Ochmaninov!

Hatte letzte Woche so einen mentalen Crash-and-Burn-Moment, an dem ich immer noch knabbere. Leute, die meine Grunderkrankung (Depression) teilen, wissen, was ich meine: Eigentlich ist alles gut. Und plötzlich knallt es vollkommen unerwartet, und du findest dich subjektiv im freien Fall weider, voll deinen negativen Affekten ausgeliefert, und fragst dich immerzu, was zum Teufel da gerade passiert? Natürlich suchst du dann nach einem Trigger, irgendeinem Auslöse-Ereignis, der sprichwörtlichen Laus auf der Leber. Doch da ist selten was Greifbares zu finden. Man würde doch so gerne irgendwas oder irgendwem die Schuld geben – aber glaubt mir, nach Schuld zu suchen, ist der falsche Ansatz! Auch wenn einem das manchmal erst jemand anders in Erinnerung rufen muss. Ist ja nicht so, dass ich mit dieser Scheiße keine Erfahrung hätte… Jedenfalls sind das solche Momente, in denen ich – meiner 13-jährigen gar nicht unähnlich – „OCH MANNO!“ rufen möchte. Der Komponist dieser Symphonie der Unzufriedenheit soll also fürderhin Ochmaninov heißen. Ähnlichkeiten mit irgendwelchen Russen sind vollkommen zufällig!

…noch mal Kontraste!

Statusbericht: Bedienoberfläche läuft stabil? CHECK! Aufgaben werden erledigt? CHECK! Man kann seine Erfolge genießen? MÖÖÖP! Ich will das gar nicht dramatisieren, aber ich lebe halt so vor mich hin, während ich ganz bewusst sagen kann, dass ich gerne lauthals schreiend davonlaufen würde. Fremdenführer auf den Osterinseln, ausgestattet mit der Erlaubnis, Idioten, die die berühmten Statuen angrapschen müssen, erschießen zu dürfen, wäre gerade eine echte Alternative. Ich könnte mir natürlich auch mit einem Nageltacker in die Patella schießen, um mal rauszufinden, wie sich das anfühlt; aber bei näherem drüber Nachdenken… doch lieber Variante EINS. [CAVE/ …eventuell ist es hilfreich, darauf hinzuweisen, dass galliger Humor mir schon immer ein liebes Hilfsmittel war. Wer damit nicht klarkommt, sollte sich derzeit was Anderes zum lesen suchen.]

By the way: DIE RUSSEN. Nö, eigentlich kein Bock! Es gibt so viele, kluge und unkluge Mitmenschoide, die sich dazu äußern (manche sogar für Geld), dass ich da ganz bestimmt nicht meinen Hut in den Ring werfen müsste. Außer vielleicht ein winziges Snipet Meinung: ich bin FÜR Waffenexporte in die Ukraine! Und ich bin dringend dafür, Saktionen und andere Maßnahmen auszuweiten, um die wahren Nazis in dieser Affäre (also Putin und seine zusehends verblödende Klepto-Oligarchie) weiter unter Druck zu setzen. Atomkrieg? So dumm ist selbst der schwache, kranke, alte Mann in Moskau nicht. Wenn wir hierdurch einen Wirtschaftseinbruch erleiden sollten, dann ist das so. Wir wirtschaften eh falsch! Die Alternative wäre nämlich eventuell, sich einem lupenreinen Autokraten zu beugen, und damit einer weiteren Ausdehnung seiner Machtsphäre Tür und Tor zu öffnen. Will ich nicht! Ob ich eine Kristallkugel habe, in der ich die Zukunft sehen kann? Gottseidank nicht! Genau deshalb kann ich jedem Tag soviel Leben verleihen, wie mir eben möglich ist. Über eine mögliche gesehene Zukunft zu grübeln, würde mich nämlich weder glücklicher, noch klüger machen. Und über den Zustand der restlichen Welt etwas zu sagen, fehlen mir derzeit die Kraft, die Expertise und die Lust…

Und sonst so? Das Einzige, was mir momentan tatsächlich einen positiven Kick verleiht, ist mein Hobby N°1: Pen’n’Paper. Ist für mich Eskapismus, Therapie, Meta- und Selbstreflexion in einem. Und macht auch noch in der Gruppe Spaß. Das gibt’s nicht mal beim Psychotherapeuten auf Kassenrezept. Da wurde mir nämlich auch mitgeteilt, dass ich doch an Gruppensitzungen teilnehmen könnte. Das WILL ich aber nicht. Die anderen Kranken, mit denen ich mein Leid teilen will, suche ich mir nämlich lieber selbst aus; so arrogant bin ich dann schon noch, zu glauben, dass ich das ganz gut hinkriege. Also: wieder mal zurück auf Anfang. Kleine Schritte gehen, kleine Brötchen backen, gute Dinge tun, welche die Seele entschlacken helfen, und abwarten, wie es sich die nächsten Tage entwickelt. All das, während ich mich – verfickt und zugenäht – dauernd mit beruflichem Quatsch beschäftigen muss, dem ich mich momentan nur mäßig gewachsen fühle. Und das Ende vom Lied? Manchmal is alles Schiet! Man liest sich…

Auch als Podcast…

Der verwirrte Spielleiter N°41 – Erzählrechte…?

