Kulturwandel olé

Jeder, der ein bisschen was von Marketing versteht, weiß, dass man mit dem richtigen Konzept auch abseitige Ideen an den Mann bringen kann. Der zunehmende Erfolg rechts-nationaler Politik überall in Europa und auch auf der restlichen Welt spricht diesbezüglich Bände. Und so ist es kein Wunder, dass manches Konzept, welches bei näherer Betrachtung wertvoll ist, zunächst meinen Widerwillen erregt, weil es vermarktet wird. Nicht mal wegen der Art der Vermarktung, sondern einfach nur, weil jemand dafür wirbt. Soweit ist es mit meiner Social-Media-Konditionierung also schon gekommen. Und das bedaure ich, denn gelegentlich stolpert man in der Masse von Publikationen, welche sich selbst auf die Fahnen schreiben, Game-Changer sein zu wollen, tatsächlich über eine Perle.

Whack – a – mole.

Die Bezeichnung für dieses Spiel, bei der man mit einer Schaufel auf den Maulwurf kloppt, der so blöd ist, seinen Kopf aus einem Loch zu stecken. Das ist David Marx’ Analogie zu unserer vorherrschenden Fehlerkultur im Gesundheitswesen. Wer einen Fehler begeht, wird dafür bestraft, anstatt sich den Fehler zum Anlass zu nehmen, daraus zu lernen, um zukünftige Wiederholungen dieses Fehler vermeiden zu helfen; und demjenigen, der diesen gemeldet hat, für seine Ehrlichkeit zu danken.

Das Buch ist mitnichten neu. Im Original von 2009, in einer zweiten Auflage von 2014 nun auf meinem Schreibtisch liegend, thematisiert es zunächst die Fehlbarkeit des menschlichen Individuums. Insbesondere in Berufsgruppen, in denen von den Tätigen nicht weniger als Perfektion erwartet wird. Zu unrecht erwartet wird! Denn Perfektion ist ein Ziel, nach dem viele Menschen streben und das doch noch keiner erreicht hat, weil es unabdingbarer Teil der menschlichen Natur ist, fehlbar zu sein. Und damit ganz automatisch immer und immer wieder Fehler zu machen. Auch – vielleicht sogar besonders dort – wo Perfektion als Voraussetzung für die Beschäftigungsfähigkeit angesehen wird. Zum Beispiel im Gesundheitswesen, wo Fehler zweifelsohne zu Schäden an Leib und Leben der uns anvertrauten Patienten führen können. Was – allem Training zu Trotze – nichts an der Fehlbarkeit des Menschen ändert.

Und so ist David Marx’ Buch denn auch ein Plädoyer, einerseits zu verstehen, dass 100% Fehlerlosigkeit in keinem Berufsfeld und unter keinen Umständen erwartbar ist. Und andererseits in der Folge dieser Feststellung zu einem neuen Umgang mit Fehlern zu finden; weg von der sinnlosen Bestrafung des unabdingbaren menschlichen Makels Fehlerhaftigkeit, hin zu einem konstruktiven Umgang damit. Zum beispiel durch die Schaffung besserer Systeme zur Fehlerprävention. Und indem ich Menschen dahin führe, bei kritischen Entscheidungen die bessere (sichere) Option zu wählen. Das ist jedoch nur möglich, wenn ich aufhöre, Menschen für Fehler, die sie im Rahmen ihrer Verrichtung nach bestem Wissen und Gewissen begangen haben zu bestrafen, als wenn sie mit Vorsatz gehandelt hätten. Und ihnen so die Chance gebe, über den Fehler offen zu reden. Die dann möglichen präzise Analysen und daraus resultierenden Veränderungen an Arbeitsabläufen führen zu besserer Fehlervermeidung.

Es ist ein Aufruf zum Systemwandel. Und auch, wenn seit der Erstpublikation schon 10 Jahre ins Land gegangen sind und Marx’ Analysen natürlich primär seine Heimat USA betreffen, hat das Buch dennoch weder etwas an Aktualität verloren, noch ist es für unser bundesrepublikanisches Gesundheitswesen irrelevant, da wir vielerorts exakt die gleichen – falschen – Methoden im Umgang mit Fehlern und Beinahe-Fehlern pflegen, die hier beschrieben wurden.

Ich mache wirklich selten Werbung, aber dieser Titel ist für jeden healthcare-professional einen Blick wert. Insbesondere, wenn man ein Interesse daran hat, Patienten-Benefit UND Arbeitsbedingungen gleichzeitig zu verbessern. Vielen Dank für die Aufmerksamkeit.

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