Benvenuti nelle Marche N°18 – Leichtere Urlaubskost…?

Reisen bildet. Ganz selten mal den Geist, des Öfteren das Herz und ganz sicher immer eine Meinung. So oder so – du kommst nicht als der zurück, der du warst. Zumindest, wenn du es zulässt, dass der Ort deiner Sehnsucht dich auch wirklich berührt. Ich gestehe: ich habe in meinem Leben tatsächlich einmal eine All-Inclusive-Reise gebucht. Und auch noch dazu nach Nordafrika. Zur Erinnerung: 1998 hatte Tunesien ein stark autokratisches Regime unter Präsident Zine El Abidine Ben Ali. Uns als Touris war das nicht bewusst (oder die Zeichen waren einfach egal), denn es sah ja alles so schön fremdländisch aus. Ich meine zu erinnern, dass irgendein deutscher Kabarettist mal sinngemäß gesagt hat, das Elend im Gastland ist schon okay, wenn es nur romantisch aussieht. In dem Sinne habe ich mich also einmal schuldig gemacht. Jedenfalls brachte dieser Urlaub uns Lustbarkeiten und auch schöne Erinnerungen, wie etwa einen Ausflug zu den römischen Stätten in Tunesien, vor allem Dougga. Unser Tourguide war ein Professor für Geschichte von der Uni Tunis, der den ganztägigen Ausflug mehrsprachig begleitete. Allein der Umstand, dass ein hochgelehrter Akademiker sich seinen Geldbeutel mit Touri-Touren aufbessern musste, hätte mir jedoch ein Hinweis auf den Zustand des Landes sein können. Nun ja, passiert ist passiert, sich heute darüber zu ärgern, ändert die Geschichte auch nicht mehr. Unterdessen sind unsere Ziele schon seit über zwei Jahrzehnten immer Selbstversorger-Appartments, die innerhalb Europas mit dem PKW erreichbar sind; bevorzugt in Italien und Frankreich. Es gibt da (wie auch in Deutschland) noch mehr als genug zu entdecken. Dazu gleich mehr. Denn wir waren eigentlich bei der Frage, inwieweit einen das Sehnsuchtsziel wirklich berührt? Wozu wir erst mal klären sollten, um welche Sehnsucht es denn überhaupt gehen soll. Wenige Menschen oder viele? Ruhe oder Action? Kontemplation oder Party? Berge oder Meer? Fliegen oder Fahren? Kultur oder Chillen? Chaotischer Filmriss oder langsamer Genuss? Und… wenn ich all das geklärt habe, heißt das noch lange nicht, dass der Plan funktioniert. Denn, wie ich dieser Tage schmerzhaft feststellen musste, kann man ja auch in der Ferne trüben Gedanken nachhängen. Doch das soll jetzt nicht das Thema sein.

Wenn ich heutzutage in die Fremde reise, dann versuche ich wenigstens ein paar Brocken der Landessprache zu beherrschen und die kulturellen Gepflogenheiten der Ansässigen zu achten. Dazu gehören Manieren, Kleidung, bewusstes Sich-auf-die-Dinge-einlassen und die Bereitschaft, etwas dazuzulernen. Ich habe in so einigen Posts schon geschrieben, dass ich Menschen hasse. Ich möchte das zu dieser Gelegenheit jedoch noch etwas differenzieren: ich hasse nur jene Menschen, die sich als dumme, dogmatische, eitle, selbstgerechte, egoistische chauvinistische, faschistische, rassistische Arschlöcher entlarven. Die findet man nun leider echt überall auf dem Erdenrund. Aber im Urlaub ist es für mich besonders nervtötend, wenn es andere Urlauber sind, die sich benehmen wie die Axt im Walde und damit eines oder mehrere der vorgenannten Kriterien erfüllen. Was ist schwer daran, sich in der Fremde wie ein guter Gast zu verhalten? Wie kann man nur auf die Idee kommen, dass woanders alles so sein müsste wie daheim? Warum verreist man überhaupt, wenn man den Anspruch erhebt, das alles so sein müsse wie daheim? Nur vielleicht in bunter, pittoresker, wasauchimmer? Ich bereise Italien jetzt seit gut 22 Jahren (von denen ich insgesamt mehr als 8 Monate im Land verbracht habe) und ich lerne jedes Jahr wieder was dazu. Oft über Land und Leute, aber nicht selten auch über mich selbst. Ich kann mittlerweile mit Fug und Recht behaupten, dass meine Seele Südländer ist. Die miefig-spießige Verwalter-Mentalität des deutschen Michels ist mir so fremd, wie die Oberfläche des Mondes. Was natürlich für viele andere Deutsche auch gilt. Aber man trifft diese Vertreter immer wieder. Die fahren zeitgleich mit allen Anderen in die Fremde, ärgern sich über den Stau (das tue ich allerdings auch), erwarten sowas wie den Pott in Bunt mit Meer und wundern sich, wenn’s auf der Karte im Restaurant keine Currywurst mit Pommes gibt… Da musste dann halt in die “Carrer del Pare Bartomeu Salvà” gehen – besser bekannt als “Schinkenstraße” in El Arenal auf Mallorca… Wobei man in den Medien gut sehen konnte, dass die dort Ansässigen von dieser (Ab)Art Torismus die Schnauze gestrichen voll haben. Nachrichten zu den Protesten seit 2024 lassen sich ja leicht finden.

Was ist die Sehnsucht jener Menschen, die dorthin reisen, um sich – dicht auf dicht in mehr als nur einer Hinsicht – auf engstem Raum zu tummeln; schmerzerregende Partyschlager wie “Scheiß drauf, Malle is nur einmal im Jahr” inclusive? Ich weiß es nicht! Ehrlich! Aber es ist NICHT – GANZ SICHER NICHT – DIE Sehnsucht, welche ICH mit Urlaub verbinde. Ich suche Zeit zum Schauen, Knipsen, Lesen, Denken, Schreiben, Reden, Kochen, gut Essen, einfach Sein. Und ich möchte dabei so viel Ruhe wie möglich haben. Wahrscheinlich bin ich zu alt für dieses völlig jecke hispano-germanische Party-Gerammel bis zum Absturz. Wenn ich so darüber nachdenke, war ich wahrscheinlich noch nie jung genug dafür. Ich habe echt nix gegen leichte Kost dann und wann. Aber DAS, was nicht wenige da abziehen, ist seichter als jede ARD-Vorabend-Soap. Und ich kann mir auch nicht vorstellen, dass die verändert aus dem Urlaub zurückkommen. Mit weniger Euro auf dem Konto, erweiterter Hautkrebs-Vorbereitung, schlechteren Leberwerten und Tschakkeline hat vielleicht ‘n Braten in der Röhre, Koch unklar… Aber ansonsten herrscht Ebbe bei persönlicher Entwicklung. Und bevor jetzt jemand wieder mit dem “rotweinsaufender Toskana-Pädagoge”-Klischee um die Ecke kommt: a) so viel Rotwein trinke ich gar nicht, b) ich versuche NIEMALS Goethes Bildungsreise nachzustellen (der kam in den Marken gar nicht vorbei, was ein eindeutiger Fehler war) und c) bin ich BERUFSpädagoge. Die haben keine Zeit für ein so hochtrabendes Selbstbild, weil sie in der Arbeitswelt beheimatet sind.

Heute regnet es seit dem Mittag. Ist für mich jetzt kein großes Problem. So ein Blogpost schreibt sich nicht in fünf Minuten, was zu lesen habe ich auch noch und kochen und essen braucht – wenn es denn gut sein soll – auch so seine Zeit. Gut Dinge will Weile haben. Was die zuvor bereits erwähnten Pauschaltouris ohne Plan B machen, weiß ich nicht – will ich aber (man möchte ja auch mal seine Vorurteile pflegen dürfen) auch gar nicht wissen. ICH bin einfach nur ein langsam älter werdender Sack, der sich wünschte, dass die alljährliche Urlaubsreise nicht automatisch zur vollkommenen Deaktivierung des Gehirns führte. Ich liege halt irgendwo in der schlecht ausgeloteten Grauzone zwischen Ballermann-Assi und Toskana-Oberlehrer. Denn Extreme sind auch im Urlaub schlecht. In diesem Sinne, bis die Tage wieder.

Benvenuti nelle Marche N°16 (a.k.a. A scream in the dark N°2) – Was kann man wollen?

