What about happiness…? (Part 7)

Das Wichtigste zuvorderst – aus meiner Sicht ist mein Status weiterhin ungeklärt. Aber dem werde ich nächste Woche Abhilfe schaffen. Die ersten Tage waren zumindest teilweise ein ziemlicher Hustle, weil vieles liegen bleibt, wenn man in Urlaub ist. Nicht nur bei der Arbeit. Zudem tut meine physische Gesundheit nicht so, wie sie soll, was natürlich zusätzlich auf’s Gemüt drückt. Und wir sind hier in einem Wetter gelandet, dass sich die letzten Tagen so gar nicht nach Mitte Juni angefühlen wollte. Schlecht für den weiteren Abbau des Vitamin-D-Defizits. Wir sind nun schon seit 6 Tagen zu Hause und letztlich lässt sich nur sagen, dass der Alltagstrott nach unserer Auszeit so viel schneller zugeschlagen hat als sonst, dass ich nicht genau weiß, wie lange das noch so weitergehen kann. Ich meine… mit Blick auf manche Dinge bin ich entspannter, aber die Sorgen und Probleme rings um meinen Job waren mit einem einzigen Fingerschnippen wieder so präsent, als wenn ich nie weg gewesen wäre. Den Ratschlag über das Verlassen des Alltagstrott, den ich mir selbst und meinen Leser*innen in meinem letzten Post aus Italien gab zu beherzigen, schaffe ich derzeit nicht mal im Ansatz! Ob’s am Energieniveau liegt, an äußeren Umständen oder der Tatsache, dass ich mir derzeit bezüglich meiner Zukunft tatsächlich unsicher bin, spielt dabei keine Geige! Damit leben muss ich trotzdem. Ich hatte tatsächlich, nachdem ich hier ausgesprochen hatte, dass ich auch zum Jobwechsel ernsthaft bereit bin, wenn sich nicht etwas ändert, nachts zum ersten Mal in meinem Leben eine Panikattacke. Ich kann gar nicht so präzise beschreiben, wie sich diese geäußert hat – außer dass sich offenkundig ein sehr tiefsitzendes Unwohlsein bezüglich meiner Erkenntnisse meiner bemächtigt hatte. Ich werde in zwei Tagen 52 und auf dem Arbeitsmarkt bin ich jetzt nicht mehr unbedingt der heiße Scheiß, auf den jeder sehnsüchtig wartet. So viel Realismus muss dann wohl doch sein. Ob ich also happy bin? Sagen wir mal so: es gibt ein paar tolle Dinge, die mich von meinen anderen Sorgen ablenken – und die machen mich sehr wohl happy! Z. B unsere TTRPG-Sitzungen (die erste hatte ich gleich gestern) Zudem verarbeite ich – wenn leider auch nicht ganz so bewusst – immer noch die Eindrücke unserer Reise. Aber wirklich happy bin ich NICHT!

Die Heimfahrt führte uns über einen letzten Stop in Italien in einem entzückenen kleinen Städtchen in der Emilia-Romagna: Castell’Arquato. Wenn man in der Gegend unterwegs ist, lohnt sich der Abstecher. Die sonntägliche Heimfahrt kostete mich eigentlich nur auf deutschen Autobahnen wirklich Nerven, denn kaum, dass man Weil am Rhein passiert hat, schaltet offenkundig jedes einzelne Mal irgendeine unsichtbare Macht die Hirne vieler Fahrer einfach aus. Sei’s drum. Wir fuhren, wie eigentlich immer in den letzten Jahren, vorher ÜBER den Gotthard, anstatt drunter durch und ich bin immer wieder fasziniert und angetan vom Hochgebirge. In Summe war es dieses Mal keine Zeitersparnis, aber auch kein Zeitverlust. Doch auch diese, im Vergleich weitestgehend stressfreie Heimfahrt bei bestem Wetter, die wunderschönen Abstecher… all das konnte dieses Grimmen in meiner Magengrube nicht vollständig überdecken. Und egal, wie sehr ich auch versuche, mich mit schönen Dingen abzulenken – so lange meine persönliche Situation noch einer nachhaltigen Lösung für die Zukunft harren muss, werde ich keine echte Ruhe finden. Dazu hängt einfach zu viel davon ab, wo ich meinen Platz haben werde und wie gut ich damit zum Unterhalt der Mischpoke beitragen kann! Da beißt keine Maus den Faden ab. Noch ein verdammt guter Grund, den Kapitalismus, wie er heutzutage ist, einfach hassen zu müssen. Ich kenne natürlich Leute, die das anders sehen. Aber aus meiner Sicht verschwenden immer noch und immer wieder viel zu viele Leute ihre wahren Potentiale in irgendwelchen Bullshitjobs, verleugnen ihre tatsächliche Berufung für den Dollar, der eben so ihre existenziellen Bedürfnisse stillt, roboten sinnentlehrt vor sich hin und vergessen unterdessen, wer oder was sie eigentlich sind… oder wenigstens: sein müssten! Zum Kotzen! Doch auch ich habe noch kein probates Mittel gegen diese wahre Pest unserer Zeit gefunden.

Die Tage saß ich mit zwei hochgeschätzen Kollegen zu Tisch und die lebhafte Diskussion hatte sich entzündet an Apples’ Ankündigung, die neue KI nicht nach Europa zu bringen, weil es keine Übereinkunft mit den europäischen Datenschützern gäbe. Die zwei Kollegen ärgerten sich darüber und argumentierten, dass Europa dadurch technologisch wie auch wirtschaftlich abgehängt würde. Meine Argumentation, dass der flächendeckende Einsatz solcher Large Language Models aus dem Silicon Valley durch weitere Monopolisierung nur zu einer weiteren Kapitalagglomeration bei den Tech-Bros führen würde, die aus meiner Sicht eine erhebliche Gefahr für die Demokratie darstellen und dass eine Einschränkung demokratischer Prozesse zur Beschleunigung technischer Entwicklung (wie etwa in China praktiziert) nicht sinnvoll sei, ist, wie ich glaube, nicht so ganz angekommen. Dazu ist mein Blick auf den Kapitalismus für die zwei Kollegen wohl doch ein Mü zu sozialistisch. Ich bin unterdessen davon überzeugt, dass Milliardäre zumindest teilenteignet, Unternehmens-Erbschaften und Kapitalerträge wesentlich stärker besteuert und eine wirklich soziale Marktwirtschaft wiederhergestellt werden müssen, um einzelnen Menschen endlich die Macht zu nehmen, “demokratische” Prozesse (und damit die Lebensumwelt der Nicht-Habenden) nach ihrem Bilde zu gestalten und die frappierende soziale Ungleichheit abzumildern. Und ich bin auch nicht mehr zu diesbezüglichen Konzessionen bereit. Ich spreche niemandem ab, dass er oder sie ein leistungsgrechtes Einkommen verdient. Aber leistungsgrecht bedeutet zum Beispiel für einen CEO nicht das 490-fache Jahresgehalt eines einfachen Mitarbeiters. NICHTS AUF DIESEM PLANETEN RECHTFERTIGT SOLCHE SUMMEN! Insbesondere dann nicht, wenn gleichzeitig die Reallöhne der einfachen Beschäftigten fallen und die nicht-fixen Bonusanteile der Management-Gehälter von der erwirtschafteten Rendite abhängen, die heutzutage allzu oft durch die “Freisetzung von Humanressourcen” (also Massenentlassungen) realisiert werden. Was in der Folge zur Arbeitsverdichtung und noch mehr kranken, ausgebeuteten Menschen führt. Vielen Dank für nichts, Kapitalismus!

Ich merke gerade, wie sehr sich meine Gedanken nicht nur um soziale Gerechtigkeit an sich, sondern vor allem auch um einen Ausweg für mich selbst aus dieser Tretmühle drehen. Und wie unhappy mich diese Erkenntnis wirklich macht. Vielleicht ist es gar nicht mal verkehrt, dass ich ausgerechnet an meinem Geburtstag wieder zur Therapie gehe. Ich wünsche euch einen wunderschönen Samstag.

