A sudden trip to the past…

Unser Gedächtnis ist ein wundersames Konstrukt, das Unvorhersehbarkeit produziert. Je länger wir leben, desto wahrscheinlicher scheint es zu werden, dass man bestimmte Trigger braucht, um sich an manche Dinge überhaupt erinnern zu können. Und ich spreche da nicht von der PIN für die Bankkarte (obwohl das natürlich keine Nichtigkeit ist, wenn man gerade in einem kleinen indomethischen Kunstlädchen eine Statue des alten Gottes Baklava als Mitbringsel für Klimageplagte Freunde im teutonischen Südwesten kaufen möchte. Doch wahrscheinlich ist in Indomethien eh nur Bares Wahres). Aber zurück zum Erinnern. Ich meinte da eher jene speziellen Engramme unseres Cortex, welche große, lebensverändernde Dinge beschreiben. Wie etwa eine Hochzeit, die Geburt des ersten Kindes, oder andere, (meist) einzigartige Höhepunkte. Gleiches gilt natürlich auch für die Tiefpunkte, obschon viele DIESER Erinnerungen getrost im Orkus verschwinden könnten; na ja, wenigstens taugen die häufig als Stoff, aus dem Lernen entsteht. Also… Lernen durch Schmerz meine ich. Aber komischerweise fallen uns unsere fails, fumbles und goof-ups immer ziemlich leicht ein. Zum Beispiel Nachts gegen 02:30, wenn wir gerade schlafen wollen. Oder kurz vor einer ähnlich gelagerten Situation, die uns eh schon Kopfzerbrechen bereitet. Oder einfach nur, “weil”. Denn “weil” kann auch ein ganzer Satz sein. Die Höhepunkte hingegen, selbst jene, die wirklich schön, erregend, siegreich waren, oder zu großem persönlichem Wachstum angeregt haben, die verschwinden nach und nach im Nirvana des Vergessen: “War schon schön…! Ja und jetzt…? Next!” Denn wir erinnern Negatives besser, weil uns das vor Gefahren schützen soll. Und so bleiben die schönen und oft auch wichtigen Dinge außer Sicht. Bis man zufällig an der richtigen Stelle vorbei kommt…

Ich hatte im letzten Blogpost im Nebensatz erwähnt, dass ich bei meiner Hitzeflucht aus der großen, öden Stadt per Zufall an einem Ort aus der Vergangenheit vorbeigekommen bin. Und das war nicht irgendein Ort. Es war jene hübsche kleine, ländlich gelegene Kapelle, in welcher die beste Ehefrau von allen und Ich uns vor unterdessen bald 26 Jahren das Ja-Wort gegeben hatten! Wir hingen damals romantischen Vorstellungen an, also sollte die Hochzeit auch ein romantisches Erlebnis werden. Dass am Ende Manches dann nicht ganz so romantisch war, aber dennoch ein – eigentlich – unvergesslicher Tag daraus wurde, dass verschwindet im Alltagsgedöns oft aus dem Blick. Doch als ich durch das Dorf rollte und den Bau erblickte, da liefen plötzlich wieder die Bilder. Ich musste wenden und ein kleines Stück zurück fahren, denn wie stets war ich ein wenig flott unterwegs. Doch dann dort unter den Bäumen auf der flachen Mauer zu sitzen war ein Throwback der besonderen Art. Was für ein Ritt damals! Was für ein Ritt seitdem! Einige Protagonisten jenes Tages leben nicht mehr, andere sind nicht mehr Teil jenes kleinen Kosmos, der landläufig als Familien- und Freundeskreis bezeichnet wird. Ein paar Entscheidungen waren im Nachhinein falsch, manche Freundschaft wohl doch nicht so tief empfunden, wie gedacht. Und doch – was bleibt, sind einerseits Erinnerungen an eine damals subjektiv wirklich gute Zeit; andererseits bleibt die daraus erwachsene Verbindung. Denn das “Ja, ich will!” hat nach wie vor Bestand. Und DAS muss man in dieser ach so verrückten Zeit wohl als besonderes Geschenk erachten. Es zeigt mir aber auch noch etwas Anderes: wir wissen oft nicht wirklich zu erkennen, was unser Leben reicher macht! Nicht Geld, nicht Anerkennung, nicht Erfolg, nicht irgendwelcher materieller Besitz – sondern einfach nur für jemanden da zu sein und das Gleiche von dieser Person zu erleben. Das gilt natürlich nicht nur für eine (unsere) Paarbeziehung. Jedoch im besonderen Maße, denn Langzeitbeziehungen brauchen Pflege. Und Pflege bedeutet Arbeit. Doch solange man diese immer noch gerne investiert, stimmt das Gesamtpaket noch. Und das manche Protagonisten jenes Tages heute eher als Falsche Fuffziger im Kopf wohnen… Schwamm drüber, kannste nix machen. Wer will schon dauernd in der Vergangenheit leben?

Ich referiere ja durchaus nicht selten über die Verknüpfung von Emotionen und Erinnerung. Alle möglichen kognitiven Aspekte unseres Daseins (Fähigkeiten, Faktenwissen, aber eben auch biographische Dinge) bleiben am Besten im Gehirn, wenn sie mit starken Emotionen verküpft sind – wobei damit nicht gesagt ist, ob es “gute” oder “böse” Emotionen sind. Aber… gibt es das überhaupt, “gute” und “böse” Emotionen? Ekel schützt uns davor, Dingen nahezukommen, die uns Schaden könnten. Angst hält uns davon ab, gedankenlos dumme Dinge zu tun. Wut ist ein Motor und unerbittlicher Anfeuerer, der uns zu Höchstleistungen anspornen kann. Trauer fordert uns heraus, resilienter zu werden. Verachtung schützt uns vor Menschen, die uns Schaden könnten. Überraschung macht uns aufmerksam gegenüber unserer Umwelt. Und Freude… ja die Freude stärkt unsere sozialen Bindungen, wenn sie mit Menschen verknüpft ist. Und NUR, wenn sie mit Menschen verknüpft ist, wirkt sie wahrhaft bereichernd für unser Leben. Denn der Kick der Geschwindigkeit in deinem Porsche lässt nach, sobald du den Fuß vom Gas nimmst. Aber solange dein Fuß immerzu, immer wieder auf dem Gas steht, verschwendest du Ressourcen, die man für andere – nachhaltigere – Dinge besser gebrauchen könnte. Scheiße, wenn man mal WIRKLICH drüber nachdenkt, oder? Ich sage ja immer wieder, dass ich es mit Dr. Banner (HULK) halte: “Ich verrate Ihnen ein Geheimnis, Cap: ich bin immer wütend!” Es ist diese Energie, die mich gerade erst hat meine Position neu finden und verteidigen lassen! Es ist diese Energie, die mich aufstehen lässt gegen Unrecht! Es ist diese Energie, die mich produktiv macht – denn, wenn ich wütend werde, weil irgendwas nicht klappt, dann arbeite ich solange daran, bis es klappt! Aber die anderen Emotionen wohnen natürlich auch in mir – etwa die Freude, mit meiner besten Ehefrau von allen immer noch zusammen sein zu können / wollen / dürfen. Und daran habe ich mich gestern und heute erinnert. Wenn jetzt noch die Scheißhitze ENDLICH nachlässt, kann die neue Woche nur gut werden.

