Who am I?

Die letzten Wochen waren eine Zerreissprobe. Und ich denke, dass ich diese langsam, aber sicher überstanden habe. Oh, der große schwarze Hund ist immer noch zu Besuch, aber wir haben uns darauf geeinigt, dass er im Moment nah bei der Heizung liegen bleibt, und sich nicht allzu viel bewegt; dafür darf er zuschauen. Zusätzliches Futter braucht er ja nicht… Beruflich komme ich derzeit wieder in ruhigeres Fahrwasser, weil sich die richtige Mischung aus Offensive und Diplomatie eben doch auszahlt, wenn man nur ein bisschen Geduld hat. Eine meiner großen Schwächen ist leider, dass ich eigentlich am Liebsten immer alles sofort gelöst sehen möchte. Man könnte jetzt mit Ende 40 mal langsam ein bisschen ruhiger werden, oder? Immerhin habe ich mir noch eine kleine Verschnaufpause für Ende des Monats eingeplant. Dennoch werden die Monate November und Dezember noch mal ein long run. Wie immer halt. Wie gerne hätte ich im Moment noch mal Sommer in der Toskana…

Pieve die Santa Maria a Panzano

“Who am I” ist natürlich eine Catchphrase um verschiedene Aspekte meines Selbst zu reflektieren, die ich in den letzten Wochen an mir bemerkt habe:

  • willensstark scheint auf den ersten Blick positiv, kann aber halt auch in Sturheit oder Verbohrtheit umschlagen. Manchmal dauert es ein bisschen, bis man den Unterschied selbst erkennt. Zumeist braucht es dabei Hilfe von Außen.
  • hoffnungsfroh kann hingegen die Gestalt von leichtgläubig, oder vertrauensselig annehmen. Dennoch ist Hoffnung empfinden zu dürfen, auch, wenn’s mal ein wenig rauer zugeht trotzdem ein nicht zu unterschätzendes Geschenk.
  • Organisator ja, das kann ich tatsächlich. Auch wenn ich mir ab und zu wünschen würde, dass ich nicht ganz so viele Workarounds aus dem Hut zaubern müsste. Aber es gibt Licht am Ende des Tunnels – und zur Abwechslung ist es mal kein entgegen kommender Zug…!
  • ambivalent/ambig emotionale Wechselbäder sind mir weder fremd, noch komme ich damit im Alltag nicht klar. Dennoch ist meine diesbezügliche Toleranz gegenwärtig beinahe aufgebraucht. Ich brauche mal ein paar Momente der Klarheit!
  • Muse auch mein Talent zur Inspiration scheint noch zu funktionieren, wenngleich ich mir mehr Raum schaffen muss, mich auch mal wieder selbst zu inspirieren. Vielleicht hilft ja meine gegenwärtige Lektüre ein wenig…
  • integrativ Menschen und ihre Motive/Ziele unter einen Hut zu bekommen, ist manchmal gar nicht so einfach. Genau das hat mich in den letzten Wochen Nerven en masse gekostet. Aber es zahlt sich aus – und das für alle Beteiligten. Da bin ich mir sicher.

Damit ist natürlich immer noch nicht gesagt, wer ich bin! Das rauszufinden passiert ja aber auch dauernd neu, und ist wohl nie abgeschlossen. Gegenwärtig schlage ich mich deshalb, quasi als Ersatzbefriedigung, mal wieder mit der Frage rum, was ich eigentlich will. Ich meine, ich mache meinen Job wirklich verdammt gerne, aber ich möchte mich nicht nur darüber definieren. Und gerade jetzt ist alles ein bisschen viel. In meinem Hinterkopf spukt mal wieder der Gedanke endlich mehr zu schreiben; endlich mal eines der drei bis vier Bücher, die zum Teil relativ weit gediehen auf meiner Festplatte vor sich hin sintern auch zum Ende zu bringen. Aber das ist schwer, wenn man das Gefühlt hat, das an jedem Projekt noch etwas (evtl. Entscheidendes?) fehlt. In solchen Momenten darf man sich auch – oder gerade – als kreativer Mensch mal Inspiration und Ideen von Außen holen. Und da schwemmte das moderne Antquariat aus den USA das hier auf meinen Schreibtisch:

ISBN: 978 -1-58297294-7

So far, a damn good read! Es beantwortet sicher nicht meine Eingangsfrage, aber es hat mir Lust gemacht, mich mal wieder auf andere Art, als “nur” beim Bloggen, für’s Studium oder die Arbeit an die Tastatur zu klemmen – und vor allem auch meinen wilderen Gedanken mal Freiraum zu geben. Dass ich mehr als genug Geschichten zum Erzählen hätte, daran hat nie ein Zweifel bestanden. Aber ich stelle gerade fest, dass ich an so manchem Grat meiner Skills noch schleifen kann – und werde. Vielleicht wird es neben der vielen Arbeit doch ein guter Herbst. Ich werd’s euch wissen lassen. Bis dahin wünsche ich eine gute Zeit. Und hoffe, dass nicht wieder 10 Tage zwischen zwei Posts vergehen. See you soon.

Langsam aber sicher…

Die Zeitung aufzuschlagen – gleich ob man das mit gutem, altmodisch bedrucktem Papier bewerkstelligt, oder aber per Wischgeste am Mobile Device – ist ein kathartischer Akt. Steht ja doch nur Scheiß im Tageblatt. Das schlechte Nachrichten aus Sicht eines Redakteurs dabei gute sind, weil Tod und Sex sich in vielerlei Hinsicht immer noch am besten verkaufen lassen, ist ein alter Hut; oder ein Feigenblatt, je nachdem… Dabei wird aus dem Redakteur oft ein Redukteur, denn der Informationsgehalt muss auf ein verdau- und auch wieder ausspeibares Maß reduziert werden. Sonst ist Ottonormalbürger*in womöglich geneigt, nach mehr Fakten zu suchen und sich ein eigenes Bild zu machen. OK, das war böse und gilt nicht für jede Postille. Zumeist aber für die BLUT, die WELT, den FOCUS, die NZZ und noch so ein paar Blätter, die Tradition als ausreichenden Fortschritt zu verkaufen versuchen. Diese kuratierten “Snipets of Info” sind dabei meist genau so zugeschnitten, dass sie sich einfach, dumm und unreflektiert in den asozialen Medien teilen lassen. Wer mag nicht ein paar schnelle Likes, wenn das mit Titten, Dogmen, Tod und Hass doch am schnellsten geht…?

Jaaaa, ich bin mal wieder in einer dieser Stimmungen. Noch vor ein paar Wochen, als ich mit meiner Familie auf dem Ausflug unterwegs war, bei dem unter anderem auch die Bilder in diesem Post entstanden sind, fühlte sich das noch besser an. Wir alle haben ja diese Erzählung unserer Selbst im Hinterkopf, diese Idee einer individuellen Identität, die Herr ihrer kleinen Welt, ihrer Handlungen, ihres Wohls ist. Tja… manchmal fliegt der flotte Selbstbetrug allzu schnell auf. Im Moment bin ich der Herr von NIX. Alle Pläne sind durch eine kleine Unbedachtheit in der Schwebe, alle Kontrolle liegt nun in anderen Händen, und die Selbstsicherheit kauert in einer dunklen Ecke hinter dem Ofen in der Küche meines Gedankenpalastes und wartet – wartet auf den Zusammenbruch des Kartenhauses.

