The Critic N°7 – schon wieder Superhelden…?

Ich will ehrlich sein: das Genre “Superhelden” ist ausgenudelt. Schon seit ca. sieben, acht Jahren. Vielleicht auch schon länger. Und trotzdem pumpen Studios immer wieder nutzlos Dollars in immer wildere, immer gehaltlosere Iterationen, die dem Thema nichts Neues mehr hinzufügen, keine neuen Blickwinkel eröffnen, vor allem aber keine neuen Stoffe zulassen, weil dieses ganz und gar inspirationsarme Rumgewurschtel in sogenannten Franchises (Filme und Serien über die gleichen Charaktere/Geschichten) so viel Kohle verbrennt, das nix für neue, frische, andere Stoffe übrigbleibt. Und wenn sich dann mal jemand an einen anderen Stoff versucht, kopiert er die “Marvel-Formel”, in der Hoffnung mit einer neuen IP (Intellectual Property) ein neues Franchise zu begründen, mit dem man dann Geld drucken kann. Doch irgendwann ist dieses teil-ironische, möchtegern-witzige, unsere aktuelle Realität dauer-dekonstruierende CGI-Gewitter nur noch ein esprit-freier, endlos langweiliger, kaleidoskopartiger Bilder-Mix ohne jeglichen Gehalt. Ja, die Menschen mögen das Bekannte. Deshalb bekommen wir ja dauern das Gleiche angeboten, in der Hoffnung, dass wir unsere sauer verdiente Kohle noch mal dafür ausgeben. That’s capitalism, baby! Aber jeder bekannte Stoff ist irgendwann auserzählt, abgewichst und abgebrannt. Da nützen dann auch 500 Millionen Dollar oder mehr nichts, bei denen man sich dann auch noch – insbesondere angesichts der miesen Effekte – oft genug fragen muss, wo diese Kohle denn verschwunden ist. Allzu oft offensichtlich nicht in gutem Handwerk… Ein weiteres Problem entsteht, wenn sich eine eigentlich gute Geschichte der ideologischen Verbrämung durch den Writers Room unterordnen muss. Ich möchte gerne sehen, dass Besetzungen inklusiv sind. Ich möchte aber – insbesondere in Period Pieces – auch sehen, dass die Darsteller zur dargestellten Epoche und dem zugehörigen kulturellen Hintergrund passen. Und da spielt dann halt keine POC einen britischen Adligen des frühen 19 Jahrhunderts. Sorry. Ich möchte sehr gerne starke weibliche Hauptrollen sehen. Aber eine starke weibliche Hauptrolle hat verdammt noch mal andere Qualitäten, als eine starke männliche Hauptrolle. Nicht alles kann (oder muss) über die Physis – oder einen Coolness-Schwanzvergleich – entschieden werden. Und hört endlich auf, Action-Szenen so zu zerschneiden, dass einem von dem Geflimmer schlecht wird, oder sie so unterzubelichten, dass man gar nichts mehr erkennen kann – Goddamnit!

Und dann… ja dann kommt plötzlich “Spider-Noir” um die Ecke. Ich war zuerst echt nicht besonders thrilled. Einzig der Name des Hauptdarstellers ließ mich aufhorchen: Nick Cage in seiner allerersten Serie? Und Brendon Gleason als Bösewicht. Immerhin zwei verdammt erfahrene Darsteller-Schwergewichte. Also gut. Und was bekomme ich zu sehen: einen Film Noir in 8 Episoden, angereichert mit Pulp-Actionhelden-Elementen, die Spaß machen. Viele echt schöne physische Setpieces. Die Möglichkeit das ganze in Farbe oder in Schwarzweiß zu sehen. Figuren mit Charakter, Agenda und Entwicklung, dargestellt mit sichtlichem Spielspaß. Einen eigentlich gebrochenen Helden, der am Ende trotzdem zeigt, dass er es noch drauf hat – und bereit ist, seinen Weg weiter zu gehen. Eine echte Femme Fatale! Und endlich mal Action-Szenen, bei denen man sieht, was gerade passiert. Okay: Spider-Noir erfindet das Thema Action natürlich nicht neu, bleibt aber dennoch innovativ genug, dass es nicht langweilig wird. Die Geschichte als solche wird zwar langsam erzäht, doch auf Grund der knackig kurzen Folgen (jeweils ca. 42 Min, wie bei früheren Serienfranchises) entsteht wenig Leerlauf. Da ist viel Liebe zum Detail im Produktionsdesign und der Introsong (gesungen von KIRBY) bringt einen sofort in die richtige Stimmung. JA, Nick Cage zeigt auch hier wieder etwas von seinem typischen Overacting, aber es passt zu dieser Figur irgendwie. Der Effekteinsatz ist aus meiner Sicht gelungen, wenngleich an ein paar Stellen noch etwas mehr Sorgfalt bei der CGI angezeigt gewesen wäre. Das Schwarzweiß-Erlebnis hingegen… Erste Sahne. Das Lighting der Charaktere, die Licht-Schatten-Spiele, die Stimmung. So geht richtig gute Kinematographie, ohne die Zuschauer zu überfordern. Okay… eine POC als erfolgreicher Reporter im New York der 30er – Nein, nicht in der wahren Welt. Aber in diesem Parallel-Universum will ich Ihnen das mal durchgehen lassen, zumal Lamorne Morris’ Spiel als “Joe Robertson” eine echte Bereicherung ist. Und Karen Rodrigues als “Janet” – passt einfach.

Ja, auch diese Serie erfindet das Superhelden-Genre nicht neu. Es gibt ein paar wenige Längen, manches ist overacted und ein paar Schnitte zum Perspektivwechsel zwischen den Erzählsträngen und Figuren haben mich kurzfristig irritiert. Doch insgesamt haben mich die solide Mischung aus Pulp-Era Superhelden-Geschichte und Film Noir, sowie die Darstellungen und das Produktionsdesign positiv überrascht und mir ein paar wirklich unterhaltsame Stunden beschert. Würden sich mehr Film- und Serienmacher darauf besinnen, einfach eine gute Geschichte zu erzählen, anstatt Botschaften und Subtexte senden zu wollen oder zwanghaft den Kanon altgedienter Franchises bastardisieren, auf den Kopf stellen und alte Helden dekonstruieren zu müssen, bekämen wir vermutlich mehr qualitativ hochwertige Unterhaltung dieser Art. Doch wie stets… natürlich ist auch diese Serie nichts für jedermann. Man sollte Nick Cage mögen und ein Nerd-Herz haben. Dann kann die Serie allerdings echt Spaß machen. Meine Empfehlung an die fellow weirdos, die sich das Ganze antun möchten: schaut’s in Schwarzweiß. Ist die geilere Variante. Schönen Samstag.

Die Verjogginghosung der Welt…?