Auch als Podcast…

The heat is on…

Es mag ein Hinweis auf die gegenwärtige Großwetterlage sein, dass ich diesen Beitrag im Garten unter einem Schirm sitzend tippe, unterbrochen durch regelmäßige Besuche eines recht großen Planschbeckens, welches wenige Meter entfernt im Schatten kleiner Bäume steht. Dazu gehört aber auch der deutliche Hinweis, dass dies keine Glosse über’s Wetter wird. Allenfalls lasse ich en passant ein paar Worte über meine subjektive empfundene, totale Hilflosigkeit gegenüber dieser Omega-Wetterlage fallen. Denn gegen alle anderen möglichen und unmöglichen Dinge kann man irgendetwas tun – auch, wenn es nur Worte sind. Dass die Feder mächtiger als das Schwert sei, ist ja eine Behauptung, die nicht in allen situativen Gegebenheiten Gültigkeit erlangt. Wenn mich jemand mit einer Waffe angreift, nutzen Worte meist wenig. Es sei denn, es handelte sich um eine Zauberformel. Aber derlei funktioniert nur im Kontext meines liebsten Hobbys. In realiter werde ich mich entweder verteidigen, oder Fersengeld geben. Ich selbst bin allerdings recht langsam, also… Dachlatte. Oder, was halt sonst so gerade in Griffweite umherliegt. Es hat doch jeder von uns irgendwo solchen potthässlichen – aber durchaus gewichtigen – Nippes rumstehen, denn Tante Friedegunde anno einunschlörpzig aus ihrem Indomethien-Urlaub mitgebracht hat. Hernach ist der Angreifer außer Gefecht und der Nippes hoffentlich perdu. Aber du kannst mit einer noch so schweren (und hässlichen) irdenen Figur des alten Gottes Baklava nicht auf Hitze einschlagen. Nur auf die Meteorologen. Und das wäre ungerecht, denn die machen auch nur ihren Job.

Wunderschön anzusehen – und doch kämpft man dort schon mit viel härteren Problemen

Wie wäre es aber mit den Politikern, die um’s Verrecken nicht verstehen wollen, dass sie für Profite unsere Zukunft zerstören. So dumm ist doch nicht mal Gas-Kathi, die mittlerweile auch nur noch als Handpuppe der Lobbyisten wirkt. Noch dazu ermöglicht das Profite, die nur einem sehr kleinen Teil der Menschen zu Gute kommen, denn die reale Existenz des “Trickle-Down”-Effekts ist in diversen Studien widerlegt worden. Wie wäre es also, so jemandem eine Figur von Baklava in die Fresse zu schlagen? Ob das Schädelhirntrauma oder der Zuckerschock die Person dahinrafft, wäre dann ja eigentlich völlig einerlei. Aber, aber… wir sind doch nicht gewalttätig – außer der Andere fängt an. Doch man muss sich ernsthaft fragen, was denn nun noch passieren muss, damit man ENDLICH damit beginnt, längst überfällige Dinge zu tun: wie etwa Investitionen in Klimaneutralität, aber eben auch Maßnahmen zum Schutz vor kommenden Extremwetterereignissen. Eigentlich ist es ein schlechter Witz, dass man den ganzen Querdioten, AFDeppen, aber leider auch so vielen stinknormalen Konservativ-Almans immer wieder erklären muss, dass Klima-Erwärmung nicht automatisch bedeutet, dass es dauern heiß ist, sondern dass die Zahl extremer Wetterereignisse seit etwa 30 Jahren erheblich zunimmt. Nein, Hans-Dieter, es war nicht schon immer so wie jetzt! Da bescheißt dich deine Erinnerung! Und genau, weil es so viele Trottel gibt, die einfachste Zusammenhänge nicht verstehen, selbst wenn man ihnen ein Piktogramm und ein paar Worte in einfacher Sprache auf eine Serviette malt, brauchen wir SEHR DRINGEND VIEL MEHR Investitionen in Bildung. Weil auf Grund der Politik, die tote Pferde subventioniert (fossile Technik), was ausschließlich den eh schon zu viel Habenden zu Gute kommt, auch noch die eh schon schlechter Gestellten keine Ressourcen haben, sich gegen die Folgen des Klimawandels zu schützen, müssen Gesundheit und Soziales ebenfalls neu auf die Agenda. Politiker sind nicht ausschließlich dazu da, die Wirtschaft zu schützen – ihr Handeln MUSS dem Wohl ALLER Bürger*innen dienen. Das zu den Bürger*innen auch Unternehmer*innen gehören, ist selbstverständlich. Aber eben nicht nur die.