Als ich durch die beeindruckenden Reste des Klosters Disibodenberg mäanderte, hätte ich mir nicht träumen lassen, wie schnell mal wieder alles an die Wand fahren würde. Allerdings hätte ich auch nicht damit gerechnet wie – mit Verlaub – SCHEISSEGAL mir das gerade ist. Ich denke, während ich diese Zeilen schreibe darüber nach, was wohl passiert, wenn alsbald tatsächlich der schlimmste Fall eintritt. Und komme langsam zu dem Schluss, dass dieser schlimmste Fall vermutlich für andere wesentlich schlimmer wäre, als für mich. Ich bin zwar eigentlich keiner, der beim ersten Anzeichen von Schwierigkeiten den Schwanz einzieht und wegrennt. Wenn ich was verbockt habe, kommuniziere ich das, und gehe dann in die Offensive, in dem Versuch zu kitten, was zu kitten ist. Aber wir alle wissen, dass wir nicht immer Herren unseres Schicksals sind. Also bin ich trotzdem auch unruhig, denn wenn man das Seine getan hat und warten muss, ist das immer beunruhigend. Wir sind schließlich Menschen und da ist unsere Ratio immer nur ein Haaresbreite von der Irrationalität, dem Subjektiven, der Intuition entfernt. Auch im Gegenüber…

Jedenfalls schlug ich heute morgen die Zeitung auf und da war wieder einer dieser Artikel über Sinnsuche. Ein Thema, das mich schon lange verfolgt. Und es passte gerade zu meiner Stimmung, also las ich den Kram, wo auch im Artikel und in den Kommentaren wieder nur olle Kamellen aufgegossen wurden. Da wird mit Philosophen um sich geworfen, als wenn die lange gedachten, gedruckten und 1000fach replizierten Gedanken eines Anderen, und mögen es noch so kluge Ergüsse sein, tatsächlich Balsam für (m)eine Wunde Seele sein könnten. Natürlich kann man sich in irgendeinem Buch oder Magazinartikel wiederfinden – wenn man denn dort nach sich suchen möchte. Und natürlich sitzt man dann irgendwann nickend da uns sagt “JA, das könnte ich mal versuchen…”. Hölle nein. “Walk a mile in my shoes!” ist nicht nur so dahingesagt. Es ist ein Sinnbild für das Bestreben, Anderen die eigene Sicht auf die Existenz begreifbar machen zu wollen. Was selten richtig gut klappt. Das ist ja schon bei Menschen schwierig, mit denen man lange bekannt ist. Aber bei irgendwelchen x-beliebigen Dritten? Wie soll also eines anderen Schreibe tatsächlich meine Probleme lösen helfen…?

Wie auch beim Fotografieren versuche ich bei diesen Meditationen über die verschissene Verfasstheit meiner Lebensrealität (und nichts anderes sind manche meiner Posts) viele unterschiedliche Blickwinkel – und bin nur selten wirklich mit den Ergebnissen zufrieden. Vielleicht ist aber genau diese Erkenntnis das Substrat, welches mir momentan am meisten Entlastung verschafft: dass 100% Zufriedenheit einfach eine Illusion bleiben muss, weil immer irgendetwas stört, den Blick versperrt, nicht funktioniert wie versprochen oder gedacht, vom eigentlich Relevanten ablenkt und schlussendlich Illusionen zerstört. Illusionen über das eigene Vermögen (nicht im Sinne von Geld sondern Kompetenz), über die eigenen Intentionen und Ziele, die eigene Situation. “Da steh ich nun ich armer Tor. Und bin so klug als wie zuvor.” Danke, Dr. Faust. Allerdings habe ich NICHT meine Seele dem Teufel verkauft. So weit bin ich noch nicht in meinem Streben nach Erkenntnis. Jedoch langsam aber sicher mal wieder auf der Suche nach Lösungen für komplexe Probleme. Einstweilen wünsche ich uns allen ein schönes Wochenende, Geduld und Zufriedenheit. Peace.

Should I stay, or should I go?

“Wenn du tot bist, tut es nur den anderen weh; genauso, als wenn du dumm bist!”

…from somewhere in the Internet

Mann muss einfach sagen, dass der Spruch so verdammt wahr ist, dass es tatsächlich immer wieder weh tut, wenn man seinen Auswirkungen in der Realität begegnet. Man kann sich dem zu entziehen versuchen. Ich selbst bin gerade wieder einmal an dem Punkt angelangt, da ich social media gerne komplett aus meinem Leben ausschließen würde! Denn subjektiv sind da nur noch Idioten unterwegs! Und habe doch Angst, dass ich damit manchen meiner “weak ties” den Stecker ziehen würde, was zumindest bei ein paar davon wohl zu einer Verarmung meines Selbst führen könnte. Denn über die “weak ties” in unseren Sozialbeziehungen realisieren wir eine Reflexionsfläche, deren Wirkung auf unsere Persönlichkeit nicht unterschätzt werden sollte. Es ist zwar ein Allgemeinplatz, dass wir Menschen soziale Wesen seien, aber nirgends lässt sich das besser beobachten, als an einem Ort, an dem eine größere Menge von Menschen mit unterschiedlich starken Bindungen in informeller Atmosphäre zusammenkommt. Zum Beispiel bei Partys im Zusammenhang mit dem beruflichen Umfeld.

Ein weiterer Allgemeinplatz lautet: “never fuck at the office/company”; wir alle haben zumindest ein intuitives Verständnis dafür, dass eine Beziehung derart auf ein “neues Level” zu bringen allerlei … interessante … Folgen haben kann. Denn in der Regel führen derlei Punktualisierungen dazu, dass sich die individuellen Netzwerke der dabei (nicht nur sexuell) interagierenden Akteure auch miteinander vernetzen. Im Guten, wie im Bösen. “Homo Homini Lupus” ist nicht einfach nur so dahingesagt. Menschen verfolgen nämlich Ziele. Manche gehen dabei intelligent und strategisch vor, andere lassen sich bewusst treiben, wohlwissend, dass sie Wirkmacht haben; und wieder andere verstehen gar nicht, dass und wie sie Einfluss ausüben, und wirken so von Außen betrachtet eher wie eine Flipperkugel; oder wie der Schmetterling, der den Orkan auslöst…! Das muss nicht unbedingt echte Blödheit sein, die einem den Tag versaut. Allzu naives Handeln kann genau die gleiche verheerende Wirkung entfalten.