Viel zu oft im letzten Jahr, wenn ich mich niederließ, um hier zu schreiben, diktierten eine dumpfe Düsternis, Bitterkeit und Enttäuschung meine Zeilen; wie ein stilles Gift, dass sich mehr und mehr meiner gesamten Persönlichkeit bemächtigte. Dass ich immerzu wütend bin, ist ein Wesenszug, über den ich hier schon des Öfteren gesprochen habe. Doch jenes Agens, welches meine Wut früher befeuert hatte, scheint nun durch ein Anderes ersetzt worden zu sein. Wo ich bislang vor allem und immer wieder von meinem Gerechtigkeits-Empfinden getrieben war – und das nicht selten bis zu dem Punkt, dass ich mich selbst beschädigte – ist es heute eher eine Art von Selbstgerechtigkeit, die den mannigfaltigen und ausschließlich beruflichen Kränkungen der letzten Jahre entsprungen sein mag. Viel zu selten konnte ich daher einer Hoffnung Ausdruck verleihen, dass sich die Dinge zum Guten ändern würden. Gefangen in der Illusion, dass ich nur lange genug weitermachen müsste, es richtig und gut zu machen, bis sich die Umstände eines fernen Tages quasi durch das Erkennen der Richtigkeit meines Handelns auf der Gegenseite zum besseren Wandeln würden. Doch so funktioniert die Welt nicht. Jene, die im Stillen die Dinge am Laufen halten, indem sie einfach ihren Job erledigen, werden immer und überall von den Marktschreiern, den Selbstdarstellern, den Blendern überholt, ins Abseits geschoben und übergangen. Wann immer eine solche stille Person jedoch einmal aufbegehrt, wird dies von den anderen – auch den Leitungskräften – als unangemessen, unverschämt, ja falsch aufgefasst. Weil das, was in der jener Stille alles am Funktionieren gehalten wurde und immer noch wird, nicht erkannt, nicht anerkannt werden kann. Wo der eitle Geck mit seinen Erfolgen (falls man diese denn überhaupt so nennen kann) prahlt, da besorgt der Stille das Geschäft ohne Bohei… und wird daher übersehen. Lautstärke schlägt Leistung immer und überall!

Dann aus der Stille herauszutreten und Forderungen zu stellen, in dem festen Glauben, dass die eigene Leistung die vorgebrachte Forderung doch mehr als rechtfertigen müsste, führt beim Gegenüber nicht selten zu Irritation, gerne auch zu Wut. “Warum funktioniert der/die nicht mehr so, wie gewohnt?” Vielleicht, weil sich das Gegenüber nie darüber Gedanken gemacht hat, was denn zu diesem Funktionieren alles notwendig ist. Dazu gehört ein gutes (soziales) Klima am Arbeitsplatz ebenso, wie eine erhaltene geistige Gesundheit der stillen Person, eine moderate Belastung und ausreichende Gestaltungsspielräume. Dass ich hier über eine Leitungsposition rede und dass das Gegenüber auch nicht genau weiß, was dieses Funktionieren alles bewirkt, hat schon jede’r verstanden, oder? Doch der Umstand, dass man ja sonst für sich selbst wenig bis nichts gefordert hat – außer dem, was sowieso arbeitsvertraglich vereinbart ist, führt nun zu einer Friktion. Man selbst denkt “Aber… aber ich will doch gar nichts Großes…” und das Gegenüber denkt “Wie kann diese Person nur Forderungen stellen?” So schnell hat sich das mit einem Konflikt. Und ich muss es an dieser Stelle noch mal betonen: Schuld sind daran durchaus beide Seiten. Der Stille hätte seine Erfolge und seinen Beitrag transparenter machen müssen. Das Gegenüber muss jedoch auch verstehen, dass Lautstärke bzw. Sichtbarkeit NICHT gleichzusetzen ist mit Effizienz, erledigter Arbeit und abgeschlossenen Projekten – sondern viel zu häufig lediglich mit Schaumschlägerei! Doch was hat all dies nun mit der Frage nach dem zu tun, was man wollen kann…?

Zum einen geht es dabei um die ganz offensichtliche Frage, ob sich derlei Konflikte einfach (oder überhaupt) auflösen lassen? Und was dazu nötig wäre? Zum anderen natürlich um die ganz persönliche Frage, wie ich MEINEN Konflikt auflösen möchte. Das Problem dabei ist Folgendes: wir alle sind in eine Welt eingebettet, die – ganz entgegen der Populär-Meinung, wir seien ja alle “vernünftig” – weit davon entfernt ist, wirklich nach Vernunftprinzipien zu funktionieren. Für Ernst Cassirer war der “Mythos” der Urboden jedweder Kultur, was bedeutet, dass auch unser heutiges soziales, wirtschaftliches und politisches Miteinander auf Formen basiert, die man bei den so genannten Naturvölkern heute noch in Reinform beobachten kann. Symbole, Traditionen und daraus resultuierende Haltungen und Werte, die wir NICHT mehr bewusst reflektieren, sondern lediglich durch Imitation von Generation zu Generation weiterreichen, finden sich jedoch auch in unserer modernen Lebenswelt überall wieder. Roland Barthes hat das Jahrzehnte später noch einmal herausgearbeitet, indem er alltägliche Situationen und Kulturprodukte seiner Zeit aus Sicht ihrer Symbolik dekonstruierte. Ein Beispiel, dass MIR dazu immer wieder einfällt sind unsere Kleidungs-Konventionen. Warum Bankangestellte bis heute Anzug bzw. Kostüm tragen müssen, um als “seriös” wahrgenommen zu werden, erschließt sich mir nicht. Donald Trump trägt einen Anzug und ist eines der gefährlichsten Tiere, die ich mir vorstellen kann… Es ist ein Beispiel für “Das haben wir schon immer so gemacht!” Vielleicht wird langsam klarer, warum ich diesen Satz so hasse.

Jedenfalls sind auch die Kontrahenten des vorhin beschriebenen Konfliktes in diese Welt der Symbole – also mit Cassirer und Barthes den Mythos über unsere Welt – eingebettet. Damit geht einher, dass es Hierarchien gibt, welche durch Titel und Posten beschrieben sind. Ein Titel oder Posten ist zunächst nicht mehr als ein Symbol der Herrschaft. Macht über Andere ausüben zu dürfen, bedarf jedoch in unserer demokratischen Kultur der Legitimation durch jene, über die Macht ausgeübt werden soll. Ich bin diesbezüglich ein großer Freund von Habermas, der mit dem “zwanglosen Zwang des besseren Arguments” uns allen aufgezeigt hat, dass Recht zu bekommen einzig von der argumentativen Stärke meiner Position abhängen sollte. Ich weigere mich daher unterdessen, solche Hierarchien anzuerkennen, in denen mein Gegenüber als einziges Argument für seine aktuelle Haltung die, nur vermeintlich hierarchisch übergeordnete Stellung heranzieht und keine anderen Argumente hat, außer dem Pochen auf die Einhaltung einer überkommenen Norm. Das Diktum “Tradition ist Fortschritt genug!” hat mich nämlich noch nie überzeugt… Was ICH wollen kann, ist damit klar umrissen: ich will verstanden werden! Ich will, dass meine Argumente, auch wenn sie denen meiner Gegenübers diametral entgegenstehen mögen, zumindest erwägendes Gehör finden. Ich will, dass meine Gegenüber befähigt sind, Ihre Positionen zu überdenken. So, wie sie sich das vermutlich auch von mir wünschen. Ich will mithin nicht weniger, als das andere Menschen sich ihres Geistes soweit bemächtigen, den Mythos hinter sich zu lassen und auf die Ebene des tatsächlichen Argumentes zu treten, anstatt symbolübersättigte Strohmänner abzubrennen, wenn ich mal nicht so bin, wie man es von mir gewohnt ist! Und sofern ich das nicht bekommen kann, wo ich stehe, MUSS ich weiterziehen, um herausfinden zu können, ob dieses Voraussetzungen IRGENDWO anders als in der Selbstständigkeit erfüllbar sind. Ehrlich gesagt zweifele ich mpmentan daran…

Benvenuti nelle Marche N°15 – Italienische Übergänge

Zurück in Italien. Und dank der Freundlichkeit unserer Gastgeber fühlt es sich – nicht nur für mich – an, wie heimkommen. Die Anreise war, wie so oft, wenn in Baden-Württemberg Ferien sind, allerdings kein Zuckerschlecken. Der Ritt durch die Schweiz hat mich beinahe meinen allerletzten Rest Contenenace gekostet. Immerhin am Ende, vor mir nur Idioten, im Straßengraben keine Toten… Aber sind wir nicht alle die allerbesten Autofahrer unter Gottes Sonne? Die Tour durch Italien war dann viel besser. Bis auf kleine Stockungen lief es wie am Schnürchen. Und nachdem gestern Nachmittag das Auto entladen und alles am richtigen Ort verstaut war, konnte ich mein Versprechen an mich selbst wahrmachen und meine ersten paar Hundert Meter im Pool schwimmen. Ende Mai noch ziemlich frisch, aber das tut dem Spaß keinen Abbruch. Ich weiß jetzt, dass meine Schulter trotz gelegentlichem schmerzhaftem Rumgespacke immer noch ganz gut Strecke machen kann. Oberflächlich betrachtet ist also alles in Butter. Und unter der Haube…? Tja da läuft die Denkmaschine ununterbrochen. Meine unausgesprochene Hoffnung ist natürlich, wieder ein wenig mit mir selbst ins Reine kommen zu können. Da ich hier fern von allen beruflichen Problemen und Sorgen bin, könnte das klappen. Heute Nacht habe ich jedenfalls geschlafen wie ein Toter. Doch ich kann ja nicht anders, als mir Denkfutter mit in den Urlaub zu nehmen. Und als ich heute morgen Anfing, das erste Buch zu lesen, stellte ich fest, dass die ersten Kapitel von einer Zeit der Umbrüche, vor allem aber von persönlichen Umbrüchen der Protagonisten handeln. Und das hat für mich gerade jetzt große Relevanz, weil es sich um historische Persönlichkeiten handelt, die allesamt als Philosophen im 20. Jhdt, Bedeutung erlangt haben. Und die sich, jeder auf seine Weise mit entscheidenden Fragen rings um unser Menschsein auseinandergesetzt haben. (Literaturhinweis unten).

