Zurück in Italien. Und dank der Freundlichkeit unserer Gastgeber fühlt es sich – nicht nur für mich – an, wie heimkommen. Die Anreise war, wie so oft, wenn in Baden-Württemberg Ferien sind, allerdings kein Zuckerschlecken. Der Ritt durch die Schweiz hat mich beinahe meinen allerletzten Rest Contenenace gekostet. Immerhin am Ende, vor mir nur Idioten, im Straßengraben keine Toten… Aber sind wir nicht alle die allerbesten Autofahrer unter Gottes Sonne? Die Tour durch Italien war dann viel besser. Bis auf kleine Stockungen lief es wie am Schnürchen. Und nachdem gestern Nachmittag das Auto entladen und alles am richtigen Ort verstaut war, konnte ich mein Versprechen an mich selbst wahrmachen und meine ersten paar Hundert Meter im Pool schwimmen. Ende Mai noch ziemlich frisch, aber das tut dem Spaß keinen Abbruch. Ich weiß jetzt, dass meine Schulter trotz gelegentlichem schmerzhaftem Rumgespacke immer noch ganz gut Strecke machen kann. Oberflächlich betrachtet ist also alles in Butter. Und unter der Haube…? Tja da läuft die Denkmaschine ununterbrochen. Meine unausgesprochene Hoffnung ist natürlich, wieder ein wenig mit mir selbst ins Reine kommen zu können. Da ich hier fern von allen beruflichen Problemen und Sorgen bin, könnte das klappen. Heute Nacht habe ich jedenfalls geschlafen wie ein Toter. Doch ich kann ja nicht anders, als mir Denkfutter mit in den Urlaub zu nehmen. Und als ich heute morgen Anfing, das erste Buch zu lesen, stellte ich fest, dass die ersten Kapitel von einer Zeit der Umbrüche, vor allem aber von persönlichen Umbrüchen der Protagonisten handeln. Und das hat für mich gerade jetzt große Relevanz, weil es sich um historische Persönlichkeiten handelt, die allesamt als Philosophen im 20. Jhdt, Bedeutung erlangt haben. Und die sich, jeder auf seine Weise mit entscheidenden Fragen rings um unser Menschsein auseinandergesetzt haben. (Literaturhinweis unten).

Wenn man einmal mehr mit der wenig trivialen Frage ringt, was man denn zukünftig mit seinem Leben noch anfangen möchte und ob die Stelle, an der man gerade steht überhaupt (noch) die richtige ist, weil die Arbeitsumstände einem dauert Verdruss bescheren, dann kommen Erörterungen rings um Sein, (Selbst)Bewusstsein, Sinn und Ziele natürlich gerade recht. Wenngleich die Menschen, um die sich das Buch dreht, mit dem Jahrzehnt nach dem Ende des ersten Weltkrieges (auch als “Roaring Twenties” bekannt) in einer Zeit gelebt, gelernt, gelehrt und gelitten haben, deren Kommunikation, Kultur, Denkarten, Politik und Verlauf aus völlig anderen Voraussetzungen entstanden ist, als unsere heutigen “New Roaring Twenties”. Diese scheinen ein Jahrzehnt zu sein, dass die Erkenntnisse der 1920er bewusst und mit Macht konterkarieren zu wollen scheint. Die Menschen mussten 1919 mit den Erfahrungen aus einem unfassbare grauenhaften Weltkrieg umgehen lernen und ein neues Ich erschaffen, weil das alte – teils in den Schützegräben, teils an der “Heimatfront” – gestorben war. Ich spreche hier zwar von Philosophen (Wittgenstein, Heidegger, Benjamin, Cassirer), doch auch für diese Menschen war die Erfahrung präsent und formierte einen Rite de Passage, dessen Härte ich mir nur schwer vorstellen kann. Wenn unsere 2020er hingegen irgendetwas beweisen, dann, dass die Geschichte wahrhaft ein Kreislauf ist und wir Menschen – oder besser unsere sogenannten Staaten- und Wirtschaftslenker – aus ihr immerzu nur eines lernen: nämlich wie wir einander noch schneller und effizienter verletzen, unterdrücken, beherrschen, töten oder sonstwie beschädigen können. Die weltweit steigenden Zahlen psychischer Erkrankungen sprechen hierüber eine deutliche Sprache. Und unser Bundeskanzloide hat nichts besseres zu tun, als Menschen, die sich dem entgegenstellen zu beleidigen, zu diffamieren, ihre Haltung zu diskreditieren und den anderen “Elitenvertretern” Zucker in den Arsch zu blasen und ihre Konten zu boosten. Das hätten sich selbst Huxley und Orwell nicht besser ausdenken können. Doch was bedeutet das alles für mich? Denn… sorry, aber das hier ist MEIN Blog, also geht’s hier um mich!
Ich stehe an einer Schwelle. Dies kognitiv zu realisieren und emotional zu verarbeiten, sind jedoch zwei sehr unterschiedliche Paar Stiefel. Irgendwie zu wissen, dass man halt etwas ändern MÜSSTE, jedoch emotional keinen Zugang zu dieser Aufgabe zu bekommen und darum erstmal alles beim Alten zu belassen, dürfte so ziemlich die menschlichste aller Sünden sein. Siehe seine Wut oder seine Ängste in den Griff bekommen, Abnehmen, sich das Rauchen abgewöhnen, mit der Sauferei aufhören, etcpp. Wir WISSEN relativ schnell, was uns wirklich gut täte, jedoch… jedoch… Und so ist es mit meiner Schwelle. Ich sehe sie. Ich kann sie unterdessen sehr gut benennen. Ich wüsste auch, was ich verändern wollen würde – aber ich schaffe den Schritt nicht! Weil meinen Job einfach weiterzumachen für mich CONVENIENT ist. Ich weiß, wie alles funktioniert, wie die Menschen ticken, wie ich relativ häufig doch bekomme, was ich will. Doch der Schmerz hat in den letzten Jahren immer mehr zugenommen, bis zu einem Punkt, da meine Ratio und meine Emotionen in einem konstanten Konflikt miteinander stehen. Nicht umsonst besuche ich regelmäßig einen Psychotherapeuten. Wie sangen the Clash so schön “Should I stay, or should I go?”. Eigentlich ist es klar: I should go, for the better of me… Doch was ist dann. Die Convenience (und die relative existenzielle Sicherheit, die mit ihr einher geht) würde sich spontan in Luft auflösen. Ich finge, in vielerlei Hnsicht nochmal von vorne an. Was mit knapp 52 keine so aufmunternde Aussicht ist. Wer will so einen alten Sack wie mich schon noch haben…? Über diesen entscheidenden Aspekt meines Lebens muss ich in den kommenden zwei Wochen meditieren. Anstatt einfach nur meinen Urlaub genießen zu dürfen…? Ach, ich hoffe, beides irgendwie unter einen Hut zu bekommen. Zumindest habe ich mir selbst versprochen, noch viele Meter mehr im Pool zu schwimmen und meiner Seele viel Gutes zu tun. Zwischen alten Steinen spazieren gehen und Knipsen bis der Auslöser glüht. Abends über das Tal schauen und mit der besten Ehefrau von allen über Gott und die Welt parlieren. Gut essen und trinken. Noch viel mehr lesen. Und einfach sein. Denn einmal mehr hieß es gestern: “Willkommen in den Marken.” Wir lesen uns…
- Eilenberger, W. (2018): Zeit der Zauberer. Das große Jahrzehnt der Philosophie. 1919 – 1929. 7. Auflage, 2023. Stuttgart: J. G. Cotta’sche Buchhandung Nachfolger GmbH, gegr. 1659.