Ich mag gedankliche Assoziationsketten. Springen wir also von der Party direkt ins Netz! Heutzutage ist es sehr einfach, Reaktionen auszulösen, weil man einfach irgendwas irgendwo posten kann und – je nachdem wie provokant, blöd, kalkuliert böse, anbiedernd oder sonstwie Aufmerksamkeit heischend die Äußerungen gewesen sein mögen – mit mehr oder weniger direktem Feedback rechnen darf. Denn ein paar Dumme, die sich auf die verbale Tretmine werfen, finden sich immer. Manchmal macht das sogar Spaß, wenn man ein paar Nazis triggert und dann FB melden kann, damit sie wenigstens für ein paar Tage gesperrt werden und so nicht andauernd ihre Verbaldiarrhoe absondern können. Aber auf die Dauer werden auch solche Spielchen langweilig. Und sie desillusionieren mich. Ich dachte, wir – so als Gesellschaft – wären schon ein Stück weiter. Sind wir aber ganz offensichtlich nicht. Und daraus wird dann unter Umständen eine Spirale, an der ich nicht teilhaben möchte, denn meine Depressionen sind auch so schon nicht immer einfach im Griff zu halten. Daraus folgt, wie bereits oben gesagt, dass ich eigentlich dem ganzen social-media-Quatsch entsagen sollte. Aber auch nicht…

Man wirft den Quatsch- und Querdenkern, Aluhüten, Nazis und dem ganzen anderen Geschmeiß, dass so gerne auf FB rumlungert ja immer vor, sich in Echokammern und Filterblasen gegenseitig aufzuschaukeln und zu radikalisieren. Entzöge ich mich dem nun, und bequemte mich nur noch in meine individuelle Komfortzone, wo nette Menschen mein Ego streicheln und mir stets wacker beipflichten, wenn ich mal wieder irgendwelchen Quatsch von mir gebe – was auch mir regelmäßig passiert – dann wäre ich kein Jota besser, als die von mir eben benannten stumpfsinnigen, dogmatischen Hohlfrüchte vom Eso-Rechten Rand! Und da haben wir mein Dilemma. Denn eigentlich bewirke ich vermutlich so gut wie nichts, weil es denen ja nicht weh tut, denn sie sind – auf eine spezielle, blinde Art – dumm! Mir tut’s aber weh, mich damit auseinanderzusetzen, weil es meinen, eigentlich immer noch starken Glauben an das Gute im Menschen immer und immer wieder ein bisschen beschädigt! Und damit auch mich selbst…

Vermutlich läuft es zum wiederholten Male darauf hinaus, dass ich mich für eine Weile von dem Scheiß fernhalte. Bis zu dem Moment, da ich feststelle, dass es mich doch wieder kitzelt. Meine Hoffnungen dabei sind, dass ich a) vielleicht, vielleicht doch wenigstens einen von denen zurück unter die nicht vollkommen Hirntoten hole und b) langsam, mit zunehmendem Alter nach und nach etwas resilienter werde. Oder noch zynischer und abgefuckter. Das wäre – für mich – auch OK. Aber ganz ehrlich – ich könnte mal einen Ratschlag gebrauchen. Schönen Samstag. [PS: DANKESCHÖN an “The Clash” für den Titel.]

Erwachsen bilden N°35 – Flight of the Motivator…

Wer sich ein Weilchen mit Erwachsenenbildung im beruflichen Kontext befasst hat, weiß sehr genau, dass junge Erwachsene sich oftmals nur hinsichtlich der Größe und des Besitzes eines Führerscheins von Kindern unterscheiden. Und dabei spielt das Geschlecht kaum eine Rolle. Sie spielen “Mama-hat gesagt-Papa-hat-gesagt!”, versuchen die Honorar-Dozenten zur Stimmungsmache zu instrumentalisieren, fordern allerlei Mögliches (und auch Unmögliches) ein und jammern rum, dass es ja gar nicht wie in der “richtigen” Schule wäre; man sähe überhaupt keinen roten Faden. Mit Ihnen dann eine Diskussion über lernfeldorientiert vs. fachzentriert und konstruktivistische Didaktik führen zu wollen, führt ins Nichts – ich hab’s schon mehr als einmal probiert. Das liegt zum einen sicher daran, dass solche Strategien woanders zweifellos funktionieren, und das vermutlich mit gewissem Erfolg; andernfalls würden sie den Scheiß nicht auch mit mir abzuziehen versuchen. Zum anderen sitzen sie der – von Anfang an stest auch von Kollegen und Ausbildern und Chefs befeuerten – Illusion auf, dass die dreijährige Ausbildung ein Wettlauf zum Examen sei.

Ich will ehrlich sein: selbstverständlich ist ein halbwegs gutes Zeugnis und die damit heutzutage sichere Anstellung bei irgendeinem Dienstleister im Gesundheitswesen als Motivation nicht von der Hand zu weisen. Denn schließlich muss jede*r irgendwie seinen/ihren Lebensunterhalt bestreiten können. Diese, stark am Bild des Homo Oeconomicus orientierte Sicht auf die Funktion des Berufsbildungswesens hat gewiss ihre Berechtigung, wenn man das Bild des meritokratisch organisierten Deutschland aufrecht erhalten möchte. Sie klammert jedoch die tatsächliche Aufgabe aus: nämlich zu erlernen, wie man patientenzentriertes Handeln mit den sozialen, ökonomischen und ökologischen Erfordernissen unserer Zeit in Einklang bringen kann. Und das ist weder für die Lernenden, noch für die Lehrenden eine triviale Aufgabe Denn seien wir ehrlich – als allererstes muss man herausfinden, wie man die zumeist jungen Leute abseits des Paychecks am Ende der Straße motivieren kann, mehr zu sein, als nur eine Funktion, die im bunten Jäckchen mit dem großen, lauten Auto und fancy Gadgets durch die Stadt brennt, um sich selbst cool finden zu können…

Ich klinge ein wenig zynisch? Vielleicht. Doch nicht selten kommt mir die Bezeichnung in den Sinn, die ein alter Kollege von mir in einem anderen Zeitalter gerne mal für manche Vertreter unseres Berufsstandes genutzt hat: “Bauch- und schwanzgesteuerte, profilneurotische, blaulichtgeile Krankenträger”; an dieser Stelle sei erwähnt, dass es damals nur sehr wenige Kolleginnen gab. Allerdings weist sich, dass mittlerweile in diesem Zusammenhang auch Frauen manchmal so daher kommen. Doch selbst, wenn ich unterstelle, dass die allermeisten SuS nicht so eindimensional gestrickt sind, bleibt immer noch die Frage, wie man in ihnen die notwendige intrinsische Motivation erzeugt, den eben beschriebenen Weg zu gehen, und auch im Angesicht wirtschaftlicher Zwänge ein human agierender Healtcare-Professional zu werden, und zu bleiben? Und ich muss zugeben, dass ich immer noch an der Lösung arbeite. Manche Erfahrung sagt mir, dass das evtl. ein zu hoch gestecktes Ziel ist. Andererseits sehe ich schon zu viele Kollegen*innen, die mit a) vollkommen falschen Zielvorstellungen hinsichtlich ihres beruflichen Handelns, b) irritierend schlecht ausdifferenziertem beruflichem Selbstbild und c) viel zu viel Ego an den Job herangehen; nur um dann wenige Jahre später desillusioniert das Berufsfeld zu wechseln. Oder zum zynischen Abziehbild eines Sanis degeneriert ihren Frust an den Menschen abzulassen, die ihnen fortan tagtäglich begegnen müssen.

