Digitales Schreiben ist schlechter?

Ich las neulich einen Artikel auf Zeit Online, der davon handelte, dass man mit der Hand schreiben müsse, um seine kognitiven und motorischen Fertigkeiten zu trainieren. Da stand, das handgeschriebene Texte stilistisch und argumentativ prägnanter wären, weil man sich mehr Zeit zum Überlegen nehmen müsse, weil einerseits das korrigieren so viel schwieriger sei, als beim digitalen Abfassen von Schriftstücken. Und weil die Arbeit mit dem Stift zudem die Hand-Auge-Koordination schult, was mutmaßlich zu einer besseren Vernetzung von motorischen und kognitiven Zentren führe.

Ein kurzes Querlesen der zitierten Studie der Universität Cadiz zeigt meines Erachtens eine Designschwäche: bei einer Grundgesamtheit von ca. 250 sind fünfmal so viele Testsubjekte mit handschriftlichen Unterrichtsnotizen dabei, wie Computerschreiber. Allein diese Mengenmäßige Diskrepanz ist ein Problem; ebenso wie die Tatsache, dass nur Universitätsstudenten getestet wurden, was die Verallgemeinerbarkeit auf die Gesamtbevölkerung doch deutlich einschränkt. Die Frage zum Beispiel, welchen Unterschied Gewöhnung und Erfahrung machen, wird hier überhaupt nicht aufgegriffen.

Ich empfand den Artikel deshalb als irritierend, weil ich es seit fast 20 Jahren gewohnt bin, mit der Tastatur zu denken und dabei eigentlich keine geistige Verarmung an mir wahrnehmen konnte, oder dies von anderen vorgeworfen bekommen hätte. Das kann natürlich bei anderen Menschen schon so sein; aber ich begann über die Motivation dahinter nachzudenken. Denn nicht immer soll man davon ausgehen, dass einfach nur ein Content-Loch im Kultur-Portfolio aufgefüllt werden sollte.

Ich finde es allerdings bemerkenswert, dass ein Medium, dass online veröffentlicht wird und dessen Redakteure höchstwahrscheinlich wesentlich mehr digital erledigen, als handschriftlich zu notieren öffentlich eine Lanze für die handschriftliche Abfassung von Texten bricht. So romantisch die Vorstellung der edlen Beförderung Humboldt’scher Bildungsideale auch erscheinen mag, stellt sich mir doch sofort die Frage nach der Möglichkeit zur Vervielfältigung. Handgeschriebenes wandert ja nicht auf magischem Wege zum Rezipienten und insbesondere Texte, die nicht nur für einen Rezipienten gedacht sind (und das sind heutzutage bei weitem die meisten) müssen im 21. Jahrhundert zwangsläufig den Weg ins Digitale finden, was zusätzlichen Aufwand bedeutet. Eigentlich ist das wenig sinnvoll.

Und dann tritt hinzu, dass auf die Körperhaltung beim SMS-Schreiben rekurriert wird. Noch deutlicher kann eine normative Geisteshaltung der Intoleranz gegenüber vermeintlich übermodernen Formen des Kommunizierens kaum zum Ausdruck kommen: „Unsere Jugend verblödet, weil sie keine Stifte mehr in die Hand nimmt“. Sorry ZON, aber ihr seid nicht zum Gestalten von Gesellschaft und Politik da, sondern zum Beobachten von Politik und Gesellschaft. Und neue Kulturtechniken sind den vermeintlich Etablierten ja stets Teufelswerk. Aber für eine Online-Zeitung ist das einfach nur Schizophrener Mist. Zu behaupten, dass das digitale Schreiben unsere Kreativität und kognitiven Fähigkeiten per se hemmt, ist Käse. Übt lieber noch mal mit der Hand…

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