Adieu Facebook – bonjour privacy?

Ach ja, schon wieder schwappt eine „Ich-verlasse-jetzt-Facebook-endgültig-echt-jetzt“-Welle durch die Whazzup-Liste meiner personalisierten Fratzenparty-Seite. Drauf geschissen. Die Leute darunter, die ich unbedingt erreichen will oder muss, werde ich erreichen. Die Anderen… nun ja, die sind dann halt weg. Ich persönlich verstehe die ganze Aufregung nicht. Dass diese Änderung der Geschäftsbedingungen kommen würde, war schon lange bekannt. Da hätte man doch konsequenterweise auch schon lange Schluss machen können, oder? Seien wir doch mal ehrlich: natürlich gibt es Alternativen zu Facebook, Whatsapp, etc. Sie kosten allerdings zumeist Geld, sind nicht selten für den üblichen Standard-User, der einfach nur will, dass es läuft und seine Anwendungen den Shit rocken zu kompliziert; und keine Sau kennt sie. Super so weit, wenn man also unbedingt ins kommunikatorische Abseits will, oder schlicht keine Verwendung für den Mehrwert von Social Networking hat (wie auch immer das möglich sein soll, aber Komisches gibt’s ja überall). Falls man aber darauf angewiesen ist, community events oder Ähnliches schnell und kostengünstig zu publizieren, kommt man an solchen Diensten kaum vorbei. Wenn man im Internet irgendwas recherchieren will, kommt man ja auch nicht an Suchmaschinen vorbei, deren leistungsfähigste alle mit WerbeAdds arbeiten, die immer perfekter auf unsere Bedürfnisse abgestimmt zu sein scheinen.

Und jetzt regt sich alle Welt über Zuckerbergs Apparatschiks auf, die ihre eh schon mächtigen Tools noch mal ein bisschen aufgebohrt haben, um… tja um noch mehr, noch besser Werbung verkaufen zu können. Es gibt halt nicht sehr viele Möglichkeiten, um im Web Geld zu verdienen, um genau zu sein so ziemlich die gleichen, wie in der Realität auch; und selbstverständlich geht es im Silicon Valley um Kohle, oder dachtet ihr vielleicht, Kalifornien sei ein Paradies voller Altruisten. Die hatten immer hin einen republikanischen Gouvernator…

Meines Erachtens wird die sich eben entspinnende Diskussion falsch geführt. Wir erliegen leider immer noch zu oft drei Illusionen. Die erste ist, dass Webdienste, die umsonst sind, tatsächlich nichts kosten. Die zweite, dass im Web momentan wirklich andere Spielregeln gelten würden, als in der realen Welt (lest ihr ab und zu mal die Geschäftsbedingungen der Webshops, die normalerweise immer gleich weggeklickt werden?). Und die dritte und folgenschwerste ist der Selbstbetrug, dass unsere digitale Identität und unsere reale Identität voneinander getrennt wären. Sieht man vor allem an den vielen Trunkenheitsfotos, die man immer noch in FB-Profilen findet (kleiner Tipp: auch Personalsachbearbeiter können Internet!).

Irgend so ein Nerd hat mal den Begriff des „digital native“ geprägt, doch der Begriff ist (wie ich schon einige Male ausgeführt habe) aus mehreren Gründen Bullshit. Insbesondere eingedenk der Tatsache, dass Dinge, die wir online tun offline sehr wohl Auswirkungen haben (Danke für deine Blödheit, Bachmann!). Aber natürlich auch hinsichtlich der Frage, welchen Stellenwert Privatsphäre für uns hat und in Zukunft haben soll und ob Privatsphäre und Bürgerechte tatsächlich in einem so starken Zusammenhang stehen, wie wir uns das gerne vormachen. Denn natürlich hat jeder von uns Dinge, die er/sie nicht publik gemacht sehen möchte und da das Meiste davon eher nicht strafrechtlich relevant ist, ist das auch gut so. Aber ebenso wenig wie ich meinen Beruf und das dabei erwirtschaftete Salär geheim halte, den Umstand, dass ich Vater zweier kleiner Mädchen bin, oder meine politische Gesinnung, mache ich mir Gedanken darüber, ob Facebook mir in Zukunft auf Basis meines Surfverhaltens unmoralische Angebote machen könnte. Schließlich entscheide ich selbst darüber, ob ich diese annehmen will, oder auch nicht. Oder macht das bei euch der Genosse Computer schon alleine?