Wenn man einmal mehr mit der wenig trivialen Frage ringt, was man denn zukünftig mit seinem Leben noch anfangen möchte und ob die Stelle, an der man gerade steht überhaupt (noch) die richtige ist, weil die Arbeitsumstände einem dauert Verdruss bescheren, dann kommen Erörterungen rings um Sein, (Selbst)Bewusstsein, Sinn und Ziele natürlich gerade recht. Wenngleich die Menschen, um die sich das Buch dreht, mit dem Jahrzehnt nach dem Ende des ersten Weltkrieges (auch als “Roaring Twenties” bekannt) in einer Zeit gelebt, gelernt, gelehrt und gelitten haben, deren Kommunikation, Kultur, Denkarten, Politik und Verlauf aus völlig anderen Voraussetzungen entstanden ist, als unsere heutigen “New Roaring Twenties”. Diese scheinen ein Jahrzehnt zu sein, dass die Erkenntnisse der 1920er bewusst und mit Macht konterkarieren zu wollen scheint. Die Menschen mussten 1919 mit den Erfahrungen aus einem unfassbare grauenhaften Weltkrieg umgehen lernen und ein neues Ich erschaffen, weil das alte – teils in den Schützegräben, teils an der “Heimatfront” – gestorben war. Ich spreche hier zwar von Philosophen (Wittgenstein, Heidegger, Benjamin, Cassirer), doch auch für diese Menschen war die Erfahrung präsent und formierte einen Rite de Passage, dessen Härte ich mir nur schwer vorstellen kann. Wenn unsere 2020er hingegen irgendetwas beweisen, dann, dass die Geschichte wahrhaft ein Kreislauf ist und wir Menschen – oder besser unsere sogenannten Staaten- und Wirtschaftslenker – aus ihr immerzu nur eines lernen: nämlich wie wir einander noch schneller und effizienter verletzen, unterdrücken, beherrschen, töten oder sonstwie beschädigen können. Die weltweit steigenden Zahlen psychischer Erkrankungen sprechen hierüber eine deutliche Sprache. Und unser Bundeskanzloide hat nichts besseres zu tun, als Menschen, die sich dem entgegenstellen zu beleidigen, zu diffamieren, ihre Haltung zu diskreditieren und den anderen “Elitenvertretern” Zucker in den Arsch zu blasen und ihre Konten zu boosten. Das hätten sich selbst Huxley und Orwell nicht besser ausdenken können. Doch was bedeutet das alles für mich? Denn… sorry, aber das hier ist MEIN Blog, also geht’s hier um mich!

Ich stehe an einer Schwelle. Dies kognitiv zu realisieren und emotional zu verarbeiten, sind jedoch zwei sehr unterschiedliche Paar Stiefel. Irgendwie zu wissen, dass man halt etwas ändern MÜSSTE, jedoch emotional keinen Zugang zu dieser Aufgabe zu bekommen und darum erstmal alles beim Alten zu belassen, dürfte so ziemlich die menschlichste aller Sünden sein. Siehe seine Wut oder seine Ängste in den Griff bekommen, Abnehmen, sich das Rauchen abgewöhnen, mit der Sauferei aufhören, etcpp. Wir WISSEN relativ schnell, was uns wirklich gut täte, jedoch… jedoch… Und so ist es mit meiner Schwelle. Ich sehe sie. Ich kann sie unterdessen sehr gut benennen. Ich wüsste auch, was ich verändern wollen würde – aber ich schaffe den Schritt nicht! Weil meinen Job einfach weiterzumachen für mich CONVENIENT ist. Ich weiß, wie alles funktioniert, wie die Menschen ticken, wie ich relativ häufig doch bekomme, was ich will. Doch der Schmerz hat in den letzten Jahren immer mehr zugenommen, bis zu einem Punkt, da meine Ratio und meine Emotionen in einem konstanten Konflikt miteinander stehen. Nicht umsonst besuche ich regelmäßig einen Psychotherapeuten. Wie sangen the Clash so schön “Should I stay, or should I go?”. Eigentlich ist es klar: I should go, for the better of me… Doch was ist dann. Die Convenience (und die relative existenzielle Sicherheit, die mit ihr einher geht) würde sich spontan in Luft auflösen. Ich finge, in vielerlei Hnsicht nochmal von vorne an. Was mit knapp 52 keine so aufmunternde Aussicht ist. Wer will so einen alten Sack wie mich schon noch haben…? Über diesen entscheidenden Aspekt meines Lebens muss ich in den kommenden zwei Wochen meditieren. Anstatt einfach nur meinen Urlaub genießen zu dürfen…? Ach, ich hoffe, beides irgendwie unter einen Hut zu bekommen. Zumindest habe ich mir selbst versprochen, noch viele Meter mehr im Pool zu schwimmen und meiner Seele viel Gutes zu tun. Zwischen alten Steinen spazieren gehen und Knipsen bis der Auslöser glüht. Abends über das Tal schauen und mit der besten Ehefrau von allen über Gott und die Welt parlieren. Gut essen und trinken. Noch viel mehr lesen. Und einfach sein. Denn einmal mehr hieß es gestern: “Willkommen in den Marken.” Wir lesen uns…

  • Eilenberger, W. (2018): Zeit der Zauberer. Das große Jahrzehnt der Philosophie. 1919 – 1929. 7. Auflage, 2023. Stuttgart: J. G. Cotta’sche Buchhandung Nachfolger GmbH, gegr. 1659.

A scream in the dark N°1 – Aufgeklärt…?

Ich bin ärgerlich. Ich habe anderthalb Tage darauf verwendet, jungen Menschen nahe bringen zu wollen, warum Ethik im Gesundheitswesen, aber auch im Leben eine Rolle spielt. Warum ein ethisch denkender und handelnder Mensch niemals Rassist, Chauvinist, Neo-Nazi sein kann. Warum Moral und Ethik nicht das Gleiche sind; niemals das Gleiche sein können, weil Ethik sich wissenschaftlichen Denkens bedient, während das andere viel zu oft stumpf Dogmen repliziert. Analog zu meinem absoluten Hasssatz “Das haben wir schon immer so gemacht…”. Warum ein humanistisches Menschenbild und die Ausgrenzung bestimmter Gruppen einander ohne jeden Zweifel vollkommen und absolut ausschließen. Mit anderen Worten: ich habe versucht Aufklärung zu betreiben. Dass ich dabei auch den kategorischen Imperativ aus der Kant’schen Moralphilosophie benutzt habe, ist natürlich kein Zufall. “Aufklärung ist der Ausgang des Menschen aus seiner selbst verschuldeten Unmündigkeit.” Vor 242 Jahren postulierte Immanuel Kant diese Worte. Und ja, man sollte den Mann in seinen zeitlichen Kontext einordnen. Er war ein chauvinistischer, mysogyner Stinkstiefel, der aus seinem Denk-Kabuff in Königsberg so gut wie nie herauskam. Dennoch haben seine Worte auch heute noch Bedeutung. Eigentlich heute sogar noch viel mehr als damals. Kant hat niemals verstanden, dass seine – oft zu verkopft formulierten – Ideen für wirklich JEDEN MENSCHEN Gültigkeit haben könnten; und dass man sich an diesen Ideen 164 Jahre später orientieren würde, um das Grundgesetz so zu formulieren, wie es formuliert wurde, hätte ihn eventuell überrascht. Ist aber so passiert. Doch… ist unser Grundgesetz heute noch aktuell? Oder anders formuliert: was genau führt dazu, dass immer mehr (vor allem junge) Menschen zu vergessen scheinen, dass unsere Demokratie kein gegebener Zustand ist, der ohne Zutun der Menschen, welche in ihr leben einfach fortbesteht? Unsere Demokratie als Idee ist ein Wert an sich, weil sie ALLEN Menschen das unhintergehbare Recht zuspricht, sich als eigenständiges Subjekt frei entfalten zu können. Das meinen Artikel 1, Artikel 2 und Artikel 3 des Grundgesetzes im Kern.

