Ich möchte meinen Job lieben, aber…

Das Gesundheitswesen. Unendliche Weiten der Profilneurosen, des unreflektierten „Weiter so!“, der (mehr oder weniger gerechtfertigten) Arroganz, des (mehr oder weniger ausgeprägten) Helfersyndroms und des endemischen Mangels an Blick über den Rand des eigenen, kleinen Tellers. Insbesondere in der Rettungswelt ist auch heute noch ein beängstigendes Maß an Ignoranz für größere Zusammenhänge zu beobachten, welches der Beschleunigung der Gesamtmasse beim Anflug auf die Wand Vorschub leistet, an der die ganze Chose zerschellen wird… sehr bald zerschellen wird.

Ich wollte sachlich bleiben, ein wenig darüber referieren, wie es vielleicht möglich sein könnte, wieder auf eine gemeinsame Basis zu finden und Ideen in Angriff zu nehmen, die das Unheil abwenden könnten. Verschiedene Personen haben in den vergangenen Jahren Beiträge veröffentlicht, die eine Vorstellung davon vermitteln, wie man es besser machen könnte. Wie man zum Beispiel die knappen Ressourcen medizinischer Akutversorgung besser und gezielter einsetzen könnte. Wie man quasi mehr Gesundheit pro Euro erzeugen könnte. Wie man besseres Outcome bei weitestgehend gleichbleibendem Ressourceneinsatz erzielen könnte. Das Know-How und die Skills sind vorhanden und ehrlich gesagt bräuchten wir für vieles keine Unterstützung aus fachfremden Gebieten, da sich in der eigentlich doch recht überschaubaren Rettungswelt einige Persönlichkeiten entwickelt haben, die recht beeindruckende Fähigkeiten akkumulieren.

Und doch… und doch…! Noch beeindruckender ist leider die Beratungsresistenz nicht nur vieler Entscheider sondern auch vieler Kollegoiden, die nicht begreifen können oder wollen, dass ihre sorgfältig ausgebaute Nische ohne Wandel keinen Bestand haben kann; vielmehr keinen Bestand haben wird! Das bei gleichbleibend ineffektiven Ressourcenverbrauch das Rettungswesen mit dem Voranschreiten der demographischen Entwicklung spätestens Ende der 2020 vollkommen dekompensieren wird, zeichnet sich bereits jetzt ab. Und trotzdem werden Alternativen anscheinend nicht wahrgenommen, geschweige denn diskutiert. Worüber allerdings diskutiert wird, treibt mir dann endgültig die Schamesröte ins Gesicht.

Bei jeder sich bietenden Gelegenheit werden öffentlich (am liebsten auf Facebook) wahlweise die Handlungsweisen von Kollegen zerpflückt oder gar diskreditiert oder es wird sich auf’s Bitterste über die Feindseligkeit und Undankbarkeit der Patienten und Angehörigen beklagt. Würde man hier mit einem Mindestmaß an Zurückhaltung, Respekt, Konstruktivität und Augenmaß vorgehen, könnte man manches noch akzeptieren. Doch gerade bei der Analyse der Fehler anderer Menschen schießen meine Kollegen oft und gerne über’s Ziel hinaus, lassen jede Pietät und Professionalität vermissen, die sie sich doch so sehr in ihren Gegenübern wünschen. Oder geht es vielleicht doch nur um verletzten Stolz?

Ich habe gelernt, die Kommentarspalten sozialer Medien nicht mehr allzu ernst zu nehmen, weil eh jeder zweite nur noch trollt (wenn das langt…). Aber in den Äußerungen vieler Kollegen offenbart sich mittlerweile eine derart negative, aggressive Grundstimmung, dass man so manchem die Eignung zur Ausübung eines sozialen Berufes absprechen muss. Und genau das ist der Rettungsdienst: ein sozialer Beruf. Auch wenn viele das offenkundig nicht wahrhaben wollen. Vielleicht ist es eine Reaktion auf die – zumindest in Teilen – ebenso offenkundig asozialer werdende Gesellschaft. Aber wenn ich einen ethischen Standard einfordere, muss ich diesem auch selbst genügen und das ohne Wenn und Aber.

Momentan jedoch könnte ich an der unreflektierten, unreifen, unflätigen und unsozialen Art mancher Vertreter meines Berufsstandes verzweifeln und möchte mich einfach nur noch schämen. Und wenn ich ehrlich bin, weiß ich noch nicht, welche Schlüsse ich aus diesen Gefühlen ziehen soll. Dass wird schwer – aber wir sehen uns.

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