Ich habe keine Figur des alten Gottes Baklava. Und ich bin auch nicht gewalttätig. Aber ich habe Sorgen. In den letzten Tagen spürte ich, wie ob der nicht nachlassen wollenden Hitze nach und nach eine völlig irreale Angst in mir aufkam. Die Angst, dass das jetzt so weiter geht, bis wir einfach alle an den Temperaturen verreckt sind. Ich gehe körperlich auf dem Zahnfleisch, weil ich kein Jungspund mehr und leider auch nicht allzu schlank bin. Dass zusammen mit meiner Depression hat eine veritable Panikattacke in mir aufkommen lassen. Ich habe unterdessen eine Strategie gefunden damit umzugehen, aber gestern Abend hätte ich nicht in Worte fassen können, wie es mir wirklich geht – und ich war alles in allem so fertig, dass ich nicht mal ein vernünftiges Gespräch mit der besten Ehefrau von allen Zustande brachte. Die nebenbei bemerkt von diesem Mist ebenso gehörig die Schnauze voll hat, wie ich. Denn immer noch gilt “The heat is on!” Heute morgen hatte ich daher früh das Haus verlassen, bin eine Runde durch den See geschwommen und danach in einem nahe gelegenen Mittelgebirge umher gestromert. Ich fand ein Plätzchen, das erträglicher war, als die heimatliche Hütte, schrieb etwas in mein Journal, kam hernach an einem Ort aus der Vergangenheit vorbei und als ich die Tore der Stadt auf dem Heimweg zum zweiten Mal passierte, war ich mit der Hitze als ständiger Begleiterin gewachsen. Natürlich sind regelmäßige Cooldowns trotzdem erforderlich, denn die menschliche Physis ist für solche Temperaturen eigentlich nicht gemacht; zumindest meine nicht. Aber der Schrecken hat sich weitestgehend verloren. Es ist halt einfach nur beschissen heiß. Nach heute Nacht haben wir dann das Gröbste wohl überstanden. Ich kann es kaum erwarten. Aber… wenn sich dieser Meteorologe doch geirrt haben sollte, suche ich nach dieser verdammten Baklava-Figur, wallah… Bis die Tage.

Auch als Podcast…

Der verwirrte Spielleiter N°74 – erwachsen gamen…?

Eines vorweg – bei den idiotischen Temperaturen da draußen (hier aktuell 34°C…) fließen Gedanken manchmal nur wie Melasse. Dennoch haben wir uns dieses Wochenende dazu getroffen, zu zocken. Pen’n’Paper natürlich, dieses Mal unter hartem Einsatz von literweise gekühlten Getränken, feuchten Handtüchern und Ventilatoren in JEDEM Zimmer. Muss man wollen, ich weiß. Wollten wir aber, also zählte der Einsatz! Nun ist das eine Runde mit lauter erfahrenen, engagierten Spieler*innen, die sich was aus dem Hobby, der Geschichte und ihren Charakteren machen. DAS bereitet mir Freude, denn ich selbst möchte am Spieltisch heutzutage vor allem Immersion erleben. Ich möchte die Secondary World mit den Augen meines Charakters sehen. Ich sehe unsere echte Welt viel zu oft mit meinen eigenen Augen. Ich möchte Dinge tun, ganz gleich ob richtig oder falsch, gut oder böse, klein oder groß und die Konsequenzen daraus erfahren. Ich möchte Risiken eingehen, weil es aus Sicht meines Chars das Richtige ist. Und ich wünsche mir das bei meinen Spielern genauso, wenn ich mal wieder mit dem Spielleiten anfange. Ich stelle immer wieder fest, dass ich mit Casual Gaming im Bereich Pen’n’Paper nicht mehr ganz so viel anfangen kann. Vielleicht, weil ich mittlerweile zu oft Kampagnen hatte, die mit tendenziell geringer Ernsthaftigkeit dahin geplätschert sind. Bei denen ich, sowohl als Spieler, wie auch als SL zusehen musste, wie von mir aufgebaute Dramatik für billige Witzchen geopfert wurde. Wie Spieler*innen nicht die Bohne Eigeninitiative entwickelt haben und immerzu an der Haltestelle für den Plotbus sitzengeblieben sind, obwohl der schon lange fuhr. Wie man in jeder Situation verzweifelt auf sein Charakterblatt geschaut hat, als ob dort eine Lösung stünde. Wie Chars halt einfach immer nur 0-Dimensional geblieben sind.

In beiden Runden, in denen ich momentan spielen darf, reflektieren wir das Geschehen am Spieltisch im Nachgang. Denn die eine Prämisse ist, dass die gemeinsame Geschichte und das Handeln der Chars in dieser kohärent bleiben sollen; die Andere, dass dabei alle Spaß haben sollen. Dafür muss man manchmal nachjustieren. Das Verhalten, welches dabei an den Tag gelegt wird, könnte man als erwachsen bezeichnen. Menschen, die in der realen Welt häufig verantwortungsvollen Tätigkeiten nachgehen und über viel Lebenserfahrung verfügen, feedbacken sich gegenseitig, um für alle Beteiligten die bestmögliche Erfahrung schaffen zu können. Das klingt für Außenstehende jetzt möglicherweise ein bisschen nach sozialpädagogischem Sitzkreis. Ich darf versichern – es fühlt sich auch ein bisschen so an; was absolut kein Fehler ist. Viele gesellschaftliche Kontexte könnten etwas mehr Sitzkreis vertragen, dann hätten wir vielleicht nicht so viele Konflikte. Der für mich wichtigste Aspekt dabei ist, dass wir stets in der Lage sind, das Innenleben unserer Chars und unser eigenes voneinander zu differenzieren. Und das funktioniert für mich zumeist sehr gut. Was meine Chars denken und tun, ist deren Interaktion mit der Welt geschuldet. Sie ärgern sich, haben Angst, freuen sich, kämpfen (manchmal mit sich selbst, manchmal mit Gegnern) schließen Freund- und Feindschaften, verlieben sich, wachsen mit ihren herausforderungen… und ich als Spieler erlebe das oft mit einem Schmunzeln, weil ich natürlich im tiefen Grunde meines Herzens weiß, dass das alles nur willing suspension of disbelief ist. Ich kann diese virtuelle Person jederzeit verlassen und wieder in der realen Welt agieren. Und dennoch werden die Struggles, die Kämpfe, die Siege und die Niederlagen, die Motive und Ziele, die Entwicklung für mich real genug, dass ich darin investiert bleibe. Das ist, wie ICH dieses Spiel speieln und leiten möchte.