Es genügt nicht, ihnen Selbstreflexionsaufgaben über Schnittstellen zu geben und ihnen den Begriff der doppelten Handlungslogik vorzubeten; die anderen Beteiligten an der Ausbildung müssten ihnen eine Art des Handelns im Gesundheitswesen vorleben, die leider noch viel zu selten tatsächlich stattfindet. Immerzu stöhnen alle, wenn z.B über Kommunikation, Interaktion, Beratung und ethische Fragen gesprochen wird. Warum? Weil in viel zu vielen Köpfen immer noch dieses Bild des Hero-Action-Sanis (m/w/d) dominiert, dass so verdammt falsch, so verdammt gefährlich, so verdammt inhuman, so verdammt unnötig ist, dass es mir die Galle hochtreibt; weil nämlich immer noch viel zu viele Hero-Action-Sanis mit Egos, groß wie Wolkenkratzer da draußen ihr Unwesen treiben und eine positive Weiterentwicklung des Berufsbildes aktiv verhindern. Und – um mich hier mal selbst zu zitieren – deren Horizont ist zu beschränkt, um die Beschränktheit ihres eigenen Horizonts erkennen zu können. DIE MÜSSEN SICH ÄNDERN!

Denn so lange sie existieren, werden sie durch falsches Beispiel in meinen Azubis ein, für alle Beteiligten schädliches Selbstbild fördern, gegen dass unentwegt im Unterricht anzukämpfen unendlich viel Kraft und Nerven kostet. Wenn’s nach mir ginge, würde man diese Kollegoiden samt und sonders entsorgen. Weil das aber nicht geht, bleibt mir nichts Anderes übrig, als nach den besseren Methoden und Argumenten zu suchen. In einer idealen Welt würde das nicht so lange dauern, aber ich schätze mal, dass wir noch mindestens eine Generation brauchen, bevor unser Berufsbild sich tatsächlich zu dem entwickeln kann, was es sein sollte: der bestmögliche Erstkontakt unserer Patienten mit dem Gesundheitswesen bei Notfällen und Krisen. Wer träumt mit…?

Quotes for a dirty old man…

Ich habe mal wieder in Charles Bukowski reingeblättert. Er war genauso alt wie ich jetzt, als er anfing, mit der Kolumne “Notes of a dirty old man” einen gewissen literarischen Erfolg zu erzielen. Unkonventionell, gewalttätig, unter die Gürtellinie, manchmal um zwei Ecken denkend – einfach zu konsumieren waren seine Geschichten nie! Mäanderten manchmal in einem Satz durch mehrere Themen. Ich lese ihn als desillusionierten Humanisten. Da fällt mir ein: ist es nicht komisch, dass wir uns selbst immerzu durch anderer Leute Augen bzw. Brille zu sehen versuchen? In sich selbst ruhen, in gewissen Momenten einfach einen Scheiß auf die Meinung Anderer geben, sein Ding machen – das war nie MEIN DING. Ich meine, ehrlich, ich muss mich heute weniger bemühen, Bullshit mit einem Achselzucken und einem “Ja, wenn du meinst…”, welches meine zumindest teilweise wohlwollende Ignoranz zum Ausdruck bringen soll, passiv zur Kenntnis zu nehmen. Je weniger nah der Mensch, desto leichter das Achselzucken. Und dann sind da diese Momente, wo mich vollkommen fremde Leute triggern. Verdammt und zugenäht…

Vermutlich gibt es da diese spezielle Sorte Mensch, die einfach nie zu alt für ein bisschen gediegenen Krawall wird. Ich denke ein Aspekt dabei ist, dass man Überzeugungen hat. Der Unterschied zwischen einer Überzeugung und einem Dogma ist für mich übrigens (Obacht, kein Anspruch auf Allgemeingültigkeit!), dass eine Überzeugung auf Erkenntnis beruht und ein Dogma auf Emotion. Ein weiterer Unterschied ist, dass eine Überzeugung durch neue, andere Erkenntnisse veränderbar bleibt, wohingegen sich das Dogma immer mehr gegen Fakten imprägniert. Es besteht also mithin ein Unterschied zwischen dem – auch mal vehement-verbalgewaltigen – Vertreten einer fundierten Überzeugung und dem zumeist phrasendreschenden Dogmatisieren. Und ich kann es leider nicht leugenen: Dogmatiker triggern mich immer wieder, weil sie nicht weiter denken können, als bis zum Ende ihres Horizonts. Selbst wenn du die auf den Kalmit stellst, sehen sie anstatt der oberrheinischen Tiefebene nur Bäume…

Ein anderer Aspekt des gediegenen alten Krawallbruders (Krawallschwestern seien mir natürlich auch willkommen!) ist der unruhige Geist. Wenn man sich für zuviel interessiert und seine Aufmerksamkeit zu weit streut, bleibt man manchmal zwangsweise in einem Zustand unbefriedigter Erregung zurück (rein platonisch gesprochen!), weil ein einzelnes Menschenleben viel zu kurz ist, für so viele Interessen. Zumindest, wenn man mit einem Standardintellekt ausgestattet ist. Zudem macht der unruhige Geist einen anfällig für allerlei dummen Kram, wie etwa Depressionen; weil man einfach intensiver empfindet. Ich kann das nicht wirklich erklären, aber es fühlt sich in etwa so an, als wenn man an einem blendend hellen Sommertag ohne Sonnenbrille nach oben schaut. Da ist zu viel Licht! Als wenn man euf einem belebten Platz versucht, einem Vogel zuzuhören. Da sind zu viel Geräusche! Als wenn man versucht, sich auf einen Affekt zu konzentrieren, während ringsum eine Demo tobt. Da sind zuviel (negative) Emotionen. Es ist manchmal einfach von allem zuviel…

Ich habe gelernt damit zu leben. Und meistens funktioniert das OK. Nicht immer, aber wenigstens meistens. Manchmal jedoch ist das Leben wie Bukowski lesen – da ist einfach zuviel Leben im Leben drin. Du kannst dich dem auch nicht entziehen, denn der Zug rollt, die Maschine will gefüttert werden, alle warten darauf, dass du deinen verdammten Job erledigst. Du hast ja nur einen Job – funktionieren, damit alles andere auch funktionieren kann, weil wir alle zusammen funktionieren müssen. Ist das das Leben? Reduziert sein auf eine Funktion? Klingt nicht wirklich nach Freiheit. Ich meine, objektiv betrachtet leben wir in einem der reichsten, freiesten, sichersten, bestorganisierten Länder der Erde. Klar, wir haben auch Probleme: soziale und wirtschaftliche Ungleichheit, struktureller Rassismus, mangelndes Commitment für den Umweltschutz, Egoismus, Narzissmus, und noch ein paar andere -ismen – ABER, im Mittel geht es uns verdammt viel besser, als einem sehr großen Prozentsatz der Welt. (Wird immer gerne verschwiegen, wie gut Demokratie funktionieren kann, wenn es den Demokratiefeinden gerade in den Kram passt.) Was ist es dann, dass so viele so unglücklich und unzufrieden macht?

