Informieren – aber bitte einfach!?

Man sucht nach Attitüde und findet doch oft nur Plattitüde, denn der Text wird zum Toast; die Worte verklebt von einer zähen Masse, die irgendwie mehr nach Chemie schmeckt, denn nach Käse. Künstlich, gekünstelt, dem Stil heiligend lässt das derart Hingekleisterte vielleicht nicht unbedingt innere Kohärenz vermissen, denn eine Geschichte zu erzählen kann man erlernen; als Journalist allemal, aber auch der halbwegs sprachgewandte Normalbürger vermag das sehr wohl. Der Mangel an Substanz und Relevanz jedoch ist allerorten spürbar. Doch das Hauptproblem sind nicht unbedingt jene, die für Recherche und Präsentation ausgebildet, ausgerüstet und bestallt sind. Nein, mediales Desaster trifft uns eher dort, wo die allzu Berufenen ausziehen, ihre Sicht der Dinge kund und zu wissen geben – ganz gleich, ob sie dafür ausgebildet, ausgerüstet oder gar bestallt sind. Sendungsbewusstsein ist eine häufig unterschätzte Macht. Eine, die Berge versetzen kann.

Aber es sind nicht jene, welche andere Leser mit einem Zwischenruf bezüglich eines falsch zitierten Seneca langweilen, um auf ihre eigene Gelehrsamkeit aufmerksam zu machen. Wer kennt denn heute auch noch Seneca? Auch wenn sein Spruch, dass man für die Schule und nicht das Leben lerne durchaus oft mehr Wahrheit in sich trägt, als der vom Volksmund positiv gewendete Gebrauch seiner Worte. Es sind vielmehr solche, die mittels wenig substantieller, dafür aber plakativer Argumentation Meinungsmache betreiben. Die von mir mit sorgfältiger Verachtung betrachtete „Das-wird-man-doch-wohl-noch-sagen“-Fraktion ebenso, wie Leute, die trotz – oder vielleicht auch gerade wegen – dürftiger Informationsbasis durch markiges verbales Dreinschlagen den virtuellen Mob von der Leine lassen können. Und es ist mittlerweile auf Grund eines gewissen Übersättigungseffektes leicht geworden, mal eben einen kleinen Sturm digitaler Entrüstung aufzubauen. Zehn Mal einfacher, als potentielle Leser auf das Verständnis einer unter Umständen komplexen Argumentation einzuschwören. Die meisten haben auf Grund des rasant-simplifizierenden Zuschnitts der Nachrichten ja kaum noch die Geduld zum Beispiel bis hierher zu lesen…!

Da unterschreiben dann 200.000 Menschen eine Petition gegen einen Strafbefehl, der einem selbstfahrenden Notarzt aus Bayern zwecks zweier Anzeigen wegen fahrlässiger Straßenverkehrsgefährdung aufgebrummt wurde. Der Strafbefehl wurde zurückgezogen. Angeblich nicht wegen des medialen Furors, aber da wäre ich mir nicht so sicher. Vollkommen unabhängig davon, was wirklich passiert ist – und das kann ich wirklich nicht beurteilen, weil ich kein Detailwissen über die tatsächlichen Umstände habe – erscheint es mir bedenklich, wenn unsere Justizorgane wegen ein paar möglicherweise wohlmeinenden, jedoch schlechtinformierten Möchtegern-Netzaktivisten „einknicken“. Ich war immer der Meinung, juristische Entscheidungen orientieren sich, wenigstens in unserer bunten Republik, an der Sachlage und nicht an den Befindlichkeiten der Beteiligten; oder irgendwelcher gänzlich unbeteiligter, die ein bisschen Socialmedia-Rumkrakeele inszenieren?

