Essentiell?

Es sei voraus geschickt, das dieser Text schon etwas älter ist:

Von dem Willen gezwungen, etwas zu Papier und später vielleicht auch gleich noch durchs Mikrofon bringen zu müssen, sitze ich einmal mehr nächtens am Schreibtisch und lasse so die Ideen vorbeischwadronieren, nehme mal hier, mal da eine heraus, examiniere sie gründlich und schiebe sie meist unfertig zurück zu den anderen, wie mancher Fischer die zu jungen oder zu kleinen, die so blöd gewesen waren zu beißen in den Tümpel zurückwirft. Mein Tümpel ist der hintere Teil meines Hirns, ein Ort an dem so viel ungenütztes oder auch unnützes Material in langen Korridoren voll altmodischer Stahlhängeregistraturschränke vor sich hin modert, dass es mich nicht selten erschreckt, wenn mal irgendwas an die Oberfläche drängt, dass ich schon sehr lange nicht mehr auf dem Schirm gehabt hatte. In diesem Teil meines Kopfes gibt’s noch nicht mal Magnetbänder, wie sie eine IBM/360 zu haben pflegte, nur alt gewordene Büroboten in abgestoßenen Livreen, die ziellos wirkend bedächtig Büropostwägelchen vor sich her schieben und mal hier mal dort Schränke aufmachen um was herauszuholen oder hineinzutun. Klingt ziemlich analog für jemanden der Podcasts veröffentlicht oder…?

Es ist heiß, viel zu drückend um klar denken zu können – müsste man denken. Doch tatsächlich sind meine Gedanken weit davon entfernt träge wie fette karibische Fliegen scheinbar ungeordnet umherzuschwirren. Ist es nicht so, dass man irgendwie viel zu oft auf der Suche nach den rechten Worten umherirrt, die Welt dann mit irgendwas voll stammelt in der vagen Hoffnung zum Ausdruck gebracht zu haben, was gerade verlangt war, ohne jedoch überhaupt genau sagen zu können, was das hätte sein sollen.

Planlosigkeit. Unwissenheit. Und vielleicht auch eine Portion Unbeholfenheit. Das sind die medialen Guides des frühen 21. Jahrhunderts. Es geht nicht mehr allzu oft darum, irgendwelchen echten Inhalt zum Besten zu geben, sondern nur darum, zu allem irgendwas sagen zu können. Ich habe von etwas keine Ahnung; also gut, googeln wir mal schnell ein paar Schlagworte, lernen die Essentials – oh, wie ich solche Ausdrücke liebe – so gut es geht auswendig, um in der nächsten Konversation punkten zu können. Keine Sache, so was geht ja heutzutage auch unterwegs. Das Smartphone wurde wahrscheinlich von irgendeinem geltungssüchtigen Idioten erfunden, dem es zu anstrengend war, sich echtes Wissen zu erarbeiten. Und so schliddert man dann tagtäglich von einem Durchverschlagworteten Pseudodiskurs zum nächsten, wobei die Seichtigkeit der durchschifften Gewässer noch jeden Dorfbach bei weitem unterbietet.

Essentials – was ist den das überhaupt für ein Wort? Essentiell sind doch normalerweise jene Dinge, die ein Organismus auf jeden Fall zum Leben braucht, bzw. die für einen Sachverhalt von grundlegender Bedeutung sind. Wie zum Henker will ich denn beurteilen, ob das, was irgendeiner in Wikipedia zu einem x-beliebigen Thema geschrieben hat tatsächlich grundlegend und richtig ist, wenn ich mir kein anderes Wissen zum Thema erarbeitet habe. Essentials sind doch nicht mehr als ein paar prägnante Schlagworte, die aber keinen echten Überblick geben und nur allzu oft irreführend sind. Ein passender Vergleich hierzu sind – weil auch im Internet angesiedelt – die so genannten Abo-Fallen, bei denen man auf einer überfrachteten Webseite mit vermeintlich attraktiven Angeboten geködert wird und der Hinweis zum tatsächlichen Vertragsabschluss nebst Folgekosten sich mit einem sehr kleinen Asterisken gekennzeichnet drei Scrollseiten weiter unten in Arial 4-Punkt findet…

Die Autoren des kleinen Büchleins „Generation Doof“ Anne Weiss und Stefan Bonner nannten so was „gefährliches Halbwissen“ und im Grunde charakterisiert der Ausdruck die Situation recht gut. Ein paar Aspekte abseits der Tatsache, dass sie mit ihrem Machwerk unterschwellig das legitimieren, worüber sie sich vordergründig und noch dazu billig lustig machen muss man allerdings noch ein wenig dezidierter beleuchten…