Einerseits sicher der eine Problemfaktor, nämlich die Ungleichheit. Unser System bevorteilt Typen wie mich überproportional. Andererseits hat sich so eine existenzielle Angst breit gemacht. Die Individualisierung und Partikularisierung unserer Gesellschaft hat dem Indviduum mehr Verantwortung aufgeladen: “DU musst sehen, dass DU dein Leben alleine auf die Reihe kriegst! Ach und übrigens – ab jetzt musst DU das noch scheller können!” Der Druck macht die Menschen mürbe. Sich wie Bukowski ’68 mal eben mit einem Bier an die Schreibmaschine setzen, und dem lieben Herrgott zumindest literarisch den Stinkefinger zeigen, kann sich so heute gut wie niemand mehr leisten. Stattdessen müssen wir mehr leisten, um uns überhaupt das Leisten leisten zu können. Tretmühle Turbokapitalismus. Das ist es, was mich (pardon) immer härter fickt! Ich mag meine Arbeit als Schulleiter, als Dozent, als Projektentwickler, als Mentor – aber auch hier ist ein dauernder Druck spürbar, Ergebnisse erzeugen zu müssen. Und die Messbarkeit dessen, was ich tue, ist halt nicht in wirklich Monatsabschlüssen, sondern immer nur über mehrere Jahre hinweg beurteilbar. Für die Leute aus dem fernen Fiskalien (Controller) ist das ein Alptraum! Dabei entwickle ich mich (ungeahnter Weise) immer mehr zum Kaufmann. Dennoch suche ich immer noch beinahe verzweifelt nach einem Weg, den kreativen Träumer in mir mit dem, in die Realität eingebundenen Arbeitstier zu versöhnen. Hätte irgend jemand mal einen Rat für mich…?

Ende Gelände! Kein Bock mehr auf Bullshit!

Warum triggern mich Menschen auf Facebook immer noch gelegentlich? Warum kann ich es nicht einfach bleiben lassen, mit jenen Verbohrten zu diskutieren, deren selbstgefällig-weinerliches Geseiere mich im Grunde genommen nur noch anödet. Und deren Wohl und Wehe mir mittlerweile so weit an meinen Arsch vorbeigeht, dass die ganze gottverdammte Pazifikflotte in Fächerformation durchfahren könnte? Weil ich den einen oder anderen persönlich kenne? Was bedeutet persönlich kennen überhaupt? Ich meine, jetzt mal ganz ehrlich – an manchen Tagen kennt man sich ja nicht mal selbst richtig; aber andere Menschen schon? Die haben doch nicht mal ein Display in der Stirn implantiert, auf dem man sehen könnte, was sie wirklich denken. Damit umzugehen ist alles andere als einfach.

Weil andere Menschen nämlich Ansprüche an mich formulieren. Manche Ansprüche sind relevant und gerechtfertigt. Zum Beispiel, weil ich Kohle dafür bekomme, diese irgendwie zu befriedigen. Andere jedoch sind irrelevant und nervtötend. Weil ich Meinungen anerkennen soll, die es nicht mal wert sind, eine weitere Sekunde darüber nachzudenken: arrogant, dogmatisch, asozial, egoistisch und schlicht dumm. Diskussionen über das Impfen etwa. Ich kriege kein Geld dafür, verschwende im Gegenteil sogar Lebenszeit, weil diese Dösköppe nicht verstehen können – oder verstehen wollen – dass ihr Horizont sogar zu begrenzt ist, um die Grenzen ihres Horizonts erkennen zu können. Bei Wissenschaft gibt’s keine Meinungen! Nur Fakten, die natürlich interpretationsbedürftig sein können. Aber wenn ein paar Hundert, oder gar ein paar Tausend Wissenschaftler eines Fachs zu dem gleichen Ergebnis kommen, nämlich das Impfen gegen Covid-19 sinnvoll ist, weil es Gesundheit erhält und sogar Leben rettet, dann ist alles, was man in der YouTube-Uni oder auf der Google-FH lernen kann, um dieser akkumulierten Fachmeinung zu widersprechen einfach nur Bullshit für die Tonne!

Dann kommen alsbald noch irgendwelche politischen Thesen dazu, man mixt das Ganze mit angeblich verifizierten persönlichen Anekdoten (die keinerlei faktischen Wert besitzen, weil sie nichts beweisen können!) und fängt an, von der Einschränkung des Lebens für die armen Impfverweigerer zu labern; und das ja jetzt eine Zweiklassengesellschaft entstünde, wenn man diesen Aluhüten die Teilnahme am öffentlichen Leben einschränkt. Da kommen dann sogar Vergleiche mit der NS-Zeit. Ich würde vorschlagen, man geht mal nach Belarus und protestiert dort gegen das autokratische Regime von Herrn Lukaschenko. Während die Covid-Maßnahmen-Demonstranten freundlich vom Wasserwerfer der Berliner Polizei berieselt werden, weil sie sich Anordnungen widersetzen und versuchen, Polizisten zu verprügeln, kommen in Belarus Spezialpolizeieinheiten, packen dich, bringen dich in ein Geheimgefängnis und schlagen dich zusammen. Einfach, weil ihnen deine Fresse nicht gefällt und du ein Pappschild hochgehalten hast.

Und während nach ein paar Stunden unerträglicher Personalienfeststellung durch die deutsche Polizei unsere Covidioten dann mit einem “Du, DU, DU!” auf freien Fuß gesetzt werden, wird der Demonstrant in Belarus gerade zum dritten Mal zusammengeschlagen. Und zu dem Zeitpunkt, da die Covidioten dann nach dem Wochenende zu ihrem Anwalt rennen, findet man in Belarus manchmal irgendwo ein frisches Grab… Oder aber, die Gefangenen tauchen einfach niemals mehr irgendwo auf. Aber in Deutschland haben wir Repressionen? Eingeschränkte Meinungsfreiheit? HALLO, WAHRNEHMUNG? Eine Zwei-Klassen-Gesellschaft haben wir schon lange. Nennt sich übrigens Kapitalismus. Und das Menschen, die ohne Not jedwede Solidarität mit dem Rest des Landes verweigern, weil sie sich in ihren Grundrechten eingeschränkt glauben dafür Konsequenzen erfahren, ist einfach nur – nun ja – konsequent!

Am schönsten finde ich die, die OHNE JGELICHE ECHTE EXPERTISE meinen, mir erklären zu können, wie Gesundheit(swesen) funktioniert! Herzig! Echt herzig! Da kann ich einfach nur noch sagen: “Walk a few hundred Miles in my shoes. I’ve done it, been there, came back with tons of first-hand-experience. I’ve done real scientific research myself and learned, how to judge the quality of that done by others. And I needn’t take any bullshit from noone any longer!” Ich hab’s satt. Ich gehe die Tage mal durch meine “Freundesliste” und sortiere den ganzen Filz aus Wahrheitsverweigerern, Möchtegern-Libertären, Aluhüten (und vermutlich auch dem einen oder anderen, bislang gut getarnten Nazi…) aus, weil viele mich einfach nur noch nerven und negative Energie verbreiten, mit der ich nicht mehr umgehen kann und will. Glaubt doch was ihr wollt – aber erzählt es nicht mir, sondern eurer verschissenen Parkuhr. Tschüss!