Das mag jetzt beinahe wie Arbeit klingen. So erwachsen und reflektiert. Aber genau das ist es eben nicht. Im Kern spiele ich die ganze Zeit “Was wäre wenn…?” in einer deutlich weiter entwickelten Variante von “Räuber und Gendarm”. Ich lasse mein jetztzeitiges ICH in der Realität zurück und beschäftige mich mit Herausforderungen, die – ganz gleich, wie virtuell sie auch sein mögen – im Moment des Spielens so real werden, dass sie mein Denken und Fühlen bestimmen. So wie ein Kind sich im Spiel verliert und durch Erreichen des Flow-Zustandes (fast) alles um sich herum vergessen kann, bis irgendein genervter Erwachsener an die lästigen Zeitvorgaben der echten Welt erinnert – und die secondary world zerfasert. Das tut sie auch für mich, wenn die Sitzung endet. Nur dass wir erwachsenen Gamer uns unsere Zeitvorgaben selbst machen dürfen 😉 Diesen Flow als Spieler (wieder) erleben zu dürfen ist ein riesiges Privileg. Denn in den Runden, in denen ich letzthin geleitet hatte, war mir die Leichtigkeit, die Lust am freien Spiel, die Fähigkeit, Drama zu kuratieren, ohne die Spieler*innen in ihrer Handlungsfreiheit einzuengen abhanden gekommen. Eben, weil ich diesen unbedingten Drang, das Spiel mit gestalten zu wollen, den ICH immer und überall mit an den Tisch bringe nicht fühlen, nicht sehen, nicht erleben durfte. Wahrscheinlich habe ich irgendwann meine Selbstwirksamkeitserwartung (zu) hoch geschraubt und damit meinen eigenen Spielspaß gekillt. Doch die Runden, in denen ich momentan spiele, wirken unterdessen für mich wie eine Ladestation für den Forever DM in mir, der eigentlich immer Spaß am Spieltisch gehabt hatte. Ich verstehe es als erwachsenes Spiel, bin aber gerade dabei, mein inneres Kind mit dem erwachsen agierenden Gamer zu versöhnen. Fühlt sich gut an. Auch wenn ich dieses Wochenende einmal zwischendurch die Erfahrung machen musste, dass die hohe Dichte an konflikthaltigen social encounters mich deftig getriggert hat – wegen der vielen Intrigen, Bigotterie und Hinterfotzigkeit, die ich in den letzten 18 Monaten bei der Arbeit erleben musste. Schwamm drüber. War trotzdem schön. Auch, wenn wir in real life beinahe verdampft wären… So, ich wünsche euch einen erträglichen Start in die neue Woche. Ich muss jetzt noch Kampagnen-Journale schreiben. Draußen ist es eh zu heiß für irgendwas anderes…

Auch als Podcast…

What about happiness…? (Part 7)

Das Wichtigste zuvorderst – aus meiner Sicht ist mein Status weiterhin ungeklärt. Aber dem werde ich nächste Woche Abhilfe schaffen. Die ersten Tage waren zumindest teilweise ein ziemlicher Hustle, weil vieles liegen bleibt, wenn man in Urlaub ist. Nicht nur bei der Arbeit. Zudem tut meine physische Gesundheit nicht so, wie sie soll, was natürlich zusätzlich auf’s Gemüt drückt. Und wir sind hier in einem Wetter gelandet, dass sich die letzten Tagen so gar nicht nach Mitte Juni angefühlen wollte. Schlecht für den weiteren Abbau des Vitamin-D-Defizits. Wir sind nun schon seit 6 Tagen zu Hause und letztlich lässt sich nur sagen, dass der Alltagstrott nach unserer Auszeit so viel schneller zugeschlagen hat als sonst, dass ich nicht genau weiß, wie lange das noch so weitergehen kann. Ich meine… mit Blick auf manche Dinge bin ich entspannter, aber die Sorgen und Probleme rings um meinen Job waren mit einem einzigen Fingerschnippen wieder so präsent, als wenn ich nie weg gewesen wäre. Den Ratschlag über das Verlassen des Alltagstrott, den ich mir selbst und meinen Leser*innen in meinem letzten Post aus Italien gab zu beherzigen, schaffe ich derzeit nicht mal im Ansatz! Ob’s am Energieniveau liegt, an äußeren Umständen oder der Tatsache, dass ich mir derzeit bezüglich meiner Zukunft tatsächlich unsicher bin, spielt dabei keine Geige! Damit leben muss ich trotzdem. Ich hatte tatsächlich, nachdem ich hier ausgesprochen hatte, dass ich auch zum Jobwechsel ernsthaft bereit bin, wenn sich nicht etwas ändert, nachts zum ersten Mal in meinem Leben eine Panikattacke. Ich kann gar nicht so präzise beschreiben, wie sich diese geäußert hat – außer dass sich offenkundig ein sehr tiefsitzendes Unwohlsein bezüglich meiner Erkenntnisse meiner bemächtigt hatte. Ich werde in zwei Tagen 52 und auf dem Arbeitsmarkt bin ich jetzt nicht mehr unbedingt der heiße Scheiß, auf den jeder sehnsüchtig wartet. So viel Realismus muss dann wohl doch sein. Ob ich also happy bin? Sagen wir mal so: es gibt ein paar tolle Dinge, die mich von meinen anderen Sorgen ablenken – und die machen mich sehr wohl happy! Z. B unsere TTRPG-Sitzungen (die erste hatte ich gleich gestern) Zudem verarbeite ich – wenn leider auch nicht ganz so bewusst – immer noch die Eindrücke unserer Reise. Aber wirklich happy bin ich NICHT!

Die Heimfahrt führte uns über einen letzten Stop in Italien in einem entzückenen kleinen Städtchen in der Emilia-Romagna: Castell’Arquato. Wenn man in der Gegend unterwegs ist, lohnt sich der Abstecher. Die sonntägliche Heimfahrt kostete mich eigentlich nur auf deutschen Autobahnen wirklich Nerven, denn kaum, dass man Weil am Rhein passiert hat, schaltet offenkundig jedes einzelne Mal irgendeine unsichtbare Macht die Hirne vieler Fahrer einfach aus. Sei’s drum. Wir fuhren, wie eigentlich immer in den letzten Jahren, vorher ÜBER den Gotthard, anstatt drunter durch und ich bin immer wieder fasziniert und angetan vom Hochgebirge. In Summe war es dieses Mal keine Zeitersparnis, aber auch kein Zeitverlust. Doch auch diese, im Vergleich weitestgehend stressfreie Heimfahrt bei bestem Wetter, die wunderschönen Abstecher… all das konnte dieses Grimmen in meiner Magengrube nicht vollständig überdecken. Und egal, wie sehr ich auch versuche, mich mit schönen Dingen abzulenken – so lange meine persönliche Situation noch einer nachhaltigen Lösung für die Zukunft harren muss, werde ich keine echte Ruhe finden. Dazu hängt einfach zu viel davon ab, wo ich meinen Platz haben werde und wie gut ich damit zum Unterhalt der Mischpoke beitragen kann! Da beißt keine Maus den Faden ab. Noch ein verdammt guter Grund, den Kapitalismus, wie er heutzutage ist, einfach hassen zu müssen. Ich kenne natürlich Leute, die das anders sehen. Aber aus meiner Sicht verschwenden immer noch und immer wieder viel zu viele Leute ihre wahren Potentiale in irgendwelchen Bullshitjobs, verleugnen ihre tatsächliche Berufung für den Dollar, der eben so ihre existenziellen Bedürfnisse stillt, roboten sinnentlehrt vor sich hin und vergessen unterdessen, wer oder was sie eigentlich sind… oder wenigstens: sein müssten! Zum Kotzen! Doch auch ich habe noch kein probates Mittel gegen diese wahre Pest unserer Zeit gefunden.