Gemeinsam eine Geschichte erzählen! Das ist das eigentliche Herz von Pen’n’Paper-Rollenspiel. Natürlich hat man als SL ein wenig Macht über die Rahmenbedingungen innerhalb der Spielwelt. Allerdings hat man vorher einen Common Ground abgesteckt. Ich mache es nicht so wie Matt Collville, dass ich vorher 3 – 5 mögliche Kampagnensettings pitche, und sich die Spieler dann raussuchen können, auf welche Art von Plot sie Bock hätten. Ich finde das deswegen ein bisschen ungünstig, weil ich als Berufspädagoge weiß, dass man gegen die Erwartungen der Teilnehmer anunterrichten muss, wenn man vorher zuviel vom Unterrichtsplot preisgibt. Beim Pen’n’Paper ist das nicht anders. Ich verbaue mir mit etwas Pech die Möglichkeit, einen Metaplot in andere Richtungen zu entwickeln, wenn die narrative Notwendigkeit sich ergibt. Mal davon abgesehen, dass ich einen starken Mix aus allen Elementen mag – Rätsel und Mysterien, Diplomatie und soziale Interaktion, taktisches Vorgehen und Kämpfe; alles hat seine Daseinsberechtigung und sollte in angmessener Menge in einer Kampagne vertreten sein; wobei nicht jede einzelne Sitzung sich derart „abmischen“ lässt, um mal eine DJ-Metapher zu bemühen. Und dann kommt noch das „Plan-X“-Element dazu, denn was ich plane, und was die Spieler dann damit machen, sind ja mehr als zwei Paar Stiefel.

Spielleiternotizen mit Dungeon…

Nun ist es so, dass ich in letzter Zeit auch häufiger wieder selbst zum spielen komme, weil sich ein zweiter Spielleiter für unsere Gruppe gefunden hat. Ich bin dafür sehr dankbar. Da es sich um eine High-Fantasy-Welt handelt, die wir zwei kollaborativ entwickelt haben (und die ursprünglich mal für eine Romanserie gedacht war, von der wir bis heute nur den ersten Teil – fast – realisiert haben), gibt’s manchmal Diskussionen um dieses oder jenes, weil das Regelwerk von mir stammt. Nichtsdestotrotz macht es einen Heidenspaß. Und, wie ich schon ein paar Mal gebeichtet hat, bin ich alles andere als ein leiser oder zurückhaltender Spieler. Dass ich mir dann meist auch noch Charaktere mache, die eher nicht introvertiert sind, macht es manchmal für meine Mitspieler nicht einfacher. Dennoch stehe ich auf dem Standpunkt, dass man das Erzählrecht, sofern der eigene Char in die jeweilige Szene involviert ist – beanspruchen kann, wann, wozu und wie man möchte. Natürlich gibt es hierzu Einschränkungen: man kann nicht einfach etwas tun, was der Char schlicht nicht tun kann. Man kann grundlegende Gesetze der Physik nicht einfach missachten (es sei denn der Char hat Fähigkeiten, die dies zumindest teilweise möglich machen => Magie in ihren verschiedenen Spielarten). Und man kann nicht einfach Dinge tun, die weder technisch, noch sozial, noch politisch in das Setting passen (in High-Fantasy-Szenarien gibt’s keine sozialen Medien und üblicherweise auch keine Demokratie; und zumeist auch keine Handfeuerwaffen, es sei denn man spielt in D&D 5E bei Matt Mercer ’nen besessenen Artificer).

Neulich ist folgendes passiert: ein anderer Char, der neu zur Gruppe stieß, war auf der Suche nach etwas. Und weil man ins Gespräch gekommen war, äußerte er die Bitte, dass wir ihm doch bei der Suche helfen mögen. Mein aktueller Charakter ist eine Bardin, die mit sowas überhaupt kein Problem hat; sie sucht noch ein bisschen nach ihrem Stil, ist aber offen für Neues. Sie nahm diese Bitte also zum zum Anlass, auf dem Markt auf ein Faß zu steigen, die Anfrage für alle weithin hörbar zu deklamieren, und darauf zu hoffen, dass sich eine Reaktion zeigen möge. Was ein anderer Char (oder besser dessen Spielerin) zum Anlass nahm, ein wenig pissed zu reagieren, weil man ein etwas subtileres Vorgehen (vulgo Straßenweisheit-Rumgeeier in den „Schatten“) für besser hielt. Oder sich davon mehr Spotlight versprach. Nun muss ich an dieser Stelle klipp und klar sagen: auf welche Weise man eine Aufgabe löst, entscheidet man im Pen’n’Paper selbst! Wann und wie man das Spotlight für sich beansprucht, entscheidet man selbst! Wie sehr man beim Zocken „in character“ geht, entscheidet man selbst! Klar, manchmal hocken sich die Spieler – oder besser ihre Chars – zusammen und machen einen Plan; der in aller Regel die erste Berührung mit dem Feind nicht vollkommen unbeschadet übersteht. Aber das ist ein anderes Thema. Aber wie einzelne Spieler durch ihre Chars die einzelnen Teile eines Planes umsetzen, oder welche Einzelaktionen sie wie durchführen, entscheiden sie selbst! Andernfalls hätten sie keine Player Agency – kein Erzählrecht!

