A scream in the dark N°1 – Aufgeklärt…?

Ich bin ärgerlich. Ich habe anderthalb Tage darauf verwendet, jungen Menschen nahe bringen zu wollen, warum Ethik im Gesundheitswesen, aber auch im Leben eine Rolle spielt. Warum ein ethisch denkender und handelnder Mensch niemals Rassist, Chauvinist, Neo-Nazi sein kann. Warum Moral und Ethik nicht das Gleiche sind; niemals das Gleiche sein können, weil Ethik sich wissenschaftlichen Denkens bedient, während das andere viel zu oft stumpf Dogmen repliziert. Analog zu meinem absoluten Hasssatz “Das haben wir schon immer so gemacht…”. Warum ein humanistisches Menschenbild und die Ausgrenzung bestimmter Gruppen einander ohne jeden Zweifel vollkommen und absolut ausschließen. Mit anderen Worten: ich habe versucht Aufklärung zu betreiben. Dass ich dabei auch den kategorischen Imperativ aus der Kant’schen Moralphilosophie benutzt habe, ist natürlich kein Zufall. “Aufklärung ist der Ausgang des Menschen aus seiner selbst verschuldeten Unmündigkeit.” Vor 242 Jahren postulierte Immanuel Kant diese Worte. Und ja, man sollte den Mann in seinen zeitlichen Kontext einordnen. Er war ein chauvinistischer, mysogyner Stinkstiefel, der aus seinem Denk-Kabuff in Königsberg so gut wie nie herauskam. Dennoch haben seine Worte auch heute noch Bedeutung. Eigentlich heute sogar noch viel mehr als damals. Kant hat niemals verstanden, dass seine – oft zu verkopft formulierten – Ideen für wirklich JEDEN MENSCHEN Gültigkeit haben könnten; und dass man sich an diesen Ideen 164 Jahre später orientieren würde, um das Grundgesetz so zu formulieren, wie es formuliert wurde, hätte ihn eventuell überrascht. Ist aber so passiert. Doch… ist unser Grundgesetz heute noch aktuell? Oder anders formuliert: was genau führt dazu, dass immer mehr (vor allem junge) Menschen zu vergessen scheinen, dass unsere Demokratie kein gegebener Zustand ist, der ohne Zutun der Menschen, welche in ihr leben einfach fortbesteht? Unsere Demokratie als Idee ist ein Wert an sich, weil sie ALLEN Menschen das unhintergehbare Recht zuspricht, sich als eigenständiges Subjekt frei entfalten zu können. Das meinen Artikel 1, Artikel 2 und Artikel 3 des Grundgesetzes im Kern.

Das eigentlich Ärgerliche für mich ist nicht, dass Schüler*innen beim Thema Ethik komplett abschalten, weil sie sich viel lieber mit den Action-Aspekten des Berufes Notfallsanitäter*in befassen wollen. Wer nicht verstehen will, dass unser Job eine soziale Komponente hat, welche die Action-Komponente bei weitem überwiegt – und auch noch strukturiert – dem kann ich halt nicht helfen. Das sind dann diejenigen, die am Examen scheitern, oder so nach 6 Monaten bis einem Jahr die Ausbildung schmeißen, weil ihnen zu dämmern beginnt, dass man sich doch tatsächlich auf die Menschen einlassen muss, für die, an denen, mit denen zu arbeiten man aufgerufen ist. Mich kotzt es an, dass so wenige Menschen sich tatsächlich dafür interessieren, weil ihnen nicht bewusst ist, wie leicht sich unsere demokratischen Instuitutionen und Prozesse aushebeln lassen, wenn man sich die Ratten auf dem Wege eines demokratischen Prozesses ins Haus holt. Aufklärung bedeutet, dass jede*r von uns aufgerufen ist, sich eine INFORMIERTE MEINUNG zu bilden, die auf beweisbaren Fakten und wissenschaftlich fundierter Theorie beruht, anstatt auf dumpfer Meinungsmache und Emotionen. Es macht einen erheblichen Unterschied, ob ich im Laden ein Buch nach Covergestaltung auswähle, oder am Wahltag denen hinterher renne, die am lautesten (allzu oft fiktive) “Schuldige” für die Umstände benennen und im gleichen Atemzug versprechen, genau diese “Schuldigen” für all unsere Probleme zu bestrafen. Gleichgültig, wer diese Probleme wirklich verursacht hat. Denn ein gutes Feindbild gibt dem Tag Struktur!