Man möge mich nicht falsch verstehen: ich bin durchaus der Meinung, dass man gegenüber der Blaulichtfahrenden Zunft mit Augenmaß und Zurückhaltung agieren und nicht jeden Schlenker auf die Goldwaage legen sollte; in aller Regel sind wir nämlich im Interesse des Bürgers unterwegs. Hoffentlich sind alle Beteiligten dabei auch mit Augenmaß und Zurückhaltung eilig zugange. Aber auf Grund der eigenen Meinung, deren Fundiertheit doch wohl bei den meisten Unterzeichnern kritisch betrachtet werden muss, medialen Druck auf Justizbehörden aufbauen zu wollen, ist zutiefst undemokratischer Unfug. Das ist nicht, was mit liquid democracy gemeint war. Die Idee, die Abläufe demokratischer Willensbildung transparenter zu machen, um so den eilfertigen Beeinflussern Macht zu entziehen, die aus dem Dunkel wohl informierter und gut bezahlter Seitenkanäle zu den jeweils Mächtigen ihr Geschäft betreiben. Eben das, was wir unter der negativen Notion von Lobbyismus verstehen. Als ich sagte, man müsse sich selbst zur Lobby werden, war ich gedanklich durchaus auch bei der Nutzung von social media. Doch sich in teilweise unwürdiger Form wegen einer Blaulichtgeschichte produzieren, um ein um Einfluss heischendes, öffentliches Interesse zu konstruieren ist social engineering at it’s worst! Vollkommen unabhängig davon, ob nun die Petition tatsächlich der Grund war, oder doch eine behauptete Neubewertung der Beweislage durch eine übergeordnete Justizbehörde. Der Vorgang an sich; nämlich dass 200.000 wildfremde sich zu einem digitalen Mob zusammenrotten ist schon schlimm genug.

Ich sitze nun hier, enttäuscht davon, dass die Mehrzahl der Menschen anscheinend nicht fähig ist, eine Sache die es wert ist von jenen zu unterscheiden, die es nicht wert sind. Und ein selbstfahrender bajuwarischer Notarzt ist eine Petition nicht wert. Er ist höchst individuell für all das verantwortlich, was er tut, oder lässt; so wie jeder andere auch, der im Rettungsdienst tätig ist. Vollkommen gleich, ob es dabei um medizinische Belange geht, oder um logistische, worunter eben auch das Befahren unserer Straßen unter Inanspruchnahme der Sonderrechte fällt. Die Öffentlichkeit zu suchen und ein privates Problem zu einem der Allgemeinheit zu machen ist billige Propaganda und alle, die dabei mitmachen vermutlich unfähig, zu erkennen, dass sie ausgenutzt wurden. Aber man hat ja seinem wutbürgerlichen Furor über „diese Idioten da oben“ – womit im Duktus der Unterzeichner die zuständige Justizbehörde gemeint ist – Luft gemacht und sich so billig das Gefühl erworben, etwas Gutes getan zu haben. Dass man sich dabei hat vor den Karen spannen lassen, um möglicherweise fragwürdiges Handeln im Nachhinein legitimieren zu können, daran hat natürlich keine Sau gedacht.
Nochmal: es geht mir nicht um die Frage, ob er korrekt gefahren ist, oder nicht. Das kann, will und werde ich nicht beurteilen. Sich aber hinterher öffentlich als Opfer einer ungerechten Justiz darzustellen, stinkt für mich geradezu nach versuchter Beeinflussung. Und leider, leider hat es zumindest dem Anschein nach funktioniert. Wenn das die einzige Art ist, auf die meine buntrepublikanischen Mitmenschoiden sich an Gesellschaft beteiligen wollen – nämlich indem sie die legitimen Verfahren der Judikative durch provokative Drohszenarien in Frage stellen – dann könnte ich mir eigentlich jedes weitere Wort hier oder sonst wo sparen. Aber ich bin noch nicht vollkommen verzweifelt. Denn zumindest eines demonstriert die Angelegenheit: man kann sich selbst durchaus zur Lobby werden. Nicht nur bei der Wahl der Ziele und der Vernetzung zum Interessenabgleich ist noch eine Menge Feinarbeit notwendig. Aber social media politics sind ja noch jung…

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