Uups…

Ich habe kein Problem damit, im Spiel für andere zurückzustecken. Und ich habe auch kein Problem damit, meine Ressourcen zu teilen. Aber ich kann keine Gedanken lesen. Und wenn ich keine Hinweise auf die Pläne anderer Leute bekomme, dann mache ich halt mein Ding… einfach weil das ein Spiel ist, und ich Spaß haben will! Nun gehe ich naiv davon aus, dass andere das genauso machen, und bin zugegebenermaßen jedes Mal ein wenig irritiert, wenn mich hinterher jemand anmault, anstatt vorher zu sagen, was er oder sie vorhat. Dazu ist Kommunikation nämlich gut. Nun könnte man einwenden, dass es Aufgabe des Spielleiters ist, das Spotlight „gerecht“ zu verteilen. Aber es gibt keine gerechte Verteilung! Es gab, gibt und wird auch in Zukunft immer Spieler geben, die wie ich fröhlich durch das Abenteuer walzen, und versuchen, die Welt nach ihrem Bilde zu gestalten; und andererseits solche, die gerne der Geschichte bei ihrer Entfaltung zuschauen, und sich ausreichend unterhalten fühlen, wenn sie ab und zu mal ein paar Würfel werfen und damit irgendwas Cooles tun können. Das ist jetzt eine sehr grobe Unterteilung, aber nach meiner Erfahrung reicht diese, um die entsprechenden Protagonsten am Tisch abzuholen. Problematisch sind mittelfristig nur die, die sich einfach nicht entscheiden können, ob sie Rampenau sein wollen, oder nicht… Ich selbst gestalte gerne, ich mag es dramatisch, und ich schauspielere auch ein bisschen am Tisch. Das ist mein Stil. Wenn sich jemand davon an den Rand gedrängt fühlt, tut mir das leid. Aber jeder ist seines eigenen Glückes Schmied. Und ich bin nicht bereit, mich hierbei zu ändern, weil mein liebstes Hobby einer der wenigen Orte ist, an denen ich diesem Teil meiner Persönlichkeit freien Lauf lassen kann. Das ist mein Spaß – und den will ich mir nicht nehmen lassen. In that sense I will always game on…

Auch als Podcast…

Contrast rules!

Unterschiede. Divergenzen. Dichotomien. Ambivalenzen. Kontraste sind das Salz in der Suppe unseres Lebens, weil sie sich so exzellent dazu eignen, Dinge greifbar zu machen. Indem ich die Unterscheidbarkeit von Sachen oder Sachverhalten nutze, kann ich sie oft wesentlich besser definieren und verständlich machen. Der Vergleich ist also ein ständiger Begleiter. Das Problem ist, dass die Vergleiche und Kontrastierungen, wie alles andere im Leben – abhängig von der Dosis – ein Gift sein können. Etwa die Beschreibung kultureller Unterschiede, die einfach nur dazu gedacht war, Eigenheiten des Gegenübers verständlich zu machen, wird in den falschen Händen plötzlich zu einem Werkzeug des Hasses! Wird genutzt, um ein Wir-gegen-Die-Narrativ zu begründen! Wird schließlich zu Rassismus! Und so sehr man sich auch für aufgeklärt, weltoffen, tolerant und über solch niederem Verhalten stehend halten mag – das Unterscheiden-Müssen des Unterscheidbaren ist ein Mechanismus, der von Kindesbeinen an so tief in unserer Psyche verankert wird, dass wir nicht aus unserer Haut können – wortwörtlich! Wir urteilen auf Grund der sozialen Filter, welche uns von Tag 1 an mitgegeben werden, denn unser sensorisches Register und unsere formatio reticularis mögen zwar rasend schnell unbewusst auf die verschiedensten Reize reagieren können – sie sind aber sehr wohl konditionierbar!

Irritation ist immer ein guter Lernanlass!

Gerade visuelle Reize, die noch dazu einen nicht unerheblichen Teil der Arbeitsleistung für unseren Cortex verursachen, wirken dabei als mächtige Mittel des Lernens. Aber auch alle anderen Sinne sind an solchen Leistungen beteiligt. Es sind diese Mechanismen, die wir uns in der Berufsbildung zu Nutze machen müssen. Denn viele Kompetenzen, welche die Auszubildenden erlernen sollen, sind nicht durch klassischen Unterricht, sondern nur durch moderierte Konfrontation mit der Realität und gezielte Reflexion des Erlebten möglich. Wir tun dies durch Simulationstrainings, in denen wir Auszubildende aber auch Ausbilder immer wieder an mögliche reale Belastungen heranführen, und so zum Beispiel die Limits individueller Stressresilienz anheben. Aber auch Einstellungsänderung funktioniert auf diese Art. Denn es bedarf, um als Notfallsanitäter*in sein volles Potential entfalten zu können, eines besonderen Menschenbildes, welches jedoch nur zu oft durch die, während der fachpraktischen Ausbildung am Realsubjekt unserer Arbeit erlebte, gesellschaftliche Realität beschädigt wird. Und das meint explizit nicht nur Patienten, Angehörige und Mitglieder anderer Berufsgruppen – es inkludiert auch viele Kollegoide, welche die Frustration ihrer Desillusionierung an den Azubis abreagieren. Da könnte ich kotzen!

…noch eine visuelle Spielerei!

Es ist die vornehmeste Kunst, Ambivalenzen auszuhalten und sein inneres Selbst trotzdem nicht zu verlieren. In dieser Hinsicht stellt sowohl meine heutige Tätigkeit als Ausbilder, wie auch meine vorige als Notfallsanitäter nicht unerhebliche Anforderungen. Und regelmäßig versage ich dabei, gebe den Druck an jene weiter, die diesen eigentlich nicht verdient haben und auch nicht aushalten müssen sollten; ich verliere mich selbst viel zu oft in wenig zielführenden Denk- und Argumentationsspiralen und tue Menschen manchmal schlicht Unrecht. Reziprok trifft zwar das Gleiche zu, aber das macht es ja nun kein Jota besser. Denn auch ich erliege natürlich regelmäßig der dunklen Seite der Kontrast-Macht. Nur ist Schwarzweiß-Malerei leider nicht nur ein starkes visuelles Stilmittel, sondern auch ein Mechanismus, der zu gerne von den dunklen Kräften in unserem Lande genutzt wird, um einfache Antworten auf komplexe Fragen zu geben; und so wieder Menschen auf eine Wir-gegen-Die-Erzählung einzuschwören, die uns in einen Zug nach nirgendwo setzt. Wo solche Feind-Narrative enden, kann man momentan bis zur zermürbenden Fassungslosigkeit, in der Ukraine beobachten. Das wirft allerdings eine Frage auf, zu der ich bis heute keine befriedigende Antwort gefunden habe: soll Berufsbildung für Erwachsene (abseits der eh schon vorhandenen Unterrichtseinheiten zum Thema Integration) auch solche Dinge thematisieren? Und falls ja, wie, wie stark und mit welcher Intention? Denn Propaganda, gleich welcher Coleur hat in einem Lehrsaal wirklich nichts verloren… Nun ja, ich grübele weiter, und wünschen allen einen guten Start in die neue Woche.

