Bildungsmisere reloaded

Immer dieses Gejammer. Jedes Jahr kommen die Bildungsforscher aus ihrem hohen Elfenbeinturm herabgestiegen, um dem Volke kundzutun, wie schlecht es um die Bildung der Jugend bestellt ist. Und jedes Jahr wieder fangen alle gemeinschaftlich an, die Bekanntgaben bis zum Erbrechen zu wiederholen. Stets ist vom Untergang des Abendlandes, dem Verfall der guten Sitten und dem Erliegen Deutschlands als Wirtschaftsstandort die Rede. Manchmal wird im Nebennebensatz auch mal darauf rekurriert, dass die Unterschiede vielleicht – zumindest teilweise – auf die soziale der jeweiligen Kinder zurückzuführen sein könnten. Entweder es ist PISA- oder IGLU-Zeit, aber eines ist sicher: unsere Art zu leben ist nun dem Tode geweiht…

Liest man die eben bekannt gegebenen Zahlen einmal etwas aufmerksamer, stellt man fest, dass sich die Situation innerhalb von 16 Jahren marginal zugespitzt hat (netto 3,2% Zunahme bei den besten und 2,0% Zunahme bei den schlechtesten Lesern im Grundschulalter). Spektakulär! Ich konnte jetzt keine absoluten Zahlen finden, sondern muss einen Artikel dazu zitieren, aber das sind ja mal richtig wilde Veränderungen. Doch was sagen uns die Zahlen und die Rezeption in den Medien?

Zunächst sollte man feststellen, dass schulische Bildungspolitik im föderalen Bundesstaat BRD auf Länderebene gemacht wird, was gewisse Verwerfungen und Ungleichheiten nach sich zieht. Auch wenn es Bildungsabschlüsse gibt, die bundesweit Gültigkeit haben, ist deren Vergleichbarkeit auf Grund der vielen verschiedenen Schularten, Lenkungssysteme und unterschiedlicher Qualifizierung der Lehrkräfte in Frage zu stellen. Bildungsforschung soll eigentlich helfen, solche Disparitäten durch gezielte Empfehlungen abbauen zu können. Diesem Anspruch wird Sie insofern gerecht, als stets klar benannt wird, das Investitionen in das Bildungs- und Erziehungswesen dringend ratsam wären. Nur dass der Staat ja eine schwarze Null braucht – um jeden Preis…

Man möge mir meine Polemik verzeihen, aber bevor irgendjemand den Soli abschafft, soll er die 30 Milliarden Spielraum bitte vollumfänglich in Bildung und Erziehung investieren; vom Kindergarten bis in die Uni. Denn was die Zahlen tatsächlich zeigen ist, dass alles planlose herumdoktern, halbherzige Überkleistern und zu oft parteiideologisch motivierte umbauen in Wahrheit nur den Status Quo zementiert hat. Anstatt einen Wurf zu versuchen, eine stringente Vision von Fordern und Fördern für alle Kinder umzusetzen hat man immer nur von Wahl zu Wahl gedacht und das Lehrpersonal immer wieder mit halbgaren Baustellen allein gelassen. Genauso, wie es auch mit der Sozialpolitik läuft. Nicht umsonst ist im gleichen Zeitraum auch der bereinigte Gini-Koeffizient in Deutschland um ca. 4% gestiegen.

Was soll Schule in Deutschland denn überhaupt? Einem Humboldt’schen Ideal von allseitiger Bildung des Individuums dienen? Nein, liebe Freunde: die Schule soll die Voraussetzung erzeugen, ihre Produkte möglichst leicht ins Erwerbsleben zu integrieren, vulgo einen stetigen Nachschub an Arbeitskräften für die Unternehmen zu erzeugen. Individualität, allseitige Bildung und Humanistische Ideale sind dabei eher hinderlich. Unter Bildungswissenschaftlern wird hierüber schon lange heftig diskutiert, aber auch bei Pädagogen hat sich allzu oft eine neoliberale Sicht der Dinge etabliert, die nichts mehr mit Bildung, sondern nur noch mit dem Broterwerb dienlicher Kompetenzerzeugung zu tun hat. Und genau deshalb ist auch das Geschrei in den Medien so groß. Es geht nicht um die Zukunft unserer Kinder, sondern um, die Zukunft unserer Wirtschaft. Über Klein-Paulas oder Klein-Ahmeds Lebenschancen zu reden stört bei so hehren Zielen nur.

Man kann’s drehen und wenden wie man will: diese Betroffenheit über PISA und IGLU ist Heuchelei, denn es liegt schon seit der neoliberalen Wende der Sozialdemokratie mit der Agenda 2010 in der Hand der Politik, die Dinge besser zu gestalten. Aber dazu ist Mut notwendig: der Mut, der Bildungskleinstaaterei ein Ende zu bereiten, der Mut dem Lobbyisten keine Mitsprache bei Bildungsfragen mehr einzuräumen und schließlich der Mut, von Ideologien Abstand zu nehmen. Vermutlich läuft es jedoch darauf hinaus, dass wir auch das wieder selbst in die Hand nehmen und anstatt auf funktionierende Makrostrukturen zu hoffen lieber gute Mikrostrukturen etablieren – womit wir allerdings wieder ein Vergleichbarkeitsproblem hätten. In jedem Fall müssen wir von dieser vordergründig betretenen Bigotterie weg – denn es geht um die Zukunft unserer Kinder. Aber eigentlich steht alles relevante im Grundgesetz in Artikel 7 und Artikel 12. Good bye, see you soon.

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