Erwachsen bilden N° 40 – Krea…. was für’n Gedöns…?

Es fühlt sich, wenn man mal von den vorherrschenden Temperaturen absieht, fast schon ein bisschen an, wie Frühling. Die Sonne scheint, der Himmel ist blau und kaum ein Wölkchen zieht durch. Nice, wie manche meiner Freunde und Bekannten sagen würden. Wenngleich sich mir immer noch nicht erschließt, warum sich dieses englische Wort ausgrechnet jetzt, ausgerechnet auf diese Art in unsere Sprache geschlichen hat; die zudem streckenweise doch um einiges variantenreicher ist, als das Englische. Schwamm drüber. Jedenfalls ist das Wetter der Vitamin-D-Produktion, und damit direkt meiner Stimmung zuträglich. Selbst, wenn ich dieses Wochenende ein bisschen arbeiten muss. Wobei Arbeit ja so ein Begriff ist, den man erst mal ganz individuell definieren sollte. Um’s klar zu sagen: ich maloche nicht! Ich habe früher wesentlich mehr körperlich gearbeitet, als heute; doch mittlerweile bin ich einer von diesen privilegierten „Sesselfurzern“, wie manche Menschen das gerne nennen. Menschen, die denken, dass man nur arbeitet, wenn die Muskeln was zu tun haben und der Schweiß rinnt. Nun ja; ich bin ein Wissensarbeiter: ich denke mir aus, wie man anderen beibringt, ihren Job zu beherrschen – der übrigens auch körperliche Arbeit beinhaltet. Ist bei der Rettung halt so. Könnte ein Dilemma sein – muss es aber nicht.

Das Problem mit der Wissensarbeit ist Folgendes: man kann sie (genauso wie psychische Erkrankungen) nicht unmittelbar sehen, fühlen, riechen hören, schmecken. Nur die mittelbaren Ergebnisse, wie etwa erstellten Content (Präsentationen und so’n Kram), geplante Curriculi, gehaltene Unterrichtsstunden, korrigierte Klausuren und so was. Wie viel Arbeit in solche Bausteine unserer Pädagogen-Arbeit fließt, oder nicht, können die Rezipienten kaum beurteilen. Noch weniger können irgendwelche anderen Menschen, die an meinem Büro vorbeikommen genau wissen, wie viel oder wenig ich aktuell arbeite. Wir haben halt keine kleinen Displays auf der Stirn, die z.B. anzeigen, zu wie viel Prozent, die CPU gerade ausgelastet ist. Und es gibt bei uns keine STRG+ALT+ENTF-Tastenkombi, die den Taskmanager öffnet. Rechter Nippel, Linker Nippel, Nase funktioniert nicht – und würde in einigen Konstellationen auch zu pikanten Problemen führen… Also sind wir bei einer Black Box, welche die tatsächliche Leistung im Obskuren belässt. Das ist bei vielen sogenannten Bullshit-Jobs auch so; mit dem kleinen, aber feinen Unterschied, dass die Ausbildung von Rettungsfachpersonal in der Tat einen gesamtgesellschaftlichen Mehrwert erzeugt: durch den Erstangriff zur Erhaltung von Gesundheit (und damit Arbeitskraft) von Menschen, die akut erkranken oder verunfallen. Das ist nämlich unsere eigentliche Stellenbeschreibung.

Nun erfordert diese Ausbildungsarbeit, dass wir nicht nur irgendwelches Fachwissen und isolierte Skills vermitteln, sondern auch eine Einstellung; eine Grundhaltung zu den Menschen, zum Leben, zum Gesundheitswesen, und schließlich zur Gesellschaft und der jeweils eigenen Rolle darin. Alles andere als trivial – und ohne ein paar Vorbedingungen auf Seiten der SuS eigentlich nicht zu schaffen. Und hier kommt die Kreativität ins Spiel. Wie stellt man z. B. das Begriffspaar Segregation – Integration und dessen Bedeutung für unser Gewerk Rettungsdienst so dar, dass einerseits die Begriffe verstanden werden, und andererseits die SuS beginnen, ihre eigenen Rollen zu reflektieren; damit sie irgendwann fähig sind, stets situationsadäquat zu helfen? Ich werde auf diese Frage hier keine Antwort geben, weil meine Erfahrungen zeigen, dass es verdammt viele Wege nach Rom gibt. Aber, wie Nietzsche sagte: „Dem guten Frager ist halb geantwortet.“, nicht wahr..? Es geht also darum, mit Hilfe kreativer Ideen die SuS dahin zu führen, sich die relevanten Fragen selbst zu stellen – und diese in der Folge auch ganz individuell zu beantworten. Denn der Konstruktivismus sagt ja, dass wir uns alle unsere je eigene Realität erschaffen. Dennoch bedarf es unserer Kreativität als Pädagogen, um den Leuten zu helfen, sich diese Wege zu erschließen!