Ich ärgere mich tierisch darüber, dass Jammern auf hohem Niveau mittlerweile zu einer Kunstform geworden ist, welche der deutsche Michel in seiner schlafmützig-reaktionären Besitzstandswahrermentalität bis zur höchsten Finesse trainiert hat. Wir leben nach wie vor in der drittgrößten Volkswirtschaft der Welt, auf einem Niveau, für dass uns mindestens 160 von 193 Staaten auf der Erde beneiden; manche von denen sehr bitter. Und hier ziehen Menschen auf die Straße, die keine Ahnung haben, wie sich ein hoher Migrationsanteil in der eigenen Stadt anfühlt, um rassistische Parolen zu skandieren, weil ihnen Migranten angeblich die Lebensqualität bedrohen. Ich zitiere mal aus dem Internet: “Natürlich nehmen dir die Ausländer den Job weg. Aber wenn jemand ohne Sprachkenntnisse, Geld und Kontakte dir den Job wegnimmt, bist du vielleicht einfach nur scheiße.” Das ist natürlich ein bisschen platt. Aber irgendwie… kann ich mich des Eindrucks nicht erwehren, dass es stimmt. “Selbstverschuldete Unmündigkeit” meinte zu Kants Zeiten, den Rattenfängern der organisierten Religion hinterherzulaufen, welche 1784 seit weit über 1000 Jahren das Monopol darüber hatten, bestimmen zu dürfen, was man als Mensch zu denken und zu tun hatte. Kant war bewusst, dass wir als Menschen in der Lage wären mehr zu erreichen, wenn wir uns von diesen Fesseln der Fremdbestimmung freimachen könnten. Heute ist es keine kirchliche Fessel der Fremdbestimmung mehr, da der Einfluss der Kirchen erheblich abgenommen hat; diese Fesselfunktion übernimmt heute das simple, dumpfe, egoismus-getriebene Sentiment der Angst vor sozialer Not und des Hasses auf das Fremde, welches sich ganz hervorragend über Antisocial-Media verbreiten und anheizen lässt. Facebook war die erste globale Antidemokratie-Maschine und Mark Zuckerberg ärgert sich vor allem darüber, dass er nicht mehr das Beeinflussungsmonopol hat. Denn Demokratie ist in den Augen der Tech-Bros schlecht fürs Geschäft. Auch wenn Kants Formulierung schon fast zweieinhalb Jahrhunderte auf dem Buckel hat, ist sie daher aktueller denn je – könnte Aufklärung doch HEUTE bedeuten, sich wieder vom schlechten Einfluss der Antisocial-Media-Meinungsindustrie freizumachen, indem man die Dinge hinterfragt, als sich vom Algorithmus mit Scheiße vollpumpen zu lassen. Oder sich durch’s Zocken vom Unterricht abzulenken, weil einen das Thema langweilt. Ein Thema, dass SO UNGEHEUER WICHTIG IST!

Mein Ärger bezieht sich damit nicht auf jene, die hinterher rings um meinen Lehrertisch standen und saßen und mit mir über die Dinge diskutiert haben. Um deren Verständnis mache ich mir eher geringe Sorgen. Aber diejenigen, die sich – bewusst – dafür entschieden haben, sich passiv dem Nachdenken-Müssen zu entziehen, welche die Selbstreflexion (aus ihrer Sicht geschickt) umgangen haben, die anzustoßen der eigentliche Zweck meiner Arbeit im Lehrsaal war… die ärgern mich. Denn es geht gerade bei diesen Themen nicht nur um den Job, sondern auch um Staatsbürgerkunde. Um Demokratie-Erziehung. Darum, diesen jungen Menschen die Wichtigkeit des Selbst-Denkens, des aktiven Hinterfragens politischer Antisocial-Media-Inhalte nahezubringen. Oder besser: ihnen dabei zu helfen, aufgeklärtere Menschen und Mitbürger*innen zu werden. Denn das ist der beste Beitrag gegen die Neo-Nazifizierung unseres Staates, den ich im Moment leisten kann. Was mich dabei zusätzlich irritiert ist, dass viele dieser jungen Menschen, gleich wo sie ihr Kreuz auf dem Wahlzettel machen und gleich welcher Herkunft sie sind, sich im Gespräch anhören, als wenn sie im Kiez Offenbach-Nordend aufgewachsen wären, mit Ćelo & Abdï und Hafti zum Frühstück. Ich habe nichts gegen Jugendsprache – in der Tat finden meine Töchter es erheblich cringe, wenn ich selbst welche benutze – aber können wir mal über die Nicht-Vereinbarkeit von Rassismus und kultureller Aneignung sprechen? Ach ja… die wilde, ungezügelte, hochemotionale Ambivalenz der Jugend. Wie dem auch sei – ich werde es wieder versuchen. Vielleicht nächstes Mal wieder mit einem neuen Ansatz. Ansonsten werde ich mir unter dem Label “A scream in the dark” weiter semi-philosophische Gedanken über unsere Zeit und ihre Herausforderungen machen. Schönen Vatertag übrigens…