Der verwirrte Spielleiter N°36 – Regeln, Regeln, Regeln…

Der Blick in manches Rollenspielbuch kann Anfänger schon ein bisschen entmutigen. Da wird von den Novizen verlangt, sich so einiges anzueignen, damit sie dann überhaupt mal mit dem Spielen anfangen können. Denn natürlich braucht jedes Spiel Regeln, damit eine gewisse Art von Vergleichbarkeit entsteht. Ich als SL brauche diese Vergleichbarkeit, damit ich weiß, ob – im jeweils gegebenen Setting – überhaupt möglich ist, was der Spieler mir gerade als Aktion seines Chars beschrieben hat. Beispiel: generische Fantasywelt, Kampf auf einer hügeligen Heerstraße zwischen der Abenteurergruppe und ein paar Hügelriesen, welche den Handelskonvoi für fette Beute hielten. Ein Spieler sagt an, dass sein Char zwischen den Beinen des einen Hügelriesen hindurchspringt und versucht von hinten an den Hals zu kommen. Char klein, Riese groß, Char schnell, Riese stark aber langsam, das Gelände lässt es auch zu => Akrobatik-Check mit geringem Abzug. Hätte der Spieler in der gleichen Situation gesagt: “Ich packe den Riesen am Bein und mache mit ihm den Bamm-Bamm” (für alle, die nicht wissen, was damit gemeint ist => dringend Familie Feuerstein googeln!), hätte ich vermutlich gefragt, ob er noch alle Tassen im Schrank hat? Es hätte nicht mal eine Chance zum Würfeln gegeben.

Damit die Spieler aber überhaupt wissen, was dieser ominöse “Akrobatik-Check” ist, und wie er durchgeführt wird, müssen sie sich halt zuvor in die Regeln eingefuchst haben. Und dabei lassen wir üblicherweise niemanden im Regen stehen. Nun ist es so, dass diese Regeln sehr detailliert ausgearbeitet sein können (legendär: Rolemaster, auch gerne Rulemaster genannt), oder aber sehr frei und flexibel nutzbar (D&D 5E macht hier gar keinen so schlechten Job). Und wenn ich so darüber nachdenke, möchte ich lieber weniger durchdetaillierte Regelwerke. Natürlich müssen Standardfälle wie “Ich schwinge mein Schwert!”, oder “Ich werfe den Zauber xyz!”, oder “Ich knacke das Schloß!” (oder das erwähnte “Ich springe zwischen den Beinen…!”) durch die Regeln abgedeckt sein, um eben ein gewisses Level an Vergleichbarkeit zu erzeugen. Ich habe, wenn ich mich recht entsinne, schon dann und wann den Begriff der “Konsistenz” benutzt. Und die Regeln sollen genau das – Konsistenz herstellen, damit bestimmte Aktionen bei der wiederholten Anwendung ein erwartbares Ergebnis erzielen. Das gilt für Spieler-Chars und NSC gleichermaßen.

Damit bleibt aber eine nicht unbeträchtliche Zahl von Ausnahmefällen übrig, in denen der/die SL entscheiden muss, wie mit irgendwelchen Aktionen umgegangen wird. Wer lange genug Pen’n’Paper gespielt hat weiß, dass die Spieler gerne alle Möglichkeiten austesten, insbesondere die unmöglichen; was regelmäßig dazu führt, dass on the fly eine Lösung gefunden werden muss, die wenigstens halbwegs zu den Regeln passt. Solche SL-Entscheidungen begründen in der Folge sogar manchmal sogenannte Hausregeln; also von der Spielrunde definierte Zusätze zum eigentlichen Regelwerk, die den Flow für diese Runde verbessern. Immer, wenn ich zu oft in mein Regelwerk schauen muss, ärgere ich mich über mich selbst, weil ich nicht besser vorbereitet war, oder weil ich dachte “Na, das wird schon nicht passieren…”. Nach 32 Jahren könnte man mehr erwarten, oder…?

Wichtig bei solchen Ad-Hoc-Entscheidungen ist, dass diese a) konsistent mit dem Rest des Regelwerks sind (wenn ich Classic Heroic Fantasy spiele, sollte ich nicht plötzlich Grim Realism-Maßstäbe anlegen), b) fair sind (alle müssen nicken und sagen “joa, paast…”) und c) kein ewiges Rumgesuche im hinterletzten Quellenbuch benötigen, denn “ad hoc” bedeutet “für diesen Augenblick gemacht”; was, zumindst in meiner Lesart “Ich bin in 20 Minuten soweit…” ausschließt! Überhaupt ist jedes Rumgesuche in irgendwelchen Quellenbüchern nervtötend, weil es den Spielfluß lähmt und damit negativ auf Pacing, Suspense und Stimmung wirkt. [Exkurs] Ich muss an dieser Stelle allerdings noch Folgendes anfügen: Meta-Kommentare, Off-Topic-Kommentare, Nebentätigkeiten am Spieltisch, etc. sind ALLESAMT dazu geeignet, sich negativ auf Pacing, Suspense und Stimmung auszuwirken. Ich bin da mittlerweile soweit, dass ich selbst nebenher Anderes mache, wenn ich den Eindruck gewinne, nur als Dienstleister gesehen zu werden. Ich habe keine Ahnung, ob das meinen Spielern*innen schon mal aufgefallen ist. Hiermit ist es offiziell: es nervt mich tierisch, wenn nebenher irgendwelche Dinge passieren, oder Sachen gemacht werden, die nix mit dem Spiel zu tun haben – und dann die Frage kommt “Was war noch mal?”. Es ist legitim, nicht aktiv am Spiel teilzunehmen, wenn man gerade nicht das Limelight hat. Solange man trotzdem die relevanten Aspekte mitbekommt… [Exkurs Ende]

Nicht so sehr an den Regeln zu hängen, gibt sowohl dem/der SL als auch den Spieler*innen Freiheiten, mit dem Setting zu experimentieren, die bei starren Regelwerken u. U. schnell zu einem Bruch der Kontinuität führen könnten. Allerdings geht damit eben auch eine gewisse Verantwortung einher, diese Freiheit sinnvoll zu nutzen. Manche Spieler haben so diese Eigenheit, die Grenzen der Welt austesten zu müssen (ICH bin manchmal so ein Spieler), um bislang noch nicht gedachte Lösungen zu finden. Manchmal schießt man dabei vielleicht über’s Ziel hinaus… Hier noch ein Geständnis: DAS ist der Grund, warum ich zocke. In meinem Kopf (manchmal auch an der Konsole) kann ich soviel kaputt machen, wie ich mag, es kommt dabei trotzdem niemand ernsthaft zu Schaden. Diese Freiheit lasse ich mir nur sehr ungern durch rigide Regelwerke (oder rigide SLs) nehmen. Always game on!

