Der Tod ist nicht leicht…

Wer ein selbstbestimmtes Leben führt, der soll auch einen selbstbestimmten Tod haben dürfen? Ist es wirklich so einfach? Wenn wir in unsere Historie schauen, entdecken wir im Zusammenhang mit der illegitimen Tötung von Menschen, welche von den Nazis als „lebensunwertes Leben“ bezeichnet wurden das Wort Euthanasie. Übersetzt aus dem Griechischen bedeutet es „leichter Tod“. Doch wie kann der Tod, der Weg über die einzige finale Grenze, die der Mensch vermutlich – hoffentlich! – nie wird überwinden können denn leicht sein? Oder allein die Entscheidung darüber, das Leben zu verkürzen, also diese Grenze früher zu überschreiten, als von der Natur vorgesehen? Selbst unter dramatischen Umständen eine schwierige und überdies sehr individuell zu beantwortende Frage.

Da vermischen sich in einer Debatte des Bundestages zum Thema philosophische, ethische und moralische Gedanken mit der Jurisprudenz und am Ende gehen doch alle mehr oder weniger mit ihrer Meinung wieder nach Hause. Ganz so, als wenn es einem anderen Menschen gegeben ist, darüber entscheiden zu dürfen, was mit mir irgendwann, wenn die Umstände möglicherweise radikaler werden als alles, was ich bislang erlebt habe, dann werden darf und was nicht! Da wird behauptet, dass man einen Markt des Todes erzeugen würde, was auf keinen Fall geschehen dürfe. Nur dass wir einen solchen Markt schon lange haben. Unsere moderne Medizin kann das Leben verlängern, hilfreich für Patienten und Angehörige Segens- und Lebensqualität spendend wertvolle Zeit schenken. Aber ebenso auf eine Art und Weise, die ohne Gnade Würde und Sinn des Menschseins vernichtet, Leiden verlängern. Tag für Tag entstehen nicht wegdiskutierbare Fakten, die alle Beteiligten an den Rand des Denkbaren und manchmal auch darüber hinaus führen.

Unsere Gesellschaft ist so beschaffen, dass wir den Tod als Unausweichlichkeit verdrängen, soweit es nur geht. Immerzu rennen wir einem vollkommen fiktiven Ideal von Vitalität und Virilität hinterher, dass uns von der Werbung, den Medien, unseren Mitmenschen, ja uns selbst suggeriert wird. Das mittels perfekter Illusionen verspricht, uns keine Gedanken über das Morgen machen zu müssen oder zu sollen, weil das hier und jetzt ja so stark, so geil, so voll Entertainment und Erlebnis ist… bis dann irgendwann die normative Kraft des Faktischen uns eines Besseren belehrt. Das Leben an sich ist ein Kreislauf, gewiss. Es entsteht immer wieder von neuem. Doch alles was einen Anfang hat, muss auch ein Ende haben. Ein Gedanke, der uns jedoch nur wenig Trost spendet, wenn wir doch noch so viel vorhaben (müssen)!

Mündigkeit in jedem Sinne ist eine schwierige Angelegenheit, denn es erfordert eine große Menge an Informationen, sowie das zugehörige Verständnis, diese auch in Zusammenhänge einordnen zu können, um zu unabhängigen Entscheidungen und somit zu einem wahrhaft selbstbestimmten Leben kommen zu können. Was für grundsätzliche Fragen des Lebens gilt, verliert im Angesicht des Todes kaum seinem Gehalt; sich bewusst dafür entscheiden zu müssen, aus dem Leben zu scheiden, bedarf der Kenntnis möglichst vieler Fakten – alles kann niemand wissen – und eines Überblicks über die verbleibenden Optionen. Das kann zugegebenermaßen den einen oder anderen überfordern, aber der übereifrige Paternalismus, welchen unser Staat in dieser Frage an den Tag zu legen im Begriffe ist, verärgert mich zutiefst. Menschen sind auch ohne medizinisches Fachwissen und einen überragenden Intellekt sehr wohl in der Lage, ihre Situation einzuschätzen, wenn man ihnen die Fakten korrekt und verständlich erklärt. Dazu ist es aber zum einen notwendig, dass so mancher Mediziner von seinem hohen Ross herunter kommt und anfängt deutsch zu reden, anstatt alles in schlau zu verklausulieren. Und zum andern, dass unser Staat endlich anfängt, die Mündigkeit und Souveränität seiner Bürger, soweit sie überhaupt noch existiert wieder anzuerkennen, bzw. sogar zu fördern. Dazu gehört eben auch, dass man selbst darüber entscheiden können sollte, wann man auf würdige Art das Hier und Jetzt verlassen will, wenn alles Sinnvolle versucht ist, einfach keine Hoffnung mehr bietet. Und dass man dafür gegebenenfalls auch Hilfe in Anspruch nehmen können sollte.

Würde. Auch so ein Begriff, der in dieser Diskussion von manchem überstrapaziert wird. Wie würdig ist es denn, die Umsetzung einer bewusst getroffenen Entscheidung zu blockieren, indem man Strafandrohungen an Jene ausspricht, die zur Hilfe bereit wären. Zweifelsfrei ist in der palliativen Versorgung noch mehr zu erreichen, weil diese ebenfalls eine große Hilfe darstellt, sich seine (viel berufene) Würde auf dem letzten Stück des Weges zu bewahren. Aber es darf nicht die einzige Hilfe bleiben, die wir Menschen in der schwierigsten Lage ihres Lebens zukommen lassen wollen. Ich glaube, dass man Menschen nicht zum Hierbleiben verdammen sollte, indem man es verbietet, beim Beschreiten – zugegeben unnatürlicher – Wege aus Leid und Elend zu helfen, Barrieren errichtet die also von potentieller Hilfe abschrecken. Weil ich denke, dass sich diese Entscheidung niemand leicht macht; immerhin hängt in aller Regel mehr als nur ein persönliches Schicksal an solch einer Frage. Was zu einem weiteren Aspekt führt: Wie ist es um das Loslassen können bestellt? Wer bespricht die zu beachtenden Aspekte mit den Angehörigen, sollte ihnen ein Mitspracherecht eingeräumt werden und wenn ja, unter welchen Umständen?

Mir ist bewusst, dass die Beachtung all dieser Fragen nach Einzelfallentscheidungen verlangt. Aber wenn es sich der einzelne Betroffene gewiss nicht leicht macht, diese Entscheidung zu treffen, sollten wir es uns – egal ob in der Position des Healthcare Professional oder als Angehöriger – auch nicht leicht machen und diese Entscheidung schlicht ablehnen, weil wir sie nicht verstehen wollen, sondern sie in aller Konsequenz akzeptieren und gegebenenfalls die Hilfestellung geben, zu der wir fähig sind, ohne Angst haben zu müssen, hernach juristisch verfolgt zu werden. Denn eine solche Angelegenheit ist auch so schon schwer genug…

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