Viel zu oft im letzten Jahr, wenn ich mich niederließ, um hier zu schreiben, diktierten eine dumpfe Düsternis, Bitterkeit und Enttäuschung meine Zeilen; wie ein stilles Gift, dass sich mehr und mehr meiner gesamten Persönlichkeit bemächtigte. Dass ich immerzu wütend bin, ist ein Wesenszug, über den ich hier schon des Öfteren gesprochen habe. Doch jenes Agens, welches meine Wut früher befeuert hatte, scheint nun durch ein Anderes ersetzt worden zu sein. Wo ich bislang vor allem und immer wieder von meinem Gerechtigkeits-Empfinden getrieben war – und das nicht selten bis zu dem Punkt, dass ich mich selbst beschädigte – ist es heute eher eine Art von Selbstgerechtigkeit, die den mannigfaltigen und ausschließlich beruflichen Kränkungen der letzten Jahre entsprungen sein mag. Viel zu selten konnte ich daher einer Hoffnung Ausdruck verleihen, dass sich die Dinge zum Guten ändern würden. Gefangen in der Illusion, dass ich nur lange genug weitermachen müsste, es richtig und gut zu machen, bis sich die Umstände eines fernen Tages quasi durch das Erkennen der Richtigkeit meines Handelns auf der Gegenseite zum besseren Wandeln würden. Doch so funktioniert die Welt nicht. Jene, die im Stillen die Dinge am Laufen halten, indem sie einfach ihren Job erledigen, werden immer und überall von den Marktschreiern, den Selbstdarstellern, den Blendern überholt, ins Abseits geschoben und übergangen. Wann immer eine solche stille Person jedoch einmal aufbegehrt, wird dies von den anderen – auch den Leitungskräften – als unangemessen, unverschämt, ja falsch aufgefasst. Weil das, was in der jener Stille alles am Funktionieren gehalten wurde und immer noch wird, nicht erkannt, nicht anerkannt werden kann. Wo der eitle Geck mit seinen Erfolgen (falls man diese denn überhaupt so nennen kann) prahlt, da besorgt der Stille das Geschäft ohne Bohei… und wird daher übersehen. Lautstärke schlägt Leistung immer und überall!

Dann aus der Stille herauszutreten und Forderungen zu stellen, in dem festen Glauben, dass die eigene Leistung die vorgebrachte Forderung doch mehr als rechtfertigen müsste, führt beim Gegenüber nicht selten zu Irritation, gerne auch zu Wut. “Warum funktioniert der/die nicht mehr so, wie gewohnt?” Vielleicht, weil sich das Gegenüber nie darüber Gedanken gemacht hat, was denn zu diesem Funktionieren alles notwendig ist. Dazu gehört ein gutes (soziales) Klima am Arbeitsplatz ebenso, wie eine erhaltene geistige Gesundheit der stillen Person, eine moderate Belastung und ausreichende Gestaltungsspielräume. Dass ich hier über eine Leitungsposition rede und dass das Gegenüber auch nicht genau weiß, was dieses Funktionieren alles bewirkt, hat schon jede’r verstanden, oder? Doch der Umstand, dass man ja sonst für sich selbst wenig bis nichts gefordert hat – außer dem, was sowieso arbeitsvertraglich vereinbart ist, führt nun zu einer Friktion. Man selbst denkt “Aber… aber ich will doch gar nichts Großes…” und das Gegenüber denkt “Wie kann diese Person nur Forderungen stellen?” So schnell hat sich das mit einem Konflikt. Und ich muss es an dieser Stelle noch mal betonen: Schuld sind daran durchaus beide Seiten. Der Stille hätte seine Erfolge und seinen Beitrag transparenter machen müssen. Das Gegenüber muss jedoch auch verstehen, dass Lautstärke bzw. Sichtbarkeit NICHT gleichzusetzen ist mit Effizienz, erledigter Arbeit und abgeschlossenen Projekten – sondern viel zu häufig lediglich mit Schaumschlägerei! Doch was hat all dies nun mit der Frage nach dem zu tun, was man wollen kann…?