Writing Fiction #4 – … how to write action?

Um es gleich nochmal vorweg zu schicken: es nutzt absolut nichts, den Schaffensprozess einer anderen Person zu kopieren, wenn man sich irgendwann tatsächlich ans kreative Schreiben macht, weil einen die eigenen Biographie vollkommen andere stilistische und inhaltliche Entscheidungen treffen lässt, als die Person, die man gerade kopiert. Ich kann also nicht die Herangehensweise irgendeines bekannten Autors nachahmen und hoffen, so auf die Erfolgsspur zu kommen, weil ich a) durch die Erfahrungen meines bisherigen Lebens unter vollkommen anderen Voraussetzungen schreibe und b) mich vermutlich für vollkommen andere Genres und Erzählfiguren interessiere und c) möglicherweise bereit bin, Dinge zu beschreiben, die jener kopierte Autor niemals beschreiben würde; oder aber umgekehrt. Die Art und Weise, wie eine Szene sich entwickelt, hängt also zuvorderst von den Vorlieben der schreibenden Person ab. Beispiel: Wenn ich etwa ein großer Fan von klassischem Action-Kino bin und es total feiere, wenn man die Kinetik der Kämpfe vor dem Bildschirm regelrecht fühlen kann, dann werden möglicherweise in meinen Geschichten ablaufende Action-Szenen zumindest versuchen, diese Kinetik beschreibend einzufangen. Was nicht unbedingt einfach ist. Vor allem aber werden meine Bücher überhaupt solche Szenen enthalten, weil mir dieser Aspekt der Geschichte wichtig ist. Damit ist jedoch noch nichts darüber ausgesagt, inwiefern Action zu einem Selbstzweck werden kann, anstatt tatsächlich das Drama, bzw. die Spannung in meiner Story zu befördern. Ich bin übrigens jemand, der die Kinetik und die Situation gerne mit Worten einzufangen versucht. Nicht immer erfolgreich, was mich nicht davon abhält, es dennoch zu versuchen.

Ihr Herz pumpte wild, während sie hastig hochkam, um sich in eine Türnische zu drücken. Diese zwei waren nicht so gut, wie sie es vom Syndikat in Erinnerung hatte. Die waren überhaupt nicht Surmenjows Stil. Dann hörte sie ein Sirren. Es kam rasch näher. Zu rasch für sorgfältige Sensoren-Arbeit. Das Monomesser bohrte sich ins Schloss und sie warf sich so weit ins Zimmer, wie sie nur konnte, als direkt an der Tür etwas detonierte.

Miranda war auf das Sofa gestürzt und hatte es dabei mitgerissen. Es dauerte endlose Zehntelsekunden, sich der Tür zuzuwenden und die nutzlos gewordene Kapuze runterzuziehen, denn die Combogranate hatte nicht nur die Tür samt Zarge atomisiert, sondern auch die integrierte Technik ihrer leichten Panzerung überladen.

Der erste kam ebenso tief um die Ecke, wie sie gerade eben und eröffnete ohne Zögern das Feuer. Sie hechtete über das Bett, diesmal ohne einen weiteren Treffer einzustecken und blieb rücklings liegen. Schritte kamen schnell näher, einer sprang auf das Bett, genau in ihre Salve.