“Kleider machen Leute”. Die gleichnamige Novelle von Gottfried Keller war in den 1980ern in der gymnasialen Mittelstufe eines der Bücher, welche wir im Deutschunterricht gelesen und interpretiert haben. Keine Ahnung, ob das heute auch noch so ist; und wenn wir ehrlich sind, muss man in der Schule auch nicht die gleichen Bücher lesen wie früher, nur weil “man das schon immer so gemacht hat”. Diese oberdummen Worte sind IMMER das schlechtest denkbare Argument, weil sie signalisieren, dass man zu den neuen Themen der jeweiligen Zeit nichts Neues mehr zu sagen hat. Jedenfalls weiß ich, dass sich seit damals in mir immer mehr Wiederstand gegen Kleidungskonventionen gebildet hat. Ich verstehe bis heute nicht, warum wir immer noch so zwischen white-collar und blue-collar-workern unterscheiden, um so zu tun, als wenn die einen mehr wert wären, als die anderen. Was für ein BULLSHIT! Zudem die schlimmsten Verbrecher IMMER Anzug tragen! Ne, ne, bleib mir mit diesem Mist vom Halse. Wenn ich einen Anzug und – Gott behüte – sogar einen Binder trage, dann tue ich das an zwei Tagen im Jahr, nämlich um den jungen Leuten im mündlichen Staatsexamen meinen Respekt für ihre Leistung zu bekunden und die Bedeutung des Tages zu markieren. Im sonstigen Geschäftsleben interessieren mich solche Äußerlichkeiten nicht. Weil es eben nur Äußerlichkeiten sind. Andere Menschen dürfen das gerne anders sehen und anders halten – sie sollten mir nur besser nicht mit irgendwelchen Vorträgen kommen, sowas löst bei mir nämlich Beißreflexe aus. Tatsächlich empfinde ich die Kleidungskonventionen im Geschäftsleben oft eher als Bigotterie, weil das, was nach Außen getragen wird und das, was innen passiert in keiner Weise zusammenpassen. Ein intrigantes Arschloch bleibt auch im feinsten Zwirn ein intrigantes Arschloch. Und ich habe schon so einige kennengelernt, gerade letzhin kamen wieder welche dazu…

Nun las ich heute etwas darüber, dass viele Menschen heutzutage die Grenze zwischen Öffentlichkeit und Privatleben zusehends optisch auflösen würden, weil sie unterdessen in Klamotten vor die Tür gingen, die man früher bestenfalls noch zum Sport getragen hätte, die aber eigentlich der heimischen Couch vorbehalten bleiben sollten. Karl Lagerfeld soll ja mal gesagt haben, dass jemand, der Jogginghosen trüge die Kontrolle über sein Leben verloren hätte. Das kam natürlich von einem Snob reinsten Wassers, dessen Exzentrizität gegen Ende eher seltsame Blüten trieb und den ich auf Grund seiner Entrücktheit von der echten, realen Welt kaum jemals ernst nehmen konnte. In dem Text (nun eigentlich war es ein Insta-Reel) wurde über die psychologische Wirkung gesprochen, die es nach innen und außen habe, immerzu und überall über-legere Sportbekleidung zu tragen; nämlich dass es nur noch um Bequemlichkeit ginge, dass man keine Anstrengung mehr unternehmen, keine Haltung mehr zeigen müssen wolle – gleichzeitig aber als aktiv gelesen werden wolle. Dass es zudem zeige, dass sich das Private und das Öffentliche, aber auch das Private und die Arbeit zusehends entgrenzen. Ich halte das ganz grundlegend für Quatsch. Ich denke, dass die Allermeisten, die so rumlaufen sich schlicht entweder gar keine Gedanken über ihre Bekleidungswahl machen oder aber Sportbekleidung als eine Art uniformen Trend des frühen 21. Jahrhunderts wahrnehmen und – wie so oft – einfach nur rumrennen wie der Rest. Ob sie darin dann appetitlich (also als aktiv und attraktiv gelesen) aussehen und das eventuell auch Teil eines Designs ist, mag von Fall zu Fall so sein – oder auch nicht. Und im Übrigen übersieht die Autorin völlig, dass es teils erhebliche Unterschiede zwischen Ländern gibt, so dass diese “Zeitdiagnose” einfach vollkommen ins Leere läuft. An der Kleidung ablesen zu wollen, inwieweit jemand für sich selbst das Öffentliche und das Private entgrenzt hat, ist ungefähr so wirksam, wie ein Persönlichkeitstest in der “Brigitte”.

Das, was manche Menschen heute als modische Entgleisung wahrnehmen und dann stets wahlweise den Untergang des Abendlandes oder den völligen Verlust unserer “Laitkoltur” heraufbeschwören, beruht auf der ungerechtfertigten Verabsolutierung überkommener Konventionen eines vergangenen Zeitalters. Kultur ist ein Prozess. Und es wäre ungemein wohltuend, wenn manche Menschoiden das endlich zur Kenntnis nähmen. Was nun mich betrifft, so trage ich zwar auch eher nur zu Hause überaus sportive Kleidung. Schlicht, weil ich nicht sehr sportiv bin und mich nicht unbedingt lächerlich machen möchte. Aber wie andere Menschen ansonsten herumlaufen und ob das reflektiert passiert, oder doch eher dem Umstand zu verdanken ist, dass gerade nix anderes zur Hand war… pft… who cares? Man sollte sich eh überlegen, ob es nicht sinnvoll wäre, nur dann über Menschen zu urteilen, wenn man sie gut genug kennengelernt hat, um sich überhaupt ein Urteil zu bilden. Getreu den Worten von Lemmy Kilmister, der sinngemäß mal gesagt hat, dass er absolut nicht verstehen könne, wie man jemanden aus einer Entfernung von einer halben Meile hassen könne. Denn solche “Zeitdiagnosen” werden recht rasch zu Werturteilen; und Werturteile benutzt man gerne, um Dichotomien zu schaffen, auf deren Basis (WIR vs. DIE) dann Ausgrenzung, Homophobie, Rassisimus, Mysogynie und der ganze andere Faschistenquatsch entstehen. Sprache schafft Bewusstsein! Kleidung schafft einfach nur, dass man nicht nackig in der Gegend rumlaufen muss. Denkt mal drüber nach Nachbarn. Schönen Samstag.

Auch als Podcast…

Bienvenue au pays cathare N°18 – Würde?

