Reisen bildet. Ganz selten mal den Geist, des Öfteren das Herz und ganz sicher immer eine Meinung. So oder so – du kommst nicht als der zurück, der du warst. Zumindest, wenn du es zulässt, dass der Ort deiner Sehnsucht dich auch wirklich berührt. Ich gestehe: ich habe in meinem Leben tatsächlich einmal eine All-Inclusive-Reise gebucht. Und auch noch dazu nach Nordafrika. Zur Erinnerung: 1998 hatte Tunesien ein stark autokratisches Regime unter Präsident Zine El Abidine Ben Ali. Uns als Touris war das nicht bewusst (oder die Zeichen waren einfach egal), denn es sah ja alles so schön fremdländisch aus. Ich meine zu erinnern, dass irgendein deutscher Kabarettist mal sinngemäß gesagt hat, das Elend im Gastland ist schon okay, wenn es nur romantisch aussieht. In dem Sinne habe ich mich also einmal schuldig gemacht. Jedenfalls brachte dieser Urlaub uns Lustbarkeiten und auch schöne Erinnerungen, wie etwa einen Ausflug zu den römischen Stätten in Tunesien, vor allem Dougga. Unser Tourguide war ein Professor für Geschichte von der Uni Tunis, der den ganztägigen Ausflug mehrsprachig begleitete. Allein der Umstand, dass ein hochgelehrter Akademiker sich seinen Geldbeutel mit Touri-Touren aufbessern musste, hätte mir jedoch ein Hinweis auf den Zustand des Landes sein können. Nun ja, passiert ist passiert, sich heute darüber zu ärgern, ändert die Geschichte auch nicht mehr. Unterdessen sind unsere Ziele schon seit über zwei Jahrzehnten immer Selbstversorger-Appartments, die innerhalb Europas mit dem PKW erreichbar sind; bevorzugt in Italien und Frankreich. Es gibt da (wie auch in Deutschland) noch mehr als genug zu entdecken. Dazu gleich mehr. Denn wir waren eigentlich bei der Frage, inwieweit einen das Sehnsuchtsziel wirklich berührt? Wozu wir erst mal klären sollten, um welche Sehnsucht es denn überhaupt gehen soll. Wenige Menschen oder viele? Ruhe oder Action? Kontemplation oder Party? Berge oder Meer? Fliegen oder Fahren? Kultur oder Chillen? Chaotischer Filmriss oder langsamer Genuss? Und… wenn ich all das geklärt habe, heißt das noch lange nicht, dass der Plan funktioniert. Denn, wie ich dieser Tage schmerzhaft feststellen musste, kann man ja auch in der Ferne trüben Gedanken nachhängen. Doch das soll jetzt nicht das Thema sein.

Wenn ich heutzutage in die Fremde reise, dann versuche ich wenigstens ein paar Brocken der Landessprache zu beherrschen und die kulturellen Gepflogenheiten der Ansässigen zu achten. Dazu gehören Manieren, Kleidung, bewusstes Sich-auf-die-Dinge-einlassen und die Bereitschaft, etwas dazuzulernen. Ich habe in so einigen Posts schon geschrieben, dass ich Menschen hasse. Ich möchte das zu dieser Gelegenheit jedoch noch etwas differenzieren: ich hasse nur jene Menschen, die sich als dumme, dogmatische, eitle, selbstgerechte, egoistische chauvinistische, faschistische, rassistische Arschlöcher entlarven. Die findet man nun leider echt überall auf dem Erdenrund. Aber im Urlaub ist es für mich besonders nervtötend, wenn es andere Urlauber sind, die sich benehmen wie die Axt im Walde und damit eines oder mehrere der vorgenannten Kriterien erfüllen. Was ist schwer daran, sich in der Fremde wie ein guter Gast zu verhalten? Wie kann man nur auf die Idee kommen, dass woanders alles so sein müsste wie daheim? Warum verreist man überhaupt, wenn man den Anspruch erhebt, das alles so sein müsse wie daheim? Nur vielleicht in bunter, pittoresker, wasauchimmer? Ich bereise Italien jetzt seit gut 22 Jahren (von denen ich insgesamt mehr als 8 Monate im Land verbracht habe) und ich lerne jedes Jahr wieder was dazu. Oft über Land und Leute, aber nicht selten auch über mich selbst. Ich kann mittlerweile mit Fug und Recht behaupten, dass meine Seele Südländer ist. Die miefig-spießige Verwalter-Mentalität des deutschen Michels ist mir so fremd, wie die Oberfläche des Mondes. Was natürlich für viele andere Deutsche auch gilt. Aber man trifft diese Vertreter immer wieder. Die fahren zeitgleich mit allen Anderen in die Fremde, ärgern sich über den Stau (das tue ich allerdings auch), erwarten sowas wie den Pott in Bunt mit Meer und wundern sich, wenn’s auf der Karte im Restaurant keine Currywurst mit Pommes gibt… Da musste dann halt in die “Carrer del Pare Bartomeu Salvà” gehen – besser bekannt als “Schinkenstraße” in El Arenal auf Mallorca… Wobei man in den Medien gut sehen konnte, dass die dort Ansässigen von dieser (Ab)Art Torismus die Schnauze gestrichen voll haben. Nachrichten zu den Protesten seit 2024 lassen sich ja leicht finden.