  • Roth, Gerhard (2020): Warum es so schwierig ist, sich und andere zu ändern. Persönlichkeit, Entscheidung und Verhalten. 3. Auflage. Stuttgart: Klett-Cotta.
Auch als Podcast…

Zwischenruf aus der Homezone – Alles Gute zum Muttertag!

Muss auch mal gesagt werden: Allen Müttern da draußen von Herzen alles Gute zum Muttertag! Ihr hättet was Besseres verdient, als an eurem Ehrentag auch noch die ganze buckelige Mischpoke bekochen zu müssen! Es wird ja immer darüber gesprochen, dass die Care-Work immer noch nicht gleich – oder wollen wir sagen: ungerecht – verteilt ist; und wenn ich so auf das Miteinander mit der besten Ehefrau von allen blicke, ist das manchmal leider ziemlich wahr. Es mag an meiner Sozialisation liegen, oder daran, dass ich anderweitig beknackt bin, aber ich mach gefühlt nie genug! Wobei – wie viel genug ist genug? Ich hab keine Ahnung, und werde diese wohl auch erst bekommen, wenn ich dereinst vor meinen Schöpfer trete, um dann so was wie eine Abrechnung präsentiert zu bekommem. Wie bitte? Ich sei doch gar kein richtig Gläubiger? Ach, na ja, ich habe so meine Probleme mit organisierter Kirche, weil die sich Privilegien rausnimmt, die ihr schon lange nicht mehr zustehen. Aber an irgendwas zu glauben – oder besser, zu glauben, an irgendwas glauben zu müssen – ist doch zutiefst menschlich. [Ironie on] Huldigt also meinem Schöpfer Osch’omam’pamtey, dann werdet ihr…was auch immer! [Ironie off; ist nur für die gekennzeichnet , die zu blöd sind, es auch so zu erkennen]

So oder so sollte man seine Wertschätzung auf andere Art zum Ausdruck bringen, als es offenkundig hierzulande immer noch traditionell üblich ist. Vermutlich setzt da zwar beim einen oder anderen Vater und auch Kind schon ein kleines Umdenken ein – und natürlich sind präpubertäre Teenager emotional und sozial immer schwieriges Terrain – aber davon sehe ich noch nicht genug. Lasst es uns besser machen. Lasst uns den besten Ehefrauen von allen huldigen, wie es ihnen gebührt – indem wir ihnen einen Teil der Last abnehmen. Und wenn jetzt der eine oder andere sagt „aber ich mache doch schon so viel!“, dann darf ER sich gerne mal kurz hinsetzen und ausrechnen, wie viele Stunden pro Woche er mit Zocken, Fernsehen, Kumpels, „Sport“, der Verköstigung ethyltoxischer Getränke und vor allem seiner „Arbeit“ zubringt; letztere steht in Anführungszeichen, weil nicht wenige immer gute Gründe finden, noch ein bisschen im „Geschäft“ abzuhängen, ohne dabei tatsächlich produktiv zu werden, nur damit sie nicht die Wäsche aufhängen, den Müll razusbringen, oder – Gott behüte – sich mit den Kindern befassen müssen. Langt euch an die (Papp)Nase und werdet verdammt noch mal besser! Ich versuche das auch! In diesem Sinne – frohen Muttertag!

Auch als Podcast…

Meta-Feta

Schwuppdizität. So ein Wort, dass man auch nur kennt, wenn man schon länger mit typischen Home-IT-Problematiken beschäftigt ist. Es meinte damals eigentlich nur die unumständliche, halbwegs intuitive Nützlichkeit von Tech-Gadgets – und das Fehlen der Notwendigkeit ewigen Fummelns, bis etwas funktioniert. Wer zu Hause einen Drucker hat, weiß, was ich meine. Heutzutage würde ich es eher zur Beschreibung eines halbwegs intuitiven, nützlichen Prozesses benutzen, und gar nicht mehr so sehr rein auf’s IT-Gedöns beziehen wollen. Vielleicht liegt das daran, dass die Durchdringung unserer Lebenswelt mit Gadgets mittlerweile viel höher ist, als noch vor, sagen wir mal 15-20 Jahren. Und viele Dinge, die einst nur Adepten der arkanen Computer-Künste vorbehalten waren, heutzutage sowas wie Mainstream-Wissen geworden sind. Ob das gut ist oder nicht, verrät euch das (rote) Licht. Ich, so als komplexer Prozess, litt jedenfalls dieser Tage unter mangelhafter Schwuppdizität. Das Allermeiste war wie Waten in Melasse; anstrengend, wenig Progress, das Ziel noch viel zu weit weg, der Weg unklar…