Ich bekam die Tage in meine Insta-Timeline ein Reel gespült, in welchem die Frage erörtert wurde, in wie weit sich die im EEG messbare Hirnaktivität verändert, wenn man Probanden eine nicht ganz triviale Aufgabe gibt – schreibe einen Essay über ein vorgegebenes Thema – und die Gruppen dann einteilt in a) dürfen ein LLM (hier ChatGPT) benutzen, b) dürfen eine Suchmaschine benutzen, c) dürfen nur ihr Hirn benutzen. Dem Reel zugrunde liegt eine Studie, welche vom MIT Media Lab (Juni 2025 – Preprint) durchgeführt wurde, die allerdings noch nicht verallgemeinerbar ist, weil die Zahl der Probanden gering war (n=54). Hierbei ist dennoch festzustellen, dass die Nutzung von LLMs im gegebenen Setting zu deutlich verminderter Hinrnaktivität während der Bearbeitung führt. Dies ist durch das Cognitive Offloading (also die Lastverminderung durch Auslagern von Aufgaben) zu erklären. Aber nicht nur dass – die kognitive Leistungsfähigkeit bleibt auch danach eingeschränkt. Diese sogenannte Cognitive Debt als Langzeitfolge der wiederholten LLM-Nutzung wirft die Frage auf, welchen Wert diese Algorithmen für uns überhaupt haben können, wenn unsere eigene kognitive Leistungsfähigkeit unter der Nutzung leidet? Für mich jedoch noch viel relevanter ist folgender Gedanke: wenn wir Denkaufgaben an Algorithmen auslagern, geben wir einen der bedeutendsten Aspekte des Menschseins ab: nämlich bewusstes Beobachten, Wahrnehmen, Kenntnisabgleich, Einordnen, situative Handlungsadaption, heuristische Prädiktion, moralisches Werturteil, etc. – kurz gesagt, all das, dessen mögliche Tiefe und Komplexität unsere kognitiven Fähigkeiten von denen aller anderen Säugetiere wesentlich unterscheidet. Ich muss an dieser Stelle etwas ausholen, um die Folgen klar darstellen zu können.

Gehen wir einen Schritt weiter. “Die Würde des Menschen ist unantastbar”. Art. 1, Abs. 1 unseres GG lautet genau deshalb so, weil nie wieder Menschen objektifiziert, also zu Dingen degradiert werden sollten, um sie wie Dinge behandeln zu können. Ja, ich rede natürlich von den Nazis und vom Holocaust. Die Mütter und Väter des Grundgesetzes hatten 1948 sehr genau verstanden, was hier passiert war; nämlich, dass man Menschen zu Dingen erklärt und ihnen damit die Menschenrechte abgesprochen hatte, um sie ohne Hemmungen zu Millionen töten zu können. Und genau eine Wiederholung dessen sollte das Grundgesetz verunmöglichen (auch wenn wir heute wieder dreckige, blaubraune Faschos unter uns haben, die sich nicht darum scheren, dass alle Menschen gleich sind)! Die somit zumindest bei uns in Deutschland als Subjekt-Qualität von Verfassungsrang geschützte Würde des Menschen ist allerdings untrennbar mit seinem Bewusstsein und seiner Fähigkeit zum moralischen Werturteil verbunden. Lagere ich nun meine Denkprozesse an eine Maschine aus, hat das aus meiner Sicht mehrere Konsequenzen zur Folge: (A) ich beraube mich, indem ich eine meine ureigensten Aufgaben und Privilegien an die Maschine delegriere, selbst meiner Menschenwürde. Denn es ist ein evolutionäres Privileg, über derartig weitreichende kognitive Fähigkeiten zu verfügen, aus dem jedoch auch die Verantwortung erwächst, sich derselben umfänglich zu bedienen, also denkend das Schicksal zu bezwingen. “Sapere Aude!” – “Wage es, weise zu sein!” Horaz schrieb es, Kant hat es zitiert. Wenn ich das ohne jede Not weggebe, beschneide ich mich selbst als Mensch! (B) und das ist noch wesentlich weitreichender, werfe ich die Frage auf, ob eine Maschine menschliche Qualität haben kann, bzw. haben darf, wenn ich denn zumindest Teile meiner Würde auf sie delegiere? Die Büchse der Pandora ist offen – und noch sehe ich nicht die (neue) Hoffnung, welche ja als letztes aus dieser Büchse entfliehen soll… Wo ist die Grenze, da ein menschengemachter Algorithmus – alle juristischen, moralischen, sozialen, wirtschaftlichen, politischen, etc. Folgen inclusive – zu einer Person wird? Schließlich, aber nicht letztlich, da dies hier lediglich ein Denkanstoß sein kann… (C) was macht das alles am Ende des Tages mit uns Menschen? Werden wir wirklich weniger Würde haben, als zuvor? Wird uns die Entlastung am Ende doch bereichern? Wie wollen wir uns selbst sehen? Werden wir uns in unserem Denken und Handeln alsbald den Algorithmen nähern und irgendwann völlig dehumanisiert?

Ich will ehrlich sein: mir graut vor einer Welt, in der einst ein Algorithmus – ein bloßes, von Mathematik getriebenes Machwerk von Menschenhand – vor Gericht wegen irgendwas gegen irgendeinen Menschen klagen kann. Ich habe Angst, dass wir uns selbst in der Folge der Renditegläubigkeit und des Effizienzgefasels der Techbros – mehr Marketing-Gag als Realität – auf statistische Berechnungen verlassen, die unser Vertrauen nicht verdient haben, weil sie uns als Menschen kleiner, weniger, dümmer machen; und wahrscheinlich auch weniger human. Unser nächster evolutionärer Schritt zeigt meines Erachtens im Moment in die völlig falsche Richtung und dennoch versuchen so viele gerade verzweifelt, ein Ticket für diesen Zug nach nirgendwo zu bekommen, weil sie glauben, das wäre der nächste heiße Scheiß auf ihrem Weg zu Glück und Reichtum; wobei Kapitalisten die beiden Begriffe ja gerne gleichsetzen. Ich war und bin definitiv kein Luddit. Doch die Art und Weise, wie wir heute mit LLMs umgehen, sie zu benutzen glauben, während wir sie nur weiter füttern, damit sie noch mehr AI-Slop erzeugen und ihre Besitzer noch reicher machen können – in der fatalen Annahme, dass sei schon KI – gereicht nicht zu unserem Vorteil, sondern zu unserer weiteren kognitiven Verarmung. Und das will und werde ich nicht hinnehmen. Dieser Text wurde übrigens, wenn auch mit ein wenig Suchmaschinenhilfe, von einem Menschen erzeugt. Einem Menschen, der morgen, den Kopf voller Gedanken, das Herz erfüllt von ein bisschen Wehmut aber auch Vorfreude auf etwas weniger Hitze, die erste Etappe des Rückwegs aus den Pyrenées-Orientales antreten wird. Daher heißt es morgen früh Au revoir Tautavel. Auf nach Hause… wenn auch mit einem Schlenker über die Rhône-Alpes. Wir lesen uns.