Das eigentlich Ärgerliche für mich ist nicht, dass Schüler*innen beim Thema Ethik komplett abschalten, weil sie sich viel lieber mit den Action-Aspekten des Berufes Notfallsanitäter*in befassen wollen. Wer nicht verstehen will, dass unser Job eine soziale Komponente hat, welche die Action-Komponente bei weitem überwiegt – und auch noch strukturiert – dem kann ich halt nicht helfen. Das sind dann diejenigen, die am Examen scheitern, oder so nach 6 Monaten bis einem Jahr die Ausbildung schmeißen, weil ihnen zu dämmern beginnt, dass man sich doch tatsächlich auf die Menschen einlassen muss, für die, an denen, mit denen zu arbeiten man aufgerufen ist. Mich kotzt es an, dass so wenige Menschen sich tatsächlich dafür interessieren, weil ihnen nicht bewusst ist, wie leicht sich unsere demokratischen Instuitutionen und Prozesse aushebeln lassen, wenn man sich die Ratten auf dem Wege eines demokratischen Prozesses ins Haus holt. Aufklärung bedeutet, dass jede*r von uns aufgerufen ist, sich eine INFORMIERTE MEINUNG zu bilden, die auf beweisbaren Fakten und wissenschaftlich fundierter Theorie beruht, anstatt auf dumpfer Meinungsmache und Emotionen. Es macht einen erheblichen Unterschied, ob ich im Laden ein Buch nach Covergestaltung auswähle, oder am Wahltag denen hinterher renne, die am lautesten (allzu oft fiktive) “Schuldige” für die Umstände benennen und im gleichen Atemzug versprechen, genau diese “Schuldigen” für all unsere Probleme zu bestrafen. Gleichgültig, wer diese Probleme wirklich verursacht hat. Denn ein gutes Feindbild gibt dem Tag Struktur!

Ich ärgere mich tierisch darüber, dass Jammern auf hohem Niveau mittlerweile zu einer Kunstform geworden ist, welche der deutsche Michel in seiner schlafmützig-reaktionären Besitzstandswahrermentalität bis zur höchsten Finesse trainiert hat. Wir leben nach wie vor in der drittgrößten Volkswirtschaft der Welt, auf einem Niveau, für dass uns mindestens 160 von 193 Staaten auf der Erde beneiden; manche von denen sehr bitter. Und hier ziehen Menschen auf die Straße, die keine Ahnung haben, wie sich ein hoher Migrationsanteil in der eigenen Stadt anfühlt, um rassistische Parolen zu skandieren, weil ihnen Migranten angeblich die Lebensqualität bedrohen. Ich zitiere mal aus dem Internet: “Natürlich nehmen dir die Ausländer den Job weg. Aber wenn jemand ohne Sprachkenntnisse, Geld und Kontakte dir den Job wegnimmt, bist du vielleicht einfach nur scheiße.” Das ist natürlich ein bisschen platt. Aber irgendwie… kann ich mich des Eindrucks nicht erwehren, dass es stimmt. “Selbstverschuldete Unmündigkeit” meinte zu Kants Zeiten, den Rattenfängern der organisierten Religion hinterherzulaufen, welche 1784 seit weit über 1000 Jahren das Monopol darüber hatten, bestimmen zu dürfen, was man als Mensch zu denken und zu tun hatte. Kant war bewusst, dass wir als Menschen in der Lage wären mehr zu erreichen, wenn wir uns von diesen Fesseln der Fremdbestimmung freimachen könnten. Heute ist es keine kirchliche Fessel der Fremdbestimmung mehr, da der Einfluss der Kirchen erheblich abgenommen hat; diese Fesselfunktion übernimmt heute das simple, dumpfe, egoismus-getriebene Sentiment der Angst vor sozialer Not und des Hasses auf das Fremde, welches sich ganz hervorragend über Antisocial-Media verbreiten und anheizen lässt. Facebook war die erste globale Antidemokratie-Maschine und Mark Zuckerberg ärgert sich vor allem darüber, dass er nicht mehr das Beeinflussungsmonopol hat. Denn Demokratie ist in den Augen der Tech-Bros schlecht fürs Geschäft. Auch wenn Kants Formulierung schon fast zweieinhalb Jahrhunderte auf dem Buckel hat, ist sie daher aktueller denn je – könnte Aufklärung doch HEUTE bedeuten, sich wieder vom schlechten Einfluss der Antisocial-Media-Meinungsindustrie freizumachen, indem man die Dinge hinterfragt, als sich vom Algorithmus mit Scheiße vollpumpen zu lassen. Oder sich durch’s Zocken vom Unterricht abzulenken, weil einen das Thema langweilt. Ein Thema, dass SO UNGEHEUER WICHTIG IST!

Mein Ärger bezieht sich damit nicht auf jene, die hinterher rings um meinen Lehrertisch standen und saßen und mit mir über die Dinge diskutiert haben. Um deren Verständnis mache ich mir eher geringe Sorgen. Aber diejenigen, die sich – bewusst – dafür entschieden haben, sich passiv dem Nachdenken-Müssen zu entziehen, welche die Selbstreflexion (aus ihrer Sicht geschickt) umgangen haben, die anzustoßen der eigentliche Zweck meiner Arbeit im Lehrsaal war… die ärgern mich. Denn es geht gerade bei diesen Themen nicht nur um den Job, sondern auch um Staatsbürgerkunde. Um Demokratie-Erziehung. Darum, diesen jungen Menschen die Wichtigkeit des Selbst-Denkens, des aktiven Hinterfragens politischer Antisocial-Media-Inhalte nahezubringen. Oder besser: ihnen dabei zu helfen, aufgeklärtere Menschen und Mitbürger*innen zu werden. Denn das ist der beste Beitrag gegen die Neo-Nazifizierung unseres Staates, den ich im Moment leisten kann. Was mich dabei zusätzlich irritiert ist, dass viele dieser jungen Menschen, gleich wo sie ihr Kreuz auf dem Wahlzettel machen und gleich welcher Herkunft sie sind, sich im Gespräch anhören, als wenn sie im Kiez Offenbach-Nordend aufgewachsen wären, mit Ćelo & Abdï und Hafti zum Frühstück. Ich habe nichts gegen Jugendsprache – in der Tat finden meine Töchter es erheblich cringe, wenn ich selbst welche benutze – aber können wir mal über die Nicht-Vereinbarkeit von Rassismus und kultureller Aneignung sprechen? Ach ja… die wilde, ungezügelte, hochemotionale Ambivalenz der Jugend. Wie dem auch sei – ich werde es wieder versuchen. Vielleicht nächstes Mal wieder mit einem neuen Ansatz. Ansonsten werde ich mir unter dem Label “A scream in the dark” weiter semi-philosophische Gedanken über unsere Zeit und ihre Herausforderungen machen. Schönen Vatertag übrigens…

Der verwirrte Spielleiter N°73 – Warum überhaupt gamen…?

Ich erinnere mich, irgendwann im Frühsommer 1989 im Zimmer eines Schulkameraden gesessen zu haben, der verzweifelt versuchte, mir zu erklären, was genau Pen’n’Paper ist. Und ich glaube, ich war nicht sofort “an Bord”. Es mangelte mir nämlich am Verständnis dafür, wie man DARAUS ein Spiel machen sollte. Wenige Sitzungen später hatte ich das jedoch raus und habe seitdem nie wieder wirklich damit aufgehört; wenn man mal von einem längeren, Burnoutbedingten Hiatus vor einigen Jahren absieht. Es dauerte damals nicht lange, bis ich instinktiv begriff, dass ich eigentlich schon immer Rollenspiele gespielt hatte. Wenn ich als Kind mit meinen kleinen Blech-und-Plaste-Autos spielte, baute ich dafür aus Papierschnipseln absurde Straßenlayouts (Los Santos lässt grüßen) und die imaginären Leute, welche diese Autos fuhren, hatten Namen, Jobs, ein Zuhause, etc. – und machten Dinge, die in der Gesamtschau stets eine Geschichte ergaben. Vielleicht keine sehr ausgefeilte Geschichte, aber manchmal hätte es vermutlich für das typische Drehbuch irgendeines wöchentlichen Police-Procedurals gereicht: der Coup/Gangster der Woche war jedenfalls meistens dabei. Und natürlich haben immer die “Guten” gewonnen. Man mag mir zurechnen, dass es in meiner Weltwahrnehmung damals noch nicht so viele Graustufen gab… Es gab einige, die damals zockten, manchmal hatten wir Runden von 12, 13 Leuten mit 2 Spielleitern zusammen. War schon cool. Aber viele (vermutlich die Meisten) hörten irgendwann damit auf. Das Leben kam dazwischen und irgendwann verlor es für sie wohl seinen Reiz, sich einmal die Woche in die Haut einer anderen Person zu kleiden, um Dinge zu tun, die man in der Realität niemals tun würde, Klamotten zu tragen, die man niemals tragen würde, cooler zu sein, als man jemals sein könnte…

