Die große Le(e/h)re…

Selbstzweifel sind ein alter Bekannter, der immer mal wieder zu Besuch kommt. Geht vermutlich jedem so. Und so lange man sich nicht gerade darin ertränkt, ist das auch keine große Sache. Mit sich zu hadern, die eigenen Fähigkeiten und Kenntnisse noch mal überprüfen zu wollen (im Zweifel auch durch jemand anders), ist doch irgendwie ein Zeichen für die Fähigkeit zur Selbstreflexion. Allerdings sagt Paracelsus ja, dass jedes Ding ein Gift ist; nur die Dosis macht, das ein Ding kein Gift ist…

JA, er meinte das pharmakologisch. Und trotzdem ist es für viele andere Dinge des alltäglichen Lebens ebenso wahr. So auch mit Bezug auf das Selbstwertgefühl. Zu viel ist nicht gut (=> Egoismus, Narzismus), zu wenig ebenso wenig (=> Selbstzweifel bis zur Depression). Um den gesunden – also den, nach Paracelsus, nicht-toxischen – Bereich zu finden und beibehalten zu können, braucht es einiges an Selbstdisziplin; und manchmal auch externe Hilfe.

Wir alle erzählen gerne eine positive Geschichte unserer selbst. Man möchte ja mit sich selbst im Reinen sein. In der Sozialpsychologie spricht man von der Selbstwirksamkeit des individuellen Narrativs. Unsere Persönlichkeit besteht, von außen betrachtet, aus vielen verschiedenen Rollen, die wir miteinander integrieren müssen: Elternteil, Kind, Lebensgefährte, Freund, Feind, Kollege, etc. Alle Rollen tragen in sich unterschiedliche Anforderungen an uns. Vom Praxisanleiter oder Ausbilder wird etwas anderes erwartet, als vom Vater oder Ehemann. Klingt logisch, oder?

Dennoch wirken diese unterschiedlichen Rollen aufeinander; immerhin sind sie alle gleichzeitig ein Teil von uns, der zu gewissen Zeiten rausgeholt und präsentiert wird. Das heißt, Handlungsmuster einer Rolle können durchaus auf eine andere Rolle überstrahlen und diese so modifizieren. Oft geschieht das unbewusst und solche Muster, die sich in all unseren Rollen wiederfinden, sind hoch integrierende Bestandteile unserer Persönlichkeit. Manchmal ist es eine charmante Macke, die zu einem persönlichen Kennzeichen wird; manchmal eine Handlungsressource (wie etwa Ordnungssinn), die uns sogar hilft, unseren Alltag besser zu bestreiten.

Gehen wir mit unseren Rollen allerdings zu bewusst um – d.h. “spielen” wir eine Rolle bewusst aus – kommen wir vermutlich als wenig authentisch rüber. Sind wir einfach nur wir selbst, geben wir uns u.U. gegenüber unseren Mitmenschen der Lächerlichkeit preis, oder machen uns durch den hohen Grad an Selbstoffenbarung angreifbar für jene, die Schwächen ihrer Mitmenschen gerne ausnutzen. Psychopathologisch betrachtet sind solche Menschen, die ihre Stärke aus der Schwäche anderer ziehen wollen oder müssen, natürlich eigentlich die schwächeren Menschen…

Mich persönlich treibt, mit Blick auf diese Gedankengänge die Frage um, wie ich auf jene Menschen wirke, die mir zur Ausbildung/Betreuung anvertraut sind. Sieht man sich das Auftreten der sogenannten Generation Z an, aus der sich mittlerweile fast alle Azubis in meinem Berufsfeld rekrutieren, so stelle ich fest, dass die jungen Leute sich ihres Marktwertes besser bewusst sind, das auch einsetzen und insgesamt häufig fordernder gegenüber ihren Ausbildern und dem Betrieb sind. Das lässt Menschen meiner Generation (der Definition nach Generation X) oft ratlos zurück. Ich wurde von meinem Vater mit Arbeit als Wert an sich vertraut gemacht und lebe das bis heute. Es ist quasi teil meiner professionellen DNA. Doch diese jungen Menschen fragen – ohne dass ich das hier bewerten möchte – zunächst, was der Betrieb für sie tun kann. In meiner Generation wurde dieses Frage noch umgekehrt gestellt. Und so gut wie alle Entscheider, die ich kenne, stammen ebenso aus meiner Generation. Was zu Konflikten führen kann…

Denn einerseits bin ich natürlich aufgerufen , “ihnen etwas beizubringen” (wer weiß, dass ich konstruktivistisch denke, dem wird klar sein, dass “etwas beibringen” eine vollkommen verkehrte Vorstellung von Lernen ist); andererseits ist Berufsbildung immer auch, ein Stück weit, Persönlichkeitsbildung. Und der Generation-Gap stellt manchmal einen nebligen Ozean dar, auf dem sich’s nur schwer navigieren lässt. Denn natürlich muss jeder, neben den universellen, unverhandelbaren Werten (wie etwa den Menschenrechten), die ich natürlich auch beim Unterrichten vertrete, seinen eigenen moralischen Kodex entwickeln. Sie dabei zu unterstützen, ist eine meiner Aufgaben. Und keine leichte…

An dieser Stelle sei angefügt, dass ich keinen weltanschaulichen Unterricht mache. Politik, Ethnie und Religion haben keinen Platz, wenn man Notfallsanitäter ausbildet, weil diese Dinge keinen Platz im Rettungswagen haben. Vor den Naturgewalten und dem Rettungsdienst sind alle Menschen gleich. Ich will lediglich, dass meine Azubis in der Lage sind, sich stets eine informierte Meinung zu bilden.

Also versuche ich, sie zur Selbstreflexion zu führen. Mal mehr, mal weniger erfolgreich. Aber nun wird hoffentlich klar, das Selbstzweifel sowohl ein alltägliches, als auch ein Meta-Problem meiner Arbeit darstellen. Denn im trüben Wasser der fortlaufenden Entwicklung des Berufsfeldes Rettungsdienst, sowie der Gesellschaft und ihrer Kultur, in die es eingebettet ist fischen zu müssen, ist für mich selbst gleichsam ein Lehr- und Lernprozess. Dabei tagtäglich sozial adäquat, fachlich korrekt und Bedürfnis-orientiert zu handeln, ist eine Herausforderung, der ich mich gerne stelle, denn ich empfinde dabei durchaus Erfüllung. Allerdings ist nicht immer ganz klar, ob ich im jeweiligen Subjekt meines Tuns Lehre oder Leere erzeuge. Aber ich versuch’s weiter. In diesem Sinne, noch ‘n schönen Tag.

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