Die Yugima Lightning war eine schwere Plasmapistole. Aus Kernschussweite war ihre Durchschlagskraft berüchtigt. Den hier würde man nicht mehr befragen können. Mit der anderen Hand warf sie das Monomesser nach dem zweiten und er war so dumm, diesem Angriff auszuweichen. Die zweite Salve entleibte auch diesen Gegner.

Die Frage, die sich hier stellt ist, wie viel Detail ich brauche, um einen Sachverhalt plastisch erscheinen zu lassen und wie viel Detail ich will, um meinem persönlichen Stil gerecht zu werden? Action-Szenen sind deshalb ein gutes Beispiel, weil sie sehr plastisch zeigen, wie stark Brutalität, Grausamkeit, explizite Bilder, etc. in meiner Erzählung zum Tragen kommen. Also… ob Leben in dieser Geschichte nichts oder nur wenig wert sind (ein Hinweis auf die interne soziale Logik der Welt, die ich beschreiben will) , wie aus- und eindrücklich ich die grausigeren Aspekte von Action schildere (sind mir Splatter- und Schockeffekte wichtig?), wie mächtig meine Protagonisten sind (bestehen sie die Kämpfe mit Leichtigkeit, oder ist jeder einzelne Sieg hart erkauft?) und wie heroisch/gerecht sie kämpfen (gibt es Gnade und Zurückhaltung, oder zermetzeln sie alles, was nicht bei drei aus dem Raum ist?). Action, bzw. deren Vorhandensein sagt also nicht nur etwas über das Genre aus, sondern deren Qualität erzählt auch viel über die Protagonisten, die sozialen Verhältnisse und die innere Logik meiner Erzählwelt. Es sei denn, ich schreibe Action nur, weil ich gerade Bock habe, Action zu schreiben. Dann kann das Ganze u. U. schnell in Langeweile oder Überforderung kippen. Action, nur um Action zu zeigen, funktioniert im Kino (bzw. in allen visuellen Medien), weil ich sehr viel Bewegung und Drama in wenig Screen-Time packen kann, Als Zuschauer kann ich diverse Aspekte gleichzeitig sehen und hören. Im “Theatre of the mind”, welches ich beim Lesen im Kopf entstehen lasse, ist das wesentlich schwieriger, weil Worte allein nicht so schnell so viele Informationen transportieren können. Das bedeutet, dass ich den Kontext der Auseinandersetzung schaffen muss, bevor diese beginnt. Und ich tue gut daran, auch im Text mit klassischem Center-Framing zu arbeiten, also die Szene komplett zu zeigen, um den Raum, die Stellung der Gegner zueinander und den eigentlich Austausch von Gewalt unmissverständlich beschreiben zu können. Wer wissen will, wie Center-Framing aussieht, schaut sich “Mad Max – Fury Road” oder “The Raid” an. Das vollkommene Fehlen von Center-Framing, erzeugt durch eine Brechreiz erregende Fülle von Schnitten in kürzester Zeit sieht man in diversen neueren Action-Filmen; insbesondere, wenn die Hauptdarsteller schon ein recht reifes Alter erreicht haben und sich einfach nicht mehr so schnell bewegen können…

Kommen wir zurück zum eigentlichen Punkt: wie schreibe ich Action? Es beginnt damit, dass ich eine Idee davon brauche, was in dieser Szene Anfangs- und Endpunkt sein werden. Was in den Sekunden oder Minuten Handlung dazwischen passiert, muss nicht zwingend schon vorher festgelegt sein. Wenn ich eine Action-Szene schreibe, weiß ich aber stets, wo ich starte und wo ich enden will. Der Weg dahin wird eigentlich immer – on the fly – durch die Unzahl an visuellen Medien oder anderen Büchern determiniert, die ich in meinem Leben schon konsumiert habe. Natürlich kopiere und remixe ich Dinge, die andere schon mal gemacht haben. Das tut jeder Autor. Was ich aber ebenfalls vorher wissen muss, ist, was diese Szene für die Gesamtgeschichte bewirken soll: steigere ich die Spannung, indem entweder Protagonisten oder Antagonisten gewinnen? Gebe ich einen Einblick in die Psyche der Protagonisten oder Antagonisten? Löse ich die Spannung der Geschichte auf – in die eine (Lysis) oder andere (Katastrophe) Richtung? Wo auf meinem Regeldrama-Kontinuum befinde ich mich gerade? Ich muss das nicht unbedingt explizit auzfschreiben, also etwa in einem Storyboard oder einer Plotübersicht (ich verwende dafür eine Tabelle, welche die Charaktere, die Schlüsselszenen, die Nexuspunkte und die Konflikte benennt). Ich halte das jedoch auch für geübte Autoren für eine ganz gute Idee, denn man verliert sich manchmal allzu leicht im Dickicht der fiktiven Charaktere und ihrer Beziehungen… Ich hatte zu Anfang gesagt, dass man nicht den Prozess eines anderen Autors kopieren soll und dazu stehe ich immer noch. Aber ich habe ein paar Tips, die ich zum Schluss nochmal zusammenfassen möchte:

  • Kenne Startpunkt und gewünschten Endzustand deiner jeweiligen Szene.
  • Sei dir darüber im Klaren, was die Action über deine Welt aussagen soll (soziale Verhältnisse, Qualität, Grausamkeit und Regelmäßigkeit der Gewalt, Verhältnis der Protagonisten zu Gewalt?).
  • Habe eine klare Vorstellung davon, wie alle Charaktere miteinander interagieren (kenn also die Charaktere, ihre Verbindungen, ihre Konflikte, ihre Motive).
  • Finde deinen eigenen Stil, Action zu beschreiben – oder aber deinen eigenen Weg, die Beschreibung von Action in deinen Geschichten elegant zu umgehen.
  • Schreibe so viele Szenen wie möglich, auch gerne ohne Kontext, um herauszufinden, was dir liegt – und was nicht. Und gib dich NICHT mit dem First Draft zufrieden!

So. Das war’s für heute. Ich wünsche einen guten Start in die neue Woche und viel Spaß, falls ihr zum Schreiben kommen solltet.

Auch als Podcast…

Writing Fiction #03 – …what to write?

Manchmal sind es eher kleine Wahrnehmungen, die größere Prozesse auslösen. Es gibt ja immer noch jede Menge Menschen die echt glauben, dass Inspiration etwas von Gott Gegebenes ist – und dass nur gewisse Menschen überhaupt Inspiration haben oder bekommen. Das ist völliger Quatsch, denn jede*r kann von den Wahrnehmungen, die er oder sie macht zu allem möglichen (aber auch zum unmöglichen) inspiriert werden. Das passiert manchmal völlig unerwartet, basiert aber stets darauf, dass wir uns mit unseren Ideen auch bewusst auseinandersetzen. Theoretisch steckt tatsächlich in jedem von uns eine Geschichte; es macht aber einen Unterschied, ob man sich regelmäßig mit dem Erzählen beschäftigt, oder nicht. Es macht auch einen Unterschied, womit ich mich sonst so den lieben langen Tag beschäftige. Schließlich macht es einen Unterschied, ob ich meine Wahrnehmung trainiere; Leute die blind durch ihren Alltag laufen werden wesentlich seltener von (guten) Ideen heimgesucht. Ich werde hier jetzt bewusst NICHT anfangen, berühmte Beispiele für Inspiration zu zitieren, weil es niemanden irgendwohin bringt, wenn er/sie sich dem Versuch hingibt, die Umstände zu reenacten, die irgendeine*n berühmte*n Autor*in jene Ideen finden ließen, die sie/ihn schließlich stinkreich gemacht haben. Denn, wir müssen alle verstehen, dass das, was für EINEN Menschen super funktioniert hat, bei anderen Menschen vielleicht nur ein Schulterzucken oder ein müdes Lächeln erzeugen wird. Wir alle haben unsere höchst eigenen Ideen-Quellen. Was jedoch jene, die regelmäßig inspiriert erscheinen von den vorgeblich uninspirierten unterscheidet, sind die Arbeit und Disziplin, welche in die Schöpfung zu investieren wir bereit sind – oder eben auch nicht.

