Als ich in der Nacht auf Donnerstag Bauschschmerzen bekam, dachte ich mir schon beim Betasten, dass dies keine angenehme Erfahrung würde. Als es morgens immer noch nicht besser war und ich mich stante pede zu meiner Hausarztpraxis begab, ahnte ich wohl, dass dies ein “interessanter” Tag werden könnte. Als ich dann eine Einweisung nebst Diagnose in der Hand hatte, war mir klar, dass “interessant” das falsche Adjektiv war. “Beängstigend” traf es eher. Ich landete eine gute Stunde später im Krankenhaus meiner Wahl, in bequemer Gehentfernung zur Heimstatt. In der Notaufnahme erkannte man mich (bin ja lange genug in unserer Stadt Rettung gefahren) und kurze Zeit später war ich schom in der passenden Fachabteilung. Blutentnahme, Untersuchung, Anamnese, Aufklärung – alles lief wie am Schnürchen. Von da an ging alles ziemlich schnell. Sogar so überraschend schnell, dass ich mich noch im Untersuchungszimmer ins Flügelhemdchen zwängen musste, um dann auf dem Flur ins Bett umgeladen und direkt in den OP-Bereich gefahren zu werden. Dort erwarteten mich schon wieder bekannte Gesichter, was meine wachsende Umruhe ein wenig zu dämpfen vermochte. Ich bekam meine Dosis des bekannten Spruches “Medizin macht nur am stumpfen Ende des Werkzeugs Spaß!” zur Abwechslung mal selbst zu spüren. Sufenta, Propofol (ja, DAS Zeug), schon war ich weg – und gefühlte Sekunden später höre ich die durchaus noch vertrauten Töne eines Aufwachraumes. Und auch hier wurde ich freundlich und umsichtig behandelt. Alles in allem eine befriedigende Erfahrung – auch wenn die Narkose mir bis in die Abendstunden in den Knochen stecken sollte, Erbrechen inklusive. Nichtsdetotrotz lief mein erstes eigenes Rodeo mit dem Endotrachealtubus ziemlich zufriedenstellend.

Ums kurz zu machen, am nächsten Morgen – also heute – sah die Welt schon ganz okay aus. Wenngleich der operierte Bereich noch schmerzt, überwiegt die Gewissheit, dass man sich der Sache kompetent angenommen hatte. Ich durfte bereits nach Hause. Die nächsten Tage gehören der Rekonvaleszenz, denn ich darf erst mal nix heben, Aufstehen, Hinsetzen und langes Sitzen schmerzt noch und ich habe in meinem Büro keine Chaiselongue, von der aus ich meine Geschäfte führen könnte oder wollte. Also mal etwas mehr rumliegen, nicht zu schwer essen und echt Fünfe gerade sein lassen. Ich weiß nicht, ob mein Körper mir damit was sagen wollte. Ich habe jedoch die Vermutung, dass die Botschaft lauten könnte: hör auf, dich dauernd für Dinge verantwortlich machen zu lassen, die nicht in deiner Verantwortung liegen. Hör auf, es vor allem den Chefs Recht machen zu wollen und immerzu in der Sache zurückzustecken. Hör auf, dir Dinge aufbürden zu lassen, die Andere tragen müssten. Hör auf, mehr mit der Firma verheiratet zu sein, als mit der besten Ehefrau von allen. Als ich da gestern in die OP-Vorbereitung geschoben wurde, da war mir sehr mulmig. Vielleicht, weil dieses übergeordnete Gefühl der eigenen Hilflosigkeit, wie ich es schon neulich während der Hitzewelle erlebt hatte sofort wieder präsent war. Ich hatte keine Chance, in eine echte Panikattacke zu kommen, weil mir die Medis vorher das Gehirn ausgeknipst haben und ich danach erstmal auf mich selbst wieder klarkommen musste. Keine Sorge (für manche zur großen Sorge): ich bin immer noch der Gleiche. Jetzt, während ich diese Zeilen tippe und mein Bauch da, wo operiert wurde noch etwas zieht – vielleicht auch etwas mehr – stelle ich fest, dass ich immer noch diese Frage im Herzen trage: bin ich an der richtigen Stelle. Oder sind es doch nur meine Loyalität zu meinem Team und meine Sturheit, mich nicht von den egoistischen Narren in meinem Arbeitsumfeld verjagen lassen zu wollen, die mich noch an Ort und Stelle halten? Loyalität gegenüber der Firma… wie fühlt sich das an? Ich durfte übrigens letzthin feststellen, dass ich bei weitem nicht der Einzige bin, dem die erratischen, sachgrundlosen Marotten mancher Protagonisten in Leitungspositionen gehörig auf die Nerven gehen. Und ich bin NICHT der Einzige, der deshalb immer wieder, immer noch über’s Gehen nachdenkt. Warum landen auf bestimmten Leitungspositionen immerzu zahlenfixierte Machtmenschen?
Ich habe nur ein Leben, ich habe nur eine Gesundheit und ich habe eigentlich nicht das geringste Interesse, eines oder gar beides für einen Laden zu Markte zu tragen, der mir all die Mühen, all die Schmerzen und all den unnützen Stress noch nicht mal angemessen dankt. Stattdessen muss ich, heute Mittag kaum zu Hause angekommen, anstatt mich auf der Couch von eimner OP erholen zu können eine Diskussion über ein Projekt führen, dass eigentlich schon weitestgehend geplant war! Und soll – zum wiederholten Male – erklären, warum das Raumangebot für die Einrichtung, der ich vorstehe denn so groß sein muss. Ich habe es unterdessen satt, so satt, immer und immer wieder erklären zu müssen, dass gute Aus-, Fort- und Weiterbildung drei Kernressourcen braucht: a) empathische Ausbilder mit fundiertem Fachwissen, humanistischer Haltung und der Fähigkeit zu führen, b) Zeit, die jungen Leute reifen zu lassen und c) ausreichend Platz, um dies in einem lernförderlichen Ambiente tun zu können. Streicht man eines davon zusammen, wird das Ergebnis IMMER schlechter. Aber die einzigen KPIs, die manche Menschen wohl verstehen wollen sind m²-Kosten, Bauinvestitionen und Umsätze. Die waren jedoch schon solide gerechnet. Immer wieder bin ich daran beteiligt, etwas zu planen und immer wieder kommt ein wandelnder Rotstift daher und streicht gute Ideen zusammen, bis selbst das Minimum noch erkämpft werden muss. Das geht so nicht weiter. Aber ich habe es kommen sehen. Nachdem ich das erste Mal gehört hatte, dass schon wieder über solche Dinge diskutiert wird, war mir klar, dass auch dieses Projekt sterben wird. Zumindest ist das meine aktuelle Wahrnehmung. Momentan kann mich nicht mal die Erwartung des herannahenden Urlaubes trösten, weil Europa vermutlich Ende nächster Woche noch einmal im Hitzechaos versinkt und ich beim besten Willen nicht weiß, wie ich das mit meinem dann möglicherweise immer noch schmerzenden Bauch aushalten soll. Wie soll man sich erholen, wenn nirgendwo Erholung zu finden ist. Wie soll man gleichmütig bleiben, wenn man dauernd als Fußabtreter genutzt wird. Wie soll man da an Körper und Geist wieder gesund werden – und bleiben. ich weiß es nicht. Und ich bin’s ehrlich gesagt satt, schon wieder nach neuen Antworten suchen zu müssen. Ich kann nur noch hoffen, dass sich die Dinge zur Abwechslung mal in die richtige Richtung drehen – beim Wetter und in manchen Köpfen. Schönes Wochenende.
