Benvenuti nelle Marche N°19 – Urlaubsschreibe?

Es ist hier ein bisschen wie ein zweiter Job. So ‘ne Art Side-Gig, nur dass er mir kein Geld bringt. Denn ich schreibe ja weder in irgendjemandes Auftrag, noch um (Werbe)Klicks zu generieren. Überhaupt ist mir die galoppierende Enadvertisierung des gesamten Netzes ein Gräuel. Weil mir der noch härter galoppierende Konsummaterialismus ein noch größerer Gräuel ist. Immerzu und überall Adds für irgendwelchen nutzlosen Schrott – oder nutzlose und überteuerte Dienstleistungen – in die Fresse gekloppt zu bekommen, ist einfach nur ekelerregend. Nur, um dem, sich jetzt in manchen Köpfen bereits hörbar bildenden Dummgebabbel präemptiv zu begegnen – NEIN, Bedarf des Alltages zu kaufen, ist kein hart galoppierender Konsummaterialismus. Der realisiert sich nämlich in der immer wieder stattfindenden Anschaffung von Dingen, die kein Schwein wirklich braucht und deren Herstellung und Distribution somit unnütz Ressourcen verschwenden, nur damit jemand im Forecast II schreiben kann, dass die KPI sich nach den Vorhersagen entwickeln; und das Bankkoto von jemandem, der oft eh schon genug hat noch ein bisschen fetter wird. Aber da kann ich mir den Mund fusselig reden, wie ich will – die Markenjünger allüberall z. B. sind halt so hart indoktriniert, dass sie sich tatsächlich über die Ästhetik eines ca 150x70x8 mm großen Glas-Metall-Konglomerats streiten, dass für das ca. 10-fache seiner eigentlichen Produktionskosten verkauft wird. Sach ma, habt ihr sie noch alle? Was für’ne Ästhetik? Das is’n verficktes Handy! Bei Michelangelos David können wir über Ästhetik streiten, beim Eiffelturm, einem 507er BMW-Coupé, meinetwegen auch wegen Möbeln, dem Design der Kitchenaid oder den Fliesen für’s Bad. Ein 150x70x8 mm großen Glas-Metall-Konglomerat sieht jedoch für meine Auge immer gleich aus. Und es hat nur eine einzige Aufgabe zu erfüllen – mich mit der Außenwelt zu verbinden. Wegen mir kann das Ding auch schreiend gelb und 15 mm dick sein, wenn’s halt nix anderes gibt. Die Gegenstände des täglichen Gebrauches können gerne gewissen Ansprüchen an Optik und Haptik genügen, aber die Fetischisierung des Äußeren, die überlassen wir doch bitte jenen, die das ganz unbedingt nötig haben, ja…? Wer das sein könnte, denkt euch bitte selbst.

Ach Mist, ich bin wieder abgeschweift. Aber so eine gute Ladung Kapitalismuskritik geht einfach immer. Und auch hier gilt – bevor jetzt einer das Maul aufreisst und mir Bigotterie vorwirft, weil ich ja auch nur im System Kapitalismus arbeite und davon profitiere – zeig mir mal, wie ich als Mensch in unserem Gesundheitswesen den Lebensunterhalt ranschaffen soll, ohne mich der Marktlogik zu unterwerfen, du Hanswurst! Die Leute bezahlen mich im Übrigen nicht für 40h/Woche sondern für über 30 Jahre Erfahrung. Diesen Unterschied werdet ihr irgendwann schon auch noch verstehen. Ist gar nicht so schwer. Der Umstand, dass meine Expertise einen gewissen Wert hat, verschafft mir auch die Freiheit, hier über die Dinge schreiben zu können, die mich wirklich interessieren. Dazu gehört übrigens nicht der Forecast II oder die KPI! Wenn dich jedoch deine realen existentiellen Sorgen innerlich killen, dann schreibst du zumeist kein Blog, zumindest nicht so eines, wie das hier. Das tust du aber zum Beispiel dann, wenn es existentialistische Sorgen sind – also jene Fragen, die sich um Sinn, Ziele, individuelle Freiheit und persönliche Entwicklung drehen. Oder, um es mit einem bösen Wort zu belegen: Luxusprobleme. Nun ist es so, dass ich eine Menge Leute kenne, bei denen sich alles um Zahlen dreht; um Prestige, um Gewinn, um Macht, um Deutungshoheit, um Gesicht – oder darum, ums Verrecken Recht behalten zu müssen. Denn BWL ist – in meiner bescheidenen Wahrnehmung – weitesgehend nicht mehr, als ein System aus Dogmen, Konventionen, Wahrscheinlichkeiten und Küchenpsychologie. Danny Kahneman hat dann die Irrationalität des Menschen bei ökonomischen Entscheidungen nachgewiesen – eindrucksvoll genug für einen Nobelpreis in Wirtschaftswissenschaften – und dennoch glauben viele immer noch an den Homo Oeconomicus. Will mir nicht in den Kopf. Und das, was ich gerade tue ist ein schlagender Beweis dafür. Denn ich verwende gerade die kostbarste Ressource, welche uns Menschen gegeben ist – meine Lebenszeit – darauf, etwas zu tun, dass für mich keinen weiteren Nutzen hat, als das befriedigende Gefühl, es getan zu haben. Was soll das denn…? Sagen wir mal so – BWL produziert die Luxusprobleme, denn echte Sorgen sind da zu finden, wo es um den Sinn geht. Da findet man auch jene Leute, die sich um Nachhaltigkeit und eine halbwegs lebenswerte Zukunft für folgende Generationen kümmern. KPIs gibt’s im Dreimonatstakt – eine Zukunft für alle nur im Dekadentakt.

Ich kann folglich nicht einfach – nur weil ich gerade Urlaub habe – in die Urlaubsschreibe wechseln. Ich bin kein Berufs-Feuilletonaille (also eine Kanaille, die Feuilletons schreibt) und auch kein Möchtegern-Humorist für die Schenkelklatscherei, denn ich bekomme ja wie gesagt kein Geld dafür. Für’s Feuilleton müsst ihr meist (Abogebühren) zahlen und den Billighumor bekommt ihr vom Hartz-TV oder durch die ganzen Memes auf Antisocial Media. Daher mache ich mir hier lieber um die die Dinge Gedanken, die ich für wichtig erachte. Und auch, wenn da manchmal ein leidlich lustiges Stück wie etwa gestern bei rauskommt, ist das doch nur Denkabfall, der auch mal raus muss. Nehmt’s mir also bitte nicht übel, wenn auch zu Ferienzeiten hier manchmal die schmerzhaften Wahrheiten mit der groben Kelle ausgeteilt werden. Immerhin könnt ihr diese ja auf eurem völlig überteuerten 150x70x8 mm großen Glas-Metall-Konglomerat anschauen, dass so schön in der Hand liegt. Ciao…

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