Ich ertappe mich letzthin vermehrt dabei, meine eigentlich kostbare Zeit mit Dingen zu vertändeln, die ich üblicherweise verdamme – Doomscrolling und Konsorten. Ich weiß gar nicht, warum das so ist, aber… Stopp! Ich weiß, warum das so ist. Instant-Befriedigung. Dopamin-Kick für mein Depressionsgeschädigtes Gehirn. Ablenkung von all den Sorgen, Herausforderungen und Konflikten, die das Erwachsenenleben so mit sich bringt. Was einmal mehr die Frage aufwirft, was “erwachsen” denn bedeutet? Ich meine… wo sind die Benefits? Ich habe Verantwortung zu tragen, mich auch Arschlöchern gegenüber höflich zu verhalten, meine Rechnungen pünktlich zu bezahlen, und einen nicht unerheblichen Teil meines Lebens mit Arbeit zu verbringen. Ein alter Freund sagte neulich zu mir, es wäre doch mal an der Zeit, die Früchte meiner Anstrengungen zu ernten – vulgo, einen Gang zurück zu schalten und das Erreichte zu konsolidieren. Das sagt sich einfach, ist aber ziemlich schwer. Denn einerseits gibt es, wenn man weiter oben auf der Leiter steht, immer Kritiker und Neider. Andererseits lässt mich mein Geist nicht zur Ruhe kommen, weil ich auf der Suche nach dem verfickten Optimum bin; obwohl ich weiß, dass es so was nicht geben KANN! In meiner Position disponiert man seine Arbeitstage selbst – und irgendwie finde ich immer irgendwas zu tun. Ich fühle mich immerzu vorwärts getrieben, denn Stillstand ist für mich gleichbedeutend mit einer Niederlage. Ich WILL den Anderen gerne einen Schritt voraus sein. Was mir manchmal auch gelingt. Aber das bedeutet, nicht einfach so abschalten zu können. There’s always something on my mind. Manchmal wird mir das alles zu viel. Dann versuche ich mich abzulenken. Und weil ich genau weiß, dass ein Buch zumindest für mich NICHT sofort den gleichen Effekt erzielen kann… Doomscrolling.

Ich bin in einer Schleife gefangen, denn jedes Mal, wenn ich auf dem – übrigens ziemlich bequemen – Pilotensessel des “flight of the procrastinator” Platz nehme, bemerke ich nach ein paar Minuten Engelchen und Teufelchen, die auf meinen Schultern Platz genommen haben, um mich von links und rechts mit leisen Verlockungen und garstigen Kommentaren zu bedenken: “komm schon, nur noch ein bisschen weiter, die nächsten neunundrölfzig Posts sind bestimmt auch noch interessant” vs. “kannste jetzt mal deinen faulen Arsch vom Sofa erheben und was Sinnvolles machen, du Trottel?” Needless to say, the devil almost always wins… Darüber, was ich als sinnvolle Beschäftigung erachte, könnten kontroverse Meinungen vorhanden sein, denn Lesen, Schreiben, Nachdenken, Spazierengehen und Zocken haben bei unterschiedlichen Menschen unterschiedlich guten oder schlechten Leumund. Ich würde es so sehen wollen: wenn ich meinem Arbeitgeber jede Woche zwischen 45 und 50h (zuzüglich An- und Abfahrt) meines Lebens widme, dann muss ich in meiner Freizeit nichts mehr für die Arbeit tun. Wenn ich etwa lese, dient dies oft meinem eudämonischen Trieb, mich weiterentwickeln zu wollen. Das ist aber keine Arbeit. Wenn ich schreibe, befriedigt das mein Bedürfnis, meine Gedanken, Ideen, Erkenntnisse sichtbar zu machen – gleich ob das nun viele oder wenige interessiert. Wenn ich spazierengehe ist das ein Teil meines verzweifelten Versuches, wieder etwas gesünder zu leben. Nachdenken passiert mir einfach, weil ich nicht blind, taub und dumm durchs Leben zu gehen versuche. Aber Zocken… also… Spielen? Das machen doch nur Kinder, oder…?
Ich könnte jetzt irgendwelche Statistiken zitieren, wo ca. 45 – 50% meiner Alterskohorte (Gen X) mehr oder weniger regelmäßig Video- oder Computerspiele spielen. Natürlich fallen da auch die ganzen Handygame-Zocker rein. Aber selbst wenn wir die rausnähmen, gäbe es immer noch Millionen Gen-Xer, von denen nicht wenige Hardcore-Konsolen- oder PC-Gamer sind. Und ja… ich habe jede Play Station seit der Generation Eins besessen und ausgiebig bespielt. Die Fanboys mögen mir bitte vom Halse bleiben. Dazu kommt meine seit Jahrzehnten ungebrochene Liebe für Pen’n’Paper-Rollenspiel. Aber ist all das nun wirklich Prokrastination? Der Definition nach nicht unbedingt, denn zu prokrastinieren würde ja bedeuten, dass man Zeit vertändelt, WEIL man – zumeist unbewusst – andere, durchaus wichtige Dinge aufschieben will. Und… dieses Gefühl des Aufschiebens erlebe ich eigentlich nur, wenn ich in einer Doomscroll-Schleife versinke. Was mich dabei traurig und wütend zugleich macht ist… ich weiß das alles und kann es dennoch nicht abstellen! Ich komme letzthin nachmittags oder abends häufig erschöpft von der Arbeit nach Hause und suche dann sofort nach einer einfachen Möglichkeit abzuschalten – möglichst schnell zu vergessen. Und hier wird es weird. Denn… ich wüsste nicht warum. Denn im Moment scheinen die Dinge – abseits des, in großen Unternehmen üblichen Grundrauschens an Bosheit, Dummheit und Gleichgültigkeit – ganz gut zu laufen. Ich konnte verschiedene Dinge ausgliedern, meine Pläne funktionieren und viele Aspekte meiner Arbeit machen sogar Spaß. Irgendwas in mir drin ist anscheinend immer noch kaputt.
Wenn ich tippen müsste, ist es wohl die einsetzende Angst vor dem Älterwerden. Das alles – vor allem aber meine Physis – in Bälde den Bach runtergeht und ich nicht mehr auf die Art werde leben können, auf die ich leben möchte. Dabei hätte ich doch noch genug Zeit, dem derart dräuenden Lebensabschnitt diesen Schrecken zu nehmen. Wenn ich doch nur häufiger von der Couch hochkäme! Den Begriff “Teufelskreislauf” habt ihr doch auch schon mal gehört, oder…? Nun…, alles Jammern nutzt nichts, denn die Erkenntnis ist da und der einzige Weg, diesem Doomscroller-Procrastinator-Scenario den Schrecken zu nehmen ist… tadaah… den Arsch von der Couch hochzukriegen. Klingt ja einfach. Derzeit bin ich unhappy, weil ich nicht die notwendige Energie finde, die Dinge anzugehen – weil es weniger Energie verbraucht, nicht nach dieser zusätzlichen Energie zu suchen und sich stattdessen hinterher selbst zu hassen; my kind of Depression in a nutshell. Ob ich das alleine hinkriege, weiß ich nicht. Ihr werdet es erfahren. Wenn aber irgendjemand JETZT – also nach diesem Blogpost – das Handy weglegt, um etwas ECHTES zu tun, würde mich das riesig freuen. In diesem Sinne, macht ma hinne. Wir hören uns.