Die Tage saß ich mit zwei hochgeschätzen Kollegen zu Tisch und die lebhafte Diskussion hatte sich entzündet an Apples’ Ankündigung, die neue KI nicht nach Europa zu bringen, weil es keine Übereinkunft mit den europäischen Datenschützern gäbe. Die zwei Kollegen ärgerten sich darüber und argumentierten, dass Europa dadurch technologisch wie auch wirtschaftlich abgehängt würde. Meine Argumentation, dass der flächendeckende Einsatz solcher Large Language Models aus dem Silicon Valley durch weitere Monopolisierung nur zu einer weiteren Kapitalagglomeration bei den Tech-Bros führen würde, die aus meiner Sicht eine erhebliche Gefahr für die Demokratie darstellen und dass eine Einschränkung demokratischer Prozesse zur Beschleunigung technischer Entwicklung (wie etwa in China praktiziert) nicht sinnvoll sei, ist, wie ich glaube, nicht so ganz angekommen. Dazu ist mein Blick auf den Kapitalismus für die zwei Kollegen wohl doch ein Mü zu sozialistisch. Ich bin unterdessen davon überzeugt, dass Milliardäre zumindest teilenteignet, Unternehmens-Erbschaften und Kapitalerträge wesentlich stärker besteuert und eine wirklich soziale Marktwirtschaft wiederhergestellt werden müssen, um einzelnen Menschen endlich die Macht zu nehmen, “demokratische” Prozesse (und damit die Lebensumwelt der Nicht-Habenden) nach ihrem Bilde zu gestalten und die frappierende soziale Ungleichheit abzumildern. Und ich bin auch nicht mehr zu diesbezüglichen Konzessionen bereit. Ich spreche niemandem ab, dass er oder sie ein leistungsgrechtes Einkommen verdient. Aber leistungsgrecht bedeutet zum Beispiel für einen CEO nicht das 490-fache Jahresgehalt eines einfachen Mitarbeiters. NICHTS AUF DIESEM PLANETEN RECHTFERTIGT SOLCHE SUMMEN! Insbesondere dann nicht, wenn gleichzeitig die Reallöhne der einfachen Beschäftigten fallen und die nicht-fixen Bonusanteile der Management-Gehälter von der erwirtschafteten Rendite abhängen, die heutzutage allzu oft durch die “Freisetzung von Humanressourcen” (also Massenentlassungen) realisiert werden. Was in der Folge zur Arbeitsverdichtung und noch mehr kranken, ausgebeuteten Menschen führt. Vielen Dank für nichts, Kapitalismus!

Ich merke gerade, wie sehr sich meine Gedanken nicht nur um soziale Gerechtigkeit an sich, sondern vor allem auch um einen Ausweg für mich selbst aus dieser Tretmühle drehen. Und wie unhappy mich diese Erkenntnis wirklich macht. Vielleicht ist es gar nicht mal verkehrt, dass ich ausgerechnet an meinem Geburtstag wieder zur Therapie gehe. Ich wünsche euch einen wunderschönen Samstag.

Auch als Podcast…

Benvenuti nelle Marche N°20

Die Tage verfliegen schnell wie der Wind, der noch gestern dicke Gewitterwolken über das Land getrieben hat. Ich bin definitiv nicht der Einzige, dem die Zeit en passant zwischen den Fingern zerrinnt; denn während wir denken und planen, tun und ahnen, passiert es einfach. Und ganz gleich, was wir fürderhin alles noch tun zu wollen oder zu müssen glauben… was in dieser Sekunde vor meinen Augen, meinen Ohren, unter meinen Händen vorbeizieht, DAS ist es, was wir Leben nennen. Angewidert und fasziniert zugleich von der unüberwindbaren Mauer der nächsten Sekunde gewahre ich, wie das Pendel unaufhaltsam vor und zurück schwingt, Zeit in kleine Stückchen schneidet, während ich – nicht allein – gebannt darauf warte, dass irgendetwas passiert, das mich aus meinem Trott herausholt. Mein Trott! Was für eine falsche und zugleich so perfide Wortkonstruktion. Macht sie mich doch selbst glauben, einem geschundenen Maultier gleich, tagein tagaus unter glühender Sonne um den Brunnen zu laufen, um Wasser zu fördern. Stupide. Eintönig. Tag um Tag, Woche um Woche, Monat um Monat, bis ein gnädiger Tod meine freud-, sinn- und nutzlose Existenz ENDLICH beendet. WAS FÜR EIN STUSS IM QUADRAT! Mutter Natur gab mir zwei Hände und einen Kopf – mithin alles, was es braucht, um für sich selbst zu denken, die Gedanken in die Welt zu tragen und sich seinen Sinn auf diese Art selbst zu schaffen. Nein, vielmehr, sich selbst zu ERSCHAFFEN. Freude und Nutzen emergieren aus der eigenen Schöpfung dann oft im gleichen Zuge, wenngleich nicht notwendigerweise. Es braucht auch ein bisschen Glück und Beharrlichkeit. Und doch… und doch lassen wir uns immer wieder in diese Spirale der selbstverschuldeten Unmündigkeit hineinziehen, weil es so viele Ablenkungen, so viele Optionen, so viele vermeintliche Vorbilder gibt, die uns weißmachen wollen, dass Andere besser wüssten, wie wir unser Leben richtig zu leben hätten. Ach verflixt, wir brauchen eine neue Aufklärung (nö… nicht die mit den Bienchen und Blümchen…)