Zum einen geht es dabei um die ganz offensichtliche Frage, ob sich derlei Konflikte einfach (oder überhaupt) auflösen lassen? Und was dazu nötig wäre? Zum anderen natürlich um die ganz persönliche Frage, wie ich MEINEN Konflikt auflösen möchte. Das Problem dabei ist Folgendes: wir alle sind in eine Welt eingebettet, die – ganz entgegen der Populär-Meinung, wir seien ja alle “vernünftig” – weit davon entfernt ist, wirklich nach Vernunftprinzipien zu funktionieren. Für Ernst Cassirer war der “Mythos” der Urboden jedweder Kultur, was bedeutet, dass auch unser heutiges soziales, wirtschaftliches und politisches Miteinander auf Formen basiert, die man bei den so genannten Naturvölkern heute noch in Reinform beobachten kann. Symbole, Traditionen und daraus resultuierende Haltungen und Werte, die wir NICHT mehr bewusst reflektieren, sondern lediglich durch Imitation von Generation zu Generation weiterreichen, finden sich jedoch auch in unserer modernen Lebenswelt überall wieder. Roland Barthes hat das Jahrzehnte später noch einmal herausgearbeitet, indem er alltägliche Situationen und Kulturprodukte seiner Zeit aus Sicht ihrer Symbolik dekonstruierte. Ein Beispiel, dass MIR dazu immer wieder einfällt sind unsere Kleidungs-Konventionen. Warum Bankangestellte bis heute Anzug bzw. Kostüm tragen müssen, um als “seriös” wahrgenommen zu werden, erschließt sich mir nicht. Donald Trump trägt einen Anzug und ist eines der gefährlichsten Tiere, die ich mir vorstellen kann… Es ist ein Beispiel für “Das haben wir schon immer so gemacht!” Vielleicht wird langsam klarer, warum ich diesen Satz so hasse.
Jedenfalls sind auch die Kontrahenten des vorhin beschriebenen Konfliktes in diese Welt der Symbole – also mit Cassirer und Barthes den Mythos über unsere Welt – eingebettet. Damit geht einher, dass es Hierarchien gibt, welche durch Titel und Posten beschrieben sind. Ein Titel oder Posten ist zunächst nicht mehr als ein Symbol der Herrschaft. Macht über Andere ausüben zu dürfen, bedarf jedoch in unserer demokratischen Kultur der Legitimation durch jene, über die Macht ausgeübt werden soll. Ich bin diesbezüglich ein großer Freund von Habermas, der mit dem “zwanglosen Zwang des besseren Arguments” uns allen aufgezeigt hat, dass Recht zu bekommen einzig von der argumentativen Stärke meiner Position abhängen sollte. Ich weigere mich daher unterdessen, solche Hierarchien anzuerkennen, in denen mein Gegenüber als einziges Argument für seine aktuelle Haltung die, nur vermeintlich hierarchisch übergeordnete Stellung heranzieht und keine anderen Argumente hat, außer dem Pochen auf die Einhaltung einer überkommenen Norm. Das Diktum “Tradition ist Fortschritt genug!” hat mich nämlich noch nie überzeugt… Was ICH wollen kann, ist damit klar umrissen: ich will verstanden werden! Ich will, dass meine Argumente, auch wenn sie denen meiner Gegenübers diametral entgegenstehen mögen, zumindest erwägendes Gehör finden. Ich will, dass meine Gegenüber befähigt sind, Ihre Positionen zu überdenken. So, wie sie sich das vermutlich auch von mir wünschen. Ich will mithin nicht weniger, als das andere Menschen sich ihres Geistes soweit bemächtigen, den Mythos hinter sich zu lassen und auf die Ebene des tatsächlichen Argumentes zu treten, anstatt symbolübersättigte Strohmänner abzubrennen, wenn ich mal nicht so bin, wie man es von mir gewohnt ist! Und sofern ich das nicht bekommen kann, wo ich stehe, MUSS ich weiterziehen, um herausfinden zu können, ob dieses Voraussetzungen IRGENDWO anders als in der Selbstständigkeit erfüllbar sind. Ehrlich gesagt zweifele ich mpmentan daran…