Auch als Podcast…

Benvenuti nelle Marche N°20

Die Tage verfliegen schnell wie der Wind, der noch gestern dicke Gewitterwolken über das Land getrieben hat. Ich bin definitiv nicht der Einzige, dem die Zeit en passant zwischen den Fingern zerrinnt; denn während wir denken und planen, tun und ahnen, passiert es einfach. Und ganz gleich, was wir fürderhin alles noch tun zu wollen oder zu müssen glauben… was in dieser Sekunde vor meinen Augen, meinen Ohren, unter meinen Händen vorbeizieht, DAS ist es, was wir Leben nennen. Angewidert und fasziniert zugleich von der unüberwindbaren Mauer der nächsten Sekunde gewahre ich, wie das Pendel unaufhaltsam vor und zurück schwingt, Zeit in kleine Stückchen schneidet, während ich – nicht allein – gebannt darauf warte, dass irgendetwas passiert, das mich aus meinem Trott herausholt. Mein Trott! Was für eine falsche und zugleich so perfide Wortkonstruktion. Macht sie mich doch selbst glauben, einem geschundenen Maultier gleich, tagein tagaus unter glühender Sonne um den Brunnen zu laufen, um Wasser zu fördern. Stupide. Eintönig. Tag um Tag, Woche um Woche, Monat um Monat, bis ein gnädiger Tod meine freud-, sinn- und nutzlose Existenz ENDLICH beendet. WAS FÜR EIN STUSS IM QUADRAT! Mutter Natur gab mir zwei Hände und einen Kopf – mithin alles, was es braucht, um für sich selbst zu denken, die Gedanken in die Welt zu tragen und sich seinen Sinn auf diese Art selbst zu schaffen. Nein, vielmehr, sich selbst zu ERSCHAFFEN. Freude und Nutzen emergieren aus der eigenen Schöpfung dann oft im gleichen Zuge, wenngleich nicht notwendigerweise. Es braucht auch ein bisschen Glück und Beharrlichkeit. Und doch… und doch lassen wir uns immer wieder in diese Spirale der selbstverschuldeten Unmündigkeit hineinziehen, weil es so viele Ablenkungen, so viele Optionen, so viele vermeintliche Vorbilder gibt, die uns weißmachen wollen, dass Andere besser wüssten, wie wir unser Leben richtig zu leben hätten. Ach verflixt, wir brauchen eine neue Aufklärung (nö… nicht die mit den Bienchen und Blümchen…)

Aber es sind immer wieder solcherlei widersinnige Wahrnehmungen, die einem die letzten Tage des Urlaubs verleiden können. Und ich werde nicht behaupten, dass es mich, oder die beste Ehefrau von allen nicht auch umtreiben würde, am Samstagmorgen – wenn auch mit einem spontan gebuchten Stop in der Emilia Romagna bis Sonntagmorgen – die Heimreise antreten zu müssen. Genau in diesem Moment jedoch sitze ich, bei ca. 26°C mit blauem Himmel, im Schatten der Pergola und schaue über das Tal vor unserem Ferienhaus. Und es ist eine wahre Wonne, denn die Landschaft ringsum ist einfach wunderschön. Der Grill kühlt noch ab, das Essen war köstlich und der Abend wird lau. Zuvor haben wir einen kurzen Ausflug gemacht und danach Bahnen im Naturpool unten am Hang gezogen. Ein idealer Tag, um zu vergessen, was zu Hause alles wartet. Aber selbst, wenn ich heute bei der Arbeit gewesen wäre und nun “nur” zu Hause auf dem Balkon säße, bliebe es immer noch meine Entscheidung, mich darob zu grämen, was ich alles “verpasse”. Denn… was verpasse ich tatsächlich? Soll ich mich tatsächlich, nur auf Grund der bunten bewegten Bildchen Dritter auf Antisocial Media der FOMO (Fear Of Missing Out) hingeben? Bildchen, die genauso hart gestellt und kuratiert sind, wie jene, die ich hier benutze? (Ja, ich bearbeite meine Fotos NATÜRLICH auch, weil ich finde, dass diese meinen ästhetischen Maßstäben genügen sollten). Bildchen, die ein Leben zeigen, so echt wie Wimpern von irgendeinem weiblichen C- oder D-Promi? Hell no, what the fuck? Mein Leben findet da statt, wo ich gerade bin – und ich bin auch kein armes Maultier, dass immerzu um einen Brunnen laufen muss, sondern ein Mensch, der seine eigenen Entscheidungen treffen, sein Schicksal in die eigenen Hände nehmen, sein eigenes Ding machen kann. Zumindest innerhalb der üblichen Grenzen. Aber diese Grenzen sind okay so.

Ich schrieb die Tage über was Wollen. Ob man es überhaupt kann und falls ja, ob man es auch tun sollte. Vielleicht habe ich das noch nicht scharf genug hearusgearbeitet – JEDE*R SOLLTE WOLLEN! Nur vielleicht nicht alle das Gleich zur gleichen Zeit. Aber mit einem bisschen Individualität ist das ja auch nicht unbedingt wahrscheinlich. Solcherlei Probleme entstehen eigentlich immer nur dann, wenn große Mengen von Leuten zusammen den gleichen (falschen?) Idealen hinterhertraben, weil es a) wenigstens in eine Richtung geht, b) man nicht alleine ist, c) der/die/das da vorne schon wissen wird, was richtig ist und d) man gemeinsam ja auch stärker ist. Und schon haben wir auch noch das Patentrezept für zeitgenössische Scheiße im Ventilator: den Internet-Shitstorm. Wenn ich jetzt z.B. sage, dass alle Songs von Taylor Swift gleich klingen und ich mich nicht wundern würde, wenn diese überaus seichte Kost von einem Algorithmus komponiert worden wäre, ist das quasi gleichbedeutend mit Online-Suizid. Gottseidank ist mir das Wurscht und ich kann hier meine Meinung einfach sagen, denn alle auflaufenden Kommentare müssen sowieso erst durch mich freigegeben werden. Daher kann ich sagen: sogenannte “Swifties” sind für mich der Inbegriff medialer Selbstversklavung und -verdummung! Ich will unterdessen etwas ganz anderes! Ich will über meine freie Zeit so verfügen, wie ich es für richtig halte! Ich will – nicht nur im Urlaub – mich selbst als eigenständig und frei erfahren! Ich will gestalten, wo, wie und was ich nur kann! Und ich will kein Swiftie werden! Egal für welches dämliche Medien-Franchise auch immer. Da bin ich lieber mein eigenes Medien-Franchise. Und während ich all dies hier schrieb, da ist die Zeit voran geschritten, wurden kleine Stücke durch das Pendel des Schicksals abgesäbelt, die sang- und klanglos im allzeitigen Strom des ewigen Vergehens mitgerissen worden sind; und es hat nicht mal wehgetan. Denn die Zeit ward gut verbracht, weil die Entscheidung, sie so zu verbringen MEINE war. Und… was habt ihr heute so gemacht, das für euch Sinn ergeben hat; ganz gleich ob in der Ferne oder zuhause? Wir hören uns die Tage wieder…

Benvenuti nelle Marche N°19 – Urlaubsschreibe?

Es ist hier ein bisschen wie ein zweiter Job. So ‘ne Art Side-Gig, nur dass er mir kein Geld bringt. Denn ich schreibe ja weder in irgendjemandes Auftrag, noch um (Werbe)Klicks zu generieren. Überhaupt ist mir die galoppierende Enadvertisierung des gesamten Netzes ein Gräuel. Weil mir der noch härter galoppierende Konsummaterialismus ein noch größerer Gräuel ist. Immerzu und überall Adds für irgendwelchen nutzlosen Schrott – oder nutzlose und überteuerte Dienstleistungen – in die Fresse gekloppt zu bekommen, ist einfach nur ekelerregend. Nur, um dem, sich jetzt in manchen Köpfen bereits hörbar bildenden Dummgebabbel präemptiv zu begegnen – NEIN, Bedarf des Alltages zu kaufen, ist kein hart galoppierender Konsummaterialismus. Der realisiert sich nämlich in der immer wieder stattfindenden Anschaffung von Dingen, die kein Schwein wirklich braucht und deren Herstellung und Distribution somit unnütz Ressourcen verschwenden, nur damit jemand im Forecast II schreiben kann, dass die KPI sich nach den Vorhersagen entwickeln; und das Bankkoto von jemandem, der oft eh schon genug hat noch ein bisschen fetter wird. Aber da kann ich mir den Mund fusselig reden, wie ich will – die Markenjünger allüberall z. B. sind halt so hart indoktriniert, dass sie sich tatsächlich über die Ästhetik eines ca 150x70x8 mm großen Glas-Metall-Konglomerats streiten, dass für das ca. 10-fache seiner eigentlichen Produktionskosten verkauft wird. Sach ma, habt ihr sie noch alle? Was für’ne Ästhetik? Das is’n verficktes Handy! Bei Michelangelos David können wir über Ästhetik streiten, beim Eiffelturm, einem 507er BMW-Coupé, meinetwegen auch wegen Möbeln, dem Design der Kitchenaid oder den Fliesen für’s Bad. Ein 150x70x8 mm großen Glas-Metall-Konglomerat sieht jedoch für meine Auge immer gleich aus. Und es hat nur eine einzige Aufgabe zu erfüllen – mich mit der Außenwelt zu verbinden. Wegen mir kann das Ding auch schreiend gelb und 15 mm dick sein, wenn’s halt nix anderes gibt. Die Gegenstände des täglichen Gebrauches können gerne gewissen Ansprüchen an Optik und Haptik genügen, aber die Fetischisierung des Äußeren, die überlassen wir doch bitte jenen, die das ganz unbedingt nötig haben, ja…? Wer das sein könnte, denkt euch bitte selbst.