Klar strukturierte Prozesse helfen – manchmal…

Wenn man ein bisschen älter wird, stellt man irgendwann fest, dass Warten manchmal tatsächlich hilft: die Bahn kommt doch (noch), das Gegenüber besinnt sich eines Besseren, die Kinder nehmen Ratschläge plötzlich an und – fast wie von Geisterhand – sind Ideen plötzlich reif, und können zu Papier gebracht oder in Präsentationen gegossen werden. Gerade mit Präsentationen ist das ja immer ein Graus. Sachverhalte so darzustellen, dass das Gegenüber nicht von einer 20-zeiligen Arial-8-Punkt-Buchstabenwüste erschlagen wird, oder aber von 24 Folien pro Sekunde, was im Übrigen einen Film ergibt, ist anscheinend gar nicht so einfach. Andernfalls wären zu viele Animationen und die Schrifttype „Comic Sans“ in Präsentationen endlich ausgestorben! Mal davon abgesehen, dass Präsentationen genau das sein sollen – sie sind dafür gemacht, von einem Erzähler dargeboten zu werden. Ein Foliensatz ist normalerweise dazu da, dass Narrativ des Präsentierenden zu unterstützen. Nicht, es zu ersetzen! Nicht von dessen Kernpunkten abzulenken! Nicht ausgedruckt irgendwo in einem Ordner zu verschimmeln… Sie braucht den lebendigen Vortrag, um wirklich Wirkung entfalten zu können.

Ich wollte bzw. musste mich dieser Tage mit eher abstrakten Sachverhalten befassen, oder besser gesagt mit dem Versuch, diese (be)greifbar zu machen. Das ist niemals einfach, gehört aber nun mal zu meinen Aufgaben. Aber ich war blockiert. Ich kritzelte, wie so oft, meine Notizen, einem Storyboard gleich, in eine passende App auf mein Tablet, schaute mir das entstandene Schaubild an – und verstand Bahnhof und Bratkartoffeln. Obwohl das meine eigenen Notizen waren. Ich kenne diese Situation nur zu gut. Manchmal sitze ich auch vor der Tastatur, während ich einen DIESER Texte verfassen möchte, aber in meinem Kopf will nicht die Ruhe einkehren, die man dafür nun mal braucht. Zumeist lese ich dann aus Verzweiflung irgendwelche Meta-Betrachtungen anderer Leute über das beackerte Sujet, um wenigstens mal meinen Geist joggen zu schicken, wenn mein Körper das schon nicht hinkriegt. Und warte, während die Ideen reifen. Denn tatsächlich ist das ein Reifungsprozess. Akkomodation und Assimilation brauchen ihre Zeit. Und auch wenn die Neuroplastizität des Gehirns in zunehmendem Alter durchaus erhalten bleibt, sind doch die Einpassungsprozesse neuer Wahrnehmungen oft etwas langwieriger. Aber – alte Hunde können sehr wohl neue Kunststücke lernen.

Sehr oft macht der Empfänger die Botschaft…

Manchmal sind anderer Leute Meta-Betrachtungen für mich jedoch weder hilfreich noch sinnvoll, sondern einfach nur Käse – Meta-Feta eben. Allerdings hilft diese reflektierte Feststellung, dass man die Gedanken anderer Personen für Blödsinn hält dennoch dabei, die eigenen Gedanken zu schärfen, indem Abrieb und Sand aus dem Denk-Getriebe gespült werden. Oft genügt die Erkenntnis, dass es überhaupt einen oder mehrere andere Blickwinkel gibt / geben kann. Man muss diese Perspektiven nicht unbedingt spannend oder richtig finden – zu wissen, dass sie existieren, hilft trotzdem weiter. Und so konnte ich heute morgen das zum Abschluss bringen, was mir gestern partout nicht gelingen wollte. Ob’s nun dem Genuß von doch halbwegs schmackhaftem Meta-Feta, dem drohenden freien Wochenende, oder einer eher spielerischen Herangehensweise geschuldet war, spielt am Ende keine Geige. Ein Teil ist abgeliefert, der Rest ist ins Rutschen geraten. Bleibt also etwas Zeit für andere, genauso wichtige Dinge – leben, lieben, labern. Ich laufe gerade zu Form auf. In diesem Sinne – schönes Wochenende.

  • Reynolds, Garr (2013): Zen oder die Kunst der Präsentation. Mit einfachen Ideen gestalten und präsentieren. 2. Auflage. Heidelberg: dpunkt Verlag.
  • Haussmann, Martin (2016): UZMO. Denken mit dem Stift. Visuell präsentieren, dokumentieren und erkunden. 4. Auflage. München: Redline Verlag.
Auch als Podcast…

Der Fluch des Spiegels…

Immer mal wieder, wenn ich mit einer neuen Teilnehmergruppe, einer neuen Klasse, neuen Menschen, die frisch in mein angestammtes Gewerk kommen konfrontiert werde – was durch meine Tätigkeit als Ausbilder einigermaßen regelmäßig passiert – geschieht etwas Seltsames. Einerseits freue ich mich stets auf diese Aufgabe, junge Menschen auf ihren ersten, eventuell prägenden Schritten durch das Labyrinth der Notfallsanitäter-Werdung zu begleiten. Andererseits verspüre ich einen gewissen Widerwillen, weil ich in denen, die da, hoffentlich erwartungsvoll, vor mir sitzen etwas sehe, dass ich auch heute noch an mir selbst hasse – Profilneurosen. Und die sind mächtig. Denn ein nicht unerheblicher Teil der „Neulinge“ kommt heutzutage mit Vorerfahrung auf die Berufsfachschule. Was bedeutet, dass wir ihnen erst mühsam die ganzen Bad Habits aberziehen müssen, die sie sich auf ihren bisherigen Wachenstandorten „erarbeitet“ haben…

