür ist man ja aber auch viel zu sehr mit internen Machtspielchen, der Aufarbeitung der eigenen Geschichte und dem Ringen um eine gemeinsame Linie beschäftigt. Und so lange man sich eben nicht mal darüber einig ist, wohin der Zug denn nun fahren soll, dürfen diese Menschen eigentlich auch in keinem Führerstand mehr sitzen! Äpfel dürfen sie ja meinetwegen weiterhin kauen…

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