Auch als Podcast…

Bienvenue au pays cathare N°17 – Der alternde Zocker und die KI

Ich schimpfe viel auf antisocial media. Dennoch – und das ist nicht bigott, sondern einfach unvermeidlich, wenn man um bestimmte News und Trends inner- wie außerhalb der eigenen Bubble wissen möchte – bin ich auch auf manchen Medien unterwegs. Häufig nur als Konsument, selten als Kommentator, weil mich viele Diskussionen einfach ermüden. Auch, oder sogar insbesondere, wenn es um mein Hobby N°1 geht. Ich rezipiere aber recht regelmäßig ein paar Channels aus der sogenannten D&D-Tube, deren Macher – als Content-Creator – viel näher an der Branche dran sind als ich, die immer wieder interessante Denkanstöße aufwerfen und deren Geschichten einfach gut erzählt sind. Ich selbst spiele kaum D&D, weil ich viele Regelaspekte ziemlich Banane finde, klaue jedoch gerne Ideen für meine eigenen Welten und Regelwerke. Und viele dieser Videos sind eh System-agnostisch. Ich halte es zudem für wertvoll, den eigenen Horizont nicht zu begrenzen. Na ja… wenn es um gutes altes Nerddom geht, war ich eh nie ein Kind von Traurigkeit: Es fing an mit der wachsenden Versessenheit auf Geschichte(n), angeregt durch die Büchersammlung meiner Eltern. Ich las Comics aller Art. Dann kam mein erster Computer dazu – natürlich ein C-64, ich war ja ein Kind der 80er. Ich habe mir darauf selbst ein bisschen Programmieren beigebracht (Basic, Assembler) und natürlich gezockt, was es damals gab. Dann kamen Romane aus allen Genres (Stephen Kings „Das letzte Gefecht“ habe ich an einem Wochenende weggeschwartet…). Ich habe die ganze Palette obskurer Filme der 80er gesehen (oft genug, ohne die FSK-Freigabe zu erfüllen) – und schließlich landete ich bei TTRPGs jedes erdenklichen Genres. Ich war immer ein Außenseiter, aber in der Clique von like-minded weirdos (und manchen, die es zumindest mal ausprobieren wollten) wurde ich rasch zu einer festen Größe. Aber auch nur dort…

Les Orgues d’Ille-sur-Têt – Departement Pyrenées-Orientales

Denn ich habe mich nie wirklich groß in die Diskussionen um bevorzugte Regelwerke und Mechaniken, um Spieler- und Spielleitertypen oder anderen Quatsch involviert. Ich segelte mal, als das noch neu war, auf ein paar Forenseiten rum. Aber ganz ehrlich… das Feedback war stets wenig hilfreich, da nicht wenige Leute dort viel zu sehr um sich selbst und das Vertreten ihrer eigenen Meinung kreisten, als das eine fruchtbare Diskussion hätte zustande kommen können (Stichwort: „Tanelorn“; gibt’s das dämliche Ding überhaupt noch?). Ich blieb stattdessen lieber Teil meiner eigenen kleinen Community (über die Zeit allerdings durchaus mit wechselnden Protagonisten). Schon deshalb, weil ich im Lauf der Jahre eine relativ klare Vorstellung davon entwickelt hatte, wie das alles funktionieren sollte. Und dann, weil ich von mir selbst genervt war, weil sich meine Ansprüche an das Spiel gewandelt hatten und weil ich durch einen echten und einen Spielleiter-Burnout gegangen war, landete ich schließlich in der D&D-Tube; und konnte einigen wirklich faszinierenden Channels beim Wachsen zusehen. War interessant und ein paar Leuten folge ich immer noch. Streams wie „Critical Role“ waren jedoch nie mein Ding (ich habe KEINE Episode komplett gesehen), weil es mir stets wie second-hand-gaming vorkam. Doch ich verstehe, dass genau das viele neuen Gamer ins Hobby geholt hat. SEHR VIELE! Und das ist auch gut so.

Unterdessen stelle ich fest, dass sich durch diese Einflüsse so manches in meiner Herangehensweise geändert hat. Nicht so offensichtlich beim Zocken an sich, wohl aber, wenn es um die Vorbereitung und mein Storytelling geht – und ja, ich kann die ganzen Honks aufjaulen hören, die sagen, dass die SL kein Storyteller ist, sondern nur ein Stichwortgeber und Schiedsrichter. Habt ihr schon mal darüber nachgedacht, was das ganze World- und Lore-Building ist, das es braucht, damit auf dieser Basis dann eure Geschichte entstehen kann? Ja, ist recht… In diesem Zusammenhang bin ich die Tage über ein Video gestolpert, welches Dadi von „Mystic Arts“ veröffentlicht hat. Er ruft dazu auf, keine KI mehr in den eigenen Games zu verwenden. In erster Linie geht es ihm um die Creator und Gamedesigner, welche mit Hilfe von KI, oder besser LLMs ihre künstlerischen Arbeitsprozesse abkürzen und so dem Konsumenten das klare Signal senden, dass es ihnen nur um den schnellen Dollar geht. Und da gehe ich mit; insbesondere unter dem Gesichtspunkt, dass es da draußen eine Menge sehr guter, sehr kreativer Künstler gibt, die damit ihren Lebensunterhalt verdienen müssen und jetzt immer mehr durch Chatbots wegrationalisiert werden, deren Fähigkeiten lediglich darauf beruhen, dass sich Firmen wie OpenAI all die, im Internet teils frei einsehbare Kunst von menschlichen Schöpfern widerrechtlich angeeignet und damit ihre Algorithmen trainiert haben. Bis zu einem Grad, der lediglich auf den ersten Blick brauchbare Ergebnisse erzeugt. Ich erkenne für mich nun: wenn ich etwa für ChatGPT bezahle, gebe ich damit dreckigen Dieben mein Geld für eine Dienstleistung, die zu einem erheblichen Teil auf der Verwendung gestohlenen Contents fusst. Und ich bin diesbezüglich immer noch mitschuldig.

Ich habe ChatGPT in den letzten Monaten neben ein paar beruflichen Aufgaben vor allem dafür benutzt, Grafiken für mein Hobby TTRPG zu erstellen. Niemals für eine, wie auch immer geartete, kommerzielle Verwendung. Aber z. B., für Illustrationen von Journalen jener Kampagnen, in denen ich mitspiele, oder ein kleines Hausregelwerk mit eigenem Setting an dem ich arbeite, sowie meine eigene Prep, da ich mittlerweile auch ein wenig mit digitalen Visualisierungen in meinen Präsenzsitzungen herumspiele. Und ich stelle gerade fest, dass ich damit an dieser letzten Grenze stehe, noch mehr AI-Slop ins Netz zu werfen. Die Probleme dabei sind a) der Energieverbrauch und die Naturressourcenverschwendung, welche LLMs mittlerweile erzeugen, b) der Ouroboros Internet, in dem AI-Slop jedweder Art (nicht nur grafisch) von den Algorithmen selbst rezipiert und als Quelle verwendet wird, womit die Maschinen auch den ungeprüften Mist, den sie selbst unweigerlich erzeugen, unaufhörlich regurgitieren, bis der reale Content-Tod eintritt und c) die digitale Demenz, welche ich mir selbst damit anerziehe. Ich kann nicht wirklich malen, aber lieber versuche ich, mir das auch noch beizubringen, als die Maschinen – und vor allem ihre Herren und Meister Tech-Bros – weiterhin zu füttern. Oder ich suche mir wieder menschliche Quellen für die Grafiken. Es gibt für all das in meinem Fall derzeit noch keine gute Lösung, denn ich muss ein paar meiner Workflows wieder komplett umstellen. Wobei ich sagen kann, dass ich die LLMs wenigstens nie für meine Regeln, Stories, NPCs etc. benutzt habe. Das ist alles stets menschliche Arbeit gewesen und wird es auch zukünftig bleiben. Aber es wird am Anfang ein Verzicht sein, denn ich habe diese Spielereien irgendwie liebgewonnen. Es gab mir das Gefühl, meinen Ideen auf eine weitere Art Ausdruck verleihen zu können. Aber wie eine deutsche Band mal so schön sang „…das ist alles nur geklaut!“ Und klauen möchte ich nicht. Denn am Ende soll meine eigene Kreativität zählen. In diesem Sinne – always game on, and better do it without AI…

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Bienvenue au pays cathare N°16 – …normal?