Ich meine Folgendes: wenn ich mich als Person im öffentlichen Raum bewege, trage ich auch keine Maske, oder erledige meine Verrichtungen im Schutz der Dunkelheit. Dazu mag ich die Sonne viel zu sehr. Das Internet ist ein ebenso öffentlicher Raum, in dem sich privatwirtschaftliche, aber auch der öffentlichen Hand zurechenbare Dienstleister, Vertreter der Justiz- und Strafverfolgungsbehörden und anderer staatlicher Organe und natürlich wir Bürger begegnen. Man tauscht sich aus, macht Geschäfte miteinander und geht wieder seiner Wege. Und das dabei gewisse Regeln, wie etwa unser BGB oder StGB und all das Andere Zeug ebenso Geltung haben, wie draußen auf der echten Straße, wird wohl niemand bezweifeln wollen. Auch auf der Straße gibt’s Dinge, die wir nicht so prall finden: unter anderem überdimensionierte Werbetafeln, grauenhaft schlechte Straßenmusiker, offensive Bettelei und die allgegenwärtigen Umfragemenschen, die ja eigentlich nix dafür können, dass sie jung sind und das Geld brauchen. Facebook will jetzt also unsere On- und am liebsten auch unsere Offlinebewegungsprofile auswerten, um uns noch mehr Werbung schicken zu können, in der Hoffnung, dass der Algorithmus errät, was wir noch wollen könnten. Furchtbare Sache – dass die NSA, also ein ausländischer Geheimdienst immer noch in großem Stil unsere private Kommunikation belauscht, ist aber halb so wild? Jedenfalls habe ich in letzter Zeit kaum jemanden sich darüber aufregen hören. Ja wie jetzt? Ist Privatsphäre nun wichtig, oder nicht? Oder variiert hier vielleicht, wie viel davon in welchem Medium man braucht?

Vielen mag es den Anschein erregen, dass man tatsächlich mit mehrerlei Maß messen kann, im digitalen dort und im analogen hier, doch das ist nur scheinbar so. Der „digital native“ und sein „analogue carrier“ leben in der gleichen Person und zumindest den meisten Teil der Zeit auch nach den gleichen Regeln. Wenn ich aus meinem Herzen einer Mördergrube machen mag, bezüglich dieser oder jener Sache, dann darf ich sie weder im hier, noch im dort äußern. Andere dritte, also Facebook sind nicht daran schuld, wenn man zu viel von sich selbst preisgibt. Und das diese ominösen Social-Network-Betreiber Geld verdienen müssen, um die ungeheure Infrastruktur betreiben zu können, die solche Orte im Netz erst möglich macht, versteht jeder, der das Einmaleins gelernt hat.
Also mache ich entweder mit und bezahle mit etwas Info über mich für die mannigfaltigen Dienste, oder eben nicht. Nur das Argument des Datenschutzes und der Privatsphäre, das lasst bitte raus, denn wenn ihr nicht maskiert durchs Leben lauft, nehme ich euch nicht ernst. Jeder, der sich in irgendeiner Weise mehr oder weniger regelmäßig öffentlich äußert, sei er nun in der Politik tätig, irgendeinem Verein, oder so wie ich als Blogger, gibt dabei schon ein mehrfaches von dem Preis, was FB sich jetzt abzwacken will. Deswegen meine digitale Kontaktpflege zu gefährden, ist mir den Aufwand nicht wert. Viel sinnvoller wäre es, man machte sich vorher darüber Gedanken, was man wo postet bzw. welche Daten man wo ablegt, bevor man bösen Seitenbetreibern die Schuld für die eigenen Fehler gibt. Ich bleibe übrigens bei Facebook… und ihr?

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