Ach Mist, ich bin wieder abgeschweift. Aber so eine gute Ladung Kapitalismuskritik geht einfach immer. Und auch hier gilt – bevor jetzt einer das Maul aufreisst und mir Bigotterie vorwirft, weil ich ja auch nur im System Kapitalismus arbeite und davon profitiere – zeig mir mal, wie ich als Mensch in unserem Gesundheitswesen den Lebensunterhalt ranschaffen soll, ohne mich der Marktlogik zu unterwerfen, du Hanswurst! Die Leute bezahlen mich im Übrigen nicht für 40h/Woche sondern für über 30 Jahre Erfahrung. Diesen Unterschied werdet ihr irgendwann schon auch noch verstehen. Ist gar nicht so schwer. Der Umstand, dass meine Expertise einen gewissen Wert hat, verschafft mir auch die Freiheit, hier über die Dinge schreiben zu können, die mich wirklich interessieren. Dazu gehört übrigens nicht der Forecast II oder die KPI! Wenn dich jedoch deine realen existentiellen Sorgen innerlich killen, dann schreibst du zumeist kein Blog, zumindest nicht so eines, wie das hier. Das tust du aber zum Beispiel dann, wenn es existentialistische Sorgen sind – also jene Fragen, die sich um Sinn, Ziele, individuelle Freiheit und persönliche Entwicklung drehen. Oder, um es mit einem bösen Wort zu belegen: Luxusprobleme. Nun ist es so, dass ich eine Menge Leute kenne, bei denen sich alles um Zahlen dreht; um Prestige, um Gewinn, um Macht, um Deutungshoheit, um Gesicht – oder darum, ums Verrecken Recht behalten zu müssen. Denn BWL ist – in meiner bescheidenen Wahrnehmung – weitesgehend nicht mehr, als ein System aus Dogmen, Konventionen, Wahrscheinlichkeiten und Küchenpsychologie. Danny Kahneman hat dann die Irrationalität des Menschen bei ökonomischen Entscheidungen nachgewiesen – eindrucksvoll genug für einen Nobelpreis in Wirtschaftswissenschaften – und dennoch glauben viele immer noch an den Homo Oeconomicus. Will mir nicht in den Kopf. Und das, was ich gerade tue ist ein schlagender Beweis dafür. Denn ich verwende gerade die kostbarste Ressource, welche uns Menschen gegeben ist – meine Lebenszeit – darauf, etwas zu tun, dass für mich keinen weiteren Nutzen hat, als das befriedigende Gefühl, es getan zu haben. Was soll das denn…? Sagen wir mal so – BWL produziert die Luxusprobleme, denn echte Sorgen sind da zu finden, wo es um den Sinn geht. Da findet man auch jene Leute, die sich um Nachhaltigkeit und eine halbwegs lebenswerte Zukunft für folgende Generationen kümmern. KPIs gibt’s im Dreimonatstakt – eine Zukunft für alle nur im Dekadentakt.

Ich kann folglich nicht einfach – nur weil ich gerade Urlaub habe – in die Urlaubsschreibe wechseln. Ich bin kein Berufs-Feuilletonaille (also eine Kanaille, die Feuilletons schreibt) und auch kein Möchtegern-Humorist für die Schenkelklatscherei, denn ich bekomme ja wie gesagt kein Geld dafür. Für’s Feuilleton müsst ihr meist (Abogebühren) zahlen und den Billighumor bekommt ihr vom Hartz-TV oder durch die ganzen Memes auf Antisocial Media. Daher mache ich mir hier lieber um die die Dinge Gedanken, die ich für wichtig erachte. Und auch, wenn da manchmal ein leidlich lustiges Stück wie etwa gestern bei rauskommt, ist das doch nur Denkabfall, der auch mal raus muss. Nehmt’s mir also bitte nicht übel, wenn auch zu Ferienzeiten hier manchmal die schmerzhaften Wahrheiten mit der groben Kelle ausgeteilt werden. Immerhin könnt ihr diese ja auf eurem völlig überteuerten 150x70x8 mm großen Glas-Metall-Konglomerat anschauen, dass so schön in der Hand liegt. Ciao…

Benvenuti nelle Marche N°18 – Leichtere Urlaubskost…?

Reisen bildet. Ganz selten mal den Geist, des Öfteren das Herz und ganz sicher immer eine Meinung. So oder so – du kommst nicht als der zurück, der du warst. Zumindest, wenn du es zulässt, dass der Ort deiner Sehnsucht dich auch wirklich berührt. Ich gestehe: ich habe in meinem Leben tatsächlich einmal eine All-Inclusive-Reise gebucht. Und auch noch dazu nach Nordafrika. Zur Erinnerung: 1998 hatte Tunesien ein stark autokratisches Regime unter Präsident Zine El Abidine Ben Ali. Uns als Touris war das nicht bewusst (oder die Zeichen waren einfach egal), denn es sah ja alles so schön fremdländisch aus. Ich meine zu erinnern, dass irgendein deutscher Kabarettist mal sinngemäß gesagt hat, das Elend im Gastland ist schon okay, wenn es nur romantisch aussieht. In dem Sinne habe ich mich also einmal schuldig gemacht. Jedenfalls brachte dieser Urlaub uns Lustbarkeiten und auch schöne Erinnerungen, wie etwa einen Ausflug zu den römischen Stätten in Tunesien, vor allem Dougga. Unser Tourguide war ein Professor für Geschichte von der Uni Tunis, der den ganztägigen Ausflug mehrsprachig begleitete. Allein der Umstand, dass ein hochgelehrter Akademiker sich seinen Geldbeutel mit Touri-Touren aufbessern musste, hätte mir jedoch ein Hinweis auf den Zustand des Landes sein können. Nun ja, passiert ist passiert, sich heute darüber zu ärgern, ändert die Geschichte auch nicht mehr. Unterdessen sind unsere Ziele schon seit über zwei Jahrzehnten immer Selbstversorger-Appartments, die innerhalb Europas mit dem PKW erreichbar sind; bevorzugt in Italien und Frankreich. Es gibt da (wie auch in Deutschland) noch mehr als genug zu entdecken. Dazu gleich mehr. Denn wir waren eigentlich bei der Frage, inwieweit einen das Sehnsuchtsziel wirklich berührt? Wozu wir erst mal klären sollten, um welche Sehnsucht es denn überhaupt gehen soll. Wenige Menschen oder viele? Ruhe oder Action? Kontemplation oder Party? Berge oder Meer? Fliegen oder Fahren? Kultur oder Chillen? Chaotischer Filmriss oder langsamer Genuss? Und… wenn ich all das geklärt habe, heißt das noch lange nicht, dass der Plan funktioniert. Denn, wie ich dieser Tage schmerzhaft feststellen musste, kann man ja auch in der Ferne trüben Gedanken nachhängen. Doch das soll jetzt nicht das Thema sein.

Wenn ich heutzutage in die Fremde reise, dann versuche ich wenigstens ein paar Brocken der Landessprache zu beherrschen und die kulturellen Gepflogenheiten der Ansässigen zu achten. Dazu gehören Manieren, Kleidung, bewusstes Sich-auf-die-Dinge-einlassen und die Bereitschaft, etwas dazuzulernen. Ich habe in so einigen Posts schon geschrieben, dass ich Menschen hasse. Ich möchte das zu dieser Gelegenheit jedoch noch etwas differenzieren: ich hasse nur jene Menschen, die sich als dumme, dogmatische, eitle, selbstgerechte, egoistische chauvinistische, faschistische, rassistische Arschlöcher entlarven. Die findet man nun leider echt überall auf dem Erdenrund. Aber im Urlaub ist es für mich besonders nervtötend, wenn es andere Urlauber sind, die sich benehmen wie die Axt im Walde und damit eines oder mehrere der vorgenannten Kriterien erfüllen. Was ist schwer daran, sich in der Fremde wie ein guter Gast zu verhalten? Wie kann man nur auf die Idee kommen, dass woanders alles so sein müsste wie daheim? Warum verreist man überhaupt, wenn man den Anspruch erhebt, das alles so sein müsse wie daheim? Nur vielleicht in bunter, pittoresker, wasauchimmer? Ich bereise Italien jetzt seit gut 22 Jahren (von denen ich insgesamt mehr als 8 Monate im Land verbracht habe) und ich lerne jedes Jahr wieder was dazu. Oft über Land und Leute, aber nicht selten auch über mich selbst. Ich kann mittlerweile mit Fug und Recht behaupten, dass meine Seele Südländer ist. Die miefig-spießige Verwalter-Mentalität des deutschen Michels ist mir so fremd, wie die Oberfläche des Mondes. Was natürlich für viele andere Deutsche auch gilt. Aber man trifft diese Vertreter immer wieder. Die fahren zeitgleich mit allen Anderen in die Fremde, ärgern sich über den Stau (das tue ich allerdings auch), erwarten sowas wie den Pott in Bunt mit Meer und wundern sich, wenn’s auf der Karte im Restaurant keine Currywurst mit Pommes gibt… Da musste dann halt in die “Carrer del Pare Bartomeu Salvà” gehen – besser bekannt als “Schinkenstraße” in El Arenal auf Mallorca… Wobei man in den Medien gut sehen konnte, dass die dort Ansässigen von dieser (Ab)Art Torismus die Schnauze gestrichen voll haben. Nachrichten zu den Protesten seit 2024 lassen sich ja leicht finden.