…und ich hoffte, wir wären weiter…

Ich gehe an dem Plakat, um dass es gleich im Folgenden gehen soll mittlerweile seit ein paar Wochen regelmäßig vorbei; und zuerst war es mir gar nicht weiter aufgefallen. Wie man eben so durch das Stadtbild wandert und Vieles überhaupt nicht mehr bewusst wahrnimmt, weil man Advertising-übersättigt von Konsumrausch zu Konsumkater stolpert, und immer wieder an der eigenen Denkfähigkeit zu zweifeln beginnen muss. Wir sind halt doch leicht beeinflussbar. Und genau das hat mich dann doch eines morgens diese Woche gewaltig gehirngefickt; ich glaube, ich hatte eh miese Laune, aber meine Denkschleifen bezüglich dieses Marketing-Machwerks wurden erstaunlich schnell erstaunlich klar: das Ding geht auf so vielen Ebenen überhaupt nicht, dass ich hier mal geschwind einen auf Roland Barthes und seine Mythen des Alltags machen muss…

Zunächst einmal ist die Machart des Plakats sehr konventionell und spielt in erwartbarer Weise mit dem Begriff der Evolution. Das an sich kann witzig sein, mündet hier allerdings in einem lächelnden Anzugträger mit Smartphone, der mutmßlich gerade ein Eigenheim bestellt? Nun ist die Simplifizierung im Marketing genauso wichtig, wie die didaktische Reduktion im Lehrsaal, und das geschickte Spiel mit Zeichen Grundvoraussetzung für das Evozieren von Gefühlen. Denn nur mit den situativ richtigen Gefühlen verkauft man erfolgreich. Und genau deshalb habe ich ein paar Fragen:

  • Warum nimmt man als (gegenwärtig) oberes Ende der Evolutionskette hier ganz naiv einen Anzugträger mit Smartphone an? Wo sind all die guten Facharbeiter*innen, auf deren Rücken der Wohlstand in diesem Land tatsächlich erwirtschaftet wird?
  • Warum ist es ein einsamer Kerl da auf dem Plakat? Leben wir immer noch in diesem 50er-Jahre-Deutschland mit dem Einzelverdiener-Ernährer-Macho als Patriarch? ich hatte echt gedacht, wir wären wenigstens ein bisschen weiter, als vor 60 Jahren…
  • …und dabei habe ich noch nicht mal an die LGBTQ+-Community gedacht!
  • Wo zum Kuckuck sind die Kinder? Da wird was von Familienheimen erzählt, und dann haben die nicht wenigstens auf einer ihrer Werbetafeln eine Familie als evolutionäre Konklusion auf dem Weg zu ihren Immobilien? Das lässt tief blicken in einem der kinderfeindlichsten Länder der Welt – JA, ich meine Deutschland!
  • Und ja – der Typ ist weiß! Also, wie war das jetzt mit Inklusivität?

Ich fasse zusammen: ICH lese das das implizite Statement dieses Plakats ist elitistisch, chauvinistisch, rassistisch, evtl. homophob und kinderfeindlich konnotiert. Was wiederum bedeutet, dass ausgerechnet ICH – als mittelalter, hetero-sexueller, weißer cis-gender-Mann und halbwegs empfindungsfähiges Wesen – diese Darstellung unmöglich finde. Wahrscheinlich denke ich zu viel und zu weit, oder bin mittlerweile einfach doch ein bisschen empfindlicher für solche Themen, als der Durchschnitt – aber muss sowas denn im frühen 21. Jahrhundert noch sein? Ich verstehe ja, dass man an Zielgruppen-Werbung glaubt. Das bedeutete hier im Umkehrschluss allerdings, dass man nicht annähme, das Facharbeiter, Frauen oder Mitglieder anderer ethnischer Gruppen diese Immobilien kaufen würden / könnten? Starker Tobak. Wie gesagt – meine Interpretation erhebt definitiv keinen Anspruch auf Allgemeingültigkeit. Aber ich hätte schon gerne, dass wir Menschen alles in allem mal etwas mehr über solche Darstellungen nachdenken. In diesem Sinne wünsche ich noch einen schönen Samstag.

Throwback Sunday

Manchmal darf es ein bisschen steiler sein…

Ich. Kann. Nicht. Gut. Klettern. Zum einen leide ich unter dezenter Höhenangst, und zum anderen bin ich alles andere als topfit – jedenfalls nicht so, wie der vollkommen gestörte Typ, der uns am Aufstieg zum Kalmithaus in vollem Lauf entgegen kam. Hüften, Knie und Sprunggelenke aus Eisen. Zumindest wirkte es so. Aber wenn es ihm Spaß macht, bitte. Ich bevorzuge die etwas langsamere Herangehensweise des “Wanderns”. So mit Rucksack, festem Schuhwerk und halbwegs angemessener Kleidung. Die Haardt zeigte sich heute jedenfalls mit ca. 25°C bei leichtem Wind und immer noch kräftiger Spätsommersonne diesbezüglich von ihrer besten Seite. Und so sind wir oberhalb von Maikammer durch das Felsenmeer und über die Kalmit gegangen.

Blick vom Parkplatz Hahnenschritt
Lieber mittendrin als nur dabei!

Der Spätsommer im Pfälzerwald hat an seinen besten Tagen (und heute war so einer) viel mit der Toskana gemein – zumindest die Geländeformation, die Straßen, ein bisschen der der Bewuchs, sogar der Geruch sind sich an einigen Stellen ähnlich. Und deshalb hat es sich für mich ein wenig wie ein Holiday-Throwback angefühlt. Es ist nicht das Gleiche – muss es aber auch nicht sein. Es war für mich mehr eine Erinnerung daran, dass das Gute manchmal keine 1000Km weit weg liegen muss. Auch wenn die Großdistanz-Tapetenwechsel trotzdem gut für’s Gemüt sind. Heute hat es aber auch in “nur” 50Km Entfernung sehr viel Spaß gemacht. Insbesondere unsere Kinder sind über jeden Felsen gegangen, bei dem das möglich war, haben die Stunts der Boulderer bestaunt und mit uns ein paar 100 Höhenmeter gemacht. Es hat für die zwei sicher auch ziemlich lustig ausgesehen, wie ich mich an einer Stelle an einem wirklich simplen Kletterstück versucht habe, weil ich keine Lust mehr hatte, untenrum zu gehen. Ich weise an dieser Stelle noch mal auf den ersten Satz hin…

Da dran kann man klettern… also Andere…

Ich war zwar auch ein bisschen froh, als wir wieder am Parkplatz waren (NICHT topfit), würde aber morgen gleich zur nächsten Tour aufbrechen, wenn nicht die Arbeit riefe. Ich kann dieses seltsame Gefühl, welches sich meiner seit unserer Heimkehr vor zwei Wochen bemächtigt hat nicht recht beschreiben – vielleicht wäre “Zweifel” für den Anfang ein ganz guter Ansatz, aber ein einzelner Begriff fasst es einfach nicht. Wahrscheinlich muss ich noch ein paar Mal mehr wandern gehen. Theoretisch lüde das Wetter die nächsten Tage dazu ein, aber wie schon bemerkt: meine Arbeit macht sich nicht von selbst. Könnte natürlich auch ein teil des Problems sein. Ich denke darüber nach. Vielleicht hilft auch etwas anderes dabei, wieder Klarheit zu gewinnen. In solchen Momenten, wenn man von der Kalmit aus über die oberrheinische Tiefebene schaut, sind solche Fragen allerdings vollkommen irrelevant. Man schaut, man riecht, man staunt!