Ich meine… ich selbst etwa habe neulich eine, für mich höchst faszinierende Idee dadurch gewonnen, dass ich auf Youtube eine kurze Doku über den Entstehungsprozess des Filmes Metropolis angeschaut hatte. Es dauerte vielleicht einen Tag und ich war voll in einem Schaffensprozess, weil ich plötzlich eine klare Vision von einer ganzen Welt vor Augen hatte, in welcher sich einerseits Motive der Filmhandlung spiegelten, andererseits aber auch das Filmemachen selbst Part einer größeren Geschichte sein würde. Und das klingt jetzt vielleicht für manche so, als wenn mir das dauernd passieren würde; als wenn man einfach nur eine Doku auf Youtube schauen müsste und BAMDIBAM – IDEE! Doch dies ist nicht der Fall! Ich hatte in den Monaten davor immer wieder viele, höchst verschiedene Ideen gewälzt und ich schreibe – wie hier bereits klar geworden sein dürfte – dauernd an irgendwelchen Konzepten, weil eine bloße Idee NICHT gleich eine Inspiration ist, aus der ein Konzept wachsen kann, welches eine ganze Geschichte zu tragen vermag. Also hatte ich, nachdem mich hier die Muse geküsst hatte, erst Mal eine Weile intensiv recherchiert, weil in den Untiefen meines Gedächtnisses vor allem visuelle Versatzstücke aus anderen Medien umher trieben, die mir instinktiv zu der Ursprungsidee zu passen schienen. Doch diese wiederzufinden und genau zu prüfen, kostete mich Zeit, Ich musste demnach erst mal eine Weile forschen und lesen, um diese alten Bilder wieder greifbar machen und mehr Stoff zusammentragen zu können. Dann musste ich schreiben, redigieren, korrigieren. Doch am vorläufigen Ende steht nun eine halbwegs reife Ausarbeitung eines neuen Pen’n’Paper-Settings (incl. angepasster Regeln), der ich überdies die Konzepte für einen weiteren Roman verdanke. Aber… vielleicht sollte ich erst mal eine der zwei unfertigen Geschichten beenden, oder…?

Was die vorangegangene Beschreibung zu illustrieren versucht, ist einerseits nicht weniger, als der, für jede*n von und notwendige und völlig individuell strukturierte Annäherungs-prozess an die Verdichtung einer bloßen idee zu einem Konzept – und der folgenden Arbeit, daraus dann ein Produkt zu machen, sofern das Konzept denn überhaupt dazu taugt; also, wie zuvor schon gesagt in der Lage ist, eine Geschichte zu tragen. Wir reden ja schließlich immer noch über das kreative Schreiben, nicht wahr. Es ist jedoch andererseits auch der beredte Hinweis, dass wir manchmal nicht kontrollieren können, wann und wodurch uns die wirklich guten Ideen kommen; dass wir jedoch gut beraten sind, mit dem Inspirations-Flow zu gehen und so viel Energie und Zeit wie notwendig zu investieren, um verstehen zu können, ob da gerade tatsächlich eine der wirklich guten Ideen angeklopft hat, die es wert ist, weiter verfolgt zu werden. Komme ich entlang des Weges zu der Auffassung, dass es eher doch nur ein dämliches Hirngespinst ist, kann ich das Ganze immer noch ad acta legen und mit anderen Dingen weitermachen. Doch wenn Faszination und Flow mich tragen, dann arbeite ich solange daran, bis diese Idee weitgehend fertig in einem Konzept konsolidiert ist, an dem ich zu einem beliebigen späteren Zeitpunkt weiterarbeiten kann, weil alle essentiellen Parts schon existieren. Im Lauf der Zeit formiert sich durch diese Arbeit in uns eine individuelle Sensitivität für Ideen, die uns zielsicher immer wieder bei bestimmten Genres, Erzählfiguren, Charakteren, etc. landen lässt. Wir haben alle unsere Vorlieben – und die machen sich auch in unserer Kreativität bemerkbar.

WAS ich schreibe, ist folglich durch meine Wahrnehmung, meinen Geschmack, meine Sozialisation, oder anders gesagt meine Biographie zumindest informiert. Ich würde nicht von festgelegt sprechen wollen, da wir uns im Laufe des Lebens ja immer wieder für neue Dinge begeistern können; zumindest, sofern wir uns dies gestatten. Und ja – nicht jede*r Mensch bleibt hier im gleichen Maße kognitiv rege, interessiert und mental flexibel genug, um das Neue, Unbekannte, Andere begrüßen oder begreifen zu können. Ein hoch geschlossenes Weltbild macht einen folglich nicht zu einer kreativeren Person, sondern bewirkt eher das Gegenteil. Vielleicht ist das der Hauptgrund, warum über-konservative Menschen (Neo-Nazis, Nationalisten, Chauvinisten, Rassisten, etc.) so wenig kreativ und innovationsfähig sind. Für mich ist das Verschließen vor dem Anderen jedenfalls keine Option, weil es meine Kreativität behindern würde. Und weniger Kreativität macht für mich das Leben weniger lebenswert. Nun hat auch der dritte Teil Bedingungen des Schreibens untersucht. In Teil Vier werden wir dann endlich über den eigentlichen Prozess sprechen, wenngleich ein paar Dinge schon durchgeschienen sein mögen. In diesem Sinne noch einen schönen Samstagabend.