Und ich sehe mich dabei selbst; oder besser gesagt, eine deutlich jüngere, arrogantere, unerfahrenere, nervtötendere Version von mir, über die hinauszuwachsen mich Jahrzehnte meines Lebens und die eine oder andere traumatisierene Erfahrung gekostet hat. Ich frage mich dann, ob es wohl eine Abkürzung dahin geben könnte, und muss mir doch jedesmal eingestehen, dass sie wohl allesamt ihre eigenen Erfahrungen machen, in ihre eigenen Untiefen stürzen, ihr eigenes Selbst finden müssen – und dafür das eine oder andere Jahr und den einen oder anderen Rückschlag werden hinnehmen müssen. Das ist der Teil an meiner Arbeit, der mich stets mit Bittersüße, mit entnervender Ambivalenz, aber auch mit einer gewissen Demut erfüllt. Weil ich in diesem Spiegel die Fallen UND die Chancen sehe. Es ist quasi ein Bundle. Du kriegst das eine nicht ohne das andere. Das ist pralles Leben. Was mir immer wieder vor Augen führt, dass dieser Job, bei allen anderen Erfahrungen, die ich gemacht habe, immer noch der Job ist, der mich in mehr als einer Hinsicht erfüllt.

If you can’t stand the heat – get out of the kitchen!

Es gemahnt mich aber auch stest daran, wie wichtig es ist, sich NICHT über diesen Beruf zu definieren. Schlosser, Kaufleute, Informatiker, Forstwirte und Floristen tun das ja auch nicht. Zumindest nicht so sehr, wie es bei den Menschen im Gesundheits- und Sozialwesen ganz offensichtlich häufig der Fall ist. Wir waren schon immer anders, heißt es dann – und viele betonen das offenkundig gerne öffentlich. Ganz so, als wenn es eine Auszeichnung wäre. Ich sehe es heutzutage eher als notwendiges Übel an, und würde mir wünschen, etwas weniger von diesem süßen Gift der Profilneurose genossen zu haben, dass dir die Idee gibt, etwas Besonderes zu sein. Primus inter Pares. Erster unter Gleichen. Denn das sind wir nicht! Ich spreche jetzt mal nur für mich: ich bin nämlich einfach nur ein Typ, der versucht im Rahmen seiner (oft genug begrenzten) Möglichkeiten ein gutes Ergebnis für jene zu erzielen, die ihm anvertraut wurden – egal ob als Patienten oder als Auszubildende. Wobei ich ja seit geraumer Zeit keine Patienten mehr zu sehen bekam. Nichtsdestotrotz gilt mir die Feststellung, einfach nur Mensch zu sein, sehr viel!

Ich war mal wieder in dieser speziellen Situation. Noch dazu in der Abgeschiedenheit eines Teambuilding-Events. Und stehe – wie stets – vor den gleichen komplexen Fragen: wie sehr ich sie an mich ranlassen möchte? Wie sehr ich manche von ihnen jetzt schon schütteln möchte? Wie ich ihre Chancen einschätze, sich NICHT von der Profilneurose bestimmen zu lassen? Wie sympathisch sie mir sind? Was es wohl kosten wird, sie auf den „rechten Weg“ zu bringen? Antworten sind Mangelware, aber meine Motivation ist groß. WIr werden sehen. Ich wünsche euch eine gute Woche; und hoffe, dass ihr auch mal in diesen verfluchten Spiegel schaut. Bis die Tage…

Auch als Podcast…

LASST ES RAUS!

Zeit meines Lebens ringe ich um ein wenig mehr Ausgeglichenheit, um Contenance, um die Gelassenheit, manche Dinge einfach laufen zu lassen, auch wenn meine Dämonen gerade etwas BÖSES tun möchten. Ich war früher ein schlechter Verlierer. Wahrscheinlich ist einer der Hauptgründe, warum Pen’n’Paper mein liebstes Hobby ist, dass es dort eigentlich keine Gewinner und Verlierer gibt – nur eine gemeinsam erzählte Geschichte. Wobei es auch dort zu Diskussionen kommen kann, wenn ich Ungerechtigkeit am Werk zu verspüren glaube. Und da stets der Empfänger die Botschaft macht… Ich schaffe es heute dennoch (meistens), meine Affekte beim Spielen im Zaum zu halten, aber mit dämlichen Brettspielen kann man mir bis heute nachhaltig den Abend versauen. Welcher Sadist nennt denn bitte ein Spiel, bei dem man so einfach durch das Zutun der Mitspieler verlieren kann „Mensch ärgere dich nicht!“? Dieser unnötige Menschoid gehört…! Ach, was soll’s, der Gründer von Schmidt Spiele ist eh schon lange tot. Aber ist dieses Ringen um Ruhe überhaupt wichtig?

