Anarchisten-Blues 2.0

Ich weiß gar nicht mehr genau, welches der erste Gedanke war, der mich bei den Radiomeldungen am Tag der EZB-Einweihung morgens durchzuckte. Ich kann nicht von der Hand weisen, dass es möglicherweise sogar Belustigung darüber war, dass eine Hand voll Chaoten es tatsächlich geschafft hatte, das öffentliche Leben in unserer Bankenmetropole Nummer eins nachhaltig negativ zu beeinflussen. Ich glaube, ab und an merkt man, dass ich die meisten Banker und ähnliche Berufsgruppen nicht allzu gut leiden kann, weil auch ich sie für, unsere Zukunft verzockende Aasgeier halte. Aber zurück zu den Randalierern; zumindest den Verkehr hatten sie zum Erliegen gebracht, woran die Frankfurter ja aber eigentlich gewöhnt sein sollten. Doch wenige Augenblicke später, als die Rede von Angriffen auf eine Polizeiwache und brennenden Autos war, verschwand meine Belustigung schlagartig und wich Nachdenklichkeit, die sich mittlerweile, mit einem guten Tag Abstand in Wut gewandelt hat. Wut darüber dass sich Blockupy dazu herab lässt, die Randale dieser asozialen Zecken in Schwarz mit der Todsünde der Relativierung zu bedenken, gar als Notwehr zu bezeichnen. In den Köpfen dieser offensichtlich nicht ausreichend in der Demokratie vergraswurzelten Idioten firmiert wohl immer noch das alte, immer noch falsche Diktum: „All Cops Are Bastards“. Wut darüber, dass diese Arschlöcher mit Anarchie-Symbolen immer noch nicht verstanden haben, dass die Philosophie der Anarchisten eine Utopie ist, die zudem nicht mit Gewalt erreicht werden kann. Und schließlich Wut auf linke Politiker, die gesellschaftsfeindliche Randale als einen legitimen Ausdruck zivilen Ungehorsams bezeichnen und die Schuld für die Eskalation, wie stets bei der Polizei suchen.

Das wir uns nicht falsch verstehen: es gibt Polizisten, die Bastarde sind, weil sie sich aufführen wie Scherriffs von Gottes Gnaden. Die weitaus meisten, die ich in Dienstausübung kennen gelernt habe, sind jedoch tatsächlich einfach nur Menschen in Uniform, die ihren Job so gut machen, wie die Gesellschaft und die speziellen Umstände es zulassen. Stichwort Etatkürzungen. Und die Bilder lassen keine unangemessene Eskalation von Seiten der Staatsmacht erkennen. Die Vermummten jedoch, die ohne Provokation Sachwerte abfackeln und Menschen gefährden oder auch verletzen, darunter teilweise Feuerwehrleute und Rettungsdienstkollegen, die lediglich versuchen, größeren Schaden zu vermeiden, sind für mich allesamt Arschlöcher, die eingelocht gehören; von mir aus auch gerne ohne Verfahren und für richtig lange Zeit. Ich mag unsere rechtsstaatlichen Errungenschaften und ich bin üblicherweise stets der Meinung, dass jeder Mensch ein faires Verfahren verdient und das eine halbwegs vitale Demokratie auch mit Provokationen und Anfechtungen umgehen können muss, weil diese stets eine Chance darstellen, sich insgesamt weiter zu entwickeln. Manchmal muss man halt andere Blickwinkel auch mal auf unangenehme Weise gezeigt bekommen.

Doch der schwarze Block hat hier einfach nur Gewalt um der Gewalt Willen zelebriert, um sich an der dabei empfundenen Ohnmacht der Staatsmacht zu ergötzen. Und hat dabei völlig vergessen, dass derlei Verhalten vollkommen antisozial ist. Einen Polizisten zu entmenschlichen, ihn auf seine Funktion als Arm des Staates zu reduzieren ist ebenso wenig zulässig, wie alle in Frankfurt an Demonstrationen Beteiligten dem Möchtegern-Anarchisten-Pack zuzurechnen. Anderer Leute Eigentum abzufackeln ist ein Angriff gegen mich! Ja genau – MICH! Und jeden Anderen, der auch so ein ganz stinknormaler Typ ist, denn ich empfinde durchaus Sympathien für Graswurzelbewegungen, weil ich sie für den Nährboden einer Demokratie 2.0 halte, die wir eigentlich dringend brauchen, wenn wir uns unsere Zukunft nicht vollkommen vom Kapital und seinen politischen Bettgespielen und Erfüllungsgehilfen diktieren lassen müssen wollen. Wenn Blockupy sich aber zum Podium auch für solche Leute macht, die einfach nur die Welt brennen sehen wollen, weil ihre eigene, armselige Existenz sie quält und sie einfach nicht wissen, wie man seinen Frust sinnvoll und nicht gesellschaftsschädlich abbaut; nämlich eben solche schwarz vermummten asozialen Zecken, dann entwertet sich eine solche Bewegung für mich und jeden anderen, an ernsthaften Ideen für mehr Partizipation interessierten Menschen vollkommen. Denn mit diesem dummen, asozialen, gewalttätigen Randaliererpack will ICH nichts zu tun haben. Und ebenso wenig mit Politikern und so genannten Aktivisten, die sie auch noch in Schutz nehmen.

Ich bin nach wie vor überzeugter Sozialdemokrat, libertärer Geist und Systemkritiker, aber mir ist vor allem wichtig, dass ich Demokrat bin. Und jenen, welche die Randale in Frankfurt verteidigen, lege ich ans Herz, Henry David Thoreau, den geistigen Vater des Begriffes „ziviler Ungehorsam“ zu lesen. Er redet mitnichten der Gewalt das Wort. In diesem Sinne – weitermachen, aber bitte vorher nachdenken!

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