Auch als Podcast…

Der verwirrte Spielleiter N°73 – Warum überhaupt gamen…?

Ich erinnere mich, irgendwann im Frühsommer 1989 im Zimmer eines Schulkameraden gesessen zu haben, der verzweifelt versuchte, mir zu erklären, was genau Pen’n’Paper ist. Und ich glaube, ich war nicht sofort “an Bord”. Es mangelte mir nämlich am Verständnis dafür, wie man DARAUS ein Spiel machen sollte. Wenige Sitzungen später hatte ich das jedoch raus und habe seitdem nie wieder wirklich damit aufgehört; wenn man mal von einem längeren, Burnoutbedingten Hiatus vor einigen Jahren absieht. Es dauerte damals nicht lange, bis ich instinktiv begriff, dass ich eigentlich schon immer Rollenspiele gespielt hatte. Wenn ich als Kind mit meinen kleinen Blech-und-Plaste-Autos spielte, baute ich dafür aus Papierschnipseln absurde Straßenlayouts (Los Santos lässt grüßen) und die imaginären Leute, welche diese Autos fuhren, hatten Namen, Jobs, ein Zuhause, etc. – und machten Dinge, die in der Gesamtschau stets eine Geschichte ergaben. Vielleicht keine sehr ausgefeilte Geschichte, aber manchmal hätte es vermutlich für das typische Drehbuch irgendeines wöchentlichen Police-Procedurals gereicht: der Coup/Gangster der Woche war jedenfalls meistens dabei. Und natürlich haben immer die “Guten” gewonnen. Man mag mir zurechnen, dass es in meiner Weltwahrnehmung damals noch nicht so viele Graustufen gab… Es gab einige, die damals zockten, manchmal hatten wir Runden von 12, 13 Leuten mit 2 Spielleitern zusammen. War schon cool. Aber viele (vermutlich die Meisten) hörten irgendwann damit auf. Das Leben kam dazwischen und irgendwann verlor es für sie wohl seinen Reiz, sich einmal die Woche in die Haut einer anderen Person zu kleiden, um Dinge zu tun, die man in der Realität niemals tun würde, Klamotten zu tragen, die man niemals tragen würde, cooler zu sein, als man jemals sein könnte…

Ich habe nie verstanden, wie man dieses Hobby NICHT weiterführen kann. Betrachtet man sich unsere Welt, dann unterliegen wir stets der Illusion, dass sich die Dinge um uns herum, ja vielleicht auch wir selbst, nicht, oder kaum ändern, weil unser direktes Umfeld sich häufig so langsam wandelt, dass man diese Nuancen erst wahrnehmen kann, wenn eine gewisse Zeit vergangen ist. Und dann kommt man an diesem Gebäude vorbei und fragt sich, seit wann das da steht – oder man schaut mal genauer in den Spiegel. Diese Furchen rings um die Augen, die sind nämlich echt. Vor allem aber haben wir häufig die Wahrnehmung dass wir selbst nichts zur Änderung der Welt beitragen, oder gar Einfluss darauf nehmen könnten. Ich meine… wir gehen wählen in der Hoffnung, dass “unsere” Kandidaten auch unsere Interessen vertreten; nur um alsbald feststellen zu müssen, dass die vor allem ihre eigenen Interessen vertreten. Oder die Interessen jener Leute, die sie am besten bezahlen. Und das sind in jedem Fall NICHT wir. Es gibt mehrere Möglichkeiten, auf dieses Gefühl der Ohnmacht zu reagieren. Die Falsche ist übrigens, Leuten seine Stimme zu geben, die nach Schuldigen suchen, um diese punishen zu können (sprich Nationalisten und Neonazis), anstatt tatsächlich nach Lösungen zu suchen… aber das hier soll ja nicht zu politisch werden. Eine andere Möglichkeit ist, das Wenige, was man doch tun kann, um es irgendwie besser hinzukriegen auch tatsächlich zu tun. Und seinem Geist ab und an eine Pause von der wahrgenommenen Ohnmacht zu bieten. Womit wir wieder beim Pen’n’Paper wären. Denn meine Spielfigur muss nicht notwendigerweise – so wie ich selbst hier und jetzt – alles mögliche erdulden, sondern hat vielleicht die Chance etwas an den Umständen der eigenen Existenz zu ändern. Kann also Dinge tun, die ich niemals tun könnte, Klamotten tragen, die ich nie tragen würde, cooler sein, als ich es jemals könnte…

