Bienvenue au pays cathare N°14 – Schatten unter der Sonne

Es ist immer wieder faszinierend, wie leicht man sich selbst in eine Abwärts-Spirale hinein denken, schreiben, leben kann; objektiv können die Dinge oft noch so schön, entspannend, faszinierend, inspirierend sein, doch du kannst es nicht fühlen. Das ist einer der Aspekte von Depression, den man Menschen nicht erklären kann, die diese Erfahrung nicht selbst gemacht haben. Man kann es den “Uneingeweihten” auch nicht zum Vorwurf machen, denn objektiv betrachtet ist es wesentlich besser, NICHT über diese Erfahrung zu verfügen. Nun ist es halt so, dass sich meine Gedanken manchmal auch dann in diese Richtung bewegen, wenn ich objektiv betrachtet eigentlich im Himmel sein müsste. Denn so ein Urlaub in den Pyrenées-Orientales bietet so ziemlich alles, was man sich nur wünschen kann. Höchst beeindruckende Landschaften, da ist innerhalb 50 KM Fahrtstrecke von Gebirge bis Meer alles dabei. Baden gehen in schattigen Felsenschluchten oder an den feinen Stränden des Mittelmeers. Kultur zum erwandern, anfassen, erleben. Egal ob eher geschichtsträchtig oder doch modern, man findet hier wirklich alles. Und natürlich das Essen. Denn egal, ob man nun einkaufen geht, um selbst zu kochen, oder sich im Restaurant verwöhnen lässt, der Gaumen findet hier seine Freude. Niemand will irgendwas von mir, keine tickende Uhr, die auf Termine hinweist, kein Druck von irgendwelchen Chefoiden; bestenfalls die Tochter und die beste Ehefrau von allen hegen gewisse Ansprüche. Und die sind hinreichend nah an meinen eigenen Bedürfnissen. Man sollte also meinen, dass alles gut ist. Doch diese Aufs und Abs in meiner Seele, die ich auch im Urlaub unterdessen immer wieder erlebe, sind für mich zu einem Marker dafür geworden, wie dringend ich etwas an meinem Leben ändern sollte. Ist das alles nicht einfach bloß Gejammer auf sehr hohem Niveau? Sagen wir mal so: nicht, wenn man gewisse Prinzipien hat.

La Plagette – Cap Leucate, Département Aude

Oh ja, ich kann es in meinem Hinterkopf hören: “Stell dich nicht so an!”, “Ach je, mal wieder die Schwermut des rotweinsaufenden Paukers!”, “Heul leise in dein Cassoulet!”, “Ich hätte auch gerne so einen Urlaub – kannst das nächste Mal die Reise ja verschenken, wenn du es nicht zu würdigen weißt!”, “Dann komm halt besser drauf!”. Ich sag mal so: fast 12 Monate Therapie, Journaling, Gespräche mit guten Freunden, gelegentliches Entgegenkommen durch meinen Arbeitgeber haben an der Situation in meinem Kopf bislang leider nur wenig verbessert. Ich weiß das, was ich habe und das was ich gerade tue SEHR zu schätzen. Ich habe auch lange und hart genug dafür gearbeitet, damit wir uns solche Dinge leisten können. Mittlerweile weiß ich außerdem, was ich eigentlich alles tun müsste; und die Dinge, die sich halbwegs zügig umsetzen lassen, setze ich auch um. Doch… der Hauptbrocken, nämlich meine stetig wachsende Unzufriedenheit im Job, der wird nicht besser vom Warten und Weiter-so. Doch alles hinschmeißen und weiterziehen ist nicht so einfach, wie manche Hoi-Dois da draußen das gerne darstellen. Und dann kommt auch noch dieser Idioten-Sommer dazu, der mir klar aufzeigt, dass es nicht 5 vor 12 ist, sondern 2 nach… und wir bestenfalls noch verhindern können, dass die Hölle uns alle schon demnächst verschlingt. Okay, okay, das war leicht übertrieben., denn es gibt tatsächlich so einiges, was wir noch tun können. Aber das alles kostet jemanden wie mich, der gerade nicht wirklich auf sich selbst klarkommt unfassbar viel Kraft. Denn es liegt mir fern, irgendjemanden im Stich zu lassen; selbst dann, wenn das bedeutet, dass ich noch mehr von der knappen und kostbaren Ressource meiner Energie darauf verwenden muss, Dinge am Laufen zu halten, die mich nicht unbedingt irgendetwas angehen müssten. Verdammich!