Reisen kann einem auch mal etwas abverlangen. Freitagabend hatte eine Gruppe junger Menschen auf einem öffentlichen Platz direkt oberhalb unseres Feriendomizils bis 01:30 Nachts Halligalli gemacht. Erst nachdem sowohl ich, als auch Anwohner ihnen persönlich Bescheid gestoßen hatten, verebbte die, sagen wir mal… fragwürdige Musikauswahl, die noch dazu wenig stilistische Kontur zeigte endgültig. Ich war allerdings am Samstag dementsprechend körperlich platt und mental ziemlich dünnhäutig. Wir haben den geplanten Ausflug nach Collioure trotzdem gemacht. Und siehe da: nach ein paar emotionalen Unebenheiten war’s dann doch ‘ne geile Wurst. Das Château Royale kann ich den Geschichts- und Architektur-Interessierten für einen Besuch nur wärmstens empfehlen. Wir kamen dann nach einem Shopping-Schlenker am Nachmittag in ein Tal zurück, dass von dunklen Wolken verhangen war, dafür aber einige Grad kühler als das glühende Umland von Perpignan. Und ein paar Stunden später gab’s dann auch endlich den ersehnten Regen. Wir saßen auf – manchmal regenbedingt auch nur an – unserer kleinen Terrasse und konnten so ab 21:30 dann auch Blitze kucken, die über den Bergrücken zum Nachbartal ein beeindruckend-schauriges Lichtspektakel zauberten. Unterdessen fühlt sich der Urlaub doch wie einer an. Einzig die schwüle Hitze, die uns dazu zwingt, sehr genau zu schauen, was man sich anschauen kann und wann man lieber doch wieder an die wundervolle Freibadestelle fährt, drückt. Jetzt aber eher auf den Körper, denn auf’s Gemüt.

Was ist denn schon normal? Ich weiß es auch nicht, wenngleich viele Leute derzeit gerne über ein “neues Normal” schwadronieren, offenkundig jedoch ohne zu wissen, dass es so was wie ein “altes Normal” nie gegeben hat. Wir, so als Gesamtspezies betrachtet, leben mit allem anderen was hier grünt, blüht, kreucht und fleucht lediglich als Gäste. Und wenn es so was wie eine intergalaktische Buchungs-App für Planeten gäbe, hätten wir Menschen als Gäste eine 0,01-Sterne-Bewertung mit einem “Buchung ablehnen”-Vermerk. Wir haben es auf einer Skala von 0 bis 10 ca. bei einer 33,8 verkackt und gehen dennoch durch unsere Leben mit einem permanenten Flow an Erwartungen an alles Mögliche und sind immerzu furchtbar enttäuscht, wenn auch nur einzelne dieser, oft völlig überzogenen Erwartungen – ZWANGSLÄUFIG – enttäuscht werden. Ich erinnere an die unüberwindbare Mauer der nächsten Sekunde… Unser Gedächtnis für unser Forderungen an DAS LEBEN ist groß, dass für unsere verdammte Verantwortung, diese selbst wahr werden lassen zu müssen indes leider ziemlich klein. Und ich bin da keine Ausnahme. Ich komme in einen Ort, in dem Menschen leben, die hier ihr Zuhause haben – und meine Stress- und Depressionsgeplagte Seele meint, das Universum müsse sich nur um meine verdammt egoistischen und kleinlichen Befindlichkeiten drehen? Funfact: tut es natürlich nicht! Zudem ich heute die Feststellung treffen muss, dass es überhaupt nicht funktionieren KANN, alle Erwartungen, insbesondere an richtige Erholung auf einen kleinen Zeitraum zu projizieren, für den ich mir von meinem Arbeitgeber Dispens für das Nichterscheinen am Arbeitsplatz ausbitten kann; im Volksmund auch Urlaub genannt. Wäre es nicht gesetzlich geregelt, würde die Bitte zudem abgelehnt. Arbeitnehmerrechte müssen unangetastet bleiben! You hear me Fotzenfritz? YOU HEAR ME KELLNER LARS? Aber zurück zum Thema…

Ich habe mich gestern, wie ich so durch Collioure kraxelte (ja, es ist dort ziemlich hügelig) des Umstandes erinnert, warum ich eigentlich hierherkam. Nämlich, um den Kopf wieder freizukriegen, mich auf mich selbst, meine kreativen Stärken, meine Energie-Quellen zu besinnen und langsam wieder mehr Luft zum Atmen zu bekommen. Ich habe mich jedoch in den letzten Tagen – getrieben von der Erkrankung, welche mich die letzten sieben Tage vor dem Urlaub zurückgeworfen hatte und meiner Angst vor der Hitze – viel mehr auf meine angekratzten Befindlichkeiten, denn auf meine Stärken konzentriert, mich kaum einmal mit meinen liebsten Hobbies befasst, nur wenig sinnvolle Konversation mit der besten Ehefrau von allen geführt und mich insgesamt als jämmerlich-jammrige Kopie meiner Selbst erlebt. Damit ist Schluss. Ich saß heute morgen wieder in dem glucksenden Bach, für eine kleine Weile ganz allein mit mir und diesem bezaubernden Stück Erde. Und da habe ich, wie ich glaube nicht nur Frieden gespürt, sondern unterdessen auch verstanden, dass ich diesen Frieden für mich nur aus mir selbst erreichen kann. Nichts und Niemand sonst wird das tun. Nicht die Jungs mit ihrer Boombox, die nur ein bisschen Dampf abgelassen haben. Nicht die Hitze, denn die ist einfach existent. Nicht die lieben Menschen in meinem Leben, denn die haben jeweils ihr eigenes Bündel zu tragen; wenngleich wir alle hin und wieder einen Spiegel zur Selbstreflexion brauchen. Und auch nicht mein Therapeut, wenngleich er immer wieder sehr tiefsinnige Fragen stellt, die mich zum Wahrnehmen neuer Aspekte zwingen. Nur ICH kann das alles hinkriegen. Was allerdings nicht bedeutet, dass ich unterwegs keine Breakdowns mehr haben werde…

Ich bin mitnichten endgültig von meinen diesbezüglichen Fehlern geläutert. Aber meine Wahrnehmung hat sich verändert und es fühlt sich richtig an. Wir werden noch ein, zwei Ausflüge unternehmen, ich werde die weiteren Tage hier zu nutzen wissen und mich auch mal meinem geliebten TTRPG widmen, sofern mein Kopf frei genug dafür ist. Der Ärger und Stress der Heimat werden mich in knapp acht Tagen wieder voll im Griff haben, aber bis dahin… ja bis dahin will ich mein Bestes versuchen, mich nicht noch mal von den Dingen so hart runterziehen zu lassen, auf die ich eh keinen Einfluss habe. Euch einen guten Start in die neue Woche.