Der eine Teil des Reizes besteht – zumindest für mich – also darin, den erlernten Fatalismus gegenüber der realen Welt für eine Weile ablegen und Unglaubliches / Unmögliches tun zu dürfen. Der andere Aspekt ist, dass ich dabei Drama erforschen kann, ohne mich selbst wirklich dem Drama aussetzen zu müssen. Meine Spielercharaktere werden mit Dilemmata, mit Beziehungen, mit Entscheidungen, mit Fragen konfrontiert, die ich im Hier und Jetzt nicht beantworten muss, aber vermutlich auch nicht beantworten könnte. Ich musste noch nie jemanden aus dem Knast befreien, der drin saß, weil ich einen Fehler gemacht hatte. Ich stand noch nie vor der Entscheidung kämpfen und womöglich auch töten zu müssen, um überleben zu können (wenngleich ich weiß, dass es Menschen gibt, die diese Frage heute real beantworten müssen). Ich habe noch nie einen Zauber gewirkt und damit das Gefüge der Realität verändert (schlicht, weil Magie für uns nicht real ist). Und ich habe noch nie eine Menschenmenge mit meinen musikalischen Fähigkeiten begeistert (weil diese in echt eher begreenzt sind). Meine Charaktere tun solche Dinge – und noch viele andere – regelmäßig und ich erlebe dabei die Gedanken und Emotionen dieser anderen, fiktiven Person intensiv, weil ich das will. Weil es mir die Möglichkeit gibt, meine Empathie immer und immer wieder zu testen, ohne dass wirklich etwas auf dem Spiel stünde. Als Spieler fühle ich diese Dinge zumeist intensiver, denn als Spielleiter, weil ich in dem Moment, da ich am Kopfende des Tisches Platz nehme viele Aspekte im Auge behalten muss, die weit über das Verkörpern EINER Rolle hinausgehen. Trotzdem SPIELE ich auch als SL das Spiel; ich spiele sogar eine ganze Welt. Doch meine persönliche Immersion ist viel tiefer, wenn ich als Spieler am Tisch platznehmen und mich ganz auf meine EINE Rolle konzentrieren kann.

Ich game schon so lange, immer noch und vermutlich immer weiter, weil jemand anders sein zu können meine inneren Dämonen im Zaum hält und mir die Chance gibt, meine tiefe Verzweiflung, meine Wut und meine Trauer über den Zustand unserer Welt für eine Weile zu vergessen. Ab und an das Gefühl haben zu dürfen, dass “das Gute” auch mal gewinnen kann ist – wenngleich mir die vielen Graustufen unseres Daseins unterdessen nur allzu schmerzlich bewusst sind – Balsam für meine Seele. Wer würde sowas schon einfach sein lassen, wenn doch in jedem von uns, wie Eric Berne so richtig schrieb immer auch ein Kind-Ich steckt. (Berne, E. 2017, S. 37 ff.) Wie zur Hölle kann man es nicht fucking amazing finden, Dinge tun zu können, die ich real niemals tun könnte, Klamotten zu tragen, die ich nie tragen würde, cooler zu sein, als ich es jemals könnte… Pen’n’Paper ist für mich der größte Spaß, den man mit seinem Gehirn haben kann. Wer’s selbst ausprobieren möchte, darf mich jederzeit fragen. In diesem Sinne – always game on!

Auch als Podcast…
  • Berne, E. (2017): Spiele der Erwachsenen. Psycholgie der menschlichen Beziehungen. 17. Auflage. Reinbek bei Hamburg: Rowohlt Taschenbuch-Verlag.