Was ist die Sehnsucht jener Menschen, die dorthin reisen, um sich – dicht auf dicht in mehr als nur einer Hinsicht – auf engstem Raum zu tummeln; schmerzerregende Partyschlager wie “Scheiß drauf, Malle is nur einmal im Jahr” inclusive? Ich weiß es nicht! Ehrlich! Aber es ist NICHT – GANZ SICHER NICHT – DIE Sehnsucht, welche ICH mit Urlaub verbinde. Ich suche Zeit zum Schauen, Knipsen, Lesen, Denken, Schreiben, Reden, Kochen, gut Essen, einfach Sein. Und ich möchte dabei so viel Ruhe wie möglich haben. Wahrscheinlich bin ich zu alt für dieses völlig jecke hispano-germanische Party-Gerammel bis zum Absturz. Wenn ich so darüber nachdenke, war ich wahrscheinlich noch nie jung genug dafür. Ich habe echt nix gegen leichte Kost dann und wann. Aber DAS, was nicht wenige da abziehen, ist seichter als jede ARD-Vorabend-Soap. Und ich kann mir auch nicht vorstellen, dass die verändert aus dem Urlaub zurückkommen. Mit weniger Euro auf dem Konto, erweiterter Hautkrebs-Vorbereitung, schlechteren Leberwerten und Tschakkeline hat vielleicht ‘n Braten in der Röhre, Koch unklar… Aber ansonsten herrscht Ebbe bei persönlicher Entwicklung. Und bevor jetzt jemand wieder mit dem “rotweinsaufender Toskana-Pädagoge”-Klischee um die Ecke kommt: a) so viel Rotwein trinke ich gar nicht, b) ich versuche NIEMALS Goethes Bildungsreise nachzustellen (der kam in den Marken gar nicht vorbei, was ein eindeutiger Fehler war) und c) bin ich BERUFSpädagoge. Die haben keine Zeit für ein so hochtrabendes Selbstbild, weil sie in der Arbeitswelt beheimatet sind.

Heute regnet es seit dem Mittag. Ist für mich jetzt kein großes Problem. So ein Blogpost schreibt sich nicht in fünf Minuten, was zu lesen habe ich auch noch und kochen und essen braucht – wenn es denn gut sein soll – auch so seine Zeit. Gut Dinge will Weile haben. Was die zuvor bereits erwähnten Pauschaltouris ohne Plan B machen, weiß ich nicht – will ich aber (man möchte ja auch mal seine Vorurteile pflegen dürfen) auch gar nicht wissen. ICH bin einfach nur ein langsam älter werdender Sack, der sich wünschte, dass die alljährliche Urlaubsreise nicht automatisch zur vollkommenen Deaktivierung des Gehirns führte. Ich liege halt irgendwo in der schlecht ausgeloteten Grauzone zwischen Ballermann-Assi und Toskana-Oberlehrer. Denn Extreme sind auch im Urlaub schlecht. In diesem Sinne, bis die Tage wieder.

Benvenuti nelle Marche N°17 (a.k.a. A scream in the dark N°3) – Warum soll man wollen?

Ich habe die Tage darauf hingewiesen, dass unser Wille stets in unser kulturelles Korsett – also jenen Rahmen aus Werten, Normen, Vorstellungen und Erfahrung – eingebettet ist, was immer wieder die ziemlich böse Frage aufwirft, ob es denn überhaupt so etwas wie einen freien Willen geben kann; wenn doch von vornherein klar ist, dass wir einen echt großen Rucksack voll Biographie mit uns herumschleppen, der unser Denken und damit auch unseren Willen zumindest teilweise strukturiert? Womit ebenso die Frage auftaucht, ob ich denn überhaupt etwas wollen sollte, wenn ich doch gar nicht sicher sagen kann, dass ICH selbst als freies Individuum diesen Willen äußere oder nicht doch einfach nur meine Sozialisation. Schopenhauer würde wahrscheinlich NEIN gesagt haben. Ich denke jedoch – es hängt davon ab! Es hängt davon ab, mit welchem Lebensbereich wir uns befassen. Ich habe keinen freien Willen, wenn es um die Frage des Steuernzahlens geht (obwohl manche Menschen hierbei wohl recht kreativ werden, weil sie GLAUBEN, da einen freien Willen zu haben). Ich kann aber sehr wohl über mein Berufsfeld, meinen Kleidungsstil, meinen Wohnort, meine Freizeitpräferenzen, etc. entscheiden; zumindest, sofern ich nicht in Nordkorea oder so wohne… Es hängt davon ab, ob wir etwas nur für uns oder auch für Andere entscheiden. Spätestens, wenn ich die Freiheit anderer Menschen durch das Ausleben meines Willens einschränke, wird es schwierig. Geht es jedoch “nur” um mich selbst und tangiert meine Entscheidung die Lebensbereiche Dritter nur peripher, so mag dies zumindest recht oft keine Probleme erzeugen. Es hängt davon ab, wie wichtig die Entscheidung für mich ist. Erst, wenn wir uns mit großen Fragen beschäftigen, ist es relevant, ob wir uns frei entscheiden können, oder eben nicht. Bei vielen kleinen Alltagsentscheidungen bemerken wir überhaupt nicht mehr, dass wir sie überhaupt getroffen haben (wobei man nun einwenden könnte, dass eine Entscheidung, die sich wie von selbst trifft – etwa unsere Kleidung für diesen Tag – u. U. ein Hinweis auf das Nichtvorhandensein eines freien Willens sein könnte). Und es hängt natürlich davon ab, ob es in der zu entscheidenden Angelegenheit überhaupt eine freie Wahl gibt, oder nur bloße Notwendigkeiten. Schon eine JA/NEIN-Entscheidung ist zumeist nicht von echter Freiheit gekennzeichnet, sondern oft lediglich die Wahl des “kleineren Übels”. Zerdenken wir das ganze noch ein wenig tiefer, tauchen gewiss noch ein paar andere Fragestellungen auf. Wollen wir jedoch etwas simpler zu Werke gehen, können wir das Ganze einengen auf folgende Herausforderung: Wohin führt mich das, was ich zu wollen glaube, falls es mich überhaupt irgendwohin führt?

Mein Dilemma bleibt, dass ich unterdessen wirklich glaube, mich beruflich neu orientieren zu wollen, mir aber weder sicher bin, ob ich in anderer Position weiterhin nachhaltig zum Familieneinkommen – sowie dem unterdessen an das Einkommen angepassten Lebensstil – beitragen könnte, noch ob ich so tatsächlich an einen Punkt kommen könnte, an dem mein Leben sich wieder wahrhaft lebenswert anfühlte. Was auch immer das im Detail bedeuten würde. Man hat ja oft dieses Gefühl, das irgendwas nicht stimmt. Aber wenn dann so ein wachsamer Penner von der Innenrevision (Selbstreflexion) vorbeikommt, um zu fragen, was denn nun konkret Phase sei… tja, dann stehst du halt erstmal mit runtergelassenen Hosen da; und hoffentlich nur im übertragenen Sinne. Ich meine… different job, same shit ist jetzt nix, was nicht vorkommt, nicht wahr? Und am neuen Shiny-Shiny ist recht oft auch recht schnell der Lack ab. Denn das Bedürfnis, seinen freien Willen zu haben bzw. zu bekommen und demzufolge eine wegweisende Entscheidung zu treffen ist leider meist viel größer als der Überblick über die möglichen Konsequenzen. Es gibt da quasi einen Breaking Point: wenn der persönliche Break-Even der Relation [Einsatz vs. Benefit] dauerhaft unterschritten wird, MUSS man handeln. Da zum persönlichen Benefit neben den pekuniär-existenziellen Faktoren wie Salär, Incentives und Jobsicherheit jedoch auch soziale und psychologische wie etwa Workload, Zufriedenheit, Sinnstiftung, Teamgeist, Gestaltungsmöglichkeiten, Entwicklungschancen, etc. gehören, ist die Gleichunng nicht immer so einfach zu lösen. Da muss jede*r seine/ihre eigenen IPLI (Individual Purpose and Luck Indicators) finden. Und das tut regelmäßig weh. Denn wenn ziemlich viele von uns Menschlein etwas überhaupt nicht gut können, dann ist das, klar zu artikulieren, was wir warum anstreben und wieviel wir dafür zu geben bereit sind. Im Ungefähren lebt es sich nämlich bequemer. Im Konjunktiv musst du keine unangenehmen Entscheidungen treffen und kannst dich im güldenen Lichte deiner Brillanz sonnen.