Was ist die Sehnsucht jener Menschen, die dorthin reisen, um sich – dicht auf dicht in mehr als nur einer Hinsicht – auf engstem Raum zu tummeln; schmerzerregende Partyschlager wie “Scheiß drauf, Malle is nur einmal im Jahr” inclusive? Ich weiß es nicht! Ehrlich! Aber es ist NICHT – GANZ SICHER NICHT – DIE Sehnsucht, welche ICH mit Urlaub verbinde. Ich suche Zeit zum Schauen, Knipsen, Lesen, Denken, Schreiben, Reden, Kochen, gut Essen, einfach Sein. Und ich möchte dabei so viel Ruhe wie möglich haben. Wahrscheinlich bin ich zu alt für dieses völlig jecke hispano-germanische Party-Gerammel bis zum Absturz. Wenn ich so darüber nachdenke, war ich wahrscheinlich noch nie jung genug dafür. Ich habe echt nix gegen leichte Kost dann und wann. Aber DAS, was nicht wenige da abziehen, ist seichter als jede ARD-Vorabend-Soap. Und ich kann mir auch nicht vorstellen, dass die verändert aus dem Urlaub zurückkommen. Mit weniger Euro auf dem Konto, erweiterter Hautkrebs-Vorbereitung, schlechteren Leberwerten und Tschakkeline hat vielleicht ‘n Braten in der Röhre, Koch unklar… Aber ansonsten herrscht Ebbe bei persönlicher Entwicklung. Und bevor jetzt jemand wieder mit dem “rotweinsaufender Toskana-Pädagoge”-Klischee um die Ecke kommt: a) so viel Rotwein trinke ich gar nicht, b) ich versuche NIEMALS Goethes Bildungsreise nachzustellen (der kam in den Marken gar nicht vorbei, was ein eindeutiger Fehler war) und c) bin ich BERUFSpädagoge. Die haben keine Zeit für ein so hochtrabendes Selbstbild, weil sie in der Arbeitswelt beheimatet sind.
Heute regnet es seit dem Mittag. Ist für mich jetzt kein großes Problem. So ein Blogpost schreibt sich nicht in fünf Minuten, was zu lesen habe ich auch noch und kochen und essen braucht – wenn es denn gut sein soll – auch so seine Zeit. Gut Dinge will Weile haben. Was die zuvor bereits erwähnten Pauschaltouris ohne Plan B machen, weiß ich nicht – will ich aber (man möchte ja auch mal seine Vorurteile pflegen dürfen) auch gar nicht wissen. ICH bin einfach nur ein langsam älter werdender Sack, der sich wünschte, dass die alljährliche Urlaubsreise nicht automatisch zur vollkommenen Deaktivierung des Gehirns führte. Ich liege halt irgendwo in der schlecht ausgeloteten Grauzone zwischen Ballermann-Assi und Toskana-Oberlehrer. Denn Extreme sind auch im Urlaub schlecht. In diesem Sinne, bis die Tage wieder.