Aber es sind immer wieder solcherlei widersinnige Wahrnehmungen, die einem die letzten Tage des Urlaubs verleiden können. Und ich werde nicht behaupten, dass es mich, oder die beste Ehefrau von allen nicht auch umtreiben würde, am Samstagmorgen – wenn auch mit einem spontan gebuchten Stop in der Emilia Romagna bis Sonntagmorgen – die Heimreise antreten zu müssen. Genau in diesem Moment jedoch sitze ich, bei ca. 26°C mit blauem Himmel, im Schatten der Pergola und schaue über das Tal vor unserem Ferienhaus. Und es ist eine wahre Wonne, denn die Landschaft ringsum ist einfach wunderschön. Der Grill kühlt noch ab, das Essen war köstlich und der Abend wird lau. Zuvor haben wir einen kurzen Ausflug gemacht und danach Bahnen im Naturpool unten am Hang gezogen. Ein idealer Tag, um zu vergessen, was zu Hause alles wartet. Aber selbst, wenn ich heute bei der Arbeit gewesen wäre und nun “nur” zu Hause auf dem Balkon säße, bliebe es immer noch meine Entscheidung, mich darob zu grämen, was ich alles “verpasse”. Denn… was verpasse ich tatsächlich? Soll ich mich tatsächlich, nur auf Grund der bunten bewegten Bildchen Dritter auf Antisocial Media der FOMO (Fear Of Missing Out) hingeben? Bildchen, die genauso hart gestellt und kuratiert sind, wie jene, die ich hier benutze? (Ja, ich bearbeite meine Fotos NATÜRLICH auch, weil ich finde, dass diese meinen ästhetischen Maßstäben genügen sollten). Bildchen, die ein Leben zeigen, so echt wie Wimpern von irgendeinem weiblichen C- oder D-Promi? Hell no, what the fuck? Mein Leben findet da statt, wo ich gerade bin – und ich bin auch kein armes Maultier, dass immerzu um einen Brunnen laufen muss, sondern ein Mensch, der seine eigenen Entscheidungen treffen, sein Schicksal in die eigenen Hände nehmen, sein eigenes Ding machen kann. Zumindest innerhalb der üblichen Grenzen. Aber diese Grenzen sind okay so.

Ich schrieb die Tage über was Wollen. Ob man es überhaupt kann und falls ja, ob man es auch tun sollte. Vielleicht habe ich das noch nicht scharf genug hearusgearbeitet – JEDE*R SOLLTE WOLLEN! Nur vielleicht nicht alle das Gleich zur gleichen Zeit. Aber mit einem bisschen Individualität ist das ja auch nicht unbedingt wahrscheinlich. Solcherlei Probleme entstehen eigentlich immer nur dann, wenn große Mengen von Leuten zusammen den gleichen (falschen?) Idealen hinterhertraben, weil es a) wenigstens in eine Richtung geht, b) man nicht alleine ist, c) der/die/das da vorne schon wissen wird, was richtig ist und d) man gemeinsam ja auch stärker ist. Und schon haben wir auch noch das Patentrezept für zeitgenössische Scheiße im Ventilator: den Internet-Shitstorm. Wenn ich jetzt z.B. sage, dass alle Songs von Taylor Swift gleich klingen und ich mich nicht wundern würde, wenn diese überaus seichte Kost von einem Algorithmus komponiert worden wäre, ist das quasi gleichbedeutend mit Online-Suizid. Gottseidank ist mir das Wurscht und ich kann hier meine Meinung einfach sagen, denn alle auflaufenden Kommentare müssen sowieso erst durch mich freigegeben werden. Daher kann ich sagen: sogenannte “Swifties” sind für mich der Inbegriff medialer Selbstversklavung und -verdummung! Ich will unterdessen etwas ganz anderes! Ich will über meine freie Zeit so verfügen, wie ich es für richtig halte! Ich will – nicht nur im Urlaub – mich selbst als eigenständig und frei erfahren! Ich will gestalten, wo, wie und was ich nur kann! Und ich will kein Swiftie werden! Egal für welches dämliche Medien-Franchise auch immer. Da bin ich lieber mein eigenes Medien-Franchise. Und während ich all dies hier schrieb, da ist die Zeit voran geschritten, wurden kleine Stücke durch das Pendel des Schicksals abgesäbelt, die sang- und klanglos im allzeitigen Strom des ewigen Vergehens mitgerissen worden sind; und es hat nicht mal wehgetan. Denn die Zeit ward gut verbracht, weil die Entscheidung, sie so zu verbringen MEINE war. Und… was habt ihr heute so gemacht, das für euch Sinn ergeben hat; ganz gleich ob in der Ferne oder zuhause? Wir hören uns die Tage wieder…

Benvenuti nelle Marche N°19 – Urlaubsschreibe?

Es ist hier ein bisschen wie ein zweiter Job. So ‘ne Art Side-Gig, nur dass er mir kein Geld bringt. Denn ich schreibe ja weder in irgendjemandes Auftrag, noch um (Werbe)Klicks zu generieren. Überhaupt ist mir die galoppierende Enadvertisierung des gesamten Netzes ein Gräuel. Weil mir der noch härter galoppierende Konsummaterialismus ein noch größerer Gräuel ist. Immerzu und überall Adds für irgendwelchen nutzlosen Schrott – oder nutzlose und überteuerte Dienstleistungen – in die Fresse gekloppt zu bekommen, ist einfach nur ekelerregend. Nur, um dem, sich jetzt in manchen Köpfen bereits hörbar bildenden Dummgebabbel präemptiv zu begegnen – NEIN, Bedarf des Alltages zu kaufen, ist kein hart galoppierender Konsummaterialismus. Der realisiert sich nämlich in der immer wieder stattfindenden Anschaffung von Dingen, die kein Schwein wirklich braucht und deren Herstellung und Distribution somit unnütz Ressourcen verschwenden, nur damit jemand im Forecast II schreiben kann, dass die KPI sich nach den Vorhersagen entwickeln; und das Bankkoto von jemandem, der oft eh schon genug hat noch ein bisschen fetter wird. Aber da kann ich mir den Mund fusselig reden, wie ich will – die Markenjünger allüberall z. B. sind halt so hart indoktriniert, dass sie sich tatsächlich über die Ästhetik eines ca 150x70x8 mm großen Glas-Metall-Konglomerats streiten, dass für das ca. 10-fache seiner eigentlichen Produktionskosten verkauft wird. Sach ma, habt ihr sie noch alle? Was für’ne Ästhetik? Das is’n verficktes Handy! Bei Michelangelos David können wir über Ästhetik streiten, beim Eiffelturm, einem 507er BMW-Coupé, meinetwegen auch wegen Möbeln, dem Design der Kitchenaid oder den Fliesen für’s Bad. Ein 150x70x8 mm großen Glas-Metall-Konglomerat sieht jedoch für meine Auge immer gleich aus. Und es hat nur eine einzige Aufgabe zu erfüllen – mich mit der Außenwelt zu verbinden. Wegen mir kann das Ding auch schreiend gelb und 15 mm dick sein, wenn’s halt nix anderes gibt. Die Gegenstände des täglichen Gebrauches können gerne gewissen Ansprüchen an Optik und Haptik genügen, aber die Fetischisierung des Äußeren, die überlassen wir doch bitte jenen, die das ganz unbedingt nötig haben, ja…? Wer das sein könnte, denkt euch bitte selbst.