Zum einen ist es eigentlich ziemlich einfach, jemanden zu entlarven, der bei beliebigen sozialen Gelegenheiten mit durchnummerierten Häppchen von Bildungsvortäuschungswissen zu landen versucht. Dazu ist es allerdings notwendig, selbst über einen nicht unerheblichen Grundschatz an Allgemeinbildung und Expertenwissen in verschiedenen Bereichen zu verfügen und der einzige Weg dahin ist, zu lernen; also sein eigenes Gehirn mit Arbeit zu belästigen. Dammit, das wird hart für so manchen, aber wer sich nicht mehr die Blöße geben will, bei einem Gespräch unter echten Erwachsenen als halbseidener Poser belächelt zu werden, dem bleibt wohl nichts anderes übrig, als sich noch ein bisschen mehr als „Philosophie für Dummies“ reinzuziehen, was für nicht wenige schon der Gipfel der Bildung zu sein scheint. Hierbei ist es übrigens unerlässlich, wenn man denn schon googelt, um an neues Wissen zu kommen, NICHT das erstbeste Suchergebnis unreflektiert zu konsumieren. Ein bisschen Querlesen hat noch keinem geschadet und eine eigene Meinung zu einem bestimmten Sachverhalt sollte nicht nur nicht geklaut wirken, sondern auch tatsächlich selbst erdacht sein; alldieweil man sonst Gefahr läuft, dem Rattenfänger von Hameln auf die süßen Flötentöne zu gehen.

Darüber hinaus nutzen einem die Inseln von Wissen in einem Ozean der Ahnungslosigkeit nicht allzu viel, wenn man nicht daran gedacht hat, ein paar Dampfer zu besorgen, welche zwischen den Eilanden umherschippern. Diesen Vorgang nennt man Wissensvernetzung oder interdisziplinäres Denken und er erfordert neben einer cerebralen Mindestausstattung die Fähigkeit, Begriffe, Sachverhalte und ihre Verbindungen von mehreren Seiten her denken zu können. Das klingt kompliziert, doch wenn man sich nur mal das Thema Energiewende in Deutschland anschaut, das ja im Moment nun wirklich in aller Munde ist, wird klar, wie viele Bereiche auch unseres ganz alltäglichen Lebens Fukushima plötzlich in Bewegung gebracht hat. Fast alles hat etwas miteinander zu tun und daher macht mich die Scheuklappigkeit, mit der manche meiner Kontemporanzien sich durchs Leben schleppen mittlerweile rasend.

Schließlich – und das ist eigentlich doch recht einfach zu kapieren – wird man neben einigen einfachen Siegen mittelfristig mit einer solchen kognitiven Leichtgewichtigkeit an den Klippen echter intellektueller Herausforderungen die Titanic machen. Es mag hier ein Ansporn zu vermehrter Lerntätigkeit sein, wenn ich darauf hinweise, dass man mit echtem Können auch im Beruf weiter kommt als mit hochglanzpoliertem Faktenhäppchen. Aber wie so oft gilt auch hier, dass man Menschen nicht zu ihrem Glück zwingen kann. Schließlich ist jeder seines eigenen Glückes Schmied. Sicherlich fragt sich jetzt der eine oder Andere, worin denn bitteschön Glück liegt, wenn man sich mit als unnütz empfundenem Wissen herumquälen muss, anstatt Weizen schlürfend Fern zu glotzen…?

Ich kann niemandem, den ich nicht kenne sinnvoller Weise erklären, worin für ihn ganz persönlich der Sinn liegen sollte, sich zu bilden, denn das Maß an Wissen, welches man erwerben kann, bzw. die Fachbereiche, welche wichtig sind mögen von Mensch zu Mensch variieren. Es gibt jedoch ein paar Dinge, die jedes einigermaßen denk- und empfindungsfähige Individuum zumindest mal zur Kenntnis genommen haben sollte. Z. B unser Grundgesetz und warum seine Macher es genau so und nicht anders formuliert haben. Das setzt nur ein wenig Historienkenntnis voraus. Oder wie Politik funktioniert – nicht nur bei uns sondern auch anderswo auf der Welt. Wie Gewerkschaften unsere heutige Lebensrealität geprägt haben und warum es so verdammt wichtig ist, dass die Rechte, welche man uns heute zubilligt auch in Zukunft aktiv verteidigt werden müssen. Welche Wurzeln Blues, Jazz Rock’n Roll und somit auch moderne Popmusik haben. Warum gotische Kathedralen so aussehen, wie sie aussehen – und was gotische Kathedralen überhaupt sind. Und nur so am Rande, der Kölner Dom ist KEINE richtige gotische Kathedrale.

Ich könnte noch eine Menge Beispiel nennen und wenn sie alle Fragen auf Anhieb beantworten konnte, dann Hut ab, denn sie sind deutlich besser als der Schnitt. Falls nein, nehmen sie es einfach als Motivation dazuzulernen, denn nur tatsächliches Wissen aus den verschiedensten Bereich erlaubt es uns bestimmte Vorgänge oder die Berichte in den Medien besser beurteilen und uns somit eine eigene Meinung erlauben zu können. Menschen die nix wissen und sich auch nicht wirklich interessieren, billige ich keine Meinung zu und wünschte mir manchmal, man könnte ihnen das Wahlrecht entziehen. Und nur damit wir uns recht verstehen: es gibt nach meiner Meinung mindestens genauso viel beknackte und effektiv ungebildete Akademiker wie Hartz-4-Empfänger. Die einen sind etwas bornierter und die anderen haben soziale Defizite. Welche Partei in meinem Bild welche Position einnimmt, dürfen sie sich selbst raussuchen. Ich habe für heute fertig und danke herzlich für ihre Aufmerksamkeit. Falls sie’s nicht verstanden haben oder nicht beherzigen wollen, sterben sie wohl…

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