Ich kann klar sagen – ich will die Freiheit, den Arbeitsbereich, welchem ich vorstehe in den Grenzen des wirtschaftlich und pädagogisch Sinnvollen nach meinem Bilde gestalten zu dürfen und mich nicht dauernd irgendwelchen vollkommen ungerechtfertigten und rein politisch motivierten – als “Arbeitsgruppen” deklarierten – Tribunalen aussetzen müssen, die lediglich zum Zwecke haben, mich zu disziplinieren und zu diskreditieren, weil ich angeblich alles falsch gemacht hätte. Außerdem schafft man sich einen Strohmann, um beliebig Druck aufbauen zu können. NICHT MEHR MIT MIR! Wenn ich also nicht einfach meinen Frieden haben kann, haue ich in den Sack. Dieses Mal for sure und absolut ohne Reue. Denn was ich hinterlasse, funktioniert einwandfrei. Wenn man mich zukünftig nicht zufrieden lässt, müssen halt Andere darauf aufbauen. Der Acker ist gut bestellt. Ich hätte für diese Erkenntnis nicht unbedingt bis nach Italien fahren müssen, denn eigentlich ist die alt. Nun fiel jedoch das ganze Gezuchtel, welche mich meinen Rücktritt hat anbieten lassen zufällig in die Woche vor meinem Urlaub. Und wie das im Leben so ist – du kannst deinen Dienstlaptop zu Hause liegen lassen, nicht jedoch deine Gedanken und Gefühle. Nun ist es, wie es ist und ich kann daran sachlich erst etwas ändern, wenn ich übernächste Woche wieder im Dienst bin. Drauf geschissen, denn ich lasse es mir gerade gut gehen. Eben gab es Bistecca alla fiorentina vom Grill unseres Anwesens, dazu Spargel, eingelegte Oliven und Salat. Ein Festmahl. Und davor konnte ich lesen, denken, schreiben und 100 Bahnen im Pool ziehen. Mal sehen, wie sehr meine Seele sich beruhigt, bis wir wieder daheim sind. Wenn’s nach mir ginge, wäre das allerdings erst in ein paar Monaten. Buonasera…

Benvenuti nelle Marche N°16 (a.k.a. A scream in the dark N°2) – Was kann man wollen?

Viel zu oft im letzten Jahr, wenn ich mich niederließ, um hier zu schreiben, diktierten eine dumpfe Düsternis, Bitterkeit und Enttäuschung meine Zeilen; wie ein stilles Gift, dass sich mehr und mehr meiner gesamten Persönlichkeit bemächtigte. Dass ich immerzu wütend bin, ist ein Wesenszug, über den ich hier schon des Öfteren gesprochen habe. Doch jenes Agens, welches meine Wut früher befeuert hatte, scheint nun durch ein Anderes ersetzt worden zu sein. Wo ich bislang vor allem und immer wieder von meinem Gerechtigkeits-Empfinden getrieben war – und das nicht selten bis zu dem Punkt, dass ich mich selbst beschädigte – ist es heute eher eine Art von Selbstgerechtigkeit, die den mannigfaltigen und ausschließlich beruflichen Kränkungen der letzten Jahre entsprungen sein mag. Viel zu selten konnte ich daher einer Hoffnung Ausdruck verleihen, dass sich die Dinge zum Guten ändern würden. Gefangen in der Illusion, dass ich nur lange genug weitermachen müsste, es richtig und gut zu machen, bis sich die Umstände eines fernen Tages quasi durch das Erkennen der Richtigkeit meines Handelns auf der Gegenseite zum besseren Wandeln würden. Doch so funktioniert die Welt nicht. Jene, die im Stillen die Dinge am Laufen halten, indem sie einfach ihren Job erledigen, werden immer und überall von den Marktschreiern, den Selbstdarstellern, den Blendern überholt, ins Abseits geschoben und übergangen. Wann immer eine solche stille Person jedoch einmal aufbegehrt, wird dies von den anderen – auch den Leitungskräften – als unangemessen, unverschämt, ja falsch aufgefasst. Weil das, was in der jener Stille alles am Funktionieren gehalten wurde und immer noch wird, nicht erkannt, nicht anerkannt werden kann. Wo der eitle Geck mit seinen Erfolgen (falls man diese denn überhaupt so nennen kann) prahlt, da besorgt der Stille das Geschäft ohne Bohei… und wird daher übersehen. Lautstärke schlägt Leistung immer und überall!

Dann aus der Stille herauszutreten und Forderungen zu stellen, in dem festen Glauben, dass die eigene Leistung die vorgebrachte Forderung doch mehr als rechtfertigen müsste, führt beim Gegenüber nicht selten zu Irritation, gerne auch zu Wut. “Warum funktioniert der/die nicht mehr so, wie gewohnt?” Vielleicht, weil sich das Gegenüber nie darüber Gedanken gemacht hat, was denn zu diesem Funktionieren alles notwendig ist. Dazu gehört ein gutes (soziales) Klima am Arbeitsplatz ebenso, wie eine erhaltene geistige Gesundheit der stillen Person, eine moderate Belastung und ausreichende Gestaltungsspielräume. Dass ich hier über eine Leitungsposition rede und dass das Gegenüber auch nicht genau weiß, was dieses Funktionieren alles bewirkt, hat schon jede’r verstanden, oder? Doch der Umstand, dass man ja sonst für sich selbst wenig bis nichts gefordert hat – außer dem, was sowieso arbeitsvertraglich vereinbart ist, führt nun zu einer Friktion. Man selbst denkt “Aber… aber ich will doch gar nichts Großes…” und das Gegenüber denkt “Wie kann diese Person nur Forderungen stellen?” So schnell hat sich das mit einem Konflikt. Und ich muss es an dieser Stelle noch mal betonen: Schuld sind daran durchaus beide Seiten. Der Stille hätte seine Erfolge und seinen Beitrag transparenter machen müssen. Das Gegenüber muss jedoch auch verstehen, dass Lautstärke bzw. Sichtbarkeit NICHT gleichzusetzen ist mit Effizienz, erledigter Arbeit und abgeschlossenen Projekten – sondern viel zu häufig lediglich mit Schaumschlägerei! Doch was hat all dies nun mit der Frage nach dem zu tun, was man wollen kann…?

Zum einen geht es dabei um die ganz offensichtliche Frage, ob sich derlei Konflikte einfach (oder überhaupt) auflösen lassen? Und was dazu nötig wäre? Zum anderen natürlich um die ganz persönliche Frage, wie ich MEINEN Konflikt auflösen möchte. Das Problem dabei ist Folgendes: wir alle sind in eine Welt eingebettet, die – ganz entgegen der Populär-Meinung, wir seien ja alle “vernünftig” – weit davon entfernt ist, wirklich nach Vernunftprinzipien zu funktionieren. Für Ernst Cassirer war der “Mythos” der Urboden jedweder Kultur, was bedeutet, dass auch unser heutiges soziales, wirtschaftliches und politisches Miteinander auf Formen basiert, die man bei den so genannten Naturvölkern heute noch in Reinform beobachten kann. Symbole, Traditionen und daraus resultuierende Haltungen und Werte, die wir NICHT mehr bewusst reflektieren, sondern lediglich durch Imitation von Generation zu Generation weiterreichen, finden sich jedoch auch in unserer modernen Lebenswelt überall wieder. Roland Barthes hat das Jahrzehnte später noch einmal herausgearbeitet, indem er alltägliche Situationen und Kulturprodukte seiner Zeit aus Sicht ihrer Symbolik dekonstruierte. Ein Beispiel, dass MIR dazu immer wieder einfällt sind unsere Kleidungs-Konventionen. Warum Bankangestellte bis heute Anzug bzw. Kostüm tragen müssen, um als “seriös” wahrgenommen zu werden, erschließt sich mir nicht. Donald Trump trägt einen Anzug und ist eines der gefährlichsten Tiere, die ich mir vorstellen kann… Es ist ein Beispiel für “Das haben wir schon immer so gemacht!” Vielleicht wird langsam klarer, warum ich diesen Satz so hasse.