Ach Mist, ich bin wieder abgeschweift. Aber so eine gute Ladung Kapitalismuskritik geht einfach immer. Und auch hier gilt – bevor jetzt einer das Maul aufreisst und mir Bigotterie vorwirft, weil ich ja auch nur im System Kapitalismus arbeite und davon profitiere – zeig mir mal, wie ich als Mensch in unserem Gesundheitswesen den Lebensunterhalt ranschaffen soll, ohne mich der Marktlogik zu unterwerfen, du Hanswurst! Die Leute bezahlen mich im Übrigen nicht für 40h/Woche sondern für über 30 Jahre Erfahrung. Diesen Unterschied werdet ihr irgendwann schon auch noch verstehen. Ist gar nicht so schwer. Der Umstand, dass meine Expertise einen gewissen Wert hat, verschafft mir auch die Freiheit, hier über die Dinge schreiben zu können, die mich wirklich interessieren. Dazu gehört übrigens nicht der Forecast II oder die KPI! Wenn dich jedoch deine realen existentiellen Sorgen innerlich killen, dann schreibst du zumeist kein Blog, zumindest nicht so eines, wie das hier. Das tust du aber zum Beispiel dann, wenn es existentialistische Sorgen sind – also jene Fragen, die sich um Sinn, Ziele, individuelle Freiheit und persönliche Entwicklung drehen. Oder, um es mit einem bösen Wort zu belegen: Luxusprobleme. Nun ist es so, dass ich eine Menge Leute kenne, bei denen sich alles um Zahlen dreht; um Prestige, um Gewinn, um Macht, um Deutungshoheit, um Gesicht – oder darum, ums Verrecken Recht behalten zu müssen. Denn BWL ist – in meiner bescheidenen Wahrnehmung – weitesgehend nicht mehr, als ein System aus Dogmen, Konventionen, Wahrscheinlichkeiten und Küchenpsychologie. Danny Kahneman hat dann die Irrationalität des Menschen bei ökonomischen Entscheidungen nachgewiesen – eindrucksvoll genug für einen Nobelpreis in Wirtschaftswissenschaften – und dennoch glauben viele immer noch an den Homo Oeconomicus. Will mir nicht in den Kopf. Und das, was ich gerade tue ist ein schlagender Beweis dafür. Denn ich verwende gerade die kostbarste Ressource, welche uns Menschen gegeben ist – meine Lebenszeit – darauf, etwas zu tun, dass für mich keinen weiteren Nutzen hat, als das befriedigende Gefühl, es getan zu haben. Was soll das denn…? Sagen wir mal so – BWL produziert die Luxusprobleme, denn echte Sorgen sind da zu finden, wo es um den Sinn geht. Da findet man auch jene Leute, die sich um Nachhaltigkeit und eine halbwegs lebenswerte Zukunft für folgende Generationen kümmern. KPIs gibt’s im Dreimonatstakt – eine Zukunft für alle nur im Dekadentakt.

Ich kann folglich nicht einfach – nur weil ich gerade Urlaub habe – in die Urlaubsschreibe wechseln. Ich bin kein Berufs-Feuilletonaille (also eine Kanaille, die Feuilletons schreibt) und auch kein Möchtegern-Humorist für die Schenkelklatscherei, denn ich bekomme ja wie gesagt kein Geld dafür. Für’s Feuilleton müsst ihr meist (Abogebühren) zahlen und den Billighumor bekommt ihr vom Hartz-TV oder durch die ganzen Memes auf Antisocial Media. Daher mache ich mir hier lieber um die die Dinge Gedanken, die ich für wichtig erachte. Und auch, wenn da manchmal ein leidlich lustiges Stück wie etwa gestern bei rauskommt, ist das doch nur Denkabfall, der auch mal raus muss. Nehmt’s mir also bitte nicht übel, wenn auch zu Ferienzeiten hier manchmal die schmerzhaften Wahrheiten mit der groben Kelle ausgeteilt werden. Immerhin könnt ihr diese ja auf eurem völlig überteuerten 150x70x8 mm großen Glas-Metall-Konglomerat anschauen, dass so schön in der Hand liegt. Ciao…

Benvenuti nelle Marche N°18 – Leichtere Urlaubskost…?

Reisen bildet. Ganz selten mal den Geist, des Öfteren das Herz und ganz sicher immer eine Meinung. So oder so – du kommst nicht als der zurück, der du warst. Zumindest, wenn du es zulässt, dass der Ort deiner Sehnsucht dich auch wirklich berührt. Ich gestehe: ich habe in meinem Leben tatsächlich einmal eine All-Inclusive-Reise gebucht. Und auch noch dazu nach Nordafrika. Zur Erinnerung: 1998 hatte Tunesien ein stark autokratisches Regime unter Präsident Zine El Abidine Ben Ali. Uns als Touris war das nicht bewusst (oder die Zeichen waren einfach egal), denn es sah ja alles so schön fremdländisch aus. Ich meine zu erinnern, dass irgendein deutscher Kabarettist mal sinngemäß gesagt hat, das Elend im Gastland ist schon okay, wenn es nur romantisch aussieht. In dem Sinne habe ich mich also einmal schuldig gemacht. Jedenfalls brachte dieser Urlaub uns Lustbarkeiten und auch schöne Erinnerungen, wie etwa einen Ausflug zu den römischen Stätten in Tunesien, vor allem Dougga. Unser Tourguide war ein Professor für Geschichte von der Uni Tunis, der den ganztägigen Ausflug mehrsprachig begleitete. Allein der Umstand, dass ein hochgelehrter Akademiker sich seinen Geldbeutel mit Touri-Touren aufbessern musste, hätte mir jedoch ein Hinweis auf den Zustand des Landes sein können. Nun ja, passiert ist passiert, sich heute darüber zu ärgern, ändert die Geschichte auch nicht mehr. Unterdessen sind unsere Ziele schon seit über zwei Jahrzehnten immer Selbstversorger-Appartments, die innerhalb Europas mit dem PKW erreichbar sind; bevorzugt in Italien und Frankreich. Es gibt da (wie auch in Deutschland) noch mehr als genug zu entdecken. Dazu gleich mehr. Denn wir waren eigentlich bei der Frage, inwieweit einen das Sehnsuchtsziel wirklich berührt? Wozu wir erst mal klären sollten, um welche Sehnsucht es denn überhaupt gehen soll. Wenige Menschen oder viele? Ruhe oder Action? Kontemplation oder Party? Berge oder Meer? Fliegen oder Fahren? Kultur oder Chillen? Chaotischer Filmriss oder langsamer Genuss? Und… wenn ich all das geklärt habe, heißt das noch lange nicht, dass der Plan funktioniert. Denn, wie ich dieser Tage schmerzhaft feststellen musste, kann man ja auch in der Ferne trüben Gedanken nachhängen. Doch das soll jetzt nicht das Thema sein.