Le Font del Port Saint Hippolyte – L’Etang de Salses-Leucate, Département Pyrenées-Orientales

Ich bin weit davon entfernt, zu verzweifeln. Lediglich nachts, wenn Hitze und Schwüle des Tages derzeit nur sehr langsam weichen und ich mich fühle wie ein Braten im Sous-Vide-Garer, dann kommen, dem langsam im Ruhemodus versinkenden präfrontalen Cortex sei Dank die Gedanken, die Sorgen, die Zweifel – eben das ganze Rundum-Sorgenvoll-Paket. Wenn die Affektkontrolle schwindet, dann feiern unsere ungezügelten Emotionen Urständ. Ein Grund mehr, dass spätabendliches Saufen eigentlich keine gute Idee ist, betankt man sich dabei doch eh schon mit DEM Kontrollverlust-Nektar schlecht hin. Nun ja… hier ein kleiner Hinweis: ich trinke schon seit geraumer Zeit eher wenig Rotwein. Ist einfach nicht gut für meine Magenschleimhaut. So viel zum Rotweinsaufenden Pauker. Und wohin in Drei Teufels Namen führt das alles nun? Genau hier und jetzt ist es nicht mehr, als ein bisschen Ergo-Therapie. Gib deinem Frust einen Namen, eine Form und verbrenne ihn gedanklich oder symbolisch. Ritualisiere einen Abschluss mit den Dingen. Insofern ist mein Blog manchmal also auch so etwas wie eine digitale Voodoo-Puppe. Schade nur, dass meine Nadeln bislang kaum Wirkung zeigen. Was gesagt wird, hilft mir zwar, die Dinge klarer zu sehen. Doch an Struktur und Funktion meines Gehirns kann ich ebensowenig etwas ändern, wie an meiner generellen Unzufriedenheit mit bestimmten Aspekten meines Daseins – okay, meinem Job! Ich kann also nur an meinem Dasein etwas ändern und hoffen, dass die Unzufriedenheit dann abnimmt oder gar ganz verschwindet. Aber wer kann schon wissen, auf welchen grandiosen Mist sich meine CPU dann einschießt…? Wie dem auch sei, es ist heiß und schwül, es ist meistenteils sonnig und es ist Urlaub. Ich re-frame also meine Sicht auf die Dinge, kehre zurück in den Urlaubs-Modus und SCHEISSE auf alles, was mich unglücklich macht. Denn mein Cassoulet war definitiv nicht zum Weinen. Ebenso wenig wie unsere bisherigen Ausflüge. Die Gegend hier hat nämlich in jedem Fall meine positive Aufmerksamkeit verdient. In diesem Sinne… macht’s mal gut

Bienvenue au pays cathare N°13 – Heiße Reise

Da sitze ich nun also Sonntagvormittag auf der kleinen Terrasse unseres Ferienhauses im Schatten, bei leichtem Wind aus Südost und schreibe diese Zeilen. Gestern Abend war ich – der Ankunft am Urlaubsort zum Trotze – ziemlich down. Ich musste mich erst noch mit der Hitze der Pyrenées-Orientales neu anfreunden. Heute Morgen ging’s dann schon besser, wenngleich es hier die nächsten Tagen schwülwarm mit 30-33°C sein wird und die Nächte mit 21-24°C jetzt auch nicht unbedingt als Kühlschrank gelten dürfen. Das liegt daran, dass auflandige Winde vom nahen Mare Nostrum feuchte Luftmassen ins Landesinnere befördern. Nun ja, kann man wohl als selbstgewähltes Schicksal betrachten. Obschon ich mir unterdessen die Frage stellen muss, wie die Urlaubsgestaltung in den nächsten Jahren wohl aussehen soll. Es ist ja nicht so, dass die Temperaturentwicklung hier abwärts zeigen würde. Das beinhaltet natürlich auch die Frage, WIE man WOHIN kommt. Ich nehme mir dabei folgende Entscheidungshilfe zur Hand: 500 kg CO2 für DREI Personen im Auto nach Südfrankreich, durch Südfrankreich und zurück (gilt auch für Mittelitalien) oder ca. 700KG bei einer Irlandrundreise VS. 450 – 650 kg CO2 Flug für EINE Person nach Malle und zurück (die Varianz ist abhängig vom Startflughafen und der gebuchten Sitzklasse). Do the math, retards! So gesehen wäre natürlich Urlaub auf Balkonien die klimaneutrale Variante. Atmen muss man ja trotzdem… Warum also zum Teufel reisen wir überhaupt. Es kostet Geld, manchmal ganz schön Nerven (insbesondere, wenn man an einem “Samedi noir” subjektiv mit ganz Frankreich zusammen auf der “Méridienne” unterwegs ist; Credo: ich fahre nie wieder am ersten Augustwochenende quer durch Frankreich!) und fordert die eigenen Fremdsprachenkenntnisse heraus. Erste Erkenntnis vom Einkauf gestern Abend: mein Französisch ist nicht so eingerostet, wie ich befürchtet hatte…

