Diskussionsfähig?

Ich weiß auch nicht, was die Leute immer mit ihrem Nationalismus haben. Seine Herkunft für einen Quell der Freude und des Stolzes zu halten ist ja nun eine Sache. Man mag das gut finden, oder auch schlecht; sinnvoller wäre es jedoch, einfach zu akzeptieren, dass ein Teil dieses komplexen Geflechts, welches wir unsere Identität nennen, sich über die (gefühlte) Zugehörigkeit zu bestimmten Gruppen realisiert. Und eine solche soziale (Groß)Gruppe ist eben unser Herkunftsland. Soweit verstehe ich das und kann es auch akzeptieren, denn es gibt ja das eine oder andere, worauf man an z.B. an unserem Land stolz sein kann. Ich persönlich bin zwar lieber auf meine eigenen Leistungen stolz, denn auf die anderer, die ich nicht mal persönlich kenne, aber das ist meine Präferenz und mitnichten für andere gültig.

Nun ist es aber so, dass dieser Stolz, den man ja durchaus bereits als Grundform von Nationalismus verstehen könnte, leider nicht die höchste Eskalationsstufe darstellt. Manche Menschen beginnen dann damit, krude Theorien darüber zu verbreiten, was jemanden wohl als Mitglied „ihrer“ Nation qualifiziert – womit wir beim Thema Ausgrenzung wären. Ich werde nicht müde, darauf hinzuweisen, aber den deutschen Nationalstaat mit einheitlicher Sprache und Kultur gab es nicht, bevor Bismarck in den 1860ern mit seinen Einigungsbemühungen begann, die 1871 im wilhelminischen Kaiserreich mündeten. Ein Blick auf die Deutschlandkarte zum Reichsdeputationshauptschluss 1806 vermittelt ein gutes Bild des Flickenteppichs aus Kleinstaaten, als der sich das spätere Reichsterritorium präsentierte. Zu dessen einender Geschichte gehörte auch die Vereinheitlichung der Sprache, sowie die Erzählung eines nationalen Mythos, der die Bürger hinter den militaristischen Großmachtträumen seiner Anführer einen und zu gehorsamen Untertanen machen sollte. Hätte es tatsächlich einende Elemente zwischen Preußen, Badenern, Hannoveranern und Bayern gegeben, wäre der Vormärz 1848 nicht zu so einem jämmerlichen Ende gekommen.

Dennoch wird das Deutschsein, oder besser deutscher Nationalismus, der eben mit der (non-existenten) langen Geschichte und Tradition des Deutschseins begründet wird immer wieder gerne als Legitimations-Karte gezogen, wenn es zum Beispiel um die Verteufelung des Projektes „Europäische Union“ geht. Wie z.B. in den Kommentarspalten zu diesem Artikel:Anleitung zum Nationalismus. Da wird von einer linkspopulistischen Blase gesprochen, in welcher der Autor anscheinend steckt. Und da offenbaren sich in den ersten Momenten der Kommentierung schon einige der grundlegenden Probleme in den interaktiven Elementen des Journalismus: a) wissen Menschen anscheinend mit dem Begriff „Polemik“ nichts mehr anzufangen, b) ist das respektvolle zur Kenntnis nehmen anderer Meinungen vollkommen aus der Mode geraten und c) ist das politische Etikett „linksintellektuell“ zu einem Schimpfwort umgedeutet worden. Mag vielleicht daran liegen, dass intellektuelle Kompetenz dem einen oder anderen, anscheinend eher konservativ gepolten Kommentator eventuell nicht geheuer ist; denn was man nicht versteht, fürchtet man. Und von der Furcht zum Hass ist es kein allzu weiter Schritt.

Eigentlich findet Willensbildung durch Diskurs statt; das bedeutet, dass man sich mit unterschiedlichen Meinungen zu einem Sachverhalt konfrontieren lässt, unterschiedliche Aspekte desselben Sachverhaltes betrachtet und sich dann eine halbwegs fundierte Meinung bildet, nach deren Maßgaben man dann auch handelt. Soweit die Theorie. Tatsächlich kokonieren sich aber Internetbegnadete Menschen heutzutage gerne in ihrer – wenn man in deren eigener Nomenklatur bleiben will, zumeist rechtslastigen – Meinungsblase ein. Eigentlich sind Etiketten wie rechts oder links ja insofern Käse, als man heutzutage durchaus ein ökologisch orientierter, sich vegan ernährender, ehemals SPD wählender Nazi sein kann, ohne dass das noch irgendjemand seltsam findet. Problematisch ist der Kokon, weil der derart mental eingesponnene Mensch andere Sichtweisen und möglicherweise bedenkenswerte Aspekte nicht mehr so gut wahrnimmt, da diese allein schon in seinem virtuellen Umfeld komplett ausgeblendet werden. Und zwar weil Nazis von Nicht-Nazis gerne aus den Fratzenbuch-Freundeslisten geext werden, wodurch kritische Diskussionen zumeist unterbleiben. Ich diskutiere ganz gerne – nur wenn die Echos gar keinen Grund zur Hoffnung geben, bin ich weg.

Richtig dumm wird es allerdings, wenn man auf Grund seiner Meinung anfängt, die Posts anderer Menschen nach Punkt und Komma auseinanderzunehmen, ohne den eigentlich offensichtlich erkennbaren Sinngehalt zu würdigen und sogar Fakten in einer dem eigenen Standpunkt dienlichen Art uminterpretiert. Derartige Wortklauberei ist vielleicht toll um seine, in ungesundem Maße nationalistische Gesinnung intellektuell zu verbrämen – sofern man dessen fähig ist – verschleiert jedoch unter Umständen reale Tatbestände und ist damit eigentlich unzulässig. Und damit gelten sie mir als nicht diskussionsfähig – Ende der Diskussion.

PS: Man mag mir diesen kleinen Wortwitz verzeihen, aber es ist wirklich frappierend, wie unverschämt, tatsächlichen Argumenten unzugänglich, engstirnig und arrogant sich Mancher im Internet gibt. Im echten Leben würden die das nie tun, weil sie damit rechnen müssten, sich ordentlich Maulschellen einzufangen…

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