Jedenfalls sind auch die Kontrahenten des vorhin beschriebenen Konfliktes in diese Welt der Symbole – also mit Cassirer und Barthes den Mythos über unsere Welt – eingebettet. Damit geht einher, dass es Hierarchien gibt, welche durch Titel und Posten beschrieben sind. Ein Titel oder Posten ist zunächst nicht mehr als ein Symbol der Herrschaft. Macht über Andere ausüben zu dürfen, bedarf jedoch in unserer demokratischen Kultur der Legitimation durch jene, über die Macht ausgeübt werden soll. Ich bin diesbezüglich ein großer Freund von Habermas, der mit dem “zwanglosen Zwang des besseren Arguments” uns allen aufgezeigt hat, dass Recht zu bekommen einzig von der argumentativen Stärke meiner Position abhängen sollte. Ich weigere mich daher unterdessen, solche Hierarchien anzuerkennen, in denen mein Gegenüber als einziges Argument für seine aktuelle Haltung die, nur vermeintlich hierarchisch übergeordnete Stellung heranzieht und keine anderen Argumente hat, außer dem Pochen auf die Einhaltung einer überkommenen Norm. Das Diktum “Tradition ist Fortschritt genug!” hat mich nämlich noch nie überzeugt… Was ICH wollen kann, ist damit klar umrissen: ich will verstanden werden! Ich will, dass meine Argumente, auch wenn sie denen meiner Gegenübers diametral entgegenstehen mögen, zumindest erwägendes Gehör finden. Ich will, dass meine Gegenüber befähigt sind, Ihre Positionen zu überdenken. So, wie sie sich das vermutlich auch von mir wünschen. Ich will mithin nicht weniger, als das andere Menschen sich ihres Geistes soweit bemächtigen, den Mythos hinter sich zu lassen und auf die Ebene des tatsächlichen Argumentes zu treten, anstatt symbolübersättigte Strohmänner abzubrennen, wenn ich mal nicht so bin, wie man es von mir gewohnt ist! Und sofern ich das nicht bekommen kann, wo ich stehe, MUSS ich weiterziehen, um herausfinden zu können, ob dieses Voraussetzungen IRGENDWO anders als in der Selbstständigkeit erfüllbar sind. Ehrlich gesagt zweifele ich mpmentan daran…

Benvenuti nelle Marche N°15 – Italienische Übergänge

Zurück in Italien. Und dank der Freundlichkeit unserer Gastgeber fühlt es sich – nicht nur für mich – an, wie heimkommen. Die Anreise war, wie so oft, wenn in Baden-Württemberg Ferien sind, allerdings kein Zuckerschlecken. Der Ritt durch die Schweiz hat mich beinahe meinen allerletzten Rest Contenenace gekostet. Immerhin am Ende, vor mir nur Idioten, im Straßengraben keine Toten… Aber sind wir nicht alle die allerbesten Autofahrer unter Gottes Sonne? Die Tour durch Italien war dann viel besser. Bis auf kleine Stockungen lief es wie am Schnürchen. Und nachdem gestern Nachmittag das Auto entladen und alles am richtigen Ort verstaut war, konnte ich mein Versprechen an mich selbst wahrmachen und meine ersten paar Hundert Meter im Pool schwimmen. Ende Mai noch ziemlich frisch, aber das tut dem Spaß keinen Abbruch. Ich weiß jetzt, dass meine Schulter trotz gelegentlichem schmerzhaftem Rumgespacke immer noch ganz gut Strecke machen kann. Oberflächlich betrachtet ist also alles in Butter. Und unter der Haube…? Tja da läuft die Denkmaschine ununterbrochen. Meine unausgesprochene Hoffnung ist natürlich, wieder ein wenig mit mir selbst ins Reine kommen zu können. Da ich hier fern von allen beruflichen Problemen und Sorgen bin, könnte das klappen. Heute Nacht habe ich jedenfalls geschlafen wie ein Toter. Doch ich kann ja nicht anders, als mir Denkfutter mit in den Urlaub zu nehmen. Und als ich heute morgen Anfing, das erste Buch zu lesen, stellte ich fest, dass die ersten Kapitel von einer Zeit der Umbrüche, vor allem aber von persönlichen Umbrüchen der Protagonisten handeln. Und das hat für mich gerade jetzt große Relevanz, weil es sich um historische Persönlichkeiten handelt, die allesamt als Philosophen im 20. Jhdt, Bedeutung erlangt haben. Und die sich, jeder auf seine Weise mit entscheidenden Fragen rings um unser Menschsein auseinandergesetzt haben. (Literaturhinweis unten).

Wenn man einmal mehr mit der wenig trivialen Frage ringt, was man denn zukünftig mit seinem Leben noch anfangen möchte und ob die Stelle, an der man gerade steht überhaupt (noch) die richtige ist, weil die Arbeitsumstände einem dauert Verdruss bescheren, dann kommen Erörterungen rings um Sein, (Selbst)Bewusstsein, Sinn und Ziele natürlich gerade recht. Wenngleich die Menschen, um die sich das Buch dreht, mit dem Jahrzehnt nach dem Ende des ersten Weltkrieges (auch als “Roaring Twenties” bekannt) in einer Zeit gelebt, gelernt, gelehrt und gelitten haben, deren Kommunikation, Kultur, Denkarten, Politik und Verlauf aus völlig anderen Voraussetzungen entstanden ist, als unsere heutigen “New Roaring Twenties”. Diese scheinen ein Jahrzehnt zu sein, dass die Erkenntnisse der 1920er bewusst und mit Macht konterkarieren zu wollen scheint. Die Menschen mussten 1919 mit den Erfahrungen aus einem unfassbare grauenhaften Weltkrieg umgehen lernen und ein neues Ich erschaffen, weil das alte – teils in den Schützegräben, teils an der “Heimatfront” – gestorben war. Ich spreche hier zwar von Philosophen (Wittgenstein, Heidegger, Benjamin, Cassirer), doch auch für diese Menschen war die Erfahrung präsent und formierte einen Rite de Passage, dessen Härte ich mir nur schwer vorstellen kann. Wenn unsere 2020er hingegen irgendetwas beweisen, dann, dass die Geschichte wahrhaft ein Kreislauf ist und wir Menschen – oder besser unsere sogenannten Staaten- und Wirtschaftslenker – aus ihr immerzu nur eines lernen: nämlich wie wir einander noch schneller und effizienter verletzen, unterdrücken, beherrschen, töten oder sonstwie beschädigen können. Die weltweit steigenden Zahlen psychischer Erkrankungen sprechen hierüber eine deutliche Sprache. Und unser Bundeskanzloide hat nichts besseres zu tun, als Menschen, die sich dem entgegenstellen zu beleidigen, zu diffamieren, ihre Haltung zu diskreditieren und den anderen “Elitenvertretern” Zucker in den Arsch zu blasen und ihre Konten zu boosten. Das hätten sich selbst Huxley und Orwell nicht besser ausdenken können. Doch was bedeutet das alles für mich? Denn… sorry, aber das hier ist MEIN Blog, also geht’s hier um mich!

Ich stehe an einer Schwelle. Dies kognitiv zu realisieren und emotional zu verarbeiten, sind jedoch zwei sehr unterschiedliche Paar Stiefel. Irgendwie zu wissen, dass man halt etwas ändern MÜSSTE, jedoch emotional keinen Zugang zu dieser Aufgabe zu bekommen und darum erstmal alles beim Alten zu belassen, dürfte so ziemlich die menschlichste aller Sünden sein. Siehe seine Wut oder seine Ängste in den Griff bekommen, Abnehmen, sich das Rauchen abgewöhnen, mit der Sauferei aufhören, etcpp. Wir WISSEN relativ schnell, was uns wirklich gut täte, jedoch… jedoch… Und so ist es mit meiner Schwelle. Ich sehe sie. Ich kann sie unterdessen sehr gut benennen. Ich wüsste auch, was ich verändern wollen würde – aber ich schaffe den Schritt nicht! Weil meinen Job einfach weiterzumachen für mich CONVENIENT ist. Ich weiß, wie alles funktioniert, wie die Menschen ticken, wie ich relativ häufig doch bekomme, was ich will. Doch der Schmerz hat in den letzten Jahren immer mehr zugenommen, bis zu einem Punkt, da meine Ratio und meine Emotionen in einem konstanten Konflikt miteinander stehen. Nicht umsonst besuche ich regelmäßig einen Psychotherapeuten. Wie sangen the Clash so schön “Should I stay, or should I go?”. Eigentlich ist es klar: I should go, for the better of me… Doch was ist dann. Die Convenience (und die relative existenzielle Sicherheit, die mit ihr einher geht) würde sich spontan in Luft auflösen. Ich finge, in vielerlei Hnsicht nochmal von vorne an. Was mit knapp 52 keine so aufmunternde Aussicht ist. Wer will so einen alten Sack wie mich schon noch haben…? Über diesen entscheidenden Aspekt meines Lebens muss ich in den kommenden zwei Wochen meditieren. Anstatt einfach nur meinen Urlaub genießen zu dürfen…? Ach, ich hoffe, beides irgendwie unter einen Hut zu bekommen. Zumindest habe ich mir selbst versprochen, noch viele Meter mehr im Pool zu schwimmen und meiner Seele viel Gutes zu tun. Zwischen alten Steinen spazieren gehen und Knipsen bis der Auslöser glüht. Abends über das Tal schauen und mit der besten Ehefrau von allen über Gott und die Welt parlieren. Gut essen und trinken. Noch viel mehr lesen. Und einfach sein. Denn einmal mehr hieß es gestern: “Willkommen in den Marken.” Wir lesen uns…

  • Eilenberger, W. (2018): Zeit der Zauberer. Das große Jahrzehnt der Philosophie. 1919 – 1929. 7. Auflage, 2023. Stuttgart: J. G. Cotta’sche Buchhandung Nachfolger GmbH, gegr. 1659.

