LASST ES RAUS!

Zeit meines Lebens ringe ich um ein wenig mehr Ausgeglichenheit, um Contenance, um die Gelassenheit, manche Dinge einfach laufen zu lassen, auch wenn meine Dämonen gerade etwas BÖSES tun möchten. Ich war früher ein schlechter Verlierer. Wahrscheinlich ist einer der Hauptgründe, warum Pen’n’Paper mein liebstes Hobby ist, dass es dort eigentlich keine Gewinner und Verlierer gibt – nur eine gemeinsam erzählte Geschichte. Wobei es auch dort zu Diskussionen kommen kann, wenn ich Ungerechtigkeit am Werk zu verspüren glaube. Und da stets der Empfänger die Botschaft macht… Ich schaffe es heute dennoch (meistens), meine Affekte beim Spielen im Zaum zu halten, aber mit dämlichen Brettspielen kann man mir bis heute nachhaltig den Abend versauen. Welcher Sadist nennt denn bitte ein Spiel, bei dem man so einfach durch das Zutun der Mitspieler verlieren kann „Mensch ärgere dich nicht!“? Dieser unnötige Menschoid gehört…! Ach, was soll’s, der Gründer von Schmidt Spiele ist eh schon lange tot. Aber ist dieses Ringen um Ruhe überhaupt wichtig?

Ich las gestern einen Artikel mit dem imperativen Titel „Rastet aus!“. Die Autorin möchte ihren Beitrag evtl. eher als Glosse verstanden wissen, aber die Kommentarspalte… ach herrjeh, wie sich die ganzen woken Möchtegern-Psychologen darüber ereifern, dass Affektinkontinenz nun aber auch gar nichts in der Welt verloren habe! Gab’s da nicht mal diese – heute als klassisch bezeichnete, zu meiner Zeit in der Schule von vorn nach hinten zerplückte – Stil-Epoche, die sich ganz dem Gefühl verschrieben hatte, und der Ratio klar eine Absage erteilte – ach ja, die Romantik. Aber noch viel pragmatischer – wäre (ein) Leben ohne Affekte denkbar? Vermutlich nicht, denn ohne Affekte gibt’s kein Fuscheln und ohne Fuscheln keinen Nachwuchs. Aber hey, wen interessiert’s – außer Demoskopen, Politiker, Wirtschaftswissenschaftler, etc? Und jetzt kommen die ganzen Oskar Oberschlau-Typen aus ihren Löchern, und deklamieren erhobenen Fingers „Aber das sind doch positive Affekte!“. Ja! Klar, sind das positive Affekte. Aber alles im Leben lässt sich nur durch Dichotomien sauber definieren. Wenn ich nicht weiß, was ein positives Gefühl ist, wie soll ich dann ein negatives erkennen können. Oder soziale, hierarchische, politische Gefüge? Hm…? Um’s kurz zu machen – ohne Gegensätze funktioniert unsere Welt nicht.

Greimas‘ semiotisches Vierck – gut, um Gegensätze zu beschreiben…

Soll heißen, ich kann mir nicht einfach nur die schönen positiven Sachen zum Gebrauche hernehmen und die pösen, pösen negativen in einem metaphorischen Giftschrank verstecken! Denn aus dem Menschen heraus bekomme ich sie nicht. „Du kannst den Jungen aus Berlin rausbringen, aber nicht Berlin aus dem Jungen!“, habe ich mal zu einem Kollegen gesagt, der sich ein bisschen darüber beschwerte, als ich sagte er käme wohl NICHT gebürtig aus Heidenheim an der Brenz…? So wenig, wie viele Menschen das Idiom ihrer Herkunftsregion zu verstecken vermögen, so wenig können wir mal eben das mesolimbische System und den Sympathikus aus dem Menschen explantieren. Es sei denn, wir wollen, dass er kaputt geht. Man bekommt das Eine, nämlich das Gute und Schöne, zumindest physiologisch nicht ohne das Andere – die Hitze und den Stress! Man kann etwas tun, um Stressresilienter zu werden und damit seltener Opfer seiner eigenen negativen Affekte. Und in manchen Gewerken ist das sogar essentiell, weil Stress und negative Affekte schlechte Entscheidungen begünstigen; wenn Rettungsdienstler sich dazu hinreißen lassen, sterben u. U. Menschen. Aber man sollte um Himmels Willen nicht glauben, dass man a) seine Physis austricksen kann und b) Contenance ein Wert an sich sei.

Emotionen im öffentlichen Raum sichtbar zu zeigen gilt gemeinhin als unprofessionell, unzivilisiert und nicht wünschenswert. Warum? Meine These lautet: weil Ehre, Stolz und Ansehen heutzutage wichtiger sind, als echter Ausgleich zwischen den Menschen! So gilt Contenance denn auch als Distinktionsmerkmal der gehobenen Schichten. Ja Teufel auch – ich soll mich also dauernd beherrschen, weil sich jene, die mich sowieso schon beherrschen ansonsten schlecht fühlen? Weil sie Angst haben, dass die ganzen, momentan schön durch Konsum kanalisierten, pathologisierten und eingehegten negativen Affekte sich evtl. kumulieren und ein ungerechtes System, wie etwa den Kapitalismus in seiner heutigen Ausprägung mitsamt seinen Apologeten hinwegfegen könnten? Und warum zum Henker sollte ich dann NICHT wütend sein, wenn mir Gerechtigkeit, wie oben erwähnt doch am Herzen liegt? Da bleibt mir doch nur, Dr. Banner zu zitieren: „Mein Geheimnis ist, ICH BIN IMMER WÜTEND!“. Warum, muss ich jetzt hoffentlich nicht mehr explizieren…

Bleibt noch zu erklären, warum ich denke, dass Konsum auch dazu da ist, negative Affekte einzuhegen? Ganz einfach – weil Konsum es uns erlaubt, diese unerwünschten Emotionen entweder zu betäuben (man setze hier die Droge seiner Wahl ein), oder aber in geregeltem Umfang auszuleben; und was regt sich „die Öffentlichkeit“ auf, wenn’s ein paar dabei mal wieder übertreiben – z. B. rings um die Fußballpätze des Landes. Oder glaubt irgendjemand tatsächlich, dass Fußball (oder irgendeine andere Mannschaftssportart) im Kern etwas anderes ist, als eine geläuterte Version des Circus Maximus in Rom? Die Gladiatoren haben heute keine Schwerter mehr – das ist der einzige Unterschied. Ansonsten funktioniert „Panem et Circenses“ auch 2000 Jahre später immer noch wie geschmiert. Ich verdamm niemanden dafür, wenn er sich so berieseln lässt. Ich würde mir nur wünschen, mehr Menschen würden diesen Aspekt und ihre eigenen Rolle darin bewusst reflektieren. Aber bei vielen scheint der Spiegel hier ein wenig stumpf… Also ich mag meine Wut. Und ich lasse sie auch raus. Manchmal auch öffentlich. Wenn jemand damit nicht klarkommt – Pech gehabt! Schönen Sontag.

Auch als Podcast…

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