Ich habe nie verstanden, wie man dieses Hobby NICHT weiterführen kann. Betrachtet man sich unsere Welt, dann unterliegen wir stets der Illusion, dass sich die Dinge um uns herum, ja vielleicht auch wir selbst, nicht, oder kaum ändern, weil unser direktes Umfeld sich häufig so langsam wandelt, dass man diese Nuancen erst wahrnehmen kann, wenn eine gewisse Zeit vergangen ist. Und dann kommt man an diesem Gebäude vorbei und fragt sich, seit wann das da steht – oder man schaut mal genauer in den Spiegel. Diese Furchen rings um die Augen, die sind nämlich echt. Vor allem aber haben wir häufig die Wahrnehmung dass wir selbst nichts zur Änderung der Welt beitragen, oder gar Einfluss darauf nehmen könnten. Ich meine… wir gehen wählen in der Hoffnung, dass “unsere” Kandidaten auch unsere Interessen vertreten; nur um alsbald feststellen zu müssen, dass die vor allem ihre eigenen Interessen vertreten. Oder die Interessen jener Leute, die sie am besten bezahlen. Und das sind in jedem Fall NICHT wir. Es gibt mehrere Möglichkeiten, auf dieses Gefühl der Ohnmacht zu reagieren. Die Falsche ist übrigens, Leuten seine Stimme zu geben, die nach Schuldigen suchen, um diese punishen zu können (sprich Nationalisten und Neonazis), anstatt tatsächlich nach Lösungen zu suchen… aber das hier soll ja nicht zu politisch werden. Eine andere Möglichkeit ist, das Wenige, was man doch tun kann, um es irgendwie besser hinzukriegen auch tatsächlich zu tun. Und seinem Geist ab und an eine Pause von der wahrgenommenen Ohnmacht zu bieten. Womit wir wieder beim Pen’n’Paper wären. Denn meine Spielfigur muss nicht notwendigerweise – so wie ich selbst hier und jetzt – alles mögliche erdulden, sondern hat vielleicht die Chance etwas an den Umständen der eigenen Existenz zu ändern. Kann also Dinge tun, die ich niemals tun könnte, Klamotten tragen, die ich nie tragen würde, cooler sein, als ich es jemals könnte…

Der eine Teil des Reizes besteht – zumindest für mich – also darin, den erlernten Fatalismus gegenüber der realen Welt für eine Weile ablegen und Unglaubliches / Unmögliches tun zu dürfen. Der andere Aspekt ist, dass ich dabei Drama erforschen kann, ohne mich selbst wirklich dem Drama aussetzen zu müssen. Meine Spielercharaktere werden mit Dilemmata, mit Beziehungen, mit Entscheidungen, mit Fragen konfrontiert, die ich im Hier und Jetzt nicht beantworten muss, aber vermutlich auch nicht beantworten könnte. Ich musste noch nie jemanden aus dem Knast befreien, der drin saß, weil ich einen Fehler gemacht hatte. Ich stand noch nie vor der Entscheidung kämpfen und womöglich auch töten zu müssen, um überleben zu können (wenngleich ich weiß, dass es Menschen gibt, die diese Frage heute real beantworten müssen). Ich habe noch nie einen Zauber gewirkt und damit das Gefüge der Realität verändert (schlicht, weil Magie für uns nicht real ist). Und ich habe noch nie eine Menschenmenge mit meinen musikalischen Fähigkeiten begeistert (weil diese in echt eher begreenzt sind). Meine Charaktere tun solche Dinge – und noch viele andere – regelmäßig und ich erlebe dabei die Gedanken und Emotionen dieser anderen, fiktiven Person intensiv, weil ich das will. Weil es mir die Möglichkeit gibt, meine Empathie immer und immer wieder zu testen, ohne dass wirklich etwas auf dem Spiel stünde. Als Spieler fühle ich diese Dinge zumeist intensiver, denn als Spielleiter, weil ich in dem Moment, da ich am Kopfende des Tisches Platz nehme viele Aspekte im Auge behalten muss, die weit über das Verkörpern EINER Rolle hinausgehen. Trotzdem SPIELE ich auch als SL das Spiel; ich spiele sogar eine ganze Welt. Doch meine persönliche Immersion ist viel tiefer, wenn ich als Spieler am Tisch platznehmen und mich ganz auf meine EINE Rolle konzentrieren kann.

Ich game schon so lange, immer noch und vermutlich immer weiter, weil jemand anders sein zu können meine inneren Dämonen im Zaum hält und mir die Chance gibt, meine tiefe Verzweiflung, meine Wut und meine Trauer über den Zustand unserer Welt für eine Weile zu vergessen. Ab und an das Gefühl haben zu dürfen, dass “das Gute” auch mal gewinnen kann ist – wenngleich mir die vielen Graustufen unseres Daseins unterdessen nur allzu schmerzlich bewusst sind – Balsam für meine Seele. Wer würde sowas schon einfach sein lassen, wenn doch in jedem von uns, wie Eric Berne so richtig schrieb immer auch ein Kind-Ich steckt. (Berne, E. 2017, S. 37 ff.) Wie zur Hölle kann man es nicht fucking amazing finden, Dinge tun zu können, die ich real niemals tun könnte, Klamotten zu tragen, die ich nie tragen würde, cooler zu sein, als ich es jemals könnte… Pen’n’Paper ist für mich der größte Spaß, den man mit seinem Gehirn haben kann. Wer’s selbst ausprobieren möchte, darf mich jederzeit fragen. In diesem Sinne – always game on!

Auch als Podcast…
  • Berne, E. (2017): Spiele der Erwachsenen. Psycholgie der menschlichen Beziehungen. 17. Auflage. Reinbek bei Hamburg: Rowohlt Taschenbuch-Verlag.

500 Gramm gemischte Depression treffen auf 500 Gramm gemischten Hass – lesen auf eigene Gefahr…

Okay in letzter Zeit war es hier zu ruhig. Mein Monat April war jedoch härter, als ich es erwartet hätte. Sich schnell abwechselnde Aufgaben und viel Unterricht, den ich zu geben hatte, teilweise noch dazu mit wenig Vorbereitungszeit, haben mich mehr erschöpft, als ich anfangs zugeben wollte. Zudem galt es eine Menge neuer Leute kennenzulernen. Ich habe nämlich eine neue Klasse begrüßt. Das hat meine sozialen Batterien noch um einiges mehr belastet. Es gab zwar den einen oder anderen Moment, indem ich ein bisschen abschalten konnte, aber ganz ehrlich… gerade jetzt fühle ich mich extrem erschöpft! Vielleicht liegt es daran, dass die Rekonvaleszenzzeiten einfach zu kurz waren. Vielleicht liegt es auch daran, dass ich noch lange nicht von meinem aktuellen depressiven Zustand genesen bin. Vielleicht liegt es auch daran, dass ich mich über manche Kollegen ärgern musste, beziehungsweise nicht die Unterstützung bekommen habe, die ich mir gewünscht hätte. Schwamm drüber. Für jeden von uns hält das Leben dann und wann Überraschungen bereit und niemand von uns ist davor gefeit, von seinen eigenen Verpflichtungen überrollt zu werden! Ich kann mich jedenfalls nicht erinnern, wann ich in den letzten Jahren jemals ein so großes Schlafbedürfnis gehabt hätte. Das ist für mich ein sehr sicherer Hinweis darauf, dass ich noch lange nicht über den Berg bin. Um nochmal ehrlich zu sein: momentan ist so ziemlich das Einzige, was mich noch am Laufen hält die Aussicht auf den Urlaub, der in ein paar Wochen beginnt. Und genau da sitze ich einem Trugschluss auf. Nämlich dem Trugschluss, dass nach dem Urlaub plötzlich alles wieder gut wäre. Glaube ich denn wirklich, dass zwei Wochen in Italien das wieder herrichten könnten, was die letzten sechs Monate in mir angerichtet haben? Je länger ich darüber nachdenke, umso unwahrscheinlicher erscheint mir dies. Und doch halte ich an dieser Hoffnung fest. Denn alles andere würde ja bedeuten, dass ich mir eingestehen müsste, dass ich eigentlich zu krank zum Arbeiten bin.

Nicht zum ersten Mal hat man mir neulich bedeutet, dass man mir wirklich nicht ansehen könne, wie schlecht es mir ginge. Ich kann den Leuten das nicht mal vorwerfen. Man sieht psychische Erkrankungen halt nicht von außen. Aber gerade jetzt, gerade heute, wo ich aus dem Fenster sehe und draußen die Sonne langsam den Abend einläutet, da wird mir bewusst, wie wenig Motivation mir verblieben ist! Im Grunde genommen gar keine! Damit ist das Zweite, was mich auch noch am Laufen hält, ist mein gottverdammtes Pflichtgefühl. Und das ist ein verdammt schlechter Grund, einfach weiterzumachen. Denn seien wir doch mal ehrlich… warum sollte ich überhaupt ein Pflichtgefühl empfinden, wenn doch verschiedene Vertreter meines Arbeitgebers kein Pflichtgefühl mir gegenüber zu empfinden scheinen? Ich meine, die kümmert es doch überhaupt nicht, wie es mir geht. Und am Ende des Tages ist das ein vollkommen normales Arbeitgeberverhalten. Es muss uns allen einfach bewusstwerden, dass Arbeitgeber sich selbst am nächsten sind und unsere einzige Chance als Arbeitnehmer, diesen Wahnsinn, den wir heute Arbeitswelt nennen überleben zu können darin besteht, uns ebenfalls selbst die Nächsten zu sein! Alles andere hat überhaupt keinen Zweck! Ach verflixt, ich stoße mal wieder in dasselbe alte Horn! Dieses „Mein-Arbeitgeber-ist-Schuld-an-meinem-Leid“-Horn. Und wisst Ihr, womit ich in dieses Horn stoße? Mit Recht, verdammt nochmal. Ich zitiere mal die Toten Hosen: „In einer Welt, in der man nur noch lebt, damit man täglich roboten geht…“ So fühlt es sich jedenfalls für mich momentan an.