A scream in the dark N°1 – Aufgeklärt…?

Ich bin ärgerlich. Ich habe anderthalb Tage darauf verwendet, jungen Menschen nahe bringen zu wollen, warum Ethik im Gesundheitswesen, aber auch im Leben eine Rolle spielt. Warum ein ethisch denkender und handelnder Mensch niemals Rassist, Chauvinist, Neo-Nazi sein kann. Warum Moral und Ethik nicht das Gleiche sind; niemals das Gleiche sein können, weil Ethik sich wissenschaftlichen Denkens bedient, während das andere viel zu oft stumpf Dogmen repliziert. Analog zu meinem absoluten Hasssatz “Das haben wir schon immer so gemacht…”. Warum ein humanistisches Menschenbild und die Ausgrenzung bestimmter Gruppen einander ohne jeden Zweifel vollkommen und absolut ausschließen. Mit anderen Worten: ich habe versucht Aufklärung zu betreiben. Dass ich dabei auch den kategorischen Imperativ aus der Kant’schen Moralphilosophie benutzt habe, ist natürlich kein Zufall. “Aufklärung ist der Ausgang des Menschen aus seiner selbst verschuldeten Unmündigkeit.” Vor 242 Jahren postulierte Immanuel Kant diese Worte. Und ja, man sollte den Mann in seinen zeitlichen Kontext einordnen. Er war ein chauvinistischer, mysogyner Stinkstiefel, der aus seinem Denk-Kabuff in Königsberg so gut wie nie herauskam. Dennoch haben seine Worte auch heute noch Bedeutung. Eigentlich heute sogar noch viel mehr als damals. Kant hat niemals verstanden, dass seine – oft zu verkopft formulierten – Ideen für wirklich JEDEN MENSCHEN Gültigkeit haben könnten; und dass man sich an diesen Ideen 164 Jahre später orientieren würde, um das Grundgesetz so zu formulieren, wie es formuliert wurde, hätte ihn eventuell überrascht. Ist aber so passiert. Doch… ist unser Grundgesetz heute noch aktuell? Oder anders formuliert: was genau führt dazu, dass immer mehr (vor allem junge) Menschen zu vergessen scheinen, dass unsere Demokratie kein gegebener Zustand ist, der ohne Zutun der Menschen, welche in ihr leben einfach fortbesteht? Unsere Demokratie als Idee ist ein Wert an sich, weil sie ALLEN Menschen das unhintergehbare Recht zuspricht, sich als eigenständiges Subjekt frei entfalten zu können. Das meinen Artikel 1, Artikel 2 und Artikel 3 des Grundgesetzes im Kern.

Das eigentlich Ärgerliche für mich ist nicht, dass Schüler*innen beim Thema Ethik komplett abschalten, weil sie sich viel lieber mit den Action-Aspekten des Berufes Notfallsanitäter*in befassen wollen. Wer nicht verstehen will, dass unser Job eine soziale Komponente hat, welche die Action-Komponente bei weitem überwiegt – und auch noch strukturiert – dem kann ich halt nicht helfen. Das sind dann diejenigen, die am Examen scheitern, oder so nach 6 Monaten bis einem Jahr die Ausbildung schmeißen, weil ihnen zu dämmern beginnt, dass man sich doch tatsächlich auf die Menschen einlassen muss, für die, an denen, mit denen zu arbeiten man aufgerufen ist. Mich kotzt es an, dass so wenige Menschen sich tatsächlich dafür interessieren, weil ihnen nicht bewusst ist, wie leicht sich unsere demokratischen Instuitutionen und Prozesse aushebeln lassen, wenn man sich die Ratten auf dem Wege eines demokratischen Prozesses ins Haus holt. Aufklärung bedeutet, dass jede*r von uns aufgerufen ist, sich eine INFORMIERTE MEINUNG zu bilden, die auf beweisbaren Fakten und wissenschaftlich fundierter Theorie beruht, anstatt auf dumpfer Meinungsmache und Emotionen. Es macht einen erheblichen Unterschied, ob ich im Laden ein Buch nach Covergestaltung auswähle, oder am Wahltag denen hinterher renne, die am lautesten (allzu oft fiktive) “Schuldige” für die Umstände benennen und im gleichen Atemzug versprechen, genau diese “Schuldigen” für all unsere Probleme zu bestrafen. Gleichgültig, wer diese Probleme wirklich verursacht hat. Denn ein gutes Feindbild gibt dem Tag Struktur!

Ich ärgere mich tierisch darüber, dass Jammern auf hohem Niveau mittlerweile zu einer Kunstform geworden ist, welche der deutsche Michel in seiner schlafmützig-reaktionären Besitzstandswahrermentalität bis zur höchsten Finesse trainiert hat. Wir leben nach wie vor in der drittgrößten Volkswirtschaft der Welt, auf einem Niveau, für dass uns mindestens 160 von 193 Staaten auf der Erde beneiden; manche von denen sehr bitter. Und hier ziehen Menschen auf die Straße, die keine Ahnung haben, wie sich ein hoher Migrationsanteil in der eigenen Stadt anfühlt, um rassistische Parolen zu skandieren, weil ihnen Migranten angeblich die Lebensqualität bedrohen. Ich zitiere mal aus dem Internet: “Natürlich nehmen dir die Ausländer den Job weg. Aber wenn jemand ohne Sprachkenntnisse, Geld und Kontakte dir den Job wegnimmt, bist du vielleicht einfach nur scheiße.” Das ist natürlich ein bisschen platt. Aber irgendwie… kann ich mich des Eindrucks nicht erwehren, dass es stimmt. “Selbstverschuldete Unmündigkeit” meinte zu Kants Zeiten, den Rattenfängern der organisierten Religion hinterherzulaufen, welche 1784 seit weit über 1000 Jahren das Monopol darüber hatten, bestimmen zu dürfen, was man als Mensch zu denken und zu tun hatte. Kant war bewusst, dass wir als Menschen in der Lage wären mehr zu erreichen, wenn wir uns von diesen Fesseln der Fremdbestimmung freimachen könnten. Heute ist es keine kirchliche Fessel der Fremdbestimmung mehr, da der Einfluss der Kirchen erheblich abgenommen hat; diese Fesselfunktion übernimmt heute das simple, dumpfe, egoismus-getriebene Sentiment der Angst vor sozialer Not und des Hasses auf das Fremde, welches sich ganz hervorragend über Antisocial-Media verbreiten und anheizen lässt. Facebook war die erste globale Antidemokratie-Maschine und Mark Zuckerberg ärgert sich vor allem darüber, dass er nicht mehr das Beeinflussungsmonopol hat. Denn Demokratie ist in den Augen der Tech-Bros schlecht fürs Geschäft. Auch wenn Kants Formulierung schon fast zweieinhalb Jahrhunderte auf dem Buckel hat, ist sie daher aktueller denn je – könnte Aufklärung doch HEUTE bedeuten, sich wieder vom schlechten Einfluss der Antisocial-Media-Meinungsindustrie freizumachen, indem man die Dinge hinterfragt, als sich vom Algorithmus mit Scheiße vollpumpen zu lassen. Oder sich durch’s Zocken vom Unterricht abzulenken, weil einen das Thema langweilt. Ein Thema, dass SO UNGEHEUER WICHTIG IST!