Auch als Podcast…

Bienvenue au pays cathare N°15 – …interpretierbar?

Was genau schenkt einem Frieden? Ich war heute morgen mit der besten Ehefrau von allen an einer echt bezaubernden Freibadestelle, ganz hier in der Nähe des Ortes, um ein wenig Erfrischung zu tanken, um den Vormittag abwechselnd im Wasser oder unter einem Baum sitzend zu verbringen und Fünfe gerade sein zu lassen. Das gelang beinahe beängstigend gut. Gleich zu Beginn unseres Aufenthaltes, als noch relativ wenig Menschen sich daran delektierten, es uns gleich zu tun, schwammen wir ein Stück in die schmale Schlucht. Man muss dazu wissen, dass es irgendwann über Felsen geht und hinten raus immer seichter wird, so dass man irgendwann neben einem winzigen Wasserfall im Bach sitzen und die beeindruckende Natur genießen kann. Rechts, wie links steil aufsteigende Felswände aus karstigem, nur wenig bewachsenem Kalkstein, wenige Dutzend Meter weiter öffnet sich das Tal etwas, bestanden von der ortstypischen Vegetation. Am Vormittag ist der Canyon noch schattig und das Wasser fließt glucksend an dir vorbei, weiter nach vorne, wo sich der Bach zu einem ca. 50 Meter durchmessenden Bassin öffnet. Von dort fließt das Wasser weiter über mehrere natürlich Stufen hinaus in jenes Tal, in welchem unser Urlaubsort liegt. Unter einem der alten Bäume, welche den Teich säumen, lagen unsere Badetücher und Rucksäcke. Und wir saßen da hinten im Schatten und schauten in die Landschaft. In dem Moment war mir so ziemlich alles egal, was in meinem Leben sonst so los ist, da waren für ein paar Augenblicke einfach nur der Canyon und ich; und natürlich die beste Ehefrau von allen. Aber ganz ehrlich – selbst, wenn sie nicht dagewesen wäre, hätte ich mich in dem Moment wahrhaft wohl gefühlt. Und weil ich es nicht einsehe, mein Smartphone zu riskieren, kam ich auch nicht in die Versuchung, das Ganze knipsen zu müssen. Denn bezüglich dieses zwanghaften Knipsens habe ich gerade einen ambivalenten Disput mit mir selbst…

Grau de Padern – Dèpartement Aude

Wir neigen dazu, solche positiven Erinnerungen einfangen zu wollen, ganz so, als wenn wir sie dadurch jederzeit und an jedem Ort noch einmal – idealer Weise auch noch Verlustfrei – wiederholen könnten. Aber das stimmt nicht. Die unüberwindbare Mauer der nächsten Sekunde macht diese Illusion unerbittlich zunichte. Was wir JETZT mit dem Druck auf den Auslöser einfangen, ist eine REPRÄSENTATION jenes OBJEKTES, das JETZT etwas in uns ausgelöst hat, weshalb wir es einfangen wollten. Beim späteren Betrachten der Bilder (also der Repräsentationen) passiert aber etwas in unserem Kopf – es entsteht nämlich jedes Mal eine neue INTERPRETATION dessen, was wir NUN sehen, basierend auf der Beziehung, welche wir GERADE zum repräsentierten Objekt einnehmen. Wir treten also immer wieder neu in eine Beziehung zu dem, was wir gesehen, gehört, erlebt haben; was die Idee, einen bestimmten Moment etwa mit Hilfe von Technik (etwa Foto- oder Videographie) dauerhaft konservieren zu wollen, doch ziemlich absurd erscheinen lässt. Was dabei alles auf die jeweilige Iteration der eben entstehenden Interpretation in unserem Kopf wirkt…? Nun, die Gesamtheit dessen, was wir gesehen, gehört, erlebt haben natürlich! Susan Sontag sagt, das wir uns eigentlich von der Interpretation verabschieden sollten. Sie sagt das zwar im Zusammenhang mit allen Formen der Kunst, aber kann Natur nicht auch Kunst sein; ist es nicht ein künstlerischer, ja nachgerade ein revolutionärer Akt, einfach mal zu sein und zu erleben, was rings um einen herum ist, ohne nach einem Sinn, einer Bedeutung, einem Zeichen suchen zu müssen? Denn nicht alles, was eine Form hat, bedarf notwenigerweise auch eines Inhaltes. Wir messen den Begiffen Bedeutungsinhalt- oder überschuss sowieso viel zu viel Bedeutung [;-)] bei und leben viel zu wenig HIER und JETZT.

“Diese Überbetonung des Inhaltsbegriffs bringt das ständige, nie erlahmende Streben nach Interpretation mit sich. Und umgekehrt festigt die Gewohnheit, sich dem Kunstwerk in interpretierener Absicht zu nähern, die Vorstellung, dass es tatsächlich so etwas wie den Inhalt eines Kunstwerkes gibt.”

Sontag, S. (2016), S. 10

Da saß ich also in diesem Canyon in diesem glucksenden Bach und war mit mir im Reinen. Für ein paar wenige Augenblicke war da sonst nichts, außer zu sein. Keine Pflichten, keine Sorgen, keine Deadlines, keine Idioten bei der Arbeit, keine Aufgaben, die man mir gibt, weil man mich scheitern sehen möchte… sondern einfach nur die (wahrhaft atemberaubende) Landschaft und ich. Das war Zweckfreiheit im besten und wahrsten Sinne. Etwas, dass ich viel zu selten erlebe. Jetzt, ein paar Stunden später sitze ich im Garten im Schatten der Maulbeerbäume und schreibe diese Zeilen. Hier und jetzt auf ein Bild oder gar ein Video dieses Ortes zu schauen, könnte nie dieselbe Wirkung haben, denn jetzt bin ich zwar immer noch zweckfrei (weil im Urlaub), aber schon wieder im gezielt kreativen Modus unterwegs; nämlich, indem ich den Menschen, die das hier rezipieren von meiner Erfahrung berichte. Das war keine Epiphanie, auch keine Vision, sondern einfach nur die – durchaus wohltuende – Wahrnehmung eines freien Menschsein-Dürfens. Dies ist keiner weiteren Interpretation bedürftig. Obschon ich mit der Hitze nach wie vor auf Kriegsfuß stehe und mir momentan dringlichst den Herbst herbei sehne, scheint mein Hirnkasten also noch nicht vollkommen dehydriert und durchaus noch zu differenzierten Wahrnehmungen, Empfindungen und Gedankengängen fähig zu sein. Gut so! Alles Weitere wird sich finden. Versucht, nicht zu schmelzen. Wir lesen uns.

