Cyborg-isierung…?

Was ist ein Cyborg? Die begriffliche Definition (ein Mischwesen aus Mensch und Maschine, wobei der Maschinen-Anteil variieren kann) ist hier insofern nicht hilfreich, als dann auch jeder Diabetiker mit einem implantierten Blutglukose-Sensor als Cyborg gelten dürfte. Mit der kulturell-ästhetischen (siehe Ghost in the Shell, o. Ä.) Darstellung hat das jetzt allerdings weniger zu tun. Unsere Vorstellung davon, was „Cyber“ ist, und was nicht, ist einerseits hoch individuell; andererseits natürlich durch unsere Rezeption von Kulturartefakten wie Büchern und Filmen geprägt – die das Grund-Thema (nämlich die Annäherung von Mensch und Maschine) üblicherweise zu Gunsten dramaturgischer Erwägungen verkürzen und auf wenige, meist visuell gut darstellbare Aspekte zuspitzen. Dagegen lässt sich jetzt bei Unterhaltungsmedien wenig sagen. Die sollen ja unterhalten. Allerdings wird der Aspekt von Kunst, auf den Adorno verwies – nämlich den Doppelcharakter der Kunst, aus dem sich die Aufgabe von Kunst ergibt, die Wahrheit über die Gesellschaft zu offenbaren, die nur allzu oft von der Ideologie verdeckt wird – hier zu oft für die Schauwerte ausgeklammert.

Jedenfalls ist die Vorstellung der meisten Menschen beim Thema „Cyborg“ vermutlich eine krude Mischung aus künstlichen Bildern; entlehnt aus Filmen der letzten 35 Jahre und dem heutzutage ja einfach aufzustöbernden globalen visuellen Kunstschaffen. Garniert mit ein paar „eigenen“ Ideen, zumeist bezogen aus den Werken von William Gibson, Philip K. Dick, Neal Stephenson und wie sie noch alle heißen. Die Cyber-Punks der Literatur halt. Eigentlich als ätzende Kritik am Kapitalismus und der blinden Fortschrittsgläubigkeit gedacht, nahmen viele Leute vor allem die ästhetischen Aspekte des Genres wahr und suhlten sich – aus angemessen sicherer Entfernung ihrer Erste-Welt-Existenzen – in der wohligen Lust an der Dystopie. Nun ja, zu den Dollars sagten die Autoren dann doch nicht „Nein“, und bedienten das Interesse munter weiter. Alle paar Jahre kommt irgendein Feuilleton-Honk aus seinem Loch, und proklamiert „Cyberpunk is dead!“, worauf der nächste Verkaufszyklus losgeht. Die Fans sehen das seit jeher anders und Adorno rotiert sicher in seinem Grab…

…und wohin führt der Weg?

Betrachten wir nun mal die reale Entwicklung der Kybernetik in den letzten 10 Jahren, dann scheint Wetware-Hacking als eine nicht allzu ferne Möglichkeit (z. B. Elon Musks Firma Neuralink), wenn man Wetware als dritte Komponente neben Hardware und Software betrachtet. Was einige Fragen aufwirft, die man eigentlich schon in „Neuromancer“ und „Mona Lisa Overdrive“ lesen, oder im Original von „Ghost in the Shell“ hätte sehen können; und wir reden hier von philosophischen Fragen der Transzendentalität und der Ontologie, die alles andere als nichtig sind. Was ist der Sinn unserer Existenz? Woher kommen wir? Wohin gehen wir? Was macht unsere Seele aus? Was macht den Mensch zum Mensch? Und was die Maschine zur Maschine? Wenn denn irgendwann diese Grenzen tatsächlich zu verschwimmen beginnen. Und dazu tritt dann noch die praktische Frage, wie viel Kontrolle ein Privatunternehmen über meine Gedanken haben darf? Ich meine, jetzt mal ernsthaft – ich will NICHT, dass ein Supercomputer im Besitz von Elon Musk via Neuralink-Chip meine Gedanken streamen kann. Das am wenigsten schlimme dabei wäre wohl, dass es einen Backchannel gibt, und ich dann dauernd darüber nachdenken müsste, mir jetzt doch endlich einen Tesla zu kaufen…

Wäre eine Cyborg-isierung eine Verbesserung des Menschen, eine Erweiterung unserer Möglichkeiten – oder gefährdete sie das, was uns als Menschen im Kern ausmacht? Ich habe ehrlich keine Ahnung – und ich bin viel zu sehr Geschichtenerzähler, als dass ich mir nicht unterschiedlichste Auswirkungen ausmalen könnte. Wobei die interessantesten Geschichten ja das Leben erzählt: Elon Musk hat Joe Rogan während eines Interviews 2018 mal erzählt, dass er denke, dass wir alle in einer Matrix-artigen Simulation leben würden. Sascha Lobo meinte dazu kürzlich, dass könnte so einiges erklären. Wahrscheinlich versucht der reichste Mann der Welt mit seinem, oft doch recht erratischen Verhalten einfach nur, die Grenzen dieser Simulation auszutesten. Warum er dann Chips entwickeln lässt, die man bald in menschliche Gehirne implantieren können soll? Vielleicht will er die Simulation hacken und abschalten? In jedem Fall hat er für sich anscheinend auch noch keine befriedigenden Antwort auf die oben erwähnten Fragen gefunden. Wir dürfen gespannt bleiben!

Ich habe auf all diese Fragen übrigens auch keine letzten Antworten und ich maße mir auch nicht an, zu behaupten, dass man überhaupt welche finden muss – insbesondere „allgemein gültige“; denn dann wären wir ratzfatz wieder beim Dogmatismus! Man sollte nur tunlichst niemals damit aufhören, über diese Fragen nachzudenken. Denn sie bilden einen wichtigen Teil dessen, was wir als Werte bezeichnen. Und ein kleines bisschen mehr ethisches Verhalten in unserer Welt könnte sie ein gutes Stück besser machen. Wenn ich dafür dann ein Cyborg werden müsste, wäre ich wohl dabei. In diesem Sinne – (f)rohe Ostern.

Auch als Podcast…

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