Ich könnte jetzt natürlich auch sagen: „Na ja, eigentlich ist ja alles gar nicht so schlimm. Ich probier‘s mal mit Reframing und versuche wieder gut drauf zu kommen. Und das ist ja alles nur ‘ne kleine Gemütsverstimmung. Und am Ende des Tages wird das schon wieder. Ich hab ja Therapie und irgendwie komm ich schon klar.“ Oder ich sehe einfach der Realität ins Auge und stelle einmal mehr fest, dass Arbeitsverdichtung, Mehrarbeit, unklare Aufgaben und Zuständigkeiten, eine vollkommen überzogene Erwartungshaltung, äußerst knappe Ressourcen und Intrigenspiele über mehrere Jahre hinweg meine Motivation GETÖTET und meine schon zuvor bestehende Depression verschlimmert haben! Dass ich noch da bin… ist eigentlich eine riesengroße Dummheit! Aber ich stehe immer noch dazu: meine Arbeit ist mir wichtig, ich mag meine Kollegen, ich fühle mich meinen Schülerinnen und Schülern verpflichtet und ich bin niemand, der die Flinte einfach ins Korn wirft, nur weil es gerade mal schwierig ist! Ob ich damit allerdings für mich selbst auf dem richtigen Dampfer unterwegs bin, das steht auf einem ganz anderen Blatt. Vermutlich nicht. Trotzdem muss ja irgendwie das Dach über dem Kopf, der Fetzen Stoff am Körper, das Futter auf dem Tisch und der ganze Tand, den man manchmal für notwenig hält finanziert werden. Oder, wie das Internet gelegentlich sinngemäß sagt: zu untalentiert zum Schauspielern oder Singen, zu ehrlich für’s Verkaufen, zu alt und zu fett für Sport und zu hässlich zum Strippen (was manche Influenzas nicht davon abhält, all dies trotzdem zu tun) – also, weiter geht’s. Nach dem Wochenende ist wieder Montag. Und Fritze will ja, dass wir mehr arbeiten, weil “Määg Dschörmenie greht eggen!”

Ja… das trägt auch noch erheblich zu meiner Pein bei: unterdessen in einem Land zu leben, dessen sogenannte Führungselite nichts Besseres zu tun hat, als die Einwohner kollektiv zu beschimpfen, weil diese für die fetten Kapitalistenschweine nicht noch mehr Rendite einfahren wollen. Zum Mitschreiben, Fotzen-Fritz: Trickle-Down existiert nur in Legenden! Menschen für’s krank sein oder krank werden bestrafen zu wollen – oder weil sie nicht genug malochen, um Fette noch fetter zu machen – ist asoziales Kognitionskoterbrechen vom Feinsten, du Spagallo! Das Nazi-Appeasement, dass deine Unfähigkeitsikone Jens anzettelt, ist unerhörter Mist! Und sag deiner dämlichen Gas-Kathi endlich, sie soll aufhören, im Konzernauftrag die absolut notwendige Energiewende zu verhindern. Diese Brechreiz erregende Fehlfarbe gehört ins Gruselkabinett, aber nicht auf die Regierungsbank. Und… wenn ihr wirklich eine Gesundheitsreform durchführen wollt, dann deckelt gefälligst zuerst Pharma- und andere Gesundheitskonzern-Profite, anstatt Rettungsdienstbudgets kaputtzusparen! Aber… mir hört ja eh keiner zu und irgendwo da draußen müssen ja die Millionen von Idioten wohnen, die dieses korrupte Drecksgesindel von einem not- und machtgeilen aber ahnungslosen Kanzlerwahlverein zur stärksten Partei gemacht haben. Und denen unser Absturz in die Diktatur immer noch nicht schnell genug geht, weswegen sie jetzt nach Blau gieren. Und nur damit es noch mal in aller Form gesagt ist: wer dreckige, chauvinistische, rassistische und überdies Konzerngesteuerte Nazi-Arschgeigen wählt, kann nur eines sein: nämlich eine Nazi-Arschgeige! Hoffentlich bekommt ihr morgen, am ersten Mai von den Genossen ordentlich eine auf’s Maul, wo auch immer ihr auftauchen mögt. Langes Wochenede. Und das Einzige woran ich denken kann, sind so ein Mist – und der kommende Montag. So weit ist es gekommen. Ich mach besser Schluss. Tschüss!

Auch als Podcast…

Erwachsen bilden N°59 – Aus dem Handgelenk…?

Man neigt einfach zu oft dazu, das Rad neu erfinden zu wollen. Es gibt ja dieses Sprichwort: “If you want the job done well, do it yourself!” Und als Mensch in einer Leitungsposition huldige ich diesem Credo immer noch, weil ich viel zu oft dem Irrtum aufsitze, Dinge viel besser zu können als andere. In manchen Belangen mag das ja von Fall zu Fall zutreffen, doch eben nur in manchen… und es macht einem das Leben schwer, weil der Workload dadurch halt NICHT kleiner wird… Im Grunde genommen zeigt es überdies einen Mangel an Vertrauen in die Skills der eigenen Kolleg*innen. Daher versuche ich unterdessen, mich in diesem Punkt zu bessern. Aktuell noch mit wechselndem Erfolg, aber es ist ja auch noch nicht aller Tage Abend. Insbesondere jetzt wäre es auch dumm, alles selbst machen zu wollen. Ich bin einmal mehr mit einer neuen Klasse auf Einführungswoche und habe auch – wie eigentlich immer – einen Teil des Unterrichtes übernommen. Doch ich stelle fest, dass es viel einfacher wird, wenn ein zweiter Kollege dabei ist, der Input gibt und ganz eigene Vorstellungen davon hat, wie eine solche Veranstaltung abzulaufen hat. Man hat gar nicht die Chance, alles so zu machen “wie immer”. Mannomann… dass ausgerechnet ICH hier feststellen muss, dass ich beinahe diesen dämlichsten aller Sätze gesagt hätte “Das haben wir schon immer so gemacht!”. Na ja, ist ja nicht passiert. Aber einige Male war es schon so, dass ich ein Programm abgespult habe und nicht immer war ich dabei flexibel genug, auf die Bedürfnisse der Schüler*innen richtig einzugehen. Und ich war oft zu sehr auf mich gestellt… alle möglichen Fehler inclusive. Das ist nun besser. Und es entlastet mich so sehr, dass ich den Unterricht, der mir nächste Woche eben zugefallen ist jetzt tatsächlich wenigstens einigermaßen vorbereiten kann, ohne das komplette Wochenende opfern zu müssen! Yay…

Ich glaube, hier schon des öfteren erwähnt zu haben, dass auch jemand mit Berufs- und Lehrsaalerfahrung sich für manche Themen immer wieder an die Bücher setzen muss, um keinen Mist zu erzählen. Das geht mir nicht anders; auch wenn ich schon so einiges ohne viel Tralala performen kann. Aus dem Handgelenk schüttelt man Unterricht dennoch so gut wie nie. Zumindest nicht ab einem gewissen fachlichen Niveau. Was man als erfahrene Lehrkraft aus dem Handgelenk schüttelt, sind Unterrichtsverlaufspläne, die passenden Methoden, das Classroom-Management, die Souveränität und den gelassenen Umgang mit Fehlern und Störungen. Der fachliche Content jedoch – der muss immer wieder überprüft und überarbeitet werden. Zum einen, weil Wissen als solches überaltert, vor allem aber, weil mein Gedächtnis mich manchmal bei den Details im Stich lässt. Theoretisches Wissen, das man nicht so oft in der Realität nutzt, degeneriert nämlich automatisch. Ich merke das an meinen Französischkenntnissen. Ich habe diese Sprache mal auf Leistungskursniveau bis zur allgemeinen Hochschulreife erlernt, aber wenn ich heute Konversation machen soll, frage ich mich, wie ich damit mein Abi geschafft habe…? DAS ist zwar schon Jahrzehnte her, aber beim medizinischen Fachwissen merke ich, dass oft nur ein paar wenige träge Monate bereits genügen, um Lücken entstehen zu lassen, die erst gestopft sein müssen, bevor ich meinen Schüler*innen entgegentreten und glaubwürdig referieren kann. Ich fahre halt nicht mehr aktiv draußen, sondern habe in der Hauptsache andere Aufgaben.