Ich las gestern einen Artikel mit dem imperativen Titel „Rastet aus!“. Die Autorin möchte ihren Beitrag evtl. eher als Glosse verstanden wissen, aber die Kommentarspalte… ach herrjeh, wie sich die ganzen woken Möchtegern-Psychologen darüber ereifern, dass Affektinkontinenz nun aber auch gar nichts in der Welt verloren habe! Gab’s da nicht mal diese – heute als klassisch bezeichnete, zu meiner Zeit in der Schule von vorn nach hinten zerplückte – Stil-Epoche, die sich ganz dem Gefühl verschrieben hatte, und der Ratio klar eine Absage erteilte – ach ja, die Romantik. Aber noch viel pragmatischer – wäre (ein) Leben ohne Affekte denkbar? Vermutlich nicht, denn ohne Affekte gibt’s kein Fuscheln und ohne Fuscheln keinen Nachwuchs. Aber hey, wen interessiert’s – außer Demoskopen, Politiker, Wirtschaftswissenschaftler, etc? Und jetzt kommen die ganzen Oskar Oberschlau-Typen aus ihren Löchern, und deklamieren erhobenen Fingers „Aber das sind doch positive Affekte!“. Ja! Klar, sind das positive Affekte. Aber alles im Leben lässt sich nur durch Dichotomien sauber definieren. Wenn ich nicht weiß, was ein positives Gefühl ist, wie soll ich dann ein negatives erkennen können. Oder soziale, hierarchische, politische Gefüge? Hm…? Um’s kurz zu machen – ohne Gegensätze funktioniert unsere Welt nicht.

Greimas‘ semiotisches Vierck – gut, um Gegensätze zu beschreiben…

Soll heißen, ich kann mir nicht einfach nur die schönen positiven Sachen zum Gebrauche hernehmen und die pösen, pösen negativen in einem metaphorischen Giftschrank verstecken! Denn aus dem Menschen heraus bekomme ich sie nicht. „Du kannst den Jungen aus Berlin rausbringen, aber nicht Berlin aus dem Jungen!“, habe ich mal zu einem Kollegen gesagt, der sich ein bisschen darüber beschwerte, als ich sagte er käme wohl NICHT gebürtig aus Heidenheim an der Brenz…? So wenig, wie viele Menschen das Idiom ihrer Herkunftsregion zu verstecken vermögen, so wenig können wir mal eben das mesolimbische System und den Sympathikus aus dem Menschen explantieren. Es sei denn, wir wollen, dass er kaputt geht. Man bekommt das Eine, nämlich das Gute und Schöne, zumindest physiologisch nicht ohne das Andere – die Hitze und den Stress! Man kann etwas tun, um Stressresilienter zu werden und damit seltener Opfer seiner eigenen negativen Affekte. Und in manchen Gewerken ist das sogar essentiell, weil Stress und negative Affekte schlechte Entscheidungen begünstigen; wenn Rettungsdienstler sich dazu hinreißen lassen, sterben u. U. Menschen. Aber man sollte um Himmels Willen nicht glauben, dass man a) seine Physis austricksen kann und b) Contenance ein Wert an sich sei.

Emotionen im öffentlichen Raum sichtbar zu zeigen gilt gemeinhin als unprofessionell, unzivilisiert und nicht wünschenswert. Warum? Meine These lautet: weil Ehre, Stolz und Ansehen heutzutage wichtiger sind, als echter Ausgleich zwischen den Menschen! So gilt Contenance denn auch als Distinktionsmerkmal der gehobenen Schichten. Ja Teufel auch – ich soll mich also dauernd beherrschen, weil sich jene, die mich sowieso schon beherrschen ansonsten schlecht fühlen? Weil sie Angst haben, dass die ganzen, momentan schön durch Konsum kanalisierten, pathologisierten und eingehegten negativen Affekte sich evtl. kumulieren und ein ungerechtes System, wie etwa den Kapitalismus in seiner heutigen Ausprägung mitsamt seinen Apologeten hinwegfegen könnten? Und warum zum Henker sollte ich dann NICHT wütend sein, wenn mir Gerechtigkeit, wie oben erwähnt doch am Herzen liegt? Da bleibt mir doch nur, Dr. Banner zu zitieren: „Mein Geheimnis ist, ICH BIN IMMER WÜTEND!“. Warum, muss ich jetzt hoffentlich nicht mehr explizieren…

Bleibt noch zu erklären, warum ich denke, dass Konsum auch dazu da ist, negative Affekte einzuhegen? Ganz einfach – weil Konsum es uns erlaubt, diese unerwünschten Emotionen entweder zu betäuben (man setze hier die Droge seiner Wahl ein), oder aber in geregeltem Umfang auszuleben; und was regt sich „die Öffentlichkeit“ auf, wenn’s ein paar dabei mal wieder übertreiben – z. B. rings um die Fußballpätze des Landes. Oder glaubt irgendjemand tatsächlich, dass Fußball (oder irgendeine andere Mannschaftssportart) im Kern etwas anderes ist, als eine geläuterte Version des Circus Maximus in Rom? Die Gladiatoren haben heute keine Schwerter mehr – das ist der einzige Unterschied. Ansonsten funktioniert „Panem et Circenses“ auch 2000 Jahre später immer noch wie geschmiert. Ich verdamm niemanden dafür, wenn er sich so berieseln lässt. Ich würde mir nur wünschen, mehr Menschen würden diesen Aspekt und ihre eigenen Rolle darin bewusst reflektieren. Aber bei vielen scheint der Spiegel hier ein wenig stumpf… Also ich mag meine Wut. Und ich lasse sie auch raus. Manchmal auch öffentlich. Wenn jemand damit nicht klarkommt – Pech gehabt! Schönen Sontag.

Auch als Podcast…

Cyborg-isierung…?