Wenn ich heutzutage in die Fremde reise, dann versuche ich wenigstens ein paar Brocken der Landessprache zu beherrschen und die kulturellen Gepflogenheiten der Ansässigen zu achten. Dazu gehören Manieren, Kleidung, bewusstes Sich-auf-die-Dinge-einlassen und die Bereitschaft, etwas dazuzulernen. Ich habe in so einigen Posts schon geschrieben, dass ich Menschen hasse. Ich möchte das zu dieser Gelegenheit jedoch noch etwas differenzieren: ich hasse nur jene Menschen, die sich als dumme, dogmatische, eitle, selbstgerechte, egoistische chauvinistische, faschistische, rassistische Arschlöcher entlarven. Die findet man nun leider echt überall auf dem Erdenrund. Aber im Urlaub ist es für mich besonders nervtötend, wenn es andere Urlauber sind, die sich benehmen wie die Axt im Walde und damit eines oder mehrere der vorgenannten Kriterien erfüllen. Was ist schwer daran, sich in der Fremde wie ein guter Gast zu verhalten? Wie kann man nur auf die Idee kommen, dass woanders alles so sein müsste wie daheim? Warum verreist man überhaupt, wenn man den Anspruch erhebt, das alles so sein müsse wie daheim? Nur vielleicht in bunter, pittoresker, wasauchimmer? Ich bereise Italien jetzt seit gut 22 Jahren (von denen ich insgesamt mehr als 8 Monate im Land verbracht habe) und ich lerne jedes Jahr wieder was dazu. Oft über Land und Leute, aber nicht selten auch über mich selbst. Ich kann mittlerweile mit Fug und Recht behaupten, dass meine Seele Südländer ist. Die miefig-spießige Verwalter-Mentalität des deutschen Michels ist mir so fremd, wie die Oberfläche des Mondes. Was natürlich für viele andere Deutsche auch gilt. Aber man trifft diese Vertreter immer wieder. Die fahren zeitgleich mit allen Anderen in die Fremde, ärgern sich über den Stau (das tue ich allerdings auch), erwarten sowas wie den Pott in Bunt mit Meer und wundern sich, wenn’s auf der Karte im Restaurant keine Currywurst mit Pommes gibt… Da musste dann halt in die “Carrer del Pare Bartomeu Salvà” gehen – besser bekannt als “Schinkenstraße” in El Arenal auf Mallorca… Wobei man in den Medien gut sehen konnte, dass die dort Ansässigen von dieser (Ab)Art Torismus die Schnauze gestrichen voll haben. Nachrichten zu den Protesten seit 2024 lassen sich ja leicht finden.

Was ist die Sehnsucht jener Menschen, die dorthin reisen, um sich – dicht auf dicht in mehr als nur einer Hinsicht – auf engstem Raum zu tummeln; schmerzerregende Partyschlager wie “Scheiß drauf, Malle is nur einmal im Jahr” inclusive? Ich weiß es nicht! Ehrlich! Aber es ist NICHT – GANZ SICHER NICHT – DIE Sehnsucht, welche ICH mit Urlaub verbinde. Ich suche Zeit zum Schauen, Knipsen, Lesen, Denken, Schreiben, Reden, Kochen, gut Essen, einfach Sein. Und ich möchte dabei so viel Ruhe wie möglich haben. Wahrscheinlich bin ich zu alt für dieses völlig jecke hispano-germanische Party-Gerammel bis zum Absturz. Wenn ich so darüber nachdenke, war ich wahrscheinlich noch nie jung genug dafür. Ich habe echt nix gegen leichte Kost dann und wann. Aber DAS, was nicht wenige da abziehen, ist seichter als jede ARD-Vorabend-Soap. Und ich kann mir auch nicht vorstellen, dass die verändert aus dem Urlaub zurückkommen. Mit weniger Euro auf dem Konto, erweiterter Hautkrebs-Vorbereitung, schlechteren Leberwerten und Tschakkeline hat vielleicht ‘n Braten in der Röhre, Koch unklar… Aber ansonsten herrscht Ebbe bei persönlicher Entwicklung. Und bevor jetzt jemand wieder mit dem “rotweinsaufender Toskana-Pädagoge”-Klischee um die Ecke kommt: a) so viel Rotwein trinke ich gar nicht, b) ich versuche NIEMALS Goethes Bildungsreise nachzustellen (der kam in den Marken gar nicht vorbei, was ein eindeutiger Fehler war) und c) bin ich BERUFSpädagoge. Die haben keine Zeit für ein so hochtrabendes Selbstbild, weil sie in der Arbeitswelt beheimatet sind.

Heute regnet es seit dem Mittag. Ist für mich jetzt kein großes Problem. So ein Blogpost schreibt sich nicht in fünf Minuten, was zu lesen habe ich auch noch und kochen und essen braucht – wenn es denn gut sein soll – auch so seine Zeit. Gut Dinge will Weile haben. Was die zuvor bereits erwähnten Pauschaltouris ohne Plan B machen, weiß ich nicht – will ich aber (man möchte ja auch mal seine Vorurteile pflegen dürfen) auch gar nicht wissen. ICH bin einfach nur ein langsam älter werdender Sack, der sich wünschte, dass die alljährliche Urlaubsreise nicht automatisch zur vollkommenen Deaktivierung des Gehirns führte. Ich liege halt irgendwo in der schlecht ausgeloteten Grauzone zwischen Ballermann-Assi und Toskana-Oberlehrer. Denn Extreme sind auch im Urlaub schlecht. In diesem Sinne, bis die Tage wieder.