Nun ist da aber auch noch ein anderer Aspekt, der eine Rolle spielt. Ich bin, wenn ich ehrlich zu mir sein möchte, ein eher introvertierter Mensch. Ich hatte noch nie Probleme, auch mal für mich zu sein und mir selbst zu genügen. Tatsächlich sind größere Menschengruppen für mich NICHT unbedingt mein bevorzugtes Habitat. Als Lehrer stehst du aber nun mal volles Programm in der Bütt. Da vorne, wo die Musik spielen sollte, DA bist du. Und oft strengt es mich deshalb unendlich an, manchmal bin ich furchtbar gestresst, regelrecht gelähmt und fahrig und habe das Gefühl eine entsetzliche Performance abzuliefern. Könnte natürlich auch an meiner perfektionistischen Ader liegen – aber vor allem liegt es daran, dass ich diese ganze Aufmerksamkeit eigentlich gar nicht möchte. Da können jetzt natürlich die Schüler*innen nix für, die haben einfach ein Recht auf Unterricht. Also unterrichte ich, auch wenn es schwer fallen mag. Genau deswegen schüttele ich einen Unterricht aber nicht mal so eben aus dem Handgelenk – eben weil es meine sozialen Batterien sehr schnell und nachhaltig lehrt. Vor allem, wenn ich gleich mehrere Wochen am Stück muss. In so einer Berufsfachschule unterrichten wir nämlich so ca. von 08:30 – 15:30 und werden auch in unseren eigenen Pausen beansprucht, wenn wir dem nicht entgegentreten. Und die Vor- und Nachbereitung findet zusätzlich statt; davor, danach, oder am Wochenende. Deshalb bin ich dankbar, momentan nicht alles selbst machen zu müssen. Man hat ja auch gerne mal Freizeit.

Ich bin wirklich gespannt, wie sich diese neuen Schüler*innen, welche ich in den letzten Tagen schon etwas besser kennenlernen durfte unter der Führung und Anleitung durch meinen Kollegen entwickeln. Aber ich bin ganz ehrlich auch froh, wenn ich morgen Mittag wieder gen Heimat fahren kann. Zum einen bin ich mit den Vorbereitungen für nächste Woche noch nicht fertig und zum anderen brauche ich dann meine heimatliche Höhle; incl. der wenigen Menschen, denen ich immer gehöre. In diesem Sinne – freut euch schon mal ein bisschen auf’s Wochenende. Heute ist ja Kleiner Freitag…

Quo vadis, magister?

Ordnung in all das zu bringen, was mir derzeit durch den Kopf geht, ist nicht einfach. Da ist so viel, dass passiert, ohne dass ich daran beteiligt bin oder irgendeinen einen Einfluss darauf hätte; und dass einem gleichzeitig Sorge bereiten kann, dass es jeder Beschreibung spottet. Und dann ist da noch der ganze andere Schlonz, den ich tatsächlich aktiv im Auge behalten muss, weil es mich ansonsten Freunde, Nerven, Geld, meinen Job oder was auch immer kosten kann. Leben passiert, während wir eifrig Pläne schmieden und die Götter sich gleichzeitig über unsere Naivität kaputtlachen. So weit, so normal. Ich glaube, gestern darüber geschrieben zu haben, dass man sich mit manchen Dingen einfach abfinden sollte, wenn man (immer noch) danach heischt, glücklich(er) zu werden. Das könnte man jetzt als billigen Fatalismus abtun. Oder man beginnt, ernsthaft über die Frage nachzudenken, wie viel Kontrolle wir wirklich wirklich über unsere Existenz haben. Disclaimer: das Ergebnis könnte in weniger stressfesten Individuen eventuell Unbehagen auslösen. Und trotzdem machen wir Pläne. Meine Familie und ich wollen etwa über Pfingsten in Urlaub fahren. Ist alles schon gebucht und soweit vorbereitet. Aber sicher wissen, dass es auch klappt tue ich erst, wenn ich unter der Pergola sitze, ins Tal schaue und an meinem vino rosso nippe; oder was mir sonst so zur Entspannung in den Sinn kommt. Ich erinnere hier mal wieder an das, unterdessen gut abgehangene Stereotyp des rotweinsaufenden Paukers auf Italienfahrt… Mir sind all diese kleinen und großen Unwägbarkeiten des Lebens schmerzlich bewusst. Mein großer schwarzer Hund namens Depression erinnert mich halt immerzu daran. Doch, all dem Gejammer zum Trotze ist da im Kern ein Teil von mir, der Reframing beherrscht, der sich auf die guten Dinge besinnen und sie wenigstens zeitweise ins Rampenlicht meines Gehirnzirkus’ rücken kann. Was auch immer diese guten Dinge von Fall zu Fall sein mögen. Denn auch das variiert, je nach Tageslage, teils erheblich. Mein Leben ist also eine verdammt ambivalente Angelegenheit. Aber ich habe die vage Ahnung, dass ich DAMIT nicht allein bin…

Vor meinem geistigen Auge fahre ich gerade über eine baulich waghalsig serpentinierte, panoramisch Atemnotfördernde, von Sonnenlicht überflutete Passstraße, die Fenster unten, die Musik laut, der Tag noch nicht zu spät. Ziel? Unbekannt! Ist auch nicht wichtig; Hauptsache, nicht hier! Was ich dort will? Nun… vielleicht ist das Ziel unwichtig, weil der Weg so viel Spaß macht? Ob ich jemanden dabei habe? Vielleicht… vielleicht auch nicht. Das hängt vom Tag und vom Ort ab. Möglicherweise fahre ich nur einkaufen. Oder aber, ich suche gerade Ruhe, selbst vor den Menschen, die mir grundsätzlich am Herzen liegen, weil ich nun mal so bin. Manchmal brauche ich etwas Einsamkeit. Ich kann geradezu die Sonne auf der Haut spüren… und die Wärme des Windes. Und dieses wunderbar unbestimmte, unbeschwerte, unvernünftige, unverplante Gefühl von Freiheit. Stattdessen werde ich heute jedoch noch mal in die Dienststelle tingeln und meinen Dienstwagen fertig packen, denn ab morgen bin ich mal wieder auswärts unterwegs, um eine neue Klasse zusammen mit ihrem Klassenlehrer durch die Einführungswoche zu begleiten. Es geht dabei darum, einander kennenlernen, den Ablauf der Ausbildung zu verstehen, die Wichtigkeit sauberer Kommunikation zu begreifen (oder wenigstens damit zu beginnen), sich an verschiedene Modalitäten des Unterrichts an unserer Institution zu gewöhnen. Alles keine Nuklearphysik. Aber zeitaufwändig. Und ein Stück von Zuhause entfernt. Ich weiß gerade nicht, ob ich mich darauf freuen, mich darüber ärgern oder mich davor fürchten soll, dass ich in den nächsten Wochen noch ein paar Mal dienstlich im Ländle unterwegs sein werde. Weil ich gerade mal wieder mit der Frage ringe, was ich eigentlich will. Klingt komisch aber… der Gedanke, all das einfach sein zu lassen und stattdessen was völlig anderes zu machen lässt mich seit einer Weile nicht mehr los. Und auch, wenn ich im Grunde WEISS, dass das sehr schwer würde (weil wahrscheinlich Gehaltseinbusse, weil Jobsuche für über 50jährige schwierig, weil woanders ist es auch scheiße, weil neu starten anfangs noch mehr Stress mit sich bringt), dreht mein Kopf trotzdem Extrarunden. Was auch sonst, wenn man eigentlich Ruhe haben möchte…?

Ich will wirklich und ehrlich versuchen, mit dem was ich habe meinen Frieden zu machen. Aber ich bin immer noch, immer wieder, immerzu erschöpft unruhig. Mein Kopf will JETZT in drei verschiedene Richtungen davonlaufen, während mein Körper schreit “LASS DEN SCHEISS! WILLST DU, DASS ICH KAPUTTGEHE?” Was also tun? Wohin soll er gehen, der Herr Lehrer? Derzeit versuche ich meinen Geist mit meinem Lieblingshobby zu beruhigen. Stabil ein bis zwei Spielrunden pro Woche, abwechselnd spielen und spielleiten, das ist hier das Ziel. Denn meinen Job – sorry, wenn ich jetzt arrogant klinge – kriege ich zumeist hin, ohne dass das Hemd dabei nass wird. Und der ist mir im Moment – wenn man mal von meinem Commitment für mein Team und jene Schüler*innen absieht, die es ernst meinen und mit uns zusammen an ihrem Ziel eines Berufsabschlusses arbeiten wollen – auch nur insofern wichtig, als er die Brötchen verdient… Also bin ich wieder bei jenen kreativen Dingen gelandet, die mir schon seit jeher Freude bereiten. Momentan habe ich einen riesigen Spaß daran entdeckt, aus meinen Campaign-Journals für die ganze Runde eine Art Notizbuch zu machen. Digital erstellt – aber alt aussehend. Macht total Laune. Und für mich ist dieses Erstellen von Zusammenfassungen auch ein Teil des Spiels, weil man sich vieler Aspekte der eigenen Figur erst in einer solchen Reflexion bewusst wird. Das würde meine Azubis jetzt zwar schocken aber… das mit dem selbst erarbeiten und reflektieren, um besser – oder überhaupt – verstehen zu können, funktioniert wirklich! Krass, oder…? Für’s Erste hilft das. Aber irgendwann MUSS ich mich der Systemfrage stellen und eine Entscheidung darüber treffen: Quo vadis, magister? Should I stay, or should I go? (Hell yes, “The Clash” wussten schon 1982 Bescheid!) Euch Eumeln da draußen einen schönen Start in die neue Woche. Ich starte morgen früh erst mal den Diesel Richtung Südosten…

Auch als Podcast…

What about happiness (Part 6) meets New Work 26!