Was ist ein Cyborg? Die begriffliche Definition (ein Mischwesen aus Mensch und Maschine, wobei der Maschinen-Anteil variieren kann) ist hier insofern nicht hilfreich, als dann auch jeder Diabetiker mit einem implantierten Blutglukose-Sensor als Cyborg gelten dürfte. Mit der kulturell-ästhetischen (siehe Ghost in the Shell, o. Ä.) Darstellung hat das jetzt allerdings weniger zu tun. Unsere Vorstellung davon, was „Cyber“ ist, und was nicht, ist einerseits hoch individuell; andererseits natürlich durch unsere Rezeption von Kulturartefakten wie Büchern und Filmen geprägt – die das Grund-Thema (nämlich die Annäherung von Mensch und Maschine) üblicherweise zu Gunsten dramaturgischer Erwägungen verkürzen und auf wenige, meist visuell gut darstellbare Aspekte zuspitzen. Dagegen lässt sich jetzt bei Unterhaltungsmedien wenig sagen. Die sollen ja unterhalten. Allerdings wird der Aspekt von Kunst, auf den Adorno verwies – nämlich den Doppelcharakter der Kunst, aus dem sich die Aufgabe von Kunst ergibt, die Wahrheit über die Gesellschaft zu offenbaren, die nur allzu oft von der Ideologie verdeckt wird – hier zu oft für die Schauwerte ausgeklammert.

Jedenfalls ist die Vorstellung der meisten Menschen beim Thema „Cyborg“ vermutlich eine krude Mischung aus künstlichen Bildern; entlehnt aus Filmen der letzten 35 Jahre und dem heutzutage ja einfach aufzustöbernden globalen visuellen Kunstschaffen. Garniert mit ein paar „eigenen“ Ideen, zumeist bezogen aus den Werken von William Gibson, Philip K. Dick, Neal Stephenson und wie sie noch alle heißen. Die Cyber-Punks der Literatur halt. Eigentlich als ätzende Kritik am Kapitalismus und der blinden Fortschrittsgläubigkeit gedacht, nahmen viele Leute vor allem die ästhetischen Aspekte des Genres wahr und suhlten sich – aus angemessen sicherer Entfernung ihrer Erste-Welt-Existenzen – in der wohligen Lust an der Dystopie. Nun ja, zu den Dollars sagten die Autoren dann doch nicht „Nein“, und bedienten das Interesse munter weiter. Alle paar Jahre kommt irgendein Feuilleton-Honk aus seinem Loch, und proklamiert „Cyberpunk is dead!“, worauf der nächste Verkaufszyklus losgeht. Die Fans sehen das seit jeher anders und Adorno rotiert sicher in seinem Grab…

…und wohin führt der Weg?

Betrachten wir nun mal die reale Entwicklung der Kybernetik in den letzten 10 Jahren, dann scheint Wetware-Hacking als eine nicht allzu ferne Möglichkeit (z. B. Elon Musks Firma Neuralink), wenn man Wetware als dritte Komponente neben Hardware und Software betrachtet. Was einige Fragen aufwirft, die man eigentlich schon in „Neuromancer“ und „Mona Lisa Overdrive“ lesen, oder im Original von „Ghost in the Shell“ hätte sehen können; und wir reden hier von philosophischen Fragen der Transzendentalität und der Ontologie, die alles andere als nichtig sind. Was ist der Sinn unserer Existenz? Woher kommen wir? Wohin gehen wir? Was macht unsere Seele aus? Was macht den Mensch zum Mensch? Und was die Maschine zur Maschine? Wenn denn irgendwann diese Grenzen tatsächlich zu verschwimmen beginnen. Und dazu tritt dann noch die praktische Frage, wie viel Kontrolle ein Privatunternehmen über meine Gedanken haben darf? Ich meine, jetzt mal ernsthaft – ich will NICHT, dass ein Supercomputer im Besitz von Elon Musk via Neuralink-Chip meine Gedanken streamen kann. Das am wenigsten schlimme dabei wäre wohl, dass es einen Backchannel gibt, und ich dann dauernd darüber nachdenken müsste, mir jetzt doch endlich einen Tesla zu kaufen…

Wäre eine Cyborg-isierung eine Verbesserung des Menschen, eine Erweiterung unserer Möglichkeiten – oder gefährdete sie das, was uns als Menschen im Kern ausmacht? Ich habe ehrlich keine Ahnung – und ich bin viel zu sehr Geschichtenerzähler, als dass ich mir nicht unterschiedlichste Auswirkungen ausmalen könnte. Wobei die interessantesten Geschichten ja das Leben erzählt: Elon Musk hat Joe Rogan während eines Interviews 2018 mal erzählt, dass er denke, dass wir alle in einer Matrix-artigen Simulation leben würden. Sascha Lobo meinte dazu kürzlich, dass könnte so einiges erklären. Wahrscheinlich versucht der reichste Mann der Welt mit seinem, oft doch recht erratischen Verhalten einfach nur, die Grenzen dieser Simulation auszutesten. Warum er dann Chips entwickeln lässt, die man bald in menschliche Gehirne implantieren können soll? Vielleicht will er die Simulation hacken und abschalten? In jedem Fall hat er für sich anscheinend auch noch keine befriedigenden Antwort auf die oben erwähnten Fragen gefunden. Wir dürfen gespannt bleiben!

Ich habe auf all diese Fragen übrigens auch keine letzten Antworten und ich maße mir auch nicht an, zu behaupten, dass man überhaupt welche finden muss – insbesondere „allgemein gültige“; denn dann wären wir ratzfatz wieder beim Dogmatismus! Man sollte nur tunlichst niemals damit aufhören, über diese Fragen nachzudenken. Denn sie bilden einen wichtigen Teil dessen, was wir als Werte bezeichnen. Und ein kleines bisschen mehr ethisches Verhalten in unserer Welt könnte sie ein gutes Stück besser machen. Wenn ich dafür dann ein Cyborg werden müsste, wäre ich wohl dabei. In diesem Sinne – (f)rohe Ostern.

Auch als Podcast…