Mein Ärger bezieht sich damit nicht auf jene, die hinterher rings um meinen Lehrertisch standen und saßen und mit mir über die Dinge diskutiert haben. Um deren Verständnis mache ich mir eher geringe Sorgen. Aber diejenigen, die sich – bewusst – dafür entschieden haben, sich passiv dem Nachdenken-Müssen zu entziehen, welche die Selbstreflexion (aus ihrer Sicht geschickt) umgangen haben, die anzustoßen der eigentliche Zweck meiner Arbeit im Lehrsaal war… die ärgern mich. Denn es geht gerade bei diesen Themen nicht nur um den Job, sondern auch um Staatsbürgerkunde. Um Demokratie-Erziehung. Darum, diesen jungen Menschen die Wichtigkeit des Selbst-Denkens, des aktiven Hinterfragens politischer Antisocial-Media-Inhalte nahezubringen. Oder besser: ihnen dabei zu helfen, aufgeklärtere Menschen und Mitbürger*innen zu werden. Denn das ist der beste Beitrag gegen die Neo-Nazifizierung unseres Staates, den ich im Moment leisten kann. Was mich dabei zusätzlich irritiert ist, dass viele dieser jungen Menschen, gleich wo sie ihr Kreuz auf dem Wahlzettel machen und gleich welcher Herkunft sie sind, sich im Gespräch anhören, als wenn sie im Kiez Offenbach-Nordend aufgewachsen wären, mit Ćelo & Abdï und Hafti zum Frühstück. Ich habe nichts gegen Jugendsprache – in der Tat finden meine Töchter es erheblich cringe, wenn ich selbst welche benutze – aber können wir mal über die Nicht-Vereinbarkeit von Rassismus und kultureller Aneignung sprechen? Ach ja… die wilde, ungezügelte, hochemotionale Ambivalenz der Jugend. Wie dem auch sei – ich werde es wieder versuchen. Vielleicht nächstes Mal wieder mit einem neuen Ansatz. Ansonsten werde ich mir unter dem Label “A scream in the dark” weiter semi-philosophische Gedanken über unsere Zeit und ihre Herausforderungen machen. Schönen Vatertag übrigens…

Writing Fiction #03 – …what to write?

Manchmal sind es eher kleine Wahrnehmungen, die größere Prozesse auslösen. Es gibt ja immer noch jede Menge Menschen die echt glauben, dass Inspiration etwas von Gott Gegebenes ist – und dass nur gewisse Menschen überhaupt Inspiration haben oder bekommen. Das ist völliger Quatsch, denn jede*r kann von den Wahrnehmungen, die er oder sie macht zu allem möglichen (aber auch zum unmöglichen) inspiriert werden. Das passiert manchmal völlig unerwartet, basiert aber stets darauf, dass wir uns mit unseren Ideen auch bewusst auseinandersetzen. Theoretisch steckt tatsächlich in jedem von uns eine Geschichte; es macht aber einen Unterschied, ob man sich regelmäßig mit dem Erzählen beschäftigt, oder nicht. Es macht auch einen Unterschied, womit ich mich sonst so den lieben langen Tag beschäftige. Schließlich macht es einen Unterschied, ob ich meine Wahrnehmung trainiere; Leute die blind durch ihren Alltag laufen werden wesentlich seltener von (guten) Ideen heimgesucht. Ich werde hier jetzt bewusst NICHT anfangen, berühmte Beispiele für Inspiration zu zitieren, weil es niemanden irgendwohin bringt, wenn er/sie sich dem Versuch hingibt, die Umstände zu reenacten, die irgendeine*n berühmte*n Autor*in jene Ideen finden ließen, die sie/ihn schließlich stinkreich gemacht haben. Denn, wir müssen alle verstehen, dass das, was für EINEN Menschen super funktioniert hat, bei anderen Menschen vielleicht nur ein Schulterzucken oder ein müdes Lächeln erzeugen wird. Wir alle haben unsere höchst eigenen Ideen-Quellen. Was jedoch jene, die regelmäßig inspiriert erscheinen von den vorgeblich uninspirierten unterscheidet, sind die Arbeit und Disziplin, welche in die Schöpfung zu investieren wir bereit sind – oder eben auch nicht.

Ich meine… ich selbst etwa habe neulich eine, für mich höchst faszinierende Idee dadurch gewonnen, dass ich auf Youtube eine kurze Doku über den Entstehungsprozess des Filmes Metropolis angeschaut hatte. Es dauerte vielleicht einen Tag und ich war voll in einem Schaffensprozess, weil ich plötzlich eine klare Vision von einer ganzen Welt vor Augen hatte, in welcher sich einerseits Motive der Filmhandlung spiegelten, andererseits aber auch das Filmemachen selbst Part einer größeren Geschichte sein würde. Und das klingt jetzt vielleicht für manche so, als wenn mir das dauernd passieren würde; als wenn man einfach nur eine Doku auf Youtube schauen müsste und BAMDIBAM – IDEE! Doch dies ist nicht der Fall! Ich hatte in den Monaten davor immer wieder viele, höchst verschiedene Ideen gewälzt und ich schreibe – wie hier bereits klar geworden sein dürfte – dauernd an irgendwelchen Konzepten, weil eine bloße Idee NICHT gleich eine Inspiration ist, aus der ein Konzept wachsen kann, welches eine ganze Geschichte zu tragen vermag. Also hatte ich, nachdem mich hier die Muse geküsst hatte, erst Mal eine Weile intensiv recherchiert, weil in den Untiefen meines Gedächtnisses vor allem visuelle Versatzstücke aus anderen Medien umher trieben, die mir instinktiv zu der Ursprungsidee zu passen schienen. Doch diese wiederzufinden und genau zu prüfen, kostete mich Zeit, Ich musste demnach erst mal eine Weile forschen und lesen, um diese alten Bilder wieder greifbar machen und mehr Stoff zusammentragen zu können. Dann musste ich schreiben, redigieren, korrigieren. Doch am vorläufigen Ende steht nun eine halbwegs reife Ausarbeitung eines neuen Pen’n’Paper-Settings (incl. angepasster Regeln), der ich überdies die Konzepte für einen weiteren Roman verdanke. Aber… vielleicht sollte ich erst mal eine der zwei unfertigen Geschichten beenden, oder…?

Was die vorangegangene Beschreibung zu illustrieren versucht, ist einerseits nicht weniger, als der, für jede*n von und notwendige und völlig individuell strukturierte Annäherungs-prozess an die Verdichtung einer bloßen idee zu einem Konzept – und der folgenden Arbeit, daraus dann ein Produkt zu machen, sofern das Konzept denn überhaupt dazu taugt; also, wie zuvor schon gesagt in der Lage ist, eine Geschichte zu tragen. Wir reden ja schließlich immer noch über das kreative Schreiben, nicht wahr. Es ist jedoch andererseits auch der beredte Hinweis, dass wir manchmal nicht kontrollieren können, wann und wodurch uns die wirklich guten Ideen kommen; dass wir jedoch gut beraten sind, mit dem Inspirations-Flow zu gehen und so viel Energie und Zeit wie notwendig zu investieren, um verstehen zu können, ob da gerade tatsächlich eine der wirklich guten Ideen angeklopft hat, die es wert ist, weiter verfolgt zu werden. Komme ich entlang des Weges zu der Auffassung, dass es eher doch nur ein dämliches Hirngespinst ist, kann ich das Ganze immer noch ad acta legen und mit anderen Dingen weitermachen. Doch wenn Faszination und Flow mich tragen, dann arbeite ich solange daran, bis diese Idee weitgehend fertig in einem Konzept konsolidiert ist, an dem ich zu einem beliebigen späteren Zeitpunkt weiterarbeiten kann, weil alle essentiellen Parts schon existieren. Im Lauf der Zeit formiert sich durch diese Arbeit in uns eine individuelle Sensitivität für Ideen, die uns zielsicher immer wieder bei bestimmten Genres, Erzählfiguren, Charakteren, etc. landen lässt. Wir haben alle unsere Vorlieben – und die machen sich auch in unserer Kreativität bemerkbar.

WAS ich schreibe, ist folglich durch meine Wahrnehmung, meinen Geschmack, meine Sozialisation, oder anders gesagt meine Biographie zumindest informiert. Ich würde nicht von festgelegt sprechen wollen, da wir uns im Laufe des Lebens ja immer wieder für neue Dinge begeistern können; zumindest, sofern wir uns dies gestatten. Und ja – nicht jede*r Mensch bleibt hier im gleichen Maße kognitiv rege, interessiert und mental flexibel genug, um das Neue, Unbekannte, Andere begrüßen oder begreifen zu können. Ein hoch geschlossenes Weltbild macht einen folglich nicht zu einer kreativeren Person, sondern bewirkt eher das Gegenteil. Vielleicht ist das der Hauptgrund, warum über-konservative Menschen (Neo-Nazis, Nationalisten, Chauvinisten, Rassisten, etc.) so wenig kreativ und innovationsfähig sind. Für mich ist das Verschließen vor dem Anderen jedenfalls keine Option, weil es meine Kreativität behindern würde. Und weniger Kreativität macht für mich das Leben weniger lebenswert. Nun hat auch der dritte Teil Bedingungen des Schreibens untersucht. In Teil Vier werden wir dann endlich über den eigentlichen Prozess sprechen, wenngleich ein paar Dinge schon durchgeschienen sein mögen. In diesem Sinne noch einen schönen Samstagabend.

Auch als Podcast…