  • Sontag, S. (2016): Standpunkt beziehen. Fünf Essays. 10. Auflage. Ditzingen, Philip Reclam Jun. Verlag.
Auch als Podcast…

Bienvenue au pays cathare N°14 – Schatten unter der Sonne

Es ist immer wieder faszinierend, wie leicht man sich selbst in eine Abwärts-Spirale hinein denken, schreiben, leben kann; objektiv können die Dinge oft noch so schön, entspannend, faszinierend, inspirierend sein, doch du kannst es nicht fühlen. Das ist einer der Aspekte von Depression, den man Menschen nicht erklären kann, die diese Erfahrung nicht selbst gemacht haben. Man kann es den “Uneingeweihten” auch nicht zum Vorwurf machen, denn objektiv betrachtet ist es wesentlich besser, NICHT über diese Erfahrung zu verfügen. Nun ist es halt so, dass sich meine Gedanken manchmal auch dann in diese Richtung bewegen, wenn ich objektiv betrachtet eigentlich im Himmel sein müsste. Denn so ein Urlaub in den Pyrenées-Orientales bietet so ziemlich alles, was man sich nur wünschen kann. Höchst beeindruckende Landschaften, da ist innerhalb 50 KM Fahrtstrecke von Gebirge bis Meer alles dabei. Baden gehen in schattigen Felsenschluchten oder an den feinen Stränden des Mittelmeers. Kultur zum erwandern, anfassen, erleben. Egal ob eher geschichtsträchtig oder doch modern, man findet hier wirklich alles. Und natürlich das Essen. Denn egal, ob man nun einkaufen geht, um selbst zu kochen, oder sich im Restaurant verwöhnen lässt, der Gaumen findet hier seine Freude. Niemand will irgendwas von mir, keine tickende Uhr, die auf Termine hinweist, kein Druck von irgendwelchen Chefoiden; bestenfalls die Tochter und die beste Ehefrau von allen hegen gewisse Ansprüche. Und die sind hinreichend nah an meinen eigenen Bedürfnissen. Man sollte also meinen, dass alles gut ist. Doch diese Aufs und Abs in meiner Seele, die ich auch im Urlaub unterdessen immer wieder erlebe, sind für mich zu einem Marker dafür geworden, wie dringend ich etwas an meinem Leben ändern sollte. Ist das alles nicht einfach bloß Gejammer auf sehr hohem Niveau? Sagen wir mal so: nicht, wenn man gewisse Prinzipien hat.

La Plagette – Cap Leucate, Département Aude

Oh ja, ich kann es in meinem Hinterkopf hören: “Stell dich nicht so an!”, “Ach je, mal wieder die Schwermut des rotweinsaufenden Paukers!”, “Heul leise in dein Cassoulet!”, “Ich hätte auch gerne so einen Urlaub – kannst das nächste Mal die Reise ja verschenken, wenn du es nicht zu würdigen weißt!”, “Dann komm halt besser drauf!”. Ich sag mal so: fast 12 Monate Therapie, Journaling, Gespräche mit guten Freunden, gelegentliches Entgegenkommen durch meinen Arbeitgeber haben an der Situation in meinem Kopf bislang leider nur wenig verbessert. Ich weiß das, was ich habe und das was ich gerade tue SEHR zu schätzen. Ich habe auch lange und hart genug dafür gearbeitet, damit wir uns solche Dinge leisten können. Mittlerweile weiß ich außerdem, was ich eigentlich alles tun müsste; und die Dinge, die sich halbwegs zügig umsetzen lassen, setze ich auch um. Doch… der Hauptbrocken, nämlich meine stetig wachsende Unzufriedenheit im Job, der wird nicht besser vom Warten und Weiter-so. Doch alles hinschmeißen und weiterziehen ist nicht so einfach, wie manche Hoi-Dois da draußen das gerne darstellen. Und dann kommt auch noch dieser Idioten-Sommer dazu, der mir klar aufzeigt, dass es nicht 5 vor 12 ist, sondern 2 nach… und wir bestenfalls noch verhindern können, dass die Hölle uns alle schon demnächst verschlingt. Okay, okay, das war leicht übertrieben., denn es gibt tatsächlich so einiges, was wir noch tun können. Aber das alles kostet jemanden wie mich, der gerade nicht wirklich auf sich selbst klarkommt unfassbar viel Kraft. Denn es liegt mir fern, irgendjemanden im Stich zu lassen; selbst dann, wenn das bedeutet, dass ich noch mehr von der knappen und kostbaren Ressource meiner Energie darauf verwenden muss, Dinge am Laufen zu halten, die mich nicht unbedingt irgendetwas angehen müssten. Verdammich!

Le Font del Port Saint Hippolyte – L’Etang de Salses-Leucate, Département Pyrenées-Orientales

Ich bin weit davon entfernt, zu verzweifeln. Lediglich nachts, wenn Hitze und Schwüle des Tages derzeit nur sehr langsam weichen und ich mich fühle wie ein Braten im Sous-Vide-Garer, dann kommen, dem langsam im Ruhemodus versinkenden präfrontalen Cortex sei Dank die Gedanken, die Sorgen, die Zweifel – eben das ganze Rundum-Sorgenvoll-Paket. Wenn die Affektkontrolle schwindet, dann feiern unsere ungezügelten Emotionen Urständ. Ein Grund mehr, dass spätabendliches Saufen eigentlich keine gute Idee ist, betankt man sich dabei doch eh schon mit DEM Kontrollverlust-Nektar schlecht hin. Nun ja… hier ein kleiner Hinweis: ich trinke schon seit geraumer Zeit eher wenig Rotwein. Ist einfach nicht gut für meine Magenschleimhaut. So viel zum Rotweinsaufenden Pauker. Und wohin in Drei Teufels Namen führt das alles nun? Genau hier und jetzt ist es nicht mehr, als ein bisschen Ergo-Therapie. Gib deinem Frust einen Namen, eine Form und verbrenne ihn gedanklich oder symbolisch. Ritualisiere einen Abschluss mit den Dingen. Insofern ist mein Blog manchmal also auch so etwas wie eine digitale Voodoo-Puppe. Schade nur, dass meine Nadeln bislang kaum Wirkung zeigen. Was gesagt wird, hilft mir zwar, die Dinge klarer zu sehen. Doch an Struktur und Funktion meines Gehirns kann ich ebensowenig etwas ändern, wie an meiner generellen Unzufriedenheit mit bestimmten Aspekten meines Daseins – okay, meinem Job! Ich kann also nur an meinem Dasein etwas ändern und hoffen, dass die Unzufriedenheit dann abnimmt oder gar ganz verschwindet. Aber wer kann schon wissen, auf welchen grandiosen Mist sich meine CPU dann einschießt…? Wie dem auch sei, es ist heiß und schwül, es ist meistenteils sonnig und es ist Urlaub. Ich re-frame also meine Sicht auf die Dinge, kehre zurück in den Urlaubs-Modus und SCHEISSE auf alles, was mich unglücklich macht. Denn mein Cassoulet war definitiv nicht zum Weinen. Ebenso wenig wie unsere bisherigen Ausflüge. Die Gegend hier hat nämlich in jedem Fall meine positive Aufmerksamkeit verdient. In diesem Sinne… macht’s mal gut.