Glaubt man der Psychologie, so hat es etwas mit der Flucht aus, bzw. vor dem Alltag, dem Hintersichlassen von Verpflichtungen (insbesondere der Arbeit) und dem Ausleben der eigenen Bedürfnisse zu tun. So weit so klar. Man unterscheidet dabei übrigens zwischen hedonistischen Bedürfnissen (chillen und genießen) und eudämonischen Bedürfnissen (Neugier und Lernlust). Bevor jetzt jemand auf die Idee kommt, die eben genannte Lernlust bedeute, dass man auch im Urlaub pauken soll, für irgendwelche Prüfungen o.Ä. – es geht darum, den eigenen Horizont aus Eigeninteresse und ohne Zielsetzung erweitern zu wollen. Stell dir vor, du kommst auf Reisen irgendwohin, siehst dich da um und irgendetwas erregt deine Aufmerksamkeit; du willst mehr darüber wissen und setzt dich damit auseinander, bis dein Erkenntnisinteresse befriedigt ist. Das kann schnell erledigt sein oder begründet ein Hobby, welches dich für den Rest deines Lebens begleitet. Meist geht es dabei um Kunst, Architektur, besondere Aspekte der Kultur und/oder Landschaft, nicht jedoch um Buchwissen, sondern um das Bemühen, ein eher praktisches Verständnis dessen zu erlangen, was man gerade wahrnimmt. Und das auch nur, solange der Spaß anhält. Man lernt dabei trotzdem etwas dazu. Daher nennt man das Lernlust. Während hedonistisch motivierte Reisende am Reiseziel eher ortsfest bleiben, weil sie sich eine Location ausgesucht haben, an der sie alles finden, wonach ihr Herz begehrt, machen eudämonisch motivierte Urlauber oft nicht wenig Kilometer, weil sie sich “das da” auch noch anschauen wollen. Ich glaube übrigens nicht, dass die eine Motivation besser oder schlechter sei, als die andere. Ich selbst konnte nur dem all-inclusive nie viel abgewinnen. Wenn man das aber mag, dann bekommt man alles, ohne dafür Anstrengung unternehmen zu müssen und das ist vollkommen okay, wenn es die Person glücklich macht und erholt. Wie man seinem Alltag entflieht, ist völlig einerlei, solange es einem gut tut.

Am Ende sind beide Varianten eh gleichwertig, denn der typische Erholungseffekt, welcher ja vor allem auf der Entkopplung von a) der normalen Lebensumgebung, b) den typischen Verpflichtungen und c) den gewohnten sozialen Kontakten beruht, ist in beiden Fällen nach ca, drei Wochen weitestgehend abgeklungen; sagt zumindest die Sozialpychologie. Was die Erfahrung dennoch jedes Mal wieder wertvoll macht, ist das Auffüllen der eigenen Batterie mit frischer Motivation, unsere Fähigkeit, schöne Erinnerungen zu nutzen, um zumindest im Geiste noch mal erleben zu dürfen, was den Urlaub für uns so wertvoll gemacht hat; und eben die Möglichkeit etwas “dazuzulernen” dass uns auch später noch begleitet. Diesem letzten Aspekt messe ich besondere Bedeutung zu, da ich selbst eben ein eudämonisch motivierter Reisender bin. Außerdem macht man manchmal Bekanntschaften, die als etwas Besonderes gelten dürfen. Ich habe so zu ein paar Vermietern im Urlaub ein ziemlich gutes Verhältnis entwickelt. Und das hat so manche Urlaubsreise in den letzten Jahren zu einem Heimkommen werden lassen. Was aber nun die Temperaturen angeht – ich mag den Süden, ich mag eigentlich auch die Wärme. Ich befürchte nur, dass wir als Menschheit SEHR, SEHR, SEHR viel mehr unternehmen müssen, damit es nicht noch viel heißer wird und die Zahl und Intensität der Klimakapriolen ein Maß erreicht, dass ganze Teile der Erde völlig unbewohnbar macht. You hear me, Gas-Kathi? You hear me, Fotzenfritz? Zieht endlich eure Köpfe aus den Ärschen der Industrie und macht Politik für ALLE Bürger, während wir schon mal loslegen. Und ich befürchte als Individuum, dass mir immer noch die Erfahrungen der atomaren Hitzewelle Ende Juni in den Knochen stecken, die meine Depression dermaßen aus der Bahn geworfen hat, dass ich Wochen brauchte, mich davon zu erholen. Ich werde langsam älter und damit anfälliger. Der Versuch, wieder etwas Form in diesen Körper zu bekommen trägt zwar ganz langsam erste Früchte, aber ich befürchte, ein gesunder Geist kann tatsächlich nur in einem halbwegs gesunden Körper stecken. Weshalb ich diesen Urlaub über mit mir selbst werde verhandeln müssen, was ich zukünftig noch aushalten kann – und was nicht. Auf Balkonien ist es ja unterdessen auch verdammt warm. Also Nachbarn – wenn wir schon Urlaub machen, dann bitte mit ein BISSCHEN mehr Verantwortungsbewusstsein. Einstweilen gute Zeit, wir lesen uns…