Heute Morgen, als ich trotz Wochenende ein bisschen arbeiten musste, fragte mich ein alter Weggefährte, wie es mir gerade ginge. Ich sagte sinngemäß, dass meine Depression seit ca. 9 Monaten wieder kicken würde (was der Wahrheit entspricht), dass ich daher derzeit einen Therapeuten aufsuche (was ebenfalls korrekt ist) und dass ich dächte, langsam über den Peak zu sein – worüber ich mir mir ehrlich gesagt noch nicht im Klaren bin. Ich glaube eigentlich nicht, dass das wahr ist. Aber mit Depression ist das so eine Sache: es gibt verschiedene Typen und verschiedene Darreichungsformen. Bei mir ist es vielleicht eine hochfunktionale Depression, für die es jedoch, auf Grund der noch nicht ausreichenden Befundlage in der Forschung keinen Diagnoseschlüssel gibt. Es geht mir aber auch gar nicht so sehr um ein Label für meinen Zustand. Wir Menschen suchen ja immerzu nach griffigen Schlagworten, um verschiedene Aspekte unseres Selbst, unseres Lebens, unserer Arbeit unserer Befindlichkeiten den Anderen einfacher beschreiben zu können. In der Hoffnung dass es a) irgendeine Sau interessiert und b) dann auch Verstehen oder gar Verständnis erzeugt. Klappt, wenn ich so auf meine persönliche Erfahrung zurückblicke mal so, mal so. Aber ganz ehrlich, mir sind – bis auf wenige Ausnahmen – diese Anderen vollkommen schnuppe. ICH will verstehen, was mit MIR los ist. Und fertig. Denn wenn ich bis hierher eines festgestellt habe, dann dass ich mir sehr wohl auch mal selbst genug sein kann. Ist auch so eine Sache: ich bin eigentlich oft lieber allein. Der soziale Umgang mit größeren Gruppen erschöpft mich recht schnell. Eigentlich keine gute Voraussetzung für jemanden, der eine Bildungseinrichtung im Gesundheitswesen leitet und dabei regelmäßig selbst im Lehrsaal steht. Dennoch kann ich performen. Kann den Austausch gestalten, sobald ich in der Bütt stehe und empfinde manchmal sogar Freude daran, jungen Menschen als Reflexionsfläche für ihr Wachstum dienen zu können. Nur um danach JEDES MAL in ein Loch zu fallen. Irgendso ein Psychoheini hat dafür auch ein neues Label gefunden, aber ich weigere mich, mir das Etikett “otrovertiert” aufkleben zu lassen, weil mache Aspekte einfach nicht stimmen… Wie gesagt, Label sind mir egal.

Um auf den alten Weggefährten zurückzukommen: solche, durchaus ehrlich gemeinten Nachfragen werfen mich jedes Mal in Denkschleifen, von denen ich mir nicht sicher bin, dass die irgendwohin führen (können). Ich meine, ja verdammt, ich bin ein großer Freund ehrlicher Selbstreflexion. Ich weiß aber auch, dass man bei übertriebener Intensität direkt die Vorhölle der Selbstzerfleischung geraten kann. Und da will ich nicht hin. Dafür habe ich noch viel zu viel auf meiner Liste von Dingen, die ich gerne noch sehen, hören tun, erleben, schmecken möchte. Trotzdem bemerke ich immer noch die Freudlosigkeit, einen Mangel an Selbstwertgefühl (obwohl ich WEISS, was ich kann und wer ich bin) und gelegentliche Episoden, in denen ich aller Dinge überdrüssig bin. Es ist ehrlich gesagt anstrengend, jeden Morgen aufzustehen, die Maske des Machers aufzusetzen, für andere stark zu sein und neue Wege zu finden, wo andere nur Sackgassen und Risiko sehen – wenn ich mich doch innendrin so entsetzlich leer fühle. Hey… ich schreibe diese Zeilen an einem Samstagvormittag, während aus dem Bluetoothspeaker auf meinem Schreibtisch Musik ertönt, die ich mag, draußen die Sonne scheint und sich am Rande meines Bewusstseins eine Aura von Gemüsereis und gebratener Lammhüfte positioniert. Objektiv geht es mir gut! Ich habe im Gegensatz zu sehr vielen Anderen keine existentiellen Sorgen (außer ein paar idiotischen Autokraten als Mächtigen dieser Welt – und ja Fritze: du führst dich auch auf wie ein idiotischer Autokrat!). Ich habe ein paar sehr tolle Menschen in meinem direkten Lebensumfeld. Und auch, wenn mein Job mich in den letzten Jahren in vielerlei Hinsicht an den Rand und manchmal auch darüber hinaus getrieben hat, bin ich immer noch nicht bereit, die Flinte ins Korn zu werfen. Vielleicht ist das der Fehler? Vielleicht ist das der Grund, warum es mir schlecht geht? Dennoch gibt es Entwicklungen, die mich diesbezüglich Hoffnung schöpfen lassen. Aber… was hat das alles nun mit Happiness zu tun?

Ich glaube mittlerweile für mich herausgefunden zu haben, dass Happiness, dass Glück oder Erfüllung, oder weiß der Geier, wie man es nennen will, daraus entsteht, dass man lernt, Dinge zu akzeptieren, an denen man eh nichts ändern kann. Damit meine ich explizit nicht Nazis. Die MUSS man zu ändern versuchen, oder sie bekämpfen, vertreiben oder ihnen auf’s Maul geben, bis sie aufgeben. Diese Energie MUSS investiert werden, egal, wie depressiv ich werde. Aber… ganz ehrlich, bei der Arbeit… Scheißegal, wie oft irgendjemand Loyalität, Gute Wege und was-weiß-ich-nicht-noch-alles beschwört – für deinen AG ist Loyalität allzuoft eine Einbahnstraße – die bei DIR startet. Dein AG nimmt dich nicht in den Arm und tröstet dich, wenn es dir gerade dreckig geht. Dein AG will nicht wirklich wissen, dass du gerade nicht zu 100% funktionieren kannst, weil du krank bist, sondern ab wann du wieder 110% Leistung für 90% Gehalt geben kannst. Dein AG ist NIEMALS dein Freund, sondern IMMER nur eine Instanz, bei der du Lebenszeit gegen Geld eintauschen MUSST. Dein AG mag vordergründig ein freundliches Gesicht und warme Worte für dich haben, aber am Ende geht es immer nur um Zahlen, Zahlen, Zahlen. Am Ende des Tages bist du nur eine Nummer: austauschbar, stetiger Kosten-Nutzen-Betrachtung unterworfen und nur gut behandelt, solange du lieferst. Wenn du das verstanden hast, wirst du langsam freier. Weil du dir genau überlegst, wofür du deine Energie einsetzt, welche Kämpfe du kämpfst und ab wann es Zeit ist, Segel zu setzen, um neue Küsten zu erforschen. Ich habe es hier schon ein paar Mal gesagt: wenn ich könnte, wie ich wollte, keine Verpflichtungen hätte, würde ich was vollkommen anderes machen – weil es mir verdammt noch mal viel besser täte als mein jetziger Job. Aber ich HABE Verpflichtungen, die ich ernst nehme. Und ich empfinde echte Loyalität für mein Team und die mir anvertrauten Schüler*innen. Also habe ich angefangen, Grenzen zu setzen. Momentan weiß man noch nicht so genau, was man davon halten soll. Aber ich bin noch nicht fertig mit dem Grenzen setzen. Nochmal ganz ehrlich: selbst wenn ich mich damit der Altersdiskriminierung auf dem Arbeitsmarkt aussetze: ein paar dieser lächerlichen Figuren, die mir seit Jahren auf die Eier gehen bekommen dieses Jahr ganz sicher noch ihr Fett weg. Vielleicht bin ich danach wieder fähig, mehr Freude zu empfinden. Gute, altmodische RACHE hat schon so ihre Reize. Ich wünsche ein sonniges Wochenende… und ein viel sonnigeres Gemüt, als ich eines habe…

Auch als Podcast…