Genau deshalb muss man raus! Weil man draußen einfach ein paar der Probleme, Sorgen, Nickligkeiten des Alltags, wenn nicht vergessen, so doch beiseite schieben kann. Lange genug, um ein Dutzendmal tief durchzuatmen und den Kopf einfach mal fliegen zu lassen. Ist zwar schon wieder vorbei – aber die Bilder in meinem Kopf sind trotzdem schön! Ich wünsche euch allen eine gute Woche…

Mit Identität Politik machen – echt jetzt…?

Um es vorweg zu nehmen. Es wäre mir zu anstrengend, und auch vollkommen über das Ziel hinaus geschossen, hier philosophische und soziologische Diskurse der letzten 60 Jahre in EINEM Blogpost abbilden zu wollen. Allerdings scheint es mir angeraten, zumindest zum Nachdenken anzuregen, denn diese Debatten werden auf die eine oder andere Weise auch Einfluss auf die Wahl am 26.09.21 nehmen. Wovon ich rede? Identitätspolitik! Einem Begriff, der in aller Munde ist, und doch von den wenigsten verstanden wird. Da geht es im Kern um die Frage, wie man mit Machdifferentialen in Gesellschaften umgeht, die meist aus der (subjektiven) Unterschiedlichkeit der Mitglieder verschiedener Teilgruppen von einer Mehrheitsgruppe konstruiert werden. Oder vereinfacht gesagt: “Du siehst nicht aus wie ich, du bumst nicht wie ich, du magst nicht den gleichen Fußballclub wie ich, du isst nicht das gleiche wie ich, du glaubst an andere Dinge als ich, etc – als bist du nicht genauso Mensch wie ich!” Das eine solche Schlussfolgerung Käse ist, muss ich hier und jetzt hoffentlich nicht mehr erklären. Mensch ist Mensch – BASTA!

Wir und unsere Vorgängergenerationen haben – aus den unterschiedlichsten Gründen – solche Unterschiede konstruiert (hier schrieb ich schon mal darüber). Und auch, wenn es vordergründig oft um die Durchsetzung einer Ideologie ging, standen zumeist handfeste wirtschaftliche Interessen im Hintergrund, die den jeweiligen Betreibern der Ideologie ein Voranschreiten auf dem Pfad der Ungerechtigkeit notwendig erscheinen ließen. Bei den Alt-Nazis waren es offiziell die Rassenideologie und die Idee vom “Lebensraum im Osten”; tatsächlich war der NS-Staat pleite und musste auf den – später als 2. Weltkrieg bekannt gewordenen – Raubzug gehen, um die eigenen Großmachtträume irgendwie weiter finanzieren zu können. Wie “gut” DAS funktioniert hat, enthüllt ein kursorischer Blick in die Geschichtsbücher… Egal ob Großgruppe oder Kleingruppe – die Prozesse der Segregation und Stigmatisierung funktionieren, weil wir Menschen dieses Bedürfnis nach sozialer Zugehörigkeit haben. Und natürlich kann man sich diesen Umstand zu nutze machen.

Politische Parteien tun es, Gewerkschaften tun es, Vereine tun es, bürgerliche und wirtschaftliche Interessenverbände tun es, Berufsschulklassen tun es, und Fußballfans tun es sowieso. Und über viele Jahre hat man das mit einem Schulterzucken hingenommen. Nun aber haben Vertreter kleinerer gesellschaftlicher Gruppierungen angefangen, den Spieß umzudrehen und sich selbst eine Lobby zu sein: LGTBQ+People tun es, PoC tun es, religiöse und kulturelle Minderheiten aller Art tun es. Und plötzlich schreien viele Mitglieder des Mainstreams (white, middle-aged, male cis-gender, Normfamilien-Typen wie ich z. B. 😉 ) auf, weil es ja nicht sein kann, dass die plötzlich alle eine Stimme haben, und gesehen und gehört werden, und möglicherweise sogar auch all die Rechte haben sollen, wie die Mainstream-Menschen (Stichwort: Ehe für alle!).

Man mag die schriftliche Darstellung Gendergerechter Sprache manchmal als sperrig, die Lesbarkeit einschränkend oder den Sprachstil einschränkend empfinden. Ich habe damit gelegentlich auch meine Probleme, weil ich mich tatsächlich stilistisch eingeschränkt fühle. Aber das ist einfach nur ein Gefühl. Und ich habe mich auch eingeschränkt gefühlt, als die letzte Rechtschreibreform verkündet wurde (über die hatte man übrigens auch in der Schule schon diskutiert, bevor ich 1993 mein Abitur gemacht habe). Und genau das ist das Problem – die subjektive Wahrnehmung, als Mainstream durch die verbesserte Sichtbarkeit anderer gesellschaftlicher Gruppen entmachtet zu werden, ist genau das – nichts weiter als ein Gefühl. Hier werden Fronten konstruiert, wo keine sind! Denn was genau verliere ich, wenn ich in meiner Sprache alle Menschen inkludiere? Ich sage es euch: NICHTS! Aus “Identität” ein politisches Schlagwort zu machen, ist genauso hanebüchener Bullshit, wie aus “Heimat” ein politisches Schlagwort zu machen (an dieser Stelle noch mal ein herzliches: “HALT ENDLICH DEINE DÄMLICHE FRESSE DU BATZI!” an Horst Seehofer…).

Identität ist ein prozessuales Konstrukt, dass sich im Laufe des Lebens, genau wie übrigens auch Heimat und Kultur immer wieder verändert. Bei manchen Menschen häufiger und heftiger, bei anderen seltener und sanfter. Dass solche Prozesse nun für verschiedene Mitglieder unserer Gesellschaft besser sicht- und hörbar werden, finde ich gut. Aus diesem Umstand unter dem Schlagwort “Identitätspolitik” reflexartig neue Frontlinien aufmachen zu wollen, um dann zwanghaft von einer weiteren Partikularisierung unserer Gesellschaft schwadronieren zu müssen, halte ich jedoch für schlecht! Unsere Gesellschaft ist bereits individualisiert (um noch mal mit Ulrich Beck zu sprechen). Die nächste große Aufgabe unserer Zeit – neben dem schnellen, umweltverträglichen Umbau unseres Landes – wäre es dann wohl, herauszufinden, was so viele Menschen unterschiedlichster Herkunft und Kultur, unterschiedlichsten Glaubens, unterschiedlichster Lebensstile und Überzeugungen als Gemeinschaft zusammenzuhalten vermochte? Dieses ultradämliche, ultrakonservative, nervtötende Identitätsgeschwafel ist es jedenfalls nicht. Schönen Tag noch.