Ich sitze hier an einem Samstagnachmittag im späten Januar vor meinen Bildschirmen und frage mich einmal mehr, ob ich gerade Zeit verschwende, oder einfach nur mein Leben lebe. Der Tag bisher bestand daraus, mit meiner Familie nicht allzu zeitig zu frühstücken, danach hat jeder ein bisschen Seins gemacht; irgendwie muss der Huzzle und Buzzle der Woche ja von einem abfallen. Irgendwann bin ich in die Küche und habe Essen aufgesetzt (Gulasch braucht ja vor allem Übung und Geduld), um während des Garvorganges ein paar KM in der Sonne spazieren zu gehen. Die Welt ringsum, so scheint es, spielt unterdessen gerade mal wieder verrückt, was ja an sich nichts Ungewöhnliches mehr ist. Das hat sie vermutlich auch früher schon getan. Heute kriegts nur jeder gleich mit. Aber irgendwie… ja irgendwie kratzt mich das alles gerade nicht. Könnte an meiner Depression liegen, die mich schon seit einem halben Jahr wieder besucht – und offensichtlich Gefallen an der Einrichtung meines Kopfes gefunden hat. Steht ja auch genug Futter rum: Stress, Ärger, Sorgen… alles von der Arbeit mitgebracht. Tatsächlich, jedenfalls fühle ich das so, ausschließlich von der Arbeit! Da ist es wenig verwunderlich, dass ich mich an diesem langsam dunkler werdenden Samstag-Nachmittag lieber mit Kram beschäftige, der mir Ablenkung verschafft und Freude bereitet. Kram, der mit dem aktuellen Zustand unserer realen Welt NICHTS zu tun hat. Also… zumindest nicht vordergründig. Doch dazu später mehr.

Ich sitze hier also und arbeite am Kampagnenjournal meiner neuesten Spielrunde. Ich darf mal wieder selbst zocken und die Geschichte fesselt mich. Könnte daran liegen, dass sich die Spieler und der Spielleiter gegenseitig die Bälle zuspielen und das Ganze so zu einer höchst kreativen Übung in kollaborativem Storytelling wird. Ich hatte in meinem letzten Post über die Verwendung von visuellen Medien in der Szenenbeschreibung gesprochen und hier ist es so, dass nicht nur der SL das tut, sondern auch manche Spieler ihren Input geben. Z. B. ich, weshalb ich gerade mit generativer KI rumbastele, um meine Ideen vom Look and Feel dieser frisch entdeckten Welt und ihrer Herausforderungen greifbarer zu machen. Und gleichzeitig das Spiel für mich selbst weiter zu spielen, wie ich es erst kürzlich im letzten Post beschrieben hatte. In den Augen mancher Menschen, wie etwa des ausschließlich zahlenfixierten aktuellen Kanzloiden, verschwende ich damit vermutlich tatsächlich gerade Zeit, die ich doch viel lieber für Wertschöpfung verwenden sollte. Das Problem ist nur – der Kanzloide kann mich mal am Arsch lecken! Ich schöpfe unter der Woche schon mehr als genug Wert. Aber wenn die vereinbarte Arbeitszeit rum ist, dann schöpfe ich lieber durch spielerisches Ausleben meiner Kreativität Kraft, um durch die Runden im Hamsterrad nicht vollständig auszubrennen und durchzuknallen. Und das bedeutet für mich, zu zocken – FUCK YEAH! Pen’n’Paper ist meine Leidenschaft, denn es gibt KEIN anderes Hobby, bei dem man soviel Spaß mit seinem Verstand und seiner Fantasie haben kann! Ob ich eventuell eine gewisse Abhängigkeit vom Zocken entwickelt habe? Möglich wär’s. Falls ja, ist diese allerdings ungefähr genauso beschaffen, wie die aller halbwegs klugen Menschen von halbwegs intelligenten Gesprächen; irgendwann hat man nämlich einfach keinen Bock mehr, sich mit Idioten abgeben zu müssen. Und von denen rennen da draußen ja nun mehr als genug rum…

Addicted to gaming? Ich nehme diese Diagnose sogar mit Stolz an und empfinde sie mehr als Auszeichnung, denn als Stigma, beweist sie doch, dass ich mir auf meine ganz spezielle Art einen gesunden Anteil meines inneren Kindes erhalten habe. Es könnte aus meiner Sicht wahrlich schlimmer kommen. Ich darf immer wieder neue Welten erforschen und mich Herausforderungen stellen, die mit erkennbaren Zielen verknüpft sind, welche einen befriedigenden Endzustand erreichen können. Etwas, das im realen Leben so gut wie nie eintritt, weil vor der Arbeit nach der Arbeit vor der Arbeit ist und die Wäsche-, Geschirr- und Rechnungsberge die mächtigsten Endgegner aller Zeiten bleiben. Davor möchte, wie ich glaube, jeder Mensch dann und wann entfliehen; Pen’n’Paper-Zocker tun dies halt auf eine sehr spezielle Art. Doch… so ganz verschwindet der Bezug zu unserer realen Welt auch im Spiel niemals. Denn die Themen und Erzählfiguren, welcher wir uns im Spiel bedienen, sind stets ein Spiegel der Realität – handeln unsere Geschichten doch oft von Bösewichten, die aus einer Überzeugung heraus handeln, dieses oder jenes für ein bestimmtes Ziel tun zu müssen. “Die schlimmsten Verbrechen werden aus den besten Absichten begangen.” ist vermutlich eine ziemlich präzise Beschreibung dessen, was unsere Welt im Kern antreibt. Putin, Trump, Netanyahu anybody…? Und das ist in den Spielwelten auch greifbar. Allerdings mit dem Unterschied, dass WIR dabei Figuren spielen, die an diesen Bedingungen durch ihr Tun etwas zu ändern vermögen. Wenngleich sie dafür oft einen hohen – fiktionalen – Preis zahlen müssen. Aber ohne Drama, ohne Spannung, ohne Konflikt gibt’s halt keine guten Geschichten. Damit die Geschichten wahrhaftig gut werden, braucht es halt den Input aller Beteiligten. Weshalb am Wochenende manche Stunde dafür drauf geht, unsere Stories weiter zu entwickeln. In diesem Sinne – always game on! And never forget the WHY…!