Nun könnte man mir entgegnen: „DIR fällt das leicht! DU bist kreativ!“ Man könnte das auf den ersten Blick als Kompliment verstehen, tatsächlich ist es aber eine Beleidigung, denn es entwertet drei Jahrzehnte harter Arbeit, um meine persönliche Kreativität zu TRAINIEREN. (Die Inspiration hierzu kommt aus dem Buch „Teach like a PIRATE“ von Dave Burgess) Lange Stunden, die ich in meinem Arbeitszimmer verbracht habe, anstatt etwas „nices“ anderes zu tun. Techniken, in die ich mich eingearbeitet habe, weil ich einfach wissen wollte, wie man so etwas macht; und es dadurch zumindest teilweise rausgefunden habe. Gadgets, die ich von meinem eigenen Budget gekauft habe, weil ich mir davon einen Boost für meine Arbeit erhofft habe – was manchmal besser und manchmal weniger gut funktioniert hat. Content den ich erstellt habe; um ihn, nach dem ersten Einsatz noch mal neu zu erstellen. Workflows, die ich mir erarbeitet, und im Lauf der Zeit immer wieder modifiziert habe, bis sie flutschen. Und so weiter, und so fort. Man IST nicht EINFACH kreativ! Man WIRD es durch TRAINING! Und das kann jeder Mensch. Manche kostet es vielleicht mehr Anstrengung – aber kreativ werden kann jeder. Und dazu sind nur ein paar einfache Dinge notwendig:

  • Habt immer irgendein Tool zum Ideensammeln bereit! Egal ob ein Notizbüchlein, die Kamera und die Sprachmemofunktion eures Smartphones (das Ding ist nämlich nicht nur zum Spielen und Chatten da), oder ein ausgewachsenes Journal (etwa ein Scrapbook). Es sollte etwas sein, dass ihr überall mitnehmen könnte. Denn Ideen ist es nämlich egal, ob ihr gerade die Küche kehrt, durch den Pfälzerwald wandert oder einen Stall ausmistet…! Wenn sie kommen, müssen sie sofort eingefangen werden, sonst sind sie weg!
  • Gestaltet euch ein Ordnungs- und Aufbewahrungs-System! Was mir jetzt gerade nichts nutzt, ist vielleicht für ein anderes Projekt im nächsten Jahr gut. Und dann solltet ihr es wiederfinden. Spätestens jetzt schlägt, wenn ihr kein hochmobiles Endgerät wie ein Tablet habt (der Smartphonebildschirm ist für vieles einfach doch zu klein), oder wenn Strom gerade rar ist, die Stunde eines klassischen Journals oder Scrapbooks. Am besten eines mit austauschbaren Inlays.
  • Sucht nach anderen, neuen Erfahrungen! Dazu sind übrigens nicht zwingend lange Reisen notwendig. Manchmal reicht schon eine Wanderung im Wald, oder ein Spaziergang in die Stadt. Ihr müsst nur eure Augen und Ohren aufmachen, anstatt die ganze Zeit auf den Bildschirm zu glotzen, oder euch mit Noise-Cancelling-Kopfhörern auf Autopilot zu schalten. Im öffentlichen Raum haben diese Dinger eh nichts verloren!
  • Probiert neue Techniken und Gadgets aus! Denn nur, wer halbwegs am Puls der Zeit bleibt, wird mit seinen Ideen und Projekten die Menschen abholen, die sowieso schon am Puls der Zeit sind; und durch gutes Beispiel evtl. auch die anderen motivieren können, doch noch etwas dazulernen zu wollen.
  • Lest Bücher! Und dabei ist es mir egal, ob ihr die Haptik von Papier bevorzugt (so wie ich), oder einen E-Book-Reader benutzt – aber lest Bücher! Lest Bücher, die ihr nicht nach dem Cover kauft! Lest Bücher, die nicht eurem bevorzugten Themengebiet entsprechen! Lest Bücher, die ihr irgendwo findet und lasst euch überraschen! Das gilt auch für Zeitungen, Zeitschriften, und im begrenztem Maße für Bewegtbilder.
  • Verlasst bewusst eure Komfort- / Faulheitszone! Wenn ihr merkt, dass ihr feststeckt, macht was Neues! Es muss nicht unbedingt Skydiving sein (obwohl das bestimmt ein grandioser Kick ist) – aber tut etwas, dass euch andere Perspektiven eröffnet! Und bleibt nicht die ganze Zeit auf eurer Couch hocken – es sei denn ihr beherzigt gerade den voran gegangenen Ratschlag!
  • Sucht euch bei Bedarf Peer Reviews! Zumindest manchmal kann es eine gute Idee sein, ein kreatives Projekt mit jemand anders zu diskutieren; vielleicht sogar mit jemandem, der gar nicht so viel mit eurer Arbeit oder dem Thema zu tun hat. Das frischt nämlich die Meta-Perspektive auf.
  • Findet mehr Punkte für euer persönliches Kreativitäts-Trainingsprogramm! Vieleicht wollt ihr mir ja davon berichten. Einstweilen ein schönes Wochenende.
Burgess, D. (2012): Teach like a PIRATE. San Diego CA: Dave Burgess Consuling Inc.
Auch als Podcast…

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