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Bienvenue au pays cathare N°13 – Heiße Reise

Da sitze ich nun also Sonntagvormittag auf der kleinen Terrasse unseres Ferienhauses im Schatten, bei leichtem Wind aus Südost und schreibe diese Zeilen. Gestern Abend war ich – der Ankunft am Urlaubsort zum Trotze – ziemlich down. Ich musste mich erst noch mit der Hitze der Pyrenées-Orientales neu anfreunden. Heute Morgen ging’s dann schon besser, wenngleich es hier die nächsten Tagen schwülwarm mit 30-33°C sein wird und die Nächte mit 21-24°C jetzt auch nicht unbedingt als Kühlschrank gelten dürfen. Das liegt daran, dass auflandige Winde vom nahen Mare Nostrum feuchte Luftmassen ins Landesinnere befördern. Nun ja, kann man wohl als selbstgewähltes Schicksal betrachten. Obschon ich mir unterdessen die Frage stellen muss, wie die Urlaubsgestaltung in den nächsten Jahren wohl aussehen soll. Es ist ja nicht so, dass die Temperaturentwicklung hier abwärts zeigen würde. Das beinhaltet natürlich auch die Frage, WIE man WOHIN kommt. Ich nehme mir dabei folgende Entscheidungshilfe zur Hand: 500 kg CO2 für DREI Personen im Auto nach Südfrankreich, durch Südfrankreich und zurück (gilt auch für Mittelitalien) oder ca. 700KG bei einer Irlandrundreise VS. 450 – 650 kg CO2 Flug für EINE Person nach Malle und zurück (die Varianz ist abhängig vom Startflughafen und der gebuchten Sitzklasse). Do the math, retards! So gesehen wäre natürlich Urlaub auf Balkonien die klimaneutrale Variante. Atmen muss man ja trotzdem… Warum also zum Teufel reisen wir überhaupt. Es kostet Geld, manchmal ganz schön Nerven (insbesondere, wenn man an einem “Samedi noir” subjektiv mit ganz Frankreich zusammen auf der “Méridienne” unterwegs ist; Credo: ich fahre nie wieder am ersten Augustwochenende quer durch Frankreich!) und fordert die eigenen Fremdsprachenkenntnisse heraus. Erste Erkenntnis vom Einkauf gestern Abend: mein Französisch ist nicht so eingerostet, wie ich befürchtet hatte…

Glaubt man der Psychologie, so hat es etwas mit der Flucht aus, bzw. vor dem Alltag, dem Hintersichlassen von Verpflichtungen (insbesondere der Arbeit) und dem Ausleben der eigenen Bedürfnisse zu tun. So weit so klar. Man unterscheidet dabei übrigens zwischen hedonistischen Bedürfnissen (chillen und genießen) und eudämonischen Bedürfnissen (Neugier und Lernlust). Bevor jetzt jemand auf die Idee kommt, die eben genannte Lernlust bedeute, dass man auch im Urlaub pauken soll, für irgendwelche Prüfungen o.Ä. – es geht darum, den eigenen Horizont aus Eigeninteresse und ohne Zielsetzung erweitern zu wollen. Stell dir vor, du kommst auf Reisen irgendwohin, siehst dich da um und irgendetwas erregt deine Aufmerksamkeit; du willst mehr darüber wissen und setzt dich damit auseinander, bis dein Erkenntnisinteresse befriedigt ist. Das kann schnell erledigt sein oder begründet ein Hobby, welches dich für den Rest deines Lebens begleitet. Meist geht es dabei um Kunst, Architektur, besondere Aspekte der Kultur und/oder Landschaft, nicht jedoch um Buchwissen, sondern um das Bemühen, ein eher praktisches Verständnis dessen zu erlangen, was man gerade wahrnimmt. Und das auch nur, solange der Spaß anhält. Man lernt dabei trotzdem etwas dazu. Daher nennt man das Lernlust. Während hedonistisch motivierte Reisende am Reiseziel eher ortsfest bleiben, weil sie sich eine Location ausgesucht haben, an der sie alles finden, wonach ihr Herz begehrt, machen eudämonisch motivierte Urlauber oft nicht wenig Kilometer, weil sie sich “das da” auch noch anschauen wollen. Ich glaube übrigens nicht, dass die eine Motivation besser oder schlechter sei, als die andere. Ich selbst konnte nur dem all-inclusive nie viel abgewinnen. Wenn man das aber mag, dann bekommt man alles, ohne dafür Anstrengung unternehmen zu müssen und das ist vollkommen okay, wenn es die Person glücklich macht und erholt. Wie man seinem Alltag entflieht, ist völlig einerlei, solange es einem gut tut.

Am Ende sind beide Varianten eh gleichwertig, denn der typische Erholungseffekt, welcher ja vor allem auf der Entkopplung von a) der normalen Lebensumgebung, b) den typischen Verpflichtungen und c) den gewohnten sozialen Kontakten beruht, ist in beiden Fällen nach ca, drei Wochen weitestgehend abgeklungen; sagt zumindest die Sozialpychologie. Was die Erfahrung dennoch jedes Mal wieder wertvoll macht, ist das Auffüllen der eigenen Batterie mit frischer Motivation, unsere Fähigkeit, schöne Erinnerungen zu nutzen, um zumindest im Geiste noch mal erleben zu dürfen, was den Urlaub für uns so wertvoll gemacht hat; und eben die Möglichkeit etwas “dazuzulernen” dass uns auch später noch begleitet. Diesem letzten Aspekt messe ich besondere Bedeutung zu, da ich selbst eben ein eudämonisch motivierter Reisender bin. Außerdem macht man manchmal Bekanntschaften, die als etwas Besonderes gelten dürfen. Ich habe so zu ein paar Vermietern im Urlaub ein ziemlich gutes Verhältnis entwickelt. Und das hat so manche Urlaubsreise in den letzten Jahren zu einem Heimkommen werden lassen. Was aber nun die Temperaturen angeht – ich mag den Süden, ich mag eigentlich auch die Wärme. Ich befürchte nur, dass wir als Menschheit SEHR, SEHR, SEHR viel mehr unternehmen müssen, damit es nicht noch viel heißer wird und die Zahl und Intensität der Klimakapriolen ein Maß erreicht, dass ganze Teile der Erde völlig unbewohnbar macht. You hear me, Gas-Kathi? You hear me, Fotzenfritz? Zieht endlich eure Köpfe aus den Ärschen der Industrie und macht Politik für ALLE Bürger, während wir schon mal loslegen. Und ich befürchte als Individuum, dass mir immer noch die Erfahrungen der atomaren Hitzewelle Ende Juni in den Knochen stecken, die meine Depression dermaßen aus der Bahn geworfen hat, dass ich Wochen brauchte, mich davon zu erholen. Ich werde langsam älter und damit anfälliger. Der Versuch, wieder etwas Form in diesen Körper zu bekommen trägt zwar ganz langsam erste Früchte, aber ich befürchte, ein gesunder Geist kann tatsächlich nur in einem halbwegs gesunden Körper stecken. Weshalb ich diesen Urlaub über mit mir selbst werde verhandeln müssen, was ich zukünftig noch aushalten kann – und was nicht. Auf Balkonien ist es ja unterdessen auch verdammt warm. Also Nachbarn – wenn wir schon Urlaub machen, dann bitte mit ein BISSCHEN mehr Verantwortungsbewusstsein. Einstweilen gute Zeit, wir lesen uns…

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