Eigentlich müsste man…

…dem frühlingshaften Müßiggang frönen und sich mit geistigen Getränken zudröhnen. Oder so ähnlich. Wenn ich aus dem Fenster schaue, kann ich das blaue Band, von dem Mörike so unnachahmlich sprach, wirklich sehen; und mich daran ergötzen. Ich mag den Winter nicht sehr. Ich mag lieber die Sonne, blauen Himmel, draußen sein. All die Dinge, die unmissverständlich zum Frühling und Sommer gehören. Auch, wenn ich irgendwann wegen der unerhörten Temperaturen unweigerlich zu murren anfange, weil ich mich dann die ganze Zeit fühle, wie der Inhalt eines Sous-Vide-Garers. Aber so ist das halt, wenn man vom Wetter, bzw. der Jahreszeit anfängt. Auch dem Herbst kann ich das eine oder andere abgewinnen – neuen Wein zum Beispiel – aber den Winter, den könnte man, wenn es nach mir ginge ersatzlos streichen. Was natürlich für die Natur verheerend wäre. Also bleibt er, und ich habe was, worüber ich traurig sein kann. Irgendwie muss man seine Depression ja am Laufen halten. Da kommt es doch beinahe gelegen, dass ich seit heute morgen wenig stolzer Besitzer eines zweiten Striches und eines so genannten „milden Verlaufes“ bin – ich könnte kotzen vor Glück…

Was für ein Unterschied zu Freitag vor 8 Tagen…!

An sein Home-Office gebunden zu sein hat, wenn man über ein derart luxuriöses verfügt wie ich, allerdings auch seine guten Seiten. Selbst, wenn die beste Ehefrau von allen wahrscheinlich jetzt schon die Schnauze davon voll hat, dass ich dauernd nach irgendwas frage… meistens etwas zu essen. Aber die Entkopplung von vielen anderen Dingen (und auch Menschen!) hat auf mich immer eine ambivalente Wirkung: einerseits bin ich mit denen, die mir lieb und teuer sind, gerne in Kontakt. Andererseits gibt es eine Menge am Sozialleben, worauf ich dankend verzichten kann, weil ich mich oft nur allein mit den vielen Dingen beschäftigen kann, die in meinem Kopf umherschwirren. Ist man jedoch tagein, tagaus eingespannt, eingerahmt, eingebunden, eingeordnet, wird das Summen im eigenen Kopf zwangsweise von dem Summen aus den ganzen anderen Mündern eingeschläfert. Ich weiß nicht, wie ich das erklären soll, aber ich konnte an mir bis zum heutigen Tage keine nennenswerte Verbesserung der Kreativität durch kollaborative Techniken wie etwa Brainstorming, Brainwriting, etc. feststellen. Ich erziele die besten Ergebnisse zumeist in meiner stillen Kammer – das kann mein Büro sein, oder, wie im Moment mein Homeoffice. Obacht: hier geht es nicht um Prozesse, etwa für meine Arbeit. Die MÜSSEN mit den Betroffenen abgestimmt werden. Hier geht es um meine ganz persönliche Schaffenskraft.

Perspektive verändern und Sehgewohnheiten aufbrechen…

Ich habe die letzten Stunden mit Aufgaben zugebracht, die ich mir selbst ausgesucht habe. Eine davon war das Verfassen dieses Blogposts. Ich schrieb auch für meine Pen’n’Paper-Runde. Und ich habe ein wenig in meiner Foto-Ausbeute von neulich gestöbert, um noch was zu finden. Mich faszinieren extreme Winkel und unharmonische Objekte. Das 1959 gebaute „Haus Oberrhein“ ist so ein Objekt. In prominenter Lage ist seine Formenstruktur der Nachkriegsmoderne so etwas wie die Antithese zur pittoresken Gemütlichkeit der Rheinpromenade ein paar wenige 100 Meter flussaufwärts. Denoch finde ich den Klotz höchst faszinierend, weil natürlich der Standort direkt am Rhein, die Bauform und der Entstehungszeitraum etwas über die Geschichte meiner Stadt erzählen. Würde ich nicht drin bleiben müssen, wäre ein Wochenende wie dieses ideal, um ein wenig mit der Linse marodieren zu gehen und mich mit meinen Sehgewohnheiten auseinanderzusetzen. Interessant ist dabei der Umstand, dass zum Beispiel blinde Menschen ihren optischen Cortex (die Hirnregion, in welcher der Sehnerv mündet) trotzdem nutzen – unter anderem, um Braille-Schrift lesen zu können. Was bedeutet, dass visuelle Anaologien auch in den Köpfen Nicht-Sehender entstehen können. Das wirft für mich die Frage auf, wie viel ich tatsächlich mit meinen Augen wahrnehme, und wieviel Kontext meine Erfahrung und/oder meine Fantasie dazudichten. Wir Sehenden neigen dazu, das Gesehene als Gegebenes zu interpretieren. Aber ist es das tatsächlich…?

Eigentlich müsste man viel öfter mit offenen Augen durchs Leben gehen und all die kleinen Eigentümlichkeiten, Stilbrüche, (scheinbaren) Sinnlosigkeiten und Schrullen des Ganzen als das nehmen, was sie tatsächlich sind – Möglichkeiten zum Lernen. Möglichkeiten, sich von der Couch zu erheben, die Komfortzone zu verlassen und mal auszuprobieren, ob man nicht doch mehr hinbekommt, als man gedacht hätte. Möglichkeiten, gelassener zu werden; vor allem gegenüber diesem ganz Achtsamkeitsgeschwafel. Man braucht keinen Ratgeber, um in Denkschleifen (manchmal auch Handlungsschleifen) zu geraten, wie ich hier ein Stück weiter oben. Nur ein paar Bilder (müssen nicht mal selbst gemachte sein), ein wenig Internetrecherche, hin und wieder ein halbwegs vernünftiges Buch, eine Zeitung, ein gutes Gespräch – und schon ist man mittendrin. Sich selbst zu irritieren, mit Neuem zu konfrontieren, aus dem Üblichen auszubrechen und das Gefühlte und Erlebte zu reflektieren – dadurch wird man kreativ. Und jetzt muss ich dem Müßiggang fröhnen, und… na ihr wisst schon. Schönen Abend.

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